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Slaughter, Karin – Schattenblume

Ironisch: Unser Sheriff, der Schürzenjäger

Ein Geiseldrama hält ganz Heartsdale, Georgia, in Atem. Zwei schwer bewaffnete Männer haben die Polizeistation von Grant County überfallen. Einer der Polizisten dort wurde erschossen, Chief Jeffrey Tolliver schwer verwundet. Ebenfalls im Gebäude ist Sara Linton, die Kinderärztin und Rechtsmedizinerin der Stadt. Sie versucht verzweifelt, ihrem Ex-Mann das Leben zu retten. Aber jeden Moment kann einer der Gangster merken, dass der erschossene Cop gar nicht der Chief ist, auf den sie es offensichtlich abgesehen haben … (Verlagsinfo)

Die Autorin

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind über 15 Ländern erschienen, und wenn man sich die Geschichten ihrer neuesten Romane anschaut, so stellt man schnell fest, dass es sich die Autorin keineswegs leicht macht, sondern im Gegenteil schwerwiegende und komplex angelegte Themen aufgreift. Sie scheut nicht vor der Behandlung von Tabus wie Homosexualität, Inzest, Sex mit Behinderten, Rassismus, religiöser Wahn, Drogenmissbrauch, Pädophilie und Selbstjustiz zurück.

Handlung

Gegenwart, Georgia, Grant County, Heartsdale

Lena Adams’ Geburtstag soll eigentlich ein besonderer Tag werden. Ihre Regel ist überfällig und sie hofft bzw. fürchtet, dass sie von ihrem Lover Ethan schwanger sein könnte. Was diesen Tag besonders macht, ist zudem der Umstand, dass Chief Jeffrey Tolliver sie wieder zum Polizeidienst in Grant County, Georgia, zugelassen hat. Sie wirft sich in Schale. Doch sie hätte sich die Mühe sparen können, denn sie kommt überhaupt nicht durch zur Polizeistation von Heartsdale …

Sara Linton, Kinderärztin und Gerichtsmedizinerin der Stadt, besucht gerade ihren Ex-Mann Tolliver, als die Katastrophe beginnt. Zu allem Überfluss führt Polizist Brad Stephens gerade eine Schulklasse von Zehnjährigen durch die Büroräume. Als Sara die beiden Männer sieht, die Jeffrey sehen wollen, hat sie ein ungutes Gefühl. Doch als einer der beiden eine Schrotflinte unter seinem Mantel hervorzieht, schreit sie auf: „Jeffrey!“ In diesem Moment betritt der Polizist Matt Hogan die Station. Sofort wird ihm der Kopf weggeschossen, und die Station verwandelt sich in ein Tollhaus.

In der nachfolgenden Schießerei sind auf Seiten der Polizei mehrere Opfer zu beklagen, auch Jeffrey Tolliver ist verletzt und droht zu verbluten. Zwei Kindern und einem Polizisten gelingt im Durcheinander die Flucht, doch Sara Linton bleibt nur eines übrig: sich zu verstecken. Leider haben die beiden Killer die Lage schon bald unter Kontrolle. Es scheinen richtige militärische Profis zu sein. Einer hat ein Armee-MG und der andere eine AK-47 Kalaschnikoff. Außerdem haben sie haufenweise Munition dabei, können also einer Belagerung standhalten.

Sara fragt sich, warum sie Matt erschossen haben. Da fällt ihr ein, dass sie Jeffreys Namen gerufen hatte. Sie hielten Matt für Jeffrey. Doch wenn sie nun die Personalien Jeffreys durchsuchen, könnten sie die Wahrheit entdecken und Jeffrey doch noch abknallen. Einer der beiden kommt ihr vage bekannt vor. Und er kennt sie offensichtlich als „Dr. Sara Linton“. Doch woher? Sara muss sich etwas einfallen lassen, und zwar schnell, bevor Jeffrey den Geist aufgibt.

1991, Alabama, Sylacauga

Auf dem Weg in den gemeinsamen Florida-Urlaub macht Jeffrey einen folgenreichen Fehler: Er nimmt Sara, die er erst wenige Wochen kennt, mit in seine Heimatstadt, das 12.000-Seelen-Kaff Sylacauga. Es müssen wohl sentimentale oder nostalgische Gefühle sein, die ihn dazu bringen, bei seinem Freund Possum vorbeizuschauen und danach in seinem alten Jugendzimmer zu übernachten. Doch nach einer großartigen Runde Sex kommt es zu einem Streit, denn Sara ist ganz schön stur und lässt sich von Frauenheld Jeffrey nichts bieten.

