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Holdstock, Robert – Gate of Ivory (Ryhope Wood Zyklus 7)

_Liebe und Tod im Mythenwald_

In den achtziger Jahren schrieb der englische Autor Robert Holdstock mit „Mythenwald“ (Bastei-Lübbe; O-Titel: „Mythago Wood“) einen Klassiker der modernen Fantasy-Literatur. Er kehrte immer wieder zu diesem mythen- und bildergebärenden Kessel der Ideen, dem Ryhope Forest, zurück – so in „The Hollowing“ und „Lavondyss“ (dt. bei Bastei-Lübbe als „Tallis im Mythenwald“). „Gate of Ivory“ ist ein Prequel zu „Mythago Wood“.

_Handlung_

In „Gate of Ivory“ kehrt der Autor wieder zum Ursprung der Geschichte von „Mythenwald“ zurück. Der Gelehrte George Huxley, der mit seiner Frau Jennifer und den zwei Söhnen Stephen und Christian auf seiner Farm lebt, erforscht die Tiefen des nahe gelegenen Ryhope Forest. Aus dessen scheinbar unendlichen Tiefen erscheinen ihm immer wieder Gestalten aus der Frühzeit der Menschheit, vor allem aus den Mythen.

Aus dem Artus-Mythos ist ihm Guinevere, eine junge unbändige Frau von großer Schönheit, begegnet, und er verliebte sich in sie. Seitdem sucht er immer wieder im Wald nach ihr. Dies zerstört seine eigene Ehe und die Beziehungen zu seinen Söhnen, denen er sich entzieht.

Christian, sein jüngerer Sohn, erzählt die Geschichte von „Gate of Ivory“. Die Geschichte beginnt mit den Abwesenheiten des Vaters und den wiederholten Besuchen von wilden Gestalten aus dem Forst. Eine junge Frau schlägt ihn in ihren Bann. Ihr Häuptling zeichnet ihn mit einem Messer als „slathan“. Die Bedeutung dieses Wortes und der Rolle, die es ihm zuweist, wird ihm erst gegen Schluss seines folgenden Abenteuers klar. Nach der Verwüstung der Farm verschwindet die Horde.

Christians Mutter tötet sich. Sie erhängt sich, offenbar umnachtet, in den Ästen einer sturmgebeugten Eiche unweit des Waldes. Ihr Sohn, der sie davon abzuhalten suchte, ist untröstlich. Er zieht in den Zweiten Weltkrieg, um erst Jahre später, gereift und in den Kampfkünsten erfahren, zurückzukehren.

Er macht sich auf in den Forst und stößt schließlich auf eine kleine Gruppe von zum Tode verdammten Personen. Die junge Frau Guiwenneth, die ihn an seine einstige Gespielin erinnert, hat es ihm besonders angetan. Eine innige Beziehung entsteht. Eine weitere interessante Gestalt in der Gruppe ist Someone Son of Somebody, der als Baby unbenannt geblieben war. Eine enge Beziehung baut diese Artusgestalt zur Zauberin Issabeau auf, deren Name aus frühmittelalterlichen Legenden stammt. Christian kann sich dank der Übersetzungskünste von Gwyr – man spricht Keltisch – mit den anderen, die Englisch lernen, verständigen.

Die Gruppe stößt auf eine große Armee – die „Legion“ – aus Söldnern, Zauberern und Sehern, die von Kylhuk angeführt wird und auf der Suche nach der „Langen Person“ ist. Kylhuk wird Christians Mentor, eine verhängnisvolle Beziehung, wie sich zeigen soll: Es war Kylhuks Hauptmann Mannandoun, der Christian zum „slathan“ gemacht hatte. Mannadoun fällt unter den Schwertstreichen der Legion-Verfolger, den Söhnen Kyrdus.

