Schlagwort-Archive: Patmos Verlag

Charlotte Brontë – Jane Eyre (Lesung)

Schwerstarbeit: Leiden mit der Gouvernante

Jane Eyre tritt im Jahr 1837 auf dem düsteren Landsitz von John Rochester eine Stelle als Erzieherin von dessen Mündel Adèle an, verliebt sich in den eigenwilligen Tyrannen und muss am Tage ihrer Hochzeit feststellen, dass Rochester bereits verheiratet ist. Wie ein wildes Tier wird seine wahnsinnige Frau auf dem Dachboden gehalten – die entsetzte Jane verlässt den geliebten Mann. |“Ich bin kein Vogel, und kein Netz umgarnt mich, ich bin ein freier Mensch mit einem freien Willen – das werde ich zeigen, indem ich Sie verlasse.“| Erst nach einem furchtbaren Unglück finden die beiden Liebenden zueinander.

Die Geschichte der Waise, die allen Widrigkeiten zum Trotz zur selbstbewussten Persönlichkeit heranreift und am Ende das Glück in der Liebe findet, ist millionenfach gedruckt, in fast alle Sprachen übersetzt, mehrfach verfilmt und von Lesergenerationen verschlungen worden.
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Peter Schwindt – Justin Time – Zeitsprung (Justin Time 1) (Lesung)

Filmreif: fein abgestimmte Geräuschkulisse

England im Jahre 2385. Justin Time ist Vollwaise. Seine Eltern, Pioniere der Zeitreise-Technologie, sind bei einem Testlauf ihrer Maschinerie verschwunden. Nicht nur Justins Onkel hat jetzt die gefährlichen Experimente wieder aufgenommen – Justin findet sich in der Vergangenheit wieder, im Einsatz gegen das Böse, Seite an Seite zum Beispiel mit Charles Darwin …
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Blackwood, A. / Lovecraft, H.P. / Poe, E.A. / Hohler, F. / Montague, R.J. / Morell, D. / Stevenson – Wo die schwarzen Flüsse fließen

_Von Scheintoten und anderen Teufeleien_

In einem Kupferstich wandert eine dunkle Gestalt umher, im Keller eines abgelegenen Hauses tropft plötzlich Milch von den Wänden, in einem schottischen Dorf treibt die „Krumme Janet“ ihr Unwesen und in einem Wald verschwinden Menschen spurlos. Außerdem bekommen wir endlich eine Antwort auf die Frage: Was passiert, wenn man sich in der Stunde seines Todes hypnotisieren lässt?

Algernon Blackwood, Franz Hohler, Montague Rhodes James, H. P. Lovecraft, David Morrell, Edgar Allen Poe und Robert Louis Stevenson berichten von düsteren Geheimnissen. (Verlagsinfo)

_Die Autoren_

Algernon Blackwood (1869-1951)

… gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der englischen Gespensterliteratur. In Kent geboren und als Weltenbummler erfahren, begann er mit 36 Jahren Erzählungen über das Phantastische und Übernatürliche zu schreiben. Als er am 10.12.1951 mit 82 starb, hinterließ er ein Werk, das mehr als 20 Bände umfasst. (Verlagsinfo)

Franz Hohler

1943 geboren, studierte der Schweizer Germanistik und Romanistik. 1965 präsentierte er sein erstes literarisch-musikalisches Soloprogramm „pizzicato“. Seither arbeitet er als freier Schriftsteller und Kabarettist. Nebenbei ist Hohler auch als Übersetzer tätig, schreibt Kinderbücher und Theaterstücke. Auch in Film, TV und Rundfunk tritt er regelmäßig auf und hat etliche Preise erhalten. (z.T. Verlagsinfo)

M.R. James

Montague Rhodes James (1862-1936) gilt als Meister der echt britischen Gespenstergeschichten. Als verschrobener Junggeselle mit Humor, der gern reiste, sich in Gesellschaft wohlfühlte und mit Freunden ausgedehnte Touren machte, studierte er Archäologie und klassische Sprachen, war Provost des King’s College an der Uni Cambridge und anschließend bis zu seinem Tode Provost in Eton. Er verband geschickt und mit Witz echte und erfundene Quellen in seinen Geschichten miteinander. „Der Kupferstich“ ist eine seiner bekanntesten Erzählungen. (Verlagsinfo)

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937)

… wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin. Lovecraft hatte ein Leben voller Rätsel. Zu Lebzeiten wurde er als Schriftsteller völlig verkannt. Erst Jahre nach seinem Tod entwickelte er sich zu einem der größten Horror-Autoren. Unzählige Schriftsteller und Filmemacher haben sich von ihm inspirieren lassen.

David Morrell

…wurde 1943 in Kitchener/Ontario (Kanada) geboren und lebt heute mit seiner Frau in Santa Fé / New Mexico. Bis 1986 unterrichtete er neben seiner Autorentätigkeit als Professor für amerikanische Literatur an der Uni von Iowa. Er wurde vor allem durch seine zahlreichen Action- und Suspense-Thriller bekannt, die bereits 15 Millionen Mal verkauft wurden. Seine wohl bekannteste Figur dürfte John Rambo sein, der durch die Kinoverfilmungen zweifelhaften Kultstatus errang. Morrells Erzählung „Puppen“ stammt aus seiner frühen Schaffensperiode. (Verlagsinfo)

Edgar Allan Poe (1809-49)

… wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia, auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, dem leider bald ein ungewöhnlich starker Absturz folgte, nachdem seine Frau Virginia (1822-1847) an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel – am 2. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden und starb am 7. Oktober im Washington College Hospital.

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas.

Robert Louis Stevenson (1850-1894)

… wurde in Edinburgh/Schottland geboren. Schon seit frühester Kindheit litt er an einer Lungenkrankheit. Er studierte Jura, widmete sich aber zunehmend der Schriftstellerei. 1876 heiratete er die Amerikanerin Mrs. Osborne und folgte ihr in ihre Heimat. Durch die beschwerliche Reise verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Seine Erzählung „Die Schatzinsel“ wurde in Schottland begonnen und 1882 in dem Luftkurort Davos abgeschlossen. 1886 folgte „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ mit enormem Erfolg: In nur sechs Monaten wurden 40.000 Exemplare verkauft. Finanziell nun unabhängig, bereiste der Autor die USA und die Südsee. Auf der Insel Opolu baute er sogar ein Haus. Am 3.12.1894 starb er in Apia auf West-Samoa. (Verlagsinfo)

