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Deutsche Lokalkrimis alle auf einer Google Map

Krimis mit regionalen Ermittlerteams erfreuen sich großer Beliebtheit – egal ob im TV oder in Buchform. Diese Begeisterung für Lokalkrimis greift BücherTreff.de  seit Kurzem auf und stellt für Krimileser eine Deutschlandkarte des Verbrechens vor.

 

Lokalkrimis lt. buerchertreff.de

 

In akribischer Kleinarbeit trug das BücherTreff-Team, unterstützt vom Schwarmwissen der Community über 3.400 Lokalkrimis aus über 200 Regionen zusammen und verortete die Einsatzorte der über 640 Ermittler(-teams) auf einer interaktiven Deutschlandkarte.

Neben der Kartografie wertete das Team die Fälle für eine literarische Kriminalstatistik aus: So führt NRW die Liste der gefährlichsten Bundesländer an. Die Städte Hamburg, gefolgt von München und Berlin belegen die ersten Plätze unter den Krimi- bzw. Verbrecherhochburgen. Am friedlichsten geht es im Saarland zu und die aktivste Ermittlerin kommt aus Dortmund.

Herr Kreuzer, wie kamen Sie auf die Idee, eine Google-Karte zu Lokalkrimis zu erstellen?

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»Im Mittelpunkt steht immer der Mensch …« Interview mit Andreas Brandhorst

Andreas Brandhorst
(c) Andreas Brandhorst

Andreas Brandhorst ist der erfolgreichste deutschsprachige Schriftsteller von Science-Fiction-Literatur. Er bringt mit schöner Regelmäßigkeit seine Romane in die Buchläden und ist vielen Lesern auch durch seine unzähligen Übersetzungen ein Begriff. Neben Genregrößen wie Iain Banks übersetzte Andreas die eigentümliche Scheibenwelt von Terry Pratchett; im wahren Leben verschlug es ihn aus Norddeutschland nach Italien, wo er einige Jahre lebte, ehe es ihn zurück in den Norden zog. Seine Romane wurden wiederholt für die einschlägigen Genrepreise nominiert und ausgezeichnet, was uns Leser alljährlich beflügelt, uns den neuesten Roman von ihm vorzuknöpfen. Unser letztes Interview ist nun schon neun Jahre her, und so freuen wir uns über Andreas‘ Bereitschaft, sich erneut unseren Fragen zu stellen:

 

 

Tobias Schäfer: Hallo Andreas! Du hast eine große Zahl an Romanen geschrieben. Die meisten davon dürften der Science Fiction zuzuordnen sein und auch 2015 erscheint mit »Ikarus« ein Ausflug in die Weiten des Weltraums. Was fasziniert dich an diesem Genre?

Andreas Brandhorst: Science Fiction bedeutet für mich, dass man der Fantasie noch mehr Raum geben kann als bei anderen Literaturgattungen. Es gefällt mir, über den Horizont zu blicken, über die Grenzen der uns bekannten und vertrauten Realität, um das Unbekannte und Unvertraute zu erkunden. Science Fiction bietet ein Mehr an Möglichkeiten, eine größere, buntere, exotischere Bühne für die Dramen, in denen es letztendlich immer um den Menschen geht, um seine Träume und Hoffnungen.

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Anstiftung zum Selberdenken. Interview mit Ralf Isau

Ralf Isau (c) Isabelle Grubert
Ralf Isau (c) Isabelle Grubert

Buchwurm.info: Lieber Ralf, wie geht es Dir? Wo bist Du?

Ralf Isau: Danke, mir geht es gut. Ich bin gerade überall und nirgendwo. Kürzlich hat mich das „Haus der Technik“ in Essen zum Botschafter für den Deutschen Weiterbildungspreis ernannt. Mitte März ging es zur Buchmesse nach Leipzig. Und im Mai fliege ich nach Südkorea. Ich darf am Changwon International Children’s Literature Festival 2013 teilnehmen. An der Uni von Changwong halte ich eine Vorlesung zur deutschen Kinder- und Jugendliteratur im Allgemeinen sowie der Phantastik von Michael Ende und Ralf Isau im Besonderen. Anschließend geht es zum Goethe-Institut nach Seoul. Du siehst, ich bin ein Globetrotter in Sachen Literatur.

Manche Leser kennen Dich und Deine zahlreichen Werke noch nicht. Stell Dich doch bitte ein wenig selbst vor.

Ich bin Baujahr 1956, in Berlin geboren. Seit 30 Jahren lebe ich mit meiner Frau Karin in der Nähe von Stuttgart. (Eine ausführliche, mit Fotos dokumentierte Biografie findet sich unter der URL http://www.isau.de/vita.html.) Bücher der Phantastischen Literatur veröffentliche ich seit 1994. Alles begann mit dem „Drachen Gertrud“, einem Kinderbuch, das ich Michael Ende schenkte. Es hat ihm gefallen und er empfahl mich seinem Verlag. Seitdem sind fast 40 Bücher entstanden, fast alle im Genre der Phantastik. Viele davon wurden ins Ausland verkauft, in 14 verschiedene Länder. Mein neuer All-age-Roman „Die Masken des Morpheus“ erscheint am 18. März beim Verlag CBJ. (Mehr zum Roman ist unter http://www.isau.de/werk/masken.html nachzulesen.)

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Interview mit Norbert Sternmut

Buchwurm.info:
Wie geht es Ihnen?

Norbert Sternmut:
Es geht gut genug. Es geht mir so weit gut, wenn ich arbeiten kann, in meinen Projekten bin, wie ich es gerade bin, also geht es gut.

_Buchwurm.info:_
Wo sind Sie gerade und was machen Sie gerade? Schreiben Sie ein Gedicht?

_Norbert Sternmut:_
Ich arbeite stets an neuen Gedichten, so auch jetzt, nachdem ich den Gedichtband „Nachtlichter“ gerade abgeschlossen habe, der zur Leipziger Buchmesse 2010 im |Pop|-Verlag, Ludwigsburg erscheinen wird. |Die Lesung ist am 19. März in Leipzig.|

Des Weiteren arbeite ich am neuen Gedichtband, den wir als Veröffentlichung für das Jahr 2012 mit dem |Pop|-Verlag einplanen.

Für das Jahr 2011 ist mit dem |Wiesenburg|-Verlag das nächste Prosamanuskript unter dem Titel „Wildwechsel“ geplant, eine Art Tagebuch, in dem ich einmal die sogenannte fiktive Ebene verlasse und durchaus konkret über mein sogenanntes „wahres Dasein“ in Vergangenheit und Gegenwart berichte. Das ist für mich eine ganz neue Form, ganz ohne Metaphern und irgendwelche Verstellungen.

_Buchwurm.info:_
|Buchwurm.info| hat Sie bereits einmal [vorgestellt,]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=77 deshalb können wir diesen Part überspringen und gleich medias in res gehen. Inzwischen haben Sie zwei Gedichtbände und einen Roman vorgelegt. Ich würde mich freuen, wenn Sie „Seelenmaschine“, „Fadenwärme“ und „Norm@n“ jeweils kurz charakterisieren könnten; zum Beispiel, welche Bedeutung „Norm@n“ als Abschluss einer Trilogie zukommt.

_Norbert Sternmut:_
Insgesamt ist die Romantrilogie aus „Der Tote im Park“, „Marlies“ und „Norm@n“ für mich ein zentraler Bestandteil meines Werks. Ein Mittelstück und ein Hauptstück. Zumal ich kaum annehmen kann, noch mal eine entsprechende Trilogie zu schreiben, über die „Natur der Dinge“ hinaus.

Also bleibt für mich „Der Tote im Park“ ein zentrales Romanwerk, wie etwa „Sprachschatten“ im Bereich der Lyrik. Dass ich die Trilogie geschrieben habe, war für mich wichtig, auch wenn sie zunächst gar nicht als Trilogie geplant war.

Wichtig, ich muss meine Bücher schreiben, kann mich meinem Dasein nur schreibend nähern. Die geschriebenen Bücher bleiben dann alleine zurück, ungelesen meist, aber es kommt mir scheinbar auch nicht unbedingt darauf an, dass sie jetzt und hier gelesen werden. Ich denke, irgendwann werden sie gelesen, und da bin ich mir auch einigermaßen sicher, auch wenn jetzt noch nicht unbedingt ihre Zeit gekommen ist.