Kylhuk ist eine Gestalt aus den walisischen Legenden, die im „Mabinogion“ gesammelt sind. Im Auftrag des Königs der Riesen und seiner Tochter Olwen befindet er sich auf der Queste, um mehrere sagenumwobene Gegenstände für seine Hochzeit mit Olwen zu finden. Kylhuk reist mit der Legion durch Lande und Zeiten, die sich ständig verändern.

Als sich die „Lange Person“ als langer Fluss mit zwei Armen herausstellt, befährt die Legion diesen Styx-artigen Fluss in die Totenwelt. Deren Zugang hat zwei Tore: das Tor von Horn und das Tor von Elfenbein. Letzteres steht für die Lüge, Ersteres für die Wahrheit. Die Legion wird bei einem Unglück zerschlagen, nur wenige der Ursprungsgruppe überleben – doch Guiwenneth ist verschwunden.

Als Christian durch das Tor aus Horn geht, trifft er zunächst seine Mutter wieder. Sie weist ihn zurück, als er ihr die Chance bietet, sie in die Welt der Lebenden zu bringen. Er solle lieber seine Geliebte Guiwenneth retten – sie biete ihm eine Zukunft. Doch auch sie weist ihn an, sie in der schönen (keltischen!) Totenwelt zurückzulassen.

Christian kehrt jedoch in anderer Begleitung zu Someone Son of Somebody zurück – sehr zu dessen Freude. Someone erinnert sich nun wieder an seinen wahren Namen. In Freundschaft trennen sie sich, und Christian kehrt nach Hause zurück – nur um die schreckliche Wahrheit über den Tod seiner Mutter zu erfahren!

_Mein Eindruck_

Robert Holdstock ist ein Meister in der einfühlsamen Behandlung tiefer menschlicher Befindlichkeiten: die Jagd nach der verschwundenen Geliebten, nach der toten Mutter. Dies sind jedoch ewige Konstanten: die Suche nach Liebe, das Verfolgen der Wahrheit.

Nur allzu oft münden seine Geschichten in tragische Situationen, in denen der Helden sich in der Bewertung von wahr und unwahr, gut und falsch, Täuschung und Lüge bewähren muss. Christian Huxley muss sich in der Unterwelt fast wie weiland Orpheus zwischen der Geliebten und der Mutter entscheiden und die Gewählte, ohne sich umzuwenden oder sie anzusprechen, zurück in die Oberwelt führen. Diese Neu- und Umdeutung der alten Mythen für die Gegenwart stellt den größten Wert in Holdstocks Werk dar.

Aber es gibt noch andere Werte. Da ist zum einen die unterhaltsame Art und Weise, wie er alte Geschichten aus dem kollektiven Unbewussten der Menschheit lebendig werden lässt. Ihm mangelt es nie an Action und einem trockenen Humor, wie er einem Engländer aus Kent gut zu Gesicht steht.

Schade, dass bislang nur die zwei oben genannten Fantasy-Romane den Weg zu uns gefunden haben.

|Hinweis|

Wer mehr von Holdstock lesen will, muss zu den Originalausgaben greifen – von „Ancient Echoes“, „The Fetch“ und „The Bone Forest“, zusätzlich zu den oben genannten Titeln aus dem Mythenwald-Zyklus. Übrigens: Holdstock hat auch Science-Fiction geschrieben. „Erdwind“ ist 1981 bei Moewig veröffentlicht worden.

Robert Holdstock – Tallis im Mythenwald / Lavondyss (Ryhope Wood Zyklus 2)

Ins Vogelgeistland: die Verwandlung der Seele

Holdstock hatte mit seinem Roman „Mythenwald“ 1984 den World Fantasy Award gewonnen. Offensichtlich versuchte er mit „Lavondyss“, an diesen Erfolg anzuknüpfen, wie uns der deutsche Verlag Bastei-Lübbe durch den deutschen Buchtitel „Tallis im Mythenwald“ suggerieren will. Dies ist der zweite Band in seiner Reihe über den geheimnisvollen Ryhope-Forst.