_Die Sprecher_

Marianne Rogée machte ihre Gesangs- und Schauspielausbildung in Münster und lebt heute in Köln. Sie spielte auf verschiedenen Bühnen Rollen der Klassiker, der Moderne und des Boulevard. Dem TV-Zuschauer ist sie vor allem als „Isolde Pavarotti“ in der TV-Soap „Lindenstraße“ bekannt. Rogée war Gründerin, Autorin und Darstellerin im Kabarett „Die Gradmesser“, führte Regie am Theater „Sprungbrett“ und tourt mit eigenen Chanson-Programmen. Sie arbeitet seit Jahren als (Synchron-)Sprecherin für die ARD und leiht Hörbüchern und -spielen ihre Stimme. Sie hat das Buch „Katzen für Unicef“ herausgegeben. (Verlagsinfo)

Otto Mellies: Seine Karrriere begann 1947 am Staatstheater Schwerin, nach anderen Engagements holte Wolfgang Langhoff ihn 1956 ans Deutsche Theater Berlin, zu dessen Ensemble er seitdem gehört. Der Charakterdarsteller trat auch in zahlreichen Filmen auf und besticht durch seine Lesungen. (Verlagsinfo)

Volker Niederfahrenhorst spielt Theater in Köln und Zürich. Schon mit „Ein Fakir für alle Fälle“ – ausgezeichnet mit dem Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik – und den bereits erschienenen Twig-Hörbüchern brachte er den Hörern wohliges Schaudern bei. (Verlagsinfo)

Regie führte Dirk Kauffels, der auch die Texte bearbeitete. Für den guten Sound sorgte Georg Niehusmann von Sonic Yard in Düsseldorf.

_Die Erzählungen und mein Eindruck von ihnen_

1) |H.P. Lovecraft: Die Aussage des Randolph Carter| (gelesen von Volker Niederfahrenhorst)

Randolph Carter macht vor der Polizei eine Aussage, denn schließlich ist der Tod seines Freundes Harley Warren aufzuklären. Warren hatte okkulte Studien getrieben und aus Indien ein spezielles Buch erhalten, vermutlich das verfluchte „Necronomicon“. Damit begab er sich zu einem uralten, verlassenen Friedhof und öffnete eine bestimmte Gruft. Carter musste zurückbleiben, war aber durch Draht mit einem tragbaren Telefonapparat, den Warren auf seine unterirdische Expedition mitnahm, mit seinem Freund verbunden.

Nach etwa einer Viertelstunde beginnt Warren sich zu melden. Er warnt seinen Freund vor grauenerregenden Wesen, auf die er gestoßen sei: vermutlich Leichenfresser, Ghule. Carter solle schnellstens die Grabplatte über den Eingang schieben, sonst sei er selbst in höchster Gefahr. Das unterlässt Carter allerdings, will lieber seinem Freund zu Hilfe kommen, und so nimmt das Unglück seinen Lauf …

Ist alles Einbildung, was uns Carter erzählt? Ist auch die Stimme des Ungeheuers, das sich am Telefon meldet, Einbildung? Wir werden es nie erfahren, aber Carter scheint doch noch alle Tassen im Schrank zu haben. Wer die Geschichte zum ersten Mal hört, dem wird es jedenfalls kalt den Rücken hinunterlaufen. Zentral ist das Dilemma der Freundschaft: Carter will seinem Freund zu Hilfe eilen, doch dieser will Carter schützen, indem er ihn von sich und seinem Fund fernhält. Carter ist moralisch und emotional zerrissen. Das macht einen großen Teil der Wirkung der Story aus, neben der Gespanntheit des Hörers, worin denn nun der Fund eigentlich besteht. – Abträglich ist allenfalls das sprachliche Brimborium wie „miasmatische Dünste“ oder gar „geile Gräser“, die noch aus der uralten |Suhrkamp|-Übersetzung durch Michael Walter herrühren.

2) |A. Blackwood: Hingang auf Widerruf| (gelesen von M. Rogée)

Es ist wieder einmal der 13. Februar, und eine Mondnacht liegt über dem schwarzen Wald. Am gleichen Tag vor 50 Jahren, so erzählt der alte Physiker, verschwand in diesem Wald ein Mann spurlos auf Nimmerwiedersehen. Da, wo seine Laterne im Schnee stand, endeten seine Fußspuren abrupt, als wäre er in die Luft gerissen worden. Nur seine Hilfeschreie konnte man ringsumher hören.

Die pseudowissenschaftlichen Erklärungen des Alten überzeugen die junge Frau nicht, und sie zieht ihren Bräutigam, einen jungen Pastor, ins heimelige Haus. Doch als weitere Besucher eintreffen, kreisen dessen Gedanken immer wieder um Orte, wo sich Dimensionen überlappen. Die Besucher haben Schreie im Wald gehört: bestimmt nur ein Hase, oder? Da stellt die junge Frau auf einmal fest, dass ihr Bräutigam verschwunden ist und organisiert einen Suchtrupp.

Tatsächlich: Das Grauen im Nachtwald wiederholt sich. Am Ende der Fußspur steht die verlassene Laterne des Pastors und sie hören seine entsetzte Stimme: „Zu Hilfe! Betet für mich!“ Das tun sie dann auch, der Alte zuerst, was für einen Physiker recht bemerkenswert ist. Der Pastor bleibt drei Wochen lang verschwunden, bis eines Tages aus dem Wald ein seltsamer Mann auftaucht …

Wie so oft, liegt die Pointe in den letzten Worten der Geschichte, die hier natürlich nicht verraten werden sollen, und diese Worte deuten einen exquisiten Horror an.

3) |E. A. Poe: Der wahre Sachverhalt im Falle Waldemar| (1845; gelesen von Otto Mellies)

Die esoterische Modewissenschaft Mesmerismus (benannt nach einem gewissen Monsieur Mesmer) wurde auch als Magnetismus bezeichnet und erregte seinerzeit – also zwischen 1840 und 1850 – einiges Aufsehen. In der Erzählung verlängert der Ich-Erzähler, ein Hypnotiseur, damit die Existenz der Seele von Ernest Valdemar, einem Opfer der Schwindsucht, nach dem Ableben des hinfälligen Körpers. Doch es gibt noch eine ziemlich grässliche Pointe.

Der Ich-Erzähler weiß seine (inzwischen verfilmte) Geschichte von der Aufhebung des Todes wohldosiert zu vermitteln. Das Unbehagen an der ganzen unnatürlichen Sache wächst, bis ganz am Schluss, im letzten Satz, das Grauen mit voller Wucht zuschlägt: das ist die „punch-line“, die den Leser bzw. Hörer in die Magengrube trifft. Poe konnte schon immer sehr effektvoll erzählen, aber hier hat er ein Meisterstück abgeliefert. Allerdings ist es nicht allzu bekannt.

