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[NEWS] Pierre Bordage – Die Sphären

Die „weißen Frauen“ sind da …

Als im Westen Frankreichs eines Tages eine seltsame weiße Sphäre auftaucht, ahnt noch niemand das Unheil. Doch die Sphäre übt einen Sog aus, dem Kinder nicht widerstehen können, und so verschluckt sie einen dreijährigen Jungen. Schon bald tauchen weitere solcher blasenartigen Strukturen auf und richten heilloses Chaos an. Und nur das Verschlucken der Kinder scheint ihr Wachstum zu bremsen … (Verlagsinfo)

Taschenbuch: 448 Seiten
Originaltitel: Les Dames Blanches
Heyne

Pierre Bordage – Die Sternenzitadelle (Hyponeros 3)

Zwischen den wirklich guten utopischen und fiktionalen Romanen aus dem englischen Sprachraum findet man hin und wieder auch Übersetzungen aus anderen Ländern. In solchen Fällen tut der Verleger natürlich alles, das Buch irgendwie hervorzuheben – in Pierre Bordages Fall, der mit seiner Trilogie um die Krieger der Stille in Frankreich einen Direkterfolg erzielte, fand Heyne keinen Geringeren als den Bestsellerautor aus Deutschland, den es nach Frankreich verschlagen hat: Andreas Eschbach kommentiert irgendwo die Romane Bordages, und so zitiert ihn Heyne mit dem unübertreffbaren Ausspruch: „Es wäre ein Fehler, Pierre Bordage nicht zu lesen.“ Musste man das bei der Lektüre des ersten Bandes noch in Frage stellen und als eine Art Freundschaftsdienst zwischen den miteinander bekannten Autoren abtun, steigt das Flair und die Qualität der Geschichte im zweiten und dritten Teil fast kontinuierlich an, wobei man zum Ende des zweiten Bandes noch den starken Eindruck hatte, dass es immer mehr in übergeordnete Sphären abzudriften drohte. Das hat sich schließlich doch auf einem weitgehend weltlichen und verständlichen Niveau eingepegelt, bevor es in unverständliche Höhen abdriftete. Somit scheint sich der Kommentar auf die Gesamtgeschichte zu beziehen.

Beim Kampf der Krieger der Stille gegen den „Blouf“, das ultimative Böse, kristallisieren sich festgelegte und in vielerlei Mythen verankerte Strukturen heraus, die zu einem recht dauerhaften Sieg oder einer ebenso dauerhaften Niederlage führen müssen. So müssen sich zwölf der Krieger zu einer mythischen Entität verschmelzen, um dem Blouf endgültig entgegen treten zu können. Weite Strecken des Romans drehen sich also darum, wie die zwei bis dato letzten Urmenschen (die das inddikische Erbe noch nutzen können und sich der Auslöschung durch die Scaythen widersetzen) ihre Kameraden und Mitstreiter finden, befreien und mit dem Antra des Lebens schulen. Abseits davon sorgt der schon bekannte Sri Lumpa auf Hyponeros dafür, dass sich die auslöschende Entität nicht endgültig ausbreiten kann, beziehungsweise die Krieger der Stille frühzeitig erfasst und besiegt.

Blöd nur, dass Lumpa selbst einer der zwölf ist, und noch blöder, dass er Opfer der Meisterkreatoren von Hyponeros wird, die ihn schließlich als trojanisches Pferd in die Entität des Antra einschleusen wollen, um die inddikischen Annalen und damit den Ursprung und das Zentrum der Urmenschlichkeit zu vernichten. Der finale Kampf auf geistiger Ebene ist unbeschreiblich …

Der dritte und abschließende Band der Trilogie um die Krieger der Stille, das Antra des Lebens und den alles verschlingenden Blouf (eine Nichts-Entität, ursprünglich für ein zentralgalaktisches schwarzes Loch gehalten) mit seinen Gehilfen, den aus menschlicher Dummheit geborenen künstlichen Wesen und Rechnern von Hyponeros, die aus der Hegemonie der Maschinen (und dem damit verbundenen Ende der künstlichen Intelligenz) hervorgingen, entwickelt sich trotz der scheinbaren und endlich auch entscheidenden Ausrichtung auf die geistige und kreative Auseinandersetzung recht bodenständig: Verfolgungen, Intrigen, Schießereien, Tote, Hinrichtungen und Vergewaltigungen markieren den Weg des Niedergangs der menschlichen Kultur und den Weg des Kampfes um das Fortbestehen der Menschheit, den Bordages Protagonisten ausfechten müssen. Dabei bedient er sich durchaus der Triebfedern menschlichen Handelns, die sich durch unsere Geschichte ziehen: Machtgier, Kontrolle, Sex und Unterdrückung sowie religiösen Fanatismus – der in diesem Fall ironischerweise aus einem Zusammenwirken der inddikischen Wissenschaft und der christlichen Kirche entstand, indem sich Kontrollmechanismen zur Erhaltung und Verlust der ursprünglichen Ausrichtung auf das Wesen des Menschen.