Weiterhin will ich meinen „Charakter“ eher nach vorne beschreiben. Die Trilogie, das sind drei Bücher, die ich entlassen habe, wie die anderen auch. Jetzt versuche ich mir neue Ziele zu setzen, neue Erkenntnisse und innere Wahrheiten zu finden. So überlebe ich, so lange es geht, verfolge durchaus hartnäckig einen Weg, den ich als meinen Weg sehe, versuche nicht vollständig „verrückt“ zu werden.

Aber meine Trilogie ist mir wichtig.

Wie auch „Seelenmaschine“ oder der Band „Fadenwürde“, der aus bestimmten Gründen nicht „Fadenwärme“ heißt. „Fadenwürde“ erinnert an den Band „Fadensonnen“ von Celan und wurde von einem Bob-Dylan-Song „Dignity“ inspiriert. Hier geht es um die „Würde des Menschen am Faden“, auch um meine eigene Seelenanalyse, wie oft in den letzten Büchern.

Dass ich aus dem psychoanalytischen Unbewussten schöpfe, wird gerade in „Fadenwürde“ deutlich. Auch, dass ich Themen aufgreife, die gerne verdrängt werden. Dass all diese Zusammenhänge in den Gedichten eher über das Gefühl als über den Verstand zu erschließen sind, wenn überhaupt, sage ich hier und dort.

_Buchwurm.info:_
„Seelenmaschine“ und „Fadenwürde“ greifen aktuelle Befindlichkeiten und sogar Ereignisse der öffentlichen Welt auf. Worauf ist dieses Interesse zurückzuführen?

_Norbert Sternmut:_
Ich bin Teil der „öffentlichen Welt“! Auch ich bin ein Mensch, der sich den Eindrücken der aktuellen Wirklichkeit unterworfen sieht. Und als Schriftsteller will auch ich durchaus Stellung zu aktuellen Fragen beziehen, auch wenn ich kein Kommentator einer Tagespolitik bin, auch kein regionaler Schreiber; dass ich kein Schriftsteller bin, der aus einer örtlichen Heimat schöpft, einer nationalen Zuordnung.

Wie ich in „Seelenmaschine“ beschrieb, komme ich alleine auf die Sprache als Heimat zurück, schöpfe weniger aus Wurzeln, eher aus Entwurzelungen und fehlenden Haltbarkeiten.

Aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch ich das Wort „Klima“ in den Mund nehme. Ob es etwas hilft, ist eine andere Frage. Immerhin arbeite ich in meinen Projekten mit Jugendlichen und Arbeitslosen künstlerisch und sozialarbeiterisch in der Jetztzeit, befinde mich nicht in einem „Elfenbeinturm“.

Und das Interesse daran? Ich bin Sozialpädagoge! Und Schriftsteller! Künstler und Maler! Alles aus der Zeit heraus, aber nicht alleine daraus. Gerade auch aus dem Verlust der Zeit heraus, die seit meiner Krebserkrankung in der Jugend in meinem Bewusstsein liegt. Also lebe ich heute, weil ich nicht anders kann, weil ich also in diese Formel „geworfen“ wurde, bin ich mir dessen bewusst, so weit wie möglich, dass es womöglich nichts bedeutet, bei allem Interesse.

Also starte ich dieses und jenes Projekt und bin sozialarbeiterisch tätig, weil ich mir aus philosophischen Gründen keine Kugel durch den Kopf schießen will. Also versuche ich mich anderweitig zu beschäftigen.

_Buchwurm.info:_
Sie haben die Literaturgruppe „Sternmut-Literatur-Bunt“ (SMLB) gegründet, die mit anderen Literaturgruppen zusammenarbeitet. Was tun die Teilnehmer dieser Gruppe, wer sind diese und wie sieht die Kooperation mit anderen Gruppen aus?

_Norbert Sternmut:_
Nein, ich arbeite hier nicht grundsätzlich mit anderen Literaturgruppen zusammen! Wir sind eine nette Gruppe und ich lade mir interessante Menschen ein, und es finden bewegende Diskussionen statt, aber es ist „mein Ding“. Es ist mir auch durchaus wichtig, dass ich die Entscheidungen trage und entscheide, wen ich einlade, wichtig, dass es mir Freude macht, in der Hoffnung, dass sich die Freude auf andere bei SMLB überträgt.

Ich will Menschen einladen, die etwas anderes als das sagen, was üblich ist und von außen konditioniert ist. Marionettentheater soll es bei SMLB eher nicht geben. Das haben wir bereits an jeder Ecke.

Es hat sich schon eine kleine, eingeschworene Gemeinde gefunden, die sich mit der Gruppe identifiziert. Es ist bereits eine durchaus dynamische Gruppe entstanden. Junge Künstler kommen, Rapper, Drogenselbsthilfegruppen, Bildhauer. Wir sind bis ins Jahr 2011 mit Veranstaltungen ausgebucht. Es gibt keinen Mangel an Menschen, die sich präsentieren wollen. Also bedient SMLB ein öffentliches Bedürfnis. Es bietet eine Auftrittsmöglichkeit für interessante Menschen, Künstler, Gruppen. Und daher funktioniert SMLB sehr gut.

_Buchwurm.info:_
Sie nahmen an einem österreichischen Lyrikwettbewerb teil. Waren Sie zufrieden mit Ihrem Abschneiden und der Organisation dieses Wettbewerbs?

_Norbert Sternmut:_
Ja, ich war zufrieden mit meinem Abschneiden, zumal ich den Lyrikwettbewerb gewonnen habe. Und als Sieger hatte ich auch an der Organisation keine Einwände, zumal sie, nach meinem Verständnis, zum richtigen Ergebnis gekommen ist.

Insgesamt habe ich keine rechte Beziehung zu Schreibwettbewerben und Preislisten. Ich will „mein Werk“ schreiben und neben dem anderen bleibt im Allgemeinen keine Zeit mehr zur Bewerbung für irgendwelche Preise. Ich denke auch, dass ich ein gespaltenes Verhältnis dazu habe. Ich habe bisher nicht viele Preise bekommen, was verständlich ist, ich denke manchmal, irgendwie könnten es mehr sein, aber ich bewege mich selbst nicht dahin, bewerbe mich nicht. Also kann ich auch nicht erwarten, dass ich Preise für mein Werk bekomme, weil fast jeder Preis es verlangt, dass der Autor bzw. der Verlag des Autors sich selbst bewirbt.

Manchmal denke ich, ich sollte mich mehr für literarische Preise bewerben, doch dann schreibe ich wieder an irgendwelchen Gedichten, für die es wissentlich keinen Markt gibt, für die ich keinen Preis bekommen werde. Immerhin, denke ich mir, schau an, was du machst, kann sich auch nicht jeder leisten. Nein, zu dieser Preisvergabegeschichte habe ich sicherlich ein gespaltenes Verhältnis.

_Buchwurm.info:_
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft, so etwa in Lyrik, Prosa Buchmessen, Zeitschriften, Wettbewerben oder privat?

_Norbert Sternmut:_
Im März 2010 bin ich auf der Buchmesse Leipzig, um mein neues Buch „Nachtlichter“ zu präsentieren. „Sternmut-Literatur-Bunt“ läuft erfolgreich und ist für einige Jahre geplant. Im Jahr 2011 wird ein neuer Prosaband im |Wiesenburg|-Verlag unter dem Titel „Wildwechsel“ erscheinen. Für 2012 ist der neue Lyrikband „Spiegelschrift“ im |Pop|-Verlag geplant.

|Das schriftliche Interview führte Michael Matzer im Februar 2010.|

Der Autor

Norbert Sternmut
Norbert Sternmut

Norbert Sternmut (= Norbert Schmid), geboren 1958, lebt in Ludwigsburg und arbeitet als Sozialpädagoge. Der Theaterautor, Rezensent, Maler, Lyriker und Romanschreiber erhielt Stipendien vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Gerlingen. Er veröffentlichte zwanzig Einzeltitel seit 1980 und ist in über 50 Anthologien vertreten. Als Maler trat er mit 75 Ausstellungen an die Öffentlichkeit. Der gelernte Werkzeugmacher wurde nach einem Studium zwischen 1982 und 87 Sozialpädagoge und ist seit 1993 in der Bildungsarbeit im Bildungszentrum Stuttgart tätig. Mehr Infos gibt’s auf seiner Website www.sternmut.de.