Im Schlafanzug läuft sie barfuß hinaus in die Nacht. Auf einmal hört sie Schüsse und einen Schrei aus einem der anderen Häuser in der Straße. Mit Jeffrey dringt sie in das Haus ein, um Hilfe zu leisten. Sie platzen in die Szene eines blutigen Verbrechens. Dies ist das Haus von Robert, dem besten Freund Jeffreys, und dessen Frau Jeannie. Ein Mann liegt auf dem Boden – ihm wurde der halbe Kopf weggeschossen.

Und Robert wankt ebenfalls getroffen zu Boden: Er hat eine Schusswunde im Bauch. Sara versorgt ihn als Ärztin sofort. Aber etwas an seiner Wunde kommt ihr seltsam vor: Solche Schmauchspuren entstehen nur, wenn die Waffe aus nächster Nähe abgefeuert wurde. Wie soll das zugegangen sein? Doch da sie neu hier ist, hält sie erstmal die Klappe.

Unterdessen hat Jeffrey die Polizei geholt und versucht, den Tathergang zu rekonstruieren, auch anhand von Roberts Aussage. Jeannie steht unter Schock und kann praktisch nichts aussagen. Offenbar hat Robert, als er vom Einkaufen zurückkehrte, den Einbrecher dabei überrascht, wie er sich über seine Frau hermachte. Robert holte seine Waffe aus dem Schrank, wurde beschossen, feuerte zurück, wobei er eine Ladehemmung hatte – daher die vielen Patronenhülsen.

Für den Sheriff, „Hoss“ Hollister, ist der Fall glasklar – es war Nothilfe. Der Tote, Luke Swan, war ein stadtbekannter Dieb und Einbrecher. Er lässt Sara, da sie Rechtsmedizinerin ist, die Autopsie des Toten vornehmen. Sie hat jede Menge Einwände gegen die Art, wie man hier die Rechtsmedizin handhabt: Es gibt keine Röntgenaufnahmen, und wenn sie jetzt den Schädel öffnet, könnte sie Spuren vernichten. Seltsamerweise scheint dies dem Sheriff nichts auszumachen.

Dass es besser gewesen wäre, die Spuren ganz genau aufzunehmen und den Tathergang zu rekonstruieren, erkennt Sara in den nächsten beiden Tagen. Auf einmal bekennt sich Robert zu einem kaltblütigen Mord an Luke Swan schuldig, zur größten Bestürzung Jeffreys. Als Sara auch noch das Skelett einer vor drei Jahren verschollenen jungen Frau in Jeffreys Jugendhöhle findet, bekennt sich Robert auch noch zu diesem Verbrechen. Offenbar hat er es sehr eilig, auf den elektrischen Stuhl oder in die Gaskammer zu kommen. Aber warum nur? Und wenn Robert das Mädchen nicht getötet hat, wer dann?

Mein Eindruck

Ich habe den Roman in zwei Tagen ausgelesen. Denn erstens ist der Aufbau abwechslungsreich, indem die Story zwischen den beiden Schauplätzen hin und wieder wechselt. Nicht von Kapitel zu Kapitel, sondern erst nach einer gewissen Strecke, die der Story jeweils Zeit gibt sich zu entwickeln. Und zweitens ergibt sich dadurch auch eine Spannung, allein schon durch die Kardinalfrage, was denn, bitte schön, das olle Sylacauga mit der Geiselnahme in der Polizeistation von Heartsdale verbindet.

Selbstverständlich sind es die Geiselnehmer selbst. Sie wollten von vornherein Chief Tolliver kaltmachen, mussten ihn also gekannt haben. Aber sie kannten ihn nicht so gut, dass sie wussten, wie er heute aussieht. Ergo: Die Zeit der gemeinsamen Bekanntschaft muss schon ziemlich lange zurückliegen – im Jahr 1991. Uns interessiert natürlich nun die Frage, welche Jungs das damals gewesen sein könnten. Und warum hegen sie plötzlich solchen Hass auf Tolliver?

