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Marina Lewycka / Claudia Kattanek / Oliver Sturm – Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch (Hörspiel)

Valentina und der stotternde Traktorenmotor

Buchzitat: |“Zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter verliebte sich mein Vater in eine berückende blonde Frau aus der Ukraine. Er war vierundachtzig, sie sechsunddreißig. Wie eine flauschige rosa Granate schoss sie in unser Leben, wirbelte trübes Wasser auf, brachte den ganzen Morast längst versunkener Erinnerungen wieder an die Oberfläche und trat unseren Familiengespenstern kräftig in den Hintern.“| Die Schreiberin dieser Zeilen ist entsprechend entgeistert. Zusammen mit ihrer Schwester Vera unternimmt Nadia alias Nadeschda alles, um ihren Vater vor der kommenden Katastrophe zu bewahren. Doch der ist immer noch schwer verliebt …

Die Autorin

Marina Lewycka, aus einer ukrainischen Familie stammend, wurde 1946 in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und kam mit ihren Eltern von dort aus nach England. Sie ist verheiratet, lebt in Sheffield und unterrichtet an der Universität. [„Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ 2970 ist ihr erster Roman, für den sie in England gefeiert wurde und der sich zum internationalen Bestseller entwickelte. 2007 ist ihr zweiter Roman „Caravans“ erschienen.

Die Sprecher / Die Inszenierung

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) produzierte dieses Hörspiel im Jahr 2007.

Die Sprecher und ihre Rollen

Elisabeth Trissenaar: Vera
Lena Stolze: Nadeshda
Traugott Buhre: Vater
Jeanette Spassova: Valentina
Und viele andere.

Lena Stolze (Nadeshda), 1956 geboren, stand nach ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar auf sämtlichen deutschen Bühnen. Der Durchbruch gelang ihr 1982 mit dem Kinofilm „Die weiße Rose“ , der unter anderem mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde. Eine weitere Zusammenarbeit mit Michael Verhoeven brachte ihr 1990 für „Das schreckliche Mädchen“ sogar die OSCAR-Nominierung ein. 2002 trat sie in Trottas „Rosenstraße“ neben Katja Riemann auf. Neben ihrer Schauspielkarriere gehören auch Lesungen, Moderation, Hörspiele und Features zu ihrem breiten Tätigkeitsfeld.

Elisabeth Trissenaar (Vera), geboren in Wien, absolvierte ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar. Bevor sie 1965 Fassbinder bei der Inszenierung von Handkes „Die Unvernünftigen sterben aus“ begegnete, arbeitete sie vor allem mit ihrem Ehemann, dem Regisseur Hans Neuenfels, zusammen. Bei Fassbinder spielte sie Rollen in „Bolwieser“ (1977), „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) und „Berlin Alexanderplatz“ (1980). Neben zahlreichen TV-Rollen war sie zuletzt in der Verfilmung von Ingrid Nolls Roman „Kalt ist der Abendhauch“ zu sehen. Sie lebt heute in Berlin.

Traugott Buhre (Vater), 1929 geboren, ist einer der großen Charakterdarsteller des deutschsprachigen Theaters. Dem Fernsehpublikum ist er durch zahlreiche Gastauftritte in der Krimiserie „Derrick“ und in den „Tatort“-Produktionen bekannt.

Jeanette Spassova (Valentina) arbeitet vor allem als Schauspielerin. Sie ist fest im Ensemble der Berliner Volksbühne engagiert. Im Fernsehen war sie in „Des Teufels General“ (1997) und in „Dämonen“ (2000) zu sehen. Als Hörfunksprecherin hat sie sich vor allem durch das Hörspiel „Mosaik“ von Klaus Buhlert einen Namen gemacht, das 2005 zum Hörspiel des Jahres gewählt wurde.

Die Hörspielbearbeitung stammt von Claudia Kattanek, die Musik von Gerd Bessler, Regie führte Oliver Sturm. Für Ton und Technik waren André Lüer, Christian Grund und Holger Kliemchen zuständig.