4) |Franz Hohler: Das Haustier| (gelesen von Otto Mellies)

Der Ich-Erzähler, weil ledig und allein, sehnt sich nach einem pelzigen Haustier und begibt sich in die Zoohandlung. Nachdem er viele Viecher abgelehnt hat, bietet ihm der verzweifelte Verkäufer etwas aus der hintersten Ecke, das er nicht identifizieren kann: ein schwarzes Fellknäuel. Ein Faultier? Unser Mann kauft es und trägt es nach Hause.

Zunächst isst es nichts, sondern trinkt nur. Es hat eine schwarze Hand mit klauenbewehrten Fingern, einen langen Schwanz und gespaltene Hufe. Eine Zwergziege? Nein, wahrscheinlich etwas Ausgestorbenes. Als am Sonntagmorgen im Radio der Gottesdienst übertragen wird, führt es sich wütend auf, als habe es Angst davor. Da sieht er, dass es zwei Hörner auf der Stirn trägt. Aha, es ist ein Teufel. Wie interessant!

Die Story wird von da an sehr ironisch, denn der Teufel ist natürlich auch psychologisch ein Teufel und beginnt, seinen Besitzer nach teuflischer Art zu tyrannisieren. Als es diesem zu viel wird, kann er sich des Teufels aber nicht entledigen, aus Angst, ausgegrenzt zu werden. Er kann weder zum Zoohändler (verkaufen), noch zum Tierarzt (einschläfern) oder zum Pfarrer (na, was wohl?) gehen. Sieht so aus, als müsse er mit seinem Teufel so gut leben, wie es eben geht …

Die metaphorische Erzählung lässt sich auf mehrere Gebiete anwenden, beispielsweise auf die Politik. Was, wenn der Teufel eine Nazi-Bewegung wäre? Könnte der einsame Spießbürger sich damit abfinden? Denn es geht ja nicht darum, ob der Teufel ihm gefällt, sondern wie es ihm gelingt, die negativen Folgen des Teufels zu ertragen und hinzunehmen. Böses entsteht also offenbar durch Untätigkeit und Unterlassen. Dies demonstriert der Autor anschaulich und unterhaltsam, nur scheinbar heiter. Sehr indirekt ruft er: „Wehret den Anfängen!“

5) |R. L. Stevenson: Die Krumme Janet| (gelesen von M. Rogée)

Im Jahr 1762 lebt der alte Reverend Murdoch Solis im abgelegenen schottischen Tal von Balveary und pflegt seine Gemeinde mit Bibel-Zitaten wie „Der Teufel ist ein brüllender Löwe“ zu erschüttern. Aber seine Schäfchen wissen ja über ihn Bescheid. Wie es kam, dass er heute gebrochen und einsam in dem düsteren Pfarrhaus am verrufenen Dammweg über den Fluss Dhul wohnt. Und warum das alles? Wegen jener unglückseligen Geschichte vor fünfzig Jahren …

Damals kam der Reverend jung und tatenfroh ins Dorf, wollte ein Buch schreiben, hatte selbst eine imponierende Bibliothek. Aber als er eine Haushälterin brauchte, da empfahl man ihm im Dorf Janet McClure, einen alten Besen, die nie zum Gottesdienst ging und einen Bastard als Kind hatte. Man munkelte, sie sei mit dem Teufel im Bunde. Als die Dorfweiber mit Janet die Hexenprobe* am Fluss machen wollten, da ging Solis dazwischen, ließ sie dem Teufel abschwören und nahm sie bei sich auf. Seitdem hatte sie einen krummen Hals, weshalb man sie als die Krumme Janet bezeichnete. (Warum sie den hatte, wird später ersichtlich, aber ich verrate das nicht.)

Im Sommer kam eine ungewohnte Hitzewelle, unter der das Land litt. Um etwas Abkühlung zu finden, pflegte Solis zum Friedhof am Black Hill zu wandern und sich im Schatten auszuruhen. Eines Tages sah er dort sieben rastlose Krähen, ein böses Omen. Ein schwarzer Mann saß auf einem der Gräber, offenbar kein Christenmensch, und er war „schwarz wie die Hölle“. Als Solis ihn anspricht, antwortet er nicht, sondern eilt von dannen. Solis, der ihn verfolgt, sieht noch, wie er im Pfarrhaus verschwindet, doch dort fehlt jede Spur von ihm, und die Krumme Janet weiß von nichts. Aber von da an verhält sich Janet sonderbar, und merkwürdige Geräusche erfüllen das Haus …

Diese klassische Geschichte Stevensons von der Begegnung mit dem Teufel in Menschengestalt ist äußerst wirkungsvoll aufgebaut. Bemerkenswert ist besonders, dass der Höhepunkt der Ereignisse derart lange dauert, dass er fast ein Viertel der Geschichte einnimmt. Durch die stimmliche Gestaltung der Sprecherin potenziert sich die Wirkung der Story. Gleich mehr dazu.

6) |M. R. James: Der Kupferstich| (gelesen von Otto Mellies)

Mr. Williams ist kunsthistorischer Kurator eines Museums in Cambridge, in dem er topographische Landkarten und Stiche verwaltet. Diese Produkte kommen u. a. von dem Hersteller J.W. Bridnell in London, der Williams regelmäßig Kataloge zur Ansicht und Auswahl zuschickt. Er solle darin Lücken aufspüren. In einem Brief weist Bridnell auf Stück Nr. 978 hin, bei dem es sich um die Ansicht eines Herrensitzes handele. Williams ist verblüfft über dessen hohen Preis von über zwei Pfund, bestellt es aber trotzdem. Sein Diener bringt ihm das Bild zunächst ins College statt ins Museum.

Es handelt sich um einen banalen Kupferstich, der sich in nichts von anderen seiner Art unterscheidet. Als Urheber wird ein „A.W.F.“ angegeben (das wird später wichtig, denn das F steht für Francis). Ein Zettel enthüllt nur die Hälfte der Ortsangabe, irgendwo in Essex oder Sussex. Der Kurator fragt Prof. Brings nach dem Ort, doch dieser verweist ihn an einen Mr. Green, der leider auf Geschäftsreise sei. Der Prof fragt seinerseits, was denn das für eine Figur auf dem Bild sei. Was denn für eine Figur, wundert sich Williams, denn bislang war das Bild völlig menschenleer. Tatsächlich ist jetzt ein eingehüllter dunkler Kopf von hinten zu sehen, unten in der Ecke, und die Figur blickt zum Herrenhaus.

