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A. J. Kazinski – Die Auserwählten

_Die Handlung:_

Ein Mönch in China, eine Ärztin in Kanada, ein Bürgerrechtler in Russland – rund um den Erdball werden Menschen ermordet. Menschen, zwischen denen ein geheimnisvoller Zusammenhang besteht: Die Opfer tragen ein blutiges Mal auf dem Rücken. In Kopenhagen laufen die Fälle zusammen, und Kommissar Niels Bentzon übernimmt die Ermittlungen. Unterstützung bekommt er von Hannah Lund, einer genialen Physikerin, die, begeistert von mathematischen Theorien, das Rätsel schließlich löst. Doch damit bringt sie sich und Bentzon in tödliche Gefahr. (Verlagsinfo)

_Mein Eindruck:_

Das Manuskript des Romans wurde bereits vor der Veröffentlichung in acht Länder verkauft, die Rechte am fertigen Buch in 16. Und wir bekommen das Werk nach Frankreich und Italien mit als Erste zu hören, das will schon etwas heißen und lässt die Vorfreude beim Hörer ansteigen.

Seit einiger Zeit scheint es unglaublich hip zu sein, alles was „psycho“ im Namen hat, in seinen Roman einzubauen. Es gibt keine Krimis mehr, die heißen jetzt „Psychothriller“. In denen spielen meist Psychiater oder psychisch gestörte Protagonisten mit, immer wieder ist auch ein Polizist im Rang eines Kommissars gern genommen, der so seine Probleme hat. Warum unser Niels Bentzon als manisch-depressiv eingestuft wurde, kann sich der Hörer auf jeden Fall nicht erklären, da er während dieser Geschichte keine außergewöhnlichen Verhaltensauffälligkeiten zeigt.

Die Geschichte geht los und wir erfahren direkt etwas über die Morde vom Klappentext. Dann lernen wir den Kommissar kennen, seine Arbeit und seine Reiseangst, wegen der er von seinen Kollegen mehr oder weniger ausgebootet wurde. Auch seine Ehe verläuft nicht rosig, da seine Frau in Südafrika ist und er sie aus bekannten Gründen nicht besuchen kann.

Und dann begegnen uns immer wieder jede Menge englische Phrasen z. B. beim Chat, am Telefon, im Flugzeug … Die wird nicht jeder verstehen, auch wenn sie natürlich die internationale Kommunikation in diesem Krimi verdeutlichen. Schulenglisch reicht vollkommen aus, aber, wer in der Schule keins hatte oder nicht richtig aufgepasst hat, der wird hier und da ärgerlich grummeln, denn nur wenige dieser englischen Sätze werden anschließend noch mal auf Deutsch kommentiert.

Nach etwa einer Stunde Hörzeit bekommt dann Niels Bentzon eher aus Mitleid den Auftrag, die weltweiten Mordfälle zu untersuchen, von denen der Hörer schon am Anfang erfahren hat. Die weisen mittlerweile einen Zusammenhang auf: Die Opfer haben alle eine seltsame Tätowierung, ein Muster auf dem Rücken.

Eine weitere Hörstunde später kommt dann auch die ebenfalls im Klappentext erwähnte Hannah Lund mit an Bord. Und, richtig geraten, auch in ihrem Charakter gibts ein „psycho“. Sie war einmal in einer geschlossenen Anstalt untergebracht.

Nun hat unser neu gefundenes Duo also noch über fünf Stunden Hörzeit, um den oder die zu finden, die „die Guten“ auf der Welt töten. Spätestens hier wird klar, dass der Titel mit „Die Auserwählten“ seltsam gewählt ist, heißt der Roman doch im übersetzten Original „Der letzte gute Man“ und trägt diesen auch in der englischen Version. Das passt auch besser zur Geschichte, denn ständig wird über „die Guten“ gesprochen und nicht über „die Auserwählten“.

Alle Opfer vereint ein starkes soziales Engagement. Dass Hannah den „Code“ knackt, das verrät der Klappentext ebenfalls und ab da wechseln die Erzählstandpunkte wild hin und her. Denn Hannah und Niels wissen zwar, dass es noch weitere Opfer geben wird, auch wann es geschehen soll, nur das „wo“, da gibt es mehrere Optionen.

Und so steigt die Spannung von Beginn an immer weiter. Wo sich das Autoren-Duo Kazinski jede Menge Zeit lässt, um den Kommissar vorzustellen, wird die Wissenschaftlerin eher per Zufall nebenbei mit eingesammelt und nicht weiter vertieft. Auch die privaten Probleme des Ermittlers interessieren den Hörer eher weniger, zumal niemand an mehreren Orten gleichzeitig auf der Welt sein kann, um Ermittlungen zu führen, Flugangst hin oder her.

Niels und Hannah sind ein interessantes Team, vielleicht grad aufgrund der „psycho“-Vorbelastung von beiden und sei sie nur von außen eingeredet. Die Ermittlungen sind spannend und fangen den Hörer gerade noch ein, als er im Begriff war, gelangweilt zu werden, da es ein wenig dauert, bis die Recherche und die Hetzerei losgehen und die Spannung zunimmt.

Die letzten Stunden möchte man dann einfach am Stück hören, da man gebannt mitfiebert, ob die beiden Erfolg haben werden. Und hin und wieder wird der Hörer dabei auch mal von der Handlung überrascht, was mich sehr gefreut hat, da ich Unvorhergesehenes grad bei Krimis zu schätzen weiß.

Leider waren mir die letzten 90 Minuten allerdings zu metaphysisch-esoterisch-religös langweilig und die haben mir dann mehr oder weniger die Spannung zerstört, die vorher so gekonnt aufgebaut wurde.

Eine Sache hat mich aber wirklich gestört und das möchte ich direkt nach einer Spoiler-Warnung noch loswerden, damit niemand außer mir am Ende enttäuscht ist:

|Spoiler – Anfang|

Dass die Menschen auf der ganzen Welt ermordet werden und die Morde einem Muster folgen, das wissen wir am Ende. Auch was das Muster bedeutet und wie es funktioniert. Aber die Autoren verraten dem Hörer nichts über das Warum! Ich hätte gern eine Erklärung gehabt, warum die „guten Menschen“ sterben sollten. So macht die ganze Geschichte, bei aller Spannung, so gar keinen Sinn mehr, leider. Ein offenes Ende hätte ich akzeptiert, aber ein fehlender Sinn hinterlässt bei mir einen faden Beigeschmack. Wenn das daran liegen sollte, dass ich einfach zwischen nicht richtig aufgepasst habe oder das im Buch (die Lesung ist gekürzt) erwähnt wird, bitte ich um Entschuldigung.

|Spoiler – Ende|

_Das Hörerlebnis:_

David Nathan kommt sehr leise ins Ohr des Hörers, der bei dieser Lesung die Lautstärke schon eine Ecke weiter aufdrehen muss als bei anderen Hörbüchern.

Hat man das einmal hinter sich gebracht, zeigt Nathan wie so oft, dass er zu den beliebtesten Sprechern Deutschlands gehört. Jede Stimmungslage und jeder Charakter wird von ihm perfekt interpretiert. Ob ein Junkie motzt oder ein Vorgesetzter stutzt, eine alte Dame im Krankenhaus im Sterben liegt oder Hannah und Niels telefonieren. Immer ist David Nathan Herr der Lage und sorgt für ein tolles Kopfkino, indem er die Spannung perfekt transportiert.

Auch die englischen Passagen werden von ihm so deutlich vorgetragen, dass sie leicht zu verstehen sind. Für diesen Roman war er eine gute Wahl.

_Die Autoren_

A. J. Kazinski ist das Pseudonym für das dänische Autorenduo Anders Rønnow Klarlund und Jacob Weinreich. Anders Rønnow Klarlund, Jahrgang 1971, arbeitet als Autor und Regisseur. Für seine Filme ist er bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Jacob Weinreich, 1972 in Århus geboren, ist Drehbuch- und Romanautor. „Die Auserwählten“ ist ihr erster gemeinsamer Roman. (Verlagsinfo)

_Der Sprecher:_

David Nathan, die deutsche Stimme von u.a. Christian Bale und Johnny Depp, gehört zu den gefragtesten Hörbuchsprechern Deutschlands. Für Random House Audio hat er zuletzt die Hörbücher zu Guillermo del Toros „Die Saat“ und „Das Blut“ und Ryan David Jahns „Ein Akt der Gewalt“ gesprochen. Für audible hat er unter anderem die ungekürzten Lesungen von „Es“, „Sie“ und „Die Arena“ gesprochen. (Abgewandelte Verlagsinfo)

_Die Ausstattung:_

Die CDs, die in einem Jewel-Case stecken, sind mit dem gleichen mathematischen Symbol bedruckt, das auch auf dem Titelbild zu finden ist. Ich bin in der Materie nicht bewandert, aber ich meine, dass dieses Bild nichts mit dem Roman zu tun hat, aber den Grund hier zu nennen, wäre ein Spoiler. Ein Booklet-Faltblatt gibt der Verlag noch dazu, in dem noch einmal eine andere Variante des Inhalts zu lesen ist, als die Version, die auf der Rückseite des Jewel-Cases steht. Außerdem gibt es noch Infos zu Autor und Sprecher sowie ein Bild des Sprechers zu sehen und etwas Eigenwerbung für zwei weitere Hörbücher des Verlags.

_Mein Fazit:_

Ein Krimi mit einer interessanten Grundidee, der zu fesseln weiß, auch ohne brutalst verstümmelte Leichen. Ein interessantes Ermittlerduo, das stetig den Spannungsbogen nach oben klettert und dabei von einer von ihm gewohnt brillanten Leistung des Sprechers begleitet wird. Einige kurzweilige Hörstunden sind hier garantiert. Der Rest, der leider den Schluss bildet, war für mich überflüssig und in die Länge gezogen langweilig. Ohne die letzte Stunde hätte das Hörerlebnis keinen leicht faden Abgang gefunden.

|6 Audio-CDs
Spieldauer: ca. 7:48 Std.
Gelesen von David Nathan
Originaltitel: Den sidste gode mand (2010)
ISBN: 978-3-8371-0966-5|
[www.randomhouse.de]http://www.randomhouse.de

Terry Pratchett – Das Mitternachtskleid (Lesung)

Dieses Hörbuch handelt von einer jungen Hexe namens Tiffany Weh, die sich aufopferungsvoll um die Menschen ihres Einzugsbereichs kümmert – in allen menschlichen Belangen wie Streit, Krankheit, Alter, Erziehung, Bildung … Während dieser Zeit, als sie gerade ihre Stellung in der Gegend zu festigen sucht, verstirbt der Baron und mit ihm der wichtigste Fürsprecher der Hexe, die sich fortan gegen Intrigen und im folgenden Machtkampf um die beste Stellung an Seiten des jungen Barons durchsetzen muss. Mit dem Volk der „Wir sind die Größten“ hat sie wertvolle, wenn auch oftmals über das Ziel hinausschießende Verbündete, doch erwächst ihr auch ein Gegner, wie ihn jede Hexe in jungen Jahren zu besiegen hat: aus Misstrauen geboren, greift „der Mann ohne Augen“ nach ihr und den Menschen ihrer Umgebung.

Kurz: Es ist die Geschichte der Etablierungsprüfung der jungen Hexe, die sich damit selbst beweist, des Mitternachtskleides (wohl die traditionelle Kleidung der Hexen) würdig zu sein.

Während der Geschichte treffen wir auf alte Bekannte wie Hauptmann Karotte und den „kleinen irren Arthur“ aus Ankh Morpork, die Rufus Beck so einprägsam zu charakterisieren vermochte, oder die Hexen Oma Wetterwachs und Nanny Ogg, die durch die krächzende Stimme Katharina Thalbachs personifiziert und perfektioniert wurden. Hier zeigt sich eine Schwäche wechselnder Vorleser, denn obwohl Boris Aljinovic solide Arbeit leistet (und zuletzt im „Club der unsichtbaren Gelehrten“ überzeugte), kommt seine schnoddrige Interpretation nicht an die charismatischen Töne Becks und Thalbachs heran, die sehr gut differenzierten zwischen volksdümmlicher, austauschbarer Intonation und sehr persönlicher Charakterisierung der Protagonisten. Dagegen passt dieser Ton Aljinovics hervorragend zum Beispiel zu den „Größten“ …

Die Geschichte selbst ist geradlinig, doch sind es wieder, wie Pratchett-typisch, die Details, die sie zu etwas Besonderem macht – wie zum Beispiel das komplett zerlegte Wirtshaus in Ankh Morpork, das die Größten nächtens wieder rekonstruieren und dabei leider verkehrt herum aufstellen!

Für die Handlung wohl irrelevant und daher für das Hörbuch gekürzt (so hofft man, wenn man Pratchett keine Nachlässigkeit unterstellen will), ist die Frage nach dem Mitternachtskleid. Es findet kaum Erwähnung, geschweige denn Erklärung, doch lässt die letzte Thematisierung vermuten, dass es sich um das traditionelle Gewand der Hexen handelt und Tiffany es bisher nicht trug, weil sie sich dem noch nicht für würdig erachtete. Das ändert sich erst nach ihrer Konfrontation mit dem Mann ohne Augen.

