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Victor Gischler – Die Go-Go-Girls der Apokalypse

Was wäre, wenn man sich für ein paar Jahre in die Wildnis zurückzieht und bei seiner Wiederkehr feststellen muss, dass die Welt untergegangen ist? Keine für uns noch alltägliche Technik, keine immer verfügbaren Informationen, das Gesetz ohne Bedeutung – eine Art „Wilder Westen“, in den es Mortimer Tate, den Protagonisten des vorliegenden Buches, verschlägt, nachdem er in der Einsiedelei den Weltuntergang verpasst hat …

Neun Jahre sind vergangen, seit Mortimer seine Frau hat sitzenlassen und sich in die Berge zurückzog, um erstens vor den Problemen einer Scheidung und zweitens vor dem bevorstehenden Armageddon zu fliehen. Jetzt macht er sich auf, seine Frau zu finden und zu sehen, ob es ihr gut geht, denn so viel Verantwortungsgefühl stellt sich doch plötzlich bei ihm ein. Dabei machen ihn seine gehorteten Vorräte an Whiskey zu einem der reichen Männer der neuen Weltordnung, in der die einzige Währung in den so genannten „Joey Armageddon’s Go-Go-Club“s etwas zu zählen scheint.

Mortimer findet sich nach anfänglichen Schwierigkeiten gut in der Gegenwart zurecht und wird alsbald in einen Konflikt zwischen den beiden die Gegend beherrschenden Geschäftsmännern verwickelt: Joey, der mit seinen Clubs eine neue Art von Zivilisation aufzubauen hofft und nebenbei einen lukrativen neuen Markt erschließt, und Franky, der mit seinen billigen Alkoholverschnitten den Markt überschwemmt und beherrscht, denn der Bedarf ist in dieser Zeit höher denn je.

Und obwohl Mortimer sich keine Rückkehr in eine Ehe mit seiner (bald als Exfrau bezeichneten) Frau vorstellen kann und unterwegs auch nichts anbrennen lässt, ist sein Antrieb vor allem der Wunsch, sie zu finden. An zweiter Stelle steht Kaffee, ein Luxusgut, für das Mortimer beinahe alles tut …

Zwischen Whiskey und Kaffee – sieht so die Währung der Zukunft aus? Nach Kriegsberichten gehören dazu noch Zigaretten, Konserven und Streichhölzer. Und bei Mad Max, der in diesem Buch mehrfach zitiert wird, ist natürlich das Benzin das teuerste Gut. Gischler schiebt noch eine Veränderung in den Vordergrund, die manchmal auch als radikaler Rückschritt erscheint: Frauen. Sie dienen in dieser postapokalyptischen Welt vor allem der Erbauung und Befriedigung von Männern – und sehen es auch noch als höchste Ehre an, in einem der Go-Go-Clubs zu arbeiten. Diese Arbeit umfasst neben der üblichen Tanzerei auch die leichtbekleidete Bedienung bei Tische, über Streicheleinheiten und Flirts bis hin zur horizontalen Vergesellschaftung mit ihrer Kundschaft. Im Mann dieser Zukunft erwacht das Tier zu schamloser Offenheit, Sex ist anerkanntes Zahlungsmittel und Kapital der Frauen, Monogamie praktisch ausgestorben. Eine optimale Situation also für Mortimer, der neun lange Jahre mutterseelenallein in einer Höhle hauste …

Mortimer, der selbst ein etwas blasser, weil jeder Situation gewachsen erscheinender und seltsam innenlebenloser Charakter ist, trifft auf seiner Konfrontation mit der bewohnten Welt auf einige schräge Typen; zumindest versucht Gischler eine abgefahrene, schräge Atmosphäre zu schaffen. Dabei wirken auch die anderen Agonisten der Geschichte entweder überzeichnet oder einseitig blass, so dass sich keine erzählerische Dichte einstellt.

Trotzdem sind einige Ideen durchaus interessant: Der Muskelexpress, eine von drogenabhängigen Muskelprotzen angetriebene Draisine als Gütertransport, wird von einer harten, einäugigen Piratin der Schienen kommandiert, und Gischler versucht tatsächlich eine Anlehnung an die Seefahrt früherer Zeiten, wenn er die Reise Mortimers mit diesem Gefährt beschreibt. Die Legende um den roten Zaren, der drei Meter groß sein und Zähne wie ein Haifisch haben soll, das ausgestorbene Atlanta, in dem der Zar vom CNN-Center aus regiert, die vom knappen Benzin angetriebene Heeresmacht der Minicooper mit Fahrer und MP-Schütze als Besatzung, das von einer rasenmäherähnlichen Finne angetriebene Luftschiff und schließlich der Möchtegern-Cowboy Buffalo Bill, der in der freien Welt der starken Männer irgendwie seinen Platz als Helfer der Schwachen zu suchen vorgibt – all das sind Details, die normalerweise für ein bizarres Charisma hätten sorgen müssen.

Insgesamt schafft es der Roman nur, flüssig und teilweise interessant, aber ziemlich trashig zu unterhalten. Das Attribut des „definitiven Endzeitromans“ wird ihm leider ungerechtfertigt verpasst. Was den Autor schließlich zu dieser Titelvergabe bewogen hat, mag höchstens noch die alte Weisheit „Sex sells“ gewesen sein, denn obwohl es im Roman von allerlei nackter Haut wimmelt, spielen die Go-Go-Girls eher keine Rolle. In Erinnerung bleiben einige wenige interessante Ideen und der Eindruck von erzählerischer Fläche ohne große Höhen und Senken, und so eignet sich der Roman zwar zur mühelosen Einschlaflektüre, doch nicht zum Abtauchen in fantastische Welten oder auch nur zu guter Unterhaltung.

Broschiert: 390 Seiten
ISBN-13: 978-3492291941
Originaltitel: Go-Go Girls of the Apocalypse
Deutsch von Andreas Brandhorst

Der Autor vergibt: (2/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Moorcock, Michael – I.N.R.I. oder Die Reise mit der Zeitmaschine

_Provokativ: das Jesus-Double_

War Jesus von Nazareth ein masochistischer Schwachsinniger? Und ein Psychopath obendrein? Nein, es ist nicht ganz so schlimm, wie es klingen mag. Aber Michael Moorcock hat mit „INRI oder Die Reise mit der Zeitmaschine“ eine engagierte Parodie auf den Mythos jenes jüdischen Märtyrers geschrieben. Ein umstrittenes Buch, das selbst heute noch, rund 40 Jahre nach seiner Veröffentlichung, zu erschüttern und Anstoß zu erregen vermag.