Seit 1980 hat Sternmut eine ganze Reihe von Lyrikbänden veröffentlicht, darunter die von mir vorgestellten Bücher „Photofinish“, „Triebwerk“ und „Absolut, du“. In dem Band „88 Rätsel zur Unendlichkeit“ arbeitete er mit dem Grafiker Volker Funke zusammen: Die Rebus-artigen Rätselgrafiken harmonierten mit den frei assoziierenden Gedichttexten Sternmuts. Eine Webseite ergänzte das multimediale Werk auf der Zeit angemessene Weise.

Auf der Prosaseite ist seine Romantrilogie hervorzuheben, zu der „Der Tote im Park“ (1999), „Marlies“ (2003) und sein Roman mit dem Titel „Norm@n“ gehören. Eine Reihe von z.T. phantastischen Erzählungen erschienen in dem Band „Das Zeitmesser“ (Rainar Nitzsche Verlag, Kaiserslautern, 1997).

_Norbert Sternmut auf |Buchwurm.info|:_

[„Triebwerk. Gedichte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3752
[„Marlies“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1935
[„Der Tote im Park“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3751

Interview mit Norbert Sternmut

_Buchwurm.info:_
Was machen Sie gerade? Sind Sie zu Hause? Fühlen Sie sich wohl in Ihrem Wohnort – wo ist das überhaupt?

_Norbert Sternmut:_
Zu Hause? Sicherlich in der Sprache, insgesamt, wie im Gedicht „Sprache als Heimat“ in „Seelenmaschine“ beschrieben. Aber auch zu Hause in Pflugfelden, in der Wohnung gegenüber der Haltestelle Bücherbus der Stadtbibliothek Ludwigsburg. Zu Hause: hoffentlich im Kopf, wo sich die Bilder über Heimat, Gefühle, Sicherheiten, Vorstellungen usw. bilden.

_Buchwurm.info:_
Sie sind mir seit den achtziger Jahren als Lyriker bekannt. Schon als ich noch bei der Stuttgarter Literaturzeitschrift Redakteur war, haben sie uns Ihre Lyrikbände zugeschickt. Ihr neuester Lyrikband erschien Anfang diesen Jahres: „Seelenmaschine“. Worum geht es darin – was sind die Themen diesmal?

_Norbert Sternmut:_
„Sprache als Heimat“. Liebe, Leidenschaft, Enthüllung, im Netzwerk. Über die Liebe gelangen wir zum Tod, zurück in die Historie, beispielsweise Buchenwald, Weimar. Die Frage nach „Menschlichkeit“ in heutiger Zeit wird gestellt, in der Vernetzung die Frage nach einer „Seelenneubestimmung“, einem „besseren Scheitern“ (nach Samuel Beckett). Auch hat die erneute Beschäftigung mit der Psychoanalyse ihren Niederschlag gefunden, werden Grüße gesandt an alte Poetenkollegen wie Krolow oder Celan, wird erneut ein Abstecher in die Malerei unternommen (Chagall, Matisse).

Insgesamt geht es um die Heimatlosigkeit am Puls der Zeit, in der Vernetzung, im Spiegel der Hormone, der Sprachverwirrung in „Schland“ (Deutschland). Dass sich am Ende von „Seelenmaschine“ die lyrische Sprache in einer Form der Auflösung selbst verwirrt, zeigt, wie sich hier das Scheitern am Wort ergibt, wenn die Worte, die bisherigen Worte und Wortmelodien nicht mehr ausreichen oder es gewissermaßen gleichgültig wird, wie sich die Buchstaben anordnen, aufgrund der inneren Zerrüttung der Außenwelt (der Innenwelt…), der gefühlten absurden Verlorenheit in den Dingen der Wahrnehmung, im Geworfensein. Dieses „Scheitern“ zeigt sich stets in den „berühmten drei Sternmut-Pünktchen“: „Verdichtet … nie wirklich … verduftet … / Wund … was Titel wird … es war.“

_Buchwurm.info:_
Was sind die Themen, die Sie mit Ihren Gedichten verarbeiten?

_Norbert Sternmut:_
Von „Sprachschatten“ bis zur Fotografie und zum „Maschinenöl“. Es gibt keine thematische Grenze. Liebe, Tod, eben die üblichen Dichterthemen, seit es Dichtung gibt. Hierzu gehört die Annäherung an das liebende Individuum, als einzige Möglichkeit der Versinnlichung von Existenz im weitesten Sinne. Liebe, als reinstes Muster des „Scheiterns“ an den Grenzen, aber auch hier eingebunden ins Denkmuster der Existenzphilosophie bis hin zu Beckett und dem Nihilismus.

Ein wiederkehrendes Thema ist seit „Sprachschatten“ (1989) die „Sprache hinter der Sprache“. Ausgehend von Wittgenstein und Sartres „Die Wörter“, verwirkliche ich dies vor allem in der Lyrik, beeinflusst von Celan als lyrischer Grunderfahrung. Man sieht dies in den drei Gedichten zu Buchenwald in „Seelenmaschine“.

Über den „Themen“ steht als „Thema“ aber auch die Musikalität von Wörtern, Zeilen, lyrischen Zusammenhängen, Gespinsten, ausgehend von Trakl, der musikalischen, malerischen Lyrik, der Übergriff der Lyrik auf andere Kunstmuster (Musik, Malerei).

_Buchwurm.info:_
Aber Sie schreiben auch Romane und Erzählungen, mitunter sogar phantastischen Inhalts. Inzwischen sind von Ihrer aktuellen Trilogie die Bände „Der Tote im Park“ und „Marlies“ erschienen, mit „Norman“ soll sie abgeschlossen werden. Was sind die Themen und Aussagen dieser Romane?

_Norbert Sternmut:_
Die Trilogie ist in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden. Es geht um Erstarrungslösung, Zeilenschichten, Veränderung, aus einer Beziehung in eine andere, durchgehend um Leidenschaft, Liebe, Eifersucht, die daraus entstehenden Fragen und Komplikationen. Es sind die Themen der Lyrik in eine andere Form gebracht.

Also geht es wie stets bei mir auch um das Instrument der Sprache, die Werkzeuge des Bewusstseins, die Aufbrechung von eingefahrenen Schemata, die Wahrlegung [sic!] innerer Abläufe in einem Menschen, also die Innerlichkeit, um eine psychologische, musikalische Spielwiese der Absurdität, die sich hier meist in Liebe und Leidenschaft offenbart.

Das wird im abschließenden Roman „Norman“, der im Sommer oder Herbst 2007 erscheinen wird, nicht anders. Auch hier hat es Norman, der Protagonist und Schriftsteller, mit Sehnsucht, Liebe, aber auch mit psychopathologischen Hintergründen (Norman-Bates-Psycho …) zu tun. Ob es eine endgültige Aufklärung der Ebenen, der Morde aus „Der Tote im Park“ und aus „Marlies“ gibt, möchte ich nicht verraten.

Aber es geht in „Norman“ auch um die Frage, ob ein Individuum in einer kranken Gesellschaft nicht krank werden muss, wenn es von gesunder Veranlagung ist (nach dem Grundsatz von Adorno: „es gibt kein richtiges Leben im falschen …“). Der Text stellt die Frage, ob Norman krank sei oder er die Vorstellung einer kranken Gesellschaft gibt, und so entlarvt er die heutigen idealtypischen Vorstellungen und Zielmuster der heutigen Epoche als krank machend.

Darüber hinaus geht es um keine Geschichte, geht es um Romane in Romanen, haben die Romane unterschiedliche Sprachebenen, geht es letztendlich um die Verwirrung eines menschlichen Protagonisten in der Zeit, in die er geworfen wurde, suchend, kaum erkennend, fragend nach dem Urgrund der Seele, wie er die unbewussten Denkmuster aufdecken und verstehen will und dabei doch stets an seine Grenzen stößt.

_Buchwurm.info:_
Wie haben Sie zum Schreiben gefunden?

_Norbert Sternmut:_
Über eine bestimmte Sozialisation in einer bestimmten Familie mit Brüdern und Schwestern, einem Vater, der starb, als ich elf Jahre alt war, einer Mutter, einem ganzen Umfeld. Es ist eine simple, hochinteressante Frage an einen Schriftsteller, weshalb er schreibt, wie er zum Schreiben gekommen ist, auch wenn die meisten Schriftsteller kaum etwas darüber sagen möchten, sagen können.

Insgesamt bin ich aus einem innerpsychischen Defizit zum Schreiben gekommen, einer Art Verlassenheit, wie Harry in „Steppenwolf“, den ich in meiner Jugend las und der mich zum Schreiben gebracht hat, zumindest als Auslöser. Im Roman „Die Couch“ (geplant für 2009) werde ich darüber schreiben, was in diesen Zusammenhängen psychologisch und was philosophisch begründet ist.

