Schlagwort-Archive: Michael Connelly

Michael Connelly – Fair Warning (Jack McEvoy 3)

Tote Frauen und die Gefahren der Stammbaumforschung

Jack McEvoy ist ein Reporter, der mehrere Erfolgsgeschichten über das Finden und Stellen eines Mörders vorweisen kann. Zu diesen gehören „Der Poet“ und „The Scarecrow“. Aber bislang wurde er noch nie beschuldigt, selbst ein Mörder zu sein. Bis zwei Beamte der Mordkommission des LAPD ihn befragen, was er mit der verstorbenen Christina Portrero zu tun gehabt habe.

Teils aus Trotz, teils wegen der bizarren Art und Weise, wie sein Beinahe-One-Night-Stand Tina zu Tode kam, beginnt er ihr nachzuforschen – und stößt auf eine Mordserie, die auf Genanalyse basiert. Während er diese Seite als „Verbraucherschutz“ an seinen Boss bei der Webseite „Fair Warning“ verkaufen kann, muss er sich entscheiden, welche Rolle er eigentlich selbst spielt: die des beobachtenden Reporters oder des beteiligten Ermittlers…
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Michael Connelly – The Night Fire. (Thriller mit Bosch & Ballard 02)

Bosch & Ballard im doppelten Showdown

Drei Handlungsstränge, drei Ermittler: In L.A. wird ein Richter im Park erstochen, und Mickey Haller verteidigt den schizophrenen Mann, der dafür auf der Anklagebank sitzt. Sein Halbbruder Harry Bosch beschafft ihm den entscheidenden Zeugen…

Bosch bekommt von der Witwe seines Mentor John Jack Thompson eine Mordakte anvertraut: Darin befinden sich zahlreiche Unterlagen über den Tod eines Drogensüchtigen und Polizeispitzels – vor 29 Jahren. Da er selbst nicht mehr ermitteln darf, übergibt er die Mordakte an Detective Renee Ballard, die in der Nachtschicht der Hollywood-Kripo arbeitet. Ballard untersucht selbst bereits den Fall eines durch Feuer getöteten Obdachlosen. Doch wenige Tage später berichtet das CSI, dass der Brand gelegt wurde. Aber von wem?

Ob alle diese Fälle miteinander zu tun haben, muss sich noch erweisen. Ein Merkmal haben die Opfer bzw. Angeklagten gemeinsam: Sie sind bzw. waren alle ausgegrenzte Außenseiter…
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Connelly, Michael – Unbekannt verzogen

Kaum ist der Unternehmer Henry Pierce in seine neue Wohnung in L. A. eingezogen, bekommt er seltsame Anrufe von wildfremden Männern. Alle erkundigen sich nach einer gewissen Lilly. Als sich Pierce seinerseits nach Lilly erkundigt, merkt er, dass sie seit einigen Wochen verschwunden ist. Das weckt alte Schuldgefühle, die er gegenüber seiner verstorbenen Schwester hegt und veranlasst ihn, sich als guter Samariter zu betätigen.

Allerdings hat jemand ganz entschieden etwas gegen Henrys Schnüffelei und zögert auch nicht, sehr deutlich zu werden, wenn’s darum geht, Henry abzuschrecken. Ziemlich spät stellt Henry sich selbst die Frage: Was oder wer steckt dahinter? Denn all dies ist kein Zufall.

|Der Autor|

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschien im August 2003 der Thriller „Kein Engel so rein“ („City of Bones“, 2002).

Weitere wichtige Romane:

Schwarze Engel (1998); Der Poet; Schwarzes Echo (1991); Lost Light (2003); The Narrows (2004).

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Henry Pierce ist ein vielbeschäftiger Wissenschaftler, der an einer bahnbrechenden Computererfindung forscht. Seine Firma |Amedeo Technologies| entwickelt wesentliche Bausteine für die Entwicklung eines schnelleren und kleineren Computers auf Molekülbasis. Solche Mikrorechner ließen sich in Brillengestellen, Handys, Uhren und sogar in der Wandfarbe des Wohnzimmers unterbringen – und wären dennoch schneller als heutige Rechner. Dieser Rechner soll auf ein amerikanisches Zehncentstück passen, einen Dime. Und von dieser Jagd auf den Dime hat der Roman seinen Originaltitel.

Diese Jagd fordert Opfer. Das wichtigste davon ist Henrys Freundin und Angestellte Nicki. Weil sie ihn wegen Vernachlässigung rausgeschmissen hat, zieht er in eine neue Wohnung. Seine neue Telefonnummer hat er sich nicht selbst ausgesucht, sondern diese über seine persönliche Assistentin Monica organisieren lassen. Ständig rufen wildfremde Männer an, die eine gewisse „Lilly von der Website“ sprechen wollen. Es handelt sich tatsächlich um die gleiche Nummer, die eine „Hostess“ auf einer Seite von „L. A. Darlings“ angibt. Ihre Pose auf dem Foto gibt ziemlich eindeutig kund, welche Art von intimer Dienstleistung sie anbietet.

Nun ist Henry keine Trantüte, sondern ergreift die Initiative. Dieser Telefonterror muss aufhören! Über – mehr oder weniger legale – Umwege findet er heraus, dass sie schon seit Wochen nicht mehr in ihrer Wohnung war. Lillys Mutter, ihr Vermieter, ja, selbst ihre Kollegin „Robin“ haben keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist. Doch für knapp 700 Dollar lässt sich Robin dazu bewegen, ihm die Wohnung zu zeigen, in der Lilly ihre Freier empfing. Dort ist die Matratze mit Blut getränkt …

Detective Robert Renner von der Mordkommission ist wenig entzückt über den schrägen Vogel, der ihm da ins Nest geflogen ist. Pierce hat selbst die Polizei gerufen, aber wie kam er überhaupt in die Wohnung, an die Adresse, an die Details über Lillys Leben und Aufenthalt? Sehr dubios. Und außerdem ist Pierce zweimal vorbestraft. Er war einst einer der ersten Hacker an der Westküste, flog bei einem „Streich“ auf und wurde zu Sozialarbeit verknackt. Später gab er sich mal als Polizist aus – Pierce nennt das „angewandte Psychologie“. Andere nennen es Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Renner will – und wird – Pierce etwas anhängen; ein Durchsuchungsbefehl ist nur noch eine Frage der Zeit. Das kann Pierce am allerwenigsten gebrauchen. In zwei Tagen steht die Präsentation seiner Erfindung bei einem Investor bevor. Der würde garantiert abspringen, wenn Pierce auch nur den Schatten von Unseriosität an den Tag legen würde. Auch andere Firmen und natürlich auch die Regierung liegen im Rennen um den Molekularcomputer.

Als zwei Gauner Henry in seiner Wohnung in die Mangel nehmen, glaubt er, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Sie schlagen ihn krankenhausreif. Als Henry aufwacht, sieht er ein, dass er einen Anwalt braucht, denn schon wieder nimmt ihn der hartnäckige Detective Renner in die Mangel. Von Medikamenten benebelt, erzählt Henry von seiner Schwester Isabelle, die einst ebenso unter die Räder kam wie Lilly und Robin. Ihr Tod hatte Henry sehr erschüttert und ihm ein Schuldgefühl eingepflanzt, das bei ihm zum Guter-Samariter-Syndrom führte.

Renner ist happy, Henry nimmt sich eine Anwältin und verlangt von seinem alten Kumpel, dem Hacker und Spezialisten für Rechnersicherheit Code Zeller, alles über Billy Wentz herauszufinden.

Henry droht nicht nur, Amedeo Technologies und damit sein Lebenswerk zu verlieren, sondern auch sein Leben selbst. Aber ist der kleine Brutalo Billy Wentz wirklich derjenige, der hinter all dem steckt?

_Mein Eindruck_

Vordergründig scheint es um eine verschwundene (getötete?) Prostituierte zu gehen. Doch diese ist ein Opfer der milliardenschweren Industrie, die sich ‚Sex im Internet‘ nennt. Eigentlich wird im Web nur mit Sex Geld wirklich verdient. Okay, es gibt noch Amazon und eBay, aber das ist ein bisschen wenig, nicht wahr? Schließlich gibt es Millionen weiterer Sites, die dem Surfer an den Geldbeutel wollen. Richtig abgezockt wird nur mit Sex. Und dabei kämpfen die Betreiber offenbar mit harten Bandagen, wie Henry Pierce, der ihnen in die Quere kommt, schmerzhaft feststellen muss.

Das eigentliche Thema ist ein Wirtschaftskrieg, in dem auch Spionage, Sabotage und Diffamierung zu den üblichen Waffen im Arsenal gehören. Ziel ist natürlich für jedes Unternehmen, dass es einem anderen die Rücklichter zeigt, indem es eine bahnbrechende Erfindung aus dem Hut zaubert. Und da ist Amedeo Technologies einer der Top-Kandidaten. Die Hintermänner? Man braucht nur mal kurz zu überlegen, welche Industrien durch Henrys Erfindung für den Molekularrechner in Gefahr geraten. Eure Intel-Aktien könnt ihr dann in die Tonne treten. 😉

|Spannende Lektüre|

Ich habe „Unbekannt verzogen“ in nur zwei Tagen verschlungen, denn die Story ist ungemein spannend und actionreich erzählt. Natürlich kann man sich bei Henrys Schnitzeljagd nach der verschwundenen Lilly schon bald einen Reim darauf machen, wer hinter dem Ganzen stecken könnte. Ihr werdet trotzdem nie drauf kommen. Es gibt einen tollen Showdown.

Es wird einem ganz beklommen ums Herz, mitverfolgen zu müssen, wie sich das Netz der Indizien gegen unseren Helden zusammenzieht. Man braucht nur mal seine Aktionen mit den Augen Detective Renners zu betrachten – und schon wird aus einem Samariter ein Mordverdächtiger. Was noch fehlt, ist Lillys Leiche. Dann noch ein, zwei Gerichtsverhandlungen, und er landet in der Gaskammer.

Henry ist zwar ein Selfmademan und potenzieller Multimilliardär, aber auch ein Opfer seiner Vergangenheit. Doch fast niemand weiß von dem wirklichen Grund seines Schuldgefühls, nur einer. Und auf diesen einen Menschen fällt sein erster Verdacht.

Das Einzige, was Henry retten kann, so sieht er in höchster Not ein, ist Henry selbst. Oder vielmehr sein rational folgernder Verstand, den er als Wissenschaftler jahrelang trainiert hat. Neun Fakten trägt er zusammen, dann hat er schon einen Verdächtigen, der für das Komplott in Frage kommt. Wer könnte ihn an die Konkurrenz verraten haben?

|Paranoia|

Das Klima der Paranoia, des Verfolgungswahns, herrscht in der gesamten Hightech-Industrie. Die Jagd nach dem Dime erzeugt eine Mentalität, in der Hochsicherheitstechnik überall notwendig erscheint und auch eingesetzt wird. Henry benutzt kein Handy, denn das kann abgehört werden. Er verschickt keine Mails außerhalb der Firma, denn die können abgefangen werden. Dokumente werden nur per Werttransport verschickt, die neuen Patente muss der Firmenanwalt persönlich nach Washington, D.C., bringen und beim Patentamt einreichen.

Doch Henry hat andererseits selbst keine Skrupel, Codeknacker wie Code Zeller einzusetzen. Er sagt sich, er will ein Menschenleben – Lilly – retten, aber rechtfertigt das auch dieses Mittel? So etwas wie Privatsphäre scheint der Vergangenheit anzugehören.

Der Wirtschaftskrieg ist unsichtbar geworden, seitdem er in die Datenwelt abgetaucht ist. Doch die menschlichen Opfer sind immer noch sehr real: vernichtete Existenzen. Und was eine kleine Firma wie Amedeo Technologies kann, das kann die US-Regierung nach dem „Patriot Act“ schon lange.

_Unterm Strich_

Wie gesagt, liest sich dieser relativ kurze Thriller sehr schnell, leicht verständlich und ungemein spannend. Die paar Vorträge über Amedeos Erfindungen sind nicht besonders anspruchsvoll, denn sie werden so gehalten, dass sie auch ein Investor aus der Businesswelt kapiert.

Den Science-Fiction-Film „Die fantastische Reise“ aus dem Jahr 1966, auf den mehrmals verwiesen wird, dürfte so ziemlich jeder kennen. Weniger bekannt ist da schon das Märchen „Horton findet ein Hu“ von „Grinch“-Erfinder Dr. Seuss. Die Parallelen werden ziemlich ausgewalzt, so dass sie auch jeder versteht.

|Sonderstellung|

Innerhalb des Werkes von Michael Connelly nimmt „Chasing the dime“ eine Sonderstellung ein. Hier treten seine Serienhelden Hieronymus Bosch und Terry Caleb überhaupt nicht auf. Und nur Janis Langwieser, Strafverteidigerin, ist schon mal in „Schwarze Engel“ aufgetaucht. Sie ist die Einzige, die (ohne Namen zu nennen) kurz mal auf die genannten Schnüffler verweist. Daher lässt sich der Roman als völlig eigenständiger Thriller lesen, dessen Verständnis nicht von der Kenntnis anderer Romane abhängig ist. Der ideale Thriller für zwischendurch.

|Übersetzung|

Sepp Leeb hat eine fehlerlose Übersetzung abgeliefert, die sich auch im Deutschen sehr flüssig und anschaulich liest. Und Wunder aller Wunder: Auch Druckfehler waren keine festzustellen!

|Originaltitel: Chasing the dime, 2003
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb.|

Connelly, Michael – Spur der toten Mädchen

_Vorhersehbar und unoriginell: Ermittlung plus Gerichtsverfahren_

Strafverteidiger Mickey Haller wird vom Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles County eingeladen, an dessen Stelle einen freigelassenen Kindermörder erneut vor Gericht zu stellen. Obwohl Mickey riecht, dass er hier (wieder mal) übern Tisch gezogen werden soll, nimmt er die Herausforderung an. Jason Jessup tötete offenbar vor 24 Jahren die zwölfjährige Melissa Landy. Doch eine DBS-Probe entlastet ihn nun, er wird freigelassen.

Mickey und sein Hauptermittler Harry Bosch sind überzeugt, dass Jessup erneut töten würde. Also müssen Haller und sein Halbbruder, der LAPD-Veteran Harry Bosch, den Fall unbedingt gewinnen. Doch ohne es zu wollen, bringt Mickey damit seine eigene und auch Harrys Tochter in tödliche Gefahr …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Auch „Der Mandant“, der erste Mickey-Haller-Roman soll hochkarätig verfilmt werden, doch es gibt „künstlerische Differenzen“, und so wurde der Regisseur ebenso gefeuert wie der Star Matthew „Hochzeitsplaner“ McConnaughey.

Zuletzt erschienen „So wahr uns Gott helfe“, „The Overlook / Kalter Tod“, „The Scarecrow/Sein letzter Fall“ (siehe meine Berichte) und „Nine Dragons/Neun Drachen“.

Weitere wichtige Romane:

„Schwarze Engel“ (1998)
„Der Poet“ (1996)
Schwarzes Echo (1991)
„Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002)
„Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime)
„Letzte Warnung“ (Lost light)
„Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows)
The Overlook (2008)

_Handlung_

|Das Angebot |

Bei einem teuren Mittagessen bekommt Rechtsanwalt Mickey Haller vom Bezirksstaatsanwalt von Los Angeles County, Gabriel Williams, ein ungewöhnliches Angebot, das er fast nicht ablehnen kann. Haller soll diesmal an Williams‘ Stelle treten und die Staatsanwaltschaft gegen Jason Jessup vertreten. Das bedeutet, die Seiten von der Verteidigungs- zur Anklagebank zu wechseln.

Dafür braucht Mickey einen echt guten Grund. Null Problemo: Jason Jessup wurde vor 24 Jahren für den Mord an einer Zwölfjährigen zu Lebenslang verurteilt, allerdings nur aufgrund von wenigen Indizien, darunter einer DNS-Spur. Diese DNS-Spur wurde kürzlich von einem bürgerlichen Überprüfungsinitiative, dem GJP (Genetic Justice Project), als nicht zu Jessup gehörig identifiziert. Daher hat der Oberste Gerichtshof Jessup freigesprochen. Gleich darauf erhob die Staatsanwaltschaft erneut Anklage, denn nicht nur die DNS-Spur hat seinerzeit zu Jessups Verurteilung geführt. Leider ist die Staatsanwaltschaft mit dem Makel behaftet, sie habe Beweise manipuliert. Folglich bracuht sie einen Juristen besten Rudes, einen wie Mickey Haller.

|Harry Bosch|

Mickey will nicht, dass der Mörder erneut frei herumläuft, denn er hat selbst eine Tochter im Teenageralter. Doch natürlich stellt er Bedingungen. Harry Bosch, ein Cop, soll sein Ermittler sein und Margaret McPherson, Mickeys Exfrau, soll seine rechte Hand sein und nach Zentral-L.A. ziehen dürfen. Williams willigt ein, denn er bangt um seine Karriere als Bezirksstaatsanwalt. Doch schon bei der ersten Pressekonferenz muss er Mickey zurechtweisen. Mickey nimmts gelassen: Williams‘ könne ihn nicht mehr entlassen, sonst würde er unglaubwürdiger wirken, als er es eh schon ist.

|Die Ermittlung|

Mit seinen beiden Helfern macht sich Mickey ans Werk. Bosch hat den Verbrecher ins Gerichtsgebäude überstellt und die Beweise und Akten besorgt. Maggie hat die Geschichte des Falls aufgerollt. Melissa Landy lebte bis zu ihrem Tod in einer wohlhabenden Gemeinde von L. A., die unweit einer beliebten Kirche lag. Um die Kirche kurvten sonntags Abschleppwagen, um unrechtmäßig abgestellte Autos der Kirchgänger abzuschleppen und so ein gutes Geschäft zu machen. Jason Jessup war so ein Fahrer. Er wurde von Melissas Schwester Sarah identifiziert: Er habe Melissa entführt. Deren Leiche wurde in einem Müllcontainer gefunden, wenigstens wurde sie nicht vergewaltigt.

Aber Bosch hat mit Jessup kurz gesprochen. Er stellt Mickey eine unangenehme Frage: Was, wenn es nicht Jessup um seine Haftentschädigung gehe, sondern auch der Staatsanwaltschaft darum, eine millionenschwere Entschädigungszahlung zu umgehen? Was, wenn keiner Jessup verurteilt haben wolle, sondern es in Wahrheit nur um Geld ginge? Mickey ist jedoch überzeugt, dass es Williams ernst meinte, als er Mickey auf Jessup ansetzte. Wirklich?

Bosch gelingt es, die wichtigste Zeugin selbst nach 24 Jahren ausfindig zu machen: Sarah, Melissas Schwester, lebt nahe Seattle. Als er mit der Staatsanwältin Maggie dort eintrifft, findet er Sarah bei einer ehrlichen Arbeit vor: Sie ist künstlerische Glasbläserin. Und endlich runter von den Drogen, die ihr Leben zerstört haben. Zum Glück erkennt sie Jessup auf dem Foto sofort. Und sie hat eine Erklärung für die DNS ihres Stiefvaters auf ihrem Kleid, das an jenem Tag von Melissa getragen wurde …

|Mulholland Drive|

Der Special Investigation Service des LAPD sorgt für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung von Jessup. Bosch liest die Protokolle und stößt auf eine Besonderheit. Während sich Jessup in der ganzen Stadt seiner neuen Freiheit erfreut, treibt er sich nachts im Rotlichtviertel herum – und in den Parks am Mulholland Drive, hoch über dem Lichtermeer der Stadt. Was hat er dort zu suchen, wundert sich Bosch. Die Überwacher sagen ihm, Jessup sitze bloß da. Mitten in der Nacht? Soll das wirklich alles sein? Bosch beschließt, der Sache selbst vor Ort auf den grund zu gehen.

Im Park findet Bosch eine Stelle am Fuße eines großen Baums, an der eine Kerze angezündet wurde. Aus welchem Grund, fragt er sich, und entgegen der Vorschrift, im Park kein offenes Feuer zu entzünden. Er trifft Rachel Walling, die FBI-Agentin, der er seine Unterlagen zum Durchlesen gegeben hat. Sie eröffnet ihm, dass der Fall Jessup von Anfang an falsch interpretiert worden sei. Und dass Jason Jessup ein Wiederholungstäter ist, der wieder anfangen könnte, Kinder zu ermorden …

_Mein Eindruck_

Im Roman führt der Autor die zwei Erzählfäden um Mickey Haller auf der einen Seiten und Harry Bosch auf der anderen annähernd parallel. Das ist gar nicht mal so langweilig. Denn was Bosch, der paranoide Schnüffler, herausfindet, läuft so ziemlich dem zuwider, was Mickey Haller vor Gericht beweisen möchte: Dass Jessup vor 24 Jahren Gelegenheit und Motiv hatte, um ein zwölfjähriges Mädchen zu töten – was es nun neu zu verhandeln gilt.

Bosch findet jedoch heraus, dass Jessup eine ganze Reihe von Mädchenmorden auf dem Gewissen haben könnte. Und was macht die Verteidigung? Jessups Anwalt mag zwar aus England kommen, ist aber mit allen Wassern gewaschen. Er will die Schuld von seinem Mandanten – logisch! – abwälzen und beschuldigt seinerseits die Kronzeugin, es mit ihrem Stiefvater getrieben zu haben. Dieser vielmehr habe ihre Schwester auf dem Gewissen, nicht etwa Jessup.

Vor Gott und vor Gericht sind die Menschen bekanntlich wehrlos. Und so ist einfach alles möglich. Das ist ebenfalls spannend zu lesen – falls man auf Gerichtsverfahren steht, deren Ausgang schon meilenweit im Voraus abzusehen ist. Und das ist hier leider der Fall, guter Mickey. Dass Jessups Verteidiger es ausgerechnet mit der Richterin des Verfahrens verdirbt, ist zwar schön für Mickey, aber schlecht für die Spannung der Story: Das Pendel schwingt viel zu früh auf die eine von zwei Seiten.

Die wirkliche – und so ziemlich einzige – Überraschung folgt NACH dem Schuldspruch, jedoch vor dem Urteil, das eine Jury aus Schöffen zu fällen hat. Und mehr soll darüber nicht verraten werden, um nicht die Spannung zu verderben.