Die zumeist dümmlichen Vertreter der Bevölkerung der Scheibenwelt sind in diesem Roman in der Minderheit, hier geht es vielmehr um die Persönlichkeit der Hexe und ihrer Reifung, bis sie zur finalen Konfrontation bereit ist. Natürlich bleibt trotzdem die reizende Blödheit einzelner Personen nicht aus, die ja bekanntlich einen Gutteil des Charmes ausmacht, von dem die Pratchett-Romane durchdrungen sind. Etwas feiner und stiller kommt der Roman daher, nicht so polternd wie in vielen anderen Beispielen ist der Humor – vielleicht ein Grund, warum man hier von einem Märchen spricht. Ein anderer ist natürlich die Charakteristik der Geschichte, die Reise und der Weg der jungen Tiffany Weh, ihre Reife und Reifeprüfung …

Insgesamt ein angenehmes Hörvergnügen, das mit wenigen überraschenden Wendungen auskommt, aber wie immer durch den Einfallsreichtum und die Vielfältigkeit besticht. Von Pratchett kann man nicht genug haben!

4 Audio CDs
Spieldauer: 318 Minuten
Originaltitel:
I Shall Wear Midnight
Gelesen von Boris Aljinovic
ISBN-13: 978-3837108187

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Terry Pratchett – Hohle Köpfe (Lesung)

Hohle Köpfe sind sie fürwahr, die Bewohner der Stadt Ankh Morpork. Und das ist gerade ein Teil des Charmes, der Pratchetts Bücher so lesenswert macht. Denn trotz all ihrer Hohlheit entwickeln die Charaktere immer wieder ungeahnte Gedanken und Ideen, laufen strahlend vor Dummheit genau in die verzwicktesten Geheimnisse und retten sich selbst, sich selbst, sich selbst und neben bei auch immer allen anderen das Leben und die Freiheit. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Unerklärliche Morde suchen die unbescholtenen Bürger Ankh Morporks heim, und so wird ein alter Priester, ein Museumswärter und der Patrizier der Stadt tot aufgefunden – wobei Letzterer sich immer wieder aufrappelt und erst im Laufe seiner täglichen Arbeit wieder dahinsiecht. Das ruft die gesamte Mannschaft der Stadtwache auf den Plan, deren Hauptarbeitgeber der Patrizier ist. Zwischen Arsen unter den Fingernägeln des Priesters, Brennöfen für Zwergenkampfbrot, ungeheuerlichen Vorgängen unter den Golems der Stadt und Geschlechtskonflikten bei der Stadtwache ermittelt der Inspektor Mum intelligent, sein Hauptmann Karotte ehrlich und mit unerschütterlichem Glauben an die Liebe, der Rest der Wache mit sympathischer Hohlheit und erstaunlichen Zufallserfolgen. Doch es ahnt niemand, dass hier mehr auf dem Spiel steht als nur die rätselhafte Mordserie, dass es um eine gravierende Umwälzung der Gesellschaft geht …

Während sich eine amüsante Handlung in einem verstrickten Netz ausbreitet und die Wachen mehr stolpernd als zielstrebig an die Puzzlestücke gelangen, offenbart Pratchett so ganz nebenbei mal wieder kleine Einzelheiten, die seine grandiose Schöpfung schmücken, reicher machen und bunt und lebendig in ihr Umfeld betten. Die Worte in den „Hohlen Köpfen“ der Golems, die ihr Gewissen, ihre Programmierung darstellen – und sie an ihre Herren binden. War das bei dem Rabbi auch so? Neu ist jedenfalls die Idee, einen Golem zu befreien, indem man ihm seine Kaufquittung statt der Worte in den Kopf legt. Die Zwergin, die nicht über Gold und Schlachten singen will, sondern sich mit Make-up und Kleidern ausstaffiert und dadurch bei ihren Kollegen bei der Stadtwache grandiose Verwirrung stiftet. Die grandiose Verhörtechnik des trollischen Korporals, der dumpf und stur, aber konsequent, den Verdächtigen mit den Wörtern bombardiert „Du es sein gewesen? Ich wissen du es sein gewesen! Gib zu! Du es sein gewesen!“, bis die richtige Antwort fällt, die lautet „Ja ja ja, ich war es! Ich weiß zwar nicht mal, was mir vorgeworfen wird, aber ich war es, und bitte halt den Mund!“

Hohl im wörtlichen Sinne sind also die Köpfe der Golems, während sie im übertragenen Sinne mehr, wenn nicht sogar mindestens genauso viel darin haben wie ihre hohlen menschlichen (oder trollischen, zwergischen, …) Herrn. Davon heben sich ein paar Personen ab, wie Hauptmann Karotte, der zwar etwas weltfremd und naiv durch die Geschichte läuft, aber gerade dadurch in der Achtung der Städter ganz oben steht. Oder Kommandeur Mum, der die wirkliche Ermittlungsarbeit leistet, wenn er auch auf die unbeabsichtigten Treffer seiner Untergebenen angewiesen ist. Und der Patrizier belächelt sein Volk und bleibt an der Spitze, weil er der ruhende Pol, der Garant für Stabilität in der Politik der Stadt ist.

Die Zauberer der Unsichtbaren Universität bleiben diesmal außen vor, denn noch mehr Hohlheit hätte der Geschichte sicherlich mehr geschadet als genutzt …

Der Vorleser, kein geringerer als Rufus Beck, der sich nicht zuletzt über die Harry-Potter-Vertonung im Hörbuchsektor etabliert hat, zeigt bei seinen Arbeiten für die Terry-Pratchett-Romane ein besonderes und sicheres Gespür für die Charaktereigenschaften der Protagonisten. Inzwischen ist seine enorm wandelbare Stimme keine Überraschung mehr, wenn es auch bemerkenswert bleibt, wie er den Figuren Leben einhaucht – sogar den Golems. So zeigt er sich auch diesmal wieder als Pfeiler, und natürlich steht und fällt ein Hörbuch mit seinem Interpreten. Beck ist nicht nur eine sichere Wahl, sondern auch eine ausgesprochen sympathische.

Diese Geschichte hebt sich nicht erkennbar aus der Masse der Pratchetts heraus, die Qualität und der Einfallsreichtum des Autors machen es immer schwerer, eine qualitative Einordnung seiner Romane unter ihresgleichen vorzunehmen. Außerhalb seiner eigenen Schöpfung fehlt es Pratchett an vergleichbarer Konkurrenz, zu einzigartig ist und bleibt die Scheibenwelt.

6 Audio CDs, 420 Minuten Spieldauer
Gelesen von Rufus Beck
ISBN-13: 978-3837107876

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Håkan Nesser – Mensch ohne Hund (Inspektor Barbarotti 1)

Der Inspektor vs. Gott: Spielstand unentschieden

Der erste Fall für Inspektor Gunnar Barbarotti ist knifflig: „Wir haben zwei Personen, einen Onkel und einen Neffen. Gemeinsam mit einigen Verwandten kommen diese ein paar Tage vor Weihnachten zusammen, um ein Familienfest zu feiern. In der ersten Nacht verschwindet der Onkel spurlos. In der nächsten Nacht der Neffe. Warum?“ Gute Frage – nächste Frage!

Der Autor

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Terry Pratchett – Der Club der unsichtbaren Gelehrten (Lesung)

Terry Pratchetts „Scheibenwelt“ wächst und gedeiht. Wagt man in einer beliebigen Buchhandlung den Blick ins Fantasyregal in der Hoffnung, dort vielleicht einen der Scheibenwelt-Romane zu finden, wird man schier erschlagen von der Masse der versammelten Pratchett-Werke. Ein Grund, warum mancher vor dem Kauf scheuen könnte – denn wo ist der Anfang? Pratchett verspricht jedem Leser, an jedem Punkt einen Blick auf seine Scheibenwelt wagen zu können, ohne Vorwissen aus anderen Romanen mitbringen zu müssen. Schon das ist ein Kunststück für sich. Davon abgesehen ist die Scheibenwelt eine Schöpfung ohne Gleichen, die jede Beachtung mehr als verdient und mit jedem Roman, jeder Facette grandios unterhält.

Der Fußball. Die Bewohner der Scheibenwelt erfinden ihn neu, während sie ihn traditionell spielen. In den Tiefen der Unsichtbaren Universität bahnt sich ein katastrophaler Einbruch im Haushalt an, als Professor Stibbons herausfindet, dass ein Großteil des Geldes aus einem Fonds stammt, der an die Tradition des Fußballs an der Universität gebunden ist. Da die Zauberer schon lange Jahre kein Spiel mehr gespielt haben, droht der Rückzug der Fördergelder und damit ein radikaler Einschnitt in die Lebens- und vor allem Essgewohnheiten der Zauberer.

Man sucht also händeringend nach einem adäquaten Trainer für das völlig unsportliche Team der Universität, während Herr Nutt, der Kerzentropfer aus den Kellergewölben, mit seinem Freund Trevor Lightley die ersten Erfahrungen im Umgang mit Fußballfans und anderen Menschen im Allgemeinen macht. An Nutt offenbaren sich ständig neue Stärken und verborgene Talente, er überflügelt in einer Diskussion sogar den ehrgeizigen Zauberer Ponder Stibbons mit seinen philosophischen Erläuterungen und hindert einen brutalen Fußballproleten an Mord und Totschlag. Als sich herausstellt, dass Nutt einer der als ausgerottet geltenden Orks ist, gerät Ankh Morpork in hellen Aufruhr …

In der universitären Nachtküche zaubert Glenda Zuckerbohne Pasteten höchster Vollendung und versucht, ihre lebensuntaugliche Freundin Juliet, das neue Haushaltsmädchen, bei dem selbst die zölibatären Zauberer Stielaugen bekommen, vor den Annäherungsversuchen Trevors zu bewahren, den sie als Schwerenöter kennt. Sie bekommt ihre liebe Not, denn eine trendige Zwergenmodedesignerin wird auf Jules aufmerksam und engagiert sie mit einem künstlichen Bart als Model für ihr Label.

Und über allem droht die Unfähigkeit der Zauberer, die Brutalität des Pöbels und die schicksalhafte Begegnung mit Herrn Nutt, die Traditionen und den Fußball verhängnisvoll zu verändern …

Zwar ist der Fußball Anlass dieser Geschichte und zwar spielt er eine recht große Rolle (so entwickeln die Zauberer aus dem illegalen Straßenkicken gegen einen mit Leder umwickelten Holzklotz bei billigen fettigen Pasteten und ohne Blickkontakt zum Spiel für die meisten Zuschauer), doch der eigentliche Gegenstand ist eine Liebesgeschichte, ein unerkannter Ork und die erneute grandiose Charakterisierung der Zauberer. Das sind nämlich ein Haufen alter Säcke, die keine Ahnung von nichts haben und auch nichts mit sich und ihrer Zeit anzufangen zu wissen scheinen, abgesehen von regelmäßigen, häufigen und ausgiebigen Mahlzeiten bei reich gedeckten Buffets jeglicher Ausrichtung. Der Fußball rückt ihnen nur ins Bewusstsein, weil all ihre Annehmlichkeiten (nämlich die Mahlzeiten) aus einem Fonds finanziert werden, der an eine Bedingung geknüpft ist: Mindestens einmal alle zwanzig Jahre ein Fußballspiel zu bestreiten.

Der Vorleser Boris Aljinovic, der sich aufgrund der Geschichte vor allem mit den Stimmen älterer Männer beschäftigen muss, macht einen sehr guten Job, obwohl man im Verlauf der ersten CD manchmal den Eindruck gewinnt, er würde einen Charakter doppelt belegen – so meint man im Erzkanzler Ridcully den Kerzenknappen Trevor Lightley wiederzuerkennen, wobei Letzterer bei einem Aufeinandertreffen der beiden mit einer plötzlich höheren Stimme belegt und dadurch unkenntlich gemacht wird. Es bleibt aber bei diesem einen Fall, im weiteren Verlauf pegelt sich Aljinovic auf jeweils eigenständige Charakterisierungen mit Wiedererkennungswert ein, die auch dem entsprechenden Protagonisten gerecht wird. So bekommt beispielsweise Nutt eine recht hohe, zurückhaltende Stimme mit intellektuellem Touch, während Trevor einen leicht verwaschenen, schwammigen Ausdruck bekommt, der seinen Stand und seinen Umgang mit den Straßenbanden im Fußballfieber verdeutlicht.

Neben den Zauberern, die in ihrer fast unbeschreiblichen Art ein bedeutendes Charisma ausstrahlen, ist Natt ein Hauptinteresseträger der Geschichte. Hier drückt Pratchett auch die nächste Fantasygattung, den Ork, auf seine Scheibenwelt und wirft ein Schlaglicht auf seine Entstehung, seine Geschichte und die Problematik seiner Existenz. In diesem Zusammenhang nimmt die Geschichte eine gewisse Ernsthaftigkeit an, als eine filmähnliche Sequenz von wenigen Sekunden Länge Zeugnis von der Rolle der Menschen bei den brutalen und unbeschreiblich blutrünstigen Kriegen der Orks ablegt und sie als Sklaventreiber offenbart. Damit erhalten die verfolgten Orks auf der Scheibenwelt eine zukünftige Chance, sich zu einem eigenen Volk ohne die Klischeebehaftung als Kopfabreißer zu entwickeln. Nutts Rolle hierbei ist noch nicht beendet – ein interessantes Detail ist seine Begegnung mit dem immer wieder auftauchenden Tod, der Nutts Lebensuhr neu stellt.