_Der Autor_

Der Brite Michael Moorcock, geboren 1939 in London, ist mit seinen diversen Fantasyzyklen um den Ewigen Helden (Elric, Corum, Hawkmoon und andere) zu einer zentralen Figur in der Phantastik seines Heimatlandes geworden. Er ist ein entschiedener Gegner von Autoren wie Tolkien und C. S. Lewis.

In den sechziger Jahren machte er sich mit seinem SF-Magazin „New Worlds“ zum Sprecher einer neuen Strömung innerhalb der SF, die Errungenschaften der modernen Hochliteratur verarbeitete – sehr zum Ärger der amerikanischen Traditionalisten. Mit manchen dieser Werke erregte er derart Anstoß, dass ihm Parlamentarier die Zuschüsse streichen wollten. Norman Spinrads „Champion Jack Barron“ gehört dazu, aber auch einer der Kurzromane von James Graham Ballard.

Moorcock selbst schrieb Popromane um seinen Helden Jerry Cornelius, aber auch durchschnittliches Fantasyfutter, das durch seine Verkäufe die anderen Romane finanzierte. In den letzten Jahren hat er mehrere Zyklen in umgeschriebener Form zusammengefasst – darunter auch den Elric- und den Von-Bek-Zyklus – und sich dem Schreiben exzellenter Mainstream-Romane („Mother London“) zugewandt. In den Biografien wird seine Mitwirkung an der Rockband „Hawkwind“ niemals vergessen. Seine Homepage ist sehr umfangreich und weist sogar ein Forum auf, über das sich seine Fans austauschen können: http://www.multiverse.org.

_Handlung_

Karl Glogauer ist ein ganz normal neurotischer jüdischer Intellektueller aus dem England der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Neben seinem Hobby-Beruf als Pfleger in der Psychiatrie interessiert er sich für religiöse Requisiten wie etwa Kreuze. Schon als kleiner Junge wurde von seinen Schulkameraden an einem Zaun gekreuzigt. Sowas prägt. Auch eine seiner ersten Freundinnen war nur deshalb für ihn begehrenswert, weil sie ein silbernes Kreuz zwischen ihren Brüsten trug. Und jetzt interessiert ihn vor allem der Wahrheitsgehalt des Christusmythos. Seine Freundin Monica erklärt ihm, dass er einen Jesus-Komplex habe, der nur auf den Schriften des spinnerten Carl Gustav Jung beruhe. Der mit seinem „kollektiven Unterbewussten“!

Als Karl durch einen reichen Erfinder eine Möglichkeit sieht, mit einer Zeitreise à la H. G. Wells in die Lebenszeit Jesu zu reisen, packt er die Gelegenheit beim Schopfe, aber auch deshalb, weil Monica ihn mit einem anderen betrügt. Doch was er zunächst in der Wüste bei Johannes dem Täufer und später in Nazareth vorfindet, ist etwas völlig anderes, als es uns aus der Bibel überliefert wird: Die Frau des Zimmermanns Joseph (es gibt eine Menge Zimmerleute und Josephs in Nazareth) etwa ist eine fette Schlampe, und ihr Sohn Jesus seit seiner Geburt ein debiler Kretin.

Armer Karl! Was soll nun aus seinem geliebten Christusmythos werden, wenn es nicht mal einen geistig präsenten Jesus gibt, fragt er sich zu Recht. In seiner Verwirrung begibt er sich in der lokalen Synagoge in die Obhut der Rabbiner. Die verstehen schon mit solchen sonderbaren Heiligen wie ihm umzugehen – ihnen laufen ständig welche über den Weg, ganz Judäa ist voll davon. Aber nur wenige von ihnen setzen den notwendigen Widerstand gegen die verhassten römischen Besatzer auch in die Tat um. Der Prophet Jesaja hat den Messias angekündigt. Doch welcher ist es?

Für Glogauer gerät seine Pilgerreise zunehmend zum Alptraum, als er – etwas verspätet – mit Entsetzen bemerkt, dass er immer mehr in die Rolle hineingerät, die ihn zeit seines Lebens fasziniert hat: Er erfährt die den Christen aufgetragene „Imitatio Christi“ wortwörtlich am eigenen Leibe. Und wo man einmal angefangen hat, muss man so gut es geht weitermachen – das weiß doch jeder Schauspieler …

_Mein Eindruck_

Der Autor demontiert nicht den originalen Jesus von Nazareth, der von Römern und Juden gleichermaßen zum Tode verurteilt wurde, also die historische Figur. Er greift vielmehr den Mythos an, den die Kirche als Religionsgebäude darauf aufgebaut hat. Ein „christos“, also „Herr“ oder „Gesalbter“, kann demnach heutzutage jeder werden. Ja, die Kirche fordert sogar die „Imitatio Christi“, die Nachfolge, wohl in dem Wissen, dass man dem Mythos zwar nacheifern (= imitatio), ihn nicht aber erreichen könne. (Und sollte es jemandem gelingen, so kann ihn der Vatikan immer noch zum Ketzer erklären.)

Das kluge Nachwort von Carsten Polzin erhellt diese Zusammenhänge ebenso intelligent wie die Absicht Michael Moorcocks beim Schreiben dieses Romans – letzten Endes Kirchen- und Religionskritik. Das Nachwort ersetzt dasjenige von Florian Marzin in der |Heyne|-Ausgabe von 1987. Marzin ging aber in seiner Interpretationsfähigkeit noch wesentlich weiter als Polzin. Ich empfehle seinen Text mit Nachdruck.

Es geht einerseits um den Mythos von Jesus, aber auch um den Werdegang des Mannes namens Karl Glogauer. In zahlreichen Rückblenden erfahren wir von Kindheit und Jugend, gescheiterter Rebellion und den ständigen Frauengeschichten Karls. Dadurch wird seine Geschichte zu einem Bildungsroman à la „Anton Reiser“ einerseits, andererseits auch zu einem menschlichen Drama, an dem der Leser Anteil nehmen kann.

Sehr ironisch wird dieser Erzählstrang eingesetzt, wenn sich die stets vernünftige Freundin Monica als der „Geist, der stets verneint“ entpuppt und Karl ihr in seinem Ausflug in Wüste und Wahnsinn sein vehementes „Nein!“ entgegenschreit. Nein, es muss einen Mythos namens Christus geben, es muss einen Jesus geben usw. In seinen Augen übernimmt sie die Rolle des Versuchers, der Jesus laut Bibel in der Wüste 40 Tage und Nächte lang auf seine Seite ziehen wollte.

