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Snicket, Lemony – Eine Reihe betrüblicher Ereignisse Vol. I – III

_Die Baudelaire-Waisen: In den Klauen des grausamen Grafen_

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 1 erzählt, wie könnte es anders sein, den „schrecklichen Anfang“ ihrer scheinbar endlosen Leidensgeschichte. Band 2 versetzt sie in ein Schlangenparadies und Band 3 an die Ufer des unheimlichen Seufzersees.

_Der Autor_

Verlagsinfo: |“Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L.S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der tapferen Geschwister in 13 Bänden aufzuschreiben. Wer will, kann L.S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.com besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“| So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich. Das Titelbild stammt vom Zeichner Brett Helquist.

Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:
1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die schreckliche Schule
6) Die dunkle Allee

_Der Sprecher_

Stefan Kurt wurde vor allem bekannt als „Der Schattenmann“ im gleichnamigen Fernsehkrimi von Dieter Wedel und als Hauptdarsteller in verschiedenen Inszenierungen von Robert Wilson, wie z.B. „The Black Rider“, „Alice“ (Hamburg) oder Büchners „Leonce und Lena“ (Berliner Ensemble). Er erhielt den Boy-Gobert- sowie den Adolf-Grimme-Preis und spielt zurzeit am Schauspielhaus Zürich.

_Handlung von „Der schreckliche Anfang“_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs. Klaus, mit zwölf der zweitälteste, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches.

Aus dem Nebel am Strand materialisiert sich eine Gestalt, der Unglücksbote persönlich. Es ist Mister Poe (leider nicht Edgar Allan), und was er ihnen sagt, ist in der Tat sowohl unglaublich als auch höchst betrüblich. Mutter und Vater sind beim Brand des Baudelaire-Heims umgekommen. Er muss sie als eine Art Vormund aufnehmen, obwohl er eigentlich nur als Vermögensverwalter ihres Vaters gearbeitet hat. Doch das Testament sieht vor, dass sie bei ihren nächsten Verwandten aufwachsen sollen, die sie in ihre Obhut nehmen können.

Bei den Mittelklasse-Poes gefällt es den Kindern nicht, doch bei dem Kerl, bei dem sie dann landen, noch viel weniger. Alles riecht muffig und ist ungepflegt, ist der erste Eindruck von Graf Olafs Haus. Und Graf Olaf selbst ist ein allein lebender Theaterdirektor, der mit seiner Truppe mehr unterwegs als zu Hause ist. Sein Haus ist voller aufgemalter Augen, was doch recht seltsam ist, und in sein Turmzimmer dürfen sie erst recht nicht. Der einzige Lichtblick ist die nette, freundliche Nachbarin, eine Richterin, bei der es wenigstens eine wohlausgestattete Bibliothek gibt – für Bücherwurm Klaus ein wahres Paradies.

Doch die Zukunft hält weitere Schrecken bereit: Graf Olaf hat es auf das Vermögen abgesehen, das den Kindern zufällt, sobald sie volljährig sind. Aber so lange will er gar nicht warten. Um es zu erlangen, plant er, Violet zu heiraten. Wie Klaus zu seinem Schreck in einem Buch der Richterin herausfindet, kann er als ihr Ehemann über ihr Vermögen verfügen, wie ihm beliebt. Sie muss nur „Ich will“ sagen, wenn sie vor dem Traualtar stehen, und auf einem Heiratsdokument eine rechtsgültige Unterschrift leisten – das war’s.

Doch erstens weigert sich Violet, zweitens ist sie zu jung zum Heiraten und drittens kann Graf Olaf sie doch nicht zwingen. Doch Graf Olaf kann und wird. Er weiß auch schon ganz genau, wie.

_Handlung von „Das Haus der Schlangen“_

Die drei Baudelaire-Waisen landen diesmal, auf Veranlassung ihres Interims-Vormunds Mr. Poe, beim nächsten Verwandten, und das ist Dr. Montgomery. Montgomery Montgomery, um ganz genau zu sein. Er ist zwar ein älterer Herr und schon etwas wunderlich und eigen, aber dennoch ein herzensguter Onkel. Er nimmt sich der drei Waisen gerne an und gibt jedem von ihnen ein eigenes Zimmer – welcher Luxus, denken die Kinder.

Nur Montgomerys Beruf macht ihnen ein wenig Sorgen. Der gute Mann ist Schlangenkundler (Herpetologe) und hat von seinen Forschungsreisen in aller Welt ein ganzes Repitilienhaus voll Schlangen und Kröten mitgebracht. Was Klaus, den Bücherwurm jedoch entzückt, ist die riesige Fachbibliothek, die Onkel Monty sein Eigen nennt. Er wird später noch einen guten Grund haben, sie intensiv zu nutzen.

Denn Onkel Monty bereitet seine nächste Reise vor. Sie soll nach Peru führen, und sofort darf Klaus alles über den Andenstaat lesen und Violet die Reiseroute planen, während Monty die nötige Ausrüstung kauft. Die kleine Sunny freundet sich derweil mit der Unglaublich Tödlichen Viper an, die allerdings völlig harmlos ist und ihrerseits das Kleinkind ins Herz schließt. (Dies ist ein Kinderbuch, okay?)

Doch am Tag vor der Reise taucht ein unvorhergesehener Besucher auf. Gustav, Montys Assistent, ist verschwunden, und man brauchte Ersatz. Dieser erscheint Gestalt eines gewissen Stefano, doch spätestens als die Kinder das tätowierte Auge auf dessen Knöchel erblicken, bestätigt sich ihr schlimmster Verdacht: Stefano ist kein anderer als ihr Erzfeind Graf Olaf!

Doch bevor sie ihrem Onkel diesen schrecklichen Verdacht mitteilen können, muss der einkaufen gehen. Unterdessen bedroht Stefano die Kinder mit einem Messer. Auch er will nach Peru, denn er hofft, in diesem unterentwickelten Land die Millionenerbin Violet Baudelaire einfacher heiraten zu können als in einem so „zivilisierten Land“ wie den Vereinigten Staaten. Von dem Geld, über das er danach verfügen kann, wird sie natürlich keinen Cent mehr sehen.

