Schlagwort-Archive: Krimi

[NEWS] ANDREAS FRANZ & DANIEL HOLBE – Teufelsbande (Ein neuer Fall für Julia Durant)

Ein neuer Fall für die Ermittlerin Julia Durant bei Knaur: „Teufelsbande“ von Andreas Franz und Daniel Holbe.

Tatort Frankfurt am Main. Auf einer Autobahnbrücke bietet sich Kommissarin Julia Durant ein entsetzlicher Anblick: ein verbranntes Motorrad, darauf die Überreste eines versengten Körpers. Das Opfer eines Bandenkrieges im Biker-Milieu? Die Ermittler stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Höchste Zeit, den Kollegen Brandt aus dem benachbarten Revier zu Rate zu ziehen.
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 512 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] VAL McDERMID – Der Verrat

Neues von Val McDermid bei Droemer: „Der Verrat“.

In Val McDermids neuem Roman „Der Verrat“ muss die Schriftstellerin Stephanie Harker am Flughafen von Chicago hilflos mit ansehen, wie ihr fünfjähriger Adoptivsohn Jimmy von einem Unbekannten entführt wird. Als sie, außer sich vor Verzweiflung, aus der Sicherheitsschleuse ausbricht, wird sie für eine Attentäterin gehalten und von der Security überwältigt. Erst die FBI-Agentin Vivian McKuras glaubt ihr. Doch da ist der Entführer mit dem kleinen Jungen schon längst verschwunden …
(Verlagsinfo)

Gebundene Ausgabe, 512 Seiten
Originaltitel: The Vanishing Point

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] SABINE KORNBICHLER – Das Verstummen der Krähe

Eine Nachlassverwalterin ermittelt: „Das Verstummen der Krähe“ von Sabine Kornbichler erscheint bei Piper.

Kristina Mahlos Auftrag als Nachlassverwalterin hat es in sich. Eine Verstorbene vererbt ihr beträchtliches Vermögen ihren fünf besten Freunden, jedoch unter der Bedingung, dass es gelingt, den Mord aufzuklären, für den ihr Mann einst verurteilt worden war. Kris will den Fall ablehnen, doch dann entdeckt sie in der Wohnung der Toten einen Hinweis auf ihren eigenen Bruder Ben, der vor Jahren spurlos verschwand …
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 432 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] CARIN GERHARDSEN – Pfefferkuchenhaus

In Schweden wird mal wieder gemordet: „Pfefferkuchenhaus“ von Carin Gerhardsen erscheint bei Bastei Lübbe.

Stockholm, im November. Es ist vier Uhr nachmittags, nasser Schnee fällt vom Himmel und Dunkelheit senkt sich über Schwedens Metropole. Ein Mann steigt in die U-Bahn und lässt sich auf einen freien Platz nieder. Er betrachtet die grauen, erschöpften Gesichter um sich herum. Ist er hier der Einzige, der mit seinem Leben zufrieden ist? Ein angenehmer Arbeitstag liegt hinter ihm, und nun freut er sich auf zu Hause. Warum aber starrt ihn der Typ, der sich im Fenster spiegelt, unverwandt an? Stört es ihn, dass es ihm gut geht? Nicht mein Problem, denkt er, und vertieft sich in die Zeitung. Als er an der nächsten Station aussteigt, merkt er nicht, dass der Mann ihm folgt – In den folgenden Wochen erschüttert eine Reihe von Morden das Land. Kommissar Conny Sjöberg, glücklich verheirateter Familienvater, muss einen Serienmörder jagen …
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 384 Seiten
Originaltitel: Pepparkakshuset

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] LINDA CONRADS & ALEXANDRA RICHTER – Dreck muss weg

Linda Conrads und Alexandra Richter räumen auf: „Dreck muss weg“ erscheint bei Knaur

In Hamburg und Uttum, Ostfriesland, werden die Leichen eines älteren Schwesternpaares gefunden. Die Polizei steht vor einem Rätsel, denn beiden wurde der Mund mit Dreck zugestopft. Die selbstbewusste Kommissarin Marga Terbeek und der griesgnaddelige Kalle Bärwolff ermitteln mit Hochdruck, doch keiner will etwas gesehen haben …
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 400 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] DEBRA WEBB – In tiefster Dunkelheit

Hochspannung bei Egmont LYX: „In tiefster Dunkelheit“ von Debra Webb.

Bei dem Versuch, einen Serienmörder hinter Gitter zu bringen, beging FBI-Agentin Jess Harris einen entscheidenden Fehler. Vom Dienst suspendiert kommt ihr der Hilferuf ihres ehemaligen Freundes, des Polizeichefs Dan Burnett, gerade recht. Ein Entführer treibt in Alabama sein Unwesen, und Jess soll bei der Aufklärung helfen. Doch dann erhält sie bedrohliche Botschaften von dem Serienmörder …
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 320 Seiten
Originaltitel: Obsession

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Deon Meyer – Countdown in Kapstadt: Jagd auf Leben und Tod

5 Uhr 36: Ein Telefonanruf reißt Inspector Benny Griessel aus dem Schlaf: Eine junge Amerikanerin ist ermordet aufgefunden worden, eine andere wird durch die Stadt gejagt, und eine berühmte Sängerin hat offenbar ihren Mann erschossen. Und dann ruft auch noch seine Frau an. Sie will ihn treffen und ihm sagen, wie es mit ihnen weitergehen kann. Bennie Griessel hat dreizehn Stunden, die Morde aufzuklären – und sein Leben wieder in Ordnung zu bringen. (bearbeitete Verlagsinfo)

Der Autor

Deon Meyer, Jahrgang 1958, gilt als einer der erfolgreichsten Krimiautoren Südafrikas. Er begann als Journalist zu schreiben und veröffentlichte 1994 seinen ersten Roman. Mit seiner Frau und vier Kindern lebt er in Melkbosstrand. „Das Herz des Jäger“ wurde mit dem ATKV Prose Prize ausgezeichnet, einem begehrten südafrikanischen Literaturpreis. In den USA wurde der Roman zu den zehn besten Thrillern des Jahres ernannt. Zeitgleich erschien im Aufbau Taschenbuch Verlag sein Roman „Der traurige Polizist“. Mehr unter www.deonmeyer.com.

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[NEWS] ANDREAS FRANZ & DANIEL HOLBE – Tödlicher Absturz

Bei Knaur erscheint ein neuer Fall für Julia Durant: „Tödlicher Absturz“ von Andreas Franz und Daniel Holbe.

Eine junge Frau, die brutal misshandelt wird … Ein grausamer Mord in der Silvesternacht … Eine Spur, die in die Chefetagen einer Bank führt … Ein neuer Fall für Julia Durant und ihr Team!
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 480 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Andreas Franz bei buchwurm.info:
„Teuflische Versprechen“
„Unsichtbare Spuren“
„Spiel der Teufel“
„Eisige Nähe“

[NEWS] NANCY TAYLOR ROSENBERG – Mädchenjagd

Bei Knaur wird es spannend: „Mädchenjagd“ von Nancy Taylor Rosenberg.

Als Lily Forrester ihre Tochter Shana besucht, ist sie geschockt, denn die Studentin ist einem Nervenzusammenbruch nahe. Lily liefert sie in die renommierte Privatklinik Whitehall ein – und begeht damit einen großen Fehler. Denn dort ist ein Psychopath auf Menschenjagd. Er sucht nach der Wiedergeburt seiner großen Liebe, um gemeinsam mit ihr zu sterben. Fatalerweise ist Shana dieser Frau wie aus dem Gesicht geschnitten. Für Lily und ihre Tochter beginnt ein Alptraum …
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 544 Seiten
Originaltitel: My Lost Daughter

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Nancy Taylor Rosenberg bei buchwurm.info:
„Der blutrote Engel“

[NEWS] PETRA BUSCH: Zeig mir den Tod

Hochspannung bei Knaur: „Zeig mir den Tod“ von Petra Busch.