Trevor ist der Sohn des Fußballidols aller Fans, der brutal nach einem Spiel ermordet wurde. Er schwor seiner Mutter, dem Fußball zu entsagen, doch vor allem seine unerwartete Romanze, die dem Roman eine auf witzige Weise seicht kitschige Note verleiht, bringt ihn doch ins Team der Zauberer. Und mit Glenda wirkt noch eine resolute junge Frau mit einem großen Herz (und einer herausragenden Qualität in der Küche) mit am Glück des jungen Paares wie auch am Glück der Stadt, der Universität und der Orks, insbesondere Natts.

Es ist also ein pratchetttypisch vielschichtiger Roman, dessen absurde Zusammenhänge, überhaupt die schrägen Entwicklungen, mehr das Charisma der Scheibenwelt transportieren als die Handlung an sich, die trotz des geringen Umfangs schwer in wenige aussagekräftige Worte zu fassen ist, da sie eigentlich recht banal anmutet. Der Fußball ist zwar der Fußball und mag damit für den einen oder anderen Leser abschreckend wirken, doch zumindest in der für das Hörbuch bearbeiteten Fassung überwiegt das Pratchett-Flair mit seinem Witz und seiner ausufernden Skurrilität.

6 Audio-CDs mit 420 Minuten Spieldauer
Deutsch von Gerald Jung
Originaltitel:
Unseen Academicals
ISBN-13: 978-3837104028
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Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Justin Cronin – Der Übergang

Die Handlung:

Die sechsjährige Amy Harper Bellafonte, aus einer Affäre geboren, wird von ihrer Mutter weggegeben. Das FBI greift sich das Mädchen und setzt es zusammen mit einem Dutzend Schwerverbrecher einem Experiment mit einem Virus aus, das zur Unsterblichkeit führen soll. Das Experiment schlägt katastrophal fehl und die Welt wird ins Chaos gestürzt.

Es scheint, dass Amy die Einzige ist, die die Welt jetzt noch retten kann …

Mein Hör-Eindruck:

Das Buch hat 1024 Seiten, und auch die Hör-Ausgabe, trotz Kürzung, umfasst stattliche zehn CDs. Diese Größenordnung bin ich eher von ungekürzten Lesungen der „Harry Potter“-Romane oder „Perry Rhodan“ gewohnt. Aber offenbar wollte der Verlag dem Hörer etwas Gutes tun und nicht zu sehr streichen, aber auch nicht langweilen und jedes kleine Detail vorlesen lassen. Wobei ich mich das ein und andere Mal schon gefreut hätte, wenn (problemlos) um weitere Stunden gekürzt worden wäre, an Stellen, an denen die Geschichte nicht vorankommt und die Protagonisten nicht von der Stelle.

Der Sprecher

David Nathan entwickelt sich immer mehr zu einem meiner Favoriten. Selbst die über 40 Stunden „Die Arena“ von Stephen King mit ihm waren kurzweilig, weil er es perfekt versteht, seine Stimme leicht zu modulieren, wenn es vonnöten ist. Sei es, um verschiedenen Charakteren eine eigene wiedererkennbare Stimme zu verleihen, oder um Spannung aufzubauen. Hier merkt man, dass er als deutsche Synchronstimme von Johnny Depp und Christian Bale nicht nur Texte abliest, sondern die Szenen auch vor dem Mikro spielt. Umso glaubhafter sind das Ergebnis und das Erlebnis für den Hörer. Die Geschichte klingt erzählt und nicht nur vorgelesen.

Gestört hat mich immer mal wieder eine falsche englische Aussprache Nathans. Bei „Mardi Gras“ spricht der Amerikaner das „S“ nicht, und bei „New Orleans“ liegt die Betonung auf dem „O“, nicht auf auf dem „ea“. Das allerdings hätte die Aufnahmeleitung bemerken müssen.

Das Hörerlebnis

Abgesehen davon konnte ich mal langsam, mal schnell, dann wieder mit Vollbremsung, auch mit spontanem Zeitsprung und wieder mit blutiger Action, ein postapokalyptisches Amerika erleben, das von Vampiren bevölkert wird, die eigentlich keine sind, eher eine Art Zombie. Und das nicht nur, weil „Vampir“ heutzutage nicht mehr „N-o-s-f-e-r-a-t-u“ geschrieben wird, sondern „E-d-w-a-r-d“. Die Vampire aus „Der Übergang“ sind aus einem Virus entstandene Killer, da ist nichts Romantisches dran.

Eigentlich könnte man das Buch auch als eigenständigen Roman stehenlassen. Das Ende ist offen, was nicht verwundert, es ist ja auch Teil eins von drei, und es entsteht der Eindruck, als sei der Weg das Ziel und die Geschichte steuere nicht wirklich auf ein Ende zu. Dennoch könnte das (Hör-)Buch als Ende-zum-Nachdenken und Abschluss durchgehen.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, ob sich Cronin weiterhin lustig aus allem, was Rang und Namen hat, freizügig bedient, um seine Story weiterzuerzählen. Mich würde allerdings auch nicht wundern, wenn auch das dritte Buch kein wirkliches Ende hätte, und ob es happy ist, bleibt auch abzuwarten. Vielleicht sind die Hauptcharaktere um Amy (die eigentlich in „Der Übergang“ nur eine Nebenrolle spielt, auch wenn sie das Cover ziert und in der Verlagsinfo gern als Hauptperson dargestellt wird) am Ende des dritten Teils am Ozean ankommen, und es entstünde der tiefenpsychologisch wertvolle Dialog:

„Oh, guckt mal, der Ozean … wollen wir ’ne Runde schwimmen?“
„Ne, lasst mal wieder umdrehen.“
Ein paar fäkale Kraftausdrücke folgen.

Es ist halt ein Roadmovie in Buchform. Eine Geschichte, bei welcher der Weg das Ziel ist, auch wenn die Protagonisten etwas anderes behaupten.

Der zweite Teil wird 2012 erscheinen und den Titel „The Twelve“ tragen. Der letzte Teil „The City of Mirrors“ ist für 2014 geplant. Bereits vor dem Erscheinen von „Der Übergang“ verkaufte Cronin die Filmrechte an dem Buch an Fox 2000 für $1.75 Millionen. $3.75 Millionen gab es für den Autor vom Verlag für die gesamte Trilogie.

Die Verpackung – Das Booklet

In einer aufklappbaren Pappschachtel sind die zehn CDs der Lesung jeweils einzeln nochmals in Papphüllen verpackt. Das Booklet ist ein zweiseitiger Flyer, in dem das Gleiche steht, was auch auf der Rückseite der CD-Box zu lesen ist. Zusätzlich gibt es noch ein paar kurze Infos zu Autor und Sprecher.

Die düstere und abgewetzte Optik, die das Buch ziert, ist auch für das Cover der Lesung übernommen worden und passt gut zur Stimmung, die vermittelt werden soll. Die ganze Box sieht aus, als wäre sie schon eine Zeit lang unterwegs gewesen und hätte einiges hinter sich, genau wie die Protagonisten in der Geschichte.

Mein Fazit:

Wer postapokalyptische Erzählungen wie „The Road“ oder „I am Legend“ mag und wen es nicht stört, dass dieser Roman eine Reise ohne Abschluss ist und erst der erste von drei Teilen, der kann sich hier über 700 Minuten lang düster und teilweise actionreich-brutal unterhalten lassen. Nicht zuletzt, weil David Nathan wieder einmal gute Arbeit leistet, trotz der immer wieder eingestreuten Fäkalausdrücke. Aber dafür kann ja der Sprecher nichts. Scheiße aber auch.

10 Audio-CDs mit ca. 12,5 Stunden Spieldauer
Gesprochen von David Nathan
ISBN-13: 978-3-8371-0421-9
www.randomhouse.de/randomhouseaudio
www.der-übergang.de

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Terry Pratchett – Ruhig Blut! (Lesung)

Neues von der vielseitigen Scheibenwelt: Vampire bedrohen das Königreich! Unbemerkt von allen, außer einigen Hexen, beeinflussen die Vampire König und Hofstaat, um sich ein modernes Volk von Vasallen und „Nahrung“ zu schaffen. Modern, das ist die Devise des amtierenden Grafen: Jahrelange Konfrontation mit den vampirschreckenden Mitteln wie Knoblauch, Zitronen, heiligen Symbolen, Licht und normaler Nahrung haben tatsächlich für eine gewisse Toleranz gegenüber dieser Dinge geschaffen – ausgenommen bleiben natürlich die Pflöcke, die man einem Vampir ins Herz rammen soll …

Agnes, eine Hexe von fülliger Gestalt, beherbergt eine zweite Persönlichkeit in ihrem Innern. Die stets mit nervenden Kommentaren bezüglich Agnes‘ Figur stichelnde „Perdita“ erweist sich jedoch als Vorteil, als die Vampirfamilie aus Überwald zur Geburt des königlichen Kindes eingeladen wird und diesen Vorwand nutzt, die geistige Herrschaft im Schloss von Lancre zu übernehmen – den doppelten Geist Agnes‘ bekommen sie nicht zu fassen.

Agnes geling es, ihre Hexenkolleginnen (Frau Ogg und die Königin Magrat Knoblauch) aus dem Bann zu befreien und mit ihnen auf die Suche nach Oma Wetterwachs, der ältesten und mächtigsten Hexe des Reiches, zu gehen, die allein eine Chance hätte, gegen den Grafen zu bestehen.

Zwar finden sie Oma, die aber keine Anstalten macht, sich an dem Kampf zu beteiligen. Da tauchen kleine blaue Männchen auf, die für Unruhe sorgen und König Verence befreien könnten. Und obwohl die Vampire gegen übliche Abwehrmittel immun zu sein scheinen und Oma Wetterwachs außer Gefecht setzen, gewinnen die Hexen an Boden. Da erweckt Igor, der persönliche Diener des Grafen, den alten Grafen in seiner Gruft zu neuem Leben …

Die Scheibenwelt bietet in ihrem Wahnsinn unendliche Spielwiesen für die absurden Ideen ihres Schöpfers. Vampire, die eine Art Hyposensibilisierung durchziehen, um sich gegen religiöse Symbole, Zitronen, Knoblauch und Silber immun zu machen (nur der Pflock ins Herz zeigt weiterhin Erfolg); eine neue Betrachtung des Phönix als natürlichen Bewohner der Scheibenwelt mit interessanten pseudowissenschaftlichen Ansätzen. Schizophrene Hexen und ein unter Drogen wütender König mit blauen Gnomen, die zu viert eine Kuh entführen können (je einer unter einem Huf) – Pratchett verbreitert seine Sammlung neuer Ansätze bei bekannten Figuren des Genres und erzählt dabei ein Abenteuer voller Spannung und humorvoller Unterhaltung.

Katharina Thalbach als Sprecherin erfüllt mit ihrer kratzigen Stimme gerade die Hexen mit charaktervollem Leben, beherrscht aber auch die Kunst, männliche Stimmen glaubhaft zu erzeugen. Ihre Leistung erzielt die Qualität, mit der das Hörbuch gesehen werden muss.

Agnes ist als Charakter etwas schwach ausgebildet, doch Nanny Ogg und Oma Wetterwachs erhalten mit wenigen Strichen eine eindrucksvolle Persönlichkeit, ebenso wie der junge Vampir Vlad und der Diener Igor ihr glaubhaftes Eigenleben entwickeln.

Die Gnome sind mehr als Kuriosität zu sehen, sie tragen wenig zur eigentlichen Geschichte bei. Aber der Priester von Ohm wirkt kräftig mit und macht eine konsequente Entwicklung durch, an deren Ende er sogar die Axt in ein religiöses Symbol verwandelt, um die Vampire anzugreifen.

Insgesamt ein buntes Spektakel mit sehr anspruchsvoller Umsetzung durch die Erzählerin. Weit weniger verworren als andere Romane Pratchetts, aber ein sehr unterhaltsamer voller Überraschungen.

6 Audio-CDs mit ca. 420 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3837103137

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Markus Heitz – Collector

Die Handlung:

Im Jahr 3042 haben große Konzerne die Macht auf der Erde übernommen und unterhalten „Justifier“-Truppen. Das sind militante Einsatzgruppen, die für die Konzerne Aufträge erledigen. Ein solcher Trupp überfällt und entführt den Frachterpiloten Wiolant „Kris“ Schmidt-Kneen nebst Ladung, die aus einem seltenen Sprungtriebwerk für Raumschiffe besteht. Seine Entführer, die Bangash Industries, bieten Kris einen Job an und bilden ihn zum „Justifier“ aus.