_Die Übersetzung _

Der Veteran Sepp Leeb hat auch diesen Connelly-Titel bestens übertragen, so dass sich der Text flüssig liest und der Jargon natürlich klingt. Druckfehler, die ja besonders im Taschenbuch verbreitet sind, konnte ich erstaunlicherweise keine entdecken.

_Unterm Strich_

Mickey Hallers ungewöhnlicher neuer Fall findet ihn diesmal auf der anderen Seite des Gerichtssaales. Es ist eine Erfahrung, die er allerdings nicht wiederholen möchte. Das Gerichtsverfahren und die es begleitende Ermittlung durch Harry Bosch liefern Wendung auf Wendung, doch das Ziel ist von vornherein ebenso klar wie der Ausgang den Erwartungen entsprechend.

Die eigentliche Überraschung erfolgt bei diesem nur mäßig spannenden Verlauf erst NACH dem Schuldspruch. Doch wer hofft, nun käme Bosch endlich zu seinem Recht, irrt leider auch hier, und der Showdown ist viel zu kurz. Der Autor ist eben ein grundsolider Polizeireporter, aber als Thrillerautor hätte er hier noch ein oder zwei Schippen Spannungsmomente drauflegen sollen. Irgendwie fehlte mir hier der ersehnte Adrenalinschub.

|Der arme Staatsanwalt?|

Gut möglich, dass Hallers Schöpfer, der hochgelobte und folglich einflussreiche Thriller-Autor Michael Connelly, in seinem Gerichtsroman diesmal der anderen Seite Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte. Ach, wie schwer ist doch das Werk des Staatsanwalts! So soll wohl der erwünschte Stoßseufzer des mitleidigen Lesers klingen.

Leider verfehlte die Story diese Wirkung bei mir völlig. Staatsanwälte werden nämlich in den USA gewählt, ähnlich wie Sheriffs oder Bürgermeister. Das ist OK. Das ist Demokratie, also Volksherrschaft. Weniger OK ist, dass sie ihre politische Karriere, die sie durchaus zum Amt des Gouverneurs führen kann (nicht jeder Gouverneur muss ein Filmstar wie Reagan oder Schwarzenegger sein), von entsprechenden Lobbyisten bezahlen lassen und natürlich nicht vermeiden können, sich diesen Lobbys gefällig zu erweisen.

Der einzige Pfiff an diesem Thema besteht also darin, im Roman den Staatsanwalt wg. Befangenheit außen vor zu lassen und stattdessen einen Verteidiger diese Position einnehmen zu lassen. Zwar unterlaufen Mickey Haller ein paar Schnitzer, weil er manchmal die Seiten verwechselt, aber mit Hilfe seiner tüchtigen Sekundantin MacPherson kriegt er den Ball doch noch ins Tor. Man fragt sich daher: Wann macht es Michael Connelly endlich wie der selige Robert P. Parker und schreibt einen Roman über eine weibliche Anwältin oder Detektivin?

Ich jedenfalls hatte das Gefühl, für mein Geld nicht die erhoffte Unterhaltung geboten bekommen zu haben. Connelly hat inzwischen schon den nächsten Mickey-Haller-Roman veröffentlicht: „The Fifth Witness“.

Fazit: vier von fünf Sternen.

|Taschenbuch: 493 Seiten
Originaltitel: The Reversal (2010)
Übersetzung: Sepp Leeb
ISBN-13: 978-3426507902|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de
[www.michaelconnelly.com]http://www.michaelconnelly.com

_Michael Connelly auf Buchwurm.info (in Veröffentlichungsreihenfolge):_
|Harry Bosch:|
[„Schwarzes Echo“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[„Schwarzes Eis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2572
[„Die Frau im Beton“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3950
[„Das Comeback“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2637
[„Schwarze Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192
[„Dunkler als die Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4086
[„Kein Engel so rein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[„Die Rückkehr des Poeten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1703
[„Vergessene Stimmen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2897
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5282 (Buchausgabe)
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5362 (Hörbuch)

[„Das zweite Herz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5290
[„Der Poet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2642
[„Im Schatten des Mondes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1448
[„Unbekannt verzogen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[„Der Mandant“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4068
[„L.A. Crime Report“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4418
[„So wahr uns Gott helfe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6291
[„Sein letzter Auftrag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7088

Connelly, Michael – The Drop. / Der Widersacher (Harry Bosch)

_Der Jäger geht in Rente: Dürfen Serienkiller aufatmen?_

In der Abteilung für ungelöste Fälle betraut die Leiterin Harry Bosch mit einem widersprüchlichen Fall aus dem Jahr 1989: Ein Sexualmord soll laut DNS-Beweis von einem Achtjährigen begangen worden sein? Ziemlich unwahrscheinlich, oder? Der Widerspruch könnte aber die Beweiskraft zahlreicher auf DNS basierender Verfahren unterminieren und muss schleunigst gelöst werden.

Plötzlich ruft der Polizeipräsident bei Bosch an. Der Stadtrat Irvin Irving persönlich hat Bosch, seinen früheren Intimfeind, als Ermittler angefordert, um den möglichen Selbstmord seines Sohnes aufzuklären, der sich im Hotel Chateau Marmont vom Balkon gestürzt haben soll. Bosch riecht sofort eine Falle und agiert extrem vorsichtig. Schon bald stößt er in beiden Fällen auf erschreckende Weiterungen …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

Auch „Der Mandant“, der erste Mickey-Haller-Roman ist hochkarätig verfilmt worden, doch es gibt „künstlerische Differenzen“, und so wurde der Regisseur gefeuert. Inzwischen ist der Streifen mit Matthew McConnaughey in der Titelrolle auch auf DVD zu haben.

Zuletzt erschienen „Echo Park“, „The Overlook / Kalter Tod“, „The Scarecrow“ und „Nine Dragons“ (siehe meine Berichte). „Der fünfte Zeuge“ soll Anfang 2013 bei Knaur auf Deutsch erscheinen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Tampa, Florida.

_Handlung_

Harry Bosch hätte eigentlich schon in Rente gehen können, aber nach zwei Jahren als Privatdetektiv ist er wieder zum LAPD zurückgekehrt. Nach einer Zeit beim Morddezernat (s. o.) und einem Treffen mit seinem Halbbruder Mickey Haller, dem Strafverteidiger, hat er sich in die Abteilung für ungelöste Fälle versetzen lassen.

Seinem Gesuch um einen DROP, einen hinausgeschobenen Rentenbezug (Deferred Retirement Option Plan), wurde stattgegeben: Er darf noch exakt drei Jahre und drei Monate länger bleiben. Gut so, denn Harry Bosch ist ein Mann mit einer Mission. Er will die Verbrecher alle erwischen, alle, ohne Ansehen der Person. Sein Credo: „Jeder zählt, oder keiner zählt.“

|Cold hit|

Die Abteilungsleiterin Lt. Duvall gibt Bosch und seinem Partner Chu einen widersprüchlichen Fall: Eine 19 Jahre alte Sonnenanbeterin namens Lily Price wurde 1989 am weltberühmten Venice Beach entführt, vergewaltigt und anschließend erdrosselt. Das Seltsame daran: Ein Blutstropfen an ihrem Hals weist die DNS eines damals Achtjährigen auf. Boschs Aufgabe besteht nun darin, herauszufinden: Hat jemand in der Erstellung der Beweismittel oder bei der Erstellung der Akte Mist gebaut?

|Aufschlag|

Er und Chu können sich aber nicht sofort auf die Suche begeben, denn der Polizeipräsident besteht darauf, dass Harry persönlich die Ermittlungen im Fall eines möglichen Selbstmörders leitet, der an diesem Morgen vor dem Hotel Chateau Marmont gefunden wurde. Das Hotel ist bei Stars aller Art beliebt, denn es schützt die Privatsphäre als höchstes Gut. Auch Helmut Newton, der bekannte Starfotograf, starb dort: Herzinfarkt am Steuer seines Wagens. Und Jim Morrison fiel hier 1970 mal vom Balkon.

Warum sich der Polizeipräsident hierbei engagiert, wird Harry schnell klar: Der sogenannte Selbstmörder ist der Sohn seines langjährigen Intimfeindes Irvin Irving, der mittlerweile einer der bestgehassten Stadträte von Los Angeles ist, jedenfalls was die Polizei betrifft: Er hat 100 Mio. Dollar für Überstunden gekappt. Und wer weiß, wozu er noch imstande ist – daher setzt er den Polizeipräsidenten unter Druck. Bosch agiert dementsprechend vor- und umsichtig: Ihm darf kein Fehler unterlaufen, oder seine Zeit beim LAPD ist schneller um, als er „Justizirrtum“ sagen kann. Irving setzt auch ihn unter Druck.

Die Hinweise im Hotel sind mager, aber es gibt sie: ein abgerissener Hemdknopf, ein woanders abgestellter Wecker – und in der Leiche des Unternehmensanwalts George Irving sind viel zu viele Knochen gebrochen. Entweder wurde er aus dem siebten Stock gestoßen, fallengelassen – oder er sprang mit sehr wenig Schwung. Aber warum hat niemand Schreie gehört? Es gibt also drei Möglichkeiten: Unfall, Selbstmord oder Mord.

|CHILL|

Auf der Suche nach dem achtjährigen Jungen, von dem das Blut auf der ermordeten Lily Price stammte, kommt Harry ein gutes Stück weiter. Er findet den mittlerweile ca. 30-dreißigjährigen Clayton S. Pell in einer Einrichtung für die Therapierung von Serientätern. Von Doktor Hannah Stone erfährt Harry aber zu seinem Erstaunen, dass Pell nicht hinter Mädchen her war, sondern ein Pädophiler ist: Er steht auf Jungs zwischen acht und zehn Jahren. Harry ersieht aus den psychologischen Akten, dass sich Pell als Zeuge im Fall Price eignet: Er kannte eventuell den Täter.

In einem Gespräch unter sechs Augen erzählt der kleinwüchsige Clayton von seinem eigenen Peiniger, der ihn im Alter von acht Jahren auf die schiefe Bahn brachte: Der Mann, den er in den Akten „Johnny“ nannte, wurde in Wahrheit CHILL genannt, weil seine Initialen C. H. in die schwere Schnalle seines Gürtels eingelassen waren – und mit diesem schweren Instrument pflegte CHILL, seine Opfer zu verprügeln …

|Die hohe Politik|

Harry erfährt von einem Kontakt im Büro des Polizeipräsidenten, dass Irvin Irving ständig nach Bosch fragt, um auf dem neuesten Stand der Ermittlungen gehalten zu werden. Harry weigert sich, irgendetwas preiszugeben. Nicht einmal die Autopsie von George Irving liefert Aufschluss über den Tathergang.

Aber als Harry unverkennbare Kampfspuren auf Georges Schulterblatt entdeckt, führt die Spur in den Kreis alter Polizisten. Die Kampfspur ist die Hinterlassenschaft eines mittlerweile verbotenen Würgegriffs, der nur an der Polizeiakademie von Los Angeles gelehrt wurde …

_Mein Eindruck_

Die Spur scheint in die Mitte eines Korruptionsskandals zu führen, in die Irvin irving als Drahtzieher verwickelt ist. Sein Sohn George sollte eine lukrative Taxilizenz einem anderen Unternehmen, nämlich Regent Taxi, zuschanzen und dafür den bisherigen Lizenznehmer, Black & White Taxi, durch polizeiliche Falschmeldungen in Verruf bringen. Hat Black & White Taxi davon Wind bekommen und George in den Tod gestürzt? Ein Motiv ist eindeutig erkennbar. Aber wird es auch durch die Fakten gestützt, fragen sich Harry und Chu, als sie die Beweise durchforsten.

Am Schluss ist Harry klar, dass er von Anfang an für die hohe Polizeipolitik – High Jingo – benutzt worden ist, um Irving zu entmachten. Was ihn besonders schmerzt, ist jedoch der Umstand, dass es gerade der einzige Cop, dem er meinte, vertrauen zu können – Kiz Rider, seine einstige Partnerin bei den „Closern“ – die Strippen gezogen hat, um Harry hereinzulegen. Die Ironie dabei: Es ist Irving selbst, der Harry den Beweis dafür liefert.

Als wäre dies nicht schon Verrat genug, sieht sich Harry auch noch von seinem aktuellen Partner David Chu hintergangen. Harry wird bleich, als eine Journalistin der „Los Angeles Times“ ihn fragt, wann die Mordermittlung mit dem Nennen des neuen Verdächtigen an die Öffentlichkeit gebracht wird. Erstens, stellt Harry konsterniert klar, ist gar nicht sicher, dass es sich bei George Irvings Tod um Mord handelt. Und zweitens gibt es momentan keinen Verdächtigen.

Dann beschattet er David Chu, der sich mit der Journalistin trifft und ihr die heißesten News im Fall verklickert. Harry macht Chu klar, dass er nach diesem Fall nicht mehr sein Partner sein werde. Chu, der sich unversehens von der Journalistin im Stich gelassen sieht – sie verkauft Sex für Infos -, verspricht, seinen Fehler wiedergutzumachen. Konzentriert stürzt er sich auf die Aufklärung des zweiten Falls: CHILL. Kann er sich rehabilitieren?

Das letzte Viertel beschäftigt sich in einer erstklassigen Engführung mit dem Aufspüren, Überführen und verhaften von CHILL, dem Serienkiller, der damit prahlt, 37 Opfer ins Jenseits befördert zu haben. Er will in die Annalen eingehen und ins Fernsehen kommen, so mediengeil ist er. Er hat alle seine Taten dokumentiert, und Harry und Chu werden bleich, als sie die Bilder und Videos ansehen.

Doch der Fall CHILL erhält noch mehrere überraschende Wendungen, über die hier nichts verraten werden soll. Sie sorgen dafür, dass Action und Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten werden. CHILL wirkt deshalb so bedrohlich, weil Harrys neue Liebe, Dr. Hannah Stone, mit Serientätern umgeht und weil Harrys 15-jährige Tochter, die Polizistin werden möchte, jederzeit ein potenzielles CHILL-Opfer werden könnte. Stone ermahnt Harry, seine Tochter in seiner Nähe zu behalten. Er verspricht es.

Dr. Stone tritt nicht ohne Grund auf. Sie hat einen Sohn, der seit jahren im Knast sitzt, weil er ein Mädchen betäubt und vergewaltigt hat. Soll sie sich selbst die Schuld geben, will sie von dem verlegenen Harry wissen. Er weiß, dass das Böse existiert, er hat es oft genug gesehen. Aber ist es ein Produkt der Natur oder der Gesellschaft („nature“ oder „nurture“ im Englischen)?

Diese uralte, anhaltende Streitfrage durchzieht auch die beiden Fälle, mit denen es Harry Bosch diesmal zu tun hat. Hat sich CHILL zu einem Serienkiller stilisiert – oder ist er ein Opfer-Täter wie Clayton Pell? Dass selbst „zivilisierte“ Personen das Böse hervorbringen können, stellt Kiz Rider unter Beweis. Sie hat Harry Bosch für ihre eigenen und die Ziele des Polizei-Departments LAPD benutzt. Er werde die gute Seite schon noch einsehen, versichert sie ihm. Er ist sich bereits sicher, dass dies niemals geschehen wird. Er hat zuviele benutzte Menschen in seinem Leben gesehen.

|Textfehler|

Auf S. 248 ist ein übler Druckfehler zu finden. „Bosch decided to give him just want he wanted.“ Statt „want“ müsste es „what“ heißen.

_Unterm Strich_

Was ist nur aus dem actiongeladenen Harry Bosch geworden, den ich aus seinen ersten Romanen kenne, etwa aus „Schwarzes Echo“ und „Das Comeback“ (Trunk music), frage ich mich als Connelly-Fan. Harry ist zwar immer noch ein Mann mit einer Mission, dem das Adrenalin ins Blut schießt, wenn er die Spur eines Killers aufnimmt. Doch er nimmt sich zunehmend vor Verrätern in der eigenen Organisation in Acht und spürt selbst immer welche auf. Die Action bleibt zunehmend auf der Strecke.

Andererseits ist dieses neue Verhalten an Harry nun auch ein Vorteil. Der doppelte Plot des vorliegenden Romans weist selbst wieder Falltüren und unerwartete Wendungen auf. Etwa in der Mitte des Buches wird Harry klar, dass er sich auf dem völlig falschen Dampfer befindet. Die Ermittlung in Sachen George Irving führt fortan in eine völlig neue Richtung – oder sie wird eingestellt.

|Der CHILL-Faktor|

Das letzte Viertel ist hingegen das Beste, selbst wenn es ein wenig an Finesse fehlen lässt: Die überraschende Entdeckung und Überführung von CHILL beweist wieder einmal, dass sich kaum ein anderer Autor so gut mit authentischer Polizeiarbeit auskennt wie der frühere Polizeireporter Connelly.

Allein die Art und Weise, wie Bosch und Chu es deichseln, ohne Durchsuchungsbefehl in eine fremde Wohnung einzubrechen und dies alles zu rechtfertigen, ist ein Meisterstück an polizeilicher Logik. Der Fall nimmt eine actiongeladene Wendung, als Harry entdeckt, dass CHILL und sein Opfer Clayton Pell in ein und demselben Gefangenenbus sitzen…

|Früh übt sich|

Sehr gut gefielen mir auch alle Szenen mit Boschs Tochter Maddie, die er seit „Nine dragons“ und dem Tod ihrer Mutter in seiner Obhut hat. Es wird deutlich, dass der Autor in Madeleine eine Nachfolgerin des doch etwas müde gewordenen Serienhelden aufbaut. Sie kann schon besser schießen als er, kann die Körper und Mienen der Menschen „lesen“ und beherrscht das Alphabet des LAPD (O für Ocean).

Was bleibt ihr auch anderes übrig bei einem Dad, der spät nachts noch Mordakten studiert? Kein Wunder, dass sie die Schule stinklangweilig findet. Sie würde viel lieber Verbrecher jagen wie ihr Dad. Ich warte schon auf ihren ersten Krimi, der bestimmt folgenden Titel trägt: „Harry junior – Boschs Vermächtnis“!

|Taschenbuch: 388 Seiten
ISBN-13: 9781409134299|
http://www.michaelconnelly.com

_Michael Connelly bei |Buchwurm.info|:_
|Harry Bosch:|
[„Schwarzes Echo“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[„Schwarzes Eis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2572
[„Die Frau im Beton“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3950
[„Das Comeback“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2637
[„Schwarze Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192
[„Dunkler als die Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4086
[„Kein Engel so rein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[„Die Rückkehr des Poeten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1703
[„Vergessene Stimmen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2897
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5282 (Buchausgabe)
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5362 (Hörbuch)
[„Spur der toten Mädchen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7552

[„Das zweite Herz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5290
[„Der Poet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2642
[„Im Schatten des Mondes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1448
[„Unbekannt verzogen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[„Der Mandant“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4068
[„L.A. Crime Report“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4418
[„So wahr uns Gott helfe“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6291
[„Sein letzter Auftrag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7088

Michael Connelly – Der fünfte Zeuge (Mickey Haller)

Vor Gericht und in der Liebe ist alles erlaubt

Mickey Haller ist wieder zurück in seinem alten Job als Strafverteidiger und vertritt vor Gericht insolvente Hausbesitzer. Seine Klientin Lisa aber hat noch weit größere Sorgen als nur ihre Hypothek. Sie ist des Mordes angeklagt, weil sie den Chef ihrer Bank erschlagen haben soll. Für Mickey deutet alles darauf hin, dass in Wirklichkeit jemand anderes hinter Gitter gehört.

Als er überfallen und zusammengeschlagen wird, begreift Mickey, dass seine unbekannten Gegenspieler wenig Skrupel kennen. Doch wie kann er die erdrückenden Beweise gegen Lisa entkräften? Und was, wenn Lisas Unschuldsmiene trügen sollte? (Verlagsinfo)

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Connelly, Michael – The Closers / Vergessene Stimmen (Harry Bosch)

_Spannender Cop-Thriller mit Überraschungen_

Drei Jahre nach seinem Weggang vom LAPD kehrt Harry Bosch zur Truppe zurück, die inzwischen einen neuen Chef hat, der mit eisernem Besen fegt. Mit seiner früheren Polizeipartnerin Kiz Rider arbeitet Bosch ungelöste Fälle ab, von denen es im LAPD tausende gibt. Solche Polizeibeamte werden The Closers genannt, weil sie die offenen Fälle abschließen (sollen), zum Beispiel mit moderneren Ermittlungsmethoden.

Ihr neuester Fall ist reichlich brisant: Eine DNS-Übereinstimmung stellt eine Verbindung zwischen einem weißen Rassisten und der Ermordung der sechzehn Jahre alten Rebecca Verloren aus dem Jahr 1988 her. Becky war gemischtrassig und das ist angesichts der Pulverfasssituation vor den Rodney-King-Unruhen von besonderer Bedeutung: Wurde sie Opfer eines rassenpolitischen Mordes?

Unterdessen wartet Boschs alter Erzfeind Irving, der frühere Polizeichef, nur darauf, dass sein verhasster Ex-Untergebener einen Fehler macht …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the Dime) , „Letzte Warnung“ (Lost Light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The Narrows).

Weitere wichtige Romane: Schwarze Engel (1998); Der Poet (1996); Schwarzes Echo (1991).

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Dunkler als die Nacht]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1193
[Im Schatten des Mondes]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1448
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Schwarze Engel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803

_Handlung_

Als Harry Bosch nach drei Jahren im „Ruhestand“ (er arbeitete trotzdem) wieder ins Hauptquartier des Los Angeles Police Departments (LAPD) zurückkehrt, bekommt er vom neuen Direktor der Behörde gesagt, dass dies nur auf Bitten von Boschs früherer Polizeipartnerin Kizmin Rider geschieht. Der Chief teilt ihn den „Closers“ in Zimmer 503 zu, die alte, unaufgeklärte Fälle zu lösen versuchen. Davon hat das LAPD ungefähr 8000 Stück – ausreichend Arbeit für die nächsten Jahre, sollte man meinen.