Der Schauspieler Günther Assmann glaubt sich vor dem internationalen Durchbruch. Hinter den Kulissen hat er viel dafür getan: intrigiert, gelogen, betrogen. Als kurz vor der entscheidenden Premiere seine Kinder Marius und Rebecca verschwinden, zerbricht die schöne Welt von Schein und Sein – und ein perfides Spiel beginnt. Der Entführer will kein Geld, sondern stellt Rätselaufgaben. Die Lösung soll Assmann auf der Bühne darbieten, sonst sterben die Kinder. Viel Zeit bleibt ihm nicht: Rebecca benötigt lebenswichtige Medikamente. Um sie zu retten, muss Kommissar Ehrlinspiel den Fall so schnell wie möglich lösen …
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 432 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

[NEWS] LOTTE & SØREN HAMMER: Das weiße Grab

Mord und Totschlag in Grönland: „Das weiße Grab“ von Lotte & Søren Hammer erscheint bei Droemer.

Kriminalhauptkommissar Konrad Simonsen ist mit seinen Kräften am Ende, als ein spektakulärer Mordfall auf Grönland seine komplette Aufmerksamkeit fordert. Erst vor kurzem ist bei ihm Diabetes diagnostiziert worden. Besorgt sehen Simonsens Team und seine Lebensgefährtin Nathalie von Rosen mit an, wie er völlig erschöpft die Ermittlungen aufnimmt. Zudem erschüttert der Fall die Polizisten zutiefst: Ein perfider Killer hat vor vielen Jahren sein Opfer im Inlandeis vergraben. Die Klimaerwärmung hat nun die Leiche zutage gebracht. Schnell wird klar, dass der Fund auf Grönland mit einer Mordserie in Dänemark zusammenhängt. Als Simonsen erkennt, dass er vor Jahren einen fatalen Ermittlungsfehler begangen hat, der seine Kollegin Pauline nun in die Gewalt des Serienkillers führt, greift der geniale Ermittler zu drastischen Mitteln …
(Verlagsinfo)

Gebundene Ausgabe, 512 Seiten
Originaltitel: Alting har sin pris

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

SIMONE BUCHHOLZ – Knastpralinen

Staatsanwältin Chas Riley ist zurück. In „Knastpralinen“ hat die trinkfreudige Heldin von Simone Buchholz ihren zweiten Auftritt und dabei nicht nur einen kniffligen Fall zu lösen, sondern sie muss auch ihr eigenes Privatleben entwirren.

Ein Baggerführer findet kurz nacheinander in der Elbe zwei Plastiksäcke, in denen sich jeweils der Kopf, die Hände und die Füße eines Mannes befinden. Als schließlich eine ähnlich eingewickelte ganze Leiche auftaucht, steht fest: Irgendjemand in der Stadt hat es auf Männer abgesehen, die mit Frauen nicht unbedingt zimperlich umgegangen sind. Zwei waren dafür bekannt, ihre Freundinnen zu schlagen, der dritte, ein Sohn aus reichem Hause, hatte eine Anzeige wegen Vergewaltigung. Nun liegt es an Chas und ihrem Kollegen Calabretta, die Täterin zu finden, was sich nicht gerade einfach gestaltet.

Doch das sind nicht Chas‘ einzige Probleme. Ihre beste (und einzige) Freundin Carla wird in ihrem eigenen Café von zwei Männern vergewaltigt. Chas‘ Nachbar Klatsche, ein ehemaliger Kleinkrimineller, mit dem sie mehr verbindet als lauschige Bierabende, kümmert sich daraufhin rührend um Carla, was Chas auf unerklärliche Weise neidisch macht. Sie, die so gar nicht für die Liebe geschaffen ist. Und dann ist da noch der Alkohol …

Hauptfigur Chas Riley, die deutsch-amerikanische Staatsanwältin mit der traurigen Familiengeschichte, ist auch in „Knastpralinen“ der eigentliche Star. Genau wie die anderen Charaktere ist sie unglaublich skurril und dabei sehr liebenswert. Buchholz macht glücklicherweise nicht den Fehler, es damit zu übertreiben. Sie schafft einfach ein paar tolle Originale mit Ecken und Kanten, einer Vergangenheit und mehr als genug gegenwärtigen Problemen. Dieses Mal gibt es beispielsweise richtig was fürs Herz. Die Beziehung zwischen Chas und Klatsche macht einige Entwicklungen durch, die selbst den Leser, der mit Romantik wenig anfangen kann, zum Seufzen bringen sollten. Chas ist eben auch nicht besonders romantisch und deshalb läuft alles ein wenig anders ab. Etwas raubeiniger, als man es von einer Frau vielleicht erwartet, aber Chas passt nun mal nicht besonders gut in bestehende Frauenstereotype. Dafür trinkt sie zu gerne Bier und hat einen zu trockenen Humor.

Da größtenteils aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist der Humor dauerpräsent. Das ist gut, weil die Geschichte dadurch wunderbar heiter wird. Die Dialoge beispielsweise sind durch die Bank gelungen, die legere Sprache ist das Hamburger Pendant zur Berliner Schnauze. Buchholz hat ihren eigenen Stil gefunden, der perfekt zu Chas passt, auch wenn die englischen Begriffe, die die Autorin häufig verwendet, an der einen oder anderen Stelle unnötig sind. Denn Chas hat zwar Wurzeln in den Vereinigten Staaten, doch davon ist in der Geschichte ansonsten nicht viel zu spüren. Obwohl aus Hessen stammend, wirkt sie wie ein echtes St-Pauli-Urgewächs.

Bei all dem Lob muss man sich als Krimileser aber damit arrangieren, dass nicht die Handlung, sondern Chas und stellenweise auch ihre privaten Probleme im Vordergrund stehen. Die Ermittlungen verlaufen ohne besondere Höhepunkte, der Fall ist eher simpel gestrickt: Mehrere Leichen werden gefunden und dann wird der Täter gesucht. Zwischendrin befindet sich niemand der Charaktere in wirklicher Gefahr, falsche Spuren oder mehrere Verdächtige gibt es auch nicht.

Mit dem zweiten Auftritt von Chas Riley wächst einem die Krimi-Reihe von Simone Buchholz zwar noch stärker ans Herz, doch perfekt ist auch „Knastpralinen“ noch nicht. Eine etwas ausgefeiltere Handlung hätte der Geschichte gut getan. Fans von Hamburg und originellen Charakteren kommen trotzdem auf ihre Kosten.

Broschiert: 249 Seiten
ISBN-13: 978-3426198148

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SIMONE BUCHHOLZ – Revolverherz

Simone Buchholz, leidenschaftliche Wahlhamburgerin, ist keine Unbekannte. Sie hat als Redakteurin gearbeitet und bereits mehrere Sachbücher verfasst oder mitgeschrieben. Nun wagt sie sich an ihr Romandebüt, wobei sich zwischen ihr und ihrer Heldin Chastity Riley ein paar Parallelen erkennen lassen. Beide haben ihre jungen Jahre in Hanau verbracht und sind später an die Elbe gezogen. Noch etwas scheinen sie zu teilen: den Enthusiasmus für den Stadtteil St. Pauli. Das sollte spätestens dann klar geworden sein, wenn man „Revolverherz“ zuschlägt.