Auch Faye Durrick, die in Haft sitzt, wird durch ihre Schwester Nuria Suede für die Bangash Industries verpflichtet und zum „Justifier“ ausgebildet. Suede ist ein „Codriver“, ein Mensch, in den ein Geistwesen gefahren ist und sie dadurch klüger macht und mit Paragaben ausstattet.

Beide treffen nach ihrer Ausbildung im Raumschiff |Cortés| aufeinander. Ihr Auftrag ist es, den Ursprung der „Collectors“ zu erforschen. Die „Collectors“ sind eine außerirdische Rasse, die unter der Vorgabe, die Menschen beschützen zu wollen, immer mehr Welten unter ihre Zwangsobhut nimmt. Viel mehr weiß man aber auch nicht über sie.

Nach einem Gefecht wird ein „Collector“ gefangen genommen und die Truppe macht sich auf die Suche nach Kris‘ Vater Anatol Lyssander, der die Gabe hat, mit den „Collectors“ zu kommunizieren. Lyssander wird tatsächlich gefunden, doch ist er offensichtlich wahnsinnig geworden, denn er hält sich selber für einen „Collector“. Er zeigt den Umstehenden durch eine Projektion, was die „Collectors“ planen. Sie errichten im Raum ein Schwarzes Loch, um dadurch in ein System mit 60 Milliarden Menschen zu gelangen. Dies wollen die „Vereinten Humanen Raumfahrtnationen“ verhindern und rüsten zum Angriff auf die „Collectors“.

Während der Kämpfe schlägt sich Joule, ein Mitglied des „Order of Technology“, auf die Seite der „VHR“. Der „2OT“ will den anfälligen menschlichen Körper abschaffen und durch Technik ersetzen. Joule erklärt, dass der „2OT“ die „Collectors“ schon Jahrhunderte lang kennt und von ihnen Großteile der eigenen Technologie übernommen hat. Im Gegenzug dafür bekamen die „Collectors“ menschliche Überreste als Nahrung. Außerdem kennt Joule den wahren Grund, warum die „Collectors“ die Welten besetzt haben. Sie züchten Menschen, weil sie von Menschenfleisch abhängig geworden sind.

Dann tauchen die „Keepers“ auf, die auch zu der Rasse der „Collectors“ gehören, aber vorgeben, die Menschen nicht fressen zu wollen, und helfen bei der Vernichtung der „Collectors“.

Im Anschluss entschuldigen sich die „Keepers“ für das Verhalten der „Collectors“ und nehmen die Planeten nun selbst in Zwangsobhut, weil die menschliche Rasse schützenswert sei.

Mein Hör-Eindruck:

Die ersten zwei Stunden verbrachte ich damit, ständig im sechsseitigen Booklet nachschlagen zu müssen, weil es Abkürzungen, Anglizismen und für das Buch erfundenen Eigennamen hagelt. Während dieser Zeit passiert aber auch nicht wirklich etwas, denn die Spannungskurve steigt sehr langsam an und erreicht schnell den Punkt, an dem ich ständig auf die Restzeitanzeige des CD-Players geschaut habe.

Weder erfährt der Hörer im gesamten Roman, was das überhaupt für ein Geistwesen ist, das in Nuria Suede wohnt, noch macht Heitz irgendwelche Angaben über die „Collectors“ oder die Raumfahrt-Technik, die auf der Erde gefunden wurde und um die sich alle streiten. Und da offenbar außer Lyssander und später auch Kris niemand mit den titelgebenden „Collectors“ kommunizieren kann, sollen sie wohl die großen Unbekannten bleiben. Das kam bei mir eher als Einfallslosigkeit denn als stilistisches Mittel an.

Wenn man die ganzen Abkürzungen und Eigennamen weg lässt, bekommt man einen C-Movie aus den 1950er Jahren, der im Schnellschuss aus einer Kurzgeschichte entstanden ist. Noch ein großes Pfund vulgärer Kraftausdrücke der Marke „Fuck“, „Ficken“ und „Vögeln“ dazu und schon ist die Story interessanter? Nicht wirklich, denn sie ist sehr einfach gestrickt, langweilig erzählt und auch die Auflösung entlockte mir nur ein sehr leises und unbeeindrucktes „Aha“.

Der Sprecher:

Für mich war es das erste Aufeinandertreffen mit Michael Hansonis, der bereits Bücher von Tess Gerritsen, Jack Kerouac und David Peace vorgelesen hat. Das tut er dann auch größtenteils gut. Allerdings stört, dass er öfters Sprechpausen einlegt wo eigentlich keine hingehören. Mitten im Satz, teilweise auch mitten in einem Wort. Offenbar war an diesen Stellen die Zeile im Skript zu Ende.

Zwar ist er bemüht, alle Charaktere durch verschiedene Stimmfarben unterschiedlich darzustellen, allerdings liest er oftmals in einem Zug über die wörtliche Rede hinaus und den nachfolgenden Text dann mit den gleichen Emotionen, was unfreiwillig komisch wirkt.

Fazit:

Spaß macht „Collector“ nicht, nicht mal in der gekürzten Fassung. Zu lange dauert es, bis der Hörer einigermaßen mit den ganzen Eigenbegriffen klarkommt, zu wenig Spannendes passiert und zu einfach ist die Story. Und die Auflösung entschädigt auch nicht wirklich nach gut 7,5 Stunden Hörzeit. Die ungekürzte Version ist über 18 Stunden lang und mutmaßlich auch nicht interessanter.

Das mir versprochene „atemberaubende Zukunftsabenteuer in Cinemascope“ habe ich nicht erlebt, aber als Direct-to-Video-Movie kann ich mir einen Film zum Buch absolut vorstellen.

6 CDs im Jewel-Case
451 Minuten Laufzeit (gekürzte Lesung)
Sprecher: Michael Hansonis
ISBN-13: 978-3837102901
www.randomhouse.de/randomhouseaudio

Der Autor vergibt: (1.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Terry Pratchett – Heiße Hüpfer (inszenierte Lesung)

Seit dem ersten Roman von Terry Pratchetts „Scheibenwelt“ mit dem Titel „Die Farben der Magie“, sind etliche Jahre vergangen. Und noch immer arbeitet der Parodist an seiner skurrilen (ein Wort, das in diesem Text noch mehrfach fallen wird, da es den Charakter am ehesten trifft) Welt, die von vier Elefanten auf dem Rücken einer Schildkröte getragen wird und so ihren Weg durch das Universum nimmt.

Schon der erste Absatz, die Einführung in den vorliegenden Roman, verdeutlicht, dass es eine von Pratchetts Prämissen ist, absurde Streitfragen aufzugreifen und zu parodieren, denn auf seiner Welt ist wahrlich alles möglich. Konkret spricht er von einer das Universum erklärenden Legende, nach der ein alter Mann es in einem Lederbeutel am Gürtel trägt. Kritiker bemängeln dies, da der Beutel also auch den Mann und den Beutel enthalten müsse, da er das Universum enthalte und somit auch den Mann und den Beutel, der ja bereits den Mann und den Beutel enthalte. Als Antwort verkündet Pratchetts Erzählstimme: „Na und?“

Auf diese Weise sammeln sich in seinen Romanen wissenschaftliche Themen wie die Evolution, das Universum, Lichtgeschwindigkeiten und ihre jeweils eigene Masse, um auf unmöglichste Art keine Erklärung zu erfahren. Das macht eigentlich neben den genauso undenkbaren Geschöpfen und Handlungen einen großen Teil des charakteristischen Tonfalls aus, der Pratchetts Romane auszeichnet. Und mit Rufus Beck hat die Vorlesung eine Stimme gewonnen, die der Skurrilität des Romans in höchstem Maße gerecht wird.

In „Heiße Hüpfer“ findet man nicht einen einzigen als Person bezeichenbaren Charakter, der in irgend einer Weise normal wäre. Der schon im ersten Roman eingeführte „Zaubberer“ Rincewind mit seiner Truhe „Truhe“ oder auch „Truhi“, die auf unzähligen Füßen läuft, nimmt hier die eine Handlungsebene ein, während eine Gruppe richtiger Zauberer von der Unsichtbaren Universität auf der Suche nach Rincewind die andere Ebene beschlagnahmen. Sie wollen ihrem einem krankhaften Magiefeld ausgesetzten Bibliothekar helfen, können dies aber ohne Rincewinds Hilfe nicht tun. Da sie Rincewind allerdings an einen unbekannten Ort verbannt haben, können sie ihn auch nicht so ohne Weiteres finden. So erleben beide Seiten ihre Abenteuer und fügen dabei dem unerklärlichen Charakter der Scheibenwelt neue Facetten hinzu, bis sie sich schließlich treffen und in einem schöpferischen Akt alles zum Guten wenden.

Dabei ist die Hintergrundhandlung der Geschichte so verzwickt, dass es das Hörbuch schwer hat, die ganzen Zusammenhänge verständlich darzustellen. Hier hat der geschriebene Text den Vorteil, dass man bei Nichtverständnis die betreffende Stelle mehrmals lesen kann, bzw. auch zurückblättern kann. Im Hörbuch einen Knotenpunkt wieder ausfindig zu machen ist ungleich schwerer, auch kann man hier die Stelle nicht einfach kurz überfliegen. So bleiben beim ersten Hören einige Punkte ungeklärt. Sie schmälern den Hörgenuss aber wenig, denn sie dienen mehr als Mittel zum Zweck, das heißt, sie schaffen Voraussetzungen für die Handlung, auch das Überleben des nicht gerade fähigen Rincewinds, bis schließlich für die Möglichkeit des Zusammenführens beider Stränge.

Mehrmals kommen auch höhere Mächte ins Spiel, so stranden zum Beispiel die Zauberer auf einer Insel in jahrtausendealter Vergangenheit und stören einen zurückgezogenen Gott bei der Erfindung der Evolution, während Rincewind von einer unsichtbaren Macht überwacht und als Held der Geschichte gelenkt/beeinflusst wird.

Wenn sich Hörbücher dadurch auszeichnen, dass der Leser den betreffenden Text vorliest und dabei zur Untermalung von Stimmungen, verschiedenen Sprechern oder Spannungen nur die Modulationsfähigkeit seiner eigenen Stimme verwendet, trifft dies auch auf eine inszenierte Lesung zu, mit einem Unterschied: technische Klangeffekte erzeugen den passenden Hintergrund, zum Beispiel wird im vorliegenden Band Rincewind in einen Kampf verwickelt, bei dem man im Hintergrund Menschen schreien hört, Waffen klappern, Gaukler dudeln … Auch wird jede Handlungsebene mit einer passenden Erkennungsmelodie eingeführt, so dass die oft plötzlichen Sprünge auch beim Hören erkennbar bleiben. Für das Hörerleben sind diese zusätzlich eingefügten Klangspiele manchmal hilfreich, manchmal vertiefen sie die Bilder vor dem geistigen Auge, außerdem sind gerade auch die Melodien so gut erstellt, dass man sich an typische Heldenklänge aus dem Fernsehen erinnert fühlt. Das passt hervorragend zu Pratchetts parodistischem Stil, indem es die Schippe noch vergrößert.

Insgesamt scheint die auf drei CDs gekürzte Fassung etwas der erklärenden Zusammenhänge zu verlieren, doch für die Geschichte selbst reicht dieser Umfang und bietet ein interessantes Hörerlebnis bei ständiger undenkbarer, verrückter Ausuferung von parodierten gesellschaftlichen Themen, Tabuthemen, Theorien, … Pratchetts Genie findet kein Ende.

3 Audio CDs, 235 Minuten
Gelesen von Rufus Beck
Originaltitel: The Last Continent
ISBN-13: 978-3837100396

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Wulf Dorn – Trigger (Hörbuch)

Mit seinem ersten Roman hat Wulf Dorn gleich einen Volltreffer gelandet, und zwar mit der Veröffentlichung als Roman bei Heyne und als Hörbuch bei Random House Audio (beides natürlich Unternehmen der Verlagsgruppe Random House). Dorn beweist damit nicht nur Qualitäten als Schriftsteller, sondern gleichzeitig auch als sympathischer Sprecher mit erstaunlich wandelbarer Stimme.

Trigger

Die Psychiaterin Ellen Roth bekommt von ihrem Freund Chris, ebenfalls Psychiater, einen „BiF“ – besonders interessanten Fall – zugeschanzt, bei dem es sich um eine völlig verstörte Frau handelt. Während Chris mit einem frisch geschiedenen Freund auf einer unerreichbaren Insel urlaubt, übernimmt Ellen neben ihren eigenen Fällen diesen neuen und lernt so eine verängstigte, völlig verstörte und verdreckte Frau auf Zimmer 7 ihrer Station kennen, deren unheimliche Angst es ist, vom „Schwarzen Mann“ geholt und getötet zu werden. Sie fleht Ellen an, sie zu beschützen, und schließt mit dem unnatürlich hohen Flüstern „Wenn er kommt, tötet er dich!“

Ellen macht selbst Bekanntschaft mit dem Schwarzen Mann. In einem Wald überfällt er sie und drückt ihr brutal die Luft weg, stellt ihr die Aufgabe, ihn zu erkennen, sonst würden die namenlose Frau und sie selbst sterben. Dann verschwindet er, und Ellen sieht nur noch sein schwarzes Kapuzenshirt zwischen den Bäumen – und das Auto ihres Kollegen Mark, das den Waldparkplatz verlässt, ehe Ellen es erreicht. Ist Mark der Schwarze Mann? Und warum? Was will er?