Den Schlüssel zu diesem Rätsel liefern zwei Zeitebenen: der Besuch im Jahr 1991 und die Jugendzeit, die Tolliver dort bis zu seinem Weggang verbracht hatte. Man kann nicht gerade sagen, dass Jeffrey ein Engel war – „Bengel“ trifft es schon eher. Er legte die Mädchen seiner Schule reihenweise flach, mit wenigen Ausnahmen. Sara bekommt es von ihm und seinen Freunden und Bekannten nur allzu gerne verklickert. Statt jedoch angewidert zu sein – sie hat ja auch ihre Erfahrungen – versucht sie, den Menschen Jeffrey Tolliver zu verstehen. Kann sie ihm vertrauen?

Seine Promiskuität hatte zur Folge, dass er einen Sohn namens Jared hat, von dem er im Jahr 1991 noch nichts ahnte. Er dachte damals, Jared sei der Sohn seines besten Freundes Possum und dessen Frau Nell (mit der er natürlich auch etwas hatte). Sara erfährt davon, darf es ihm aber auf Bitten Nells nicht sagen. Und er muss sich fragen lassen, ob er vielleicht uneheliche Kinder gezeugt hat. Er kann es nicht ausschließen. Zum Glück hat er die in medizinischen und genetischen Dingen beschlagene Dr. Sara Linton dabei. Sie klärt ihn darüber auf, wie er ausschließen kann, von irgendwelchen Jungs der Vater zu sein, einfach anhand bestimmter Merkmale.

Ihre Kenntnisse und hartnäckige Neugier führen zur Aufklärung von zwei Mordfällen: dem in Roberts Haus und dem an der Frau, deren Skelett Sara 1991 entdeckte. Ihre Entdeckungen bringen sie selbst in Lebensgefahr und kosten einen weiteren Menschen das Leben. Und aufgrund dieses Wissens kann sie den beiden Geiselnehmern in Heartsdale mit Gewissheit sagen, dass sie schwer auf dem Holzweg sind. Sie suchen nach dem falschen Schuldigen.

Leider hilft dies weder Jeffrey, der zu verbluten droht, noch den anderen Geiseln noch Lena Adams, die sich mutig in die Schusslinie begibt, um Tolliver, der ihr immer wieder eine Chance gibt, das Leben zu retten. Doch auch wenn sie zur Heldin wird, so wartet doch am Abend ihres Geburtstags nicht eine liebevolle Umarmung auf sie, sondern ein Schlag in die Magengrube, schwanger oder nicht. Sie ist und bleibt die Märtyrerin von Grant County.

Die Übersetzung

Ich habe selten ein gebundenes Buch mit so vielen Druckfehlern gesehen. Diese sind auf den Seiten 43, 63, 69, 109, 192 und anderen Seiten zu finden. Dabei handelt es sich unter anderem um simple Verdopplungen von Wörtern, wie etwa „mich mich“ oder „leichte leichte“ (63), oder um fehlende Endungen (43). Dass Dativ und Genitiv miteinander im Clinch liegen, ist ja bekannt. Dass die Übersetzerin beide auseinander halten können sollte, kann man aber auch erwarten. „Zu einer Art Heiligen machen“ (69) ist meiner Ansicht nach falsch bzw. umgangssprachlich, weil es statt „Heiligen“ (Dativ) „Heiliger“ (Genitiv) heißen müsste, denn „Heiligen“ ist von „Art“ abhängig und nicht von „zu einer“. Auch darüber ließe sich trefflich streiten.

Anders verhält es sich mit Streitfällen des Sprachstils. Die Frage ist auf Seite 40, ob Licht „schwummerig“ sein kann. Kann es nicht, denn „schwummerig“ ist ein Zustand des mangelnden persönlichen Wohlbefinden – vulgo: „Schwindel“ genannt. Aber was beim Licht zutrifft, ist der Begriff „schummrig“, und das dürfte aus dem Rotlichtmilieu allgemein bekannt sein. Manchmal liegt es nur an einem einzigen Buchstaben, ob guter Stil oder Unsinn herauskommt. Dies zu korrigieren, wäre Sache des Lektorats. Das hat offensichtlich gepennt oder ist unfähig.

Es steht zu hoffen, dass diese peinlichen Fehler der zweiten gebundenen Auflage spätestens in der Taschenbuch-Ausgabe bereinigt worden sind.

Unterm Strich

Endlich hat die Autorin mal auf die üblichen Splattereffekte verzichtet: Hier wird niemand gekreuzigt, vergewaltigt oder durchsiebt. Na ja, einige Leute müssen schon dran glauben, aber das geschieht auf eher dezente Art und Weise. Schön fand ich nicht nur den interessanten Aufbau des Krimis, sondern auch, dass Lena Adams hier endlich ihren großen Tag hat.