Später hält ein anderer Betrachter das Bild für ganz hervorragend, was Williams schon wieder verblüfft. Kurz vor dem Zubettgehen fällt sein Blick darauf und versetzt ihn in Schrecken: Die schwarze Gestalt schleicht auf allen Vieren auf das Haus zu. Auf dem Rücken scheint sie ein weißes Kreuz auf ihrem schwarzen Umhang zu tragen. Sie hat etwas vor … Beklommen sperrt der ehrenwerte Mr. Williams das seltsame Bild weg. Als er Mr. Misbet zu seiner Meinung befragt, ist die Gestalt im Bild verschwunden. Dafür stehen ein Mond am Himmel und im Erdgeschoss ein Fenster offen. Williams vergleicht seine Notizen und ergänzt sie um das neuerliche Geschehen. Was, um Himmels willen, spielt sich in dieser Nachtszene ab? …

Die Story ist trotz ihrer Bekanntheit immer noch sehr wirkungsvoll und geht durch ihren wohldosierten Grusel unweigerlich unter die Haut. Ein Bild, das wie ein Fernseher funktioniert – klingt interessant. Aber eine „Sendung“, die sich vor fast hundert Jahren (genauer: im Jahr 1802) abgespielt hat, |live| darzustellen, das ist schon eine besondere Art von Fernseher. Und dass sich diese „Sendung“ nie wieder wiederholt, ist ein Affront des Zuschauers. Auf jeden Fall aber genial.

7) |David Morrell: Puppen| (gelesen von Volker Niederfahrenhorst)

Ein Mann erinnert sich an jene schreckliche Nacht, als er von der Arbeit als Kunstmaler nach Hause zurückkehrte und das Haus leer fand. Seine Frau und ihre gemeinsame Tochter Sarah müssten doch hier leben, ebenso seine 65-jährige Mutter. Wo sind sie alle? Im Keller tropft es: Regnet es in das verfallende Haus herein? Nein, hier steht der Boden vollständig unter Milch. Doch das Puppenhaus, mit dem die fünfjährige Sarah hier gespielt hat, ist verlassen.

Der Mann geht nach oben. Er findet seine Mutter aus Wunden blutend und starr an die Decke blickend vor. Wer hat das getan? Wo sind die Lieben? Er ruft die Polizei und einen Arzt herbei, dann setzt er seine Suche fort. Dies war einmal eine Milchfarm. Sie bestand einst aus zwei separaten Gebäuden: dem Wohnhaus und der Scheune, wo die Kühe untergebracht waren. Sie wurden erst verbunden, nachdem sich sein Vater, der die Tiere morgens melken wollte, draußen im wütenden Schneesturm verirrt hatte und erfroren war. Da war der Junge zehn Jahre alt. In der Scheune ist niemand, und er schließt sie ab. Er hört seine Mutter rufen.

Die Mutter sagt nur stockend: „Puppen.“ Immer wieder. Er folgt dem kargen Hinweis und geht hinunter in den Keller, um Sarahs Puppenhaus in Augenschein zu nehmen. Während die Polizei in das Haus einbricht, um den Täter zu verhaften, versucht der Mann den Anblick dessen, was sich ihm im Puppenhaus bietet, zu verarbeiten. Es ist ihm bis heute nicht gelungen …

Die psychologisch und bildlich sehr intensive Erzählung gehört dem gepflegten Gruselgenre an, das aber von amerikanischen Autoren wie Ligotti und Lansdale um drastische Splattereffekte erweitert wurde. Hier werden archaische Symbolgehalte kombiniert: weiß wie Milch, rot wie Blut, Leben und Tod, aber auch Leben und Kunst (der Erzähler ist Maler). Das Haus spielt ebenso eine wichtige Rolle als Gehäuse für Leben und Tod wie auch seine Miniaturausgabe in Form des Puppenhauses. Wer der Täter ist, soll nicht verraten werden, aber viele Spekulationen sind erlaubt.

_Die Sprecher_

Volker Niederfahrenhorst liest die Erzählungen von Lovecraft und Morrell. Durch seine Darstellungskraft ragen sie für mich heraus aus der Auswahl. Denn dieser Sprecher versteht es wie sein Kollege David Nathan eine winzig kleine Pause vor einem wichtigen Satz, Satzteil oder Wort einzulegen, so dass das Folgende nicht nur betont wird, sondern auch noch die Spannung darauf gesteigert wird. Dass er es auch versteht, als Randolph Carter verzweifelt zu rufen und resigniert zu jammern, ist das eine, dass er es aber auch als DAS DING IN DER GRUFT fertig bringt, auf eine Weise zu flüstern, dass einem das Blut gefriert, das ist schon Meisterschaft. In der Morrell-Story unterstützt er den psychologischen Horror und die Antizipation des Grauens, das am Ende auf uns wartet, durch seinen bemerkenswerten Vortragsstil.

Marianne Rosée hat einen ähnlichen, aber eben weiblichen Ansatz für ihren Vortrag. Sie liest die Geschichten von Blackwood und Stevenson vor. Zunächst lässt sich „Hingang auf Widerruf“ ganz prosaisch an, doch sobald der junge Pastor verschwunden ist, bricht dessen junge Braut in jammerndes Wehklagen aus. An dieser Stelle hält sich die Sprecherin keineswegs vornehm zurück – wozu auch? Noch einen Grad intensiver wird ihr Vortrag bei dem Ruf: „Zu Hilfe! Betet für mich!“ Hier nimmt der Tonmeister sowohl Hall als auch ein leichtes Echo zu Hilfe. Eindringlicher geht es nicht mehr.

Ein weiterer Höhepunkt ihrer Vortragskunst ist die Schlüsselszene der Story um die Krumme Janet. Offensichtlich ist in diese Figur der Teufel gefahren und lässt sie nun allerlei unchristlichen Schabernack treiben. Doch Reverend Murdoch Solis hat diesem Mummenschanz durchaus etwas entgegenzusetzen und beschwört sie, sich hinwegzuheben – ein Blitz fährt hernieder … Wie eine gewiefte Märchenerzählerin kommt mir die Sprecherin dabei vor. Einer ihrer Kniffe besteht darin, die Sätze in einem wiederholten Crescendo daherrollen zu lassen, so dass sich der Hörer ihrer Wirkung nicht entziehen kann. Man merkt ihr ihre lange Bühnenerfahrung (s.o.) an.

Otto Mellies hat mit solchen Gefühlsausbrüchen nichts am Hut. Seine bevorzugte Manier des Ausdrucks ist die Sachlichkeit. Doch auch dahinter kann sich feine Ironie verbergen, wie in seinem Vortrag der Teufels-Story „Das Haustier“ zu hören ist. Emotion kommt bei ihm erst richtig zum Vorschein, als er das grässliche Ende des „Falles Waldemar“ zu berichten hat.