Ob es ein wohl Zufall ist, dass er und Rider einen Fall zugewiesen bekommen, in den der frühere LAPD-Direktor Irvin S. Irving verwickelt war? Irving ist jetzt Deputy Chief, mit „strategischer Planung“ befasst und kreuzt vor Zimmer 503 auf, um Bosch auf seine übliche „dezente“ Art und Weise zu warnen, dass wenn Bosch die Ermittlung vermasselt, nicht nur er selbst fällig ist, sondern auch der neue Direktor, der ihn wieder hereingeholt hat. Rosige Aussichten. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Rider hat eine DNS-Überprüfung angefordert und einen so genannten „cold hit“ erhalten: Diese DNS-Übereinstimmung stellt eine Verbindung zwischen einem weißen Rassisten und der Ermordung der sechzehn Jahre alten Rebecca Verloren aus dem Jahr 1988 her. Die Verbindung besteht aus einem Revolver, den der Rassist gestohlen hatte – bei einem Juden.

Becky Verloren war gemischtrassig und das erscheint Bosch angesichts der Pulverfasssituation vor den Rodney-King-Unruhen 1992 von besonderer Bedeutung zu sein: Wurde sie Opfer eines rassenpolitischen Mordes, der unter den Teppich gekehrt wurde, um das Pulverfass nicht zum Explodieren zu bringen?

Verschiedene Ungereimtheiten lassen Bosch stutzig werden und diese Theorie erst einmal anzweifeln. Zum einen hatte Becky Verloren, als sie starb, gerade eine Abtreibung hinter sich. Und warum sollte sie sich mit einem Rassisten einlassen? Was als Selbstmord inszeniert wurde, stellt sich als eine Art Hinrichtung heraus: Sie wurde zuvor gelähmt. Außerdem muss der Täter einen Helfer gehabt haben, um Becky jenen Berghang hochzutragen, auf dem ihre Leiche gefunden wurde. Von diesem Helfer ist keine Spur zu finden.

Als Bosch nachschaut, wer die Ermittlungen durchgeführt hat, stößt er auf einen Detective, der es weit gebracht hat, doch der andere, der die eigentliche Arbeit gemacht hatte, hat sich inzwischen das Leben genommen. Aus welchem Grund? Fühlte er sich schuldig? Bosch macht den Vater Becky Verlorens ausfindig: Robert Verloren, einst ein Restaurantbesitzer in Malibu, lebt seit Jahren unter den Obdachlosen von L.A., ein gebrochener Mann. Von ihm erfährt er, wer die Ermittlungen der beiden Detectives seinerzeit gestoppt hatte: Kein anderer als Irvin S. Irving himself.

Da erkennt Bosch, was für eine raffinierte Falle Irving für ihn und den Direktor aufgestellt hat. Aber Bosch kann den Spieß auch umdrehen …

_Mein Eindruck_

Michael Connelly ist mit „The Closers“ wieder ein sehr ordentlicher, im letzten Drittel actionreicher, packender Cop-Thriller gelungen. Das ist nach den weniger gelungenen Bosch-Romanen „City of Bones“ („Kein Engel so rein“) und „Lost Light“ („Letzte Warnung“) eine positive Überraschung.

Die vierhundert Seiten des neuesten Harry-Bosch-Krimis lassen nicht vermuten, dass hier eine ganze Menge Zündstoff abgehandelt wird. Das offensichtlichste Thema ist die verpfuschte Ermittlung im Mordfall Rebecca Verloren im Jahre 1988. Aufgrund politischer Rücksichtnahme im Vorfeld der Rassenunruhen zog Irving den Stecker heraus und verpasste sowohl dem traumatisierten, empörten Vater als auch den zuständigen Mordermittlern einen Maulkorb. Die Reaktionen waren, mit einer Ausnahme, ziemlich drastisch. Und die LAPD-Dienstaufsicht schwieg dazu, was den Skandal noch vergrößert.

Doch Bosch betrachtet sich inzwischen als Sprecher für die Toter, also für Becky, und zieht seine Ermittlung mit, wie er hofft, zulässigen Mitteln durch. Leider kommt dabei jemand ums Leben. Das wird Bosch natürlich sofort angekreidet. Als er selbst in Lebensgefahr gerät, nimmt der Fall eine unerwartete Wendung.

Die Ermittlungsbeamten haben 1988 nämlich nicht alle Alibis auf korrekte Weise überprüft. Und so konnte es dem eigentlichen Täter gelingen, ungeschoren davonzukommen und mittlerweile andere Mädchen zu bedrohen. Was Connelly zeigt, ist die Art und Weise, wie die Polizei-Politik die Ermittlungen so beeinflusst, dass eine Aufklärung verhindert wird. Das wiederum führt zu neuen Opfern, solchen psychischer Art: Becky Eltern leiden auf völlig unterschiedliche Weise, die nicht nur Bosch erschüttert, sondern auch den Leser. Von Detective Green, der sich selbst tötete, ganz zu schweigen.

Doch Bosch ist auch nicht der rächende Superman, als der er jetzt erscheinen könnte. Die ganze Zeit, seitdem er Becky Verlorens Kinderzimmer gesehen hat, weiß er im Hinterkopf, dass er etwas Wichtiges übersehen hat. Aber was, um Himmels willen? Erst nachdem er die alten Fotos von 1988 mit aktuellen Fotos verglichen hat, fällt ihm das verräterische Detail auf. Reichlich spät. Doch das ist natürlich ein cleverer Trick des Autors und führt dazu, dass der Leser das Buch auf den folgenden Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann. Und selbst noch nach dem Finale gibt es eine handfeste Überraschung für Bosch und Rider.

_Unterm Strich_

Sind die neuen Ermittlungsmethoden wie etwa DNS-Analyse und die Datentechnik wirklich in der Lage, ungeklärte Fälle einer Lösung näher zu bringen? Jeder brave Bürger würde dies natürlich erhoffen, doch Michael Connelly zeigt in seinem Thriller, dass es keineswegs so optimal laufen muss. Was damals nämlich – etwa aus politischer Rücksichtnahme – verpfuscht wurde, zeitigt danach schwere Folgen und rächt sich auch noch heute. Leider sind die Versager von gestern die Bosse von heute. Und die Frage für Bosch & Co. besteht darin, ob man den Bossen so am Zeug flicken kann, dass sie keinen Schaden mehr anrichten können. Denn sie versuchen sich natürlich zu schützen.

Zunächst sah es auf den ersten Seiten nicht so aus, als wäre der neue Bosch-Krimi ein Reißer, aber dann wurde doch noch eine tolle Sache daraus. Man darf aber nicht vergessen, dass es dem Autor um viel mehr geht als nur darum, einen weiteren Serienkrimi abzuliefern. Er fordert dazu auf, Altlasten abzutragen und die Versager von damals, die heute Nieten in Nadelstreifen sind, abzusägen und endgültig in Rente zu schicken. Das ist eine ziemlich deutliche politische Botschaft. Möge sie nicht ungehört verhallen.

|Siehe ergänzend dazu die [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2897 von Dr. Michael Drewniok zur deutschen Ausgabe 2006.|

Michael Connelly – The Fifth Witness

Mickey Haller ist wieder zurück in seinem alten Job als Strafverteidiger und vertritt vor Gericht insolvente Hausbesitzer, denen die Enteignung droht. Seine Klientin Lisa aber hat noch weit größere Sorgen als nur ihre Hypothek. Sie ist des Mordes angeklagt, weil sie den Chef ihrer Gläubiger-Bank erschlagen haben soll.

Für Mickey deutet alles darauf hin, dass in Wirklichkeit jemand anderes hinter Gitter gehört. Als er überfallen und zusammengeschlagen wird, begreift Mickey, dass seine unbekannten Gegenspieler wenig Skrupel kennen. Doch wie kann er die erdrückenden Beweise gegen Lisa entkräften? Und was, wenn Lisas Unschuldsmiene trügen sollte? (dt. Verlagsinfo)

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Connelly, Michael – Im Schatten des Mondes

Ein äußerst spannender Thriller um eine Profi-Diebin und ihren kaltblütigen Verfolger – im Mittelpunkt das Spielerparadies von Las Vegas. Im Unterschied zu Connellys anderen Roman fehlen diesmal Polizisten fast völlig: Diese Geschichte schildert die Schattenseite des Verbrechermilieus – und wie man ihm entkommt.

_Der Autor_

Michael Connelly arbeitete einige Jahre als Polizeireporter für die Los Angeles Times. In den meisten seiner Romane spielt der L. A. Police Detective Harry Bosch (von Hieronymus Bosch ist auch der Name von Connellys Firma Hieronymus Inc. abgeleitet) die Hauptrolle. Connelly schrieb u. a. die Bestseller „Der Poet“, „Das zweite Herz“ (das Clint Eastwood unter dem Titel „BloodWork“ verfilmt hat), „Schwarze Engel“ und „Dunkler als die Nacht“. Connelly lebt in L.A.

_Handlung_

Die auf Bewährung freigelassene Cassie Black schaut nicht gerne zurück, aber sie muss. Jahrelang hatte sie erfolgreiche Spieler in Las Vegas, der Hauptstadt des Glücksspiels, ausgeraubt. Am Schluss verlor sie ihren Geliebten und Mentor Max Freeling, danach verbrachte sie fünf elende Jahre im Knast.

Jetzt verkauft Cassie Luxusautos an Hollywoodgrößen wie etwa erfolgreiche Drehbuchautoren. Ihr streng gehütetes Geheimnis hat ihr ermöglicht, die schwärzesten Stunden der Hoffnungslosigkeit zu überstehen. Doch mittlerweile hat Cassie die Nase voll vom ehrenhaften Leben. Sie nimmt Kontakt zu ihrem alten Helfer Leo Renfro auf, der ihr einen „Job“ in Vegas verschafft. Natürlich sofort. Cassie muss nämlich möglichst schnell an Geld kommen, um ihr Geheimnis weiterhin bewahren zu können, das in Gefahr ist aufzufliegen …

In Vegas sieht der Job zunächst wie ein Kinderspiel aus: Ein erfolgreicher Baccarat-Spieler namens Hernandez wird ihr als Zielobjekt zugewiesen. Sie erhält seine Zimmerschlüssel und ein Zimmer direkt neben seinem. Offenbar steckt in der Hotelorganisation ein Maulwurf. Obwohl sich Cassie nicht hundertprozentig wohl in dem Hotel, dem (fiktiven) Cleopatra, fühlt, in dem ihr Geliebter Max starb, zieht sie den Job durch. Alles verläuft nach Plan, bis sie den Aktenkoffer ihres auserkorenen Opfers öffnet: Mafiageld!

In diesem Moment fällt ihr die Warnung des Strohmannes Leo Renfro ein, der ihr diesen „Job“ vermittelt hat: Sie solle sich vor jenen Minuten in der Tatnacht in Acht nehmen, in denen der Mond sein altes astrologisches „Haus“ verlässt, um in ein neues zu wechseln: vor dem „kritischen Mond“ (O-Titel: „Void Moon“).

Nun beginnt die Jagd nach dem Mafiageld – für Cassie und ihren kaltblütigen Jäger ein Rennen gegen die Zeit …

_Mein Eindruck_

Bis Seite 160 dachte ich, dass dieses Buch doch ein wenig spannender sein könnte. Ich meine: Es ist zwar recht kitzlig, in einem fremden Hotel einen Raubüberfall durchzuziehen, ohne dass weder der Überfallene noch der Sicherheitsdienst etwas davon merken. Das erinnert ein wenig an die seligen Zeiten von Forsyths „Der Schakal“.

Aber dann, ab Seite 160, kam Jack Karch ins Spiel, und das ist ein mindestens ebenso interessanter Charakter wie Cassie. Jack ist ein korrupter Privatdetektiv, hat aber sehr viel mit der Geschäftsleitung des Cleopatra-Casinos zu tun. Und wie es scheint, war er an Max Freelings Tod nicht ganz unschuldig.

Was diesen psychopathischen Killer – man nennt ihn „Jack of Spades“ wegen seines Geschicks im Umgang mit dem Spaten – so unheimlich macht, sind seine zwielichtigen Taschenspieler- und Zauberertricks, die er von seinem Vater erlernt hat (der aber schon lange unter der Erde ist). Außerdem verfolgt Jack seine eigenen Pläne mit dem Cleopatra.

Ab Jacks Auftritt wird das Leben für Cassie, Leo und alle, die ihnen nahe stehen, reichlich ungemütlich. Natürlich kommt es nach etlichen Scharmützeln zu einem ordentlichen Showdown in Vegas.

Doch im Verlauf von Cassies Verfolgung durch Jack und dieses Finales ergeben sich zahlreiche Überraschungen. Wir erfahren endlich von Cassies Wünschen, Träumen und ihrem Geheimnis. Der Autor bringt uns dazu, dieser Diebin sämtliche Daumen zu drücken. Und wir erfahren endlich, was in jener verhängnisvollen Nacht vor sechs Jahren wirklich passierte. Auch Jack fällt aus allen Wolken – und dann noch etwas tiefer …

_Unterm Strich_

„Im Schatten des Mondes“ fängt langsam an, denn es ist sorgfältig erzählt. Der Erzähler gerät nie ins Schwafeln, wenn er seine Figuren vorstellt, schon gar nicht, wenn sie allmählich in eine spannende Handlung verwickelt werden.

Gegen Schluss wird eine rasante und höchst überraschende Katz-und-Maus-Jagd zwischen Jack und Cassie, seiner hübschen Widersacherin, inszeniert, bei der nicht nur viel Geld auf dem Spiel steht, sondern mehrere Menschenleben. Der Thrillerfreund kann absolut zufrieden sein. Ich war es jedenfalls. Schade, dass das Buch nach 445 Seiten schon zu Ende ist.

|Originaltitel: Void Moon, 2000
Aus dem US-Englischen von Sepp Leeb|

Connelly, Michael – Echo Park

_Der Steppenwolf jagt Reinecke Fuchs_

Im Jahr 1993 verschwand Marie Gesto, nachdem sie einen Supermarkt verlassen hatte. Kriminalinspektor Harry Bosch und seine Partner Jerry Edgar bearbeiteten den Fall, konnten aber keine Beweise gegen ihren Hauptverdächtigen Anthony Garland erbringen, und so gelang es ihnen nie, die 22-jährige leidenschaftliche Reiterin zu finden.

Jetzt, 13 Jahre später, während die Gesto-Akte wie so oft auf seinem Schreibtisch liegt, bekommt Bosch einen Anruf von einem anderen Ermittler und vom Bezirksstaatsanwalt. Ein Mann, dem zwei brutale Morde zur Last gelegt werden, sei bereit, auch andere Morde einzugestehen, darunter den an Gesto, sofern ihm dafür die Todesstrafe erlassen werde.

Das Geständnis dieses Serienmörders zu ertragen, ist für Bosch schon schwer genug, aber dann auch noch unter die Nase gerieben zu bekommen, dass er vor 13 Jahren dem Anruf dieses Mannes nicht nachgegangen sei, belastet Boschs Gewissen aufs äußerste, denn er hätte sonst wohl neun weitere Morde verhindern können.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Blood Work“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Der Mandant“, „Vergessene Stimmen“ und „Die Rückkehr des Poeten“.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|

|Harry Bosch:|
[„Vergessene Stimmen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2897
[„Die Rückkehr des Poeten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1703
[„Kein Engel so rein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[„Dunkler als die Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1193
[„Schwarze Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192
[„Das Comeback“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2637
[„Schwarzes Eis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2572
[„Schwarzes Echo“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958

[„Unbekannt verzogen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[„Im Schatten des Mondes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1448
[„Der Poet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2642

_Handlung_

Marie Gesto, 22, lebte im High Tower Wohnblock von Hollywood, doch jetzt ist ihr Apartment mit dem tollen Blick auf die Stadt Los Angeles leer. Gesto verschwand, nachdem sie einen Supermarkt verlassen hatte, spurlos. Dass ihre Kleider und ihre Einkäufe – Karotten für die Pferde eines Reitstalls, in dem sie arbeitete – fein säuberlich sortiert in ihrem Wagen liegen, irritiert Harry Bosch. Obendrein steht der Wagen nicht irgendwo, wo ihn ein Mörder loswerden wollte, sondern genau da, wo er hingehört: in der Garage des High Tower. Wer wusste, dass sie gerade diese Garage gemietet hatte?

Bosch tippt auf Anthony Garland, dessen Exfreundin einmal in diesem Wohnblock gewohnt hatte. Doch Anthony, Sicherheitschef im Ölkonzern seines schwerreichen Vaters T. Rex Garland, beteuert seine Unschuld und wehrt sich gegen die hartnäckigen Fragen Boschs mit einer gerichtlichen Fernhaltungsanordnung. Bosch darf sich ihm nicht mehr als bis auf eine gewisse Distanz nähern. Doch Bosch geht der Fall Gesto nahe und hat sich Maries Eltern gegenüber moralisch verpflichtet, den Fall zu lösen. Als Garland die gerichtliche Verfügung nicht erneuert, vernimmt er ihn erneut, 13 Jahre später. Und diesmal hat er ein Video, das zeigt, dass Garland zu mörderischem Hass fähig ist …

Bosch arbeitet inzwischen nicht mehr mit Jerry Edgar zusammen, sondern gemeinsam mit Kiz Rider an ungelösten Fällen. Die Gesto-Akte liegt immer auf seinem Schreibtisch, und heimlich hat er sogar eine Kopie davon angefertigt und nach Hause genommen. Dieser Umstand wird später wichtig werden. Denn das Arbeitsexemplar wird von Freddy Olivas, Mordkommission für Northeast L. A., angefordert. Der bearbeitet den Fall Raynard Waits, um den sich der Bezirksstaatsanwalt Rick O’Shea kümmert. O’Shea kämpft gerade um seine Wahl zum Oberstaatsanwalt und will den Fall Waits benutzen, um sich zu profilieren. Wenn Bosch ihm Schützenhilfe gewährt, ist er zu Gegenleistungen bereit, signalisiert er, als Bosch ihn besucht. Und Gesto, Boschs Fall? Gesto befindet sich unter den Opfern des Serienmörders Raynard Waits.

Raynard Waits will sich aber nur zu dem Mord an Gesto bekennen, wenn ihm O’Shea die Todesstrafe erlässt und das Urteil in „Lebenslänglich“ umwandelt. Doch wer sagt ihnen, dass Waits die Wahrheit spricht? Man braucht jemanden, der Waits auf den Zahl fühlt. Das ist Boschs Rolle. Wenn sich die Gesto-Sache als wasserdicht erweist, dann steigt die Glaubwürdigkeit Waits‘ an, genau wie Waits‘ Anwalt Swann behauptet.

Bosch fühlt sich dem Mordopfer Marie Gesto ebenso moralisch verpflichtet wie ihren Eltern. Jetzt soll er auf einmal einen politischen Deal mit ihr deichseln, und das stinkt ihm gewaltig. Aber sein Hass auf den Killer Gestos verblendet ihn und macht ihn unvorsichtig. Er willigt ein, um an Waits heranzukommen. Einen Tag vor der Begegnung ruft ihn Olivas an: Was denn der Eintrag im Logbuch zu bedeuten habe, der einen Anruf von Robert Saxon – dem früheren Pseudonym Waits‘ – vor 13 Jahren verzeichnet, will Olivas wissen. Bosch fällt aus allen Wolken. Aber wenn es stimmt, was Olivas sagt, dann ist Bosch an den weiteren neun Morden, die Waits danach beging, moralisch mitschuldig.

Konnten Bosch und Edgar damals wirklich diesen Anruf eines Zeugen, des heutigen Raynard Waits, übersehen oder nicht nachverfolgt haben? Bosch ist erschüttert und setzt alle Hebel in Bewegung, um das Desaster, das seine berufliche Integrität wie auch seinen Job bedroht, abzuwehren. Er nimmt sogar Kontakt zu der FBI-Agentin Rachel Walling auf, mit der er einmal zusammengearbeitet (In „Der Poet“ und „Die Rückkehr des Poeten“) und geschlafen hat. Sie bringt ihn auf eine neue Spur: „Raynard Waits“ ist nur das Pseudonym eines Tricksters und bedeutet eigentlich „Reineke Fuchs wartet“. Reineke Fuchs alias Reynard alias „rénard“ ist der mänliche Jungsfuchs, der in französischen Fabeln als Verführer und Schurke auftaucht, häufig versteckt in seinem Schloss, wohin er seine Opfer verschleppt. Das passt hundertprozentig auf Raynard Waits alias Robert Saxon. Ob Saxon sein wirklicher Name ist, bezweifelt Rachel ebenfalls, denn Waits und Saxon haben verschiedene Geburtsjahre.

Das entscheidende Verhör überführt Waits aka Saxon zwar der Lüge bezüglich der Geburtsjahre, aber das bringt Bosch noch nicht weiter. Waits bietet an, ihn, den Staatsanwalt und ein Spurensicherungsteam zu der Stelle zu führen, wo er Marie Gesto vor 13 Jahren vergraben hat: im Beachwood Canyon, unweit des Reitstalls, wo Marie arbeitete. Bosch kann sein Temperament gerade noch zügeln, aber er ist einverstanden. Wäre er etwas ruhiger und weniger hasserfüllt, würde er die Falle riechen.

Die Exkursion in den regendurchweichten Wald von Beachwood Canyon beginnt ganz harmlos. Natürlich hat Staatsanwalt O’Shea als gewiefter Politiker einen Helikopter des Fernsehens sowie einen Kameramann bestellt. Bosch kann nichts dagegen tun. Andererseits: Wenn etwas schiefgeht, müsste alles auf Band sein, nicht wahr? (Wieder ein Irrtum Boschs.) Waits führt sie zu der Stelle, wo ein Skelett verborgen sein soll. Aber wie kann er es ohne Schwierigkeiten nach 13 Jahren finden?

Die Exkursion mündet in eine katastrophale Schießerei. Der Angeklagte entkommt. Der Fall ist wieder ganz am Anfang und Staatsanwalt O’Shea braucht einen Prügelknaben, um sich selbst reinzuwaschen: Bosch. Doch da gerät er an den Falschen.

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen erstklassigen Krimi in nur zwei Tagen gelesen, denn ich musste unbedingt erfahren, was und wer sich hinter der Intrige verbirgt, deren Opfer Harry Bosch werden soll. Wie Bosch, durch dessen Augen wir das Geschehen beobachten, glaubte auch ich felsenfest an eine Intrige, hinter der Olivas und O’Shea stecken müssen. Wie Bosch musste auch mich eines Besseren belehren lassen. Man kann durchaus ein und dasselbe Geschehen aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten und genauso plausibel erklären. Man muss nur weit genug Indizien sammeln und darf sich nicht von Autoritäten wie etwa einem Vorgesetzten täuschen lassen.