Aber nicht nur heterosexuelle Erotik wird thematisiert, sondern auch Homosexualität. Karl wird zweimal von männlichen Bekannten – darunter von dem Zeitmaschinenkonstrukteur – ein eindeutiges Angebot gemacht, das er beide Male ablehnt. Als wäre das noch nicht genug, tritt auch noch ein Sadist auf, der den sehr jungen Karl den Stock spüren lässt. Einen Vater, der Karl hätte trösten oder bestrafen können, gibt es nicht, denn er ist schon früh über alle Berge. Inwieweit alle diese Faktoren zur Psychopathologie des Karl Glogauer beitragen, muss jeder Leser selbst entscheiden. Zumindest aber zeichnen sie ein sehr kritisches Bild von der Psychopathologie Großbritanniens in jener Zeit.

Sprachlich und stilistisch arbeitet Moorcock mit den Mitteln der damaligen New Wave in der Science-Fiction, die mit aller Kraft gegen die Borniertheit der Zeit ankämpfte. Das bedeutet, dass der Leser harte Schnitte und Szenenwechsel, innere Monologe (Stream of consciousness), moderne Sprache (Flüche etc.), verschiedene Textsorten (Erzählung, Bibelzitate) und bittere Ironie ertragen muss. Das kann man durchaus überleben, auch wenn es heutzutage ungewohnt erscheint. Mir hat der Roman sehr gut gefallen.

|Die neue Übersetzung …|

… durch Jürgen Langowski ist der |Heyne|-Übersetzung, die noch aus dem Jahr 1972 stammt, bei weitem vorzuziehen. Erstens wird der Text endlich in modernem Deutsch erzählt und zweitens sind auch die zahlreichen Bibelzitate im zweiten und dritten Teil des Romans in einem Deutsch geschrieben, das sich nicht mehr nach Luthers Übersetzung richtet. Luthers grammatikalische Konstruktionen sind für heutige Leser erstens unvertraut und zweitens kaum noch nachzuvollziehen.

Es gibt erfreulich wenige Druckfehler. Ich hätte mir aber gewünscht, dass Langowski auch den Ausdruck „Blimey!“ auf Seite 11 übersetzt hätte. „Blimey!“ ist keineswegs ein Eigenname, sondern ein Ausruf des Erstaunens, der in der |Heyne|-Übersetzung korrekt mit „Ich werd‘ verrückt“ (Seite 8) übertragen wird.

_Unterm Strich_

Wer unter „Science-Fiction“ lediglich Abenteuer von Pappnasen auf fremden Welten aus Pappmaschee à la „Star Trek“ und „Star Wars“ versteht, ist hier auf der völlig falschen Baustelle. Hier geht es um den inneren Erlebnisraum und um die Grundfragen menschlichen Daseins: Wozu lebe ich? Was habe ich hier zu tun? Und wie, zum Teufel, bin ich hierher gekommen?

Dass die heilige Maria als Dorfprostituierte vorgestellt wird, könnte zudem einige Gemüter in Wallung bringen, sicherlich aber strenggläubige Katholiken (von denen man im protestantischen England eh nicht sonderlich viel hält). Obendrein sollte man sich in der modernen Erzählweise des Autors zurechtfinden (siehe oben), die einige Ansprüche an das Verständnis, die Toleranz und die Urteilsfähigkeit des Lesers stellt.

Die 1967 veröffentlichte Erzählung „Behold the man“, auf der dieser Roman beruht, wurde 1968 mit dem |Nebula Award| der Science-Fiction-Kritiker und -Autoren ausgezeichnet – ein Gütesiegel. Die Fortsetzung erschien 1971 unter dem Titel „Breakfast in the Ruins“, wie uns der Autor des Nachworts erklärt, und bietet unter anderem eine Erklärung für die Frage an, ob Glogauer wirklich mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reiste oder dies alles nur eine Halluzination war.

|Originaltitel: Behold the Man, 1970 (deutsch 1972 von Alfred Scholz)
192 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von Jürgen Langowski (Neuübersetzung)|
http://www.piper.de

Walter Moers – Adolf: Der Bonker

Das geschieht:

Berlin, Ende April 1945. Der Krieg ist für das Deutsche Reich an allen Fronten längst verloren, der Feind steht bereits hinter den Toren der Hauptstadt Berlin. Dort sitzt in seinem „Bonker“ Adolf, die Nazi-Sau, einst „Größter Feldherr aller Zeiten“, nun ein geschlagener Diktator, der partout nicht einsehen will, dass seine Herrschaft zu Ende ist.

Keiner nimmt Adolf mehr Ernst. Der britische Premierminister Winston Churchill spielt ihm fiese Telefonstreiche, auf die der humorlose Tyrann stets hereinfällt. Freundin Eva Braun schläft mit jedem außer ihm, für den nur maulige Vorwürfe abfallen, wann der lästige Krieg endlich vorüber sei. Ehemalige Kampfgefährten wie Hermann Göring, Benito Mussolini oder der japanische Kaiser versuchen den störrischen Diktator zur Kapitulation zu bewegen. Aber sowohl sie als auch der Tod, Gott oder Michael Jackson, die in ähnlicher Mission im „Bonker“ auftauchen, bleiben erfolglos. Walter Moers – Adolf: Der Bonker weiterlesen

Fergus Fleming – Neunzig Grad Nord. Der Traum vom Pol

Wissenschaft und Nationalstolz

Frage: Wer ist Alexander Kusnezov? Antwort: Er war der erste Mensch, der seinen Fuß auf den Nordpol gesetzt hat; das war 1948. Wie kann das angehen, fragt sich der Leser; haben wir im Erdkunde-Unterricht – den es unter anderer Bezeichnung auch heute noch geben könnte – nicht gelernt, dass Edward Peary dies schon 1909 geschafft hatte? Von wegen, meint Fergus Fleming, der die angebliche Polreise Pearys als Präzedenzfall für ein mehr als anderthalb Jahrhunderte währendes, aberwitziges Wettrennen auf den ‚Nordgipfel‘ der Erde zitiert.

Es ist schwierig, hier näher auf den Inhalt dieses Buches einzugehen. Sein Verfasser hat die Geschichte des „Traums vom Pol“ möglichst verdichtet und benötigt dennoch mehr als 550 eng bedruckte Seiten, um nur den wichtigsten Vertretern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. In groben Zügen skizziert Fleming, wie sich Männer wie John Barrows, Sir John Franklin, Elisha Kent Kane, Charles Francis Hall, George Nares, George Washington De Long, Robert Edwin Peary, Thomas Cook oder Fridtjof Nansen unter Einsatz ihres Lebens am Pol versuchten.