Zum Glück hat Monty bis zu seinen Rückkehr Verdacht gegen Stefano geschöpft: Allerdings hält er ihn nicht für einen Erbschleicher, sondern einen Spion der Herpetologischen Gesellschaft, die ihm seinen einzigartige Unglaublich Tödliche Viper stehlen will. Doch bevor er etwas gegen den Schurken unternehmen kann, ist Onkel Monty am nächsten Morgen mausetot: Unter seinem Auge befinden sich zwei kleine Einstiche, als habe ihn eine Schlange gebissen. „Ja, das war die Mamba du Mal“, versichert Stefano. Und natürlich hat sie nach vollzogener Untat hinter sich wieder die Käfigtür zugemacht, braves Tierchen, hm??

Nunmehr schutzlos dem Grafen preisgegeben, sehen sich die drei Waisenkinder dessen Entführungsanstrengungen wehrlos gegenüber. Schon stößt Stefano mit Montys Wagen hinaus auf die Straße, schon geht’s Richtung Hafen zum Schiff nach Peru – da passiert etwas Unvorhergesehenes.

_Handlung von „Der Seufzersee“_

Tante Josephine hat ein bemerkenswertes Domizil: Ihr Häuschen ist auf der Spitze eines Hügels beziehungsweise einer Klippe erbaut, der oder die den See in stolzer Höhe überragt. Das Häuschen wird von wackelig aussehenden Stelzen gestützt, als befände es sich in den Hügeln von Hollywood. Ob es wohl den heranziehenden Hurrikan Hermann, von dem der Taxifahrer den Kindern erzählt, überstehen wird? Irgendwie wagt man das zu bezweifeln.

Tante Josephine ist nicht ganz das, was sich die Kinder unter einem Vormund, der sich um ihr Wohlergehen kümmern sollte, vorstellen. Die Witwe hat so viele Ängste, dass sie sich kaum zu bewegen traut und kaum aus dem Haus geht. Sie stellt weder Heizung noch Kochherd an, aus Angst, das Ding könnte explodieren. Folglich bleibt die Küche kalt, und kalte Gurkensuppe ist sicherlich nicht das wohlschmeckendste aller Gerichte. Auch das Telefon rührt die Tante nicht an, aus Angst, es könnte ihr einen elektrischen Schlag versetzen. Ihr verstorbener Mann, den sie auf dem See verloren hat, hatte sich immer um diese Dinge gekümmert.

Das Einzige, dem sich die Tante mit ganzem Herzen hingibt, ist die Grammatik. Nichts geht ihr über einen wohlgeformten Satz, in dem jedes Wörtchen an seinem korrekten Platz und in seiner korrekten Form sitzt. Kaum eine Minute vergeht, in der sie nicht eines der Kinder korrigiert. Kein Wunder, dass die drei Kinder schon bald völlig genervt sind.

Tantchen hat eine riesige Bibliothek. Klaus, die Leseratte, freut sich schon auf neue Hirnnahrung, muss aber enttäuscht feststellen, dass sämtliche Werke nur mit – was wohl? – Grammatik zu tun haben. Die Bibliothek verfügt über ein Fenster, das vom Boden bis zur Decke reicht und einen beeindruckenden Ausblick auf den düsteren Seufzersee gewährt. Düster auch deswegen, weil sich darin die gefräßigen Seufzerseesauger, eine Art Blutegel mit Zähnen im Maul, tummeln. Sie sind es, die Tantchens Mann Ike auf dem Gewissen haben …

Wie sollte es anders sein, so stoßen die Kinder auch auf den unvermeidlichen Grafen Olaf. Doch wie er da im Supermarkt vor ihnen steht, würde niemand in ihm den Erbschleicher vermuten: Er sieht aus wie ein Seemann, der Pirat spielt: Er trägt ein Holzbein und eine Klappe über dem einen Auge. Er sei jetzt im Bootsverleih tätig, behauptet er und überreicht ihnen seine Visitekarte. Tantchen Josephine macht ihn sofort auf einen kolossalen grammatikalischen Fehler aufmerksam: Statt „dass“ hat er „das“ geschrieben.

Graf Olaf ist kein Mann, der Kritik wegstecken kann, aber er reißt sich am Riemen und bedankt sich artig für die Belehrung. Tante Josephine ist so angetan von „Kapitän Talmis“ Charme, dass sie überlegt, ihn zum Essen einzuladen. Entsetzt versuchen die Kinder, als sie wieder daheim sind, ihr diese Idee auszureden. Sie befürchten, der Graf werde sie wieder entführen, wie er es schon einmal versucht hat. Doch zu spät: Kapitän Talmi* kündigt sich bereits per Telefon an, dessen Hörer Violet abgenommen und dann der Tante gegeben hat. Wenig später klopft es an der Tür …

* Liebe Kinder: Ich mache es wie der Autor und erkläre euch, was das Wort „Talmi“ bedeutet. Darunter versteht man so etwas wie einen Falschen Fuffziger, also etwas, das vorgibt, etwas anderes, Wertvolleres zu sein, als es in Wirklichkeit ist. Im Original der Visitenkarte, die im Buch abgebildet ist, steht „Captain Sham“, wobei „sham“ fast das gleiche wie Talmi bedeutet.

_Mein Eindruck_

Es ist eine Geschichte, die eines Charles Dickens würdig wäre: wahrlich betrüblich, aber geschickt erzählt. Das Schicksal der Kinder mag zwar zunächst einem Erwachsenen – für den das Buch nicht geschrieben wurde – nicht so sehr zu Herzen gehen, doch dürfte man durchweg vom Einfallsreichtum Violets und ihrer Tatkraft beeindruckt sein. Wenn es je eine Heldin gab, die es mit Harry Schotter oder Artemis Fowl aufnehmen konnte, dann ist es Violet Baudelaire. Und ganz ohne Zauberkraft.