Nach dem Desaster im Beachwood Canyon wird Bosch erst einmal von seiner Dienststelle beurlaubt, während die Dienstaufsicht ihre Hausaufgaben macht: Wer hat warum auf wen geschossen usw. Doch Bosch ist bekanntlich nicht der Typ, der die Hände in den Schoß legt und auf den Nikolaus wartet. Ganz im Gegenteil: Er legt jetzt erst richtig los, denn er hat eine Stinkwut auf Raynard Waits – oder wie auch immer er mit richtigem Namen heißt – im Bauch.

Anders als in seiner frühen Steppenwolf-Zeit (z. B. in „Der letzte Coyote“ oder „Schwarzes Eis“), ist Bosch nun auf Teamarbeit eingestellt. Kiz Rider und Rachel Walling liefern ihm ebenso wertvolle Hinweise wie sein früherer Partner Jerry Edgar. Sogar dessen Cousin Jason Edgar, ein Sicherheitsmanager, hilft ihm ohne weiteres. Auf diese Weise kommt Boschs private und verbotene Ermittlung gegen den Entflohenen rasch voran. Als sich Waits ein weiteres Opfer schnappt, weiß Bosch, dass seine Ermittlung a) völlig gerechtfertigt und b) superdringend geworden ist.

Der Showdown mit Waits ist aber noch keineswegs das Ende des Falles Marie Gesto. Hätte Bosch ein wenig mehr aufgepasst, wäre ihm die Bitte von O’Shea und Olivas oberfaul vorgekommen, einen überführten Serienmörder vor der Giftspritze zu bewahren, nur weil der noch einen weiteren Mord gesteht – den an Marie Gesto. Dass sie nicht auf das Konto von Waits geht, erfährt er von diesem selbst. Doch wer ist dann der Mörder? Und wer hat die ganze Intrige in wessen Auftrag in Gang gesetzt?

Eins dürfte klar sein: Waits wird nicht der letzte Tote im Fall Marie Gesto gewesen sein. Die Frage ist nur: Wird der Arm der „Gerechtigkeit“ den Richtigen treffen? Und wird Boschs neue Freundin Rachel Walling sein Verhalten akzeptieren?

_Unterm Strich_

Dieser Krimi liest sich wie ein klassischer Raymond Chandler („The big sleep“). Die Handlung hat den gleichen Drive, die harte Action, den knallharten Hauptdarsteller und jede Menge überraschende Wendungen. Im titelgebenden Echo Park steht eine Statue, die als „Lady of the Lake“ bezeichnet wird. Wenn ich mich nicht täusche, heißt so auch ein Krimi von Chandler himself. Deutlicher kann man eine Hommage kaum noch kennzeichnen.

Es gibt Sentimentalität, wo sie angebracht ist, etwa im Fall der angeschossenen Kiz Rider und im Fall von Rachel Walling, die Bosch zur Seite steht. Dieses Mitgefühl steht in deutlichem Kontrast zu den knallharten Verhandlungen, Verhören und Verfolgungsjagden (Bosch fährt einen Mustang wie Steve McQueen in „Bullitt“) sowie mehreren Showdowns. Und ein harter Bursche wie Bosch verfügt auch über einen entsprechend trockenen, eisgekühlten Humor. Das wird deutlich, als er Waits‘ Anwalt Maury Swann zur Rede stellt. Die Szene ist köstlich, wenn man schwarzen Humor mag.

Mit diesem Krimi beweist Connelly wieder einmal, dass ein Autor nicht zu viel erreichen oder beweisen will und doch einen äußerst zufriedenstellenden Roman abliefern kann. Hier gibt’s keinen Hokuspokus wie bei Jeffery Deaver und keine Familienverwicklungen wie zurzeit bei Patricia Cornwell. Die Hexenmeister von der Crime Scene Investigation Unit (CSI) tun ihre Arbeit wie gewohnt, doch es ist Bosch, der eins und eins zusammenzuzählen hat – und weiter ist als alle anderen, die nur ihre Hausaufgaben machen und abends um vier oder fünf nach Hause gehen, um der Rush Hour zu entgehen.

Bosch nennt sich selbst einen „true detective“, einen, der die menschlichen Schicksale, die ihm begegnen, an sich heranlässt (er klingt einmal wie ein Zen-Meister, spöttelt Rachel Walling), doch diese Selbstverpflichtung hat einen hohen Preis: das Mit-Leiden. Deshalb ist ihm der Fall Marie Gesto so wichtig. Ich wünschte, es gäbe mehr solche Detectives wie Bosch, aber seinesgleichen ist nur allzu selten geworden. Allenfalls noch Alex Cross von Patterson und Inspektor Rebus von Ian Rankin können ihm das Wasser reichen.

Connelly, Michael – Die Rückkehr des Poeten

_Nasser Showdown mit dem Serienkiller_

Die geschasste FBI-Agentin Rackel Walling, strafversetzt nach South Dakota, bekommt schließlich den Anruf, den sie all die Jahre gefürchtet hat: Der Poet ist wieder aufgetaucht, jener psychopathische Serienkiller, bei dessen Verfolgung sich das FBI bis auf die Knochen blamierte – Robert Backus war nämlich selbst beim FBI. Und Rachel musste es ausbaden. Und jetzt ruft er sie mit einem Trick in die Mojave-Wüste zwischen Kalifornien und Nevada. Dort wartet ein Massengrab auf sie …

Auch der frühere LAPD-Inspektor Harry Bosch bekommt einen Anruf – von der Witwe seines alten Freundes Terry McCaleb (aus „Blood Work“, s.u.). Sie glaubt, dass der Tod des pensionierten FBI-Agenten kein Zufall war, sondern Mord, und verpflichtet Bosch, McCalebs Vermächtnis zu schützen. Bei der Untersuchung der Akten von Kriminalfällen, mit denen sich McCaleb zuletzt beschäftigte, stößt er auf eine Spur, die in die Mojave-Wüste führt. Er hofft, ein Boot zu finden, stattdessen stößt er auf eine gigantische FBI-Operation – und auf seine frühere Bekannte Rachel Walling.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Gerichtsreporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

Zuletzt erschienen die Romane „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime) , „Letzte Warnung“ (Lost light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The Narrows). Connelly lebt in Florida.

Weitere wichtige Romane sind „Schwarze Engel“ (1998); „Der Poet“ (1996) und „Schwarzes Echo“ (1991).

_Handlung_

Harry Bosch ist inzwischen ein staatlich lizenzierter Privatermittler – und stolzer Vater einer fünfjährigen Tochter namens Madeline. Dass er von Eleanor Wish ein Kind hat, teilte sie ihm erst vor einem Jahr mit. Ziemlich überraschend für den einsamen Wolf, der von Eleanor geschieden ist. Um die kleine Maddie zu sehen, fährt er mehrmals in der Woche nach Las Vegas, wo ihre Mutter als Profi-Pokerspielerin arbeitet. Daher hat er in der Stadt der Sünde die besten Kontakte und kennt jedes Casino.

Vor Jahren hat auch Harry Bosch an den Ermittlungen und der Jagd auf den „Poeten“ teilgenommen, jenen Serienkiller, der seinen Opfern Verse von Edgar Allan Poe als Abschiedsbrief diktierte, bevor er sie umbrachte. Das FBI bekleckerte sich dabei nicht gerade mit Ruhm, denn es stellte sich heraus, dass der Serienmörder aus seinen eigenen Reihen stammte – und unentdeckt eigene Leute ausbildete. Harrys Freund Terry McCaleb gehörte ebenso zu den Schülern wie die Agentin Rachel Walling. Nachdem Rachel auf den Mörder geschossen hatte, verschwand dieser auf rätselhafte Weise, nur um Jahre später später in Amsterdam aufzutauchen. Sie wurde geschasst und nach North und South Dakota strafversetzt, wo die Indianer den Büffeln gute Nacht sagen.

Harry bekommt einen Anruf von Graciela, der Witwe von Terry McCaleb. Ihr Mann starb auf hoher See auf seinem letzten Törn, den er mit einem zahlenden Passagier und seinem Assistenten Buddy Lockbridge unternahm. Terry brach am Steuerrad zusammen. Wie Graciela herausgefunden hat, nahm er zwar seit seiner Herzverpflanzung die richtigen Medikamente, aber sie waren ausgetauscht worden, so dass es nur so aussah, als nähme er die echten Pillen. Sie glaubt, es sei Mord gewesen. Er soll den Täter finden.

Weil er Graciela und Terry verpflichtet ist, übernimmt Harry den Auftrag, ohne Bezahlung. Schon bald stößt er in McCalebs Computer auf mysteriöse Fotos, die erstens einen Mann namens Jordan Shandy zeigen, den McCalebs ohne dessen Wissen auf seinem Boot fotografierte, und zweitens Fotos, die Graciela und ihre Kinder in einer Einkaufspassage zeigen – aufgenommen von eben jenem Jordan Shandy! Hatte McCaleb Angst um seine Familie, wurde er erpresst? Und warum ist das GPS-Navigationsgerät seit jenem Februar 2004 verschwunden? McCaleb starb am 31. März – was unternahm er in der Zwischenzeit? Ein Foto und eine Eintragung in McCalebs Straßenatlas führen Harry in die Mojave-Wüste.

Auch Rachel Walling wird von der Vergangenheit eingeholt. Die FBI-Agenten haben ein GPS-Gerät erhalten, auf dem eine Position in der Mojave-Wüste gespeichert ist. An dieser Position, die mit Zzyzx Road bezeichnet ist, sind die Leichen von bislang acht Menschen gefunden worden. Mehrere Hinweise lassen den Schluss zu, dass es sich um Opfer des „Poeten“ handelt. Deshalb wird Rachel als „Beobachterin“ und „Zeugin“ zugelassen. Sie ahnt nicht, dass der Poet sie die ganze Reise über begleitet – er hat einen ausgetüftelten Plan, in dem sie die Hauptrolle spielen soll.

Aber der Poet wird ebenso wie Rachel und das FBI von der Ankunft Harry Boschs an der Zzyzx Road überrascht. Gibt es ein Sicherheitsleck? Der leitende Agent Alpert ist sehr besorgt deswegen, denn bislang ist noch nichts über die Leichenfunde an die Öffentlichkeit durchgesickert. Man will sich nicht schon wieder blamieren, denn der Poet ist für tot erklärt worden. Es wäre nicht gut für das Image des FBI, wenn er nun wieder aus der Versenkung auftauchen würde.

Der Versuch, Harry kleinzukriegen und alle Beweise herausrücken zu lassen, ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Aber man wird natürlich McCalebs Boot und Haus durchsuchen. Harry erhält von Graciela, seiner Klientin, die Erlaubnis, den Agenten von seinem Auftrag zu erzählen, aber bevor er das tut, lässt er von Buddy erst einmal die Beweise in Sicherheit und nach Las Vegas bringen. Bosch hat nicht die Absicht, sich von den Feds auszubooten zu lassen.

In Las Vegas trifft er nicht nur Eleanor und sein Töchterlein, sondern auch Rachel Walling wieder. Sie soll eigentlich ihn beobachten, doch für sie ist er der Einzige, der diesen Fall weiterbringen kann. Nachdem sie eine Übereinkunft erzielt haben, nimmt er sie am nächsten Morgen auf eine Erkundungsfahrt in das sündige Wüstenkaff Clear mit. Dort wartet schon eine Nachricht des Poeten auf Rachel.

Zu welchem Zweck hat der Poet die beiden Ermittler zusammengeführt?

_Mein Eindruck_

Je nachdem, welche Hauptfigur – Harry oder Rachel oder der Poet – gerade im Mittelpunkt steht, wird die Geschichte aus dem Blickwinkel des Ich- (Harry) oder Er- bzw. Sie-Erzählers dargestellt. Das sorgt nicht nur für Abwechslung, sondern auch für die sofortige Identifikation von Harry Bosch. Sobald das Pronomen „ich“ fällt, weiß der Leser, dass er nun mit Harrys Augen sieht. Und das Geschehen in und um Bosch hat immer was Neues und Interessantes zu bieten: seien es neue Erkenntnisse, oder eine Sexszene mit „Mitgladiatorin“ Rachel Walling oder die ausgewachsene Sprengstoffexplosion eines präparierten Wohnwagens. Ganz besonders mochte ich die Szenen, die Harry am Bett seines schlafenden Töchterchens zeigen.

|Aus einem Guss|

Was nach einer Weile – sagen wir mal, nach der Hälfte des Buches – auffällt, ist die traumwandlerische Sicherheit, mit der sich das aus einem Guss erzählte Geschehen zu zwei Höhepunkten zuspitzt. Obwohl vom Poeten noch weit und breit noch nichts zusehen ist, steigt dennoch die Spannung, als sich Rachel und Bosch in dem uramerikanischen Billig-Bordell von Clear, Nevada, einfinden und sich urplötzlich eine Botschaft des gejagten Killers findet. Das ist erst der Auftakt zu einem frühen ersten Höhepunkt. Das richtige Finale kommt natürlich erst am Schluss und ist ganz schön lang, aber umso fesselnder.

Offensichtlich hatte der Autor eine sehr deutliche Vorstellung von dem, was er erzählen wollte. Ich hatte nicht wie in „Das Comeback“, dem Bosch-Roman zwischen „Der Poet“ und „Blood Work“, das Gefühl, dass sich gleich wieder eine Falltür im Boden der Ermittlungen öffnet, die dem Fall eine überraschende Wendung verleiht. Nein, vielmehr war es schon fast beruhigend mitzuerleben, wie Bosch zielstrebig die Spur des Poeten fand und verfolgte. Er musste nur noch Rachel mitnehmen, und sie bilden das perfekte Ermittlerpaar.

|Das dynamische Duo|

… hat sowohl Gemeinsamkeiten als auch gravierende Unterschiede. Diese Spannung trägt ganz erheblich zum Unterhaltungswert des Romans bei. Dabei ist Rachel nicht einmal die schlimmste FBI-Agentin, die in der Geschichte herumläuft. Ihr Boss Alpert ist ein auf seinen arroganten Hintern aufpassender Politiker statt ein Ermittler, und seine untergeordneten Kollegen sind lediglich Zuarbeiter und Speichellecker. Rachel hat jedoch einen eigenen Kopf und greift liebend gerne Boschs unkonventionelle Ideen auf. Damit setzt sie sich der Gefahr des erneuten Geschasstwerdens aus – aber hey, was könnte schlimmer sein als ein Posten in North Dakota?

Doch FBI bleibt FBI – die geistige Unkultur dieses Systems kann auch Rachel nicht abschütteln, und das wird am deutlichsten in der Szene, als sie in Clear Ermittlungen im Bordell anstellen soll. Allein schon das Vorzeigen ihrer Dienstmarke trägt viel dazu bei, den Mund der befragten „Damen“ fest zu verschließen. Sie muss unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dann versucht es Bosch auf seine eigene unnachahmliche Art. Allerdings hat er als Privatermittler a) keine Dienstmarke, b) keine Vorschriften zu beachten und c) keinen Arbeitsplatz zu verlieren. Dennoch kommt er zwar weit, aber auch in Schwierigkeiten. Als zwei Schlägertypen ihn in die Mangel nehmen, muss Rachel ihn raushauen. Das ist von nun an die Teamarbeit der beiden „Gladiatoren“. Das ist sehr zufrieden stellend zu lesen, denn hierbei kommt der ironische Humor nicht zu kurz.

|Der Poet|

So mancher Leser, der den umfangreichen Roman „Der Poet“ (noch) nicht kennt, dürfte sich zu Beginn des Romans „Die Rückkehr des Poeten“ bzw. „The Narrows“ fragen, worin denn nun die Gefährlichkeit dieses Mörders besteht. Die eine Bedrohung ist ziemlich offensichtlich. Nicht umsonst findet das FBI an der Zzyzx Road acht Leichen – der Killer ist ein durchgeknallter Psychopath mit einer Schwäche für Edgar Allan Poes Gedichte.

Doch das muss das FBI ja nicht so nervös machen, wie es sich an der Zzyzx Road aufführt. Nein, es ist vielmehr die Tatsache, dass Der Poet, also Robert Backus, ein Mann aus den Reihen des FBIs ist und offenbar nun einen Plan in die Tat umsetzt, der seinen früheren Arbeitgeber auf das Gründlichste bloßstellen soll. Dazu braucht er jedoch die Hilfe von Rachel Walling. Mit Bosch hat Backus nicht gerechnet, und mit Harrys Auftauchen steigt der Adrenalinspiegel des Poeten ganz erheblich. Das macht das Spiel für ihn aber nur prickelnder.

|Perfider Plan|

Backus spielt geschickt mit dem Druck, unter dem der FBI-Chef steht. Der Chef kann die acht Leichen in der Wüste nicht mehr verschweigen, denn schon in einer Zeitung in Vegas wurde von sechs vermissten Männern berichtet. Und das Auftauchen Boschs am Tatort ist nicht dazu angetan, die FBI-Führung zu beruhigen. Bosch könnte einiges erzählen, denn man hat keinerlei Handhabe gegen ihn. Und noch eine Blamage wie damals am Ende der Hetzjagd auf den Poeten kann sich das FBI nicht leisten. Also muss die Öffentlichkeit unterrichtet werden, dass der Poet möglicherweise (oder auch nicht) wieder aufgetaucht ist, bevor es jemand anderer tut.

Doch der Zeitpunkt der FBI-Pressekonferenz erweist sich als von entscheidender Bedeutung für den Poeten-Plan und den Verlauf der Ereignisse. Zunächst täuscht der Poet in Clear seinen eigenen Tod vor – dafür sorgt eine gewaltige Wohnwagenexplosion, der Rachel und Harry um ein Haar zum Opfer fallen. Nähmen sie mit dem FBI nun an, der Poet wäre tot, dann würde das nächste Poetenopfer das FBI noch gnadenloser bloßstellen. Und genau diesen Mord müssen Harry und Rachel natürlich verhindern. Die Ironie dabei: Widerwillig muss Bosch dem FBI helfen, sein Gesicht zu wahren.

|Hübsche Zwickmühle|

Aber dieser Widerwille ist sicherlich zweitrangig gegenüber seiner Besorgnis um das Leben eines früheren Kollegen, der einen Buchladen betreibt. Dass die Bücher vor allem Krimis sind – manche kosten 700 Dollar! –, macht den Buchhändler nicht nur dem Autor sympathisch, sondern auch dem Leser des vorliegenden Krimis. (Hinweis: Connelly war zeitweise Präsident des amerikanischen Verbandes der Krimiautoren „Mystery Writers of America“. Er weiß also genau, worüber und für wen er spricht.)

Bosch und Rachel geraten in eine Zwickmühle, die einem moralischen Dilemma gleichkommt. Sie müssen den Buchhändler als Köder benutzen, um den Poeten aufzuspüren und zu fangen. Dabei müssen sie in Kauf nehmen, dass das Leben des Händlers in Gefahr gerät. Würden sie ihn nämlich warnen, so würde er sein Verhalten ändern und den Poeten alarmieren. Sie müssen also das Risiko gegen den Erfolg abwägen – eine hübsche Klemme.

|Zum Originaltitel „The Narrows“|

Die Metapher der „Narrows“, der Engpässe, durchzieht den ganzen Roman und ist somit eine Bedeutungsebene, die nicht zu ignorieren ist und im Finale eine überragende Bedeutung annimmt. Auch das vorangestellte Zitat aus einer Zeitung des Jahres 1956 unterstreicht diese Metapher.

Zunächst einmal sind The Narrows ganz konkret die Hochwasserabzugskanäle, die man in jedem Thriller (und in „Terminator 2“) über die Stadt der Engel als mehr oder weniger breite Betonkanäle sehen kann. Das Finale findet in einem Jahrhundertgewitter statt und der Regen überschwemmt die abgebrannten Hügel der Stadt. Von dort stürzt er in Kaskaden in die Narrows, die Abzugskanäle. Und dass das Wasser dort überhaupt ein Durchommen findet, ist schon fast verwunderlich, sind die Wassermassen doch binnen kurzem derart groß, dass eine Überschwemmung der Vororte unausweichlich scheint.

Jedenfalls sagt sich Bosch, dass er auf keinen Fall in diese reißenden Stromschnellen gerissen werden möchte, denn die Chancen, den Sturz in den Strom zu überleben, sind sicherlich minimal. Nicht nur wegen der Brückenpfeiler und des Treibguts, das den um sein Leben ringenden Schwimmer gefährden würde. Sondern auch wegen der Strudel, die ihn auf den Betongrund des Kanals zerren würden.

Genau dieser Fall tritt plötzlich, als der Poet Bosch angreift, um dessen Pistole an sich zu bringen und damit Bosch und Rachel zu erledigen. Bosch sieht als Ausweg nur den Fall in den reißenden Strom des Kanals. Dort erweist sich, wer in den Narrows den Willen zum Überleben hat und wer nicht. Eine höchst dramatische Szene. Es ist anrührend, dass Bosch weder an sich selbst oder an Rachel denkt, wenn er dem Tode nahe ist, sondern an sein Töchterchen. Soll es, kaum dass es den Vater geschenkt bekommen hat, diesen gleich wieder im Dienst verlieren? Nie und nimmer!

Neben diesen konkreten Bedeutung bezeichnet „The narrows“ auch die Abstände zwischen den Hirnwindungen. Das leuchtet auf den ersten Blick nicht so ein, aber es geht darum, was denn das Gute im Handeln eines Menschen vom Bösen unterscheidet. Dieser Abstand kann bis zum Verschwinden eng werden … In Robert Backus vereinigen sich ehemaliger Gesetzeshüter und Verbrecher in einer Person. Und dieser Killer ist seinen Kollegen immer einen Schritt voraus, führt sie an der Nase herum. Bis Bosch ihn überrundet. Heißt das, dass Bosch ebenso das Potenzial hat, böse zu handeln? Es bleibt dem Leser überlassen, diese Frage zu beantworten. Aber kann ein Mann wie Bosch wie ein Verbrecher handeln, wenn er solche Liebe für sein Kind empfindet?