Wenn man berücksichtigt, dass fast alle nachfolgenden Romane in einem Mythago-Wald spielen, dann erkennt man, dass „Mythenwald“ einen konzeptionellen Durchbruch für Holdstock bedeutete. Es wäre ein Wunder, wenn der Erzähler dieses Neuland nicht weiter erkundet hätte. Später folgten daher noch „The Hollowing“ (Band 3), „Gate of Horn, Gate of Ivory“ (Band 4), „The Bone Forest“ (das Prequel) – siehe auch das Werksverzeichnis unten.

Der Autor

Robert Paul Holdstock, geboren 1948, begann mit dem Schreiben schon 1968, machte sich aber erst 1976 als Schriftsteller selbständig und schrieb daraufhin eine ganze Menge Genre-Fantasy. Dabei entstanden wenig interessante Trilogien und Kollaborationen an Sword and Sorcery-Romanen, u. a. mit Angus Wells.

Erst 1983 und 1984 taucht das für die Ryhope-Sequenz wichtige Motiv des Vater-Sohn-Konflikts im Roman „Mythago Wood“ auf, für den der Autor den |World Fantasy Award| erhielt. Beide Seiten werden getrennt und müssen wieder vereinigt werden. Das Besondere an dieser emotional aufgeladenen Konstellationen ist jedoch, dass die Bewegung, die dafür nötig ist, in einer Geisterwelt stattfindet: dem Ryhope-Forst.

In Holdstocks keltischer Fantasy befindet sich in diesem Urwald, der dem kollektiven Unbewussten C. G. Jungs entspricht, erstens ein Schacht, der mit weiterem Vordringen ins Innere immer weiter zurück in der Zeit führt. Eines der wichtigsten und furchtbarsten Ungeheuer, Urscumug, stammt beispielsweise aus der Steinzeit. Und zweitens finden bei diesen seelischen Nachtreisen durch die Epochen permanent Verwandlungen, Metamorphosen statt. So verwandelt sich die Hauptfigur Tallis in „Lavondyss“ schließlich in eine Dryade, einen Baumgeist. Das ist äußerst faszinierend geschildert.

Am Ende der Nachtreisen warten harte Kämpfe, die auch in psychologischer Hinsicht alles abverlangen, was die Kontrahenten aufbieten können. Und es ist niemals gewährleistet, dass die Hauptfiguren sicher und heil nach Hause zurückkehren können. Denn im keltischen Zwielicht, das noch nicht durch das christliche Heilsversprechen erleuchtet ist, scheint am Ende des Weges keine spirituelle Sonne, sondern dort wartet nur ewige Nacht. Es ist also die Aufgabe des Autors darzulegen, wie dieses schreckliche Ende vermieden werden kann.

Der MYTHAGO-Zyklus bis dato:

1. Mythago Wood (1984; [Mythenwald,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4139 World Fantasy Award!)
2. Lavondyss (1988; Tallis im Mythenwald)
3. [The Bone Forest]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4088 (1991; Sammlung)
4. [The Hollowing]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4161 (1993)
5. Merlin’s Wood (1994, Sammlung inkl. Roman)
6. Ancient Echoes (1996)
7. [Gate of Ivory]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1422 (2000)
8. Avilion (2008)

Der MERLIN CODEX-Zyklus:

1. Celtika (2001)
2. The Iron Grail (2002)
3. The Broken Kings (2007)

Handlung

Als Tallis Keeton vier Jahre alt war, weckte sie ihr Stiefbruder Harry und küsste sie. „Ich muss gehen“, sagte er, „doch irgendwann werden wir uns wiedersehen.“ Dann verschwand er. Er ging in den Ryhope-Forst, einen beinahe undurchdringlichen Wald, den Forscher wie George Huxley Mythago Wood nannten. Hier nehmen die alten Archetypen und Legenden aller Zeiten (bis zu 10.000 Jahre v. Chr.!) Gestalt an und führen dort ein für Menschen fremdartiges Leben.