Zunächst lässt sich jedes der Bücher an wie eine jener Jammergeschichten aus dem 19. Jahrhundert, wie sie die Viktorianer so gerne schrieben, um das Bürgertum für das Elend der mehr oder weniger arbeitslosen Massen zu interessieren und an seine Wohltätigkeit zu appellieren. „Oliver Twist“ ist der klassische Fall solcher Literatur. Doch dieses Bild hat einen kleinen Webfehler: Violet, Klaus und Sunny kommen selbst aus dem gehobenen Bürgertum, sind jedoch durch den Elternverlust auf die Herzensgüte ihrer diversen Verwandten angewiesen. Und diesen kann man nicht unbedingt Tauglichkeit für diese Aufgabe bescheinigen.

Hier ist bei den Kindern mal wieder der Unternehmergeist des Yankees gefragt. Am eigenen Schopf müssen sie sich wie weiland ein gewisser Baron aus dem Sumpf ziehen. Leider wird das heldenhafte Durchhalten der Kinder durch das Verhalten der Erwachsenen untergraben. Merke: Erwachsene sind so dumm, dass sie nur ihren eigenen Augen trauen, denn Kinder haben nichts zu melden. Neben logischem Denken (Klaus) und Erfindungsreichtum (Violet) ist also zum Überleben auch Mut und und Körpereinsatz (Sunny) vonnöten. Ende der Lektion. Power to the kids!

|Welche Zeit?|

Wie in jedem Buch ist man zunächst bemüht zu erfahren, in welcher Epoche die Geschichte spielt. Das ist diesmal gar nicht so einfach. Poe und Baudelaire sind Schriftstellernamen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Strand der Kahlen Küste ist leer, keine Sonnenanbeter weit und breit. Die Feuerwehrautos, die Helquist im Buch zeichnet, scheinen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu stammen, ebenso wie der veraltete Frack von Graf Olaf. Weit und breit gibt es weder Fernseher noch Radios, wohl aber Herzschmerztheateraufführungen für ein ahnungs- und anspruchsloses Publikum. Es ist eine beschauliche Welt der Viktorianer. Dickens hätte es hier gefallen.

Dann aber treten Unstimmigkeiten auf, als ob wir uns rasant in der Zeit vorwärts bewegen würden. Mister Poe in seiner Bank spricht über mehrere Telefone, und Graf Olaf und seine Helfershelfer verfügen über Walkie-Talkies. Dieser Anachronismus wird nicht erklärt. Doch Graf Olaf ist keineswegs ein Fabelwesen, auch wenn sein Walkie-Talkie ihn in dieser viktorianischen Welt so erscheinen lassen könnte. Er ist allenfalls ein Teufel mit sehr niederträchtigen Absichten: ein krasser Materialist, der nur hinter Geld her ist, vorzugsweise dem Vermögen der Baudelaires.

|Sprachkurs|

Diese massive Warnung ist nur ein Beispiel für Snickets (ganz gleich, wer sich dahinter verbirgt) fortgesetzte Bemühungen, dem jungen Leser (oder Hörer) etwas beizubringen. Auf jeder zweiten Seite, wenn nicht öfter, erklärt der Erzähler oder sogar eine der Figuren, was ein bestimmtes Wort bedeutet. Dabei sind diese Wörter nicht einmal etwas so Besonderes wie etwa ausgefallene Fremdwörter (z.B. „Talmi“), sondern auch ganz einfache wie etwa „brillant“. Diese didaktische Anstrengung geht dem erwachsenen Leser – wie mir – schon ziemlich bald gewaltig auf den Zeiger. Hoffentlich können die jungen Leser etwas damit anfangen. Ich schätze, spätestens ab dem zehnten Lebensjahr können sie den Text verstehen, wahrscheinlich aber schon früher.

|Der Sprecher|

Stefan Kurt verfügt über eine auffallend angenehme Stimme, die hervorragend zu dem onkelhaften Tonfall des Erzählers Snicket passt. Zwar kann er sein Sprechorgan nur in begrenztem Umfang modulieren, doch das übertriebene Intonieren, wie es früher mal Rufus Beck praktizierte, ist sowieso out. Dennoch fällt es nicht schwer, die heisere Stimme des niederträchtigen Graf Olaf herauszuhören, das Piepsen von Sunny oder die bedrohlichen Worte eines von Olafs finsteren Kumpanen. Und um Mr. Poe zu erkennen, muss man nicht mal die Wörter verstehen: Er ist auf Anhieb an seinem permanenten Husten zu erkennen. Das muss genügen, denn das Hörbuch hat weder Musik noch Geräusche vorzuweisen.

Besonders haben mir Stefan Kurts deutliche Aussprache und die prägnanten Pausen zwischen Sätzen und Kapiteln gefallen. Sie erleichtern Kindern, die noch nicht so schnell folgen können wie geübte Erwachsene, das Begreifen des Gesagten ungemein. Und außerdem verleihen sie dem Vortrag eine stabile Struktur, so dass im Zuhörer der Eindruck entsteht, dieser Erzähler wisse genau, wovon er spreche und dass man ihm ohne Weiteres vertrauen könne. Dieser Mehrwert ist eine Seltenheit in der heutigen, schnellebigen Zeit und daher umso höher zu schätzen.

|Das Booklet|

Neben allgemeinen Informationen zu den Machern und Mitwirkenden des Hörbuchs finden sich sechs Dokumente, die direkt aus den Büchern übernommen wurden und vom Autor stammen:
1) Der Brief an den Hörer und die Hörerin des 1. Bandes
2) Der Brief an den Verleger des 2. Bandes
3) Der Brief an den Hörer und die Hörerin des 2. Bandes
4) Der Brief an den Verleger des 3. Bandes
5) Der Brief an den Hörer und die Hörerin des 3. Bandes
6) Der Abschiedsbrief von Tante Josephine mit der geheimen Botschaft.