Von Interesse ist auch das Auftreten des Georgia Bureau of Investigations (GBI) und seiner Geiselbefreiungstruppe. Diese untersteht einer gar strengen Frau Wagner, die von ihrem Kollegen Nick Shelton zunächst als gefühllose „Maschine“ bezeichnet wird, sich dann aber doch als die Person herausstellt, die den größten Überblick bewahrt. Auf diese Weise berücksichtigt sie Aspekte, die anderen wie etwa Lena nicht im Traum eingefallen wären, weil sie sich nämlich von den blutigen Ereignissen haben traumatisieren lassen. Nach Hinweisen von Wagner fragt sich Lena, warum sie nicht selbst auf das Offensichtliche gekommen ist. Zu Lenas Freude bietet Wagner ihr einen Platz in ihrer Truppe an: der Ritterschlag. Aber Lena will lieber in ihrem Städtchen bleiben. Recht so, Lee! Wir brauchen dich!

Alles in allem ist dies der bislang gelungenste Thriller von Karin Slaughter. Spannung, Abwechslung und jede Menge ironischer Humor (in den Sylacauga-Kapiteln) bildet eine unterhaltsame Mischung, die Leser wie mich mühelos bei der Stange hält – siehe oben. Hoffentlich ist das Hörbuch, das in Kürze beim |Argon|-Verlag erscheinen soll, ebenso gut.

Originaltitel: Indelible, 2004
480 Seiten
Aus dem US-Englischen von Sophie Zeitz

www.rowohlt.de

Karin Slaughter – Vergiss mein nicht (Lesung)

Trifft ins Herz: finaler Rettungsschuss

Es ist eine heiße Sommernacht im Städtchen Heartsdale, Georgia. Auf dem Parkplatz der Rollschuhbahn droht die 13-jährige Jenny den drei Jahre älteren Herzensbrecher Mark zu erschießen. Behutsam versuchen die Ärztin Sara Linton und ihr Ex-Gatte, Polizeichef Jeffrey Tolliver, die Situation zu entschärfen. Zunächst sieht es nach einem Liebesdrama unter Teenagern aus, doch dann kommt es zum Showdown: Tolliver muss Jennys Leben opfern, um Marks Hinrichtung zu verhindern. Schließlich findet man in den Toiletten der Anlage ein totes Neugeborenes, und Linton und Tolliver sehen sich einem Fall gegenüber, von dem sie sich wünschen, sie hätten ihn nie übernommen. (abgewandelte Verlagsinfo)

Die Autorin

Karin Slaughter wuchs in einer kleinen Stadt in Georgia auf und lebt heute in Atlanta. Schon mit ihrem Debütroman sicherte sie sich einen Platz unter den wichtigsten Thrillerautorinnen der USA. Heute ist sie laut Verlag einer der Stars dieser Liga. Ihre Bücher sind in über 15 Ländern erschienen, und wenn man sich die Geschichten ihrer neuesten Romane anschaut, so stellt man schnell fest, dass es sich die Autorin keineswegs leicht macht, sondern im Gegenteil schwerwiegende und komplex angelegte Themen aufgreift. Sie scheut nicht vor der Behandlung von Tabus wie Homosexualität, Inzest, Sex mit Behinderten, Rassismus, religiöser Wahn, Drogenmissbrauch, Pädophilie und Selbstjustiz zurück. Ein kleiner Teil davon ist in „Vergiss mein nicht“ zu finden.

Die Sprecherin

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“, für die sie den Deutschen Fernsehpreis 2004 erhielt. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo) Sie liest eine gekürzte Textfassung.

Regie führte Margrit Osterwold, für den guten Sound sorgte Tonmeister Fabian Küttner.

Handlung

Es ist ein schöner Samstagabend auf der Rollerskatebahn von Heartsdale, Georgia. Neben Kinderärztin Sara Linton sind auch ihr Patient Justin, 7, und ihre Schwester Tessa da. Nur ihr Ex-Mann, Sheriff Jeffrey Tolliver, hat sich verspätet, sonst wäre der Abend perfekt. Auf dem Damenklo macht sie eine merkwürdige Beobachtung: Jenny Weaver taucht aus einer der Toiletten völlig verstört auf. Sara bemerkt an Jennys Rucksack und am Türgriff einer Kabine Blut.