Chastity Riley ist Staatsanwältin und die Ich-Erzählerin der Geschichte. Sie ist gerade in einen besonders widerlichen Fall verwickelt. Im Hafen wurde eine junge Frau gefunden, erdrosselt und nackt. Auf ihrem Kopf thront eine blaue Perücke, sie wurde skalpiert. Chastity und dem alten, väterlichen Kommissar Faller wird schnell klar, dass sie es hier nicht mit einem normalen Mörder zu tun haben. Sie setzen alles daran, um die Ermittlungen voranzutreiben. Chas, die im Herzen von St. Pauli wohnt, hört sich dort auf eigene Faust um, weil die Tote im Stripclub „Acapulco“ auf dem Kiez getanzt hat. Dabei holt sie sich ihren Nachbarn, den ehemaligen Kleinkriminellen Klatsche zur Hilfe, der ihr, obwohl deutlich jünger als sie, eindeutige Avancen macht.

Wenig später finden sie eine zweite Leiche, ebenfalls Stripperin im „Acapulco“ und blutjung. Es gibt keine Verbindung zwischen den beiden Opfern. Anscheinend mordet der Täter wahllos, was die Ermittlungen nicht unbedingt leichter macht. Chas, Faller und ihre Kollegen haben ganz schön zu tun. Nebenbei hat Chas auch noch ihr Privatleben in Einklang zu bringen: Ihre Vergangenheit jagt sie, ihre Freundin Carla möchte sie erst mit einem älteren Herren verkuppeln und ist dann auf einmal verschwunden, Klatsche benimmt sich wie ein liebestoller Hengst und der FC St. Pauli verliert wie immer. Gerade in dem Moment, als der jungen Frau alles über den Kopf zu wachsen scheint, muss sie feststellen, dass der Fall vielleicht mehr mit ihrem Leben zu tun hat, als sie glaubt …

Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätte es auch sehr gewundert. Chastity steht für einen Krimi sehr stark im Vordergrund. Das ist logisch, schließlich wird aus ihrer Erzählperspektive erzählt. Die Autorin verwendet allerdings zusätzlich Zeit darauf, das Privatleben der Staatsanwältin auszuleuchten. Das gelingt ihr sehr gut. Chastity ist interessant und gut ausgearbeitet und wirkt stellenweise wie eine kühlere, erfolgreichere Bridget Jones – und das ist ein positiver Vergleich! Chas ist umwerfend ironisch, kantig und voller Widersprüche. Sie hat düstere, schmerzhafte Geheimnisse, die sie dem Leser nicht vorenthält, und begeht viele Fehler, was sie menschlich erscheinen lässt. Hinzu kommt, dass sie nicht so einfach einem der existierenden Literaturklischees von Frauen zugeordnet werden kann. Sie ist keine Witzfigur aus einem Frauenroman, für die taffe Anwältin ist sie zu verletzlich und für die Karrierefrau trinkt sie zu viel Bier und mag Fußball zu sehr.

Die anderen Figuren im Buch sind amüsant und gut ausgearbeitet, lehnen sich aber zumeist an Klischees vom Kiez oder der Krimiliteratur an. Dass dies nicht störend wirkt, ist der Autorin hoch anzurechnen und hängt damit zusammen, dass sie trotzdem jeder Figur eine eigene Note zu verleihen weiß. Klatsche beispielsweise ist auf der einen Seite das Schlitzohr, hat aber auf der anderen Seite ein goldenes Herz und versucht, sein Geld mittlerweile legal zu verdienen – mit einem Schlüsseldienst, naheliegend für einen ehemaligen Einbrecher.

So viel Positives lässt sich über die Handlung nicht berichten. Die wirkt aufgrund Chastitys Dauerpräsenz häufig wie die Zweitbesetzung, was nicht unbedingt ein Fehler sein muss. Allerdings macht die Autorin den Fehler, es mit den düsteren Erinnerungen von Chas ein wenig zu übertrieben. Häufig wirken diese deplatziert und die Nähe zum Kriminalfall ist an einigen Stellen fraglich, was dem Buch ein paar Längen beschert. Des Weiteren lässt sich Buchholz‘ Lokalkolorit kritisieren. Wer nicht gerade in Hamburg wohnt, wird mit vielen ihrer Beschreibungen nur wenig anfangen können. Da sie wirklich ständig auf den besonderen Merkmalen der Stadt herumreitet, geht dem Leser Hamburg nach einer Weile auf die Nerven und Chastitys Liebe zur Elbstadt wird stellenweise unrealistisch. Ähnliches gilt für die Handlung, die nicht nur durch diesen Füllstoff gestört wird. Insgesamt ist der Kriminalfall, den es zu lösen gilt, nicht wirklich innovativ. Das Rotlichtmilieu mit seinen skurrilen Gestalten – sei es in Hamburg, Berlin oder in jeder anderen, größeren Stadt dieser Welt – ist immer wieder gerne ein Ansatzpunkt für Geschichten. Simone Buchholz schafft es nicht, ihre Handlung so zu zeichnen, dass sie eigenständig wirkt. Man glaubt nicht nur, Ähnliches schon einmal gelesen zu haben, sondern kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass es hier an Spannung fehlt. Es fällt schwer, eine Spannungskurve auszumachen; vielmehr wirkt die Geschichte stellenweise wie eine Aneinanderreihung verschiedener Ereignisse und einiger Zufälle, die in der Summe doch ein bisschen zu häufig auftreten.

Das Buch ist im Präsens geschrieben, was bereits auf der ersten Seite für hochgezogene Augenbrauen sorgt. An diesem Erzähltempus sind schon ganz andere Autoren gescheitert. Häufig wirkt es holprig und verhindert das Aufkommen einer gewissen Atmosphäre. Bei „Revolverherz“ ist der Fall ähnlich gelagert. Der Krimi lässt sich, besonders am Anfang, nicht wirklich flüssig lesen und scheint zu ‚eiern‘. Buchholz überspielt dies allerdings recht erfolgreich mit den anderen Komponenten ihres Schreibstils, die da vor allem ihr Humor und ihre Ironie wären. Sie kann richtiggehend boshaft-bissig sein und ihr feiner, schwarzer Humor sorgt dafür, dass sie nie in die Nähe des seichten Frauenromanwitzes kommt. Sie schöpft aus einem breiten, alltäglichen Wortschatz, der auch den einen oder anderen vulgären Ausdruck enthält und manchem Leser vielleicht schon wieder zu flapsig sein wird.

Als Fazit lässt sich sagen, dass Simone Buchholz‘ belletristisches Debüt gute Ansätze zeigt, aber die eine oder andere Schwäche aufweist. Diese finden sich vor allem bezüglich der Handlung, die gerne etwas straffer und besser konstruiert sein dürfte. Die Figur der Chastity Riley ist dagegen sehr interessant und auch der Schreibstil hat seine guten Seiten.

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Håkan Nesser – Sein letzter Fall (Van Veeteren 10)

Schwarze Logik: Van Veeterens großer Irrtum

Eine tote Frau in einem leeren Swimminpool, ein Mörder mit einem wasserdichten Alibi und Ex- Kommissar Van Veeteren, dem dieser Fall – der einzig ungelöste seiner Laufbahn – auch fünfzehn Jahre nach der Tat keine Ruhe lässt. Wer hat Barbara Clarissa Hennan auf dem Gewissen? Ihr Mann G., wie alle glauben, dem aber nichts zu beweisen ist? Das plötzliche Verschwinden eines Privatdetektivs, der G. damals beschattet hat, ist für Van Veeteren Anlass, die Sache noch einmal neu aufzurollen … (Verlagsinfo)

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Handlung

Maarten Verlangen ist ein Privatdetektiv, der in seiner Heimatstadt Maardam schon mal bessere Tage gesehen hat. Er war bis zu einem Korruptionsskandal ein relativ unbescholtener Polizist, doch seitdem hat sich seine Frau von ihm scheiden lassen und seine Tochter Belle mitgenommen. Jetzt, mit 47, hat er keine großartigen Perspektiven mehr. Man schreibt das Jahr 1987.