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Thomas Finn – Der Funke des Chronos

Handlung

1842 in Hamburg: Polizeiaktuar Kettenburg arbeitet daran, eine grauenerregende Mordserie zu lösen, die schon sieben Menschen das Leben gekostet hat. Das Perverse daran ist, dass den Opfern voher bei lebendigem Leibe der Schädel aufgesägt wurde. Die letzte Leiche wurde auf einem Leiterwagen gefunden. Der Mörder scheint wohl bei der Beseitigung der Leiche gestört worden zu sein …

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Paul Chambers – Die Archaeopteryx-Saga. Das Rätsel des Urvogels

Kleiner Vogel – große Wirkung

In 15 Kapiteln informiert Verfasser Paul Chambers populärwissenschaftlich über die Stammesgeschichte der Vögel. Als ‚Aufhänger‘ dient ihm dabei der Archaeopterix, der als erster „Urzeitvogel“ 1861 im bayrischen Solnhofen als Versteinerung gefunden (Kap. 1: „Der Glücksfund des Doktors“) und zum ‚Leitfossil‘ für die Rekonstruktion des Vogel-Stammbaums wurde. Der Archaeopterix stellte für die Zeitgenossen vor ein Rätsel, da er die Merkmale eines Reptils und eines Vogels vereint.

Er tauchte in einem Augenblick auf, als die Forscherwelt sich in einem religiös begründeten Streit zusätzlich entzweite. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Theorie einer Evolution der Arten nicht nur neu, sie widersprach auch der kirchlichen Lehre, wonach Gott Tiere (und Pflanzen) wie in der Bibel beschrieben geschaffen habe und diese unveränderlich seien. Das ‚Mischwesen‘ Archaeopterix verkörperte jenen Widerspruch, den die Anhänger der Evolution erwartet und deren Gegner gefürchtet hatten (Kap. 2: „Das fehlende Glied“; Kap. 3: „Der gefiederte Rätsel“). Paul Chambers – Die Archaeopteryx-Saga. Das Rätsel des Urvogels weiterlesen

Sara Paretsky – Die verschwundene Frau

Paretsky Verschwundene Frau Cover TB 2002 kleinDas geschieht:

Auf dem Heimfahrtüberrollt Privatdetektivin Vic Warshawski zu später Stunde in einem verrufenen Viertel ihrer Heimatstadt Chicago beinahe den leblosen Körper einer jungen Frau, die mitten auf der Straße liegt. Die Polizei scheint mit Warshawskis Schilderung zunächst zufrieden zu sein. Doch am nächsten Tag wirft man ihr plötzlich vor, den Tod verschuldet zu haben. Ganz offensichtlich sucht die Polizei einen Sündenbock. Die Leiche verschwindet, der Unfallbericht wird gefälscht. Der korrupte Detective Lemour wird Warshawski auf den Hals gehetzt, um sie einzuschüchtern.

Aus purer Not beginnt die Detektivin in eigener Sache zu ermitteln. Trotz der Verschleierungstaktik bringt sie in Erfahrung, dass es sich bei der Frau um die junge Immigrantin Nicola Aguinaldo handelt, die man fast tot geprügelt hatte, bevor man sie ihr vor das Auto legte. Nicola arbeitete als Kindermädchen für Robert Baladine, den Eigentümer von „Carnifice“, eines Sicherheitsdienst-Imperiums mit 3000 Beschäftigten, zu dem sogar eine eigene Haftanstalt vor den Toren der Stadt gehört. Hier saß Nicola als Gefangene ein, nachdem sie Eleanor, Baladines Gattin, ein wertvolles Schmuckstück gestohlen hatte. Auf mysteriöse Weise gelang es ihr später scheinbar zu fliehen. Sara Paretsky – Die verschwundene Frau weiterlesen

Jodi Picoult – Beim Leben meiner Schwester

Dürfen Eltern sich ihr Wunschkind aussuchen, um damit bestimmte Zwecke zu erfüllen? Was ist, wenn Eltern ein krebskrankes Kind haben und sich den idealen Spender „designen“ lassen? Die heutige Wissenschaft macht vieles möglich, doch führen manche Praktiken zu schier unlösbaren ethischen Problemen. Jodi Picoult schildert in ihrem neuen Roman eine dramatische Familiengeschichte, die genau diese Fragen aufwirft und den Leser zum Nachdenken anregen soll und auch wird.

Ich will leben

Anna Fitzgerald ist nur 13 Jahre alt, als sie ihrer krebskranken Schwester Kate eine Niere spenden soll. Dies ist der Moment, in dem Anna beschließt, sich einen Anwalt zu nehmen, um ihren Eltern die Entscheidungsgewalt in medizinischen Fragen wegnehmen zu lassen. In den Gelben Seiten findet sie den erfolgreichen Anwalt Campbell Alexander, der ihren Fall übernehmen soll. Der jedoch zeigt sich zunächst skeptisch und lässt sich nur durch die ihn erwartende Publicity zu diesem Pro-bono-Fall hinreißen. Annas Eltern Sara und Brian sind überrascht, als sie eine Vorladung vom Gericht bekommen. Sara, die früher als Anwältin gearbeitet hat, beschließt spontan, ihren Fall selbst zu vertreten.

Doch geht es nicht nur um Annas Leben, sondern auch um das ihrer älteren Schwester Kate. Im Alter von zwei Jahren wurde bei Kate eine spezielle Form der Leukämie festgestellt. Da ihr Bruder Jesse als Spender nicht in Frage kam, beschlossen Sara und Brian damals, noch ein Kind zu zeugen und zwar eines, das in allen Punkten als Spenderin für Sara passen würde. Schon das Nabelschnurblut wird für Kate gespendet, in den Jahren danach schließen sich Lymphozyten-, Granulozyten- und sogar eine Knochenmarksspende an. Einen Großteil ihrer Kindheit hat somit auch Anna im Krankenhaus verbracht, geholfen hat es ihrer Schwester immer nur zeitweise. Als schließlich Kates Nieren versagen, könnte nur Anna ein Organ spenden, da ansonsten das Risiko für Kate zu groß wäre. Die Zeit drängt, denn Kate geht es immer schlechter.