_Buchwurm.info:_
Wer sind Ihre schriftstellerischen Vorbilder, denen Sie nacheifern?

_Norbert Sternmut:_
Paul Celan war eine lyrische Grunderfahrung, als ich in Stuttgart die Technische Oberschule (TO) besuchte. Lyrik und Deutsch kam eher am Rande vor, wichtig waren vor allem Mathematik, Physik, Chemie. Dann im Deutschunterricht: „Die Todesfuge“! Ja, ich denke, hier wurde klar, dass ich nicht Maschinenbauingenieur werden wollte, sondern Dichter. Welch ein Unterschied. Ich hatte Werkzeugmacher gelernt und war auf dem Weg zum Maschinenkonstrukteur, da kam plötzlich Celan …

Celan – mit 18 Jahren habe ich ihn nicht verstanden, aber jedes unverstandene Wort hat mich gefesselt, als zentrale Erfahrung. Über das eigentliche Unverständnis war es eine „Denkstimmung“, ein Gefühl, dass hiermit mein „Nerv“ getroffen wurde, eine geistige Innerlichkeit. Aus dieser Erfahrung heraus frage ich nicht in erster Linie bei Lyrik nach „Verständlichkeit“. Lyrik „funktioniert“ nicht. Oder: Sie „funktioniert“ darüber hinaus. Darunter hindurch. Nach meiner Erfahrung muss Lyrik nicht verstanden werden, um zu wirken. Vielmehr soll sie Bereiche beschreiben, die wir eben nicht verstehen, die durchaus über unser ICH hinaus gehen, die uns vorausleiten, uns meinetwegen überfordern. Also Celan – diese tiefe, nebulöse, sensible Worterfahrung.

In der Lyrik gehören zu meinen Vorbildern: Celan, Trakl, Rimbaud, Verlaine, Baudelaire, Benn, Rilke und andere. In der Philosophie: Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Sartre, Camus, Heidegger, Laotse und andere. In der Psychologie: Alfred Adler (Individualpsychologie), Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse (mit einer Diplomarbeit über „Suizid und Suizidversuch als notwendige Folge haltloser Existenz“).

_Buchwurm.info:_
Wie gelang es Ihnen, so viele Lyrikbände – es müssen inzwischen etwa zehn Stück sein – zu veröffentlichen? Haben Sie Sponsoren?

_Norbert Sternmut:_
Keine Sponsoren. Ich veröffentliche aus einer Freude an der Absurdität heraus. Aus meinem Hang, die „Sinnlosigkeit“ ins Handeln zu überführen, ins Schreiben zu zementieren. Stets hatte ich einen Hang, das zu tun, was keiner sehen wollte, das zu schreiben, was keiner hören wollte: Lyrik – es ist die Aussage zur Unabhängigkeit, Verrücktheit, wenn heute von einem „Lyriker“ gesprochen wird. Es heißt, er könne nicht (finanziell natürlich) von dem leben, was er tut. Was er schreibt, interessiert eigentlich niemanden. Lyrik? Heute? Diese Frage gibt es seit Jahrzehnten. Ich ignoriere sie, kenne sie, weiß, dass ich nicht aufhören werde, Lyrik zu schreiben, solange sie keiner lesen will.

Ich bewege mich gerne in absurden Bereichen, maroden Abläufen, Abbrucharbeiten des Seins, die keiner sehen will. Ich beweise mir gerne meine Freiheit, meine Unabhängigkeit, indem ich in meinem Sein, meinem Schreiben zum Sein nur mir selbst verpflichtet sein soll. Deshalb wird sich Sternmut (der Autor) niemals nach einem so genannten Trend richten. Er schreibt, was er schreibt. Dass ich kein Bestsellerautor werde, sollte in der Psychologie der Zusammenhänge niemanden wundern.

_Buchwurm.info:_
Gehen Sie noch anderen beruflichen Tätigkeiten nach?

_Norbert Sternmut:_
Natürlich lebe ich ausschließlich und zwar innerlich vom Schreiben. Ich bin das Schreiben. Sternmut lebt durch sein Schreiben. Er schreibt, indem er lebt. Bei aller Beschreibung der Hinausschiebung der Grenzen – ich werde nicht ewig von der Literatur leben können, genauso wenig wie die Kollegen Jelinek, Handke, Beckett. Ich arbeite teilzeitlich in der psycho-sozialen Betreuung von Jugendlichen, der psychologischen Einzelbetreuung, der Vermittlung in Therapie, der Einzelfallhilfe.

_Buchwurm.info:_
Mit welchen Projekten können wir in Zukunft von Ihnen rechnen?

_Norbert Sternmut:_
Mit dem Roman „Norman“, der Weltanhänger betrifft. Was ich sagen kann: Sternmut arbeitet und 2008 kommt der Lyrikband „Fadenwürde“ heraus und 2009 der Roman „Die Couch“. Für 2008 ist eine Ausstellung von Sternmuts Werken in der darstellenden Kunst vorgesehen, also von Radierungen und Ölbildern.

|Das schriftliche Interview führte Michael Matzer im Juni 2007.|

Der Autor

Norbert Sternmut
Norbert Sternmut

Norbert Sternmut (= Norbert Schmid), geboren 1958, lebt in Ludwigsburg und arbeitet als Sozialpädagoge. Der Theaterautor, Rezensent, Maler, Lyriker und Romanschreiber erhielt Stipendien vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Gerlingen. Er veröffentlichte zwanzig Einzeltitel seit 1980 und ist in über 50 Anthologien vertreten. Als Maler trat er mit 75 Ausstellungen an die Öffentlichkeit. Der gelernte Werkzeugmacher wurde nach einem Studium zwischen 1982 und 87 Sozialpädagoge und ist seit 1993 in der Bildungsarbeit im Bildungszentrum Stuttgart tätig. Mehr Infos gibt’s auf seiner Website www.sternmut.de.

Seit 1980 hat Sternmut eine ganze Reihe von Lyrikbänden veröffentlicht, darunter die von mir vorgestellten Bücher „Photofinish“, „Triebwerk“ und „Absolut, du“. In dem Band „88 Rätsel zur Unendlichkeit“ arbeitete er mit dem Grafiker Volker Funke zusammen: Die Rebus-artigen Rätselgrafiken harmonierten mit den frei assoziierenden Gedichttexten Sternmuts. Eine Webseite ergänzte das multimediale Werk auf der Zeit angemessene Weise.

Auf der Prosaseite ist seine Romantrilogie hervorzuheben, zu der „Der Tote im Park“ (1999), „Marlies“ (2003) und sein Roman mit dem Titel „Norm@n“ gehören. Eine Reihe von z.T. phantastischen Erzählungen erschienen in dem Band „Das Zeitmesser“ (Rainar Nitzsche Verlag, Kaiserslautern, 1997).

_Norbert Sternmut auf |Buchwurm.info|:_

[„Triebwerk. Gedichte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3752
[„Marlies“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1935
[„Der Tote im Park“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3751

Interview mit Andreas Brandhorst

Tobias Schäfer:
Hallo Andreas, ich bin hocherfreut, dich in unserem Magazin begrüßen zu dürfen! Für alle, die Andreas Brandhorst etwas näher kennen lernen wollen: Wer bist du und was treibst du so?

Andreas Brandhorst:
Ich bin 1956 in Norddeutschland geboren und schreibe, seit ich schreiben gelernt habe. Inzwischen lebe ich seit über zwanzig Jahren in meiner Wahlheimat Italien, wo ich nach dem Ende meiner zweiten Ehe (mit einer Italienerin) geblieben bin, weil ich dieses Land, seine Leute und Kultur sehr liebe. Lange Zeit habe ich vor allem übersetzt, aber seit einigen Jahren schreibe ich auch wieder selbst.

Tobias Schäfer:
Was sagst du zu dem »Vorwurf«, neuer Shooting-Star der deutschen Science-Fiction zu sein?