_Unterm Strich_

Das Hörbuch bietet die kompletten drei ersten Bände der 13-teiligen Chronik um die betrüblichen Ereignisse, die den Baudelaire-Waisen widerfahren. Aber diese Geschehnisse sind für Kinder sowohl spannend als auch lehrreich, und als Erwachsener erkennt man die Satire schon von weitem. Der Sprecher Stefan Kurt, ein bekannter und mit Preisen geehrter Schauspieler, trägt die Geschichte mit angemessenem Mitgefühl und Einfühlungsvermögen vor. Besonders haben mir seine deutliche Aussprache und die Pausen zwischen Sätzen und Kapiteln gefallen. Sie erleichtern besonders Kindern, die noch nicht so schnell folgen können wie geübte Erwachsene, das Begreifen des Gesagten ungemein.

Die Geschichte ist entsprechend der Epoche: herzzerreißend, betrüblich sowieso, aber auch spannend, weil die Waisenkinder einige amerikanische Tugenden entwickeln und Wissen mit Tatkraft paaren, um sich aus der Patsche zu helfen. Kinder können hier eine ganze Menge lernen. Dies betrifft nicht nur das Verhalten der drei Hauptfiguren, sondern auch die Sprache. Es ist eine Eigenart der Bücher von „Lemony Snicket“ (dies ist selbstverständlich ein nach Dickens klingendes Pseudonym; von Daniel Handler, wird gemunkelt), dass sich der Chronist der „betrüblichen Ereignisse“, der sich am Schluss wieder per Brief an den Finder und Herausgeber seiner Aufzeichnungen wendet, die schwierigen Wörter, die er benutzt, erklärt.

Dies können durchaus auch seltene Wörter sein, zum Beispiel „phantasmagorisch“. Kein normaler Mensch würde dieses Wort benutzen, geschweige denn wissen, was es bedeutet. Vielleicht kann ja auch der eine oder andere Erwachsene noch etwas dazulernen, wenn er Snickets gesammelte Aufzeichnungen liest.

Bemerkenswert sind hingegen die deutlich formulierten psychologischen Einsichten in die prekäre seelische Lage der Waisen: Hier gelingt Snicket etwas, was man in anderen Kinderbüchern allzuoft vergeblich sucht. Er vermag dem jungen Leser genauen Einblick zu geben, wie den drei jungen Helden zumute ist. Da bewährt er sich einmal nicht als Sprachpädagoge mit erhobenem Zeigefinger, sondern als onkelhafter Freund des jungen Lesers. Dennoch verzichtet er nicht auf die unwahrscheinlichsten Taten seiner Helden, die schon fast an das Reich der Phantasie grenzen. Dietriche aus Steckern zu bauen, würde mir jedenfalls nicht im Traum einfallen.

Die Fortsetzungen des Hörbuchs, so der Hinweis im Booklet, erscheinen bei |Random House Audio|.

|Originaltitel: A Series of Unfortunate Events – The Bad Beginning (1999) / The Reptile Room (1999) / The Wide Window (2000)
9 CDs, 10 Stunden 5 Minuten
Aus dem US-Englischen übersetzt von Klaus Weimann und Birgitt Kollmann|

Snicket, Lemony – unheimliche Mühle, Die (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 4)

_Der Waisen Not: Zwischen Orwell und „Metropolis“_

„Lieber Leser, ich kann nur hoffen, dass du dieses Buch nicht lesen willst, weil du gerade Lust auf angenehme Unterhaltung hast. Sollte das doch der Fall sein, rate ich dir, es sofort wieder dahin zurückzulegen, wo du es hergenommen hast.“ An diesen Rat des Autors sollte man sich unbedingt halten – selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. In Band 4 werden Violet, Klaus und Sunny nach Jammerau im Finsterwald verschickt, wo sie wie die Sklaven in einer Sägemühle schuften müssen …

Der Verlag empfiehlt die Snicket-Reihe für Kinder ab 10 Jahren.

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im ersten Band. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:

1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die Schule des Schreckens
6) Die dunkle Allee

|Der Illustrator|

„Brett Helquist wurde in Ganado, Arizona, geboren, wuchs im Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute New York City. Er studierte Kunst an der |Brigham Young University| [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die |New York Times| und viele andere Publikationen.“ (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Vorgeschichte_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine Anwhistle, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm.

_Handlung_

Noch brutaler als in den vorhergehenden Abenteuern werden Violet, Klaus und Sunny Baudelaire an ihrem neuen Bestimmungsort von Mr. Poe abgeladen und einfach stehen gelassen. Sie befinden sich an einem düsteren Ort mit dem bezeichnenden Namen Jammerau. Und weil der umliegende Finsterwald so viel Holz liefert, befindet sich in Jammerau eine Sägemühle. Sie stehen genau davor. Und sehen – einen mit Kaugummi angeklebten Zettel, auf dem sie begrüßt werden und genaue Instruktionen erhalten, sich in ihren Schlafsaal zu begeben, damit sie am nächsten Morgen mit der Arbeit beginnen können.

Keine nette Begrüßung, finden die Baudelaire-Waisen. Finden wir auch nicht. Eigentlich sollte ihr neuer Vormund sie hier begrüßen und mit netten Speisen verwöhnen. Denn ihnen knurrt der Magen. Stattdessen ragt eine düstere Fabrik vor ihnen empor, aus deren Dach Schornsteine ragen wie Stachelschweinstacheln. Und noch zwielichtiger ist ein Haus am Ende der Straße, das aufrecht stehend einem Auge ähnelt. Und wenn es um zwielichtige Augen geht, dann geht es auch um Graf Olaf, ihren ständigen Verfolger.

Ein Mann namens Phil empfängt sie und weist ihnen ihr Stockbett zu. Sie müssen zusammen mit den anderen Arbeitern schlafen. Am Abend gibt es einen relativ ungenießbaren Eintopf. Am anderen Tag finden sie zu ihrem wachsenden Entsetzen heraus, dass es kein Frühstück gibt und zum Mittagessen nur ein Stück Kaugummi. Der Eintopf ist die einzige Mahlzeit.

Die harte Arbeit, zu denen sie der Vorarbeiter Flacutono antreibt, besteht natürlich im Entrinden und Zersägen von Baumstämmen. Sogar die kleine Sunny, die nicht mal richtig sprechen kann, wird zur Sklavenarbeit verdonnert. Doch dafür gibt es als Entlohnung nicht etwa Geld, sondern lediglich Gutscheine, also Rabatt auf etwas, das sie sich sowieso nicht leisten können.