Mit dem neuen Beschattungsauftrag winkt ihm hingegen ein Tausender für leichte Arbeit, und so greift er ohne Zögern zu. Barbara Hennan will, dass er zwei Wochen lang ihren Mann überwacht. Leider kennt Maarten diesen Typen ganz genau: Jaan G. Hennan hat er seinerzeit selbst in den Knast gebracht. Damals schwor ihm Hennan Rache. Anfangs gestaltet sich die Beschattung wie erwartet langweilig, doch dann bezecht er sich eines Nachts mit Hennan selbst. Am anderen Tag hofft er, dass er Hennan nicht im Suff verraten hat, dass er ihn beschattet – und in wessen Auftrag.

Das Wochenende verbringt Maarten recht sorglos, zunächst bei einer Freundin, dann zu Hause, wo er endlich dazu kommt, die Zeitung zu lesen. Da endlich trifft ihn die Nachricht des Tages wie ein Vorschlaghammer: Barbara Hennan wurde tot in ihrem leeren (!) Swimmingpool unter dem Sprungturm aufgefunden. Sie war für das Baden angezogen und hatte über 1,4 Promille Alkohol im Blut. War sie besoffen ins vier Meter tiefe Becken gestürzt – oder hatte jemand nachgeholfen? Jaan G. Hennan hatte sie gefunden und die Polizei von Linden gerufen, die später die Polizei von Maardam hinzurief: Kommissar Van Veeteren und Inspektor Münster.

Genau wie Verlangen kennt auch Van Veeteren seinen früheren Schulkameraden, den Sadisten und Leutequäler Hennan. Er ist ebenfalls keineswegs erfreut, ihn wiederzusehen. Unterdessen erfährt Verlangen vom Direktor der Versicherungsgesellschaft, die ihm ab und zu Aufträge zuschanzt, dass Barbara Hennan eine Woche vor ihrem Tod eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte: Für den Fall ihres natürlichen oder eines Unfallstodes erhält Hennan 1,2 Millionen. Die Versicherung würde ungern zahlen. Verlangen solle doch mal zusehen, ob man nicht einen Totschlag oder Selbstmord daraus machen könnte …

Doch der Privatdetektiv ist eine ehrlichere Haut, als er selbst von sich gedacht hatte. Er erzählt Van Veeteren, was er weiß. Der Kommissar ist entzückt: Hennan, den er selbst bis aufs Blut hasst, hatte ein einmalig gutes Motiv, er hatte die Mittel. Allerdings hat er für die Tatzeit ein wasserdichtes Alibi: Verlangen selbst. Und selbst härteste und raffinierteste Verhörmethoden, ja sogar eine Gerichtsverhandlung können Hennan nicht festnageln.

Der Fall G., muss Van Veeteren widerwillig zugeben, ist an einem toten Punkt angekommen.

Sehr viel später

Fünfzehn Jahre später, man schreibt das Jahr 2002, meldet Verlangens Tochter Belle ihren Vater als vermisst – allerdings nicht auf dem Polizeirevier, sondern bei Van Veeteren in dessen Antiquariat persönlich. Wochen zuvor hatte er noch ihren Sohn kurz angerufen – er habe die Lösung des Falles G. endlich gefunden. Van Veeteren kombiniert auch gleich richtig: Verlangen tätigte seinen letzten Anruf nicht aus Maardam, sondern aus der Nachbarstadt Kaalbringen.

Was für ein Glück! In Kaalbringen hatte er einmal zu tun (in „Das vierte Opfer“), und seitdem hat er dort einen guten Freund, den ebenfalls in den Ruhestand gegangenen Kommissar Bausen, der nun eifrig malt. Und VV erinnert sich noch gut an eine ebenso hübsche wie fähige Inspektorin namens Moerk (mit der Kommissar Münster mal was hatte).

Da müsste es ja mit dem Teufel zugehen, wenn sie im Fall G. nicht endlich weiterkommen würden, oder? Leider hat Maarten Verlangen zu diesem Zeitpunkt bereits ein großes Extra-Loch im Schädel …

Mein Eindruck

So wie Gallien gemäß Julius Cäsar in drei Teile aufgeteilt wurde, so zerfällt auch dieser Roman in zwei separate Teile. Der erste spielt 1987, als VV gerade mal 15 Jahre im Polizeidienst ist, und der zweite 2002, als er den Dienst bereits quittiert hat, um ein Antiquariat zu führen.

Fieberkurven

Die Spannungskurve verhält sich diesen Teilen entsprechend, aber anders als in den üblichen Thrillern und Krimis: Von einem hohen Niveau nach der Entdeckung des Todes von Barbara Hennan verläuft sie in einem abfallenden Bogen nach unten. Die Verhöre bringen nichts – oder hat die Polizei etwas übersehen? Die Fall G. landet an einem toten Punkt. Nur um sich dann im zweiten Teil ebenso steil wieder nach oben zu arbeiten, bis sich die Spannung zu einem Finale steigt, das man sich dramatischer kaum vorstellen kann – für VV geht es nämlich um Leben oder Tod.

Für den (oder die, falls G. einen Helfer hatte) wahren Täter verläuft die Erfolgskurve natürlich genau umgekehrt. Denn jeder Betrug ist ein Kunstwerk, wie gesagt. Und da dieser Betrug – an der Versicherung, an der ach so schlauen Polizei – so hervorragend geklappt hat, geht Jaan G. Hennan als freier Mann von dannen, und um 1,2 Millionen Gulden (etwa 600.000 Dollar) reicher. Für Maarten Verlangen aber führt die Kurve des Erfolges steil nach unten – bis kurz vor seinem Ende, als er einen Hoffnungsfunken zu erhaschen meint.

Seltsame Irrtümer

Warum konnte die Polizei in Linden und Maardam den Fall G. nicht lösen? Das fragt sich der Leser verblüfft am Schluss. Denn der Betrug konnte nur aufgrund weniger Details, die übersehen wurden, vollständig gelingen. Waren es die Ermittlungsmethoden, die keineswegs auf DNA-Analyse und Elektronenmikroskope zurückgreifen konnten? Oder lag es an der mangelnden Vorstellungskraft der Ermittler? Waren sowohl VV als auch Verlangen derart von ihrem Hass gegen Hennan geblendet, dass sie seinen Trick nicht durchschauen konnten – oder nicht wollten?

Eines steht jedenfalls fest: Wer das überraschende Ende des Falles G. erfahren hat, will den Roman sogleich von Neuem lesen. Allein schon um mitzubekommen, wie sich die entscheidenden Details anders interpretieren lassen. Man sieht dann die Abläufe und Ermittlungsresultate mit anderen Augen – und liest einen völlig anderen Roman. (Ähnlich wie bei „Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ der Schluss den ganzen Roman umwertet – ein gelinder Schock für den Leser.)

Qual

Mir selbst erging es ein wenig schlechter als so manchem Amazon-Kommentator. Ich quälte mich durch den ersten Teil. Doch im zweiten Teil, der auf Seite 279 beginnt, schreitet die Handlung rasch voran. Quasi wie auf einer Schnitzeljagd führt ein Ermittlungsergebnis zum nächsten und so weiter. Bis es dann zu spät ist für Van Veeteren.

Ich möchte niemandem den ersten Teil miesmachen, aber er könnte sich doch als eine gelinde Enttäuschung herausstellen. Da hilft nur ein Gedanke: Es kann nur besser werden!