Nach Harrys Fortgang und vermutlichem Tod 1948 sind die Keetons eine zerrissene Familie. Diese Zerrissenheit wird von jedem ihrer Mitglieder anders bewältigt. Tallis geht ihren ganz eigenen, sehr gewagten Weg, wie schon ihr Bruder Harry und ihr Großvater Owen. Owen hat ihr ein kommentiertes Märchenbuch geschenkt und ihr einen langen Brief hinterlassen. Außerdem ist er für ihren Namen verantwortlich: Tallis sei die weibliche Form von Taliessin, und der war neben Merlin bekanntlich der größte Magier Englands. Er kommt im Legendenkreis des walisischen „Mabinogion“ vor. Tallis‘ Weg als Zauberin ist vorgezeichnet.

Als sie fünf ist, bemerkt sie die ersten Geistwesen aus dem Augenwinkel, doch wie ihr Owen geraten hat, fürchtet sie sich nicht vor ihnen. Es sind nur Mythagos, und sie geben ihr Geschichten, Wissen und Visionen. Schon bald fallen ihr die geheimen Namen fast aller Orte ein, beispielsweise Morndun-Hügel statt Barrow Hill. Nach einem Besuch im verfallenden Haus von George Huxley (er starb 1946, seine Söhne verschwanden 1947 und 1948) versucht sie, das Gesicht auf dem Totempfahl vor dem Haus nachzuschnitzen. Aber es kommt nur eine bemalte Rindenmaske heraus. Sie nennt sie The Hollower, denn damit könne man alle Hollowings (Hohlwege) zwischen unserer und den anderen Welten sehen. The Hollower ist eines der Geistwesen, die sie aus dem Augenwinkel zu sehen pflegt.

Im Laufe der Jahre schnitzt und bemalt Tallis zehn Masken und gibt ihnen ihre wahren Namen:

1) The Hollower – Der Hohlweger: erleichtert Visionen durch Hollowings, Abkürzungen zu anderen Orten und Zeiten; Tallis hat mehrere Hollowings entdeckt.
2) Gaberlungi: eine ganz weiße Maske: Erinnerung an das Land
3) Sinisalo: Das Kind im Lande sehen
4) Morndun: die erste Reise eines Geistes in ein unbekanntes Land
5) The Silvering – Der Silberling: Der Zug eines Salms in den Flüssen eines unbekannten Lands
6) Falkenna – Das Falkengesicht: Der Flug eines Vogels in ein unbekanntes Land
7) Moondream – Mondtraum: …um die Frau im Land zu sehen
8) Skogen: Schatten des Waldes
9) Cunhaval: Das Rennen eines Jagdhundes durch die Wege eines unbekannten Landes
10) Lament – Wehklage

Die 13-jährigen Tallis ist zu einem phantasievollen Mädchen herangewachsen und hört immer häufiger Stimmen und Gesänge aus dem Ryhope-Wald – den sie den „Alten Verbotenen Ort“ nennt, kurz AVO bzw. OFP (Old Forbidden Place). In einer wunderbar fröhlich-ironischen Szene berichtet sie einem befreundeten Komponisten, dem 84-jährigen Mr. Williams, davon und erzählt ihm die Geschichte von den drei Brüdern Arthur, Mordred und Scathach: „Das Tal der Träume“. Das Lied, das sie danach hört, identifiziert der alte Musiker als das Volkslied „Der reiche Mann und Lazarus“.

Als sie Mr. Williams kennenlernt, hat sie bereits eine einschneidende Erfahrung hinter sich, in der sie das Vogelgeistland begründet hat. Als sie in der alten Eiche Stark-gegen-den-Sturm ein Hollowing entdeckt, erblickt sie einen schönen jungen Krieger, in den sie sich sofort verliebt. Allerdings liegt er schwer verletzt auf einem großen Schlachtfeld. Sie nennt ihren Namen, Tallis, und er nennt sich Scathach. Auf keinen Fall will sie ihn sterben lassen, wirft ihm durch das Hollowing hindurch Verbandszeug hinunter.