Handlung

Eines Tages, als Nadeshda Majeski 47 und ihr Vater schon 84 ist, bekommt sie einen überraschenden Anruf: Vater will nochmal heiraten – kaum ist ihre Mutter zwei Jahre unter der Erde. Und was für eine Braut das ist! Valentina Dubova, 36, ist eine blonde Sexgranate mit Atombusen, frisch aus der Ukraine. Und ein Kind hat sie auch: Stanislaus. Nadeshda (= russisch für „Hoffnung“) ruft fassungslos sofort ihre ältere Schwester Vera (= Glaube) an, um zu beraten, was zu tun ist.

Doch die Schwestern sind grundverschieden und müssen sich erst einmal zusammenraufen. Vera ist realistisch und noch im Krieg geboren (also schon über 55), Nadeshda wird von Vera eine Träumerin und Weltverbesserin genannt. Vera durchschaut Valentina sofort: „Sie will bloß einen britischen Pass und dann abhauen.“ Nadeshda hofft hingegen, dass Vater in seinem Alter nochmal sein privates Glück findet, aber Vera denkt, dass es Valentina nur ums Geld geht.

Am 1. Juni findet die Trauung in einer katholischen Kirche statt, doch die Schwestern sind nicht eingeladen. Von ihrem Vater erfährt Nadeshda, dass er scharf auf Valentina und ein Kind von ihr will. Aber vorerst wohnt sie noch bei einem Nachbarn. Derweil schreibt Dad an seiner „Kurzen Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ weiter, denn er war früher technischer Zeichner in einer Traktorfabrik und hält 16 Patente.

Um der Sache auf den Grund zu gehen, fährt Nadeshda von ihrer Uni in Cambridge 80 Kilometer nach Peterborough zu Daddy, um Valentina anzusehen. Mein Gott, was für ein Busen! Greller Lippenstift, gefärbte blonde Haare – sie berichtet Vera alles brühwarm. Und zu essen gab es Tiefgekühltes – würg!

Eine erste Ehekrise wegen Valentinas Geldausgaben wird noch beigelegt. Sie hat nicht nur einen Rover, sondern auch einen Lada – für ihren Bruder, sagt sie. Sie telefoniert für 700 Pfund im Monat in die Ukraine. Seine Töchter raten Mr. Majeski, das Telefon abzustellen, aber es nützt nichts. Er muss auch noch einen neuen Herd kaufen, einen braunen, keinen weißen. Vera und Nadeshda wird sonnenklar, dass sie sowohl Dad retten müssen als auch das Haus, bevor Valentina so viele Schulden aufhäuft, dass der Gerichtsvollzieher aufkreuzt.

Valentina muss weg! Sie schalten den Anwalt ein und beknien Daddy, die Scheidung einzureichen. Aber die Prozedur stellt sich als gar nicht so einfach heraus. Und als auch noch Valentinas Ex-Mann Herr Dubov, selbst ein Ingenieur, auftaucht, gibt es es eine dicke Überraschung. Denn er versteht sich prächtig mit Daddy …

Mein Eindruck

Die vordergründige Handlung folgt altbekannten Mustern aus der „Frauenliteratur“ (darf man so heute überhaupt noch sagen?). Eine Ausländerin, noch dazu mit größeren weiblichen Attributen ausgestattet, will den Töchtern, die mehr oder weniger (eher weniger) zufrieden leben, ihren Daddy wegnehmen. Eh klar, dass dahinter weniger die ernsthafte Eheabsicht steht – er ist schließlich schon 84! – als vielmehr die Erschleichung von Staatsangehörigkeit und entsprechender Unterstützung von staatlicher Seite.

Dass solchem Betrug ein Riegel vorgeschoben werden muss, versteht sich ja wohl von selbst. Meint zumindest Vera, die ältere der beiden Töchter. Doch Nadja ist liberal gesinnt und nicht ohne weiteres zu einschneidenden Maßnahmen bereit. Und schließlich hat es Valentina ja offenbar nötig. Erst die weiteren Tatsachen ernüchtern sie, dass es im Leben weitaus weniger romantisch als in ihren liberalen Träumen zugeht.