Private Entscheidung

Und so ganz nebenbei führt der ungelöste Fall G. am Ende des ersten Teils doch zu einer Entscheidung. VV beschließt, sich von seiner Frau Renate zu trennen, da seine Ehe praktisch nur noch auf dem Papier existiert. Da lebt sein Sohn Erich noch, ebenso seine Tochter Jess. Im zweiten Teil ist Erich bereits tot, wie wir aus dem Roman „Der unglückliche Mörder“ wissen. Und VV ist glücklich mit Ulrike Fremdli verheiratet, einem „wahren Wunderwerk von einer Frau“. Wäre es da nicht ein Jammer, wenn VV irgendwo im Wald bei Kaalbringen abgeknallt werden würde? Na also.

Der Dekalog ist fertig

Van Veeteren besucht mit Ulrike gerne das Kino, und diesmal gehen sie in einen Film von K. Kieslowski aus dessen „Dekalog“-Reihe. Mit „Sein letzter Fall“ hat der Autor ebenfalls einen Dekalog abgeschlossen: zehn Romane um Kommissar Van Veeteren, mit Intermezzi um seine engsten Kollegen, Moreno („Der Tote am Strand“) und Münster („Das vierte Opfer“), insgesamt rund 3500 Seiten.

Das Beiheft

Der Leinenausgabe ist ein schmales dunkelrotes Heftchen beigelegt. Es trägt den schönen Titel „Badete Van Veeteren jemals im See von Kumla?“ und versteht sich als „Ein Führer durch Håkan Nessers Romanwelt“. Geschrieben hat diesen nützlichen Cicerone ein gewisser Eugen G. Brahms, über den wir auf der letzten Seite folgendes erfahren: „Brahms kam 1950 nach Schweden. Nach Studium u. a. der Mathematik und der Literaturgeschichte an der Uni Uppsala und der Hochschule von Örebro war er tätig als Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger. Wohnhaft in Uppsala und schließlich auch in Stockholm.“ Von ihm ist wohl besonders zu erwähnen, dass er einen Essay mit dem Titel „Der ultimative Romanumfang – 3500 Seiten“ schrieb, und das bereits 1993!

Dass Brahms aber doch kein Hellseher ist, sondern lediglich ein fähiger Literaturkritiker, belegen seine Ausführungen über Nessers Romanwelt, die er auf 27 Seiten ausbreitet und auf weiteren Seiten mit Anmerkungen und einer Straßenkarte von Kumla versieht.

Hier erfahren Nesser-Kenner und solche, die es werden wollen, wie das fiktive Land aussieht, in dem die VV-Romane spielen, wo es ungefähr liegen könnte, wie es beschaffen ist, was man sich unter Maardam und Kumla vorzustellen hat. Noch weitaus wichtiger als diese Realien sind die Ergebnisse, zu denen Brahms hinsichtlich der Philosophie des „Hauptkommissars“ gelangt, denn VV ist ja Agnostiker und hat in 30 Jahren Dienst seine eigene Lebensanschauung entwickelt und wiederholt revidiert. Das ist doch recht interessant – mindestens so interessant wie die ungewöhnlichen Verläufe, die die Fälle in den VV-Romanen nehmen. „Es gibt eine schwarze Logik“, sagt VV einmal. Und es lohnt sich, den Sinn hinter dieser seltsamen Bemerkung aufzudecken.

Die Übersetzung

Die Übersetzerin Christel Hildebrandt hat, mal wieder, eine großartige Leistung vollbracht. An manchen Stellen ist genau zu spüren, dass sie eine Weile nach dem haargenau treffenden deutschen Wort suchen musste, z. B. „kleidsam“, um die spezielle Philosophie, die Van Veeteren entwickelt hat, zum Ausdruck zu bringen. Es ist ihr ein ums andere Mal gelungen. Ein „Wunderwerk“, um es mit VV zu sagen. Fünf Romane Nessers harren noch ihrer Übersetzung. Wir können uns schon mal drauf freuen.

Unterm Strich

Als ich die erste Hälfte des Romans gelesen hatte, wollte ich ihm nur ein müdes Resultat bescheinigen, allenfalls noch einen Bonus für das nützliche Beiheft spendieren. Nach dem sehr bewegenden Epilog, der auf das dramatische Finale folgt, bin ich geneigt, dem Roman eine maximale Wertung angedeihen zu lassen. Sei’s drum!

„Sein letzter Fall“ ist ein Kunstwerk, und jedes Kunstwerk ist bekanntlich – wie Geschichten oder Gemälde – ein Betrug, zu unserer Unterhaltung. Diese Geschichte ist kunstvoll aufgebaut, auch wenn sich Spannung nicht so recht einstellen will. Doch es werden Weichen gestellt, und schließlich nähert sich der „Fall G.“ unaufhaltsam seinem Ende, das so oder so ausgehen mag.

Wir wünschen Van Veeteren, dass seine letzte Dienstreise gut ausgeht, doch andererseits wäre es vielleicht nicht allzu schlimm, wenn ihm das nicht vergönnt wäre. So wie sich der Kreis des Falles G. nun schließt, so schließt sich auch sein privater Lebens-Lauf. (Wieder einmal taucht, wie in jedem Nesser-Buch, ein Läufer, ein Jogger auf.)

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Hardcover: 544 Seiten
Originaltitel: Fallet G
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3442750801

www.btb-verlag.de

Deutsche Nesser-Verlagsseite: http://www.hakan-nesser.de.

Håkan Nesser – Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla

Mord auf dem Lande

In einem kleinen verschlafenen Dorf in Schweden herrscht Idylle pur. Mauritz träumt von der großen weiten Welt und der hübschen Nachbarstochter Signhild. Heimlich beobachtet er sie und realisiert dabei zu spät, dass eine dunkle Gestalt um ihr Haus schleicht. Doch dann geschieht etwas, das die Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert: Der Uhrmacher Kekkonen, ein mürrischer, wortkarger Mann, wird im ehelichen Schlafzimmer brutal ermordet aufgefunden. Wer war der Täter? Etwa jemand aus dem Dorf? (Verlagsinfo)

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Handlung

Kumla ist im Jahr 1967, als das Verbrechen passiert, ein verschlafenes, ja idyllisches Städtchen im nördlichen Schweden. Hier passiert fast nie etwas, und schon gar nichts, was irgendwie aus dem Rahmen fällt. Es ist ein ungewöhnlich heißer Sommer und man sucht die Abkühlung an den Seen der Umgebung.

Der Mord erschüttert die Gemeinschaft und wird wochenlang zum Tagesgespräch. Der Uhrmacher Kalevi Kekkonen, ursprünglich ein Finne, ein mürrischer und wortkarger Mann, wird in einem der beiden ehelichen Schlafzimmer tot aufgefunden. Seine schwedische Frau Ester Bolego hatte wie stets im anderen Schlafzimmer genächtigt und nichts von der Bluttat gemerkt. Genauso wenig wie ihre gemeinsame Tochter Signhild, die, einer Eingebung von „Stimmen“ folgend, den Toten entdeckt haben will.

Recht bizarr sind zwei Details. Der Leichnam liegt kopflos im blutigen Bett, denn der abgetrennte Kopf steht – ein richtiger Quadratschädel macht das möglich – auf dem Nachttischchen daneben. In den Hals ist eine Botschaft gesteckt. Auf dem Zettel steht lediglich ein Schachzug, der zudem sehr ungewöhnlich ist: „e2-e4 schachmatt!“ Es ist der Königsbauer von Weiß, der den schwarzen König matt setzt. Normalerweise werden Bauern als erste zu Opfern des Spiels.