Als auch noch die namenlose Frau aus der Klinik verschwindet und Ellen Bekanntschaft mit den alten „Läuterungswerkzeugen“ im Keller macht, wird die Sache richtig unheimlich …

Das Hörbuch

Es ist schwierig, über den Inhalt der Geschichte zu sprechen, ohne zu viel zu verraten. Wenn deshalb die obige Zusammenfassung etwas knapp ausfällt, sei es zu entschuldigen und als Anlass zu nehmen, sich der Spannung persönlich auszusetzen.

Wulf Dorn liest mit kerniger und ruhiger, hoch modulationsfähiger Stimme eine Geschichte, die in ihrer Form als Hörbuch nur gewinnt – gerade die spannende Inszenierung der einzelnen Charaktere führt zu dem befriedigenden Schauerlaufen über den Rücken, das dem Buch in dieser Form abgehen dürfte. Natürlich ist die Geschichte gespickt mit Spannungselementen, doch versteht es Dorn ausgezeichnet, mit seiner Stimme auch die scheinbar alltäglichen Abschnitte der Handlung mit thrillendem Charakter zu füllen.

Bei der Inszenierung hat er also alles richtig gemacht. Der Tonfall, das Tempo, die Modulation und die Aussprache – alles verwebt sich zu einem Hörgenuss. Einziger (winzig kleiner und darum in diesem ansonsten perfekt gelesenen Buch umso auffälliger) Fehler ist bei der Endung auf „ig“ zu verzeichnen. Hier hört es sich so an, als suche der Vorleser krampfhaft die deutliche Aussprache und – verhaue es erst recht. Warum hier kein Redakteur zugegen war, bleibt die Frage.

Die Geschichte selbst bietet einen Thriller erster Güte voll Irrwendungen und geistiger Fallstricke, die den Konsumenten höchst effektiv von der (eigentlich recht einfachen) Lösung ablenken. Mark, der Kollege und heimliche Verehrer Ellens, muss sich warm anziehen vor den Hinweisen, die sich bei ihm treffen, während man an Ellens oder gar Chris‘ Integrität nicht zweifelt, bis Ellen selbst ihren Freund Chris in Frage stellt, der sich ja vor diesem dubiosen BiF auf eine einsame Insel abgesetzt hat. Und immer wieder stellt sich die Frage, warum der Schwarze Mann Ellen seine Gewalt antun sollte – vor allem vor dem Verdacht, Mark oder Chris verbargen sich hinter dieser Maske.

Zwei logische Mängel fallen ins Auge, die hier nur erwähnt werden können, da man bei näherem Betrachten zu viel von der Geschichte verraten würde: Wie kommt es zu der Verfolgungsjagd mit dem VW-Bus? Wer hat die Verschlüsse des Tankdeckels über der Keller’schen Badewanne geschlossen?

Es gibt keinen unglaubwürdigen Protagonisten. Vor allem Ellen, aus deren Sicht der Großteil der Geschichte erzählt wird, ist ein ausgefeilter Charakter mit eigenem Wesen. Selbst ein oft in derlei Geschichten auftretender Fehler, nämlich die Eigenschaft, sich der Polizei zu verschließen und auf eigene Faust zu ermitteln, macht vor Ellen halt. Hier schlägt die zweitoft zitierte Polizei-ausschalt-Klappe zu: Die Beamten glauben ihr nicht und verweigern weitergehende Hilfe.

Fazit

Ein überaus spannendes, teilweise unheimliches Hörbuch, das sowohl mit der Geschichte als auch mit der Inszenierung überzeugt. Besonders empfehlenswert!

Autor und Sprecher: Wulf Dorn
6 Audio CDs
ISBN-13: 978-3837102444
http://www.randomhouse.de/randomhouseaudio/

Håkan Nesser – Aus Doktor Klimkes Perspektive (Hörbuch)

Hölle der Eifersucht, Tragik der Jugendliebe

Schein oder Sein? Wahn oder Wirklichkeit? In Håkans Nessers Erzählungen ist nichts, wie es auf den ersten Blick scheint: Da werden die falschen Männer aus den falschen Motiven umgebracht, stehen mutmaßliche Mörder unter irrtümlichem Verdacht, nimmt die Eifersucht pathologische Züge an, wird aber immerhin ein unseliges Verbrechen nach Jahrzehnten aufgeklärt …

Der Autor

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Gerritsen, Tess – Blutmale

_Blutiger Okkultthriller: Angriff des Nephilim_

An Heiligabend wird in einem Bostoner Stadtteil die zerstückelte Leiche einer jungen Frau gefunden. Der Täter hat die Polizei selbst gerufen. Alles weist auf ein satanistisches Ritual hin, so etwa das lateinische Wort für „Ich habe gesündigt“ und drei umgedrehte Kreuze. Eve Kassovitz muss sich bei diesem Anblick übergeben, was ihr einige Sticheleien der männlichen Kollegen einbringt. Pathologin Maura Isles stellt zu ihrem Erstaunen fest, dass die gefundene linke Hand nicht zu dieser Leiche gehört, sondern zu einer, die sie noch finden müssen.

Wenige Tage später ist auch Eve Kassovitz tot, und in ihrer Nähe sind drei umgedrehte Kreuze an eine Tür geschmiert. Die Tür gehört zur Luxusvilla von Anthony Sansone, der eine „Mephisto-Stiftung“ leitet, die sich nach eigenen Angaben der internationalen Verbrechensbekämpfung widmet. Doch Jane Rizzoli traut ihm ebenso wenig wie Maura Isles, die von Sansones bohrendem Blick eingeschüchtert wird. Und Janes Mann kann partout nichts über Sansone herausfinden. Er hat offenbar mächtige Beschützer …

_Die Autorin_

Tess Gerritsen war eine erfolgreiche Internistin, bevor sie mit dem Medizinthriller „Kalte Herzen“ einen großen Erfolg errang. Es folgten mehrere mittelmäßige Thriller wie „Roter Engel“, die durchaus spannend zu unterhalten wissen.

Mit dem Bestseller „Die Chirurgin“ ist ihr auch der Durchbruch in Deutschland gelungen, denn dieser Thriller ist noch eine ganze Klasse härter: Der Mörder entfernt seinen weiblichen Opfern die Gebärmutter. Die Fortsetzung trägt den Titel „Der Meister“, und „Todsünde“ ist der dritte Roman mit Detective Jane Rizzoli vom Boston Police Department. „Body Double“ trägt in der Übersetzung den treffenden Titel „Schwesternmord“. „Blutmale“ ist der sechste Roman in ihrer Serie um Detective Jane Rizzoli und die Rechtsmedizinerin Dr. Maura Isles.

Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, und ihren beiden Söhnen in Camden, im US-Bundesstaat Maine.

|Tess Gerritsen bei Buchwurm.info:|

[„Scheintot“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3913
[„Schwesternmord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1859
[„Todsünde“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=451
[„Der Meister“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1345
[„Die Chirurgin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1189
[„Akte Weiß: Das Geheimlabor“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2436
[„Roter Engel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1783

_Die Sprecherin_

Mechthild Großmann, geboren in Münster, spielte u. a. in Bremen, Stuttgart und Bochum Theater. Seit 1979 ist sie in Produktionen des weltberühmten Wuppertaler Tanztheaters von Pina Bausch in verschiedenen Schauspielrollen zu sehen. Sie drehte mit Fassbinder und spielte in zahlreichen Kino-und TV-Produktionen. Seit 2002 ist sie als Staatsanwältin Wilhelmine Klemm im Münsteraner „Tatort“ zu sehen. Ihre tiefe unverkennbare Stimme prägte bereits mehrere Audioproduktionen bei Random House Audio.

Die Aufnahme der Hörbuchfassung von Edgar Weiß leitete Ergin Music, Hamburg, unter der Regie von Sabine Buß.

_Handlung_

|PROLOG|

Als der Archäologe Montague Saul zu Grabe getragen wird, nehmen dessen Bruder Peter und seine Frau Amy den Halbwaisen bei sich auf, denn dessen Mutter, Montagues Frau, scheint sich nicht um ihn zu kümmern, wie der fünfzehnjährige Junge erhofft. Mit gefühllosem Interesse beobachtet der Junge, der nun in eine neue Familie kommt, seinen elfjährigen Cousin Teddy, einen Bücherwurm, und seine sechzehnjährige Cousine Lilly, die ihn ganz besonders genau mustert.

Als Lily sich mit ihren Freundinnen auf dem Rasen hinter dem Haus sonnt, bemerkt sie befremdet, wie ihr neuer „Bruder“ die halbnackten Mädchen ungeniert betrachtet. Als sie ihn zur Rede stellt, zeigt er weder Scham noch Reue. Stattdessen entdeckt sie bei ihm das „Ägyptische Totenbuch“, in dem es um Tote und Gräber geht. Ein seltsamer Typ, ihr Cousin. Als er behauptet, darin stünden Zaubersprüche, mit denen man Tote zum Leben erwecken könne, schaut sie ihn nur mitleidig an und geht wieder, während ihre Freundinnen spöttisch kichern.

Als sie weg sind, durchsucht er Lillys Zimmer und besorgt sich ihre Haare aus der Bürste. Als alle zum Eisessen fort sind, bleibt er als Einziger daheim und entdeckt in Peters Arbeitszimmer eine Pistole, offenbar ein Erbstück. Er legt sie zurück. Niemand darf etwas merken. In der Nacht träumt er von seiner Mutter, die ihn „den Auserwählten“ nennt. Sie habe ihn die richtigen Rituale ihrer Jahrtausende alten Sippe gelehrt und er solle sie üben.

In der Vollmondnacht des 1. Augusts schlachtet er nackt eine Ziege im Wald und wäscht sich im nahen See. Als er zurückkehrt, erwartet ihn Lilly auf dem Rasen und will wissen, was er getrieben hat. Als er behauptet, nackt im See geschwommen zu haben, und er sie an der Taille berührt, haut sie ihm eine runter. Diese Demütigung soll sie ihm büßen. Sie und ihre ganze dämliche Familie …

|Haupthandlung|

Die Pathologin Dr. Maura Isles war gerade in einem katholischen Weihnachtsgottesdient, den der von ihr heimlich geliebte Polizeipfarrer Daniel Brophy zelebrierte, als sie einen Anruf von der Mordkommission des Bostoner Police Department (BPD) erhält. Als sie am Tatort eintrifft, wird sie bereits von Detective Barry Frost vorgewarnt. Es sei ziemlich schlimm. Sie sieht, wie sich Detective Eve Kassovitz vor der Haustür in den Schnee übergibt. Drinnen ist es in der Tat schlimm. Die Schlafzimmerwände sind völlig blutbespritzt. Detective Jane Rizzoli bemerkt überflüssigerweise: helles arterielles Blut. Will heißen: Das Opfer war nur bewusstlos und lebte noch, als ihm der Täter die Kehle durchschnitt.

Der Täter war gründlich: Er trennte den Kopf ebenso ab wie einen Arm und eine Hand. Die Hand hat Isles zu ihrem Schreck bereits auf dem Esszimmertisch unter einer Serviette entdeckt. Der Tisch ist für vier Personen gedeckt – in einem Single-Haushalt … Der Kopf liegt auf dem Boden in einem roten Kreis, in dem fünf schwarze Kerzen stehen. Das Opfer heißt Laurie Ann Tucker und arbeitete im Naturwissenschaftlichen Museum. Ein Nobody. In ihrem Spiegel steht das in Spiegelschrift geschriebene Wort „PECCAVI“. Auf Latein bedeutet es „Ich habe gesündigt“.

Das Telefon klingelt. Wieso klingelt es mitten in der Nacht? Frost geht ran – aufgelegt. Eine Bostoner Nummer, die Rizzoli sofort anwählt: keine Antwort. Sie wählt die Nummer, die davor im Speicher des Telefons abgelegt wurde. Es ist der Anschluss von Dr. Joyce P. O’Donnell. Wie interessant! Ein Vampir …

Rizzoli und Frost fahren sofort hin. Die Neuropsychiaterin O’Donnell vertritt als Gutachterin Serienmörder, deshalb ist Rizzoli nicht gut auf sie zu sprechen. O’Donnell behauptet, von nichts zu wissen, da sie bei einem Freund war, sie will aber nicht sagen, wer dieser Freund ist. Verdächtig. Und den Anruf des Unbekannten habe sie leider schon gelöscht, da er keine Botschaft hinterließ. O’Donnell macht sich einen Spaß daraus, Rizzoli aufzuziehen und offenbart, was sie alles über Rizzolis Privatleben weiß. Als Rizzoli wütend geht, ist sie überzeugt, dass O’Donnell lügt. Was, wenn sie den Killer nach dem Anruf traf? Zuzutrauen sei es ihr. Wahrscheinlich wollte ihr der Killer ein Präsent machen, als Zeichen seiner Verehrung.