Die Verfahrenspflegerin Julia wird vom Gericht bestellt, um sich ein Bild von Anna und ihrer Familie zu machen. In vielen Gesprächen lernt sie Annas Motive und die ihrer Eltern kennen. Doch auch Julia ist ratlos angesichts der sich ihr dargestellten Situation. Gleichzeitig kämpft sie mit privaten Problemen, denn zu ihrer Highschoolzeit hatte sie einst eine kurze Affäre mit Campbell Alexander, damals allerdings hatte er sie sitzen gelassen. Nun flammt die alte Liebe erneut auf.

An allen Fronten erleben wir persönliche Dramen mit, denn in der Familie Fitzgerald liegt einiges im Argen …

Perspektivenwechsel

„Beim Leben meiner Schwester“ ist aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Zunächst lernen wir Anna kennen, die uns ihre Entscheidung mitteilt, dass sie keine Niere für ihre Schwester spenden möchte, da sie bereits oft genug im Krankenhaus gewesen ist. Anna schaltet daraufhin Campbell Alexander als ihren Anwalt ein. Auch aus der Sicht des erfolgreichen Staranwalts erfahren wir einen Teil der Geschichte, er gibt offen zu, dass er Annas Fall zunächst als reine Werbung für sich selbst ansieht und daher den Fall pro bono übernimmt. An Alexanders Seite begleitet ihn stets sein Servicehund Judge, obwohl der Anwalt doch gar nicht blind ist. Welche Funktion Judge in seinem Leben einnimmt, erleben wir hautnah mit, als Anna gerade vor Gericht ihre Aussage macht. Auch die Verfahrenspflegerin Julia erzählt ihren Teil der Geschichte, sie berichtet von den Verletzungen, die Campbell Alexander ihr zugefügt hat, als er sie damals zu Schulzeiten fallen gelassen hat, wir lernen ihre Schwester kennen und begleiten Julia auf ihren Besuchen bei Anna und ihrer Familie.

Aus Saras Perspektive wird die Familiengeschichte von Kates Krankheit erzählt. Dieser Teil der Geschichte setzt ein, als Kate zwei Jahre alt ist und Sara zum ersten Mal merkwürdige blaue Flecken bei ihr entdeckt, woraufhin nach etlichen Tests schließlich Leukämie diagnostiziert wird. Sara berichtet von ihrer Entscheidung, ein passendes Kind zu bekommen, das als Spenderin für Sara fungieren kann, und sie ertappt sich dabei, wie sie dieses ungeborene Kind gar nicht als eigenständige Persönlichkeit wahrnimmt, sondern nur als geeignete Spenderin: „Obwohl ich im neunten Monat bin, obwohl ich reichlich Zeit zum Träumen hatte, habe ich mir über dieses Kind noch keine besonderen Gedanken gemacht. Wenn ich an diese Tochter denke, dann nur daran, was sie für die Tochter tun kann, die ich bereits habe.“ Später erfahren wir aus Saras Sicht, wie Kates Krankheit sich weiterentwickelt, wie Kate schließlich bei der Chemotherapie einen anderen Patienten kennen lernt, in den sie sich verliebt. Wir werden Teil von Kates Krankengeschichte und erfahren insbesondere Saras Gründe für die vielen Behandlungen und auch für Annas Spenden.

Brian dagegen begleiten wir häufig zu seinen Einsätzen. Der Familienvater arbeitet als Feuerwehrmann und rettet andere Leben, wo ihm dies bei seiner eigenen Tochter so schwer fällt. Die Feuerwehr hat mit einem Brandstifter zu kämpfen, der verlassene Hütten anzündet und zunächst nicht gefasst werden kann. Doch aus Jesses Perspektive werden wir recht schnell Zeuge der Brandstiftungen, denn Jesse hat seine eigenen Probleme zu verarbeiten. Während seine Schwestern ständig im Mittelpunkt des Familiengeschehens stehen – die eine wegen ihrer schweren Krankheit und die andere wegen ihrer Spenden – bleibt er außen vor und rebelliert gegen die Nichtbeachtung durch seine Eltern. Sein Zimmer verfügt über einen separaten Eingang, sodass Jesse unbemerkt kommen und gehen kann.

Zunächst ist dieser ständige Perspektivenwechsel sehr gewöhnungsbedürftig, da man sich zu Beginn jedes Kapitels neu einfinden muss, doch später empfand ich dies als gelungenes Stilmittel, da uns die handelnden Personen dadurch sehr nahe gebracht werden. Wir erleben die Probleme und Sorgen jedes Einzelnen hautnah mit und lernen auch die Gründe für ihr Handeln kennen. So paradox es auch erscheinen mag, so verstehen wir dadurch sowohl Annas Weigerung zu einer Organspende als auch Saras Gründe für die Nierentransplantation. Jodi Picoult schafft es überzeugend, uns jede Perspektive deutlich zu machen, wir begleiten jeden Protagonisten immer wieder auf Schritt und Tritt und fühlen auch mit jedem mit. Das Handeln jeder Person wird verständlich, auch wenn besonders Annas und Saras Wünsche miteinander kollidieren.

Nach und nach wird offenkundig, welche Probleme die Familie Fitzgerald mit sich auszumachen hat. Die Interessen ihrer beiden Töchter stehen praktisch im Gegensatz zueinander. Um die kranke Tochter gesund zu machen, muss die gesunde Tochter immer wieder ins Krankenhaus und sogar eine schwere Knochenmarkstransplantation über sich ergehen lassen, die Anna nicht gut verträgt. Die Familie ist kurz vor dem Auseinanderbrechen, was auch den Eltern auffällt, die sich plötzlich nichts mehr zu sagen haben. Zusammengehalten werden die fünf eigentlich nur durch die zu überstehenden Krisen und durch Kates Krankheit, die nur bekämpft werden kann, wenn alle füreinander da sind. Doch speziell Jesses und Annas Interessen bleiben dabei häufig auf der Strecke. So darf Anna nicht auf das Eishockeyseminar fahren, auf das sie sich so gefreut hatte, weil sie in der Zeit eventuell für weitere Spenden gebraucht werden könnte.