All das ist derartig klischeehaft, dass ich es nicht sonderlich lustig oder gar interessant fand, egal, was die Gazetten und das Verlagsmarketing behaupten. Etwas anderes ist hingegen der Zweck des Geschehens. Da der Kampf gegen Valentina nur mit vereinten Mitteln geführt werden kann, kommen sich die zerstrittenen Töchter Vera und Nadja zunehmend näher, bis sie eines Nachts, der Gipfel der Not, zusammen im gleichen elterlichen Zimmer nächtigen. Endlich können sie sich etwas erzählen.

In den kalten Jahren

Erst hier, ziemlich spät in der Geschichte, stieß ich auf eine Hintergrundgeschichte, die das Buch erst lesenswert macht. Wie die Autorin ist auch Vera, ihr Alter Ego, eine Vertriebene. Als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg die Ukraine besetzten (deren Regierung mit ihnen sympathisierte), wurden bestimmte Personenkreise in KZs für Zwangsarbeiter deportiert, darunter auch Vera und ihre Eltern. Unter den Insassen herrschte eine strenge Hierarchie, die seltsamerweise von einem sechzehnjährigen Jungen beherrscht wurde: Kischka. Er ließ sich in der globalen Währung Zigaretten bezahlen, sozusagen seine Schutzgeldsteuer. Alle außer Vera zahlten. Denn deren Eltern waren Nichtraucher. Als Vera anderen Arbeitern Zigaretten stahl, wurde sie bestraft, doch dann stahl sie auch ein Päckchen aus der Jacke eines Wachmanns, und diesmal verteidigte Veras Mutter ihre Tochter. Als Folge daraus wurde beide in den Strafblock gesteckt, und der Aufenthalt dort muss so schlimm gewesen sein, dass Vera nicht darüber reden will – oder kann.

Kriegskind vs. Friedenskind

Das Fazit jedenfalls ist, dass Vera als „Kriegskind“ darauf aus ist, das festzuhalten, was sie hat, Nadja aber als „Friedenskind“ eine freigebigere Grundeinstellung an den Tag legt. Sie kann sie sich ganz einfach leisten. Jedenfalls bis Valentina auftaucht und beide Grundhaltungen auf die Probe stellt. Interessant ist deshalb die Einstellung der älteren Generation, verkörpert in dem Vater der beiden. Er ist nicht nur gegenüber Valentina nachsichtig, sondern auch gegen ihren Ex-Mann großzügig. Sein Verhalten erst beschert Valentina und Dubov – und deren Töchterchen – ein zufriedenes Eheleben mit gutem Einkommen.

Insgesamt ist der Roman also eine Lehre über Dankbarkeit, Teilen und die Angst, dadurch alles zu verlieren. In einem Einwanderungsland wie Großbritannien kommt diese Lehre sicherlich gut an, und wenn man sich die Verkaufszahlen in Deutschland anschaut, so ist zu vermuten, dass diese Botschaft auch hierzulande nicht auf taube Ohren stößt.

Die Sprecher / Die Inszenierung

Die Inszenierung des Hörspiels setzt einerseits auf die Emotionalität von Musik, andererseits versteht sie es aber auch, bestimmte Geräusche wirkungsvoll einzusetzen.

Die Musik

Man könnte sogar fast sagen, dass die Musik auf gleiche Weise wie die Geräusche eingesetzt wird. Ab und zu erklingt eine russische Melodie, doch viel öfter noch betonen ein Basslauf und eine Trommel, dass nun eine spannende Situation bevorsteht. Wenn jedoch ein Trommelwirbel ertönt, so klingt dies mehr nach Zirkusakt: Achtung, jetzt kommt etwas Besonderes! Dieser Effekt wird ganz bewusst eingesetzt. Fehlt nur noch der Auftritt des Clowns. Dies deutet an, dass die Inszenierung die Geschichte als „Comedy of manners“ inszeniert. Hier darf sich jeder zum Narren machen, besonders in Sachen Liebe, aber es gibt auch romantische Momente. Auffällig ist die völlige Abwesenheit von Musik und Geräuschen während Veras erschütternder KZ-Erzählung. Hier zollt die Tonregie dieser ernsten Geschichte ihren Respekt.