Kurz darauf hört sie, wie ein Mädchen einen Jungen anschreit. Sara eilt hin, und da zielt Jenny mit einer achtschüssigen Beretta auf einen Jungen, der offenbar ziemlich zugekifft ist und die Bedrohung nicht ganz ernst nimmt. Sheriff Tolliver ist inzwischen eingetroffen und ermahnt Jenny, die Waffe fallen zu lassen. Doch statt zu gehorchen, entsichert Jenny bloß ihre Beretta. Tolliver merkt, dass sie es todernst meint. Sie weint und fordert ihn auf, sie zu erschießen, bevor sie den Jungen abknallt.

Nun entsichert auch Tolliver seine Dienstwaffe, in der Hoffnung, dass seine alarmierten Kollegen bald da sein werden, um Jenny zu umzingeln. Da kommen Brad Stevens und Lena Adams auch schon, doch es hilft nichts. Auch Sara kann nichts gegen Jennys verzweifelte Sturheit ausrichten. Jenny nennt den Jungen lediglich einen Lügner. Tolliver zählt bis fünf. „Fünf“, schreit Jenny, dann schießt er. In ihrem Rucksack findet Sara ein 28 Wochen altes Baby. Jenny wollte es im Klo entsorgen. Der Junge, Mark Patterson, war sein Vater.

WARNUNG: SPOILER

Die Untersuchung der Leiche, die Sara als Gerichtsmedizinerin vornimmt, fördert einige grausige Körpermerkmale zutage. Ihre Haut ist mit vielen kleinen Schnitten übersät (daher der O-Titel: „Kisscut“) und ihr Becken weist die Spuren einer brutalen Vergewaltigung auf. Und noch etwas: Das Baby kann nicht von Jenny sein – ihre Vagina wurde zugenäht. Vor mindestens einem halben Jahr.

SPOILER ENDE

Jennys Mutter Dottie erzählt, dass Jenny mit Marks Schwester Lacy in einer kirchlichen Jugendgruppe war, die von Pastor David Fine geführt und von Brad Stevens betreut wird. Das ging jedenfalls so bis vor etwa acht Monaten, als die Gruppe in die Weihnachtsfreizeit fuhr. Dann muss etwas passiert sein, denn von da ab wollte Jenny nicht mehr zu den Gruppenabenden. Von Jennys Verletzungen weiß Dottie nichts. Mark Patterson aber ist wegen Diebstahls und Tätlichkeit gegen Lacy verurteilt worden. Hat er etwas mit Jennys Zustand zu tun?

Als Polizistin Lena Adams die Pattersons in deren Trailer aufsucht, merkt sie gleich, dass hier etwas nicht in Ordnung ist. Der Vater von Mark, ein Trucker, sieht okay aus, aber seine Mutter Grace hat Lungenkrebs im Endstadium. Mark selbst versucht Lena mit seinem männlichen Charme zu verführen, denn er ist wieder einmal zugedröhnt. Sie bemerkt eine besondere Tätowierung auf seiner Hand. Aber wo ist seine Schwester?

Lacy taucht am übernächsten Tag in der Kinderklinik bei Sara Linton auf. Das 13-jährige Mädchen ist schwanger und versteckt sich vor seinem Bruder Mark. Auch ihrer Mutter soll Sara nichts sagen. Offenbar hat sie Angst vor. Als Mark plötzlich auftaucht, mit einem Messer in der Hand und total stoned, ruft Sara die Polizei und schickt Lacy heimlich weg. Doch während Lena Adams Mark erwischen und festnehmen kann, wird Lacy in einem schwarzen Auto entführt.

Etwas definitiv Unheimliches geht vor in Heartsdale, Georgia. Und es gefällt Sara kein bisschen.

Mein Eindruck

Wieder einmal sind junge Mädchen die Opfer von Verbrechen. Diesmal greift die Autorin das Thema Pädophilie und Kinderpornografie auf. Im Zuge von Sheriff Tollivers Ermittlungen entsteht das Bild einer Industrie, die keine Skrupel bei der Ausbeutung von Mädchen und Jungs kennt. Aber der Sheriff stößt auf zwei Aspekte, die ihn besonders betroffen machen. Erstens hat sich ein Pastor dazu erpressen lassen, die Pornohefte an die Kunden zu verteilen, und zweitens gehören zu den Rädelsführern des Pornorings zwei ältere Frauen, die selbst Mütter sind und es eigentlich besser wissen sollten.