Andreas Brandhorst:
Zum Glück bezeichnet man mich nicht als Nachwuchsautor, denn immerhin werde ich nächstes Jahr 50! 🙂 Shooting-Star … Na ja, ich mag diesen Ausdruck nicht sehr, denn immerhin bin ich seit fast dreißig Jahren als Profi in der deutschen SF tätig und habe schon damals Romane geschrieben und an den legendären Terranauten mitgewirkt. Aber: In gewisser Weise hat er durchaus seine Berechtigung, denn ich sehe einen klaren Unterschied zwischen meinem heutigen Werk und der damaligen Arbeit. Heute bin ich einfach reifer, viel reicher an Lebenserfahrung, und ich gehe mit einem ganz anderen Anspruch an die Schriftstellerei heran. Der Andreas Brandhorst von heute ist ein anderer als der von damals. Als »Star« sehe ich mich allerdings nicht. 🙂

Tobias Schäfer:
Durch das Kantaki-Universum hast du die deutschen Science-Fiction-Leser auf dich aufmerksam gemacht. Seit »Diamant« im Mai ’04 auf den Markt kam, kann man dich zu den produktivsten Schriftstellern des Genres rechnen. In den Jahren reiner Übersetzertätigkeit hat sich deine Kreativität anscheinend stark gestaut?

Andreas Brandhorst:
»Diamant« im Mai ’04, es folgte »Der Metamorph« im Januar ’05 und »Der Zeitkrieg« im Oktober ’05. Wenn man berücksichtigt, dass ich vor dem Erscheinen von »Diamant« ca. ein Jahr an dem Roman gearbeitet habe, so sind das drei Romane in 29 Monaten (ohne »Exodus der Generationen«). Das ist eigentlich nicht übermäßig produktiv, oder? An Kreativität hat es mir nie gemangelt (die braucht man auch fürs Übersetzen), aber ich schreibe heute sehr langsam und sehr, sehr sorgfältig, etwa drei Seiten pro Tag, aber jeden Tag – das sind etwa tausend Seiten im Jahr, also anderthalb dicke Romane. Es geht mir heute vor allem um die Qualität und nicht um die Quantität. Ich hoffe, das merkt man den Romanen an.

Tobias Schäfer:
Da kann ich dich beruhigen 😉 Der umfassend ausgearbeitete Hintergrund zu den Romanen um Valdorian und Lidia bietet Raum für unzählige noch unerzählte Geschichten. Die fremden Völker des Universums üben einen besonders großen Reiz aus. Jedes von ihnen hat eine spannende Geschichte, die anfangs ziemlich schwarz-weiße Weltsicht hat sich schließlich im »Zeitkrieg« verwischt. Was passiert nun mit den Temporalen, Kantaki, Feyn? Und vor allem: Was ist mit den Xurr? In dieser Hinsicht lässt du den Leser sehr erwartungsvoll zurück.

Andreas Brandhorst:
Ich habe sehr viel Zeit und Mühe in die Ausarbeitung des Hintergrunds für das Kantaki-Universum investiert, denn so etwas lohnt sich: Als Autor bekommt man dadurch eine große Bühne mit vielen Kulissen, um Geschichten zu erzählen. Natürlich kann ich hier nicht verraten, was aus den bisher geschilderten Völkern wird, obwohl mein Computer viele entsprechende historische und chronologische Daten enthält. (Hoffentlich fordere ich mit diesem Hinweis keine Hacker-Angriffe heraus …) Es ist wie mit einem Eisberg: Nur ein kleiner Teil zeigt sich über Wasser, der Rest bleibt darunter verborgen. Bisher kennen die Leser nur einen winzig kleinen Teil des Kantaki-Universums. In den nächsten Büchern wird es bestimmt die eine oder andere Überraschung geben …

Tobias Schäfer:
Vor allem im letzten Band »Der Zeitkrieg« drängen sich die hintergründigen Informationen. Hättest du die Geschichte lieber noch ein wenig ausgedehnt?

Andreas Brandhorst:
Nein, eigentlich nicht. »Der Zeitkrieg« beantwortet viele Fragen, die in »Diamant« und »Der Metamorph« offen blieben. Der große Kreis schließt sich zu Recht in diesem Band; ein vierter Roman hätte alles nur gedehnt und langatmig gemacht. Aber es bleibt auch das eine oder andere offen, was mir Gelegenheit gibt, vielleicht noch einmal darauf zurückzukommen: auf Olkin und das Flix, oder auf die Xurr … 🙂

Tobias Schäfer:
Rückblickend kann man sagen, dass dir der Charakter »Valdorian« am stärksten am Herzen lag. Über ihn hast du die Suche nach dem ewigen Leben neu erzählt. Was macht für dich die Faszination dieser Figur und/oder dieses Themas aus?

Andreas Brandhorst:
Ich glaube, dass in jedem Bösen etwas Gutes steckt, und dass jeder Gute auch einmal böse werden kann. Die Komplexität des menschlichen Wesens fasziniert mich, und ich glaube, die kommt im Valdorian gut zum Ausdruck, wenn man seine Entwicklung vom Saulus zum Paulus über die drei Romane hinweg verfolgt. Außerdem beschäftige ich mich immer mehr mit dem Leben an sich und dem Tod, einem Thema, dem sich keiner von uns entziehen kann. Der Tod, welch eine Verschwendung: Man verbringt das ganze Leben damit, Wissen zu sammeln und Erfahrungen zu machen, klüger zu werden, und dann, in einem Augenblick, geht das alles verloren. Und die verschiedenen Straßen des Lebens, die Diamant und Valdorian beschreiten: Oftmals gibt es nach einer getroffenen Entscheidung kein Zurück mehr. Wir alle müssen versuchen, das Beste aus unserem Leben zu machen, und genau dieser Gedanke hat ja zunächst die verschiedenen Lebensentscheidungen von Diamant und Valdorian bestimmt.

Tobias Schäfer:
Für manche Leser mag die Wandlung Valdorians zu plötzlich erfolgen. Wie antwortest du auf Vorwürfe der Unglaubwürdigkeit? Kommt so was überhaupt vor?

Andreas Brandhorst:
Nein, bisher sind solche Vorwürfe noch nicht aufgetaucht, oder mir zumindest nicht bekannt. Valdorian ist, wenn man genau hinsieht und aufmerksam liest, eine sehr komplexe Person, zuerst mit einem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, der dann aber sogar zu seinem Idol wird. Es gibt in allen drei Romanen Stellen, die seinen inneren Zwist zeigen, seine Zerrissenheit – er ist nie schwarz oder weiß, sondern grau. Die Konfrontation mit Diamants Einstellungen zum Leben verändert ihn nach und nach, und ein wichtiges Schlüsselerlebnis in diesem Zusammenhang ist die Begegnung mit seiner Mutter in »Der Zeitkrieg«. Er beginnt zu verstehen, dass Dinge, die er für unwichtig gehalten hat, tiefe Bedeutung haben, und er denkt darüber nach. Er fängt an, Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst und auch die Welt (das Universum), in der er lebt. All diese subtilen Veränderungen schlagen schließlich als Quantität in Qualität um. Ein neuer Valdorian wird geboren, und damit schließt sich für ihn ein eigener Kreis: Er, der am Ende seines Lebens nach neuer Jugend strebte, erneuert sich im Tod.

Tobias Schäfer:
Wo wir gerade bei den Lesern waren: Wir leben ja im Zeitalter der ungehemmten Kommunikation. Stehst du in engem Kontakt mit Menschen, die erst durch deine Geschichten an dich herangetreten sind? Kannst du dich vor Leserpost kaum retten oder traut sich niemand an dich heran?

Andreas Brandhorst:
Es ist nicht so, dass ich jeden Tag zwei Säcke Post bekäme … 🙂 Für die Leser gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Da wäre zum Beispiel das Forum der Kantaki-Site [down, Anm. d. R.] wo ich mich bemühe, jeden Beitrag zu beantworten. Abgesehen davon bekomme ich erstaunlich viele E-Mails und frage mich manchmal, woher die Schreiber meine E-Mail-Adresse kennen. Auch in diesem Fall versuche ich, jede Mail zu beantworten.

Tobias Schäfer:
In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Anekdote aus dem Perry-Rhodan-Werkstattband, wo William Voltz ständig unangemeldeten Besuch seiner Leser bekommt. Wirst du manchmal persönlich behelligt oder beschränkt sich diese Art Kontakt auf Cons?

Andreas Brandhorst:
Da ich in Italien wohne, kommt es (fast) gar nicht zu solchen Überraschungsbesuchen. Es gab nur eine Ausnahme, vor zwei Jahren … 🙂 Vor etwa 25 Jahren, als ich noch in Deutschland wohnte und Romane für die Terranauten schrieb, kam es öfter vor, dass plötzlich Leute vor meiner Wohnungstür standen, in einem Fall eine Gruppe von sieben oder acht Jugendlichen. Wir haben uns dann zusammengesetzt und gemütlich miteinander geplaudert …

Tobias Schäfer:
Dein erster Beitrag zum sogenannten »Perryversum« war erstens eine Überraschung und stellt zweitens einen unbestrittenen Höhepunkt der Serie dar. Wie bist du dazu gekommen? Ist nach deinem Roman »Die Trümmersphäre« weiteres Engagement in der Serie geplant?