_Unterm Strich_

Dieser Bosch-Roman ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Hier lernen wir einen früheren Steppenwolf kennen, der durch sein Vaterglück Erlösung und eine Zukunftsperspektive gefunden hat. Seine kleine Tochter Maddie überrascht ihn immer wieder mit ungewöhnlichen Einfällen: „Sind der Burger King und die Dairy Queen verheiratet?“ fragt sie ihn. („Burger King“ ist die bekannte Fastfoodkette, und „Dairy Queen“ ist eine Milch- oder Molkereimarke.) Ein anderes Mal zeichnet sie ihn, wie er Dämonen bekämpft – und er dabei lächelt. Diese gegenseitige Liebe rettet ihn in den „Narrows“.

Ungewöhnlich ist aber auch die zielstrebige Geradlinigkeit des Plots, die ohne viele Überraschungen auf den ersten Höhepunkt und das Finale zusteuert. Die Bosch-Romane verblüfften den Leser meist durch unerwartete Wendungen oder Dimensionen – die erwähnten Falltüren –, doch diesmal fehlen sie weitgehend. Ja, das Element des GPS-Geräts macht den Zusammenhang zwischen Rachels und Harrys Erzählstrang frühzeitig klar. Insgesamt wird so das Geschehen ziemlich vorhersehbar und schränkt das Vergnügen an der Entwicklung des Falles ein wenig ein. Für einen Krimi ist das Buch aber immer noch obere Mittelklasse und über mangelnde Spannung und Unterhaltung musste ich mich nicht beklagen.

|Das Sequel|

Da es sich quasi um die Fortsetzung des Romans „Der Poet“ handelt, ist die Frage von Bedeutung, wie viel Neues oder bereits Altbekanntes denn die Fortsetzung bietet. Leser, die „Der Poet“ bereits kennen, können die Passagen, in denen von jenem alten Fall berichtet wird, einfach überspringen – das ist der Faktor des Altbekannten. Für Neulinge jedoch ist diese Information natürlich von großer Wichtigkeit, da sie sonst nur die Hälfte der Fortsetzung kapieren würde. Für beide Lesergruppen bietet die Fortsetzung meines Erachtens aber genügend neue Elemente, um die Lektüre interessant zu machen.

Das Taschenbuch dieses Romans erscheint im Dezember 2006.

|Originaltitel: The narrows, 2004
448 Seiten
Aus dem US-Englischen von Sepp Leeb|

Connelly, Michael – Der Poet

_Überraschend: der Fuchs im Hühnerstall_

Die Nachricht vom Tod seines Zwillingsbruders bringt den Gerichtsreporter Jack McEvoy völlig aus dem Gleichgewicht. Die Denver-Polizei geht von Selbstmord aus, doch Jack zweifelt an dieser Theorie und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an, die den Fall in einem ganz neuen Licht erscheinen lassen: Sein Bruder ist nur einer von zahlreichen ungelösten Todesfällen unter Mordkommissionspolizisten, die rätselhafte Abschiedsbotschaften hinterließen – Verse aus Gedichten von Edgar Allan Poe. Wer ist der „Poet“, der Serienkiller, der es auf Polizisten abgesehen hat?

_Der Autor_

Michael Connelly war selbst wie McEvoy jahrelang Polizei- und Gerichtsreporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

Zuletzt erschienen die Romane „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime) , „Letzte Warnung“ (Lost light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows). Connelly lebt in Florida. Weitere wichtige Romane sind „Schwarze Engel“ (1998); „Der Poet“ (1996) und „Schwarzes Echo“ (1991). Mehr Infos: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Jack McEvoy lebt 1995 in der Nähe von Denver, Colorado, und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit Morden. Das heißt, mit dem Berichten über Morde, und zwar für seine Zeitung „Rocky Mountain News“. Der neueste Mord betrifft die 19-jährige Studentin Theresa Lofton, die man nackt und zweigeteilt im Gebüsch gefunden hatte. Jacks Zwillingsbruder Sean, ein Polizist, untersuchte den grausigen Fall eine ganze Weile, kam aber offenbar nicht weiter. Bis jetzt. Er ist tot.

Die Nachricht von Seans Tod trifft Jack ebenso schwer wie Seans Witwe Riley. Nach Angaben der Polizei hat Sean in seinem Wagen, den er in einen Naturpark gefahren hatte, Selbstmord begangen, indem er sich in den Mund schoss. Als letzte Botschaft schrieb er auf die beschlagene Windschutzscheibe die rätselhafte Zeile „Jenseits von Raum – jenseits von Zeit“. Diese Worte geben Jack ebenso Rätsel auf wie den Polizistenkollegen, die Sean zu Grabe tragen.

Rätselhaft sind auch die Umstände von Seans Todestag. Er wollte in einem Hotelrestaurant einen Informanten im Mordfall Lofton treffen, einen Mann namens „Rusher“, doch er kam nie dort an. Auch Theresa Lofton kam nie bei der Autowerkstatt an, wo sie ihren VW Käfer abholen wollte. Jack befragt den Parkwächter, der Sean gefunden hat und bemerkt eine Lücke im zeitlichen Ablauf, die seine Zweifel an der Selbstmordtheorie bestärken. Jemand hätte ohne weiteres Sean töten, die Botschaft anbringen und warten können, bis der Parkwächter gekommen und wieder weggegangen war, um dann in aller Seelenruhe Seans Wagen zu verlassen und zu verschwinden. Die Polizeikollegen sind von den Socken, als Jack noch weitere Argumente anführt. Sie nehmen die Ermittlungen wieder auf.

|Denver, Chicago, Washington|

Jetzt hat Jack eine tolle Story, um den Mord an seinem Bruder aufzuklären – und vielleicht sogar den an Theresa Lofton. Bei seinen Datenbankrecherchen stößt er auf einen ganz ähnlichen Fall – in Chicago. Er fliegt hin und ermittelt. Dort hat sich ein Angehöriger der Mordkommission angeblich wegen seiner Depressionen wegen des Mordes an einem kleinen Jungen erschossen. Die Abschiedsbotschaft ist ein Zitat von Edgar Allan Poe. Jetzt kapiert Jack auch Seans Abschiedsbotschaft – ebenfalls ein Poe-Zitat. Die beiden Todesfälle gehören zusammen. Also ist auch der Polizist in Chicago ein Mordopfer.

Weil aber zusammenhängende Verbrechen in unterschiedlichen Staaten automatisch eine Sache der Bundespolizei werden, muss sich Jack beeilen, um noch vor dem FBI die entsprechenden Aktenprotokolle ausfindig zu machen und für seine Recherche zu nutzen. Hat das FBI erst einmal seine Hand drauf, kann er den Artikel – vielleicht sogar eine Serie! – komplett vergessen.

In Washington, D.C., hat er wahnsinniges Glück: Der Mitarbeiter bei der Stiftung, die solche Verbrechen im Rahmen eines wissenschaftlichen Programms untersucht, ist ein ehemaliger Kollege von der „Los Angeles Times“. So findet Jack auf nicht ganz offiziellem Weg heraus, dass es sechs weitere ähnlich gelagerte Polizistenmorde in den letzten fünf Jahren gegeben hat: ein Serienkiller, der eine blutige Spur hinter sich lässt. Und immer findet sich ein korrespondierender Mordfall, der angeblich den vermeintlichen Selbstmördern zugesetzt hat. Das Muster ist überdeutlich. Jack hat seine Story und informiert seinen Chef in Denver.

Da schlägt das FBI zu. Rachel Walling von der Verhaltensforschungsabteilung des FBI, eine Profilerin, will Jack verhaften und seine Unterlagen kassieren. Um dann selbst die Lorbeeren einzuheimsen, ist Jack klar. Aber er durchschaut ihren fadenscheinigen Vorwand und lässt sie auflaufen. Schließlich hat er sich nichts Unrechtes vorzuwerfen. Wallings Vorgesetzter Robert „Bob“ Backus muss sich auf Jacks Bedingungen einlassen: Jack darf so lange an den FBI-Ermittlungen als Beobachter teilnehmen, wie die Story noch geheim und verwertbar ist. Sollte aber eine Zeitung darüber berichten, kann auch Jack nicht mehr mit seiner Story hinterm Berg halten. Auf diese Weise vermeidet das FBI, den Mörder vorzeitig zu warnen, und kann ihn ungehindert jagen.

Die Spur des Mörders, der wegen seiner Poe-Zitate vom FBI „der Poet“ genannt wird, führt nach Westen, Richtung Los Angeles.

Unterdessen ist der pädophile Fotograf und Mörder William Gladden, Anfang 30, wieder einmal dem Gefängnis entgangen. Die Bullen hatten ihn schon in Santa Monica verhaftet, aber nichts aus ihm herausbekommen. Sie mussten ihn gegen 50.000 Dollar Kaution wieder auf freien Fuß setzen. Nun kann Gladden seinem Pädophilen-Netzwerk weiterhin Fotos liefern – sobald er eine neue Kamera hat, denn die alte haben die Bullen einbehalten. Sie wissen, dass er hinter nackten Kindern her ist. Aber sie kennen nicht einmal seinen wahren Namen. Noch nicht.

Und sie ahnen nicht, wozu er noch alles fähig ist …

_Mein Eindruck_

Der Roman beginnt recht spannend mit Jack McEvoys kognitivem Durchbruch hinsichtlich der Art und Weise, wie sein Zwillingsbruder starb. Weitere Erkenntnisse lassen auf eine Mordserie von landesweiten Ausmaßen schließen, die natürlich Sache der Bundespolizei ist. Was den Leser aber etwas ins Grübeln geraten lässt, ist die Tatsache, dass sich das FBI von einem dahergelaufenen Reporter in die Karten gucken lässt: Er darf die Agenten bei ihrer Arbeit begleiten. Allein dies finde ich schon recht unwahrscheinlich.

Noch einen Tick seltsamer finde ich die darauf folgende Sexaffäre Jacks mit Agentin Rachel Walling. Bis zuletzt wird nicht klar, ob sie ihn im Bett für andere Pläne benutzt und ihn hintergeht oder ob sie es ehrlich meint. Das ist zwar wichtig für die Geschichte, aber vorab kommen doch erhebliche Zweifel auf, ob sich eine echte Agentin auf eine Liaison mit einem Vertreter der „vierten Gewalt“ einlassen würde. Dass sie es laut Vorschrift nicht dürfte, wird bereits im Roman mehrmals gesagt.

Spätestens an dieser Szelle merkt der Leser, wie konstruiert die ganze Story ist. Andererseits erfordert es die innere Logik der Story, dass Jack, der Ich-Erzähler, Zugang zum inneren Zirkel der Poeten-Ermittlungstruppe erhält, um auf die vielen Ungereimtheiten bei dieser Ermittlung zu stoßen. Wer ist der Informant, der seinem Konkurrenten Warren den Tipp über die Poeten-Ermittlung gegeben hat? Jack verdächtigt zunächst seinen Intimfeind, Rachels Ex-Mann Gordon Thorson, aber der streitet das vehement ab. Dennoch muss es ein Insider gewesen sein: ein „Fuchs im Hühnerstall“, wie Jack es so anschaulich ausdrückt.

Sein Verdacht fällt auf sodann auf Rachel. Ist sie wirklich so ein eiskaltes Biest, um so etwas tun zu können? Kann sich Jack so in ihr getäuscht haben? Oder gibt es noch einen weiteren Verdächtigen? Die Frage bleibt offen, bis Jack sich an den Falschen wendet, um das Rätsel aufzuklären. Dann fallen ihm die Schuppen von den Augen. Er weiß, dass ihn sein Wissen in Lebensgefahr bringt. Er ist einfach zu gut als Journalist. Vielleicht hätte er Polizist werden sollen, wie sein Bruder.

Das Finale folgt allen Regeln der Kunst. Der Schauplatz liegt an einem erhöhten Punkt, und unter ihm gähnt ein Abgrund, der nur darauf wartet, das bedauerliche Opfer des Showdowns zu verschlingen. Allerdings ist der Schauplatz kein berühmter – das hätte noch zur Vollkommenheit gefehlt – , sondern ein sehr symbolträchtiges Glashaus, das von einem Erdbeben beschädigt wurde und nun jeden Augenblick zusammenzubrechen und in den Abgrund zu fallen droht: eine veritable Todesfalle. Dass der Autor seinen Schurken entkommen lässt, kann ich mir nicht erklären. Jedenfalls kam es Jahre später zu einer Fortsetzung: „Die Rückkehr des Poeten“.

|Neue Killerspezies|

Serienkiller – sie waren die große Mode und morbide Faszination der neunziger Jahre. Ihr bekanntester fiktiver Exponent war Dr. Hannibal Lecter, bekannt aus „Roter Drache“ und „Das Schweigen der Lämmer“ sowie „Hannibal“. Je bizarrer und inhumaner seine Verbrechen, desto angenehmer der wohlige Schauder des Grusels seitens des Zuschauers oder Lesers. Doch wie wurde aus dem Psychotherapeuten Dr. Lecter eine Kannibale? Bei seinem Erfinder Thomas Harris erfahren wir es nicht.

|VORSICHT SPOILER|

Und auch nicht bei Michael Connelly. Sicher, William Gladden ist ein Killer von horribler Gefühllosigkeit. Aber er ist nicht der „Poet“. Wie erfahren also ironischerweise, wie es zur Entstehung von „William Gladden, Killer“ gekommen ist, aber kaum etwas – lediglich nachgetragene Vermutungen und Gerüchte – über den Titelhelden. Das folgt erst in der Fortsetzung „Die Rückkehr des Poeten“.

Doch es gibt einige Dinge, die Gladden und den Poeten verbinden. Eine davon ist die Vorliebe für Edgar Allan Poe, die dem Poeten seinen Spitznamen eingebracht hat. Seitens des echten Poeten kann dies zwar lediglich Tarnung sein, um Gladden als eigentlichen Täter zu diffamieren, aber die Tarnung ist sehr echt – und sie wird auch noch in der Fortsetzung eingesetzt, als Gladden längst den Löffel abgegeben hat.

Der Poet nennt, Poe zitierend, die irdische Existenz eine „Welt voll Pein“, die von einem „Eidolon“ – einem Phantom – namens NACHT beherrscht werde. Perverserweise nennt er sich selbst „Eidolon“, wenn er sich in das PTL-Netzwerk einloggt und dort seine Ansichten an Pädosexuelle verbreitet. Gladden verkauft den Teilnehmern am PTL-Netzwerk seine pädophilen Kinderfotos – gegen beachtliche Summen, versteht sich. Man fragt sich, ob nicht diese Selbststilisierung zur Selbstrechtfertigung für diese Minderheit Pädophiler gehört, um sich besser zu fühlen.

Im Gegensatz zum Poeten wird also Gladden geradezu verständlich, auch wenn sich unser Verständnis, das von FBI-Einschätzungen genährt wird, nie zum Absegnen seines Tuns versteigt. Er mag ein Killer sein, aber er ist weder hinter Kindern noch Polizisten her. (Seine Tatwaffe ist eher die Digitalkamera, wie sie damals, 1995, schon auf den Markt kam. Die Datenübertragung über Laptop und Modem ins PTL-Netzwerk ist dementsprechend einfach. Die gewöhnlichen Polizisten haben keine Ahnung, womit sie es zu tun haben – da muss erst das FBI kommen, das selbstverständlich technisch auf dem neuesten Kenntnisstand ist.)

Auch Gladden ist nämlich ein Opfer. Wie eine ganze Reihe anderer Jungs wurde er jahrelang von einem „Best Pal“ missbraucht, einem Erwachsenen, der innerhalb eines kommunalen Programms obdachlosen Waisen ein Zuhause bieten soll, aber diese Tarnung nur zur persönlichen Befriedigung sexueller Bedürfnisse ausnutzt. Die erlittene Gewalt scheint Gladden nicht an weiteren Kindern auszulassen, wohl aber tut es der Poet. Seine kindlichen oder schwachen Opfer, so seine perfide Taktik, locken Polizisten wie Sean McEvoy an, die seine eigentlichen Ziele sind. Wahrscheinlich sucht er sich Cops aus, weil sein eigener Vater einer war, und zwar einer der strengsten. In den Polizeiopfern bestraft der Poet also nachträglich seinen eigenen Vater. Man kann diesem Szenario, das der Autor schrittweise enthüllt, folgen oder auch nicht, aber mir leuchtet es ein. Aber ich bin ja auch kein Psychologe.

|SPOILER ENDE|

_Die Übersetzung_

Obwohl die Übersetzung an sich vorzüglich ist, gibt es doch eine Reihe von Flüchtigkeitsfehlern, die, typisch für |Heyne|, vom Korrektor übersehen wurden. So ist beispielsweise auf Seite 336 die Rede von einem Cop namens Matuzak, der aber plötzlich zu „Muzak“ mutiert. Das ist reichlich verwirrend, und zwar nicht nur wegen des unvermutet auftauchenden neuen Namens. „Muzak“ bezeichnet auch noch jene Art von Musik, die in Supermärkten und Kaufhäusern zur emotionalen Beruhigung und Steuerung der Kundschaft eingesetzt wird: Kaufhaus-Gedudel. Diese Bedeutung lag wohl kaum in der Absicht der Übersetzerin Wiemken.

Auf Seite 386 erfahren wir am Anfang von Kapitel 36, dass Jack vom FBI im Wilcox-Hotel, einer schäbigen Absteige am Sunset Boulevard, untergebracht wird. Auf Seite 399 jedoch verwandelt sich das Wilcox- in das Wilton-Hotel, ohne ersichtlichen Grund. Es handelt sich wieder um einen der typischen Flüchtigkeitsfehler, siehe oben. Von der Erwähnung der übrigen Schlampereien will ich mal absehen. Man wird sie ohnehin nie abstellen können.

_Unterm Strich_

Die Konstruktion des Romans ist großartig: Der Autor, vertreten durch seine Hauptfiguren, führt den Leser ebenso in die Irre wie seinen Protagonisten Jack McEvoy. Erst als die vielen Ungereimtheiten geklärt werden müssen, taucht eine ganz andere Perspektive, eine neue Erklärungsmöglichkeit auf: eine sehr unschöne obendrein. Und die erweist sich als ebenso falsch …

Als der Roman vor zehn Jahren erschien, war er ein echter Durchbruch, ein Knaller. Inzwischen haben vor allem weibliche Krimiautoren wie Cornwell, Slaughter, Reichs und Hoffman das Genre derartig um ein Kuriositätenkabinett menschlicher Verirrungen erweitert, dass uns die im „Poeten“ dargebotenen Verbrechen kaum noch ein müdes Heben der Augenbrauen entlocken können.

Dennoch bietet das Buch dem Kenner eine befriedigende Lektüre: Es ist gut recherchiert, sehr kenntnisreich – man merkt, dass der Autor über seine eigene Reporterbranche schreibt, und zwar keineswegs unkritisch. Dass diesmal das FBI ganz schlecht wegkommt, ist der feine Trick des Ganzen: der „Fuchs im Hühnerstall“ stellt den Aufbau und das Selbstverständnis der Bundespolizei in Frage.

Die Hoffnung des Autors dürfte wohl in einer Besserung der Zustände beim FBI gelegen haben. Doch wie Connellys Oberzyniker Harry Bosch in der Fortsetzung „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows) konstatiert, sind die Zustände beim FBI eher noch schlimmer geworden: eine maximale Borniertheit in der Klasse der „Morphs“ (Überfliegertypen auf Managerebene) und eine zunehmende Ausgebranntheit unter den „Empathen“ (gefühlsmäßig Betroffenen) in der FBI-Truppe. Klar, wem Boschs Sympathie gehört. Aber auf welcher Seite steht die undurchsichtige Rachel Walling diesmal?

Keine Frage, dass man „Der Poet“ unbedingt VOR der Fortsetzung lesen sollte. In „The narrows“ wird sehr viel über den Vorgängerband rekapituliert und verraten. Das beeinträchtigt die Spannung – und die Überraschungen – erheblich, wenn man danach „Der Poet“ liest.

|Originaltitel: The poet, 1996
556 Seiten
Aus dem US-Englischen von Christel Wiemken|

Connelly, Michael – Das Comeback

_Krimi-Sinfonie der Überraschungen_

Harry Bosch musste anderthalb Jahre „Dienst- und Erholungspause” einlegen und im Einbruchsdezernat arbeiten. Nach dieser langen Zeit hat er endlich einen neuen Fall im Morddezernat von Hollywood. Anthony N. Aliso, ein reicher Produzent mieser Hollywoodstreifen, wird ermordet in seinem Rolls Royce aufgefunden. Er liegt im Kofferraum und hat zwei Schüsse in den Hinterkopf bekommen – die Handschrift der Mafia, die so etwas „trunk music“ nennt. Die Spur des Geldes führt zunächst nach Las Vegas, doch dann gibt es für Harry Bosch eine böse Überraschung …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime) , „Letzte Warnung“ (Lost light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows).

Weitere wichtige Romane: Schwarze Engel (1998); Der Poet (1996); Schwarzes Echo (1991).

_Handlung_

Detective Hieronymus Bosch darf endlich wieder in sein Element zurück: der erste Fall im Morddezernat. Eineinhalb Jahre lang musste er nach dem üblen Fall mit dem psychopathischen „Poeten“ aussetzen und sich erholen. Nachdem auch ein Erdbeben sein Haus in den Abgrund gerissen hatte, musste er es neu bauen. Er ist noch beim Streichen der Wände, als ihn der Ruf der Polizeidienststelle Hollywood, der er zugewiesen ist, erreicht. Es gibt zu tun.

Auf dem Weg zum Tatort begegnet ihm ein Mann der lokalen Polizeipatrouille. Powers hat den Wagen am Tatort gefunden. Bosch macht ihn zur Sau, weil Sergeant Powers seine Fingerabdrücke am Griff des Kofferraums hinterlassen hat. Wieso hat der Mann keine Latexthandschuhe oder Ähnliches benutzt? Na ja, wie auch immer: Die Leiche im Kofferraum des weißen Rolls Royce Silver Cloud stinkt zum Himmel. Liegt wohl schon zwei Tage hier, was? Seine zwei ihm untergeordneten Kollegen Jerry Edgar und Kizmin Rider, eine kluge Anfängerin im Dezernat, haben die Tötungsmethode identifiziert: Leiche im Kofferraum (= trunk) und zwei Schüsse in den Kopf – „trunk music“ (der Originaltitel) ist die Handschrift der Mafia.