„Bis dahin ist ausgeschlossen, dass sie nach Minnesota fährt. Nicht weil ich Angst habe, Anna könnte dort etwas passieren, sondern weil ich Angst habe, Kate könnte etwas passieren, wenn ihre Schwester nicht da ist. […] Und dann brauchen wir Anna – ihr Blut, ihre Stammzellen, ihr Gewebe – und zwar hier.“

Unlösbar

Jodi Picoult hat einen sehr persönlichen Roman vorgelegt, der uns die Personen wunderbar näher bringt und der es schafft, mit jedem mitfühlen zu lassen. Inhaltlich hat sie sich ein Thema herausgesucht, das ethisch schwierig zu beurteilen ist und gerade moralisch unlösbar erscheint. Wir können Annas Standpunkt sehr gut nachvollziehen, dass sie ihre Niere nicht spenden möchte, da dies einen schweren Eingriff in ihre eigene Gesundheit darstellen würde und sie danach ihr geliebtes Eishockeyspiel aufgeben müsste. Anna möchte mit ihren 13 Jahren endlich die Chance auf ein einigermaßen normales Leben haben und die Chance darauf, erwachsen zu werden (obwohl sie uns in den meisten Situationen doch schon sehr erwachsen vorkommt). Doch verbunden ist dies unweigerlich mit Kates Tod. Wie soll man hierzu eine Lösung finden? Jodi Picoult hat sich ein Ende ausgedacht, das dem Leser das Nach- und Weiterdenken ermöglicht. Sie präsentiert uns nicht ihre eigene Lösung, sondern schafft es sehr geschickt, diese Schwierigkeit zu umschiffen. Vielleicht trägt Picoult am Ende ein wenig dick auf, doch vielleicht war dies auch die einzig mögliche Auflösung in diesem Buch?!

„Beim Leben meiner Schwester“ regt zum eigenen Nachdenken an. Wie würde man selbst in dieser Situation reagieren? Ist es überhaupt gerechtfertigt, sich ein Wunschkind wie Anna erschaffen zu lassen, welches von Anfang an die Aufgabe des Spenders zu übernehmen hat? Aber ist es nicht auch völlig normal, dass Eltern alles Menschenmögliche versuchen wollen, um ihr krankes Kind zu retten? All dies sind Fragen, auf die es keine richtige und keine falsche Antwort gibt, daher fällt es uns schwer, das Buch aus der Hand zu legen und abzuschalten. Wenn wir das Buch am Ende zuklappen, rollt uns vielleicht sogar die eine oder andere Träne über die Wange, denn wir müssen loslassen von uns lieb gewonnenen Figuren. Durch die so persönlichen Schilderungen im Laufe der Geschichte haben wir uns besonders mit Anna richtig angefreundet, eine so „persönliche Beziehung“ habe ich nur selten zu Romanfiguren aufgebaut – und das, obwohl die reine Handlung des Buches nur eine gute Woche umfasst.


Etwas Besonderes

„Beim Leben meiner Schwester“ drückt auf die Tränendrüse, vielleicht ist es daher eher ein Buch für Frauen, ganz bestimmt ist es jedoch ein Buch, das Einfühlungsvermögen benötigt und die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen. Jodi Picoult hat ein Buch vorgelegt, das mich tief bewegt und mitgerissen hat. Der Roman ist flüssig geschrieben und schnell durchgelesen, dennoch ertappt man sich immer wieder dabei, dass man über die geschilderte Situation nachdenkt. Ein wenig störend empfand ich die beginnende Liebesgeschichte zwischen Campbell und Julia, ein reiner Familienroman wäre auch passend gewesen, insgesamt fügt sich aber sogar diese Liebelei ganz gut in das Gesamtgeschehen ein, da wir dadurch auch den Staranwalt aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen dürfen.

Das vorliegende Buch ist ein ganz persönliches Erlebnis, das ich jedem, der sich für dieses Thema und die damit verbundenen Fragen interessiert, nur wärmstens ans Herz legen kann.

Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: My Sister’s Keeper
ISBN-13: 978-3492247962
www.piper.de

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (3 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Holt, Anne – Wahrheit dahinter, Die

_Auf den Hund gekommen_

Kurz vor Weihnachten erreicht Hanne Wilhelmsen die Schreckensnachricht, dass vier Leichen gefunden worden sind, die von Schüssen aus zwei verschiedenen Waffen durchlöchert wurden. Ihr Urlaub muss folglich erst einmal verschoben werden und auch an ruhige Feiertage ist selbstverständlich nicht zu denken. Drei der Opfer zählen zur reichen Familie Stahlberg, doch das vierte Opfer gibt der Polizei Rätsel auf; zunächst ist seine Identität unklar, doch auch als Knut Sidensvans als viertes Mordopfer identifiziert ist, fehlt sämtlicher Zusammenhang zur Familie Stahlberg. Erschwerend für die Ermittlungen kommt hinzu, dass ein Hund zuerst am Tatort gewesen ist und sich dort an den Leichen gütlich getan hat. Viele Spuren sind dadurch verwischt worden.

Dennoch zeichnet sich schnell ab, dass Familie Stahlberg einiges zu verbergen hat. Das Familienoberhaupt Hermann Stahlberg und seine Ehefrau Tutta sind ermordet worden, sowie der älteste Sohn Preben. Zurück bleiben die Kinder Carl-Christian und Hermine, die beide mehr zu wissen scheinen, als sie zugeben wollen. Zudem besitzt Carl-Christian einen Waffenschein und hatte sich offensichtlich mit seinem Vater überworfen. Hermine dagegen hat zwar ein Drogenproblem, scheint aber dennoch von ihren Eltern bevorzugt worden zu sein. Billy T. findet über zweideutige Kontakte im Osloer Untergrund heraus, dass Hermine illegal Waffen gekauft und sich in den letzten Wochen seltsam benommen hat. Auch die Alibis der beiden Stahlbergkinder sind mehr als dünn, sodass der Schluss nahe liegt, dass eine Familientragödie aufzuklären ist.

Doch Hanne Wilhelmsen will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und bemüht sich, mehr über das vierte Opfer herauszufinden, das ihrer Meinung nach nicht nur zufällig in das Familiendrama geschlittert ist, sondern eine wichtige Rolle spielen könnte. Dennoch macht sich Hanne mit ihren unkonventionellen Ermittlungsmethoden keine Freunde. Am Ende steht aber allen Beteiligten eine große Überraschung bevor …

_Interessant und überraschend, aber konstruiert_

In einer Art Prolog begleiten wir einen herumstreunenden Hund bei seinem blutigen Leichenfund, der für das ausgehungerte Tier ein wahres Festmahl darstellt. Gleich darauf beginnen auch schon die Ermittlungen, als Billy T. spätabends seine Kollegin Hanne Wilhelmsen zum Tatort beruft, obwohl diese kurz vor ihrem wohlverdienten Weihnachtsurlaub steht. Der begangene Mord ist grausam, doch verdichten sich die Hinweise schnell zu einem konkreten Tatverdacht, denn es ist offensichtlich, dass Carl-Christian und auch Hermine Stahlberg einiges zu verbergen haben. Beide lügen und können kein entlastendes Alibi vorweisen.