Ihr Protest lässt nicht lange auf sich warten. Doch bei Flacutono geraten sie an den Falschen, Phil ist leider ein Optimist, der selbst im größten Unglück nur das Positive sieht – und so müssen sie zum Boss. Dieser hat keinen Namen – und auch kein Gesicht, wenn man’s genau nimmt: Es ist stets hinter dem Qualm aus seiner Zigarre verborgen. Er lässt sich mit „Sir“ anreden, auch von seinem „Partner“. Das soll ihr Vormund sein?!

Lieber Leser, lies nicht weiter! Denn es kommt alles nur noch schlimmer.

Weil der Vorarbeiter Flacutono ihm ein Bein gestellt hat, fällt Klaus in der Fabrik hin und zerbricht das Glas seiner Brille. Man schickt ihn zur Augenärztin Dr. Georgina Orwell, die – ratet mal, wo – im augenförmigen Haus am Ende der Straße wohnt und Klaus dort behandelt. Nehmen Violet und Sunny jedenfalls an.

Man stelle sich ihre Verwunderung vor, als Klaus zurückkehrt und sie gar nicht mehr wiedererkennt. Er geht und steht wie ein Zombie und antwortet mit „Jawohl, mein Herr“. Dann führt er den gehörten Befehl aus, aber ohne zu wissen, was das soll. Seine Schwestern machen sich allmählich Sorgen. Warum benimmt sich Klaus auf einmal wie ein Roboter? Warum erkennt er sie nicht mehr? Was hat man ihm befohlen? Und wer ist überhaupt „man“?

Ein finsterer Verdacht gegen Dr. Georgina Orwell beschleicht Violet und Sunny. Ihre (und unsere) schlimmsten Befürchtungen werden noch übertroffen von dem, was Klaus am nächsten Tag tut …

_Mein Eindruck_

Die Handlung erinnert nicht von ungefähr an gewisse Elemente aus Fritz Langs Klassiker „Metropolis“ von 1926. Darin gibt es eine Arbeiterführerin namens Maria, die mit dem Sohn des Industriellen Fredersen bekannt ist, der sich in sie verliebt hat. Das ist nicht wichtig. Wichtig ist vielmehr, dass Fredersen selbst etwas gegen Maria und ihre klassenkämpferische Arbeit unternimmt, indem er den Erfinder Rotwang einen Roboter erschaffen lässt, der genauso aussieht wie Maria, aber aufs Wort gehorcht. Seltsamerweise wiegelt diese falsche Maria die Arbeiter zum Aufstand auf, bei dem die Maschinen Fredersens zerstört werden.

Wie auch immer die Logik von „Metropolis“ aussehen mag, sie interessiert an dieser Stelle nicht. Wohl aber interessiert, dass in Snickets Roman Klaus von einem jungen Intellektuellen in einen doofen funktionierenden Roboter verwandelt wird, um die Befehle seines (vorerst unbekannten) Herrn auszuführen. Der echte Fabrikbesitzer, der sich „Sir“ nennen lässt, ist wie Fredersen eine autokratische Kapitalistengestalt, und es ist lange Zeit nicht klar, auf welcher Seite er steht. Bezeichnend dafür ist, dass man sein Gesicht nie zu sehen bekommt.

In dieser Umgebung lernen Violet und Sunny den Wert von Worten kennen. Die meisten Worte, die in der Fabrik verwendet werden, sind Lügen. Das heißt, sie werden von denen, die das Sagen haben, benutzt, um diejenigen, denen sie befehlen, hinters Licht zu führen, einzuschüchtern und zu betrügen. Violet selbst benutzt solche Wörter, um höflich zu sein. Obwohl sie genau weiß, dass die Wirklichkeit sich anders verhält, will sie dennoch höflich sein und lügt, um Repressalien zu entgehen. Tut sie dies nicht, sondern sagt ungeschminkt die Wahrheit, bekommt sie massive Drohungen zu hören. Dann schon lieber höflich sein.

Ein anderes Wort, das sich als eine Lüge herausstellt, ist „Glück“. Dieses Wort benutzt der „Optimist“ Phil am liebsten, selbst noch im größten Un-Glück: Er lügt sich damit selbst in die Tasche und ist dadurch in der Tat ein glück-licher Mensch. Bezeichnenderweise gehört die Sägemühle „Glück & Partner“. Wenn der „Partner“ der Diener des Bosses ist, dann muss der Boss Herr Glück sein, den man nie erkennen kann.

VORSICHT SPOILER!

Doch Violet ist weiß Gott nicht auf den Kopf gefallen. Sie liest in dem Fachbuch, das Dr. Georgina Orwell (welch ein hinterlistiger Name! George Orwell würde sich schämen) geschrieben hat, über Hypnose nach. Und obwohl die Fachausdrücke nur für den belesenen Klaus verständlich sind, findet sie einen Trick, um den schwierigen Text zu verstehen: Sie ersetzt alle Fachausdrücke durch „hmhm“. Genial! So gelingt es ihr herauszufinden, was die Autorin eigentlich ausdrücken will: Wer einen posthypnotischen Befehl auslösen will, braucht ein Codewort. Und wer den Befehl ausschalten will, muss ebenfalls ein Codewort rufen, um den Hypnotisierten zu erlösen.

Violet braucht weniger als zehn Sekunden, um zu erkennen, dass Klaus einen posthypnotischen Befehl erhalten hat, der ihn zum Roboter macht. Sie braucht wesentlich länger, um die beiden Codewörter herauszubekommen. Das erste kommt im Firmennamen vor …

SPOILER ENDE

Die Assoziationen mit „Metropolis“ und George Orwells „1984“ erinnern an Roboter, die dem „Big Brother“ gehorchen. Ihnen entspricht die Figur des umgewandelten Klaus. Klaus braucht dringend eine Maria, die ihn erlöst. Violet gelingt dies, indem sie seine Fähigkeiten bei sich selbst anwendet (siehe SPOILER). Aber im kritischen Moment muss sich Klaus selbst helfen. Dies gelingt ihm nur, indem er Violets Fähigkeit des erfinderischen Ingenieurdenkens anwendet. Beide wachsen über sich selbst hinaus, aber nur im Teamwork. Dadurch erlangen sie die Freiheit.