Da sieht sie zu ihrem Schrecken, wie mehrere Gefahren ihren Geliebten bedrohen: ein dunkler Sturm, eine Schar Aasvögel und zu guter Letzt vier schwarz gekleidete alte Frauen, die die Gefallenen ausplündern und zerstückeln. Das darf ihrem Scathach nicht passieren! Und so versucht sie die drei Gefahren abzuwehren. Mit diversen magischen Objekten wehrt sie die Aasvögel ab und schafft so Vogelgeistland. Fortan meiden alle Vögel diese Eiche, die in zwei Dimensionen steht. Die vier Leichenfledderer kann sie nur aufhalten, doch nicht vertreiben. Ein Schamane und eine fünfte Frau kommen und tricksen Tallis aus: Sie bewegen die Zeit. Als Tallis das nächste Mal zum Hollowing zurückkehrt, liegt Scathach bereits auf dem Scheiterhaufen und brennt. Eine junge Kriegerin erweist ihm die letzte Ehre. Tallis sieht ein, dass sie alles missverstanden hat. Die Leichenfledderer haben nur Scathach gesucht, um ihn zu bestatten.

Fortan beschließt Tallis, bedachtsamer zu sein. Und sie gibt Scathach (ähnlich wie ihrem Bruder Harry) ein Versprechen, das sie in einem Lied zusammenfasst:

„Ein Feuer brennt im Vogelgeistland,
Im Vogelgeistland liegt mein junger Liebster.
Ein Sturm tobt im Vogelgeistland,
Ich werde die schwarzen Aasvögel verjagen,
Ich werde über meinen Liebsten wachen,
Ich werde bei ihm sein im Vogelgeistland.
Ein Feuer brennt im Vogelgeistland,
Mein Körper glüht.
Ich muss dorthin reisen.“

(S. 116 der Übersetzung)

Mr. Williams – es handelt sich um den Komponisten Ralph Vaughan Williams (1874-1958) – hat ihr als Lohn für dieses schöne, eigenartige Lied den wahren Namen des letzten Stücks Land verraten, das sie vom Betreten Ryhope Woods abgehalten hat: Find-mich-wieder-Feld. Nun kann sie erneut Oak Lodge, das vom Wald zurückeroberte Haus von George Huxley, besuchen. Es gelingt ihr, sich vor bronzezeitlichen Eindringlingen zu verstecken und Huxleys geheimes Tagebuch zu stibitzen. Ihr Großvater Owen hat ihr davon erzählt, denn er kannte Huxley. Dieses Buch liest sie nun – ein echter Augenöffner. Sie erfährt von Mythagos, Geistzonen und Edward Wynne-Jones, Huxleys verschollenem Freund und Kollegen.

Abschied

Eines Abends, als ihre Eltern Freunde besuchen, begibt sich Tallis mit ihrem Schulkameraden Simon auf einen Hügel. Dort begegnet ihr eine der drei Mythagofrauen, die sie unterwiesen haben: Weiße Maske. Diese nennt Tallis „Oolerinnen“, eine Frau, die Hollowings formen kann. Simon macht sich vor Angst aus dem Staub. Hier erweist sich, dass ihre beschwörenden Kräfte enorm gewachsen sind. Aus der Erde erheben sich riesige stehende Steine. Vor Angst verduftet nun auch Tallis, doch auch in ihrem Zimmer ist sie vor den Reitern, die sie aus dem Wald hat kommen sehen, nicht sicher.

In ihrem Zimmer besucht sie der junge Scathach aus ihrer Vision. Sie hat ihn jagen und auf dem Schlachtfeld liegen gesehen – ist er ihr Mythago oder ein eigenständiges Wesen? Von beidem etwas, denn sein Vater ist Wynne-Jones, ein mächtiger Schamane tief im Herzen des Waldes, erzählt er. Scathach drängt sie, mit ihm in den Wald zu kommen. Sie soll einen furchtbaren Fehler korrigieren, den sie mit der Schaffung von Vogelgeistland begangen hat. Von dort kommen böse Wesen in den Rest des Waldes, ganz besonders nach Lavondyss. Und was könnte dort deshalb auch Harry zugestoßen sein? Sie muss ihre eigene Schöpfung, die sie aus Liebe bewirkt hat, wieder rückgängig machen. Doch um welchen Preis?