_Akustische Motive_

Die einzelnen Geschichten werden eingeleitet und abgetrennt von kurzen akustischen Motiven. Auf recht minimalistische Weise handelt es sich dabei um eine Kombination aus Piano-Tönen und -geräuschen, Babygeschrei und Tropfengeräusch. Alles ist unterlegt mit einem Hall, der das Geräusch auf die Ebene des Unheimlichen hebt. An einer Stelle schreit ein Baby, doch der Schrei verkehrt sich in ein bösartig Greinen und in Kombination mit Hall wird daraus ein teuflische Sache, die an Rosemarys Baby gemahnt. Das ist gelungen. Weniger gelungen ist das bloße Tropfen oder eine angerissene Saite im Piano – hier fehlt irgendwie der Aha-Effekt.

_Unterm Strich_

Die sechs Geschichten haben mir ausnehmend gut gefallen. Wer sich noch nicht besonders gut mit Gespenstergeschichten auskennt, bekommt hier eine recht gute Einführung abseits der Trampelpfade à la „Das Gespenst von Canterville“. Etwas Abwechslung in das Gruseleinerlei bringt die moderne Story von Franz Hohler. Besonders zur Wirkung der Geschichten tragen die Sprecher bei, von denen ich besonders Marianne Rosée und Volker Niederfahrenhorst hervorheben möchte. Das 8-seitige Booklet hält zu Autoren wie auch Sprechern umfangreiche Informationen bereit. Der Preis erscheint mir nicht zu hoch veranschlagt.

*: Apropos Hexenprobe: Das ist ein mittelalterliches Verfahren der Inquisition, um festzustellen, ob jemand (es gab auch männliche Hexen) eine Hexe ist oder nicht. Sie wurde gefesselt in einen Wasserlauf geworfen. War sie eine Hexe, so half ihr der Teufel, auf dem Wasser zu schwimmen. War sie nicht besessen, so ging sie unter und war unschuldig, wenn auch tot. Lief halt irgendwie dumm für sie. Nach dem Prinzip des Catch-22 musste die mutmaßliche Hexe in jedem Fall verlieren: Sie ertrank sofort oder starb später auf dem Scheiterhaufen oder während der Folter.

|156 Minuten auf 2 CDs|

http://www.patmos.de

John Christopher – Tripods 1: Dreibeinige Monster auf Erdkurs (Lesung)

Klassiker der Jugendbuch-SF

England etwa hundert Jahre nach 1967. Große Städte gibt es nicht mehr, die Menschen leben in einfachen Verhältnissen wie im Mittelalter. Sie dienen den dreibeinigen Herrschern mit einer fanatischen Begeisterung, die mit der „Weihe“ zum 14. Lebensjahr beginnt.

Der 13-jährige Will beobachtet, dass sich sein Freund Jack nach diesem Ritus eigenartig verändert hat. Als ein „Wanderer“ in sein Dorf kommt und von den letzten, frei denkenden Menschen in den Weißen Bergen (= Alpen) erzählt, flieht Will vor seiner eigenen Weihe. Er findet zwei Gefährten und macht sich auf den weiten und gefahrenreichen Weg in die Weiße Berge. Werden ihn die dreibeinigen Herrscher aufhalten?

Der Autor

John Christopher, Jahrgang 1922, schreibt seit 1949 Romane, die weltweit übersetzt und verfilmt wurden. 1976 erhielt er den Deutschen Literaturpreis für „Die Wächter“ („The Guardians“). „The Tripods“ wurde u. a. ausgezeichnet mit dem NEBULA-Award und dem Preis der Zeitung |The Guardian|. Kultstatus erlangten die „Tripods“ nicht zuletzt durch die BBC-Fernsehserie in den frühen 80er Jahren. Eine Kinoneuverfilmung unter der Regie von Gregor Jordan ist in Planung.

1) Dreibeinige Monster auf Erdkurs
2) Das Geheimnis der dreibeinigen Monster
3) Der Untergang der dreibeinigen Monster

Der Komponist

Ken Freeman begann seine musikalische Karriere im Alter von 16 Jahren. In den 1960er Jahren lernte er so viel über Elektronik, dass er kurz darauf seinen eigenen Synthesizer entwarf. 1976 arbeitete er mit dem Produzenten Jeff Wayne an einer Adaption von H.G. Wells‘ [„Krieg der Welten“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1475 Danach komponierte er fürs Fernsehen. Seine Musik für einen BMW-Werbespot erregte die Aufmerksamkeit des TV-Produzenten Richard Bates, der Freeman als Komponisten für die neu geplante TV-Serie „The Tripods“ (s. o.) engagierte. Mehr Info: http://www.topnote.co.uk (ohne Gewähr).

Die Tonbearbeitung erfolgte durch Patrick Ehrlich vom studio__wort, Berlin. Bearbeitung und Regie lagen in den Händen von Dirk Kauffels.

Der Sprecher

Torsten Michaelis, Jahrgang 1961, spielt Theater (u. a. am Deutschen Theater und am Carrousel-Theater in Berlin), arbeitet als Synchronsprecher und -regisseur (u. a. an „CSI Miami“) und dreht Fernseh- und Kinofilme (u. a. 2004 „NVA“ von Leander Haußmann). Bekannt wurde er vor allem als deutsche Stimme von Wesley Snipes.

Durch seine Palette an verschiedenen Klangfarben setzt man ihn für die unterschiedlichsten Synchronrollen ein. Seit seinem 7. Lebensjahr leiht er den Film- und Fernsehfiguren seine Stimme, u. a. in „Das 5. Element“, „Leaving Las Vegas“, „Species“, „Charmed“, „Jackie Brown“, „Armee der Finsternis“, „The Stand“, „Star Trek“, „True Lies“, „Nip Tuck“ und natürlich „Blade“ (mit Wesley Snipes). Nebenbei ist Michaelis als Hörbuch-Interpret tätig.

Handlung

Jahre nach der Eroberung der Erde durch die dreibeinigen Herrscher trifft sich Will Parker, 13, wieder mal mit seinem besten Freund Jack. Es ist ein sonniger Samstag im Mai. In den Ruinen am Stadtrand will er ihm die seltene Armbanduhr, die Will seinem Vater entwendet hat, zeigen. Klar, dass der fiese Vetter Henry sie nicht sehen darf, denn er würde Will garantiert verpfeifen. Will läuft weg, stürzt und schon ist das Malheur passiert: Henry sieht die kostbare Uhr und nimmt sie an sich. In einem harten Fight kann der hinzugekommene Jack die beiden Streithähne auseinanderbringen und die Uhr zurückerobern. Er schickt den jüngeren Henry weg und hilft Will beim Zurückgeben der Uhr. Alles geht gut. Will fragt sich, ob er in einer Woche immer noch einen so guten Freund in Jack haben wird. Denn dann findet die Weihe statt.