Der Tote ist der Filmproduzent Tony Aliso. Wie sich herausstellt, ist die Qualität seiner Filme aus der untersten Schublade. Wenn er also kein Geld damit machen wollte, wozu war er dann im Filmgeschäft? Die Witwe, Veronica Aliso, ist erstaunlich gefasst, ja sogar kühl, als Rider und Bosch sie erstmals interviewen. Als ob sie den Besuch der Bullen erwartet hätte. Aber sie sieht immer noch verdammt gut aus, kein Wunder, trat sie doch selbst in einem der Filme ihres Mannes auf.

Wie sich aus Riders Durchsicht der Finanzunterlagen des Verstorbenen ergibt, dient die Produktionsfirma TNA Productions als Geldwaschanlage für das organisierte Verbrechen in Las Vegas. Von dort war Aliso am Freitagabend gekommen, als ihn der Todesengel besuchte. Ein Aktenkoffer mit Geld fehlt – wo ist es abgeblieben? Weil das US-Finanzamt IRS eine Buchprüfung bei Aliso angekündigt hatte, hat vielleicht jemand in Vegas kalte Füße bekommen.

Was Bosch jetzt aber am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass die OCID, die Abteilung für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens in Los Angeles, abwinkt und den Fall Aliso gar nicht übernehmen will. Als dann auch noch deren Mitarbeiter Carbone auf einem Überwachungsvideo als Einbrecher in Alisos Büro identifiziert wird, erscheint Bosch der Fall immer zwielichtiger. Warum will die OCID verschleiern, dass sie Aliso abhörte? Vielleicht weil die Wanze illegal war? Der OCID-Chef warnt Bosch, die Finger von Aliso zu lassen.

Das macht Bosch natürlich erst recht neugierig. Es führt kein Weg daran vorbei: Er muss nach Vegas fliegen. Doch auch hier laufen die Dinge nicht ganz so wie erwartet. Hier herrscht mit Joey Marks alias Joseph Marconi ein mächtiger Chicago-Gangster, und sein Kontakt zu Aliso scheint Luke Goshen gewesen zu sein, der in North Las Vegas einen Stripclub betreibt. Anscheinend rekrutierte hier Aliso seine Filmstarlets. Und in eine gewisse Layla hatte er sich sogar verliebt – ob das wohl Veronica bekannt war? Höchstwahrscheinlich sogar.

Zu seiner Überraschung stößt er hier auf seine frühere Liebe Eleanor Wish; die ehemalige FBI-Agentin hat ihre fünf Jahre Knast abgesessen und verdient ihren Lebensunterhalt mit Pokerspielen. Sie und Bosch erneuern ihre Bekanntschaft auf angenehmste Weise, und sie kann ihm ein paar Dinge über die Organisation von Joey Marks verklickern. Mit Hilfe der Metropolitan Police nimmt Bosch Luke Goshen hoch, verhört ihn, findet die Mutter von Layla und bringt Goshen nach L.A.

Doch dort gibt es ein böses Erwachen für Harry. Der Fall Aliso entpuppt sich als etwas ganz Anderes, als er und seine Vorgesetzte Lt. Grace Billets dachten. Die Bundespolizei hat ihre Finger drin. Als die Dienstaufsicht IAD herausbekommt, dass Bosch sich mit einer vorbestraften Verbrecherin eingelassen hat, legt sie ihm zusätzlich die Daumenschrauben an, um ihn endlich kleinzukriegen.

Wird ein Vietnamveteran wie Harry Bosch klein beigeben? Eher friert die Hölle zu. Seine von Billets insgeheim gedeckten Ermittlungen bringen noch einige Überraschungen ans Tageslicht. Der Fall Tony Aliso ist noch längst nicht abgeschlossen.

_Mein Eindruck_

Der Autor zeigt dem Leser und seinen Kollegen mal wieder, was eine Harke ist. Nach dem recht standardmäßig begonnenen Fall Aliso führt Connelly den Leser an der Nase herum, doch da ist es für diesen schon viel zu spät: Wir wollen jetzt genau wissen, was eigentlich genau dahinter steckt. Ich verrate nicht allzu viel, wenn ich sage, dass es sich um mindestens vier Ebenen handelt, auf denen der Fall abläuft. Der aufmerksame Leser sollte sich aber schon ganz am Anfang die Leute merken, die mit dem Fall zu tun haben. Sie tauchen garantiert wieder auf.

Um den Fall Aliso abzuschließen, gibt es ein Finale, das sich gewaschen hat und diese Bezeichnung vollauf verdient. Es ist bezeichnend für Connellys Haltung als ehemaliger Gerichtsreporter, dass er auch die angeblich „Bösen“ als Opfer, Verratene und Getriebene darstellt. Der Tod von Veronica Aliso ist nicht nur zwangsläufig notwendig, sondern hat auch tragische Größe. Zu einem gewissen Teil ist es unter anderem auch Boschs Schuld, dass es dazu gekommen ist. Hätte er seine Arbeit besser gemacht, hätte Veronica vielleicht nicht sterben müssen. Doch mit solchen Mutmaßungen über Mitschuld kann sich ein Polizist nicht lange aufhalten, sonst müsste er gleich den Dienst quittieren.

Die vielen Wendungen des Falls haben Connelly den Vorwurf eingetragen, er würde den Leser mit seinen Tricks überfordern. Dieser Vorwurf kommt mir sehr borniert vor. Denn genauso wie die so genannte „Wirklichkeit“ und erst recht die „Wahrheit“ aus jedem Blickwinkel ein anderes Aussehen annimmt, so verändert sich auch der Fall Aliso, je mehr Bosch hinter die Kulissen schauen. Schließlich ändert ja auch eine Sinfonie ihr Tempo und ihre Tonart von Satz zu Satz, mal von Allegro zu Adagio und Andante, bis der Schluss dann in ein mächtiges Finale mündet.

Der Originaltitel „Trunk music“ lässt sich auch auf den unterschiedlichen Verlauf der Ermittlungen anwenden. Der erste Akt des Falles verläuft nach Schema F, doch schon in Vegas beginnen die Variationen des Grundthemas. Das Thema der wiedergefundenen Liebe zu Eleanor Wish zieht sich von da ab bis zum Schluss durch die Handlung. Und jeder Satz weist ein anderes Tempo auf. Sehr gut gefiel mir beispielsweise, wie Harry herausfindet, an welcher Stelle des bekannten Mulholland Drive der oder die Täter Alisos Rolls-Royce stoppten und was dann geschah.

Im Unterholz stöbert Harry weiter und stößt auf das Nachtlager eines Obdachlosen namens George . George trägt die Klamotten des kürzlich verblichenen Tony Aliso. Interessant! Aber wo ist das Geld abgeblieben? In der schnurrigen Unterhaltung mit George erkennt Harry die Chance, wie er herausfinden kann, wo der Zaster ist. Ein Plan – eine Falle – und er braucht natürlich Georges Domizil, um die Falle aufzustellen … Dieses Scherzo hat ironischen Witz und besten Unterhaltungswert. Da gibt es einfach nichts zu meckern.

_Unterm Strich_

Dieser Roman ist zwischen „Der Poet“ (1996), dem größten Bestseller Connellys, und dem von Clint Eastwood verfilmten Krimi „Bloodwork“ angesiedelt. Schon wenig später erschien bei |Heyne| die Übersetzung. Das Veröffentlichungsdatum Oktober 2005 bezeichnet die neueste Wiederauflage.

Innerhalb der beliebten Harry-Bosch-Reihe Michael Connellys stellt das Buch einen recht hellen Kontrast zu all den düsteren anderen Bosch-Abenteuern dar, und zwar vor allem deshalb, weil hier Bosch über weite Strecken einfach nur glücklich ist: Er darf wieder Mordfälle lösen (er weiß, dass er bei Sexualverbrechen keinen Monat lang durchhalten würde) und seine Liebe zu Eleanor Wish erneuern. Ausgesöhnt mit der Welt, ist es ihm sogar schnurzpiepegal, dass sich Tony Alisos Millionen jetzt in den Händen einer jungen Frau befinden, die ihm am Strand von Honolulu über den Weg läuft. Er lässt den lieben Gott einen guten Mann sein und feiert seine Flitterwochen. Take it easy, baby!

|Originaltitel: Trunk music, 1997
427 Seiten
Aus dem US-Englischen von Norbert Puszkar|

Connelly, Michael – Schwarzes Eis

_Mit dem Steppenwolf zum Stierkampf_

Eigentlich sollte LAPD-Drogenfahnder Cal Moore den neuesten Drogenmord untersuchen. Doch er muss seine Pläne geändert haben, denn man findet ihn eine Woche später in einer Absteige in LA: mit weggeschossenem Kopf. Auch die Abschiedsnotiz in seiner Hosentasche deutet an, dass es sich um einen Freitod handelt.

Doch der geschasste LAPD-Polizeiinspektor Harry Bosch findet bei den Ermittlungen an zwei anderen Morden, dass es sich bei Moores Tod nicht um Selbstmord handelt. Wegen seiner Verbindungen zur mexikanischen Drogenmafia könnte Moore zwischen die Fronten geraten sein – oder lief sogar über. Aber warum will dann die eigentlich damit befasste LAPD-Abteilung die ganze Sache unter den Teppich kehren? Wenn Bosch nicht aufpasst, gerät er selbst zwischen die Fronten und endet wie Moore …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the Dime) , „Letzte Warnung“ (Lost Light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The Narrows).

Weitere wichtige Romane: Schwarze Engel (1998); Der Poet (1996); Schwarzes Echo (1991).

_Handlung_

Polizeiinspektor Harry Bosch ist zu Hause und hört den Polizeifunk ab. Eigentlich hat er ja gerade Schicht an diesem ersten Weihnachstag, aber dennoch ruft ihn niemand zu dem neuesten Tatort hinzu. Skandal! Er muss selbst bei seiner Dienststelle in Hollywood anrufen, um herauszufinden, was los ist: Sein Bekannter, der Drogenfahnder Cal Moore, ist in einer Absteige am Sunset Boulevard erschossen aufgefunden worden. Seltsam, dass sowohl die Mordkommission als auch die Dienstaufsicht unter Boschs Erzfeind Irvin Irving den Fall an sich gezogen haben. Boschs Anwesenheit ist offenbar unerwünscht.

Das schreckt den Vietnam-Veteranen jedoch nicht ab und er verschafft sich Zutritt zum Tatort. Moore scheint sich mit einer Schrotflinte den Kopf weggepustet zu haben. Jeder tippt auf Selbstmord, denn Moore hatte ein bekanntes Alkoholproblem. Bosch lernte Moore aber anders kennen: Er half ihm bei seinen Ermittlungen im Mordfall Jimmy Kapps, einem Drogenkurier aus Hawaii. Die neueste Droge ist „Schwarzes Eis“, eine Mischung aus Heroin, Kokain und PCP, schlimmer als „Angel Dust“. Es stellt sich heraus, dass ein Dealer namens Marvin Dance, den Moore, verknackt hatte, der aber sofort wieder freigekommen war, es Kapps zurückzahlte, dass der ihn verpfiffen hatte.

Dance arbeitet für die Mexikaner unter Humberto Zorillo, einem Drogenbaron in Mexicali. Ist es Zufall, dass auch Moore aus diesem Städtchen hinter Grenze stammt? Als Bosch die acht Fälle des krank geschriebenen Kollegen Louis Porter übernimmt, stellt sich eine weitere Verbindung heraus. Der unbekannte Ermordete „Juan Doe #67“ stammte ebenfalls aus Mexicali. Und Moore war derjenige, der ihn hinter einem Restaurant fand und meldete. Allmählich beginnt Bosch nicht mehr an so viele Zufälle zu glauben. Welches gefährliche Spiel spielte Moore?

Teresa Corazon ist die Stellvertretende Chefgerichtsmedizinerin des L.A. Countys. Zum Glück ist sie auch Boschs Geliebte. Sie erzählt ihm unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, was sie an Moores Leiche stört. Ihre Befunde aus der Autopsie legen nahe, dass es Mord, nicht Selbstmord war. Bosch gibt diese Neuigkeit an einen Unbekannten weiter und verliert dafür Teresa, die sich verraten fühlt. Dass mit Moores Tod etwas vertuscht werden soll, legt auch die Tatsache nahe, dass kein einziger Fingerabdruck anderer Personen am Tatort gefunden wurde – ein einmaliger Fall bei einer solchen Absteige, in der Tat.

Nun muss Bosch noch herausfinden, warum die Dienstaufsicht unter Irving so erpicht darauf ist, dass Moore Selbstmord begangen hat. Denn mit dieser Theorie würde das Police Department zwar schlecht dastehen, aber noch wesentlich besser, als wenn es sich um Mord handelt – wie jetzt von Teresa und Irving offiziell erklärt werden muss.

Um der Sache endgültig auf den Grund zu gehen, bleibt Bosch nur eines zu tun: nach Mexicali zu fahren. Dorthin, wo das Schwarze Eis produziert wird und Drogenboss Zorrillo als „Pate“ alle Fäden in der Hand hat – ein Himmelfahrtskommando?

_Mein Eindruck_

Der Thriller ragt durch nichts aus der Menge guter Thriller aus Connellys Schreibfabrik heraus, außer durch das Merkmal, dass er eben ausgezeichnet geschrieben ist. Man könnte nicht sagen, dass hier das LAPD durch den Kakao gezogen wird – noch nicht – oder sogar der Stellvertretende Gerichtsmediziner. Was der Autor aber immer wieder beleuchtet, ist der zermürbende Druck, unter dem die Polizisten, die sich in L.A. im Einsatz befinden, stehen. Dieser Druck kommt sowohl von den Verbrechern als auch von ihrer eigenen Truppe, namentlich der Dienstaufsicht.

|Der Steppenwolf|

Der Vietnam-Veteran Harry Bosch ist jedoch ein derart harter Brocken, dass er dem Druck standhält und direkte Order missachtet (oder „verpennt“). Dafür hat er schon einmal eins auf die Mütze bekommen und ist nunmehr das schwarze Schaf der Truppe. Niemand will so sein oder werden wie er, aber ohne ihn kommt weder die Wahrheit ans Licht noch wird der Schuldige – der aus den Reihen der Polizei selbst gekommen ist – gefasst. Bosch ist der Steppenwolf, der einsam jagende Außenseiter.

Dieser Vergleich steht im Buch selbst. Und zwar wird direkt auf das gleichnamige Buch von Hermann Hesse verwiesen. Das tut nicht irgendwer, sondern Harrys eigener unehelicher Vater auf seinem Sterbebett. Harrys Vater ist der berühmte LA-Anwalt Mickey Haller, folglich müsste Harry (Hieronymus) eigentlich von Rechts wegen Harry Haller heißen, also genau wie die Hauptfigur des Hesse-Romans. Dieser Hinweis ist nicht nur wegen des Bildes des Steppenwolfs wichtig. Über seinen Vater wird Harry auch zum Halbbruder von Mickey Haller, dem „Lincoln Lawyer“ (2005), sowie von zwei Halbschwestern, über die Connelly meines Wissens noch nicht geschrieben hat.

|Corrida: Stierkampf|

Cal Moores Spur führt, wie gesagt nach Mexiko. Dort ist Harry herzlich wenig willkommen und bekommt auch umgehend eine Kugel in sein Zimmer gefeuert. Hier wird offenbar mit harten Bandagen gekämpft und nicht lange gefackelt. Und wer weiß, wer noch auf der Lohnliste von Zorrillo steht. Die Ortspolizei garantiert, aber auch ein paar „Federales“? Der Mann von der US-Drogenfahnung DEA, Ramos, baut auf die mexikanische Bundespolizei. Das hindert Bosch jedoch nicht, seine eigenen, nicht ganz so legalen Methoden einzusetzen, um sich den Rücken frei zu halten. Bei einem Mann der Ortspolizei scheint er einen Stein im Brett zu haben, und das rettet ihm wohl das Leben. Man muss es gelesen haben, um es zu glauben.

Der Höhepunkt der ganzen Mexicali-Mission besteht in einem konzertierten Hubschrauber-Sturmangriff der DEA und der „Federales“. Bosch hat von vornherein kein gutes Gefühl dabei, und er soll Recht behalten. Nicht nur führt dieser Frontalangriff zu einem Blutbad, sondern auch noch dazu, dass wichtige Spuren verwischt werden. Zorrillo entkommt oder zumindest jemand, den man für den Obermacker hält, und zwar in einem tragikomischen Stierkampf, der des Nachts im Bullengehege stattfindet. Zorrillo (der kleine Zorro) ist Züchter jener Stiere, die später in der Arena von Mexicali zur Unterhaltung der Zuschauer abgeschlachtet werden – stilgerecht, versteht sich. Da aber Ramos kein Stierkämpfer ist, wird er leichte Beute für den Preisbullen von Zorrillo.

Eigentlich sollte alles vorüber sein, doch Bosch wäre kein Steppenwolf, wenn er jetzt aufgeben würde. Er muss dranbleiben, und das führt denn auch zu einer handfesten Überraschung, mit der bestimmt kein Leser gerechnet hat.

_Unterm Strich_

Selten hat mich in letzter Zeit ein Thriller derartig gefesselt wie „The Black Ice“ (auch dieser Titel ist mehrdeutig, meint er doch nicht nur die Droge, sondern auch das, was man hierzulande als „Blitzeis“ bezeichnet: Du siehst es nicht, aber es kann dich trotzdem töten).

Alle Zutaten eines typischen knallharten Harry-Bosch-Thrillers sind vorhanden: der knallharte Außenseiter-Cop, die korrupte Polizeitruppe, das verhängnisvolle Spiel von Verstrickung und Vergeltung, der Showdown und schließlich die Pointe. Bosch lässt jedoch hinter all der Action immer wieder seine Rechtschaffenheit durchschimmern, nur wird sie von den wenigsten Leuten erkannt, geschweige denn respektiert. Diese Stellen sind, weil sie so selten sind, umso wertvoller und schöner.

Wer lohnende Thrillerlektüre sucht, findet hier auf jeden Fall lohnende Beute. Volle Punktzahl.

Michael Connelly – The Black Box

Kein Märchen: Schneewittchen in der Hölle von L. A.

Vor 20 Jahren hatte Detective Harry Bosch den Mord an einer dänischen Fotoreporterin zu verarbeiten. Doch wegen der gerade tobenden Unruhen in South Los Angeles hatte er nicht mal eine halbe Stunde Zeit dafür. Jetzt bekommt er vom Labor die Untersuchungsergebnisse zu der Patronenhülse, die er damals sicherstellte: Sie gehört zu einer Beretta, die bereits dreimal für Morde verwendet wurde.

Als er die Waffe endlich sicherstellen und von der Bundespolizei ATF zuordnen lassen kann, erhält der Fall des „Schneewittchens“ von South L.A. eine völlig andere Dimension: Die Waffe stammt aus dem ersten Golfkrieg 1991 und wurde von einer ganz bestimmten US-Truppe verwendet …
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Connelly, Michael – Dunkler als die Nacht (Harry Bosch 7)

Die bizarre Bilderwelt des Hieronymus Bosch gibt die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung eines Mordes in Los Angeles. Diesmal arbeiten Michael Connellys zwei Oberschnüffler Harry Bosch und Terry McCaleb zusammen an einem Fall, der ihnen beiden das Genick brechen könnte.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[Schwarze Engel]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Harry Bosch, den Connelly-Leser schon aus mehreren Romanen kennen, soll diesmal als Hauptfigur der Anklage in einem Gerichtsverfahren gegen den allseits bekannten Hollywood-Regisseur David Storey aussagen, der sich für unantastbar hält. Das Medieninteresse ist entsprechend groß. Storey soll im Sexrausch eine junge Schauspielerin umgebracht und ihren Tod anschließend als Selbstmord inszeniert haben. Storeys wichtigster Helfer ist ein bulliger Ex-Polizist namens Rudy Tafero, der im Hintergrund gegen Bosch und McCaleb agiert.

Terry McCaleb, der Experte für Serienmorde und ehemaliger FBI-Angehöriger, lebt nun mit seiner Familie auf der friedlichen Insel Catalina vor L.A., als eines Tages die Polizistin Jaye Winston bei ihm auftaucht, um ihn um beratenden Beistand bei einem ganz anderen Mord zu bitten. Der saufende Tunichtgut Edward Gunn wurde in einem Ritualmord getötet, bei dem Symbole und Bildinschriften von Hieronymus Bosch eine entscheidende Rolle spielten. Doch warum musste Gunn überhaupt sterben?

Ganz einfach: Harry Bosch trägt den gleichen Namen wie der flämische Maler, der eigentlich Jerome (= Hieronymus) van Aiken hieß, sich aber nach seiner Heimatstadt t’Hertogenbosch Hieronymus Bosch nannte. Wie es der Täter geplant hat, fällt McCalebs Verdacht nach einer Weile auf Harry Bosch selbst, seinen Kollegen. Und sobald an die Medien durchsickern sollte, dass Bosch unter Mordverdacht steht, ist seine Aussage gegen David Storey keinen Pfifferling mehr wert.

Zum Glück kann Bosch McCaleb von seiner Unschuld überzeugen – was wäre auch das Motiv gewesen? Gemeinsam bemühen sie sich, die Verbindungen zwischen den zwei Mordfällen aufzudecken. Und als McCaleb jemandem bei seinen Ermittlungen zu heftig auf die Zehen tritt, ist Bosch gefragt, um ihm in letzter Sekunde das Leben zu retten.

_Beobachtungen_

Das wichtigste Bild von Bosch im Roman ist „Der Garten der Lüste“, das heute im Madrider Prado hängt – ein riesiges Triptychon, das den Garten Eden, die Welt und die Hölle zeigt. Darauf sind mehrere Symbole für das Böse zu sehen, Eulen beispielsweise. Connelly zieht eine deutliche Parallele zwischen den Zuständen im Moloch L.A. und der Darstellung der Welt durch Hieronymus Bosch.

Diese Korrespondenz mag zunächst etwas platt erscheinen, aber es ist für einen amerikanischen Thriller doch recht ungewöhnlich, Kunstwerke als Indiziengeber einzusetzen, zumal europäische. Übrigens heißt Connellys eigene Firma Hieronymus Incorporated.

Der Titel bezieht sich auf die Dunkelheit, mit der die Hölle gemalt ist: „a darkness more than night“, sagt einer der Restauratoren in L.A., der an einem Bosch arbeitet. Es ist die Dunkelheit der Verzweiflung und Verdammnis, darf man annehmen.