Maura Isles entdeckt, dass die linke Hand vom Esstisch nicht zur Leiche von Tucker passt. Ergo muss sie zu einer anderen Leiche gehören, die noch zu finden wäre. Die Fingerabdruckfahndung ergibt nichts. Aber wo ist Tuckers eigene Hand? Diese Frage wird beantwortet, als Isles tags darauf zu einer Luxusvilla in einer Nobelgegend gerufen wird. Man habe die Leiche von Detective Eve Kassovitz gefunden. Kassovitz erhielt einen Stich direkt ins Herz, der Täter schnitt ihr die Augenlider ab. Auf der Hintertür der Villa finden sich wieder drei umgedrehte Kreuze und ein Augensymbol, das zu Eves eigenen Augen passt. Wie sich herausstellt, ist es das „allsehende Auge des Horus“, des altägyptischen Sonnengottes. Und Tuckers vermisste Hand findet sich in einem Beutel darunter.

Doch was soll diese ganze Inszenierung? Und was hatte die Polizistin hier zu suchen? Rizzoli vermutet, dass sich Kassovitz profilieren wollte, um die Schmach des Kotzens an einem Tatort wieder auszugleichen. Deshalb sei sie O’Donnell ohne Kollegen zu diesem Haus gefolgt, was sich als verhängnisvoll erwies. „Dieses Haus“ – das ist die Villa von Anthony Sansone, wo die Psychologin an einer Dinnerparty teilnahm. Der Butler tritt aus der Tür und lädt Isles im Namen seines Herrn zu einem Kaffee ein.

Wie Isles feststellt, ist Anthony Sansone ein Mann von großem Charisma. Er blickt sie mit bohrendem Blick an, als er versucht, sie auszufragen. Er weiß sehr viel über die beiden Fälle. Offenbar hat er viele Quellen. Er erzählt nur sehr wenig von dem Klub, den er leite und der sich der internationalen Verbrechensbekämpfung widme. Das Böse trage viele Masken, doziert er, und die meisten seien freundlich. So wie die seines venezianischen Vorfahren aus dem Jahr 1561: Antonino sei zwar ein Priester gewesen, habe aber Schreckliches getan, das man durchaus als „böse“ bezeichnen könne. Rizzoli findet heraus, dass Sansone eine 1905 gegründete „Mephisto-Stiftung“ leitet, und Mephisto war bekanntlich ein Diener Satans. Na, toll.

Als Maura Isles die Leiche der unglücklichen Eve Kassovitz obduziert, stößt sie in ihrer Kehle auf etwas, das man dort hineingesteckt hat: eine Muschel. Pisania maculosa, so der Experte, komme vor allem bei den Azoren und im östlichen Mittelmeer vor. Rizzoli fällt auf, dass auch die rote Farbe, die bei Tucker für den Kreis verwendet wurde, ein seltener Ockerton war, den es nur in Südzypern gibt. Und das Auge des Horus führt ins nahe Ägypten. In Rizzolis Kopf beginnt sich ein Bild zu formen …

Aber wo kam Tuckers fremde Hand her? Die Antwort auf diese Frage erreicht Rizzoli aus dem Ort Purity, der im oberen Staat New York liegt. Rizzoli fährt mit Maura Isles hin. Isles hat nach einer Liebesnacht mit Daniel Brophy einige unheilvolle Symbole an ihrer Haustür gefunden und ist sehr nervös. In Purity stößt Anthony Sansone zu ihnen, und Rizzoli wundert sich abermals, wie es dieser Mann schafft, über alles an diesem Fall auf dem Laufenden zu sein. Ein Polizist öffnet ihnen das Haus, in dem die Leiche von Sara Palmley gefunden wurde. Das Schlafzimmer sieht, wieder mal, wie ein Schlachthaus aus. Sara musste lange leiden, bevor sie sterben durfte. Wozu hat der Mörder sie gefoltert? Was wollte er wissen?

|Florenz / Siena / Rom|

Seit acht Monaten ist Lily Saul auf der Flucht. Sie bleibt an keinem Ort, an dem sie als Fremdenführerin oder Antiquariatsverkäuferin arbeitet, länger als drei Monate. In Siena konnte sie gerade noch rechtzeitig vor einem Schatten fliehen, der sich in ihrem Zimmer aufhielt, das sie in einem viertklassigen Hotel der Innenstadt genommen hatte. Nun ist sie in Rom angekommen, verdient gutes Trinkgeld mit den Touristen, denen sie die Unterwelt Roms zeigt. Bis heute. Am Ausgang der Basilika stehen drei Männer, die sie professionell einkreisen. Verdammt, er hat sie gefunden! Aber es gibt kein Entkommen …

_Mein Eindruck_

In ihrem neuesten Thriller wendet sich die Autorin an ein neues Publikum. Es ist fast das gleiche Publikum, das sich für Dan Browns [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1897 begeistern konnte und nun nach weiteren mystischen Erfahrungen in der von der Bibel kolportierten Geschichtsschreibung sucht. Und dies bedeutet im Klartext: die Kreationisten.

|Kreationismus|

Unter Kreationismus versteht man in den USA – und zunehmend auch in Europa! – die an Schulen und Universitäten verbreitete Lehrmeinung, dass die Geschichte der Welt, wie sie die Bibel darstellt, die Wahrheit ist und das, was Darwin lehrt, nur ein Irrglaube. Um die Evolutionstheorie zu widerlegen, lassen sich dozierende Kreationisten einiges einfallen. Dieser Unsinn soll hier nicht weiter ausgebreitet werden. Es genügt zu sagen, dass man in den USA diese Glaubensrichtung der fundamentalistischen Christen ernst nehmen muss. Sie verbannen Bücher aus den Bibliotheken, errichten kreationistische Freizeitparks und verdrehen auch sonst jede Menge Köpfe.

|Nephilim|

Die Autorin kommt den Kreationisten scheinbar entgegen, indem sie die Idee von den Nephilim aufgreift, zu denen sich der Killer im Hause Saul und in Boston rechnet. Die Nephilim werden im Buch Genesis (Kap. 6, Vers 2-4), im apokryphen Buch Henoch, bei Jesaja und im Buch der Jubiläen erwähnt. Diese Quellen zitiert Lily im Verlauf der Handlung. Die Nephilim sind die Wächter, die über die sündhaften Menschen wachen. Sie sind zum Beispiel für die Opferung des im Buch Mose erwähnten Sünden-Bocks zuständig, der, beladen mit den Sünden der Israeliten, in die Wüste geschickt wird, um dort den wilden Tieren und den Wächtern zum Opfer zu fallen. Dies ist, wie Rizzoli und Isles herausfinden, der Grund, warum in Purity Ziegen verschwanden – der Nephilim hat sie geopfert. Wohin er auch kommt, hinterlässt er sein Zeichen: einen dreieckigen gehörnten Kopf mit den Schlitzaugen einer Ziege, manchmal mit einer Sense in der Hand.

|Die Wächter|

Doch woher nehmen die Nephilim das Recht, über die Menschen zu wachen und zu richten? Im Buch Genesis heißt es, sie seien die Kinder, die aus der Verbindung zwischen Engeln des Herrn mit Menschenfrauen hervorgegangen. Wohlgemerkt: Es handelt sich natürlich um gefallene Engel. Durch ihre engelhafte Abstammung beanspruchen sie eine höhere Stellung als die gewöhnlichen Menschen, die ständig Sünden begehen. Wenn ein Nephilim einen Menschen tötet, so ist dies in seinen Augen kein Verbrechen, sondern ein Dienst an Luzifer (dem „Lichtbringer“) und am Obernephilim Azazel: Das Sündige wird ausgemerzt. Daher auch der lateinische Spruch „PECCAVI: Ich habe gesündigt.“ Die drei umgedrehten Kreuze sind die von Golgatha, wo Jesus neben zwei anderen Sündern gekreuzigt wurde. Die Invertierung markiert die Kreuze als Satan geweiht.

|Die Darstellung|

Dieses ganze System präsentiert die Autorin als routinierte Erzählerin natürlich nicht geballt, denn das wäre viel zu langweilig und unglaubwürdig. Rizzoli fungiert als Stimme der Vernunft und zweifelt grundsätzlich alles an, was ihr Anthony Sansone und Lily Saul in dieser Hinsicht auftischen. Lily ist überzeugt, dass ihr Cousin, der Killer, kein Mensch sei, und da sie sich diesbezüglich mit Sansone einig ist, schließt sie sich den Dämonenjägern der Mephisto-Stiftung an. Sie ist die letzte ihrer Familie, die letzte, die sich an die Vorgänge vor zwölf Jahren erinnert.

Rizzoli bleibt trotzdem auf dem Teppich, denn das Gesetz kennt nur Menschen, keine Engel oder Dämonen. Dass Rizzoli auch nicht an Verschwörungstheorien glaubt, wird ihr allerdings um ein Haar zum Verhängnis. Angeblich um Lily vor dem Killer in Sicherheit zu bringen, schafft sie Lily in eine von Edwina Falway, Sansones Stiftungskollegin, empfohlene Berghütte. Dort findet unversehens der Showdown statt, denn die Berghütte stellt sich als raffiniert aufgestellte Falle heraus. Der Leser bzw. Hörer erlebt hier einige hübsche Überraschungen. Zum Beispiel, dass Lily gleich in zweifacher Hinsicht heldenhaft handeln kann.

|Biblische Ideologie|

Nephilim, Kreationisten, Golgatha – was soll der ganze Zinnober? An der Schnittstelle zwischen Kreationismus und mystisch verbrämter Bibelhistorie à la „Sakrileg“ greift die Autorin ein düsteres und obskures Kapitel in der Bibel heraus, um meiner Meinung nach zu zeigen, dass sich mit dem entsprechenden geistigen Rüstzeug jeder Psychopath erzeugen und lenken lässt.

Immer wieder schreibt der fünfzehnjährige Saul-Neffe (sein Name soll hier nicht verraten werden), wie sehr ihn seine Mutter ausgebildet und geprägt hat. Mit zehn Jahren musste er beispielsweise seine erste Ziege schlachten, dann kamen viele weitere Rituale hinzu. Dass er den ganzen Nephilim-Mumpitz – „Du bist der Auserwählte“ – nun verinnerlicht hat, verwundert nicht.

|Werdegang eines Nephilim|

Uns durch sein Tagebuch Einblick in seine Seele zu gewähren und so verstehen zu lassen, ist ein trickreicher Schachzug der Autorin. Ein Junge, der goldblond und blauäugig ist – würden wir ihm nicht ebenfalls vertrauen, ihm niemals die Morde zutrauen, die er begeht? Wie Sansone nicht müde wird zu erwähnen: Das Böse kann ein freundliches, schönes Gesicht haben. Blond auf blauäugig – das erinnert an den Mist von arischem Übermenschentum. Die Nephilim und der Kreationismus treffen sich an dieser Stelle mit den staatsfeindlichen Untergrundmilizen in Montana und Oregon, die als „Aryan Brotherhood“ auftreten.

Einen solchen Killer auftreten zu lassen, dient der Autorin meines Erachtens dazu, ihn und alles, wofür er steht, kritisierbar zu machen. Leser und Hörer, die nur die Oberfläche beachten, begeistern sich vielleicht für die simple Thrillerhandlung, die schnurstracks von A nach B führt. Aber dass dieser Killer sich einer höheren Wächterrasse zugehörig fühlt, sollte einige Alarmglocken schrillen lassen.

|Kritik der Autorin|

Eine Absicht der Autorin könnte darin liegen, die Auslegung der Bibel doch bitteschön etwas kritischer anzugehen. Denn am Ende glauben doch einige Wirrgeister an die Existenz von Wächterwesen, die Sünder für ihre Missetaten bestrafen. Maura Isles, eine der Hauptfiguren, ist eine solche Sünderin, denn sie hat mit einem Priester geschlafen, so dass dieser sein Keuschheitsgelübde brach. Prompt taucht an ihrer Tür das Zeichen des Azazel auf. Soll deshalb Isles das Urteil der Wächter demütig abwarten? Mitnichten! Wie dieser Konflikt auf psychologischer Ebene gelöst wird, zeigt die Autorin anschaulich und anrührend.

|Die Sprecherin|

(Hinweis: Am Anfang des Hörbuch wird weder der Titel noch der Sprecher vorgestellt, wie stets bei |Random House Audio|.) Mechthild Großmann hat eine so tiefe und rauchige Stimme, dass ich zunächst dachte, der Sprecher wäre männlich. Wenig später war ich nicht mehr sicher und wunderte mich, wie es ein Mann fertigbringt, gleichzeitig wie eine Frau zu klingen.

Erst als Maura Isles‘ Rolle zu sprechen anfing, wurde eindeutig, dass die Sprecherin weiblich ist. Maura Isles ist eine der zwei Frauen, die eine hohe Stimme haben. Die andere ist Lily Saul. Sowohl Edwina Falway als auch – diese erst recht – Jane Rizzoli sprechen mit tiefen, „männlichen“ Stimmen. Das mag dem einen oder anderen Hörer seltsam vorkommen.