Nun gelingt Tallis der Durchbruch in Gebiete jenseits der Waldgrenzen. Als sie den Grenzbach überschreitet, verliert sie allerdings ihre Maske Moondream, und das ist alles, was ihrem Vater von ihr bleiben wird. Auch wenn sie ihm verspricht, in einer Woche zurückzukehren. (In „The Hollowing“ kehrt James Keeton von seiner vergeblichen Suche wieder zurück und läuft Richard Bradley direkt vors Auto. Die Maske wird noch viel Unheil anrichten.) Tallis aber macht sich auf den Weg, um im Mythenwald ihren verschollenen Bruder zu suchen.

Mein Eindruck

Tallis folgt einer Vision. Diese hatte sie in dem Märchen vom Tal der Träume beschrieben. Darin kommen sie selbst, Scathach und Harry vor, doch sie muss herausfinden, wie alles zusammenhängt. Ryhope Wood ist eine Landschaft der Seele, und die Reise führt in Tallis‘ tiefstes Unterbewusstsein, dorthin, wo älteste Erinnerungen der Menschheit schlummern. Diese Erinnerungen sind dazu geeignet, den heutigen, unvorbereiteten Zeitgenossen gehörig in Schrecken zu versetzen. Es kommen mehrere Morde vor …

Eine kleine Ahnung davon, was auf Tallis zukommt, hat uns ihre Vision vom auf dem Schlachtfeld von Mount Badon sterbenden Scathach vermittelt. Überall Leichen und ihre Überreste. Hier verliert sie Scathach erneut, aber da sie dieses Ereignis vorausgeahnt hat, ist sie nicht allzu sehr erschüttert, wenn auch ihre Trauer um den Geliebten groß ist. Was sie jedoch überrascht, ist das wütende Auftreten von Scathachs Halbschwester Morthen, die von Wynne-Jones zur Schamanin ausgebildet wurde. Morthen liebt ihren Bruder und verletzt die Rivalin Tallis derart, dass Tallis eine Zeitlang genesen muss.

Verwandlungen

Ihre Weiterreise führt sie in die Festung im Alten Verbotenen Ort, die sie aus ihrem Märchen vom Tal der Träume kennt, und lässt sie auf ein Zeichen von Harry stoßen, seinen Revolver. Doch um weiterzukommen, ist es erforderlich, dass sie sich verwandelt: zunächst in einen Baum, dann in eine Maske, schließlich in ein Stechpalmenwesen (einen Daurog), das ein Naturgeist ist, dann wieder in einen Menschen. Diese Verwandlung kann nur in Lavondyss vonstatten gehen, an einem Ort also, wo Menschenseelen jenseits der Zeit überdauern können. Der Sinn und Zweck ihrer Verwandlungen ist die Befreiung von Harrys Geist, der durch Tallis‘ Eingreifen im Vogelgeistland gefangen war. Damit ist ihre große Aufgabe eigentlich erfüllt.

Taliesin

Dieser Zyklus der Verwandlungen erinnert mich an Tallis‘ berühmten Namensvetter, den Zauberer Taliesin, der sich in viele Lebewesen verwandeln konnte, wie uns die Quellen berichten, so etwa das „Mabinogion“ und das Buch „Die weiße Göttin“ von Robert Ranke-Graves. Was daraus zu lernen ist? Dass die Seele (spirit) dazu in der Lage ist, ihr eigenes Unbewusstes zu erforschen und dort auf uralte Wahrheiten zu stoßen. Wenn von Geistern die Rede ist, dann nie im Sinne von „ghost“, sondern immer im Sinne von „spirit“.