Wie nach einem Rettungsanker greifen die Polizisten dankbar diese Verdachtsmomente auf, um ihre Ermittlungen so schnell wie möglich abschließen zu können. Der Mord hat viel Aufsehen erregt, außerdem sind die Beamten urlaubsreif und übermüdet, sodass man es ihnen fast nachsehen kann, dass sie viele Hinweise nicht hinterfragen, sondern sich nur noch in eine Richtung fortbewegen.

Dem gegenüber steht allein Hanne Wilhelmsen, die zwar auch nicht so recht an die Unschuld der Stahlbergkinder glauben kann, da diese sich immer mehr in Lügen verstricken, doch Hanne möchte sicher sein und die Verbindung Knut Sidensvans zur einflussreichen Familie Stahlberg herausfinden. Dennoch entwickelt der Kriminalfall sich relativ einseitig weiter, es wird kaum in andere Richtungen ermittelt und für den Leser zeichnet sich auch kein anderer Tatverdächtiger ab. Erst mit Kenntnis der Auflösung bemerkt der Leser, dass Anne Holt ganz unbemerkt zwischendurch Hinweise eingeflochten hat, die sehr wohl einen weiteren Verdächtigen bemerkbar machen. Diese Andeutungen sind allerdings so geschickt eingestreut, dass ich sie überlesen hatte und am Ende von der Autorin überrascht wurde. Um sich das ganze Lesevergnügen zu erhalten, empfehle ich, die Inhaltsangabe auf Seite 2 nicht zu lesen, da hier ein wenig vorgegriffen wird.

Trotz alledem war ich mit der Auflösung am Ende nicht vollauf zufrieden; es war klar, dass Anne Holt noch ein Ass aus dem Ärmel zaubern würde und am Ende nichts so ist, wie es scheint, allerdings kam mir das Buchende künstlich konstruiert vor. Obwohl zwischendurch kleine Hinweise eingeflochten waren, fiel der wahre Schuldige vom Himmel und auch die Hintergründe des Mordes und der Tatablauf scheinen nicht sonderlich realistisch, zu viele Zufälle kommen hier zusammen. Hier schießt Anne Holt in ihrem Wunsch, ihre Leser zu überraschen, meiner Meinung nach etwas über das Ziel hinaus.

_Personalien_

„Die Wahrheit dahinter“ ist ein weiterer Krimi aus der Hanne-Wilhelmsen-Reihe, der mit einem kleinen zeitlichen Bruch nach „Das letzte Mahl“ die Serie fortsetzt. Aus eigener Erfahrung kann ich nur dringend dazu raten, die Bücher in chronologischer Reihenfolge zu lesen, um der personellen Weiterentwicklung folgen zu können. Anne Holt verwendet viel Zeit darauf, um ihre handelnden Figuren näher vorzustellen; so erfahren wir in diesem Buch, dass Hanne Wilhelmsen nach dem Tod ihrer ehemaligen Lebensgefährtin Cecilie eine wohlhabende Frau namens Nefis geheiratet hat. Die beiden leben zusammen mit ihrer skurrilen Haushälterin Marry in einer schönen Wohnung und auch Nefis äußert mehr als deutlich den Wunsch nach einem Kind. So sind auch in dieser Beziehung die Streitereien vorprogrammiert, denn in dieser Hinsicht ist Hanne Wilhelmsen uneinsichtig wie eh und je. Obwohl sie inzwischen in therapeutischer Behandlung ist, konnte sie ihre traurige Kindheit noch nicht überwinden und mag auch nicht die Verantwortung für ein eigenes Kind übernehmen.

Eine weitere wichtige Figur ist Billy T., der mit der Frau seines fünften Kindes zusammenlebt, aber permanent unter Geldmangel leidet, weil er vier Exfreundinnen Alimente für die gemeinsamen Kinder zahlen muss. Auch seine Verbindung zu dubiosen Osloer Kreisen sind noch nicht eingeschlafen; so liefert Billy T. entscheidende Hinweise zur Auflösung des Mordfalles. Während Billy T. in den vorigen Romanen Hannes einziger Vertrauter war und er allein wusste, dass seine Kollegin lesbisch ist, distanziert sich Hanne in diesem Buch mehr denn je von Billy T.

Doch auch die Stahlbergkinder bekommen viel Raum in der Erzählung. Anne Holt stellt ausführlich Hermine und ihre Drogenprobleme vor, aber auch Carl-Christian und seine Ehefrau Mabelle finden Erwähnung. Die Autorin versucht hier bemüht, alle Charaktere nahezu gleichwertig zu behandeln; wir begleiten fast alle Personen in ihr Privatleben und lesen über ihre Gedanken und Handlungen. Allerdings franst die Erzählung dadurch so sehr aus, dass man den Gedankengängen der Autorin kaum folgen kann. Wünschenswert wäre es gewesen, wenn Anne Holt sich auf drei oder vier Figuren konzentriert hätte, nicht jeder Charakter kann gleichwertig vorgestellt werden, ohne die Leser zu verwirren. Durch die vielen Charakterisierungen gerät leider die Erzählung ins Stocken, da es inhaltlich nur wenig vorangeht. Schade – eine gute Figurenzeichnung trägt zwar zum Lesegenuss bei, kann aber die Freude auch trüben, wenn sie übertrieben wird.

_Am Ende siegt die Wahrheit_

Anne Holt hebt sich alleine schon durch ihre lesbische Krimiheldin deutlich von ihren Krimikollegen ab, verwendet aber so viel Zeit und Mühe, um ihre Figuren zu präsentieren, dass dringend dazu geraten ist, Holts Romane in chronologischer Reihenfolge zu lesen. Sonst ist es äußerst schwierig, die vergangenen personellen Entwicklungen nachzuvollziehen. Der vorliegende Kriminalfall erscheint uns äußerst brisant; drei Mitglieder der einflussreichen Familie Stahlberg sind brutal ermordet worden und stören damit die idyllischen Vorbereitungen zum verschneiten Weihnachtsfest in Oslo. Dadurch entsteht ein interessanter Gegensatz. Durch die ausschweifenden Personenbeschreibungen verliert man sich aber schnell in den unterschiedlichen Handlungssträngen und blättert ein wenig verwirrt weiter; ein roter Faden wäre hier an einigen Stellen wünschenswert gewesen. Die Auflösung erschien mir ein wenig zu unwahrscheinlich und konstruiert, sodass ein fader Nachgeschmack zurückbleibt. Dennoch versteht es Anne Holt, ihre Leser zu unterhalten und wie immer am Ende auch zu überraschen. Es sind daher nur kleine Abzüge zu vermerken, die die Lektüre dieses Buches ein wenig verkomplizieren und das Lesevergnügen trüben.