Es ist wirklich eine schöne Lektion, die der Autor hier erteilt und in anschauliche Szenen verpackt. Leider dauert es eine ganze Weile, bis er mit seinem Gejammer, Philosophieren und Dozieren aufhört und zum Erzählen kommt. Dass er ständig komplizierte Wörter wie „exzessiv“ erklärt, kennen wir schon aus den Vorgängerbänden. Das ist für Kinder lehrreich. Das Dozieren hingegen ist lästig. Bis die Action endlich anfängt, kann der Leser lange warten. Das Finale ist entsprechend kurz.

_Unterm Strich_

„Die unheimliche Mühle“ ist über weite Strecken eine Enttäuschung gewesen. Die betrüblichen Ereignisse, die den Waisen zustoßen, sind ja sattsam bekannt und entsprechend erwartet, doch die langen Kommentare dazu hätte sich der Autor sparen können. Es ist schlimmer als Charles Dickens.

Denn die Geschichte an sich funktioniert wirklich gut. Sie hat Anklänge an Fritz Langs „Metropolis“ von 1926 und an George Orwells „1984“ von 1948. (Die Details habe ich oben dargelegt.) Aus ihrer misslichen Lage können sich die Waisen nur gegenseitig erlösen, denn sonst hilft ihnen keiner. Der „Optimist“ (Phil) lügt sich resignativ in die Tasche, der „Partner“ kuscht vor dem Boss, und der Vorarbeiter Flacutono spielt den Sklaventreiber. Wie schon so oft müssen sich die Waisen selbst helfen.

Man könnte die geschilderten Verhältnisse als satirische Übertreibung frühkapitalistischer Arbeitszustände deuten, wie sie in manchen US-Konzernen (bitte Michael Moore fragen!) inzwischen wieder Gang und Gäbe sein sollen. (Im nächsten Band „Die schreckliche Schule“ werden auf ähnliche Weise die Zustände an einer „Akademie“ bzw. in einem Internat angeprangert.)

Doch nun lautet die Preisfrage: Wo steckt Graf Olaf? Ich empfehle einen Arztbesuch bei Dr. Georgina Orwell und ihrer in jeder Hinsicht „reizenden“ Sprechstundenhilfe Shirley … Rette sich, wer kann.

|Originaltitel: A Series of unfortunate Events: The miserable Mill, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Birgitt Kollmann|

Snicket, Lemony – Seufzersee, Der (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 3)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 3 erzählt von ihren schrecklichen Abenteuern am großen Seufzersee, wo ihnen der fiese Kapitän Talmi nachstellt, um an ihr Vermögen zu gelangen.

_Der Autor_

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

|Der Zyklus „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“:|

1) Der schreckliche Anfang
2) Das Haus der Schlangen
3) Der Seufzersee
4) Die unheimliche Mühle
5) Die Schule des Schreckens
6) Die dunkle Allee

_Der Illustrator_

„Brett Helquist wurde in Ganado, Arizona, geboren, wuchs in Orem, Utah [dem Mormonenstaat], auf und lebt heute in New York City. Er studierte Kunst an der |Brigham Young University| [in Utah] und arbeitet seither als Illustrator für die „New York Times“ und viele andere Publikationen.“ (Die Einfügungen in eckigen Klammern stammen von mir.)

_Vorgeschichte_

Zunächst führten die drei Baudelaire-Kinder eine sorgenfreie Existenz. Sie verbringen den Schicksalstag am Strand und freuen sich des Lebens, jedes nach seinen Vorlieben. Violet, mit 14 Jahren die älteste von ihnen, denkt an eine neue Erfindung, denn sie hat die Fähigkeiten eines Ingenieurs.

Klaus, mit zwölf Jahren der zweitälteste des Trios, ist ein Bücherwurm und Wissenssammler – ein wandelndes Lexikon, aber nicht unfehlbar oder gar allwissend. Und schließlich wäre da noch die kleine Sunny, die noch ein Kleinkind ist, in alles hineinbeißt und kaum ein vollständiges Wort zu sagen vermag, geschweige denn ein verständliches. Aber Sunnys markante Aussprüche werden jedes Mal vom Autor übersetzt.

Doch an besagtem Schicksalstag brennt das Haus ihrer Eltern, in dem sie behütet und geliebt aufwuchsen, vollständig nieder. Der Nachlassverwalter Mr. Poe, ein ewig kränkelnder Bankangestellter, weiß mit den Kindern nichts anzufangen und bringt sie zu einem Vormund nach dem anderen, zuerst zu Graf Olaf, der nur ihr Vermögen will, dann zu Onkel Monty, der vorzeitig das Zeitliche segnet, und schließlich zu Tante Josephine Anwhistle, die am Seufzersee wohnt.

Doch die Kinder fürchten, dass Graf Olaf, der bereits in mehreren Verkleidungen hinter ihnen her war, auch diesmal einen Weg finden wird, die Vormundschaft über sie zu erringen. Zwar soll Violet erst das Familienvermögen erben, wenn sie 18 und volljährig ist, doch Graf Olaf kennt einen Weg, dies zu umgehen: Er muss Violet nur heiraten und das Vermögen gehört ihm.

_Handlung_

Tante Josephine hat ein bemerkenswertes Domizil: Ihr Häuschen ist auf der Spitze eines Hügels beziehungsweise einer Klippe erbaut, der oder die den See in stolzer Höhe überragt. Das Häuschen wird von wackelig aussehenden Stelzen gestützt, als befände es sich in den Hügeln von Hollywood. Ob es wohl den heranziehenden Hurrikan Hermann, von dem der Taxifahrer den Kindern erzählt, überstehen wird? Irgendwie wagt man das zu bezweifeln.