Der unvorbereitete Leser mag denken, dass all diese Verwandlungen ziemlich seltsam sind, aber das ist nur der Fall, wenn man vergisst, dass ganz Ryhope Wood und besonders Lavondyss Landschaften der Seele sind. Hier kann die Seele andere Gestalten als „Bekleidungsformen“ annehmen und auf diese Weise auf ihre Umgebung einwirken. So verändert beispielsweise Tallis‘ Auftauchen den Wald um sie herum, und sie selbst wird stets in allen möglichen Formen von den zur Erkenntnis fähigen Wesen erkannt.

Darstellung und Vermittlung

In Lavondyss herrschen andere Gesetzmäßigkeiten, aber sie gehorchen nicht dem Zufall, sondern haben stets einen Sinn und einen Zweck, den uns der Autor zu vermitteln versteht. Die Art und Weise dieser Vermittlung gelingt ihm in der ersten Romanhälfte – ich habe sie oben skizziert – ausgezeichnet. Auch das zweite Drittel, aus der Perspektive von Wynne-Jones erzählt, stellt kein Problem dar. Doch alles, was im Lavondyss-Zyklus der Verwandlungen geschieht, stößt an die Grenzen des Erzählbaren. Man merkt es an den kurzen, stakkatohaften Sätzen, zu denen der Autor Zuflucht nehmen muss. Noch schwieriger wird es selbst für den Autor, all die Zeitschleifen unter Kontrolle zu bringen und zu erklären, die sich gegen Schluss ereignen. Da war ich häufig nicht sicher, mit welchen Geistern ich bzw. Tallis es gerade zu tun hat: Ist dies nun Scathach oder Harry oder sonstwer?

Eine runde Sache?

Tallis durchläuft offensichtlich mehrere Zyklen, als sie zu Wynne-Jones‘ Volk zurückkehrt, wo Scathach und Morthen zuerst auftraten. Natürlich muss sie auch den befreiten und zurückgekehrten Harry, ihren Bruder, wiedertreffen. So wird aus ihren Abenteuern in Lavondyss in zeitlicher Hinsicht „eine runde Sache“. Aber dies alles grenzt an das Wundersame, und wenn der Leser nicht schon vorher ziemlich misstrauisch war, so wird er es spätestens jetzt, wenn sich alles so wunderbar fügt.

Schön ist hingegen wieder die Coda, in der sich ein kleiner Junge namens Kyrdu fragt, auf welche Weise man wohl aus dem Wald hinaus in jene westliche Welt gelangen könnte, von der Großmutter Tallis, das Orakel, so oft erzählt hatte.

Die Übersetzung

Die deutsche Übersetzung durch Barbara Heidkamp ist zum Abgewöhnen und dazu angetan, nie wieder eine Übersetzung lesen zu wollen. Nicht nur, dass ich noch nie zuvor und nie danach derart viele Druckfehler vorgefunden habe, nein, auch der Text wurde gegenüber dem Original entscheidend gekürzt!

Ich war regelrecht geschockt, als ich auf folgenden Seiten auf Lücken stieß: 105 (Tallis‘ Gedicht), 112, 383, 386, 389 und 390. Offensichtlich sollte der Umfang des Buches so getrimmt werden, dass 400 Seiten nicht überschritten würden. Das ist der Übersetzerin vollauf „gelungen“, doch der deutsche Leser schaut in die Röhre. Er bekommt kein Produkt, das dem Original entspräche. Bis heute liegt keine verbesserte oder vollständige Ausgabe vor.

Was mich dann vollends von der Unfähigkeit der Übersetzerin überzeugte, war ihre Verwendung des Verbs „stieben“, was so viel wie „dahinfegen“ bedeutet. Die Vergangenheitsform (Präteritum) des Verbs lautet nicht „stieb“, wie auf den Seiten 331 und 364 nachzulesen ist, sondern „stob“. Viele Male wird statt „sie“ auch „sich“ geschrieben. Und „holly“ übersetzt sie uneinheitlich mal (korrekt) mit „Stechpalme“, mal mit „Eibisch“, was nur Spezialisten kennen.