Dass alle männlichen Figuren mit tiefen Stimmlagen gesprochen werden, dürfte zu erwarten gewesen sein. Hier stößt der Hörer auf recht wenige Variationen in der Stimmlage, und nur die Sprechweise verrät, dass die Figur gewechselt hat.

Wenn es um den Ausdruck von Emotionen geht, erweist sich die Sprecherin als einfühlsame Sprechkünstlerin. Dass Jane Rizzoli energisch und wütend sein kann, überrascht nicht, denn dies gehört schließlich zu ihrem Job. Aber Maura Isles ist ein ganz anderer Typ als Rizzoli. Isles ist 41 Jahre alt, alleinstehend und, nach einer gescheiterten Ehe, einsam und unwillig, mit einem Mann etwas anzufangen. Nichtsdestoweniger hat sie sich in Daniel Brophy verliebt, ausgerechnet in einen katholischen Priester. Deutlich ist ihre Sehnsucht und Zärtlichkeit herauszuhören, als Brophy neben ihr steht und sie sich fragt, ob sie mit ihm ins Bett gehen soll.

Eine schöne Szene, die mir ebenso in Erinnerung geblieben ist wie das Verhör, das Rizzoli der nach Amerika gebrachten Lily Saul zumutet. Lily versucht, Rizzolis Druck psychisch standzuhalten, und zunächst klingt sie wechselweise verzweifelt und teilnahmslos – nach dem Motto: „Was soll dieser Aufwand, es ist ja eh zwecklos.“ Als Rizzoli sie weiterhin mit absurden Unterstellungen provoziert (wir brauchen nicht ins Detail zu gehen), dementiert Lily wütend und weinerlich, ihre Stimme kippt schließlich in ein hysterisches Lachen um, bevor sie vollends aufgibt und mit Rizzoli kooperiert. Solche emotionalen tours des forces findet man selten so gut in Hörbüchern inszeniert.

_Unterm Strich_

Die Handlung ist wie üblich bei Gerritsen sehr spannend, aber leider auch voller ziemlich blutiger Schauplätze. Detective Jane Rizzoli, frischgebackene Mutter (siehe „Scheintot“) à la Maria, und Dr. Maura Isles, frischgebackene Sünderin, versuchen einen skrupellosen und offensichtlich besessenen Serienmörder zu fassen. Doch der Schlüssel zur Lösung der Rätsel, die die Symbole an den Tatorten darstellen, liegt nicht in der Gegenwart, sondern in einer zwölf Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Diese erschließt sich uns teils durch die das Tagebuch des Killers als fünfzehnjährigem Jungen, teils durch das Geständnis seiner Cousine Lily gegenüber Rizzoli. Das Puzzlespiel erzeugt ebenso viel Spannung wie der abschließende Showdown, der mit einigen bösen Überraschungen aufwartet.

So mancher Leser bzw. Hörer, der in der Bibel nicht bewandert ist oder überhaupt nichts von deren Inhalt hält, dürfte nicht gewillt sein, den entsprechenden Passagen in Gerritsens Buch zu folgen und sie ernst zu nehmen. Das erachte ich aber als unbedingt erforderlich. Denn nur hierdurch steigert sich das Buch über das Niveau eines gewöhnlichen blutigen Thrillers hinaus. Auf dieser „bibelfesten“ Ebene wendet sich das Buch an christliche Fundamentalisten. Es scheint die Fantasien der Kreationisten zu bedienen, ruft aber im Subtext dazu auf, die Bibelauslegung kritischer anzugehen. Diese Kritik der Autorin hat mir mehr gefallen als die Schlafzimmer, in denen das Blut bis an die Decke gespritzt ist.

|Das Hörbuch|

Der Vortrag der Sprecherin ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig (s. o.), doch nach einer Weile stellt man fest, dass ihre relativ emotionale Interpretation die Figuren zum Leben erweckt und man sich die Szenen lebhafter vorstellen kann. Der weiterhin hohe Preis der |Random House|-Hörbücher mindert den Gesamteindruck.

|Originaltitel: The Mephisto Club, 2006
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andreas Jäger
455 Minuten auf 6 CDs|
http://www.random-house-audio.de
http://www.tess-gerritsen.de

Hakan Nesser – Die Fliege und die Ewigkeit

Kurios: Opfer stirbt, Mörder weint, Fliege lacht

Jahrelang saß der 54-jährige Bibliotheksangestellte Maertens wegen Mordes im Gefängnis. Inzwischen wieder in Freiheit, lebt er völlig zurückgezogen. Er spielt Schach und schreibt Klassiker ab. Doch plötzlich gerät sein Dasein aus dem Gleichgewicht. Nun ist sein einstmals bester Freund und Studienkollege, der Philosoph Tomas Borgmann, gestorben und hat ihm ein ungewöhnliches Erbe hinterlassen. Borgmanns Witwe Marlene erklärt ihm, dass Tomas verfügt hat, dass Maertens eine Woche bei Marlene in ihrem einsam gelegenen Haus am Meer verbringen solle. Mit freiem Zugang zur Bibliothek. Ob er will oder nicht, Maertens muss sich an seine Zeit mit Tomas erinnern, an die Zeit vor dem Mord, an jene Zeit, in der er ein anderer war: Leon Delmers. Allmählich wird ihm klar, dass sein Freund ihn vor Jahren schamlos hinterging.

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Der Sprecher

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

Bär hat bislang an Nesser-Krimis den vorliegenden Roman, „Der Tote vom Strand“ sowie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gesprochen.

Handlung

Es ist der dunkle Januar, und Björn Maertens schreibt mal wieder: „Hamlet“ von Shakespeare. Dies ist schon sein x-ter Klassiker. Kurz nach seiner 14-jährigen Haftstrafe fing er damit an, inspiriert von einem Mitgefangenen. Er lernt die Vorlage auswendig, lässt das Unterbewusstsein seine Arbeit tun und schreibt dann alles aus dem Gedächtnis wieder. Das ist aktive Arbeit, kein stupides Abschreiben. Und allmählich fühlt er sich wie der dänische Prinz. Denn auch Maertens hat sich in den Trümmern seines Lebens eingerichtet, ist ein Enteigneter. Doch im Schreiben entgrenzt er sich und findet ganz zu sich selbst. Er begann mit „Der Steppenwolf“, zuletzt war es „Madame Bovary“, jetzt kratzt seine Gänsefeder den „Hamlet“ aufs Papier. Ganz wie der Schwan von Stratford.

Da klingelt das Telefon. Niemand meldet sich, aber Maertens denkt, er erkenne das Schweigen wieder. Es gehört seinem früheren Freund Tomas Borgmann. Noch zweimal wird Borgmann anrufen – und immer schweigen. Doch Maertens hat mit ihm nichts mehr zu tun, nicht seit jener Sache damals in Grotenburg. Vor 35 Jahren.

Er arbeitet in der Ausleihe des Staatsbibliothek, danach geht er zu „Freddys Bar“, um mit seinem Kumpel Bernhard Schach zu spielen und sich mit seiner Clique zu unterhalten. Abends besucht er seine Noch-Ehefrau Birte, um mit ihr zu Abend zu essen und danach zu bumsen. In letzter Zeit hat Maertens an seinem Oberkörper einen dunklen Fleck entdeckt: Hautkrebs? Er unternimmt nichts, und als Birte einer Sekte beitritt und ihm sagt, ihre Treffen seien unmoralisch, da unternimmt er auch nichts. Er habe kein „Bild vom Leben“, sagt er. Man versteht ihn nicht.

Als Birte sein Manuskript von „Schuld und Sühne“ entdeckt, ist sie begeistert. Natürlich hält sie es für sein eigenes Werk. Sie will es ihrem Pastor zeigen. Und wie sich herausstellt, will dieser das famose Buch im Eigenverlag herausbringen. Und da Maertens zu diesem Zeitpunkt bereits auf ganz anderem Kurs ist, sagt er „in Ordnung“. Eine späte Rache am Pastor, denn wenn der Verlag merkt, was für ein Buch er da drucken soll, wird der Druck nicht mehr durchführbar sein – oder es entsteht eine ungenehmigte Ausgabe.

Am 7. März klingelt das Telefon zum letzten Mal. Niemand meldet sich, wie üblich, aber etwas hat sich verändert. Kurz darauf liest er den Nachruf auf Tomas Borgmann, den großen, international bekannten Moralphilosophen. Seine Frau Marlene und seine beiden Töchter Hilde und Ruth trauerten um ihn, heißt es. Borgmann lebte zuletzt in B. am Meer. Maertens weiß, er muss zur Beerdigung. Ob Marlene ihn wohl wiedererkennt? Auch sie kannte er vor 35 Jahren, natürlich, doch Borgmann spannte sie ihm erst aus, tja, und nach dieser „Sache“ wanderte Maertens ja in den Knast.

Rückblende („Purgatorio“)

Als Maertens ein 19-jähriger Student in Grotenburg war, hieß er nicht Maertens, sondern Leon Delmers. Er war einer der „zwölf Apostel“, jenes ausgewählten Klubs von Pihilosophiestudenten, die bei Professor Hochstein für das Vorexamen und die Abschlussprüfung paukten. Leon ist mit Abstand der Fleißigste, denn dieser Abschluss soll sein Sprung aus dem Mief der Provinz werden. Er will Lehrer oder Dozent in einer richtigen Stadt werden, und nach seinen Noten zu urteilen, ist er wirklich gut.

Doch dann tritt Tomas Borgmann in sein Leben. Der Sohn eines Bischofs hat eine viel bessere gesellschaftliche Ausgangsposition und er hat eine genaue Vorstellung davon, wie seine Zukunft aussehen wird. Er hat sogar eine eigene Moralphilosophie: Das Handeln ist es, worauf es ankommt. Wer nicht handle, sei selber schuld und werde sich den Rest seines Lebens darüber grämen, nicht gehandelt zu haben, als es darauf ankam. Borgmann schafft es, einen vielbeachteten Aufsatz in einem Universitätsorgan zu veröffentlichen: „Die Fliegen und wir“. Darin besteht er auf der Ausbildung einer unverwechselbaren Individualität, mit der sich der einzelne Mensch von der Fliege, die nur universal gültigen Prinzipien gehorcht, zu unterscheiden trachten muss.

Wie viel diese Grundsätze wert sind, soll Leon Delmers am Ende seiner Bekanntschaft mit Tomas Borgmann herausfinden. Marlene, Borgmanns neue Freundin, ist zugleich die Tochter Professor Hochsteins und Leons heimliche Angebetete. Resigniert tritt Leon gegenüber Borgmann zurück, und auch als es um die Beschaffung der Examensaufgaben geht, lässt sich Leon von Borgmann leiten. Hochstein hat Borgmann direkt dazu herausgefordert, ob er wohl herausfinden könne, wie die Aufgaben fürs Abschlussexamen lauten werden.

Das lässt sich der Student nicht zweimal sagen: Er steigt mit Leon in die verlassen geglaubte Wohnung des Professors ein, findet die Aufgaben, will sie gerade abschreiben – doch da tritt Hochstein persönlich ein. Er werde dafür sorgen, dass sie von der Uni fliegen, kündigt der Professor an und wirft sie raus. Das kann Borgmann natürlich nie im Leben zulassen. Jetzt gilt es zu handeln, jetzt mehr denn je! Und nach einem durchzechten Abend stellt er Leon vor die Wahl: Es gibt nur einen Weg, den Rausschmiss zu verhindern: Der Professor muss sterben. Wer soll die Tat vollbringen – Leon oder Borgmann? Borgmann lässt die Würfel entscheiden.

Gegenwart

Bei der Beerdigung Borgmanns begegnet Maertens zwei Frauen. Marlene, die ihn immer noch Leon nennt, informiert ihn etwas später von Borgmanns letztem Wunsch: Er soll sieben Tage zusammen mit ihr in seinem Haus in B. am Meer verbringen, seine Bibliothek lesen, aber nur Gegenwart Marlenes. Das ist alles. Keine nachträgliche Entschuldigung oder Erklärung. Ob diese wohl in der Bibliothek zu finden sind? Es sollen immerhin sechs- bis siebentausend Bände sein. Maertens willigt ein.

Die zweite Frau, die er am Grab sieht, hat einen Strahlenglanz um ihren Körper. Maertens steht da wie gelähmt, als sie wieder weggeht. Er eilt ihr nach, holt sie ein, fragt sie, ob sie ein Engel sei. Nein, kein Engel, sagt Nadja. Sie sei nur ein Betrachter und gehe gerne zu Begräbnissen, um sich gewissermaßen zugehörig zu fühlen. Weiter nichts. Aber sie gibt ihm ihre Nummer.

Neubeginn

Am Beginn der Woche im Haus am Meer beginnt Maertens ein Tagebuch und erinnert sich an die Zeit in Grotenburg. Am Ende dieser Woche endlich kann er Marlene davon erzählen, denn er findet endlich die Antwort auf ihre wiederholte Frage: „Warum hast du meinen Vater getötet?“ Und er findet heraus, wie Borgmann sie beide betrogen hat. Am Ende stehen ein Feuer, das reinigt, und ein neuer Horizont, der zum Gehen einlädt. „Bereit sein ist alles. Mag’s sein“, sagt Hamlet. Die Fliege lacht.