Tante Josephine ist nicht ganz das, was sich die Kinder unter einem Vormund, der sich um ihr Wohlergehen kümmern sollte, vorstellen. Die Witwe hat so viele Ängste, das sie sich kaum zu bewegen traut und kaum aus dem Haus geht. Sie stellt weder Heizung noch Kochherd an, aus Angst, das Ding könnte explodieren. Folglich bleibt die Küche kalt, und kalte Gurkensuppe ist sicherlich nicht das wohlschmeckendste aller Gerichte. Auch das Telefon rührt die Tante nicht an, aus Angst, es könnte ihr einen elektrischen Schlag versetzen. Ihr verstorbener Mann, den sie auf dem See verloren hat, hatte sich immer um diese Dinge gekümmert.

Das Einzige, dem sich die Tante mit ganzem Herzen hingibt, ist die Grammatik. Nichts geht ihr über einen wohlgeformten Satz, in dem jedes Wörtchen an seinem korrekten Platz und in seiner korrekten Form sitzt. Kaum eine Minute vergeht, in der sie nicht eines der Kinder korrigiert. Kein Wunder, dass die drei Kinder schon bald völlig genervt sind.

Tantchen hat eine riesige Bibliothek. Klaus, die Leseratte, freut sich schon auf neue Hirnnahrung, muss aber enttäuscht feststellen, dass sämtliche Werke nur mit – was wohl? – Grammatik zu tun haben. Die Bibliothek verfügt über ein Fenster, das vom Boden bis zur Decke reicht und einen beeindruckenden Ausblick auf den düsteren Seufzersee gewährt. Düster auch deswegen, weil sich darin die gefräßigen Seufzerseesauger, eine Art Blutegel mit Zähnen im Maul, tummeln. Sie sind es, die Tantchens Mann Ike auf dem Gewissen haben …

Wie sollte es anders sein, so stoßen die Kinder auch auf den unvermeidlichen Grafen Olaf. Doch wie er da im Supermarkt vor ihnen steht, würde niemand in ihm den Erbschleicher vermuten: Er sieht aus wie ein Seemann, der Pirat spielt: Er trägt ein Holzbein und eine Klappe über dem einen Auge. Er sei jetzt im Bootsverleih tätig, behauptet er und überreicht ihnen seine Visitekarte. Tantchen Josephine macht ihn sofort auf einen kolossalen grammatikalischen Fehler aufmerksam: Statt „dass“ hat er „das“ geschrieben.

Graf Olaf ist kein Mann, der Kritik wegstecken kann, aber er reißt sich am Riemen und bedankt sich artig für die Belehrung. Tante Josephine ist so angetan von „Kapitän Talmis“ Charme, dass sie überlegt, ihn zum Essen einzuladen. Entsetzt versuchen die Kinder, als sie wieder daheim sind, ihr diese Idee auszureden. Sie befürchten, der Graf werde sie wieder entführen, wie er es schon einmal versucht hat. Doch zu spät: Kapitän Talmi* kündigt sich bereits per Telefon an, dessen Hörer Violet abgenommen und dann der Tante gegeben hat.

Wenig später klopft es an der Tür …

* Liebe Kinder: Ich mache es wie der Autor und erkläre euch, was das Wort „Talmi“ bedeutet. Darunter versteht man so etwas wie einen Falschen Fuffziger, also etwas, das vorgibt etwas anderes, Wertvolleres zu sein, als es in Wirklichkeit ist. Im Original der Visitenkarte, die im Buch abgebildet ist, steht „Captain Sham“, wobei „sham“ fast das gleiche wie Talmi bedeutet.

_Mein Eindruck_

Zunächst lässt sich das Buch an wie eine jener Jammergeschichten aus dem 19. Jahrhundert, wie sie die Viktorianer so gerne schrieben, um das Bürgertums für das Elend der mehr oder weniger arbeitslosen Massen zu interessieren und an seine Wohltätigkeit zu appellieren. „Oliver Twist“ ist der klassische Fall solcher Literatur.

Doch dieses Bild hat einen kleinen Webfehler: Violet, Klaus und Sunny kommen selbst aus dem gehobenen Bürgertum, sind jedoch durch den Elternverlust auf die Herzensgüte ihrer diversen Verwandten angewiesen. Und diesen kann man nicht unbedingt Tauglichkeit für diese Aufgabe bescheinigen. Tante Josephine versteht erstens nichts von Menschen bzw. Kindern und ist zweitens so von Angst zerfressen, dass sie keinerlei Initiative aufbringen kann, wenn es darauf ankommt.

|Yankees, bitte vortreten!|

Hier ist bei den Kindern mal wieder der Unternehmergeist des Yankees gefragt. Am eigenen Schopf müssen sie sich wie weiland ein gewisser Baron aus dem Sumpf ziehen. Das Fenster der Bibliothek mag zerbrochen sein, ein Hurrikan mit aller Macht losbrechen, doch ein Yankee darf dennoch nicht verzagen. Klaus braucht zwar eine Weile, bis er die erste Lösung findet, doch dann hat er eine klare Handlungsanweisung. Der Schlüssel dazu ist seine eigene scharfsinnige Menschenbeobachtung.

Tante Josephine ist eine Person, die in Grammatikfragen viel zu pingeling ist, als dass sie einen vor Fehlern nur so strotzenden Abschiedsbrief vor ihrem mutmaßlichen Selbstmord (Sturz durchs Fenster) verfasst hätte. Nein, die einzige Erklärung für diese Diskrepanz liegt für Klaus darin, dass die Fehler mit Methode eingefügt wurden: eine Geheimbotschaft …

Beim Zweikampf auf dem See, als zugleich Kapitän Talmi, der Hurrikan und die gefräßigen Blutegel das Boot der Kinder angreifen, bewährt sich vor allem Violet. Mit ihrem erfinderischen Ingenieursverstand fällt ihr die rettende Lösung ein. Etwas bizarr mutet ihr Tun schon an, aber Hauptsache, es funktioniert und erfüllt seinen Zweck.

|Das Versagen der Erwachsenen|

Leider wird das heldenhafte Durchhalten der Kinder durch das Verhalten der Erwachsenen untergraben. Das Nervenbündel Tante Josephine hat den fiesen Tricks des piratenhaften Kapitän Talmi alias Graf Olaf (man stelle sich einen boshaften Jim Carrey vor!) rein gar nichts entgegenzusetzen. Ihre Angst lässt nur Flehen um das eigene Leben zu: Die Kinder sind entsetzt, sich so verrraten und verkauft zu sehen. Nicht einmal Tantchens geliebte Grammatik hilft ihr nun – im Gegenteil: Graf Olaf trickst sie durch ihre eigene Überkorrektheit aus. Merke: Wer der Welt entfremdet ist, kommt darin um.