Damit prangert Bordage natürlich den religiösen Fanatismus aller Zeiten an, denn natürlich ist jedem menschlichen (im Sinne des Wortes) Wesen in unserer Welt klar, dass die ursprünglichen Ideen und die Entwicklung, die zu Religionen führten, keinerlei Fanatismus dienten, sondern dem Bedürfnis zur Hilfe entsprangen.

Neben diesem kritischen Aspekt und dem transzendenten Antra entwickelt Bordage aber eine rasante Geschichte mit einigen Handlungsebenen, von denen jede ganz unterschiedlich ausgerichtet ist und jede für sich einen eigenen Reiz hat, die aber endlich zusammenfinden und ein umfassendes Bild enthüllen. Und zum Glück versäumt er es nicht, trotz des vorhersehbaren Siegs des Antras die Trägheit der menschlichen Entwicklung deutlich herauszustellen, um dem Sieg seine Endgültigkeit zu nehmen und den Menschen auch weiterhin die Wahl zu lassen zwischen Kreativität und Leben und Auslöschung, geistiger Verarmung und Niedergang.

Was sich jetzt wie eine deutliche Geschichte „Gut siegt über Böse“ anhören mag, entwickelt sich im Verlauf allerdings eher rückläufig, sodass das Gute immer wieder Rückschläge einstecken muss. Ein bisschen platitüdenhaft mutet die schließliche Übernahme der Führung an, wenn Verfolgte durch die aus Empörung geborene Rebellion im Volk befreit werden, verzweifelte Existenzen dem Partner des Lebens begegnen und durch ihn/sie aufgerüttelt und zu einstiger charakterlicher Größe zurückgeführt werden. Wenn ehemalige Unterdrücker eigentlich an der Umwälzung arbeiteten und ihrem eigens ausgewählten Nachfolger noch nach dem Tod detaillierte Anweisungen durch geniale Voraussicht zukommen lassen, und wenn die geistige Niederlage im entscheidenden Moment umgekehrt werden kann.

Das sind allerdings Kleinigkeiten vor dem Umfang des Stoffes, in dem sich viele spannende Details verbergen und in ihrem Zusammenhang zu einer faszinierenden und schließlich positiven Zukunft für und durch die Stärke des Menschen führen. Abschreckend dagegen mag das Format wirken, da der Verlag die Trilogie als schlagkräftige Tradepaperbacks herausbringt und damit noch mehr Inhalt suggeriert.

Zusammenfassend bleibt die Trilogie durchaus in positiver und empfehlenswerter Erinnerung, auch wenn das Zitat Eschbachs in diesem Zusammenhang etwas übertrieben wirkt.

Taschenbuch: 672 Seiten
ISBN-13: 978-3453525108
Originaltitel:
La Citadelle Hyponéros
Deutsch von Ingeborg Ebel

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Pierre Bordage – Terra Mater (Hyponeros 2)

Nach »Die Krieger der Stille« ist mit »Terra Mater« der zweite Roman einer spannenden Trilogie erschienen. Er berichtet von den Ereignissen direkt im Anschluss an Band eins und endet mit einem kosmisch-metaphysischen Höhepunkt als Aufhänger und Spannnungshalter für den dritten Roman.

Von überziegelsteingroßem Format als Tradepaperback, richtet sich der Umfang des Werks ganz nach modernen Vorstellungen der Äußerlichkeit und damit an Leser, die langatmige und bombastische Romane in ihren Regalen stehen haben wollen und bereit sind, für eine Geschichte in der Summe 45 Euro zu bezahlen. Von dieser herausgeberischen, in der Finanzkrise doppelt ärgerlichen reißerischen Aufmachung abgesehen, strickt der Autor allerdings ein ansehnliches Werk mit großartigen Zusammenhängen. Aber auch hier wirkt der Ausspruch des Kultautors Andreas Eschbach eher wie Verlags- und Freundschaftswerbung, wenn in großen Lettern auf dem Buchrücken steht: »Bordage nicht zu lesen, wäre ein Fehler«.