Übrigens ist von dem deutschen Autor Peter Dempf ein kunsthistorischer Krimi zu eben dem Bild „Garten der Lüste“ erschienen (bei |Goldmann|): [„Das Geheimnis des Hieronymus Bosch“.]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3442448700/powermetalde-21 Das Taschenbuch enthält eine gute Reproduktion des Gemäldes im Prado. Für Details allerdings benötigt man eine Lupe.

_Unterm Strich_

Man merkt es dem spannenden und kunstvoll konstruierten Thriller durchweg an, dass Connelly jahrelang als Polizeireporter in L.A. gearbeitet hat. Nicht nur vermag der Autor Schauplätze und Menschen genau zu charakterisieren, kennt die Methoden der Schnüffler wie auch der Verbrecher.

Er kann auch das zentrale Gerichtsverfahren, das den roten Faden liefert, minuziös nachzeichnen und als politischen Schauplatz verständlich machen. Allerdings vermittelt er in der Mitte des Buches dabei den Eindruck, ein Gerichtsdrama zu liefern. Das legt sich zum Glück wieder, so dass der Showdown den Leser wirklich fesseln kann.

Mit Bosch und McCaleb tauchen zwei Figuren Connellys auf, deren Innenleben laufend erklärt wird. Leser, die schon die vorzüglichen Romane „Schwarze Engel“, „Der Poet“ und „Das zweite Herz“ gelesen haben, werden die beiden Figuren, besonders McCaleb, weitaus besser verstehen, als es der Autor in „Dunkler als die Nacht“ ermöglicht. „Dunkler …“ kam mir auch ein wenig kürzer vor als etwa „Das zweite Herz“.

„Dunkler …“ bedient nicht so stark voyeuristische Instinkte wie etwa Thomas Harris mit seinen Hannibal-Romanen. Wir werfen dennoch einen Blick auf grausige Szenen, die aus dem Serienkillerfilm „Sieben“ stammen könnten – nichts für zarte Nerven. Vielmehr richtet Connelly aber unser Augenmerk auf ganz normale Schnüffelarbeit bei Dutzenden von Zeugen an zahlreichen Orten. Erst hierdurch wird die Stadt L.A. als Organismus lebendig und erlebbar, manchmal auch mit komischen Untertönen. Der Autor zeigt wie schon zuvor ein feines Gespür für Rhythmus: Solche heiteren Momente wechseln sich stets mit Hochspannung ab.

|Originaltitel: A Darkness more than Night, 2001
Aus dem US-Englischen übertragen von Sepp Leeb|

Connelly, Michael – Schwarze Engel (Harry Bosch)

Ein schwarzer Staranwalt wird in L.A. ermordet, und der Verdacht fällt sofort auf einen Polizisten. In der Stadt, in der weiße Cops einen Schwarzen wie Rodney King zusammenschlugen, setzt dieses Verbrechen die Zündschnur in Brand, die das Pulverfass Los Angeles in die Luft fliegen lassen könnte. Detective Harry Bosch muss schnell arbeiten und vor allem fehlerfrei. Dumm nur, dass ihm zahlreiche Aufpasser die Arbeit schwer machen.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood.

|Michael Connelly bei Buchwurm.info:|
[Kein Engel so rein]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[Unbekannt verzogen]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[Schwarzes Echo]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958

Offizielle Homepage: http://www.michaelconnelly.com.

_Handlung_

Dieser Fall für Detective Hieronymus „Harry“ Bosch ist der politisch und gesellschaftlich brisanteste. Ein falsches Signal, und Los Angeles brennt wieder wie 1992 nach dem Skandal um Rodney King. Schon am frühen Morgen wird Bosch nach Downtown L.A. gerufen. Dort wurde in der historischen Standseilbahn „Angel’s Flight“ (So der O-Titel des Buches) Howard Elias erschossen, zusammen mit einer unbedeutenden Putzfrau. Elias war ein besonders bei Polizisten verhasster schwarzer Staranwalt, der zwar für die Rechte der Black Community eintritt, aber nur um dabei ordentlich abzusahnen. Er prozessierte ausschließlich vor Bundesgerichten gegen Polizisten des LAPD, denen sich Fehler anhängen ließ – nach Rodney King und O.J. Simpson besonders leicht zu bewerkstelligen.

Kein Wunder also, dass als Mörder sofort ein Polizist in Frage kommt – genau wie bei Rodney King. Bosch wird klar, dass dieser Fall mit Leichtigkeit das Ende seiner Zugehörigkeit zum LAPD bedeuten könnte. Also will er erst mal alles richtig machen. Eigentlich ist er ja für Hollywood zuständig und wurde nur wegen seiner Unparteilichkeit mit dem Fall von Deputy Chief Irvin Irving betraut. Das eigentlich zuständige Morddezernat RHD wurde abgezogen. Doch dann wird Irving heimtückisch: Er gibt Bosch die Dienstaufsicht IAD als Mitarbeiter. Und als i-Tüpfelchen, um ganz sicher zu gehen, auch noch den Inspector General: die farbige Anwältin Carla Entrenkin.

Da kann ja nix mehr schief gehen, sollte man meinen. Das Gegenteil ist der Fall: Entrenkin war die Geliebte des verheirateten Howard Elias. In Windeseile sind die Hinweise auf die Verbindung aus Elias‘ Wohnung verschwunden. Als Bosch sich die letzten Fälle von Elias ansieht, wird ihm klar, dass dieser einen Informanten beim LAPD hatte, der Verbindungen nach ganz oben hatte. Sein Verdacht fällt auf den IAD-Mann Chastain, seinen Intimfeind, und auf Deputy Chief Irvin Irving selbst. Denn kaum hat er diesem Bericht erstattet, verbreiten sich vertraulichen Infos über die Medienkanäle der Stadt, um die politische Stimmung der Black Community zu beeinflussen. Na toll.

Warum aber musste Howard Elias sterben? Er sollte am nächsten Tag einen Prozess eröffnen, bei dem er seinem schwarzen Klienten, einem Ex-Kriminellen namens Harris, einen riesigen Schadensersatz erstreiten wollte. Angehörige des LAPD hätten Harris gefoltert und verletzt, um ein Geständnis zu erzwingen. Wie Bosch herausfindet, war auch sein früherer Partner Frank Sheehan in dieser Gruppe, und was man ihnen vorwirft, ist wahr.

Harris sollte gestehen, dass er ein weißes Mädchen, Stacey Kincaid, missbraucht und umgebracht hatte. Seine Fingerabdrücke wurde auf einem ihrer Bücher gefunden und ihre Leiche zwei Blocks von seiner Wohnung entfernt. Doch als sich Bosch näher mit diesem Mord befasst, helfen ihm anonyme Hinweise, die sich in Elias‘ Unterlagen befanden. Stacey Kincaid, die engelhafte elfjährige Tochter des größten Autohändlers der Autostadt L.A., wurde im Internet von einem Kinderpornoring angeboten. Bosch braucht nicht lange zu suchen, um die entsetzliche Wahrheit herauszufinden: Staceys Mörder befand sich in ihrer nächsten Umgebung.

Nun wird auch klar, von wem und warum der Mordfall Howard Elias ständig manipuliert wird. Bevor jedoch Bosch dies beweisen kann, wird sein Freund Sheehan erschossen. Und er selbst entkommt den ausgebrochenen Straßenunruhen nur mit knapper Not.

_Mein Eindruck_

Wir befinden uns in der Stadt der Engel, in der es jedoch zum Zeitpunkt der Handlung reichlich dämonisch zugeht. Die Handlung funktioniert nicht nur auf drei, sondern auch auf einer vierten, einer metaphysischen bzw. moralischen Ebene.

Die erste Ebene ist die der „normalen“ polizeilichen Ermittlungsarbeit, die von Harry Bosch vorangetrieben wird und die ihm von mehreren Aufpassern bzw. Verrätern nicht gerade erleichtert wird. Die nächste Ebene ist der Bereich der soziopolitischen Folgen, die seine Untersuchungsergebnisse haben – ob sie korrekt dargestellt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Die dritte Ebene liegt im privaten Bereich: Harry Bosch, der hartnäckig versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, als wolle er ein Engel im Nichtraucherhimmel werden, läuft die Frau, Eleanore, weg. Sein Ex-Partner Frankie Sheehan hat seine Familie schon Monate zuvor verloren, und ob die Familie Kincaid überhaupt eine Familie ist, lässt sich doch stark bezweifeln. Wir werden ständig daran erinnert, dass die Polizeiarbeit nicht nur die Cops zerstört, sondern auch für deren Angehörige eine schwere Bürde darstellt: Die Cops sind zu allen Tages- und Nachtstunden aushäusig, um ihre Pflicht zu erfüllen, und ob sie je ausreichend Urlaub bekommen, scheint doch recht zweifelhaft zu sein.

|Stadt der Engel, Stadt der Monster|

Die vierte Dimension wird lediglich durch Metaphern hergestellt, die andeuten, wie sich der Autor – vertreten durch seine Hauptfigur Harry Bosch – zu all dem Erzählten stellt. Ich behaupte, dass sich dadurch der Autor ein moralisches Urteil erlaubt – und das ist natürlich der Grund, warum er dieses Buch überhaupt auf diese Weise erzählt hat. Es hätte ja auch ein durchschnittlicher Copkrimi werden können. Ist es aber nicht. „Schwarze Engel“ ist um einiges besser als der Durchschnitt.

Nun ist es ja nicht so, als würde uns der Autor mit der Nase darauf stoßen, dass es um Engel und Teufel geht. Die Hinweise sind dezent, aber für den Kundigen unübersehbar. Die Standseilbahn, der Tatort, heißt „Angel’s Flight“, also „Flug der Engel“. Und das ist für eine Stadt, die nach der Königin der Engel (genauer: Nuestra Senora de los Angeles) benannt ist, ein sehr passender Name. Hier wird das Verbrechen, das aufzuklären und zu sühnen ist, begangen: der Sündenfall.

Die Hüter des Gesetzes sind jedoch keineswegs selbst Engel, sondern möglicherweise selbst Täter. Diese Sichtweise ist nach Rodney King und O. J. Simpson umso wahrscheinlicher und verständlicher – weitere Sündenfälle. Und der Mann, der gegen sie zu Felde zog, Howard Elias, der Ermordete, trägt nicht umsonst den Namen eines der biblischen Propheten.

Wohin wird der Weg führen, den die Stadt von hier aus nehmen muss? Ein weiterer Sündenfall wird aufgedeckt: der brutale Mord an der „engelhaften“ und mit (wie Flügel) ausgebreiteten Armen aufgefunden Stacey Kincaid, eine gemeuchelte Unschuld. Welches Monster konnte so tief sinken, diese Schönheit zu töten?

|Das Spinnennetz vor der Hölle|

Der Weg führt den Gesetzeshüter über das „Spinnennetz“, das der Kinderpornoring im Internet (das Web) eingerichtet hat, direkt in die Hölle, in der Stacey Kincaid in ihren letzten Tagen gelebt haben muss, nachdem sie missbraucht worden ist und ihre Fotos ins Web gestellt wurden. Keine Hand erhob sich, um sich dem Monster in den Weg zu stellen. Im Gegenteil: Sämtliche Kinderschänder weideten sich an ihrem Anblick.

Doch Hieronymus Bosch, der Ermittler mit dem unbestechlichen Blick (in Nachfolge seines Namensvetters aus dem Mittelalter), wandelt unbeirrbar auf dem Weg der Gerechtigkeit, nicht ungefährdet, versteht sich. Mehrmals fällt er selbst „aus allen Wolken“. Er verhaftet den gefallenen Engel, der Elias‘ Quelle im Polizeihauptquartier war: natürlich einen Cop. Und gerät mit ihm mitten in die Hölle auf Erden, die von den randalierenden jungen Schwarzen inzwischen in der „Stadt der Engel“ entfacht worden ist. Der letzte Blick, den Bosch auf seinen Ex-Gefangenen erhaschen kann, zeigt ihm, wie ihn diese „Teufel“ in die Höhe halten, als wollten sie den gefallenen Engel zurück in den Himmel hieven, bevor sie ihn unter ihren Stiefeln zertreten. |“Ein Heulen, fast zu laut und grauenhaft, um menschlich zu sein“, entringt sich der Kehle des Opfers. „Es war der Laut gefallener Engel auf ihrem Höllensturz.“| (letzter Absatz des Romans)

|Gerechtigkeit? Hier?|

Wenn das der Lauf der Gerechtigkeit in L.A. ist, so teilt uns der Autor indirekt mit, so steht zu bezweifeln, ob es an diesem Ort noch so etwas wie Gerechtigkeit geben kann. Ob nicht alles eine Farce, ein Panoptikum à la Hieronymus Bosch sei. Diese Show ist jedoch keineswegs Selbstzweck. Kalifornien und die Stadt der Engel sind lediglich der extremste Exponent der US-amerikanischen Gesellschaft. Das L.A., das uns der Autor zeigt, mag eine Höllenvision sein, aber diese ist zugleich eine ernst gemeinte Warnung an den Rest Amerikas. Ob’s hilft? Man darf nie aufhören zu hoffen und zu kämpfen, sonst ist man bereits verloren.

_Unterm Strich_

Von der ernst gemeinten moralischen Botschaft, die sich im Roman versteckt, ganz abgesehen, handelt es sich um einen der spannendsten Thriller, die man in den letzten zehn Jahren lesen konnte. Die ersten hundert Seiten lesen sich praktisch von alleine, und der Rest ergibt sich daraus.

Wer Gefallen an „Schwarze Engel“ findet, dem sei auch der Harry-Bosch-Roman „Dunkler als die Nacht“ empfohlen. Hier wird der Verweis auf den niederländischen Maler noch verdichtet.

|Originaltitel: Angel’s Flight, 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sepp Leeb|

Connelly, Michael – So wahr uns Gott helfe

_Packender Justizthriller: Mickey Hallers zweiter Fall_

Als der Anwalt Mickey Haller (siehe „The Lincoln Lawyer / Der Mandant“) ins Gericht von L.A. gerufen wird, ahnt er nicht, dass eine folgenschwere Entscheidung vor ihm liegt. Überraschend wird ihm der Klientenstamm seines ermordeten Kollegen Jerry Vincent übertragen – nicht gerade ein Grund zum Feiern. Eine der Akten ist verschwunden. Der Verdacht liegt daher nahe, dass der Mörder unter Vincents Mandanten zu finden ist.

Mickey fackelt nicht lange und übernimmt den aktuellen Fall: Der Filmmogul Walter Elliot ist des Mordes an seiner Frau und deren Lover angeklagt. Elliot beschwört seine Unschuld, und Mickey findet einen entlastenden Beweis. Doch Detective Harry Bosch hat seine Zweifel, und auch Mickey ist nicht vollends von Elliots Unschuld überzeugt. Etwas ist faul an dem Fall. Als er erkennt, worum es sich handelt, gerät er in tödliche Gefahr …

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Auch „Der Mandant“, der erste Mickey-Haller-Roman, soll hochkarätig verfilmt werden, doch es gibt „künstlerische Differenzen“, und so wurde der Regisseur gefeuert.

Zuletzt erschienen „The Overlook / Kalter Tod“, „The Scarecrow“ und „Nine Dragons“.

|Michael Connelly auf Buchwurm.info (in Veröffentlichungsreihenfolge):|

|Harry Bosch:|

[„Schwarzes Echo“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=958
[„Schwarzes Eis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2572
[„Die Frau im Beton“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3950
[„Das Comeback“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2637
[„Schwarze Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1192
[„Dunkler als die Nacht“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4086
[„Kein Engel so rein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=334
[„Die Rückkehr des Poeten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1703
[„Vergessene Stimmen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2897
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5282 (Buchausgabe)
[„Kalter Tod“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5362 (Hörbuch)

[„Das zweite Herz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5290
[„Der Poet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2642
[„Im Schatten des Mondes“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1448
[„Unbekannt verzogen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=803
[„Der Mandant“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4068
[„L.A. Crime Report“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4418

_Handlung_

Michael Haller ist auf den Hund gekommen. Etwa drei Jahre sind seit jenem üblen Bauchschuss im Fall Roulet vergangen, nach dem er operiert werden musste. Doch erst pfuschten die Ärzte, dann wurde er von ihren Schmerzmitteln abhängig – ein Junkie. Seine Ehe ging in die Brüche, und nun darf er seine Tochter Hayley nur noch mittwochs und jedes zweite Wochenende sehen. Was für ein Leben. Nur die Ersparnisse halten ihn noch über Wasser und in seinem hübsches Häuschen über dem Canyon.

|Glück?|

Da ereilt ihn ein Ruf von höchster Gerichtsebene. Oberrichterin Holder wolle ihn sprechen, sagt ihm seine Exfrau Lorna. Holder teilt ihm mit, dass Mikes Standeskollege Jerry Vincent tags zuvor erschossen worden sein – in der Parkgarage vor seinem Stadtbüro. In Jerrys Testament habe er verfügt, dass Mike seine Anwaltskanzlei erben solle. Somit soll Mike sämtliche Fälle übernehmen, inklusive eines sehr lukrativen Mordfalls, der mehrere hunderttausend Dollar abwerfen dürfte. Ein Himmelsgeschenk, oder? Haller sagt nicht nein, lässt sich aber alle Optionen offen. Holder verlangt regelmäßige Reports über den Stand seiner Fälle. Mike ist ratzfatz wieder gut im Geschäft.

Zusammen mit seiner Fall-Managerin Lorna und seinem Ermittler Cisco, einem Biker, versucht Mike, Jerrys Aktenstand herauszufinden: Der Laptop, auf dem alles gespeichert war, wurde ebenso gestohlen wie Jerrys Terminkalender. In einer Schnellaktion wird deutlich, dass einige Termine brenzlig sind, dass aber das Konto Jerrys, das nun Mike gehört, gut gefüllt ist. Vor allem durch die Vorauszahlungen eines einzigen Klienten.

|Der Klient|

Dieser Klient ist Walter Elliot, der Hollywood-Mogul von Archway Studios, der von der Staatsanwaltschaft angeklagt ist, seine Frau und deren Liebhaber, einen Deutschen, erschossen zu haben. Gegen eine Kaution von schlappen 20 Millionen Dollar ist Elliot auf freien Fuß gesetzt worden und bereitet ungerührt seine nächsten Filme vor. Über so viel Kaltschnäuzigkeit ist Mike schon ein wenig erstaunt, zeigt es aber nicht. Erst als ihm Elliot auf der Nase herumtanzt, muss er ihm zeigen, wer hier den Fall leitet. Natürlich beteuert Elliot seine Unschuld. Mike hat nichts anderes erwartet, obwohl ihn der Roulet-Fall warnen sollte, dass hier etwas faul sein könnte. Zum Beispiel der Grund, warum Elliot unbedingt in zwei Wochen vor Gericht stehen will, auf keinen Fall später …

|Unerwarteter Besuch|

Jerry Vincents eigenen Ermittler Bruce Carlin, einen schmierigen Ex-Cop, feuert Mike ebenso wie dessen Geliebte, die in Tränen zerfließende Sekretärin. Als nächster in der Reihe der Besucher im Büro kreuzt kein anderer als Detective Harry Bosch vom LAPD auf, von dem Mike nur weiß, dass er sein Halbbruder ist. (Mike hat NOCH einen Halbbruder und drei Halbschwestern – sein Vater, ein charismatischer Staranwalt, bestellte viele Felder).

Bosch ist ein todernster Mann auf einer Mission, merkt Mike. Und Bosch fragt, ob Mike etwas über eine Ermittlung des FBIs im Auftrag des Bundesgerichtshofes wegen Korruption der Gerichte wisse. Keine Ahnung, sagt Mike. Ob er etwas über ein Bestechungsgeld von 100.000 Dollar wisse, das Jerry Vincent gezahlt haben soll. Auch darüber weiß Mike nichts. Bosch zeigt ihm später das Foto einer Überwachungskamera vor dem Haus: Es zeigt einen finsteren Typen, aus dessen Hosenbund eine Pistole herausschaut. Vincents Mörder etwa? Bosch ist überzeugt, dass der Mörder zu Vincents Klienten gehört. Mike wird es etwas mulmig. Offenbar könnte auch er ins Visier der Hintermänner geraten. Aber wer sind die?

|Die magische Kugel|

Was wusste Vincent, dass man ihn zum Verstummen bringen musste? Auf einmal sieht Vincents Vermächtnis nicht wie ein Glücksfall aus, sondern wie ein vergifteter Kelch, den ihm Richterin Holder in die Hand gedrückt hat. Um sicherzugehen, dass nicht Walter Elliot dahintersteckt, fühlt er ihm auf den Zahn und studiert sämtliche Akten des Mordfalls. Der Grund, warum Vincent so sicher war, Elliot herauszuhauen, muss wohl auch der Grund sein, warum Elliot sicher ist, freigesprochen zu werden. Deshalb muss Vincent über eine Wunderwaffe verfügt haben, mit der er den Prozess auf jeden Fall gewinnen konnte.