Nicht einmal Mr. Poe glaubt, dass es sich bei Kapitän Talmi und Graf Olaf um ein und dieselbe schreckliche Person handelt. Hier kommt dann die kleine Sunny zum Zuge. Sie bringt ihre kräftigen vier Beißerchen zu einem entlarvenden Einsatz, der die Wahrheit ans Licht bringt. Merke: Erwachsene sind so dumm, dass sie nur ihren eigenen Augen trauen, denn Kinder haben nichts zu melden.

Neben logischem Denken (Klaus) und Erfindungsreichtum (Violet) sind also zum Überleben auch Mut und Körpereinsatz (Sunny) vonnöten. Ende der Lektion. Power to the kids!

|Übersetzung und Illustrationen|

Noch immer ist nicht ganz klar, in welcher Epoche sich das Geschehen abspielt. In Seufzersee fahren zwar Taxis und es gibt Telefone, aber ansonsten könnte sich die Handlung auch im 19. Jahrhundert abspielen. Dem angemessen sind die Illustrationen, die Brett Helquist passend stilisiert hat, als wäre die Epoche das frühe 20. Jahrhundert: Der Mann auf Seite 189 trägt einen Zylinderhut.

An der Übersetzung von Klaus Weimann gibt es nichts auszusetzen, und ich konnte keine Fehler entdecken. Hier wurde sorgfältig gearbeitet.

_Unterm Strich_

An dieser „Reihe betrüblicher Ereignisse“ gibt es zunehmend weniger auszusetzen. Der dritte Band ist vielmehr die reine Freude. Der Leser darf sich durch rätselhafte Aktionen, geheime Botschaften, falsche Identitäten, eine bedrohliche Natur und den finalen Showdown angemessen unterhalten fühlen.

Kinder hingegen können hier eine ganze Menge lernen. Dies betrifft nicht nur das Verhalten der drei Hauptfiguren, sondern auch die Sprache. Es ist eine Eigenart der Bücher von „Lemony Snicket“ (dies ist selbstverständlich ein nach Dickens klingendes Pseudonym), dass sich der Chronist der „betrüblichen Ereignisse“, der sich am Schluss wieder per Brief an den Finder und Herausgeber seiner Aufzeichnungen wendet, die schwierigen Wörter, die er benutzt, erklärt.

Dies können durchaus auch seltene Wörter sein, zum Beispiel „phantasmagorisch“. Kein normaler Mensch würde dieses Wort benutzen, geschweige denn wissen, was es bedeutet. Vielleicht kann ja auch der eine oder andere Erwachsene noch etwas dazulernen, wenn er Snickets gesammelte Aufzeichnungen liest.

|Hinweis|

Die Abenteuer der leidenden Waisen gehen weiter und führen sie im nächsten Band zur „unheimlichen Mühle“. Darin kommen ein Jeep vor, ein Observatorium, Hypnose, ein Chirurgen-Mundschutz und 68 Kaugummis. Des Rätsels Lösung folgt demnächst. Das Buch ist im Februar 2005 erschienen. Ich werde darüber berichten.

|Originaltitel: A Series of unfortunate Events – The wide Window, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von Klaus Weimann, illustriert von Brett Helquist|

Lemony Snicket – Das teuflische Hospital (Betrübliche Ereignisse 8)

Schneewittchen zum Gruseln: Kalamitäten im Krankenhaus

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 8 sieht unsere drei jungen Helden auf der Flucht, denn wegen eines falschen Berichts in der Tageszeitung (Fake-News!) werden sie überall für Mörder gehalten. Werden sie im halbfertigen Henry-J.-Heimlich-Hospital in Sicherheit sein? Als eine unheimlich vertraute Stimme aus dem Lautsprecher hallt, wissen sie: Graf Olaf ist nahe! Ob ihnen wohl die Freiwilligen Freudenspender helfen können?
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Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Erben. Band 5 führt sie an die Prufrock-Privatschule, wo der stellvertretende Schuldirektor ihr neuer Vormund sein soll. Eigentlich. Der jedoch bittet sich Zeit für seine Übungsstunden auf der Geige aus. Ab in den Schuppen!

|Der Autor|

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter http://www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“ So weit der Text im Buch. Nicht sonderlich aufschlussreich.

Lemony Snicket – Die Schule des Schreckens (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 5) weiterlesen

Lemony Snicket – Das Haus der Schlangen (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 2)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder.

_Der Autor_

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“

Lemony Snicket – Das Haus der Schlangen (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 2) weiterlesen

Lemony Snicket – Der schreckliche Anfang (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 1)

Selten war ein Buchserientitel treffender formuliert: „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“. Sie brechen nacheinander über drei Waisen herein, die Baudelaire-Kinder. Band 1 erzählt, wie könnte es anders sein, den „schrecklichen Anfang“ ihrer scheinbar endlosen Leidensgeschichte.

Der Autor

Verlagsinfo: „Lemony Snicket wurde in einem kleinen Ort geboren, in einem Landstrich, der heute unter Wasser steht. Mittlerweile lebt L. S. in der Stadt. In seiner Freizeit sucht er die Orte auf, an denen auch die Baudelaire-Kinder sich aufzuhalten gezwungen waren, um möglichst wahrheitsgetreu über ihr Schicksal berichten zu können. Wer will, kann L. S. im Internet unter www.lemonysnicket.de besuchen. Aber wir warnen dringend davor.“

Lemony Snicket – Der schreckliche Anfang (Eine Reihe betrüblicher Ereignisse 1) weiterlesen