Andreas Brandhorst:
Dazu gekommen ist es durch ein Gespräch im Heyne Verlag, im Oktober 2003, glaube ich, wo Sascha Mamczak, der mit Klaus Frick in Verbindung stand, das Lemuria-Projekt ansprach. Ich hatte gerade »Diamant« fertig gestellt, und mich reizte die Vorstellung, einen Beitrag für das Perryversum zu schreiben, das für mich als 12/13-Jähriger praktisch der Einstieg in die SF war – ich habe die Romane damals regelrecht verschlungen. »Die Trümmersphäre« habe ich nach dem »Zeitkrieg« geschrieben, und dieser zweite Beitrag für das Perryversum war aus mehreren Gründen extrem harte Arbeit. Nach der Fertigstellung dieses Romans dachte ich mir: Jetzt nimmst du dir erst einmal eine Auszeit und widmest dich ganz deinen eigenen Projekten. Damit ist die Frage praktisch schon beantwortet: Eine weitere Mitarbeit meinerseits bei PR ist derzeit nicht konkret geplant, was sie aber mittel- oder gar langfristig nicht ausschließt.

Tobias Schäfer:
Was erwartet die Leser in deinen nächsten eigenständigen Romanen? Kannst du dazu zu diesem Zeitpunkt schon etwas verraten?

Andreas Brandhorst:
Ja, ich denke, ich kann hier ein kleines Geheimnis lüften. Derzeit arbeite ich an »Feuervögel«, einem Roman, der im Oktober 2006 bei Heyne erscheinen wird, aller Voraussicht nach als erster Band einer neuen Trilogie; die Arbeitstitel für den zweiten und dritten Band lauten »Feuerstürme« und »Feuerträume«. Und: Diese neuen Romane sind im Kantaki-Universum angesiedelt, allerdings in einer aus Valdorians und Diamants Sicht fernen Zukunft. Vom Umfang her werden die neuen Romane den ersten drei Kantaki-Romanen ähneln. Was den Inhalt betrifft … (Schnitt)

Tobias Schäfer:
Als Schriftsteller scheinst du ziemlich ausgebucht zu sein. Da wirkt es erstaunlich, deinen Namen noch regelmäßig bei Übersetzungen vorzufinden, derzeit vor allem bei Terry-Pratchet-Romanen – und ganz aktuell bei David Brins »Copy«. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Andreas Brandhorst:
Indem ich knallhart arbeite. Der Brin zum Beispiel hat wirklich meine ganze Kreativität gefordert; ich glaube, es war eine der schwierigsten Übersetzungen, die ich jemals gemacht habe. Mit Pratchett bin ich nach circa 30 Romanen gut »synchronisiert« … Eigentlich gefällt mir die Mischung aus eigenem Schreiben und Übersetzen. Ich möchte sie nur noch etwas mehr zugunsten der eigenen Werke verändern.

Tobias Schäfer:
Was ist das für ein Stoff, den Pratchet schreibt? Seine Romane sind ja regalfüllend in diversen Buchhandlungen zu finden. Was macht den Reiz dieser Geschichten aus?

Der besondere Reiz von Pratchetts Geschichten besteht aus der genialen Mischung von Intelligenz und Humor. Ich halte Terry Pratchett für einen der besten Schriftsteller überhaupt. Ihm gelingt es, Personen mit ein oder zwei Sätzen zu charakterisieren, und seine Schilderungen zeichnen sich immer durch große Tiefe aus. Man kann seine Romane auf zwei Arten lesen: als lustige, leicht verdauliche Unterhaltung, und als tiefsinnige Romane, bei denen einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt.

Tobias Schäfer:
Wir haben jetzt viel über den offiziellen Brandhorst gesprochen. Danke sehr für die interessanten Antworten! Aber was macht der Mensch Andreas, wenn er ein bisschen Zeit für sich findet?

Andreas Brandhorst:
Nach all der Zeit am Computer lege ich großen Wert darauf, mich körperlich fit zu halten. Ich laufe fast jeden Tag mindestens eine Stunde, egal ob es stürmt, regnet oder schneit. Wenn ich nicht laufe, stemme ich Gewichte. Manchmal schnappe ich mir Notebook und Auto, reise durch Italien – ich liebe dieses Land! –, und bleibe eine Zeit lang, wo es mir gefällt. Ich bin nach zwei Ehen wieder Single, Sohn und Tochter sind erwachsen … Ich genieße meine Freiheit, laufe im Winter an menschenleeren Stränden, schreibe an einem warmen Kaminfeuer, denke über das Leben nach … 🙂

Tobias Schäfer:
Dann wünsche ich dir, dass diese Zeit nicht zu kurz kommt – obwohl ich natürlich vor allem auf viele spannende Romane von dir hoffe. 🙂 Alles Gute weiterhin!

 

Interview mit Michael Marrak

Michael Marrak, Jahrgang 1965, lebt seit Anfang 2001 in Hildesheim bei Hannover und arbeitet freiberuflich als Schriftsteller und Illustrator. Seine erste Erzählung wurde 1990 veröffentlicht, seither erschienen zahlreiche Erzählungen und Illustrationen in Magazinen und Anthologien. 1997 debütierte er mit seinem ersten Roman „Die Stadt der Klage“. Ende 2000 erschien schließlich der Roman „Lord Gamma“, mit dem er ein Jahr später den Kurd-Laßwitz-Preis und den Deutschen Phantastikpreis für den besten deutschen SF-Roman des Jahres gewann. In „H. P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“ erschien 2002 der Roman „Imagon“, der ebenfalls den Kurd-Laßwitz-Preis für den besten Roman erhielt. Bei Bastei-Lübbe wurde „Imagon“ in diesem Jahr als Taschenbuch veröffentlicht.
Das Gespräch wurde Ende Mai geführt. Weitere Informationen zum Autor finden sich im Internet auf http://www.marrak.de.

Buchwurm.info:
In den letzten Jahren gab es zwei sehr erfolgreiche Romane von dir. Im Rückblick auf „Lord Gamma“ und „Imagon“: Hättest du den großen Erfolg der beiden Romane erwartet?

Michael Marrak:
Was „Lord Gamma“ betrifft: Nein. Ich hatte lediglich gehofft, dass sich deutlich mehr Leute für das Buch interessieren würden als die wenigen hundert Stammleser, die ich damals (in meiner Kleinverlagszeit) noch hatte. Die „Lord Gamma“-Originalauflage im Shayol-Verlag betrug gerade mal 300 Exemplare. Davon, dass der Roman zwei Jahre später als Buchtipp des Monats bei Lübbe veröffentlicht werden würde, träumte ich zu dieser Zeit noch nicht einmal. Im Mai 2002 erschien „Lord Gamma“ schließlich in fünfstelliger Auflage als Lübbe-Taschenbuch, und bereits im Startmonat verkauften sich knapp 4000 Exemplare. Erst da dachte ich: Oha, das könnte interessant werden …

Allerdings wehre ich mich gegen den Trugschluss, „Imagon“ und „Lord Gamma“ seien Erfolgsbücher, nur, weil ich für sie einige Preise erhalten habe. Erfolg hat nichts mit einem (zumal undotierten) SF-Literaturpreis zu tun. Erfolg rechnet sich in meiner jetzigen Situation als freier Schriftsteller einzig und allein durch Absatzzahlen und darüber, ob ein Buch für den Verlag rentabel ist oder der Autor schlicht und einfach seine Vorschüsse nicht einspielen kann, weil sich seine Bücher nicht verkaufen.

Das Schlimmste, was mir als Autor bei einem großen Verlag wie Lübbe passieren könnte, wäre, dass ich bei den Buchhaltern den Makel eines Autors bekomme, der seine Garantiesumme nicht wert ist. Seine Vorschüsse einzuspielen ist wichtiger als jeder eventuelle Preisgewinn eines Kurd Laßwitz oder was auch immer. Zumal sich die deutschen SF- und Phantastikpreise definitiv noch nie groß auf die Verkäufe ausgewirkt haben. Also bitte einem Buch nicht sofort einen Erfolgsstempel aufdrücken, nur weil „Literaturpreis“ draufsteht.