Mike Haller ist ein Genie: Er findet die Wunderwaffe in den Akten und tut alles, um seine Verteidigungsstrategie seinerseits kugelsicher zu machen. Doch mit einem hat er nicht gerechnet: Dass er auf dem völlig falschen Dampfer fährt …

_Mein Eindruck_

„So wahr uns Gott helfe“ ist die Fortsetzung von „Der Mandant“, in dem uns der Autor seinen skeptischen, desillusionierten Strafverteidiger Mickey Haller erstmals vorstellte. Beide Romane habe ich in jeweils nur drei Tagen gelesen, so spannend sind sie geschrieben. Doch diesmal tritt Connellys Serien-Antiheld Harry Bosch regelmäßig auf, um mit Mickey, seinem Halbbruder, ein Stück des Weges zu gehen.

|Bosch|

Aber ob Bosch seine Hilfe ehrlich meint oder nur seine eigenen Ziele verfolgt, wird Mickey erst im dramatischen Finale herausfinden. Vorerst ist es ein Handel, Informationen und Erkenntnisse auszutauschen. Allerdings ist Mickey an die anwaltliche Schweigepflicht gebunden, und das schränkt seine „Lieferungen“ erheblich ein. Bosch, dessen Bild sich in den letzten Romanen wie „Kalter Tod“ genauer herauskristallisiert hat, ist dennoch erstaunlich kooperativ. Was an einem Typ wie ihm dann schon wieder verdächtig wirkt.

|Der Klient|

Es kann nicht ausbleiben, dass die übermächtige Figur des Klienten eine zweite Hauptrolle spielt. Offensichtlich spielt Walter Elliot nicht mit offenen Karten, als er sich überraschend bereitwillig bereiterklärt, Mickey zu seinem einzigen(!) Anwalt zu nehmen. Hat Elliot vielleicht eine Trumpfkarte im Ärmel, die ihn so aufs Tempo drücken lässt und siegessicher macht? So ganz werden wir den Verdacht nicht los, dass Elliot unseren Helden aufs Kreuz legen will.

|Die Wunderwaffe|

Aber der Autor lenkt unseren Blick geschickt auf den Prozess und weg von Elliot. Die Details der Gerichtsverhandlung werden minutiös ausgebreitet, bis auf eine kleine Raffung vor dem Höhepunkt, als nämlich Mickey Haller wie ein Zauberkünstler seine Starzeugin aufbietet und die „Wunderwaffe“ in Richtung auf die Staatsanwaltschaft abfeuert. Um ein Haar wird ihm seine grandiose Vorstellung, in der er seinen Gegner an die Wand spielt, vermasselt, als einer der Geschworenen spurlos verschwindet. Mehr darf nicht verraten werden.

|Showdown|

Das Finale ist, wie gesagt, dramatisch und ein wahrer Kraftakt. Doch bis zum Schluss bleiben auch wir im Dunkeln, wer der Drahtzieher hinter der ganzen Sache ist, in der Mickey Haller von allen nur benutzt wird. Er ist wirklich eine arme Sau. Am Ende kann man es ihm nicht verdenken, dass er diesen Job an den Nagel hängen will. Er will mit einem Gewerbe, das so korrupt ist, nichts mehr zu tun haben, um seiner kleinen Tochter Hayley, die an ihn glaubt, weiterhin in die Augen sehen zu können.

|Hieronymus|

Hier macht sich auch das moralische Erbe seines Vaters, des Staranwalts, bemerkbar. Der hatte in seinem Heimbüro das Gemälde „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch hängen und erklärte es Klein-Mickey genau. Und er benannte Mikes Halbbruder nach dem holländischen Renaissancemaler, der die Sünden seiner Zeit in symbolischer Form anprangerte. Genau wie Connelly es zu tun versucht.

|Detailreichtum|

Was mir, abgesehen von dem spannenden Aufbau der Handlung, sehr gut gefallen hat, ist der kenntnisreiche Detailreichtum. Man merkt deutlich in allem, was Mickey tut, dass der Autor detaillierte Kenntnisse von allen Vorgehensweisen, Vorschriften, aber auch Tricks innerhalb des Gewerbes eines Strafverteidigers hat beziehungsweise geliefert bekam, bevor er zu schreiben anfing. Diese Quellen sind eindrucksvoll unter den Danksagungen berücksichtigt.

|Die Übersetzung|

Der alte Profi Sepp Leeb, der für Heyne schon seit mindestens 25 Jahren übersetzt, hat sich auch dieses Thrillers annehmen dürfen. Dabei hat er wie stets auf flüssigen und verständlichen Lesestil im Deutschen geachtet. So lesen wir urdeutsche Wörter wie „Wunderwaffe“ (Original: „magic bullet“), „Pipifax“ oder „bekackt“, die man im Original wohl nicht findet … Das Vokabular ist dem aktuellen Umfangsdeutsch angenähert statt großväterlich verstaubt zu sein. Vor 25 Jahren sah der |Heyne|-Standard nämlich noch ganz anders aus.

Im gesamten 500-Seiten-Text stieß ich nur auf vier Fehler, was doch eine vernachlässigbare Quote ist. Alle sind Fehler der Schreibweise, so etwa „Ihnen“ statt „ihnen“ und dergleichen. Nur auf Seite 409 kam mir ein Apostroph unangebracht vor. Einer der Ermordeten hieß Johann Rilz, nur sind seine deutschen Verwandten beim Prozess zugegen. „Alle drei Rilze‘ starrten mich [Mickey] mit harten, toten Augen an.“ Das Apostroph hätte der Übersetzer gut weglassen können.

_Unterm Strich_

Das eigentliche Thema des Romans besteht in der Aussage, dass alle lügen: Cops, Kriminelle, Juristen, Zeugen und natürlich auch die Opfer. Aber kann man auch Kindern, die noch den amerikanischen Traum träumen, in die Augen sehen und sie anlügen? Genau das muss Mickey Haller für sich selbst herausfinden: bei seiner Tochter Hayley.

Blut und Hirn kann jeder Nichtskönner auf seinen Buchseiten verspritzen, und die Filmentsprechungen ließen sich in einem Katalog auflisten. Deshalb bin ich Connelly auch gar nicht böse, wenn er vollständig auf Splattereffekte verzichtet. Es gibt wie in den Fällen von Harry Bosch die eine oder andere Schießerei – in L.A. scheint jeder eine Knarre zu brauchen – und Mickey wird selbst zum Opfer.

|Gesellschaftsporträt|

Der Thriller lässt sich zwar ruhiger an als die Harry-Bosch-Krimis, doch dafür schürft Connelly etwas tiefer und entwirft ein komplexeres Bild der Gesellschaft. Das war mir schon bei „The Closers“ aufgefallen: In den neueren Romanen spielt nicht mehr nur eine Gesellschaftsgruppe eine wichtige Rolle, sondern mindestens zwei oder drei: die Superreichen (Elliot & Co.), die Mittelklasse (Richter, Anwälte) und die armen Schweine und Kriminellen.

|Der O-Titel|

Das Ergebnis ist ein realistischeres Bild von Los Angeles und das Gefühl, dass alle miteinander irgendwie zu tun haben, selbst wenn sie das nicht glauben wollen. Diese Darstellung der Vernetzung und Kontingenz fördert Connellys immer wieder formuliertes Credo, dass es das Mitgefühl ist, das uns menschlich macht. Und wer den Tod austeilt, verdient den Tod. Diese Botschaft wird im Titel eingefangen: „The Brass Verdict“ ist das Urteil, das mit einer Kugel (brass = Messing) vollstreckt wird. Gleichgültig, ob im Gerichtssaal oder außerhalb davon.

|Der Overlook|

Am Schluss dreht Connelly alle Handlungsstränge zu einem Finale hin, das an den Schauplatz des Aussichtspunktes am berühmten Mulholland Drive anknüpft, wo die Stars und Promis wohnen. Wer also „Kalter Tod“ gelesen oder als Hörbuch gehört hat, der weiß sofort, wo sich der Aussichtspunkt befindet und wie gefährlich er ist. In dieser Szene findet Mickey Haller um ein Haar sein vorzeitiges Ende. Und das wäre wirklich schade gewesen.

|Originaltitel: The Brass Verdict, 2008
Aus dem US-Englischen von Sepp Leeb
512 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-453-26636-0|
http://www.michaelconnelly.com
http://www.heyne.de

Connelly, Michael – The Lincoln Lawyer / Der Mandant ( Mickey Haller 1)

_Spannend & ironisch: der Gerichtssaal als Katastrophengebiet_

Strafverteidiger Michael Haller tätigt seine Geschäfte meist aus einem Auto heraus. Er braucht keine teure Kanzlei. Diesmal übernimmt er die Verteidigung von Louis Ross Roulet, einem Immobilienmakler in Beverly Hills. Er denkt, dabei kann nichts schief gehen und eine Menge verdient werden.

Doch weder der Klient erweist sich als das Unschuldslamm, das er zunächst spielt, noch sein Opfer Regina Campo, die offenbar eine Prostituierte ist. Je mehr sich Haller mit der Vergangenheit seines Klienten beschäftigt, den er auf Kaution herausholt, desto mehr Angst bekommt er vor ihm. Wenn Haller nicht aufpasst, wird nicht Roulet eingesperrt, sondern er selbst.

_Der Autor_

Michael Connelly war jahrelang Polizeireporter in Los Angeles und lernte das Polizeigewerbe von außen kennen. Bekannt wurde er mit seinen Romanen um die Gesetzeshüter Harry Bosch und Terry McCaleb, zuletzt besonders aufgrund der Verfilmung von „Das zweite Herz / Bloodwork“ durch Clint Eastwood. Zuletzt erschienen „Kein Engel so rein“ (City of Bones, 2002), „Unbekannt verzogen“ (Chasing the dime) , „Letzte Warnung“ (Lost light) und „Die Rückkehr des Poeten“ (The narrows).

Weitere wichtige Romane:

Schwarze Engel (1998); Der Poet (1996); Schwarzes Echo (1991), The Closers (2004).

_Handlung_

Mickey Haller ist ein so genannter Lincoln Lawyer: Er tätigt seine Geschäfte meist aus einem Lincoln Town Car heraus, den er von Gerichtsgebäude zu Gerichtsgebäude, von Gefängnis zu Gefängnis chauffieren lässt. Nach zwei Ehen und zwölf Jahren im Job zählt er nicht mehr zu den Jüngsten. Ich schätze ihn auf zwischen 40 und 50 Jahren. Aber er macht gute Geschäfte, denn seine Klienten, meistens Drogensüchtige und Banden, werden immer wieder rückfällig. Nebenher kümmert er sich wie sein Vater, der ein berühmter Verteidiger in L.A. war, kostenlos um eine drogensüchtige Prostituierte, Gloria. Anlaufstelle für alle Kundenanfragen ist seine Ex Lorna. Mickeys Werbung ist in allen Telefonbüchern und Bussen zu finden.

Aber Mickey hat ein teures Haus in Laurel Canyon gekauft, dessen Hypothek Unsummen verschlingt. Deshalb ist er wie alle Anwälte auf ein „franchise“ aus, das ihn langfristig ernährt, fett und wohlhabend macht. Ein „franchise“ ist ein Fall, der sich hinzieht, durch mehrere Instanzen geht, bis endlich ein optimales Urteil ergeht. Kein Urteil ist für Mickey endgültig, denn für ihn gibt es weder schwarz noch weiß, sondern nur grau: Justiz ist das Land ohne Wahrheit. Hier gibt es lediglich Deals.

Die Justiz in L.A. ist ein System, eine Maschine, in der viele Rädchen ineinander greifen und jeder seinen Beitrag leisten muss, um drin bleiben zu können und von der Maschine genährt zu werden. Das bedeutet auch, mit seiner anderen Ex, einer Staatsanwältin, zu tun zu haben und mit ihr, soweit möglich, zu kooperieren. Ein Drink ab und zu verbessert die Kommunikation. Das wird sich in Mickeys neuem Fall als sehr hilfreich erweisen.

Valenzuela ist ein Kautionsmakler, der Leute auf Kaution, die er ihnen gegen fette Prozente leiht, aus der U-Haft holt. Er gibt Mickey einen heißen Tipp, der sich als das begehrte „franchise“ erweisen könnte. Louis Ross Roulet, ein Immobilienmakler in Beverly Hills, hat sicher eine Menge Geld, das in der Firma seiner Mutter Mary Alice Windsor steckt. Und er sieht aus wie ein Unschuldslamm. Wäre das nicht ein gefundenes Fressen für Mickey?

Mickey tut die richtigen Schritte und bietet sich Roulet als Strafverteidiger an. Zwar bekommt er Opposition in Gestalt des Familienanwalts der Roulets, aber der Angeklagte selbst sagt ja. Er ist angeklagt, die Prostituierte Regina Campo sexuell attackiert, im Gesicht verunstaltet und mit einem Messer bedroht zu haben. Roulet jedoch kann sich nur daran erinnern, dass er als Freier Campos Wohnung betrat, von hinten niedergeschlagen wurde und erst wieder aufwachte, als zwei Männer ihn niederhielten und die Polizei eintraf. Campo erstattete natürlich Anzeige. Roulet beharrt auf seiner Unschuld.

In einer ersten Anhörung gelingt es Mickey, seinen Mandanten gegen eine Million Dollar Kaution aus dem Knast zu holen. Nun scheint sich der Mann aber zu verändern. Aus dem ahnungslosen Unschuldslamm wird ein gewiefter Geschäftsmann. Auch seine Mutter ist eine knallharte Frau, die voll und ganz hinter ihrem einzigen Sohn und Erben steht. Mickey fällt aus allen Wolken, als sein privater Ermittler Raul Levin darauf stößt, dass ihnen die Polizei einen gefälschten Bericht untergejubelt hat: aus einem 08/15-Messer ist plötzlich eine extrem scharfe und einzigartige Tatwaffe geworden. Und was noch schlimmer ist: Sowohl Roulets Initialen als auch sein Blut befinden sich darauf.

Am liebsten würde Mickey diesen Fall wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, doch Roulet weiß dies geschickt zu verhindern. Er macht einen Überraschungsbesuch in Mickeys exklusivem Laurel-Canyon-Haus und droht ihm, seiner Familie etwas anzutun: Er hat offenbar nicht nur einen Zweitschlüssel als Makler erhalten, sondern auch die Fotos von Mickeys Ex-Frau und Tochter gesehen. Nachdem er gegangen ist, entdeckt Mickey, dass seine private Pistole, ein einzigartiges Erbstück, verschwunden ist. Damit wurde sein Ermittler Levin erschossen.

Sollte diese Tatwaffe in die Hände der Polizei gelangen, würde dies das Ende von Mickeys Karriere als Verteidiger bedeuten, vielleicht sogar die Gaskammer. Doch wie konnte es Roulet gelingen, Levin zu töten, wenn er doch eine Manschette zu seiner Überwachung tragen muss? Um dieses Rätsel zu lösen und einen Wolf wie Roulet zu fangen, muss er ihm eine Falle stellen, die er nicht sehen kann. Roulet werde seinen Freispruch bekommen, verspricht Mickey daher. Doch er sagt nicht, was danach passieren wird.

_Mein Eindruck_

Mit diesem Thriller begibt sich Connelly auf für ihn neues Terrain: das Justizsystem in Los Angeles. Diesen Bereich hat er zwar in „Schwarze Engel“ schon einmal gestreift, doch die Hauptfiguren waren Polizeiermittler. Diesmal ist die Hauptfigur, der Ich-Erzähler, ein freier Strafverteidiger. Mickey Haller ist smart, aber nicht zu smart: Er wird übers Ohr gehauen und nach Strich und Faden von einem Serienmörder ausgebeutet. Mit wachsender Begeisterung bin ich Mickeys kenntnisreicher und knapp formulierter Erzählung gefolgt und habe mit Spannung den actionreichen Höhepunkt gelesen. In drei Tagen war der Roman ausgelesen.

|Der gute Anwalt|

Mickey ist kein krasser Materialist ohne Ideale. Das könnte er sich als Verteidiger gar nicht leisten. Sein unbezahltes Engagement für die Nutte Gloria belegt seinen Einsatz für andere. Dass er nicht leer ausgeht, dafür sorgt er mit zahlreichen Tricks, die den Leser immer wieder überraschen. Aber was als Fundament für jeden Strafverteidiger dienen muss, ist die Unterscheidung von Schuld und Unschuld. Für Mickey gibt es keinen schrecklicheren Menschen als einen Unschuldigen. Denn selbst wenn man ihm hilft, ein milderes Urteil zu bekommen, so ist der Unschuldige immer noch zu Unrecht bestraft worden. Das, was für Mickey normal ist, nämlich im System Deals auszuhandeln, ist für einen wahrhaft Unschuldigen notwendigerweise immer Unrecht.

|Verkehrte Welt: Schuld vs. Unschuld|

Der Fall Roulet entwickelt sich für Mickeys Gewissen zum blanken Horror. Das, was sein Ermittler Raul Levin über Roulet herausfindet, überschneidet sich direkt mit dem Fall von Jesus Menendez. Den Fall dieses mexikanischen Einwanderers, dem wegen Mordes an einer Prostituierten namens Martha Renteria die Todesstrafe drohte, hatte Mickey nur so im Vorübergehen übernommen. Er machte den Fehler, nicht die Unschuld seines Mandanten zu überprüfen, sondern bemühte sich nur, ihn vor der Giftspritze zu bewahren. Das gelang ihm.

Die Indizien gegen Louis Ross Roulet legen nahe, dass Jesus unschuldig nach San Quentin gebracht wurde. Mickey stellt es mit Entsetzen fest. Doch es kommt noch härter. Die Ähnlichkeit zwischen Martha Renteria und Regina Campo, die Mickey aufgefallen ist, legt für ihn nahe, dass der Mörder diesen Frauentyp bevorzugt. War Roulet auch der Mörder von Martha Renteria? Womöglich hat er sogar noch andere Frauen auf dem Gewissen. Von einem Unschuldslamm kann keine Rede mehr sein. Jetzt bekommt Mickey richtig Bauchschmerzen.

Er muss das zweimalige Unrecht, das er als Anwalt begangen hat, wiedergutmachen. Jesus Menendez muss freikommen und Roulet für immer hinter Gitter wandern. Wie er das anstellt, während gleichzeitig die Polizei ihn für den Mörder seines eigenen Ermittlers hält und Roulet ihn erpresst, ist ein Geniestreich von Mickeys Schöpfer. Mit etwas Hilfe von seinen Freunden, einigen Tricks und viel Glück gelingt es Mickey. Doch damit ist der Albtraum nicht zu Ende: Die Polizei lässt Roulet wieder frei. Er wird sich an dem, der ihn hintergangen hat, blutig rächen wollen …

|Detailreichtum|

Was mir, abgesehen von dem spannenden Aufbau der Handlung, sehr gut gefallen hat, ist der kenntnisreiche Detailreichtum. Man merkt deutlich in allem, was Mickey tut, dass der Autor detaillierte Kenntnisse von allen Vorgehensweisen, Vorschriften, aber auch Tricks innerhalb des Gewerbes eines Strafverteidigers hat beziehungsweise geliefert bekam, bevor er zu schreiben anfing. Diese Quellen sind eindrucksvoll unter den Danksagungen berücksichtigt.

|Humor|

Sehr subtil und etwas schräg ist der Humor, der sich nur stellenweise und vielleicht nur für den aufgeschlossenen Leser zeigt. Mickey hat die Ehre, mehrfach Mitglieder einer Motorradgang namens Road Saints zu verteidigen. Ähnlich wie die Hell’s Angels ist die Gang im Geschäft mit Drogen, Prostitution und Glücksspiel tätig. Das Geschäftsgebaren dieser Mitglieder und besonders ihres Chefs ist, um es vorsichtig auszudrücken, unkonventionell. Manchmal sieht es wie ein Überfall aus. Mickey schaukelt die Sache aber schon. Einen Marihuana-Produzenten hat er wegen Verletzung seiner Privatsphäre rausgehauen.

Kur vor dem Finale hegt Mickey einen üblen Verdacht gegen Kautionsmakler Valenzuela: Wie konnte Ross Levin töten, wenn er doch per Fußfessel überwacht wurde? Ist Foul Play im Spiel? Valenzuela wird wegen dieser Unterstellung wirklich wild, und in der folgenden Rangelei geht sein nagelneuer Plasmafernseher zu Bruch. Dabei macht er eine recht beklagenswerte Figur, die dem Leser sicher ein Schmunzeln entlocken dürfte.

_Unterm Strich_

Blut und Hirn kann jeder Nichtskönner auf seinen Buchseiten verspritzen, und die Filmentsprechungen ließen sich in einem Katalog auflisten. Deshalb bin ich Connelly auch gar nicht böse, wenn er vollständig auf Splattereffekte verzichtet. Es gibt wie in den Fällen von Harry Bosch die eine oder andere Schießerei – in LA scheint jeder eine Knarre zu brauchen – und Mickey wird selbst zum Opfer.

Der Thriller lässt sich zwar ruhiger an als die Harry-Bosch-Krimis, doch dafür schürft Connelly etwas tiefer und entwirft ein komplexeres Bild der Gesellschaft. Das war mir schon bei „The Closers“ aufgefallen: In den neueren Romanen spielt nicht mehr nur eine Gesellschaftsgruppe eine wichtige Rolle, sondern mindestens zwei oder drei: die Superreichen (Roulet & Co.), die Mittelklasse (Richter, Anwälte) und die armen Schweine (Mexikaner, Prostituierte) und Kriminellen (dito, plus die Biker).

Das Ergebnis ist ein realistischeres Bild von Los Angeles und das Gefühl, dass alle miteinander irgendwie zu tun haben, selbst wenn sie das nicht glauben wollen. Diese Darstellung der Vernetzung und Kontingenz fördert Connellys immer wieder formuliertes Credo, dass es das Mitgefühl ist, das uns menschlich macht. Und wer den Tod austeilt, verdient den Tod. Die Botschaft wird diesmal – anders als in „Lost Light“ oder „City of Bones“ – nur wohlverpackt ausgeliefert, aber wer zwischen den Zeilen liest, wird sie dennoch finden.

Am Schluss dreht Connelly alle Handlungsstränge zu einem Finale hin, das zwar hoch dramatisch wirkt, sich dann aber doch nur als halb so wild herausstellt. In dem Moment habe ich mich ein wenig verschaukelt gefühlt. Dafür habe ich aber den Prozess, der zu Roulets Freispruch führt, umso mehr genossen: Mickey spielt wie ein Pokerprofi seine Karten aus, bis ihm der Staatsanwalt aus der Hand frisst – unglaublich gut. Die Richterin ist froh, das Katastrophengebiet in ihrem Gerichtssaal verlassen zu können. Solche Passagen machen wirklich Laune.

Michael Connelly – Dark Sacred Night. (Bosch & Ballard 01, Bosch 21)

Dynamisches Duo: Bosch trifft Ballard

Harry Bosch ist nach seiner Pensionierung teils Reservepolizist in San Fernando, teils Privatdetektiv. Aus aktuellem Grund bearbeitet er einen neun Jahre alten Fall: Die sechzehnjährige Daisy Clayton wurde damals ermordet und in einem Müllcontainer entsorgt. Nun sucht er in alten Daten nach ihrer Spur. Dabei stößt er auf Renee Ballard von der Nachtschicht des Raub- und Morddezernats der Kripo. Sie hat viel besseren Zugriff auf die alten Daten als er. Doch ihre Zusammenarbeit wird von Altlasten überschattet: Bosch ist auf einmal spurlos verschwunden…
Michael Connelly – Dark Sacred Night. (Bosch & Ballard 01, Bosch 21) weiterlesen