Die Folgen ihres kriminellen Treibens zeigt die Autorin an den Mädchen Jenny und Lacy auf, die einmal Freundinnen waren, bevor – etwas – geschah. Man kann sich schon denken, was das war. Eine zentrale Rolle fiel dabei dem Adonis Mark Patterson, zu der sich von einem Opfer pädophiler Handlungen zu einem Täter entwickelt hat und nun selbst immer neue Opfer erzeugt, indem er Mädchen verführt und gefügig macht. Das Erkennungszeichen seines Pädo-Rings trägt er auf der Haut: Lena Adams hat das Tattoo bemerkt.

Otto Normalverbraucher kann es natürlich kaum glauben, dass es solche Pädo- und Pornoringe mitten in der amerikanischen Provinz geben soll. Andererseits würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, die Drahtzieher in Kreisen von Müttern und der Kirche zu suchen. Offenbar gibt es auch Verbindungen zu Kreisen in der Hauptstadt Atlanta, und dort besteht ein riesiger, unersättlicher Markt.

Explosive Ermittlung

Die Suche nach den Drahtziehern führt Tolliver und Lena Adams zu einem Haus, wo die Aufnahmen gemacht worden sein sollen, die in den Pornomagazinen zu finden sind. Das inzwischen leer geräumte Haus erweist sich jedoch als Todesfalle. Diese Szene ist sorgfältig ausgeführt worden, so dass höchste Spannung aufkommt – die sich als völlig gerechtfertigt erweist. Tolliver geht um ein Haar drauf, und nur weil er Lena in sichere Entfernung geschickt hat, entgeht sie dem Tod. Tolliver merkt also am eigenen Leib, dass mit den Pädo-Leuten nicht zu spaßen ist.

Showdown

Das Finale ist jedoch ziemlich ironisch gestaltet. Obwohl Tolliver weiß, wo er die überlebende Drahtzieherin findet, gelingt es ihm trotz einer wilden Verfolgungsjagd nicht, sie zu schnappen. Bleibt also nur die Video-Überwachung des Schließfaches, wo das verbotene Material weitergegeben wird. Doch auch diesmal sind die Überwacher geistig nicht schnell genug, um das zu begreifen, was sie sehen. Die Kriminellen sind ihnen stets einen Schritt voraus, zeigen ihnen sogar den Mittelfinger. Und da sie wie Normalbürger aussehen, sind sie auch auf der Straße nicht auszumachen. Der Horror ihrer Taten findet also – anders als in gewissen TV-Serien – kein Ende.

Nice work?

Dieser Thriller mag vielleicht nicht so aufregend bizarr sein wie „Belladonna“ oder das nachfolgende „Faithless“, aber er verfügt dennoch über eine gut konstruierte Zentralstory, die den Leser bzw. Hörer ständig bei der Stange hält, um herauszufinden, wer wohl dahinter steckt. Aber es gibt auch einen Nebenstrang, der ebenso verstörend wirken kann. Wer sich mit der Figur der Polizistin Lena Adams, der Gekreuzigten, angefreundet hat, wird einige beklemmende Szenen erleben. Dazu gehört auch, dass sie sich eines Nachts, gequält von Erinnerungen an ihr Martyrium und den Verlust ihrer Schwester Sibyl, den Lauf ihrer Dienstwaffe in den Mund steckt und kurz davor ist abzudrücken.

Die Sprecherin

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den bizarrsten Stellen dieses an unheimlichen Details reichen Thrillers. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken.

Dottie Weaver beispielsweise klingt nörgelig und müde, als könnte sie keiner Fliege was zuleide tun. Hank Norton, der Ziehvater von Lena Adams, ist mal wieder besoffen – er verschleift seine Konsonanten in einer nuschelnden Redeweise. Mark Patterson, den jugendlichen Adonis, kann man sich leicht anhand seines selbstbewussten und verführerischen Tonfalls vorstellen. Später besucht Lena ihn wieder: Er wurde geschlagen und spricht schwach, was ihn zerbrechlich wirken lässt – genau wie seine Mutter Grace. Lena besucht auch sie, doch sie muss erfahren, dass Schwäche keineswegs einen besseren Menschen aus Grace gemacht hat. Später tritt ein Dealer namens Joe Stewart auf, den die Sprecherin berlinerisch reden lässt. Das ist wohl als Ersatz für einen Stadtakzent zu verstehen.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm hundertprozentig. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihr heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Böhm strahlt hingegen Professionalität aus, wo es nötig ist, und Emotionen, wo es angebracht ist.