Mit diesem und anderen Rätseln beschäftigt sich der sechzehnjährige Ich-Erzähler Mauritz Målnberg, vor allem aufgrund der Tatsache, dass er total in die Nachbarstochter Signhild Kekkonen-Bolego verschossen ist. Da seine Gefühle zunehmend von ihr erwidert werden, erfährt er weitere pikante Details über die Begleitumstände. Er verpflichtet sich, als amateurhafter Privatdetektiv das Verbrechen aufzuklären. Philip Marlowe und Auguste Dupin sind quasi seine Brüder im Geiste und selbstverständlich Vorbilder. Mauritz ist ein Pfeife rauchender Bücherwurm, dessen Idole Lennon, Dylan und Camus heißen und ihn zu Gedichten inspirieren. Es darf nicht verschwiegen werden, dass Mauritz unter der Fallsucht leidet, also unter Anfällen von Epilepsie, die ihn sekundenlang bewusstlos werden lassen.

Signhild erzählt ihm, dass ihre Mutter und ihr Vater einander hassten, und eine Woche vor dem Verbrechen war ein geheimnisvoller Untermieter eingezogen, der sich einfach „Dichter Olsson“ nannte. Bei seinen mehr oder weniger unauffälligen Observationen bestätigt sich Signhilds Vermutung: Ester und Olsson haben offensichtlich ein Verhältnis und somit auch ein Motiv, den „Alten“ um die Ecke zu bringen.

Als Mauritz per Zufall herausfindet, was es mit dem merkwürdigen Schachzug „e2 – e4“ auf sich hat, schreibt er Hauptkommissar Vigland einen netten Brief mit seinen Erkenntnissen. Natürlich nicht unter seinem richtigen Namen. Er unterzeichnet mit „August Strindberg“, einem bekannten schwedischen Dichter. Schon bald werde nun die Polizei dem finsteren Treiben von „Dichter Olsson“ ein Ende setzen. Denkt er…

Mein Eindruck

Kumla ist vielleicht nicht der Nabel der Welt – wie vielleicht der |Piccadilly Circus| in London. Aber es ist immerhin der Geburtsort des Autors. Daher weiß er ganz genau, wovon er erzählt. Und das merkt man der Geschichte an. Mauritz ist ziemlich genau so alt wie der Autor (siehe unten), er hat die gleichen Erfahrungen, die gleichen Vorlieben vermutlich und die gleichen Probleme.

Authentisch

Deshalb wirkt auch die Beschreibung des engen Kumla im Widerstreit mit den revolutionären Bewegungen des Jahres 1967 so realistisch. Alle Namen stimmen: Lennon, Dylan, Morrison, Jagger, Hendrix und wie sie alle heißen, die Mitglieder der Gegenkultur. Dass sie seine Lieblinge sind, merkt man ihm ständig an, so etwa durch die zahlreichen (unübersetzten) englischen Zitate aus den Songs. Zum Glück habe ich sie fast alle erkannt. Und wo ich sie nicht erkannte, ist sich Mauritz selbst nicht sicher, ob er sie nicht einfach erfunden hatte, sozusagen im Rausch der Schaffenskraft.

Kumla gegen den Rest der Welt

Mehrmals setzt Mauritz das Geschehen in der weiten Welt gegen das in Kumla. Und manchmal gewinnt Kumla: Da ist die Kirche abgebrannt und im Dachstuhl findet sich eine verkohlte Leiche. Da erhängt sich ein Schachspieler, und einem anderen wird der Kopf abgeschlagen. Für Mauritz ist das Geschehen auf der Welt-Ebene so wichtig wie das in seiner persönlichen Umgebung. Das Bindeglied besteht nicht nur aus seiner persönlichen Erfahrung, sondern auch in Signhild.

Die Liebe zu ihr erfordert Handeln, ständiges Handeln. Und Entscheidungen, Gespräche. Mauritz findet sich auf einmal in einem moralischen Zwiespalt, den er nicht auflösen kann. Signhild muss das für ihn tun. Den Grund dafür erfährt er erst ganz am Schluss des Buches.

Denn das Buch beginnt nicht etwa im Kumla des Jahres 1967. Vielmehr fährt Mauritz 35 Jahre später aus seinem neuen Wohnort zurück nach Kumla, um einen alten Mann und eine junge Frau zu treffen. Auf der Bahnfahrt blickt er zurück in jene Zeit, als er zum Mann wurde und den Kekkonen-Fall zu lösen versuchte. Am Schluss des Buches erhält er endlich Aufklärung darüber, was eigentlich los war. Die Enthüllung löst im Leser sowohl einen Schock als auch Erstaunen aus. Mehr sei nicht verraten.

Spannungsbogen

Durch den Pro- und den Epilog erhält die Geschichte schon von vornherein einen gewissen Spannungsbogen. Man kann sich ja denken, dass am Schluss die Auflösung des Rätsels folgt. Daher ist es aber umso reizvoller, den Fall, den der Autor in Gestalt von Mauritz‘ Ermittlungen vor uns ausbreitet, selbst zu lösen. Wie in einem Schachspiel sind alle Komponenten bekannt, doch gibt es wie in einer mathematischen Gleichung mindestens eine Unbekannte: Wer ist der Mörder? Und in welchem Verhältnis stand er zu Ester Bolego und ihrem Mann?

Wir müssen auch bedenken, dass unser junger Chefermittler noch recht wenig von den Menschen und ihren Liebesdingen weiß. Bücher helfen da nicht, schon gar nicht in Kumla. Von den Abgründen unter der Oberfläche – der „Teufel“ oder „Perkele“, wie der Finne sagt – ahnt er zwar etwas, aber in der Seligkeit, die ihm die Liebe zu Signhild bereitet, vergisst er die Tiefe doch allzu bereitwillig. Umso schlimmer trifft ihn dann der Moment der Erkenntnis. Wie ein Anfall von Fallsucht.

Ironie

Was den Roman so unterhaltsam macht, sind nicht nur die Aspekte von Verbrechen, Aufklärung und Liebe, sondern vor allem der Einsatz von Ironie. Dem Autor gelingt es, die banalsten Unterhaltungen durch Ironie schreiend komisch wirken zu lassen. An einer Stelle etwa sitzt Mauritz‘ Familie wieder mal beim Essen. Während der Vater, ein „Zeitungsmann“, wieder einmal seinen Schwiegersohn, der bei der Polizei arbeitet, über den Fall Kekkonen ausquetscht, quasselt die Schwester, die den Bullen geheiratet hat, davon, dass sie sich einen Hund anschaffen will. Zwischen Essenfassen, einen Mord abchecken und Pudelkaufen geht der Dialog so kreuz und quer, dass die irrwitzigsten Wirkungen entstehen. Vor allem dann, als die Mutter ihrer Tochter rät, sich statt des Hundes doch lieber mal ein Kind anzuschaffen. Die Mutter redet immer nur in halben, unvollendeten Sätzen. Mauritz, das kann man verstehen, rastet dabei beinahe aus. Der Leser kringelt sich im Sessel.

Fehler

Auch Autoren sind gegen Fehler nicht gefeit. Lektoren offenbar ebenso wenig. Auf Seite 247 verwechselt der Autor den Namen einer Freundin von Signhild. Sie heißt eigentlich Karin Pallgren, er schreibt aber hier „Kristina“. Auf Seite 153 hat der Korrektor (oder wer auch immer im Verlagslektorat) Druckanweisungen im Text stehen lassen. Sowas sieht man selten und fällt umso unangenehmer auf.

Unterm Strich

Mir hat „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ ausnehmend gut gefallen, genauso gut wie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“. Die Ähnlichkeit ist deutlich vorhanden – beides sind Coming-of-Age-Geschichten mit einer Krimihandlung. Und beide sind recht unterhaltsam und spannen den Leser auf die Folter, reizen ihn dazu, den Fall selbst zu lösen – alle Komponenten der Gleichung sind vorhanden, um die Unbekannte, den Faktor X, aufzulösen.