Buchwurm.info:
Was dachtest du, als „Lord Gamma“ rechtzeitig zum Kurd-Laßwitz-Preis nicht mehr lieferbar war?

Michael Marrak:
Ich habe mich geärgert. Bei der Preisverleihung in Dresden gab es das Novum, dass ein Phantomroman ausgezeichnet wurde: Die Originalauflage war vergriffen, die Neuauflage noch nicht erschienen. Zwar war damals bereits das Taschenbuch bei Lübbe geplant, aber bis zur Wiederveröffentlichung war es noch fast ein Jahr hin. Ich fürchtete, dass sich bis dahin kaum noch jemand an das Buch erinnern würde. Glücklicherweise war das am Ende nicht der Fall. Das Buch kletterte z. B. bei Amazon.de innerhalb weniger Tage bis auf Verkaufsrang 4. Ich war völlig baff, fand mein Buch plötzlich in Konkurrenz zu Romanen von Henning Mankell, Tom Clancy, Ken Follett und dem Dalai Lama. Das dauerte zwar nur zwei oder drei Wochen, begeisterte mich aber dermaßen, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes zum Ranking-Surfer mutierte …

Buchwurm.info:
„Abydos“ ist der Arbeitstitel deines kommenden Romans. In welche Richtung wird es diesmal gehen, nach den zwei sehr unterschiedlichen Vorgängern? „Lord Gamma“ ist erstklassige Science-Fiction, „Imagon“ eine Mischung aus SF und Wissenschaftsthriller, wobei man ihm eine deutliche Horror-Komponente nicht absprechen kann – Was kommt als Nächstes?

Michael Marrak:
Ein recht umfangreicher, phantastischer Roman, den ich aus dem Stehgreif nur sehr schwer definieren kann. Es ist ein Synergy-Projekt – ein Crossover aus SF, Phantastik, Horror und Wissenschafts-Thriller mit einem deftigen Schuss Religion und altägyptischen Mythen. Ich tue mich mit dem Einordnen des Stoffes ein wenig schwer, doch man könnte ihn vielleicht als eine Mischung aus Ian McDonalds „Necroville“, Farmers „Flusswelt der Zeit“ und einer sehr modernen Version von Dantes „Göttlicher Komödie“ beschreiben – falls irgendjemand Wert auf derartige Vergleiche legt. „Abydos“ ist nicht ganz so hysterisch wie „Lord Gamma“, aber auch nicht mehr so kalt und bedrückend wie „Imagon“. Es wird – schon allein aufgrund des Handlungsumfeldes – ein sehr zynischer Roman mit einer gesunden Portion an schwarzem Humor … und knietief Blut … 😉

Buchwurm.info:
Abydos ist eine heilige Stadt in Ägypten, ihr wichtigstes Gebäude ist der Sethos-Tempel. Laut Legende hatte in Abydos die Auferstehung des Gottes Osiris stattgefunden, dessen Kopf hier begraben wurde. Ist „Abydos“ vielleicht doch nicht nur Arbeitstitel?

Michael Marrak:
Doch, im Grunde schon. Die Stadt wird lediglich hin und wieder unter ihrem alten ägyptischen Namen Abdju erwähnt (Abydos ist der Name, den die Griechen der Stadt gaben – wie auch der Großteil aller uns bekannten ägyptischen Namen und Begriffe erst von den Griechen geprägt wurde). Die antike Tempelstadt Abydos ist die einstige Heimat einer meiner Hauptfiguren und kommt u. a. in einer Rückblende vor, besitzt im Roman jedoch keine tragende Rolle. Der tatsächliche Romantitel erinnert mehr an eines der fünf Bücher Moses …

Buchwurm.info:
Die Erwartungen der Leser (und Redaktionen) bezüglich „Abydos“ sind durch deine bisherige Leistung sicher enorm. Belastet dich diese Erwartungshaltung?

Michael Marrak:
Nein, eigentlich nicht. Ich ziehe, wie es so schön heißt, mein Ding durch. Die einzige Belastung, die enorm ist, ist mein weiterhin schmerzendes Handgelenk. Leider hat die Operation vor anderthalb Jahren nicht die erhoffte Verbesserung gebracht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Buchwurm.info:
Ja, davon habe ich gehört. Du musstest die Arbeit an „Abydos“ zeitweise einstellen. Ich wünsche dir alles Gute für die Genesung! War es schwer, nicht schreiben zu können, oder hast du die Pause auch genossen?

Michael Marrak:
Genossen? Ich bin schier verrückt geworden! Die größte Pause gab es jedoch während der Arbeit an „Imagon“. Damals erwischte es mich mitten im Roman. Bei „Abydos“ konnte ich lediglich nicht mit dem Schreiben beginnen, was jedoch nicht weniger quälend war.

Das eigentliche Problem war, dass ich durch die lange Pause von fast einem Jahr irgendwann völlig den Faden verloren hatte und nicht mehr wusste, welches Projekt ich nun als nächstes anfangen bzw. zuende bringen sollte. Zu viel nutzlose Zeit bedeutet zwangsläufig, dass sich zu viele Ideen anstauen. Ich verlor das ursprüngliche Ziel aus den Augen, konnte mich monatelang nicht entscheiden, was ich als nächstes schreiben werde. Für eines der drei in Frage kommenden Romanprojekte fühlte ich mich noch nicht reif und vorbereitet genug, daher beschloss ich, zuerst noch ein Buch dazwischenzuschieben. Ich schrieb schließlich an einem Roman weiter, von dem ich überzeugt war, dass er der richtige sei und Lübbe gefallen werde. Tat er aber nicht, was sehr, sehr ärgerlich war. Stattdessen interessierte mein Lektor sich für ein Projekt, an dem ich nebenher arbeitete, sozusagen for my private satisfaction, ohne das Ziel, dieses Buch Lübbe anzubieten. Und falls doch, dann erst, wenn ich es mir vom Erfolg her leisten konnte, dem Verlag so etwas Abgedrehtes vorzulegen, ohne dafür gekreuzigt zu werden. Ich schrieb diesen Roman für mich, weil ich Spaß daran hatte, keinem Exposé oder Konzept folgen zu müssen, sondern mich von der Entwicklung der Handlung überraschen zu lassen. Und ausgerechnet dafür interessierte sich mein Lektor, weil er nach „Imagon“ gerne noch ein Buch bringen wollte, das eindeutiger in die SF-Reihe passt als das abgelehnte. Nun gut, dachte ich, kein Problem, soll mir recht sein. Also schickte ich ihm die ersten einhundert Seiten … Und was soll ich sagen? Das Ding gefiel ihm!

Ich erwarte von „Abydos“ nicht, dass es ein kommerzieller Erfolg wird, dazu ist der Roman zu schräg und zu … wie soll ich sagen? Grotesk? Absonderlich? Unkonventionell? Abgedreht? Gewisse Leute, die nach wie vor glauben, ich schreibe meine Bücher nur unter Drogen, werden sich durch diesen Roman zweifellos bestätigt fühlen. „Abydos“ ist Wasser auf ihre Mühlen.

Buchwurm.info:
Bei „Imagon“ stammt auch das Titelbild von dir – meiner Meinung nach übrigens sehr gelungen. Wirst du auch dein neues Buch selbst illustrieren?

Michael Marrak:
Das kann ich noch nicht sagen. Eventuell, falls mir etwas Passendes einfällt und gelingen mag. Allerdings habe ich vor einigen Wochen auch ein Wunschtitelbild an den Verlag geschickt, jedoch noch keine Reaktion darauf erhalten. Es ist von einem amerikanischen Illustrator und würde zu „Abydos“ passen wie kaum ein zweites. Mal sehen. Ich bleibe am Ball.

Buchwurm.info:
Was machst du, wenn du gerade mal keinen Bestseller schreibst?