Unterm Strich

Wie schon unter der Rubrik „Die Autorin“ gesagt, lässt Karin Slaughter in ihren Romanen kaum ein Verbrechen oder Tabu aus. Vielleicht ist sie deshalb so schnell so erfolgreich geworden? Klappern gehört bekanntlich zum Handwerk, und in dem heiß umkämpften Markt der Thrillerautorinnen kann sich nur diejenige hocharbeiten und behaupten, die die Leserin am heftigsten zu erschüttern weiß. Leider muss die Schockdosis ständig erhöht werden, um noch Wirkung zu zeitigen. Irgendwann schlägt das, was an schwerem Geschütz aufgefahren wird, ins Groteske, ja, ins Absurde um. Wann dieser Punkt gekommen ist, hängt von der Empfindsamkeit, der Intelligenz und Empfänglichkeit des individuellen Lesers bzw. Hörers ab.

Doch im vorliegenden „Kisscut“ wird niemand gekreuzigt oder lebendig begraben. Obwohl die Handlung reichlich makaber mit der Erschießung eines Kindes beginnt, so steigert sich dieses Niveau des Schreckens nicht noch weiter in unplausible Höhen. Alles, was im Folgenden passiert, entbehrt nicht desjenigen Realismus‘, den man täglich in den Nachrichten vorgesetzt bekommt: vom Pädophilen- und Pornoring bis zu misshandelten Mädchen und blutig entsorgten Föten.

Slaughters Thriller waren noch nie zimperlich, wenn es um das Traktieren der Nerven des Lesers bzw. des Hörers geht. Vielleicht hat die Autorin deshalb so schnell Erfolg gehabt. Auch dieser Thriller, dessen deutscher Titel sich mir nicht erschließt, geizt nicht mit Spannung und schockierenden Ermittlungsergebnissen. Und er zeigt die Hüter des Gesetzes ebenfalls als Opfer einer Gesellschaft, die keine Grenzen mehr kennt, wenn es um die Ausbeutung der Schwächsten geht.

Die Sprecherin Iris Böhm trägt die Geschichte mit eindrucksvoller Professionalität und Feinfühligkeit vor. Auch die heikelsten Details und abstoßendsten Szenen sind ihr nicht anzumerken, und das ist sicher ein Kunststück. Es gibt mehr als genug davon. In ihr finden die weiblichen Fans von Karin Slaughter ein qualifiziertes Sprachrohr für die Geschichten der Autorin. Mit Sorge habe ich jedoch festgestellt, dass ihre Stimme inzwischen an manchen Stellen brüchig klingt – eine Spur des Alters oder eine Folge von Überarbeitung?

Originaltitel: Kisscut, 2002
Aus dem US-Englischen übersetzt von Teja Schwaner
410 Minuten auf 6 CDs

Das Buch erschien 2004 bei Wunderlich, einer Tochter des Rowohlt-Verlags.

Slaughter, Karin – Dreh dich nicht um (Lesung)

Ein Sarah-Linton-Thriller

Am Grant College und in dessen Nähe findet die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau, beide Studenten, die anscheinend Selbstmord begangen haben. Doch bestimmte Unstimmigkeiten lassen Sheriff Tolliver und Gerichtsmedizinerin Sara Linton am Anschein zweifeln. Dass Saras hochschwangere Schwester in der Nähe eines der Tatorte überfallen und schwer verletzt worden ist, verwirrt und beunruhigt die beiden Ermittler in höchstem Maße. Werden sie bei ihrem Vorgehen beobachtet und manipuliert?
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Karin Slaughter – Pieces of Her (Thriller)

Mutter und Tochter im Überlebenskampf

Ein schrecklicher Akt der Gewalt ist alles, was nötig ist, Andrea Olivers Leben auf den Kopf zu stellen. Ein Mörder, der in einen Schnellimbiss eindringt und zwei Frauen erschießt. Dann gerät auch Andrea in sein Visier, denn sie trägt eine Art Polizeiuniform. Doch ihre Mutter Laura stellt sich dem Mann entgegen. Stellt ihn, redet auf ihn ein. Tötet ihn.