In „Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ ist jedoch die Liebesgeschichte wesentlich realistischer und ernsthafter geschildert. Die Liebe des jungen Dichters zu der Nachbarstochter ist keine einfache Sache und wird, nach einem wunderschönen Anfang, von Monat zu Monat vielschichtiger und für Mauritz auf undurchsichtige Weise schwieriger. Der Mord wirft einen langen Schatten. Der Mörder ist noch lange nicht gefasst. Signhild verdächtigt immer noch ihre Mutter, die Hand im Spiel gehabt zu haben. Wer könnte ihr verdenken, dass ihre Mutter nichts von ihrer Liebschaft erfahren darf? Und dann hat Signhild ihren Lover auch noch angestiftet, hinter Ester Bolego herzuschnüffeln…

Am Schluss hatte ich das Gefühl, doch ein wenig über das Leben an sich und seine Tücken gelernt zu haben. Und das trifft nicht auf jeden Kriminalroman zu. Dennoch würde ich „…Kumla“ nicht auf die ewige Bestenliste setzen. Dazu fehlt es der Kleinstadt und ihrem dunklen Geschehen ein wenig an Format im Vergleich zur weiten Welt. Und das sage ich nicht ohne ein wenig Ironie.

Mein Tipp:

Vor dem Lesen noch einmal die alten Platten auflegen: Hendrix, „Sgt. Pepper“, The Doors, Dylans „Blonde on Blonde“ und „A whiter shade of pale“ von Procul Harum. Dann ist man ungefähr auf der richtigen Wellenlänge mit Mauritz. Wer sich an die Literatur wagen will, so ist man mit Camus‘ „Der Fremde“, Hesses „Steppenwolf“ und wohl auch Strindbergs „Inferno“ gut mit von der Partie. (Mir ist es übrigens noch nicht gelungen, die Verbindung zwischen Mauritz‘ Namen und Strindberg herzustellen, aber dem Kommissar fällt dies nicht schwer…)

Der Autor vergibt: (4.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Hardcover: 336 Seiten
Originaltitel: Och Picadilly Circus ligger inte i Kumla
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3442750948

www.btb-verlag.de

Håkan Nesser – Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod (Van Veeteren 9)

Der literarische Frauenmörder

Ein Priester, der von einem Zug überfahren wird. Ein Mädchen, das spurlos verschwindet. Eine Mutter, die niemand vermisst. Welche Verbindung besteht zwischen den dreien? Als Van Veeteren sein Antiquariat verlässt, um einigen mysteriösen Todesfällen nachzugehen, weiß er noch nicht, dass sein Gegenspieler ein zu allem entschlossener Serienmörder ist … (Verlagsinfo)

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Der Sprecher

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

Bär hat bislang an Nesser-Krimis den vorliegenden Roman, „Der Tote vom Strand“ sowie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gesprochen.

Handlung

Monica Kammerle, Schülerin, ist erst 16, aber schon eine Mörderin. Glaubt sie zumindest. Und sie hat auch allen Grund dazu. Benjamin Kerran, den sie auf dem Gewissen hat, war zunächst der Geliebte ihrer Mutter, bevor er auch ihrer wurde. Die manisch-depressive Mutter durfte von der Affäre ihrer Tochter natürlich nichts erfahren, und damit erpresste Kerran Monica schließlich.

Anfangs war es schön für sie, einen ersten Liebhaber zu haben, aber dann begann er, Monicas Körper zu benutzen. Als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn umzubringen. Alles ging so schnell: Sie rammt ihm die Schere zehn Zentimeter in den Bauch und rennt in Panik weg, während er zusammenbricht.

Merkwürdig nur, dass keine Zeitung den Tod von Benjamin Kerran meldet. Oder zumindest den Tod eines anderen in jenem Uni-Wohngebäude, wo es geschah. Monica muss zurück an den Tatort, um Gewissheit zu erlangen, und erlebt eine böse Überraschung. Denn sie war beileibe nicht das erste Opfer von „Benjamin Kerran“.

Ex-Kommissar van Veeteren kehrt am 7. Oktober aus dem Urlaub zurück, den er mit seiner Freundin Ulrike Fremdli in Rom genossen hat. Am nächsten Morgen frisst seine Katze eine zum Fenster hereingeflogene Schwalbe, und als er die Zeitung von vor drei Wochen aufschlägt, starrt ihm ein Gesicht entgegen, das er kennt: Tomas Gassel war Pastor im Maardamer Vorort Leimaar, als er sich an van Veeteren wandte, um ein Geheimnis „zu beichten“, das sein Gewissen bedrückte. Es ginge um ein junges Mädchen, das etwas Verbotenes getan habe (Monica). Offensichtlich konnte er dies nicht mit seinen Standeskollegen besprechen. Und ob van Veeteren nicht auch der Schweigepflicht unterliege?

Ulrike Fremdli ist nicht begeistert, als van Veeteren herauszufinden versucht, warum sich Pastor Gassel im Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen haben soll. Eigentlich ist ja Ewa Moreno für den Fall zuständig. Und bald schaltet sie auch ihre Kollegen in den Fall ein, als die Verbindung zwischen Monica und Pastor Gassel sichtbar wird.

Doch dies soll nicht der einzige Tote im Umkreis des Falles bleiben. Van Veeteren stößt auf ein deutliches Muster aus der Bücherwelt: Die arme Monica Kammerle hatte einen seltenen und somit teuren Band mit Gedichten von William Blake in ihrem Regal: Hatte sie den geschenkt bekommen? Und wenn ja, von wem? Von ihrem Lover und Mörder? Besonders liebte sie das Poem „The sick rose“ (vgl. den Titel): Die Zeile „His secret love does thy life destroy“ schien Monicas Leben zu beschreiben.

Die Decknamen des Mörders sind literarische Anspielungen, seine einzigen Spuren seltene Gedichtbände. Ein winziger Hinweis, eine Vereinsnadel, führt van Veeteren und Kollegen in einen elitären Universitätszirkel, der schon seit 250 Jahren existiert. Oder ist das nur ein Ablenkungsmanöver in einem fiesen Schachspiel? Nun: Auch van Veeteren ist ein gewiefter Schachspieler, und die Lösung des Falls rückt näher.

Als jedoch van Veeteren den Mörder quasi schon vor der Nase hat, kommt ihm von völlig unerwarteter Seite jemand in die Quere. Manchmal siegt eben Rache über das Recht, wenn auch beides Gerechtigkeit bedeuten mag.

Mein Eindruck

Was für eine wunderbare Story! Nach einer psychologisch enervierenden Einleitung um den ersten Mord des Killers und um Monica Kammerles Lieben, Leiden und Ende beginnen die zähen Ermittlungen. Allmählich entwickelt sich ein Geflecht von kriminalistischen Anstrengungen, die keine Früchte tragen, sondern lediglich kleine und kleinste Puzzleteilchen zusammentragen. Ausschließlich dünnste, unscheinbare Indizien bringen die Ermittler weiter. Und so kommt es, dass in diesem seltsamen Fall mehr Emotionen, Assoziationen und „Ahnungen“ die Ermittler leiten als handfeste Fakten. Das halte ich für sehr ungewöhnlich und trägt entscheidend zur speziellen Stimmung dieses Kriminalromans bei.

Als das nächste Opfer verschwindet, ohne dass man seine Leiche findet, wird der Fall dringend und ins Fernsehen gebracht: weitere Spuren, weitere Rätsel, aber noch nichts Entscheidendes. Dann beschließt der Würger, es mit der Polizei aufzunehmen, doch mit anderen Folgen als gedacht: Statt des außer Gefecht gesetzten Kommissars Reinhart muss van Veeteren einspringen, und der führt seine Ermittlungen mit seinen eigenen, etwas gewöhnungsbedürftigen Methoden weiter. Eine überraschende Wendung folgt daher der nächsten, und im letzten Viertel beginnt ein langes, spannendes Finale.