Michael Marrak:
Korrektur: „Imagon“ ist (bisher) kein Bestseller, und ich denke, er wird sich im Gegensatz zu „Lord Gamma“ auch im eher begrenzten Rahmen dessen verkaufen, was von SF normalerweise umgesetzt wird. Ich kann mich natürlich irren und lasse mich gerne überraschen. Aber mal ehrlich: Die einzige „Bestsellerliste“, in die „Lord Gamma“ damals geklettert war, war die von Amazon.de. Für einen als SF ausgewiesenen Roman hat er sich wirklich außerordentlich gut verkauft, was nicht wenige überrascht hat. Ob „Imagon“ einen ähnlich erfolgreichen Weg einschlagen wird, bleibt abzuwarten. Das Lübbe-Taschenbuch ist ja erst seit kurzem erhältlich.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Ich bin ein klassischer Elfenbeinturm-Bewohner. Ein Stubenhocker, der sehr viel (und sehr intensiv) Musik hört, leider viel zu wenig Unterhaltungsliteratur liest und seit kurzem wieder als Illustrator arbeitet, um einen Ausgleich zum recht anstrengenden Schreiben zu haben. Falls ich lese (was ich eigentlich jeden Tag tue), dann zumeist der Recherche wegen, also Sachbücher, themenspezifische Internetartikel oder Magazine wie National Geographic (im Abo), PM, Sterne und Weltraum oder Kemet, ein Magazin zur Ägyptologie. Daneben bin ich leidenschaftlicher Filmegucker, und unser DVD-Player ist neben meinem Schreibrechner und der Stereoanlage wohl das am meisten ausgelastete technische Gerät im Haus.

Buchwurm.info:
Noch eine unvermeidliche Frage: Wie sieht dein täglicher Rhythmus aus? Oder hast du keinen?

Michael Marrak:
Ich habe keinen. Ich bin ein Chaot. Ich prügele mich 365 Tage im Jahr mit meinem inneren Schweinehund, finde täglich ebenso viele Ausreden, um mich vor dem Schreiben zu drücken, stehe mal morgens um fünf, mal mittags um zwei oder mal abends um acht auf, arbeite nur dann, wenn ich wirklich einen klaren Kopf habe und mich konzentrieren kann, und dann in der Regel in Exzessen, um anschließend wieder eine Schaffenspause einzulegen … Oder besser gesagt: in ein Schaffensloch zu fallen. Bis zum nächsten Schreibanfall. Dazwischen liegt ebenso viel Hysterie wie Depression, Euphorie, Trägheit und die Tatsache, dass wegen des schmerzenden Handgelenks (Karpaltunnelsyndrom) oft kein geregeltes Arbeiten möglich ist.

Buchwurm.info:
Im Juni soll die Primärarbeit an „Abydos“ beendet sein. Was kommt danach, und warum erscheint der Roman erst im Frühjahr 2005?

Michael Marrak:
Ich denke, nach „Abydos“ werde ich erst mal einen kurzen Jugendroman vollenden, auf den der Thienemann-Verlag bereits geduldig wartet. Die mir angebotene Chance, in diesem Genre Fuß zu fassen, möchte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Gleichzeitig werde ich elf oder zwölf meiner Erzählungen für eine Storysammlung, die Anfang/Mitte 2005 im Festa-Verlag erscheinen soll, zusammenstellen und überarbeiten. Bis zum Jahresende möchte ich mit beiden Projekten fertig sein, um mich danach jenem Roman zu widmen, mit dem ich bei Lübbe in die Allgemeine Reihe wechseln werde (das ist kein Wunschdenken, sondern bereits unter Dach und Fach). Ich arbeite sozusagen auf den nächsten Quantensprung hin. Aber das ist alles noch Zukunftsmusik.

Der Grund, warum „Abydos“ erst in einem Jahr erscheint, liegt in der langen Vorlaufzeit des Verlags. Lektorat, Überarbeitung, Satz, Druck der Vorabexemplare für die Verlagsvertreter und die Medien, Werbung, Prospektpräsenz, etc. Das geht alles nicht so ratz-fatz wie in Kleinverlagen, in denen man das Manuskript abgibt und das Buch manchmal schon vier Wochen später gedruckt vorliegt. „Abydos“ ist ja nicht das einzige Buch, das im Mai 2005 bei Lübbe rauskommt. Es geht hier um die Koordination zahlloser Neuerscheinungen, und das meist über Jahre im Voraus.

Buchwurm.info:
Laut Homepage hast du Verträge bis einschließlich 2006. Darunter fallen die beiden (Tarn-)Titel „Abydos“ und „Gaia“. Wie lange braucht es durchschnittlich zur Veröffentlichung eines Romans?

Michael Marrak:
Ich kann bei dieser Frage nur von meiner eigenen Arbeit ausgehen und nicht für andere Autoren sprechen, die weitaus zügiger und beständiger arbeiten können. Ich schreibe wegen der Sache mit der Hand verhältnismäßig langsam, oder besser gesagt: in kleineren Häppchen. Der Vorteil: Ich kann mir für ein Buch mehr Zeit lassen. Der Nachteil: Ich brauche für einen Roman doppelt so lange wie Autoren, die einem geregelten Tagesrhythmus folgen und sechs bis acht Stunden am Tag schreiben können (wie ich sie darum beneide!). Der Vorteil des Nachteils: Ich werde niemals als Vielschreiber verschrieen sein, dessen Qualität auf Kosten der Quantität leidet. Das hat auch was. Ich möchte auch in zehn oder zwanzig Jahren noch zu meinen Büchern stehen können und nicht verschämt sagen müssen: „Das ist scheiße, aber ich hab das damals auch nur runtergehauen …“

Für einen Roman brauche ich in der Regel anderthalb Jahre. Eher zwei, da ich meist nicht allein an einem einzigen Projekt arbeite und in dieser Zeit noch die eine oder andere Erzählung schreibe. Nach Ablieferung des Manuskripts dauert es noch mal neun bis zwölf Monate, bis das Buch erscheint.

Buchwurm.info:
Ist „Gaia“ die momentan künftigste Planung (und worum handelt es sich dabei)?

Michael Marrak:
Was nach „Gaia“ kommt, weiß ich tatsächlich nicht. Und bevor du fragst: Dieser Arbeitstitel ist ebenso irreführend wie „Abydos“, umreißt aber grob das Spielfeld. „Gaia“ wird mehr oder minder ein SF-Roman werden, bei dem der SF-Aspekt jedoch sehr verhalten behandelt wird. Das vermeintlich Phantastische wird in ihm größtenteils auf Realität und tatsächlichen Gegebenheiten basieren. Er wird auf drei Kontinenten spielen, und das sowohl im 13. als auch im 21. Jahrhundert. Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten. „Gaia“ wird jedenfalls keinem meiner bisherigen Romane ähneln.

Der Roman wird frühestens Ende 2006 erscheinen, eher noch Anfang 2007, da ich wie erwähnt ein Jugendbuch dazwischenschieben will und zudem im September dieses Jahres für drei Monate nach Wien gehe. Das Kunst-Stipendium habe ich zugunsten von „Abydos“ bereits um ein halbes Jahr verschoben, und in den drei Monaten im Wiener Museumsquartier möchte ich mich mehr der bildhaften Kunst widmen als dem Schreiben.

Buchwurm.info:
Was machst du heute abend?

Michael Marrak:
Ich versuche endlich zu schlafen. Letzte Nacht hat’s nicht geklappt, da ich am Abend zuvor zweieinhalb Liter Cola getrunken hatte. Jetzt bin ich seit über dreißig Stunden wach und pfeife aus dem letzten Loch. Schon blöd, wenn man „light“ und „koffeinfrei“ miteinander verwechselt … Na ja, wahrscheinlich schreibe ich noch einen „Panorama“-Eintrag und guck später noch „Underworld“ als Betthupferl.

Buchwurm.info:
Ich wünsche dir dabei viel Spaß und weiterhin viel Erfolg mit deiner Arbeit! Vielen Dank für das interessante Interview! Ich glaube, nicht nur ich, sondern auch viele andere Leser warten gespannt auf dein nächstes Buch.

Michael Marrak:
Ich habe zu danken. Und was das nächste Buch betrifft: Ich bin am meisten gespannt, wie es endet …

Kurzbibiliographie:

„Die Stadt der Klage“
Roman, Edition Mono, Wien 1997

„Die Stille nach dem Ton“
5 Novellen, Edition Avalon, Berlin 1998

„Lord Gamma“
• Roman, Shayol, Berlin 2000
• Taschenbuchausgabe: Bastei Lübbe TB 24301, Bergisch Gladbach 2002

„Imagon“
• Roman, Festa, Almersbach 2002
• Taschenbuchausgabe: Bastei Lübbe TB 24325, Bergisch Gladbach 2004

„Die Ausgesetzten“
in: „Eine Trillion Euro“, Andreas Eschbach (Hrsg.),
Bastei Lübbe TB 24362, Bergisch Gladbach 2004

Foto: Irena Brauneisen, 2006. Quelle: marrak.de