In einer ausschließlich von menschlichen oder menschenabkömmlichen Vernunftwesen bevölkerten Galaxis ist eine fremdartige Intelligenz, die in Form des Volkes der Scaythen auftritt, im Begriff, alle Schlüsselpositionen der Macht zu besetzen und ein kirchlich kontrolliertes System der Verdummung und Gleichgültigkeit zu erschaffen. Hinter den Scaythen steht anscheinend eine Wesenheit, deren Existenzgrundlage und Macht von der Einfältigkeit des/der Universums/sen abhängt und in diesem Universum nach der vollkommenen Macht strebt, indem sie die Kreativität vernichtet.

Die metaphysische Wissenschaft der inddikkischen Wissenschaft ist dabei das größte Hindernis, und so war es das größte Interesse der Scaythen, die Bewahrer dieser Wissenschaft und ihre Anwender, die Krieger der Stille, auszulöschen. Die Versuche der zwei dem Massaker entkommenden Menschen auf der alten Erde (Terra Mater), die Wissenschaft neu mit Leben zu erfüllen und nach einem Erlöser zu suchen, füllt nebst der weiteren Machtergreifung der Scaythen und Umwälzungen in der Kirche den zweiten Roman, der in dem Versuch des Mahdis der neuen Krieger der Stille auf der Erde gipfelt, sich der Hintergrundintelligenz in einer mentalen Auseinandersetzung zu stellen und sie zu besiegen.

Trotz der bombastisch klingenden Rahmenhandlung sind es vor allem kleine Ereignisse mit menschlichen Charakteren, die in ihrer Gesamtheit den großen Zusammenhang erzeugen und eine runde, stimmungsvolle Geschichte zum Leben erwecken. Nur kleine Abstecher in höhere Sphären werfen Schlaglichter und lassen den überstrapazierten Sense of Wonder anklingen, der für großartige kosmische Erzählungen typisch ist. Doch wo anderswo Raumschiffe und Aliens für Spannung sorgen, stehen hier die Menschen allein im Vordergrund.

Der Entwurf selbst ist nicht ganz neu. Die Menschen verbreiten sich über die Galaxis, ein Adel etabliert sich und kontrolliert über Erbrecht die Systeme, eine Religion als Staatsreligion unterdrückt die einfachen Menschen und kontrolliert ihr Wissen. Wie schon andere Schriftsteller – unter ihnen Dan Simmons, der in seinem Ilium-Epos dieses Thema auf die Spitze treibt – erkannten, ist der Konflikt zwischen größeren Glaubensgemeinschaften und politischen Interessengruppen auf der einen Seite und Judentum auf der anderen Seite ein Thema, das die Menschheit seit Ewigkeiten spaltet und zu schrecklichsten Gräueltaten antreibt – und dies aller Wahrscheinlichkeit nach auch in ferner Zukunft noch tun wird. Auch Bordage benutzt diesen alten Konflikt als Träger seiner Erlöser-Geschichte, die in diesem zweiten Band in den Vordergrund tritt und von der Entdeckung des Erlösers als Kind über seine Verfolgung durch Staat und Kirche, seinen scheinbaren Tod und seine Wiedergeburt auf der alten Erde bis zum Sammeln von »Jüngern« reicht. Sein Eingreifen in die umfassende Handlung ist in Band drei zu erwarten (»Die Sternenzitadelle« ist für den Dezember 2009 angekündigt), wo er entweder gewinnt, scheitert oder durch seinen Tod den Sieg der Menschheit gewährleisten wird. Letzteres ist am wahrscheinlichsten.

Wenn wir also die Entwicklung des Hauptthemas (Erlösung der Menschheit) über die drei Bücher betrachten, bemerken wir eine Zunahme des Transzendenten und Kosmischen schon im zweiten Band. Da sich in diesen Sphären die Entscheidung abspielen muss, weil sie der »Lebensraum« der vernichtenden Wesenheit sind, wird Band drei wohl der »wundervollste« Roman werden und die wichtigen bisher aufgeworfenen Fragen zusammen- und zu einem Finale führen.

Originaltitel: Terra Mater
Deutsch von Ingeborg Ebel
543 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-52409-5

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 4,00 von 5)