Die alte Zeit

Jack hat sich darüber auch schon Gedanken gemacht. Er könnte durch die Weihe ein Wanderer werden, denn bei diesen schlug die Weihe fehl. Die Kappe, die einem die dreibeinigen Herrscher aufsetzen, soll ja schützen. Aber vor was? Nur bei jedem Zwanzigsten versagt sie, und dann wird aus dem Geweihten ein Wanderer, natürlich ohne Kappe. Wanderer seien melancholisch, vielleicht sogar geistesgestört, heißt es. Was war das wohl für eine Zeit vor den dreibeinigen Herrscher, als die Menschen so wunderbare Dinge wie die Uhr von Wills Vater erschaffen konnten? Mittlerweile wird es das Schwarze Zeitalter genannt. Aber warum? Einmal hat Jack an der Meeresküste das Wrack eines Schiffes gesehen, das viel größer war als ganz Alton, Jacks und Wills Dorf. Jene Menschen müssen also großartige Dinge geschaffen haben. Warum sind sie dann den Tripods unterlegen?

Die Weihe

Es ist Juni, der Heumond, in Alton. Heute findet Jacks Weihe statt. Jack, Will, der Geistliche und andere warten auf das Erscheinen des dreibeinigen Herrschers. In einem Jahr werden auch Will und Henry an dieser Stelle warten. Und da kommt er auch, riesig hoch, einen langen Schatten werfend. Auch Sir Geoffrey, der alte Graf von Alton, verbeugt sich. Ein langer metallener Tentakel ergreift Jack und hebt ihn ins Innere der Kugel, die über den drei langen Beinen sitzt. Stunden später wird Jack zurückgebracht, auf seinem kahlrasierten Schädel sitzt das Metallgeflecht der Kappe, welche er bis zu seinem Tod tragen wird. Als Will zwei Tage später Jack alleine sprechen kann, antwortet dieser ruhig und monoton, es sei alles Unsinn gewesen, was er über die alte Zeit gesagt habe. Will ist enttäuscht.

Ozzy Mandy

Eines Tages taucht im Dorf ein besonderer Wanderer auf. Er nennt sich Ozzy Mandy und König des Reiches, singt an den Wegkreuzungen und erringt dadurch Wills besonderes Interesse. Obwohl sein Vater dies gar nicht gern sieht, gelingt es Will drei Tage später, Ozzy in den Ruinen zu treffen. Ozzy hat viele Antworten auf Wills Fragen und schließlich verrät er ihm sogar, dass er gar kein Wanderer sei, sondern ein FREIER MENSCH. Wahnsinn, denkt Will. Ozzy erzählt, dass die Tripoden wahrscheinlich von einer anderen Welt kommen und die Menschen in einem großen Krieg mit vielen Toten unterworfen haben. Und die Unterwerfung setzten sie jetzt immer noch mit Hilfe der Kappen fort. Diese programmieren ihre Untertanen zu Gehorsam und Zufriedenheit. In den Weißen Bergen im Süden jedoch leben FREIE MENSCHEN, wie Ozzy einer ist. Sein Auftrag bestünde darin, Ungeweihte wie Will zu finden und in die Weißen Berge zu schicken. Er gibt ihm einen Kompass und eine Landkarte.

Aufbruch

Zwei Wochen vergehen nach Ozzys Verschwinden. Will brennt darauf abzuhauen, doch nachdem Henrys Mutter gestorben ist, wird er in seinen Haushalt aufgenommen, so dass sich Will sehr vor ihm in Acht nehmen muss. In einer Vollmondnacht riskiert er den Aufbruch und holt seine Vorräte. Da überrascht ihn Henry. Es kommt zu einem Kampf, nach dessen Ende sich Will gezwungen sieht, Henry mitzunehmen, will er nicht sofort gejagt werden.

Schon bald zeigt sich, wie richtig Wills Entscheidung war, Henry mitzunehmen. Alleine läge er schon längst mit gebrochenem Fuß irgendwo im Regen und würde sich eine Lungenentzündung holen. Zusammen schaffen sie es jedoch bis an die Südküste. Im Hafen von Romney rettet Kapitän Curtis die Jungs davor, von Kapitän Rowley schanghait zu werden, und nimmt sie auf seinem Schiff mit. Bei der Überfahrt in das Land jenseits des Meeres tauchen jedoch sechs riesige Tripoden auf, die mit ihren Metallbeinen enorme Wellen erzeugen und das kleine Schiff fast zum Kentern bringen. Doch sie lassen es unbehelligt, denn die beiden Ausreißer sind gut versteckt.

Jenseits des Meeres

An der Küste des anderen Landes – Namen wie „Frankreich“ sind schon längst vergessen – ermahnt sie Kapitän Curtis, Menschen aus dem Weg zu gehen. Allerdings kommen sie nicht weit. Schon hat sie ein treuer Untertan der Tripoden am Schlafittchen und steckt sie zusammen in den Keller der nächsten Kneipe. In der Nacht kommt ein Junge in Wills Alter an ihre Tür und entriegelt sie. Er hat sie beobachtet durch das seltsame Gestell, das er auf der Nase trägt und als „Brille“ bezeichnet. Er ist sehr scharfsinnig, kann sogar ein wenig Englisch sprechen. Und das Allerbeste: Wenn sie ihn mitnehmen, lässt er sie frei. Das lassen sie sich nicht zweimal sagen, denn wie Kapitän Curtis sie ermahnte, sollen sie Erwachsene meiden, denn die seien alle von den Tripoden gesteuert.

Zusammen machen sich Will und Henry mit ihrem neuen Freund Bienpaul nachts in die Felder davon, nicht ohne ein paar Vorräte eingesackt zu haben, versteht sich. Aufregende Abenteuer erwarten sie, unbekannte Menschen und viele seltsame Anblicke. Doch werden die Tripoden sie wirklich bis zu den Weißen Bergen gelangen lassen?

Mein Eindruck

Klingt das nicht ein wenig nach der Story von „Stand by me“? Nein, nicht ganz. Es gibt am Ende der Reise keine Leiche zu finden, geschweige denn sie zu verteidigen. Und es gilt auch keine eigenen Ängste und Unzulänglichkeiten „with a little help from my friends“ zu überwinden – na ja, schon ein bisschen, denn das ist ja der Sinn des Abenteuers. Aber das Hauptthema der Geschichte ist der Ausbruch aus dem geistigen Gefängnis, in das die dreibeinigen Herrscher, die Tripoden, die Menschheit gezwungen haben. Und der zweite Schritt besteht im Eintritt in die Zone der FREIEN MENSCHEN, was die endgültige Befreiung aus dem genannten Geistesgefängnis bedeuten würde.