Es geht dem Autor nicht um die Darstellung von Grausamkeiten, auch nicht um glorreiche Ermittlungsmethoden à la FBI. Im Mittelpunkt stehen die denkenden und vor allem fühlenden Wesen, deren Zusammenspiel sich a) mit der Mordserie befasst, b) mit der erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern (die Leichen der Kammerles blieben über einen Monat lang unentdeckt!) und c) mit der verschrobenen Herangehensweise Van Veeterens.

Jeder der Ermittler wird als eigenständiger Charakter und als Betroffener der Geschehnisse kenntlich. Rooth ist fast so schräg drauf wie der „Hauptkommissar“, wohingegen Ewa Moreno ihr Privatleben mit Mikael Bau in den Griff zu bekommen versucht. Hier schwingt des Öfteren eine humane Ironie mit, die auch den Beteiligten selbst keineswegs entgeht. Wie soll Ewa später ihren Kindern erklären, warum sie Mikael Baus Heiratsantrag angenommen hatte – wegen seiner wundervollen Fischsuppe?! Kommissar Reinhart, seine hilfreiche Frau Winifred Lynn und der überkorrekte Polizeipräsident Hiller sind Figuren, die im Gedächtnis haften bleiben. In dieser Charakterdarstellung kommt nicht nur Nessers Sympathie für seine Figuren zum Ausdruck, sondern auch sein tiefreichender, verständnisvoller Humor.

Das Grundthema des Falles, den es aufzuklären gilt, ist fehlgeleitete Sexualität auf Seiten des Killers und gewagte erotische Gehversuche seitens der Opfer. Opfer wurden – außer Gassel – nur Frauen, die sich als verwundbar erweisen und die sich den Wünschen des Killers verweigern. Dies geht auf die Kindheit des Mannes zurück, der eine langjährige Liebesbeziehung zu seiner Mutter hatte.

Das letzte Opfer ist anders. Ester und Anna sind Freundinnen, erfolgreiche Geschäftsfrauen über 30, die von der Ehe enttäuscht wurden. Nun suchen sie sich Männerbekanntschaften per Annonce und Zuschriften aus. Leider hat Anna in die Endauswahl auch eine „Wild Card“, einen Joker eingeführt, und der wird Ester zum Verhängnis: Es ist „Benjamin Kerran“.

Wie man sieht, ist Nesser neuen gesellschaftlichen Entwicklungen durchaus aufgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass er die Taten des Würgers entschuldigt: Er macht sie aber verstehbar, indem er ihre Wurzeln offenlegt, die zum Wahnsinn des Soziopathen führten. Das Thema Sexualität stellt Nesser offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen dar.

Der Sprecher

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Und wenn er die Einsatzbesprechungen der „Truppe“ im Maardamer Kommissariat vorliest, dann lässt er den Ernst der vorgebrachten Einwürfe und Meldungen und Chef-Aufforderungen für sich sprechen. Das ändert jedoch – oder gerade deswegen – nichts daran, dass viele dieser Beiträge in ihrem Zusammenspiel sehr komisch wirken. An einer Stelle dachte ich wirklich, einem Komödienstadel zuzuhören. Ex-Hauptkommissar Van Veeteren ist als knurriger Übervater natürlich der Komiker par excellence – obwohl er stets selbst ernst ist und ernst genommen wird. Nur Münster, der aufgeweckteste von allen Inspektoren, wagt es, seine kryptische Bemerkungen zu hinterfragen – natürlich auch ohne Erfolg.

Die Glanzpunkte von Bärs Sprechkunst sollen nicht verschwiegen werden. Der eine Fall ist der 89 Jahre alte Vater Koschinski. Der ehemalige Feinschmied oder Schlüsselmacher, der sich an sämtliche Vereinsnadeln erinnert, die je in Maardam produziert wurden, lebt als mürrischer Einsiedler mitten in der Stadt, wo ihm nur zwei Katzen Gesellschaft leisten. So knurrig, markig und abweisend wie Koschinski könnte durchaus auch Bärs eigener Großvater geklungen haben.

Das andere Beispiel ist Hauptkommissar Reinhart, wie er im Krankenhausbett liegt und in seinen Kopfverband nuschelt. Er wurde vom Bus angefahren und ist in keinem guten Zustand. Bärs Genuschel wirkt authentisch. Weniger echt wirkt hingegen der griechische Akzent des Polizisten Georgios Jakos auf der Insel Kefallonia, auf der der Showdown zwischen dem Killer und seinem letzten Opfer, seiner Nemesis, stattfindet. Dieser Akzent, nun ja, so stellt man sich als Nichtgrieche vielleicht den Akzent vor, aber ob das hinhaut? Hauptsache, wird sich Bär gedacht haben, es ist noch als Deutsch zu verstehen.

Ein Autorenfehler?

Die Übersetzung ist Christel Hildebrandt ausgezeichnet gelungen. Ich habe nur einmal wegen eines möglichen Fehlers des Autors (!) gestutzt, und zwar auf der vorletzten Seite. Ester hat den Killer in einem Lokal getroffen, und dessen Erkennungszeichen sollte ein roter Band des Gedichts „The Waste Land“ von T. S. Eliot sein. Okay. Nun zieht am Ende der antiquarische Buchhändler van Veeteren ein Resümee des Falls und packt seinen Kollegen sämtliche Bücher ein, die in dem Fall eine Rolle gespielt haben.

Doch statt des Eliot-Bandes findet sich darunter nun der Lyrikband „Duineser Elegien“ von R. M. Rilke! Alle anderen Bände sind korrekt erwähnt. Beim Film würde man wohl von einem Continuity-Fehler sprechen. Das kann auch den besten Autoren passieren. Aber ihre Lektoren sollte dafür sorgen, dass solche Fehler bzw. versehen rechtzeitig berichtigt werden. Der potentielle Fehler ist auch im Hörbuch enthalten. Oder der Autor wollte die Aufmerksamkeit seiner Leser bzw. Hörer testen…

Unterm Strich

Alles in allem ist dies ein wunderbarer Krimi, an dem man immer neue Facetten entdecken kann. Da ein Großteil des Textes aus Dialogen und kurzen Sätzen besteht, hört sich die Geschichte sehr flüssig an. Der Text macht es einem leicht, die Konzentration zu behalten. Und man will unbedingt wissen, wie der Showdown ausgeht. Aufgrund der ironischen Wechselwirkung zwischen den Polizisten in ihrer jeweiligen Charakterisierung gibt es zahlreiche komische Momente.

Diese kontrastieren stark mit den sehr ernsten bis bewegenden Momenten, die mit den Opfern verknüpft sind, besonders mit Monica Kammerle. Dass das Finale auf einer griechischen Insel stattfindet, passt einfach hervorragend: Nicht nur deshalb, weil auf Kefallonia die Killerserie 1995 begonnen hat, sondern weil in dieser Weltgegend solche ernsten Ideen wie Nemesis, Schicksal und Vergeltung erfunden und uns im antiken Drama bis heute erhalten geblieben sind.

Das Hörbuch

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten wie Koschinski oder Reinhart.

Der Text ist natürlich gekürzt, und so kann es vorkommen, dass sich der Hörer wundert, woher bestimmte Stichwörter kommen oder warum bestimmte Hinweise später nicht aufgegriffen werden. Um diese Lücken zu füllen, sofern sie als störend empfunden werden, empfiehlt sich die Lektüre des Buches. Es ist 572 Seiten dick.

Audio: 420 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Svalan, katten, rosen, döden
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3898306645

www.randomhouse.de