Andrea hat überlebt, Laura hat überlebt, doch es nicht der Mörder, den die Polizei nun zu jagen beginnt, sondern die beiden Überlebenden. „Tötungsmaschine“, nennt eine angebliche Freundin Andreas Laura, ihre Mutter. Nicht Heldin. Und im Handyvideo, das ein anderer Imbissgast gedreht, sieht sie genau so aus. In der nächsten Nacht muss Andrea die Anweisungen ihrer Mutter befolgen und verschwinden. Denn nun hat auch sie selbst getötet…

Dieser Thriller, der keiner Serie zugehört, soll demnächst von Netflix verfilmt werden. Das gleiche gilt für „The Good Daughter“ und „Cop Land“.
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[NEWS] Karin Slaughter – Schwarze Wut (Georgia 5)

Vergib deinen Feinden, vergiss aber niemals ihre Namen …

Als krimineller Biker Bill Black kommt Will Trent nach Macon, Georgia, um die Drahtzieher im dortigen Drogengeschäft zu entlarven. Die Undercover-Aktion ist höchst gefährlich, doch wirklich zu schaffen macht Will die Trennung von Sara Linton, vor der er den Einsatz geheim hält. Als Saras Stiefsohn bei einer Schießerei, die mit Wills Mission zusammenhängt, überfallen wird und ins Koma fällt, eilt sie ebenfalls nach Macon. Und bald sind Sara und Will in denselben Fall verwickelt – jedoch auf gegnerischen Seiten … (Verlagsinfo)

Gekürzte Lesung auf 6 CDs
Laufzeit: 6:57 Std.
Sprecherin: Nina Petri
Originaltitel: Unseen (Delacorte, New York 2013)
Random House Audio

[NEWS] Karin Slaughter – Schwarze Wut (Georgia 5)

Sara Linton und Will Trent sind wieder im Einsatz – aber diesmal auf gegnerischen Seiten …

Als krimineller Biker getarnt kommt Will Trent nach Macon, Georgia, um die Drahtzieher im dortigen Drogengeschäft zu entlarven. Sollte er erkannt werden, ist er ein toter Mann. Doch die Sache wird noch komplizierter, als klar wird, dass Detective Lena Adams in den Fall verwickelt ist. Nach einer Razzia auf einen Fixertreff wurde sie in ihrem Haus überfallen. Dabei wurde ihr Mann Jared schwer verletzt und liegt seitdem im Koma. Sollte Sara Linton erfahren, dass ihr Stiefsohn Jared zwischen Leben und Tod schwebt, wird sie nicht nur nach Macon kommen und Lena zur Rede stellen – sondern sie könnte auch Wills Tarnung auffliegen lassen. Will muss um jeden Preis verhindern, dass sie sich in die Ermittlungen einmischt – andernfalls würde es bedeuten, dass sie diesmal auf gegnerischen Seiten stehen … (Verlagsinfo)

Gebundene Ausgabe: 512 Seiten
Originaltitel: Unseen
Blanvalet

[NEWS] Karin Slaughter – Schattenblume (Grant County 4)

Ein Geiseldrama hält ganz Heartsdale in Atem. Bei dem Überfall auf die Polizeistation wurde ein Polizist erschossen und Chief Jeffrey Tolliver schwer verwundet. Zudem befindet sich eine Schulklasse im Gebäude. Kinderärztin und Rechtsmedizinerin Sara Linton setzt alles daran, die Kinder zu beruhigen und ihrem geliebten Jeffrey das Leben zu retten. Zeitgleich versuchen Detective Lena Adams und der alte Cop Frank die Identität und die Motive der Täter herauszufinden. Doch zur Überraschung aller werden keine Forderungen gestellt. Was haben die Geiselnehmer vor? Ein gnadenloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt … (Verlagsinfo)

Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: Indelible
Blanvalet

Karin Slaughter – Belladonna

Willkommen in der Freak Show!

Sara Linton, Kinderärztin und Gerichtspathologin, findet Sybil Adams verblutend auf der Toilette eines Restaurants. Zwei tiefe Schnitte in Sybils Bauch bilden ein tödliches Kreuz. Dass sie blind und damit so gut wie wehrlos war, macht den brutalen Mord noch entsetzlicher … (Verlagsinfo) Die Handlung dieses Romans geht jener in „Dreh dich nicht um“ zeitlich voraus.

Die Autorin

Karin Slaughter – Belladonna weiterlesen