Der Preis der Freiheit

Nachdem sich die drei Gefährten zusammengefunden und -gerauft haben, stellt ihnen die neue Gesellschaft, die sie im ehemaligen Frankreich vorfinden, eine gewaltige Falle. Es kommt also darauf an, sie rechtzeitig zu erkennen und ihr zu entgehen. Leichter gesagt als getan. Die Freiheit durch einfaches Abhauen zu erlangen, wäre ja viel zu einfach und auch jenseits aller Wahrscheinlichkeit in einem Land, das von den Tripoden und ihren bekappten Untertanen beherrscht wird. Nein, es gilt die Freiheit zu erkämpfen, damit sie überhaupt etwas von Wert ist.

Die Fallen

Die erste Falle besteht in Dankbarkeit. Will ist der Gräfin de la tour rouge dankbar dafür, dass sie ihn vor dem Tod durch Krankheit bewahrt hat. Sie versorgt ihn und seine Freunde. Die zweite Falle besteht in der Liebe. Will verliebt sich in die gräfliche Tochter Heloise, die ihn während seines Fiebers gepflegt hat. Die dritte Falle besteht in der Selbsttäuschung, andere Menschen – wie die liebe Heloise – verfügten über die gleiche Willensfreiheit wie Will selbst. In einer einprägsamen Szene begeht Will einen großen Tabubruch, indem er Heloises Kappe enthüllt.

Die vierte Falle besteht in dem Angebotsköder, in die Ränge der Adligen aufgenommen und so der Gräfin und Heloise gleichgestellt zu werden. Will braucht lediglich in die Adoption einzuwilligen und die Weihe anzunehmen. Doch diese Abkürzung zu immerwährender Gesundheit und der Liebe an Heloises Seite, wenn nicht sogar Reichtum, ist keine Wahlmöglichkeit, die Will, der Bauerntrampel, annehmen möchte.

Die fünfte Falle besteht im Verrat der eigenen Gefährten, wie könnte es auch anders sein. Nach ein paar Tagen der Flucht aus der Obhut der französischen Adligen wundern sich die drei Gefährten, warum die Tripoden in der Lage sind, ihnen zu folgen. Die tun dies zwar mit gehörigem Abstand, aber dennoch so beharrlich und zielsicher, dass es verdächtig erscheint. Ganz besonders dann, wenn sich die Gefährten sorgfältig verstecken. Der Verdacht fällt auf denjenigen unter ihnen, der als letzter zu ihnen stieß: Will. Und richtig: Er hat ihnen etwas Wichtiges verschwiegen.

Die sechste Falle ist natürlich der rein körperliche Widerstand, den die Tripoden den Flüchtigen entgegensetzen. Dagegen helfen nur Handgranaten und ein gutes Versteck. Doch auch danach darf man sich nicht zu früh freuen …

Die neue Welt

Wills Welt ist auf die wirtschaftliche Ebene des Mittelalters zurückgefallen. Nur Artefakte wie die väterliche Armbanduhr erinnern noch an vergangene Zeiten, in der die Technik herrschte. Es gibt eine von Pferden über alte Schienen gezogene Bahn – das Maximum an Technik. Die Zeit, aus der die alte Technik stammt, ist nicht von ungefähr genau unsere Zeit bzw. die Zeit um 1967, also vor 41 Jahren.

Der Autor warnt indirekt vor einem Rückfall auf ein niedrigeres Kulturniveau. Mal angenommen, nicht die Außerirdischen hätten die Menschheit vernichtet, sondern diese sich in einem Atomkrieg selbst. Das Ergebnis käme dem, was die Jungs vorfinden, ziemlich nahe. Die Warnung dürfte ziemlich klar sein, ist aber für einen SF-Leser nichts Besonderes. In der SF finden sich solche [Menetekel]http://de.wikipedia.org/wiki/Menetekel allenthalben.

Das gesellschaftliche Niveau ist der mittelalterlichen Kultur angemessen: In dem vormaligen Frankreich herrscht ein König von Tripods Gnaden, und mit ihm seine Adligen, denen das Land als Treuhändern gehört. Das ist Feudalismus in Reinkultur. Kein Wunder, dass es auch Ritterturniere gibt, auf denen Festköniginnen gekrönt werden.

Die vergangene Welt

Die drei Gefährten gelangen in das verwüstete und verfallende Paris. So etwas hat Will noch nie gesehen, noch nicht mal für möglich gehalten: eine einzige Stadt, die sich von Horizont zu Horizont erstreckt. Keine Menschen leben hier in den Ruinen, wie sie es noch in John Wyndhams Klassiker [„Die Triffids“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4281 tun konnten, sozusagen als Jäger und Sammler. Nein, hier lebt nur das Wild – und dessen tierische Jäger. Es ist eine Szenerie wie aus [„I am Legend“,]http://www.powermetal.de/video/review-1376.html dem neuen SF-Schocker mit Will Smith. Nur mit dem Unterschied, dass es hier nicht einmal mehr Mutanten gibt. Die Tripoden haben schon dafür gesorgt. Will & Co. müssen vor den Raubtieren abhauen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Menschen nicht mehr Herr der Welt ist.

Die Welt der Zukunft

Noch verstecken sich die Freien Menschen in den tiefen Tunnels, die ihre Ahnen in die Schweizer Berge gebuddelt und gebohrt haben. Dorthin können ihnen offenbar die Tripoden nicht folgen, und so bieten die Tunnels guten Schutz gegen die Unterdrücker. Aber so schön ein freier Ausblick auf den Genfer See auch sein mag, so unfrei ist doch der Rest der Welt. Es ist offensichtlich eine Aufgabe der Freien Menschen, den Rest der Menschheit aus seiner mehr oder weniger freiwilligen Versklavung zu befreien. Doch wer soll der neue Moses und Widerstandskämpfer sein? Dreimal darf man raten, welche Pläne der Autor mit Will Parker hat.

Das Booklet

… umfasst die oben angeführten Informationen über Sprecher, Komponist und Autor sowie die Credits. Zusätzlich findet sich noch eine Notiz über die Beweggründe, die John Christopher veranlassten, „The Tripods“ zu schreiben. Er war davor ein Autor von Erwachsenenromanen gewesen, wurde aber von seinem Verleger nach einem „vernünftigen Jugendbuch mit Science-Fiction-Thematik“ gefragt. Er überlegte sich, was an SF denn noch interessant sein könnte und entwarf eine Invasion, die zu einem neuen Mittelalter führen würde. Mit Letzterem kannte er sich aus, und zum Thema Invasionen brauchte man bloß H. G. Wells‘ Roman „Krieg der Welten“ von 1898 lesen. Gerade die Kombination von futuristischen Herrschern in einem mittelalterlichen, monarchistisch geprägten Europa zeichnet die Tripod-Bücher aus, denn so sind sie für jeden Leser verständlich.

Die Inszenierung

Bei dieser Version des Textes handelt es sich um eine inszenierte Lesung mit Geräuschen und Musik. Ich stelle die einzelnen Komponenten vor und beurteile sie.