Die Geräusche

Meistens klingelt das Telefon. Und es klingelt dauernd, wenn Vera und Nadja sich etwas zu sagen haben, oder wenn sie ihren verliebten Vater zur Räson bringen wollen. Noch öfter allerdings stottert, pufft und rattert der Motor eines Traktors. Womit wir endlich beim Generalthema der Geschichte angelangt wären. Der Traktor ist als Landmaschine hier sowohl ein Symbol der Kultur- und Technikgeschichte (der alte Nikolai ist schließlich Ingenieur) als auch eine Metapher für das Funktionieren der menschlichen Gesellschaft.

Arbeiten alle – wie in einer Kolchose – gut zusammen, läuft der Rhythmus der Maschine rund. Doch wehe, einer kommt mal aus dem Tritt, dann dauert es eine Weile, bis der Motor anspringt. Die Komödie darf sich erlauben, das Funktionieren auch auf die Biologie zu übertragen. Als sich erweist, dass der alte Nikolai impotent ist, springt der Motor nicht mehr an. Valentina sagt dazu in ihrer unvergleichlich unverstellten Ausdrucksweise „schluffi-schlaffi“. Recht hat sie.

Die SprecherInnen

Ich fand die Rollen alle ausgezeichnet passend besetzt. Die Vera hat einen harten, leicht habgierigen Ton in ihrer Stimme, die Nadeschda hingegen eine sanfte, etwas besorgte Ader. Ihr Vater ist keineswegs der zu erwartende Methusalem, der seine verbliebenen Hirnzellen einzeln zählen kann, sondern reichlich rüstig und voll präsent, wenn auch ganz schön verliebt. Wie zu erwarten, ist Valentina ordinär, vulgär im Ausdruck und mit einem dicken russischen Akzent gesegnet. Alle anderen Rollen spielen nur eine untergeordnete Rolle und keine davon fiel mir besonders auf.

Unterm Strich

Die Geschichte könnte sich so in zahlreichen Ländern abspielen, wo sich Wirtschaftsflüchtlinge und Asylanten nach einem neuen Leben sehnen – oder auch nur nach der Wohlfahrt. Von daher bietet sie ebenso wenig Neues wie aufgrund der Rollenbesetzung. Bemerkenswert wird die Geschichte jedoch dadurch, dass sie die vermeintlich arrivierten Bürger des Landes, das von einer ukrainischen Invasion namens Valentina Dubova heimgesucht wird, daran erinnert, dass sie selbst einst Einwanderer und Flüchtlinge waren.

Dies liefert den Anlass für einen ernst gemeinten Rückblick über Veras Zeit im Lager für Zwangsarbeiter. Vor diesem ernsten Hintergrund bekommt die ansonsten leichtfüßige Komödie der Sitten ein Fundament, das sie aus dem Durchschnitt heraushebt und dem Leser bzw. Hörer Anlass gibt, doch einmal über die Themen Teilen, Dankbarkeit, von mir aus auch Völkerverständigung nachzudenken. Spannend ist die Komödie nur mäßig, doch es gelingen ihr einige überraschende Wendungen, die in ein Happy-End münden, wie es sich gehört.

Das Hörspiel setzt voll auf die Komödienschiene. Deshalb überrascht der ernste Einschub von Veras Geschichte umso mehr und erzeugt eine Spannung, die erst wieder durch das Happy-End aufgehoben wird. Geschickt wird auch die Familiengeschichte eingeflochten – da heißt es „Ohren spitzen!“. Witzig ist der Einsatz des Motorengeräuschs eines alten Traktors (eine tongeschichtliche Ausgrabung), das eine mehrschichtige Symbolik annimmt.

Auch wenn das Hörspiel weder ein Ohrwurm noch ein akustischer Augenöffner ist, so lohnt sich doch ein zweites Anhören, allein schon, um die mehrschichtig angelegte Familiengeschichte mitzubekommen. Erst wenn man behaupten kann, all die verstreuten Puzzleteile richtig einsortiert zu haben, kann man wohl die verdichtete Präsentation der Geschichte richtig würdigen.

Originaltitel: A short history of tractors in Ukrainian, 2005
Aus dem Englischen übersetzt von Elfi Hartenstein
68 Minuten auf 1 CD

http://www.hoerverlag.de

Siehe ergänzend dazu unsere [Rezension 2970 zur Buchausgabe.