Mein Eindruck

Zunächst rätselt der Leser bzw. Hörer, ob es sich bei dieser seltsamen Erzählung überhaupt um einen Krimi handelt oder nicht vielmehr doch um eine philosophisch begründete Heilsgeschichte. Es könnte auch eine doppelte Romanze sein: Marlene und Maertens kommen sich durchaus näher. Und Nadja, der „Engel“ mit dem Strahlenglanz, ist ja auch eine Frau, die Maertens heftig interessiert.

Diese drei divergierenden Elemente unter einen Hut gebracht zu haben und dann noch dem Helden alles gut auf seinen Weg mitzugeben, ist das Kunststück, das Nesser hier schafft. Und Maertens ist ja keineswegs ein Unschuldsengel, sondern wirklich ein zu Recht verurteilter Mörder. Dennoch fühlen wir schon bald große Sympathie für ihn. Er bereut, er hat gebüßt – warum sollte er nicht seinen Lebensabend glücklich und zufrieden beschließen dürfen?

Tja, wenn da nicht noch der sehr symbolische Hautkrebs und die belastende Schuld aus der Vergangenheit wäre, die ihn gewissermaßen seelisch lähmt und unfähig macht, das zu tun, was Borgmann immer fordert: zu handeln und zu entscheiden. Doch Maertens ist nicht Proust, der nur in der Erinnerung lebt, sondern kann noch reagieren, sich in Beziehung zu anderen setzen, ja, sogar noch ein Wunder erleben: ein Engel am Grab seines Freundes – das hätte er nie erwartet. Vielleicht ist für ihn das Leben ein Schachspiel und er nur ein Bauer, doch in seinem geheimen Leben erlebt er all die Abenteuer, die die Helden seiner Abenteuerklassiker erleben, und sei es „nur“ die des melancholischen Prinzen von Dänemark. Diesen Vorlagen steht er keineswegs ausgeliefert gegenüber, sondern, da er sie sich im Gedächtnis aneignet, auch kritisch, so wie man sich selbst einschätzen kann. Sein Tagebuch enthält weitere kritische Ansätze.

Deshalb ist er ein hoffender Mann, als er für eine Woche bei Marlene einzieht. Fühlt sie noch etwas für ihn, den sie vor 30 Jahren kannte und mochte? Und tatsächlich: Bald ist er nicht mehr nur der Mörder für sie, sondern auch ein Schlüssel zur Vergangenheit, denn vieles wusste sie selbst nicht. Borgmann hat seine Vergangenheit stets verschwiegen und seine Beteiligung an dem Mord stets geleugnet. Warum auch nicht? Es war ja Leon Delmers, den man verurteilte.

Doch das Erzählen und Erwecken der Vergangenheit ist nicht nur ein befreiender Akt, den Maertens unbedingt bis zum Schluss durchexerzieren muss. Damit baut er auch eine emotionale Brücke zu Marlene. Sie sieht nicht nur Borgmann, sondern Leon Delmers / Maertens in einem anderen Licht. Aber wird sie ihm je vergeben können, was er ihrem Vater angetan hat?

An dieser Stelle wird das Verhalten Marlenes ein wenig zu schön, um glaubhaft zu sein. Sie vergibt Maertens nicht nur, sondern entschuldigt auch noch die Schwere seiner Mordtat, indem sie berichtet, ihr Vater hätte eh nur noch ein halbes Jahr zu leben gehabt – er war sterbenskrank. Klingt zwar nicht ganz unwahrscheinlich, ist aber dennoch unangebracht. Und wenn sie lügt? Dann würde sie Maertens ihrerseits eine emotionale Brücke bauen, und in der Tat kommen sich die beiden äußerst nahe. Sie ist die Königin in diesem Schachspiel, und er, wie sie sagt, ihr „Prinz“ (so wie Hamlet). Der böse Usurpator, der unrechtmäßige Nachfolger auf dem Thron ihres Herzens, Tomas Borgmann, ist tot. Die Witwe (im Stück heißt sie Gertrude) ist wieder frei. Und wäre Marlene wie in „Hamlet“ seine Mutter, so würde Maertens mit Freuden Inzest begehen.

Die Philosophie

Wenn also die Liebe Maertens erlöst und ihm einen neuen Horizont eröffnet, so funktioniert die Romanze. Der Krimi-Plot funktioniert ebenfalls, denn es bleibt spannend bis zum Schluss von Maertens’ Rückblick im „Purgatorio“-Mittelteil. Doch mit der Philosophie, die ja die Handlungen in diesem Teil bestimmt und kommentiert, habe ich so meine Probleme. Borgmann wurde vielfach für seine „Teilhaftigkeitstheorie“ ausgezeichnet, die besagt, dass der eine an der Schuld des anderen teilhaben kann, um ihm so die Bürde der Schuld zu erleichtern.

Ob diese Theorie auf Nessers Mist gewachsen ist oder auf dem der zahlreichen von ihm genannten Philosophen (Husserl, Spinoza u.v.a.), tut nichts zur Sache. Aber wer Krimis kennt, der weiß, dass Teilhabe und Schuld zwei bedeutsame Aspekte des Verbrechens und folglich der Verbrecherpsyche sind. Die Philosophie hat daher sehr viel mit der Krimihandlung zu tun, und wer kann, sollte sie sich genau ansehen und entsprechend beurteilen.

Dass Nesser diesen philosophischen Aspekt nicht überbewertet wissen will, macht er durch eine Reihe von ironisch zu verstehenden Motiven deutlich. Da wäre zunächst die Fliege. Warum sollte sich ein Geistesgigant wie Tomas Borgmann mit einer Fliege vergleichen? Individuum versus Massentier – das ist der Knackpunkt. Das Individuum gehorcht seinem Willen, das Massentier nur seinen Instinkten. Beide handeln, aber aus völlig verschiedenen Gründen. Denkt Borgmann. Aber die Art und Weise, wie er sich gegenüber seinem Prof und Leon Delmers verhält, beweist eher das Gegenteil: Er tut es aus Eigennutz. Er schnappt Marlene seinem Freund vor der Nase weg. Und nimmt den Tod eines anderen – nicht nur billigend, sondern aktiv – in Kauf. Deshalb lacht die Fliege am Schluss.

Und die Teilhabe, die Treue, das ganze Brimborium? Maertens hat über 30 Jahre lang eisern geschwiegen, hat sich nie entlastet, hat nie Borgmann belastet, blieb der Abmachung stets treu. Das stellt sich nun als Irrtum und Irrweg heraus. Die liebe Birte, die ihn aus Mitleid im Gefängnis geheiratet hat und nun sein Meisterwerk „Schuld und Sühne“ bewundert, auch sie ist in einem ironischen Irrtum befangen, da ja dieses Werk nicht von Maertens und nicht aus den von ihr unterstellten Gründen geschrieben wurde. Soll sie es nur veröffentlichen – dann kann er seinem Nebenbuhler, dem Herrn Pastor, eins auswischen. Letzten Endes geht es bei der Schuld auch immer um Rückzahlung und Abrechnung. Wie mit einer Währung.

Der Sprecher

Dietmar Bär liest den Text mit Enthusiasmus und frisch von der Leber weg. In den Maertens-Passagen mag das etwas ungewöhnlich erscheinen, denn Maertens ist im Grunde ein lethargischer Melancholiker, der allem entschlossenen Handeln abhold ist. Doch auch hier gibt es sehr ironische Passagen, und Bär stellt selbst Maertens’ Sex und die Liebesabenteuer seines Freundes Bernhard mit gebührendem Ernst dar. Alas Maertens auf Nadja, den „Engel“, stößt, ist deutlich Maertens’ Verwunderung zu hören.

Der Mittelteil mit dem Titel „Purgatorio“ (= Fegefeuer; aus Dantes „Göttlicher Komödie“) spielt hingegen in einer völlig anderen Atmosphäre: im Hochsommer und Frühherbst. Hier sprüht alles vor Leben, Hoffnung und Erwartung. Tatkraft wird geradezu erwartet, die Liebe verlangt ihr Recht, und junge Männer sind zu allem bereit, um ihr Ziel zu erreichen. Bis es zu jener Schicksalsnacht kommt, in demr für Leon Delmers alles schiefläuft. Hier trägt Bär eindeutig schneller und enthusiastischer vor, denn die Beschreibungen und Dialoge machen Spaß.

Selbst poetische Zeilen wie Borgmanns „Unter den Bäumen stehen die Pferde – träumend“ kann Bär glaubhaft vortragen. Er braucht nicht zu deklamieren, sondern den Worten einfach eine gewisse bedeutungsschwangere Schwere zu verleihen.

Aber wie viele deutsche Sprecher ist ihm die Aussprache vieler englischer Wörter nicht geläufig, ganz besonders dann nicht, wenn es sich um sehr gelehrte oder schon etwas veraltete Ausdrücke handelt. Daher macht auch Bär Fehler, die selbst noch Anglistikstudenten unterlaufen. „treatise“ (Abhandlung) spricht er [tri:tais] aus statt [tri:tis]. Und „nourisher“ (Nährer) spricht er [nu:rish(e)] aus statt [norish(e)].

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit seinem Vortrag. Obwohl die Gefahr besteht, dass der Hörer wegen der scheinbaren Ereignislosigkeit der Geschichte einschläft, schafft es Bär durch seinen lebhaften Vortrag, die Aufmerksamkeit wachzuhalten. Die Kürzung des Textes hätte meinetwegen noch weiter gehen können, aber dann hätte die Geschichte mindestens eine ihrer vielen Bedeutungsebenen eingebüßt.

Unterm Strich

„Die Fliege und die Ewigkeit“ ist, wie der Titel schon vermuten lässt, ein recht philosophisch angehauchter Krimi. Bis die Geschichte des Verbrechens, die der Leser bzw. Hörer erwartet, allerdings in Fahrt kommt und das Rätsel von Maertens’ Existenz löst, vergeht allerdings fast das ganze Buch. Das Verbrechen ist beinahe nebensächlich, denn nicht der Akt ist die Hauptsache, sondern die über dreißig Jahre lang getragene – irrtümlich getragene! – Schuld ist die Hauptsache.

Wie konnte es dazu kommen und wie kann sie beendet werden, sind die Hauptfragen, die das Buch beantworten will. Das gelingt Nesser auf eine vielleicht umständlich erscheinende, aber umso befriedigendere Weise: ein Meisterstück des „character-driven“ Krimi-Plots. Verquickt mit zwei Liebesgeschichten, ist die Rettung des Helden – ein melancholischer Hamlet-Jünger – nur eine Frage der Zeit. Seine Erlösung durch Vergebung ist an einer Stelle unglaubhaft, weil der Autor über das Maß des Angebrachten hinausschießt. Aber das macht den Vorgang nicht weniger zufriedenstellend. Ob nun Maertens Halluzinationen hat oder ob es wirklich Engel gibt, das wäre nun fast wieder eine philosophische Frage. Und darüber lachen ja bekanntlich die Fliegen.

Dietmar Bär ist zwar nicht der große Stimmen-Zampano wie Rufus Beck oder Johannes Steck, doch er schafft es, aus einer ereignisarmen Geschichte dennoch Glanzpunkte hervorzukitzeln, so dass man der Erzählung dennoch mit Interesse folgt. Insbesondere im Mittelteil spürte ich seinen Enthusiasmus, jene Geschichte, die den Rest erklärt, Häppchen für Häppchen zu erzählen.

Audio: 476 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Flugan och evigheten, 1999
Aus dem Schwedischen übersetzt von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3866043282

www.randomhouse.de

Ellroy, James – L.A. Confidential

Los Angeles 1953: Bud White, Jack Vincennes und Ed Exley: Die Männer haben viel gemeinsam, aber wenig miteinander zu tun, und erst ein Blutbad führt die drei zusammen. In einer Bar, dem „Nite Owl“, hat es ein Massaker gegeben: sechs Tote, keine Zeugen (wie üblich), falsche Spuren. Und in den billigen Absteigen der Stadt geht ein Serienkiller um, der Prostituierte quält und mordet – und womöglich mit dem Killer in der Bar identisch ist. Das Polizistentrio fahndet nach dem Täter. Nach und nach decken sie Hintergründe auf, die bis ins Jahr 1934 zurückreichen, zu Exleys Vater …

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Jonathan Stroud – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

Der Dschinn Bartimäus, ein uralter orientalischer Geist, bekommt eines Tages den Auftrag, dem hochnäsigen Zauberschüler Nathanael zur Seite zu stehen: ein Auftrag, der Bartimäus zunächst alles andere als glücklich macht. Dann aber beginnt ein Abenteuer, das die zwei aneinander schweißt. Nathanael versucht, sich für den Tod seines Ziehvaters am mächtigen Zauberer Simon Lovelace zu rächen und ihm das berühmte Amulett von Samarkand zu stehlen. Mit Bartimäus‘ Hilfe gelingt das auch – aber es löst eine ganze Reihe von Problemen aus … (Verlagsinfo)

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