Der Sprecher

Torsten Michaelis ist zwar kein Stimmkünstler wie Rufus Beck – das kann ja auch nicht jeder sein. Aber es gelingt ihm, bestimmte Figuren durch deren Sprechweise zu charakterisieren. So redet der „geweihte“ Jack ruhig und monoton statt wie zuvor lebhaft und abwechslungsreich. Ozzy, der freie Wanderer, ist ein kuriose Figur, denn er spricht viel in rhythmischen Versen und zitiert salbungsvoll aus der Bibel. Das klingt gestelzt und soll auch unnatürlich und gewöhnlich wirken.

Der Junge, der sich Bienpaul nennt, spricht stets mit einem französelnden Akzent, so dass sich der Unterschied zu Will und Henry immer wieder ergibt. Ein weiterer Kontrast entsteht durch Wills Begegnung mit der süßen Heloise. Ihre Stimme ist ein wenig höher intoniert als die der Jungen, und häufig flüstert sie mit Will über vertrauliche Dinge.

Geräusche

Die Geräuschkulisse beschränkt sich auf das Notwendigste, aber das ist immerhin mehr als gar keine. Im Wald hören wir die Vöglein zwitschern, besonders häufig in idyllischen Szenen. Wie beim Auszug der Hobbits aus dem Auenland trappeln die Pferde der Verfolger ähnlich unheilverkündend. An der Küste kreischen die Möwen, versteht sich. Die Pferdebahn macht sich durch ein Rollgeräusch bemerkbar.

Bei ihren Abenteuern in den Pariser Metro-Tunneln testen die Freunde ein paar Handgranaten – bäng! Und dieses Geräusch wiederholt sich, als sie diese Waffe tatsächlich gegen die angreifenden Tripoden einsetzen müssen – bäng, bäng! Eine bemerkenswerte Abwechslung bildet das Turnier der Gräfin. Hier hören wir eine Fanfare (der Musik) und einen Trommelwirbel.

Die Geräusche überdecken niemals den Vortrag, und nur ab und zu werden sie zwecks erhöhter Wirkung – etwa beim Turnier – mit der Musik kombiniert. Der Vortrag bleibt also stets klar verständlich.

Musik

Ken Freemans Musik beschränkt sich nicht nur auf eingängige dynamische oder atmosphärische Kompositionen, sondern trägt auch eine Menge Sounds bei, die nur unterschwellig auf das Gehör des Zuhörers wirken. Sie steuern die Emotionen subtiler, etwa indem sie eine bedrohliche Stimmung durch einen tiefen Basston erzeugen. Hin und wieder ist auch eine Fanfare zu vernehmen oder eine Art Geheul.

Sicherlich hat sich der Leser schon gefragt, ob denn die Tripoden einen Laut von sich geben, so wie die marsianischen Eroberer in der Musicalversion von H. G. Wells‘ Roman „Krieg der Welten“. Diese kreischen ein unheimliches „uu-lah!“, als es mit ihnen zu Ende geht, vernichtet von irdischen Mikroben. Doch derartige Eloquenz ist Christophers Tripoden völlig fremd. Sie schweigen die ganze Zeit. Das macht es dem Komponisten zur Aufgabe, sie wenigstens mit Sounds zu einer akustischen Präsenz zu zwingen.

Am Schluss ist dem Hörbuch noch ein „Bonustrack“ beigefügt, der Freemans Kunst noch einmal belegen soll. Sei’s drum. Seine Musik fand ich zwar aufgrund ihrer elektronischen Erzeugung ganz passend zu den Tripoden, aber umgehauen hat mich nichts davon. Und das, obwohl ich Elektrobands wie die Art-Rocker Emerson, Lake & Palmer oder Yes mag. Wenigstens ist Freeman nicht so kitschig-süßlich wie der „Blade Runner“-Soundtrack von Vangelis.

Unterm Strich

Aufgrund meiner Inhaltsangabe dürfte sich jetzt so mancher Leser wundern, wie denn der Titel „Dreibeinige Monster auf Erdkurs“ dazu passt, dass die Tripoden auf der Erde bereits die Herrschaft übernommen haben. Das frage ich mich allerdings auch und kann nur darauf verweisen, dass es sich um eine ganze Serie handelt, die in den drei Hörbüchern nur in einem schmalen Ausschnitt präsentiert wird.

Das Alter und Geschlecht der Hauptfiguren liefert einen deutlichen Hinweis, dass diese Bücher für dreizehnjährige Jungs gedacht sind. Als diese Bücher geschrieben wurden, sahen sich die Autoren noch nicht veranlasst, für beide Geschlechter zu schreiben – Jungsbücher waren eben für Jungs, und für Mädchen gab was anderes, aber ohne Monster. Basta! Das niedrige Lesealter verbot es dem Autor offenbar, ein schrecklicheres Szenario zu entwerfen, das ich für weitaus wahrscheinlicher halten würde.

Was der relativ abwechslungsreichen Geschichte Wills noch fehlt, ist eine Vorgeschichte. Wir erfahren nicht, auf welche Weise es den Tripoden gelang, die Menschen zu besiegen, geschweige denn, warum diese Metalldinger überhaupt zur Erde gelangen wollten. Denn es ist wohl kaum der Lebensraum, den sie hier finden und den sie vielleicht auf ihrer Heimatwelt verloren haben könnten. Metallmonster brauchen keinen Lebensraum, da sie künstliche Maschinen sind. Wer steuert diese Dinger und was fangen sie mit der Erde und den Menschen an? Viele Fragen, die einer Antwort harren. Diesbezüglich lässt uns das Abenteuer etwas unzufrieden zurück.

Das Hörbuch ist als inszenierte Lesung relativ aufwendig gestaltet. Hinsichtlich Sprecher, Geräuschen und Musik hat sich der Verlag Mühe gegeben. Auch das Booklet ist informativ gestaltet. Darüber kann man also nicht meckern.

Hinweis

Eine Auswahl an weiterführenden Internetadressen findet sich im Booklet (alle ohne Gewähr)

http://www.tripods.de
http://www.diedreibeinigenherrscher.de
http://www.bbc.co.uk/cult/classic/tripods
http://www.sf-radio.net/tripods
http://www.moviefans.de/a-z/t/tripods/index.html
http://www.arena-verlag.de
http://www.patmos.de

Originaltitel: Tripods 1, 1967
Aus dem Englischen übersetzt von Wolfgang Schaller, neu bearbeitet und aktualisiert von Sabine Rahn
270 Minuten auf 4 CDs

http://www.patmos.de|
Siehe ergänzend dazu die [Rezension]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3727 von Dr. Bianca Altvater zur Hörbuch-Trilogie.