Joyce Reardon [= Ridley Pearson] – Das Tagebuch der Ellen Rimbauer: Mein Leben auf Rose Red

pearson-rose-red-cover-kleinIm Jahre 1907 heiratet der Großindustrielle John Rimbauer die junge Ellen. Die Ehe ist unglücklich, Rimbauers Villa Rose Red verflucht. Das Haus nährt sich von negativen Gedanken und Gefühlen und wird ein Ort, in dessen Wänden viele Personen spurlos verschwinden … – Der Roman erzählt die Vorgeschichte der TV-Miniserie (2002) als angebliches Tagebuch. Das Werk setzt gemächlich ein, weist auch im Mittelteil Längen auf, gewinnt aber im Finale Tempo und verwandelt sich in eine echte Geistergeschichte, die den Leser nicht hellauf begeistert, aber durchaus unterhält.
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Marco Buticchi – Die Jagd nach den Mondsteinen

Das geschieht:

Die „Mondsteine“: drei Stelen, gegossen aus purem Gold in menschenähnliche Gestalt, doch mit ‚Köpfen‘, die wie der zunehmende, der volle und der abnehmende Mond geformt sind. Die Entstehungsgeschichte der wertvollen Stücke ist ungeklärt; schon als sie im 1. Jahrhundert nach Christus erstmals schriftlich erwähnt werden, gelten sie als uralt. Entstanden sein sollen sie einst in der kleinen römischen Stadt Luna anlässlich des Todes eines Hohen Priesters, den die Göttin Minerva höchstpersönlich ins Jenseits entrückt haben soll. Als Erinnerung an diese Himmelfahrt blieben die Mondstelen zurück. Sie wurden von der Familie besagten Priesters geborgen und seither vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben.

So lautet jedenfalls die Geschichte, die Iunius von Luna seinem General und Freund Marcius erzählt, nachdem es im Jahre 77 n. Chr. an ihm ist, die goldenen Statuen zu hüten. Iunius hat sich auf zahlreichen Feldzügen ausgezeichnet, die das mächtige Römische Imperium unter Imperator Vespasian gegen die Germanen führte. Bis zum Tribun hat es Iunius gebracht, der nun er seinen General in die Hauptstadt Rom begleitet, wo dieser ein hohes politisches Amt anstrebt. Marco Buticchi – Die Jagd nach den Mondsteinen weiterlesen

Robert Jordan – Suche nach dem Auge der Welt, Die (Das Rad der Zeit 1 – Das Original)

Seit Jahren ärgere ich mich immer wieder, dass die Regale in den Buchläden mit lauter „Rad der Zeit“-Romanen verstopft sind (Inzwischen ist Band 28 herausgekommen plus ein Band mit der Vorgeschichte!). Einmal habe ich ein Remittenden-Exemplar gekauft und versucht, den Geist der Endlos-Serie zu schnuppern, der sie zu einem Bestseller gemacht hat. Entnervt habe ich das Buch nach 50 Seiten weggelegt, erschlagen von nichts sagenden Namen, Titeln, Orten und kursiv gedruckten Bezeichnungen. Viel Handlung gab es auch nicht, nur ewiges Herumgereite und tiefsinnige Gespräche über unverständliche magische und geschichtliche Zusammenhänge.

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Paul Sussman – Der Fluch der Isis

Sussman Fluch der Isis Cover 2006 kleinVor zweieinhalb Jahrtausenden endete ein mit Schätzen beladenes Perserheer in der ägyptischen Wüste. Jetzt wollen fundamentalistische Terroristen die Kostbarkeiten an sich bringen. Eine junge Engländerin ist jedoch schneller, was eine wilde Verfolgungsjagd anheben lässt … – Angestrengt ambitionierte, tatsächlich anspruchslose und unbeholfene Mischung aus historischer Mystery und Polit-Thriller: Lektüre vor knatterbunter Exotik-Kulisse für einen schon halb von Schlaf geprägten Feierabend.
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Lothar-Günther Buchheim – Der Abschied

Der Buchumschlag lässt schon erahnen, dass es wohl um tiefsinnige Rekapitulation der Vergangenheit zweier vom Seekrieg gezeichneter und geprägter Männer geht. Auch hier gilt wieder die Devise, dass Buchheim selbst, wie schon bei „Das Boot“ und dem inoffiziellen zweiten Teil „Die Festung“, das Werk als „fiktiv, aber nicht erfunden“ tituliert. Den Leser erwartet ein sehr zäher, fast 600-seitiger Reisebericht einer Fahrt, die irgendwann – so oder so ähnlich – um 1980 stattgefunden haben muss. Buchheim reist mit dem „Alten“ ein letztes Mal auf einem zivilen Schiff nach Südafrika. Es ist seine letzte Fahrt als aktiver Kapitän und Buchheim ist als sein Gast an Bord.

Der Autor

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Ursula K. Le Guin – Rückkehr nach Erdsee

Im Universum der Erdsee entwickelt sich eine Krise: Die Drachen verbrennen die westlichen Inseln, und die Seelen der Verstorbenen werden nicht mehr erlöst. Die Magier sind wieder gefragt, doch diesmal sind sie auf besondere Hilfe angewiesen: zwei neue Drachen. Dieser bewegende Fantasyroman wurde ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award 2002.

Ursula Kroeber Le Guin, geboren 1929 als Tochter des berühmten Anthropologen Kroeber, ist eine bessere Schriftstellerin als C.S. Lewis (was etwa Jugend-Fantasy angeht), mit einem klareren Stil als Alan Garner (GB), origineller als Susan Cooper oder Joy Chant und schreibt flüssiger als alle ihre amerikanischen Nachahmer. Denn „Wizard of Earthsea“ setzte eine hohen, sehr hohen Maßstab. Neben Tolkiens Werk (1954/55), das sich nicht explizit an Jugendliche richtete und mit christlichen Motiven überfrachtet ist, ist „Wizard“ das klassische Fantasy-Abenteuer für junge Leser. Auch die Frauenbewegung in der Fantasy schätzte „Wizard“ und seine Folgebände sehr. Werke wie „Die Traumschlange“ von Vonda McIntyre erinnern daran.

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