Angesichts all dieser Unzulänglichkeiten rate ich daher dringend zur Lektüre des Originals „Lavondyss“. Einige der Originalausgaben sind mit faszinierenden Abbildungen der eingesetzten Masken, die ich oben aufgelistet habe, illustriert.

Unterm Strich

Unter allen fünf Ryhope-Wood-Romanen ist „Lavondyss“ sicherlich für den Uneingeweihten am schwersten zu lesen. Deshalb rate ich dazu, erst Band 1 und Band 3 zu lesen, bevor man sich an „Lavondyss“ wagt. Wer mit C. G. Jungs Theorie der Archetypen im kollektiven Unbewussten und der Sprache der Symbole nicht vertraut ist, wird das Buch sowieso als unverständlich in die Ecke feuern. Die Persönlichkeitsentwicklung von Tallis entspricht nicht dem gewohnten Muster des westeuropäischen „Bildungsromans“, in dem sich der Held bzw. die Heldin mit der Gesellschaft arrangiert oder nicht.

Metamorph

Denn was hier an Gesellschaft vorhanden ist, sind jungsteinzeitliche Jäger, Sammler und Schamanen mit nicht besonders appetitlichen Angewohnheiten, sowie seltsame Zwitterwesen, die sowohl Stechpalme und Winterwolf als auch Vogel sein können. Diese Daurogs sind die Vorläufer des Waldgeistes namens The Green Man, den man heute nur noch aus dem Märchen „Jack and the Beanstalk“ bzw. „Hans der Riesentöter und die Bohnenranke“ kennt. Eine solche sekundäre Welt ist der Leser von traditioneller Fantasykost nicht gewöhnt. Der englische Literaturkritiker John Clute erfand deshalb für Holdstocks Schreibweise die Bezeichnung „metamorphic fiction“, also „Dichtung der Verwandlungen“.

Wanderlust

Ich hingegen liebte den Roman, als ich ihn im Original las, und wollte mir gleich als Erstes eine Maske schnitzen. Wie wäre es, wenn man durch eine solche Maske seinen Geist auf Reisen schicken und Dinge erblicken könnte, die man mit normalen Augen nie erblicken würde? Da könnte Supermans Röntgenblick glatt einpacken.

Die deutsche Ausgabe

Von der Lektüre der deutschen Fassung, die sich Übersetzung schimpft, ist hingegen dringend abzuraten. Nicht nur ist die Sprache malträtiert worden, sondern zudem wurde der Text im Vergleich zum Original um mehrere Seiten gekürzt.

Originaltitel: Lavondyss, 1988
399 Seiten
Aus dem Englischen übertragen von Barbara Heidkamp

https://www.luebbe.de

Holdstock, Robert – Odins Wolf (Berserker-Saga 1)

Die Berserker-Saga:

Band 1: „Odins Wolf“
Band 2: „Die Jägerinnen von Connacht
3) „The Horned Warrior“ (1979, nicht übersetzt)

Dem Ewigen Helden ebenbürtig, aber lausig übersetzt

Harald Schmetteraxt, ein junger Norweger, von Odin verflucht, wird zu einem wahnsinnigen Krieger, der Tausenden den Tod bringt. Wenn ihn der Kampfrausch überkommt, treibt er ganze Heere in die Flucht, und nicht einmal seine eigene Familie ist vor ihm sicher. Verzweifelt flieht er vor dem eigenen Schicksal, aber wohin er auch kommt, bringt er Tod und Verderben – er ist ein Berserker. (Verlagsinfo)
Holdstock, Robert – Odins Wolf (Berserker-Saga 1) weiterlesen

Holdstock, Robert – The Horned Warrior (Berserker-Saga 3)

Berserker-Saga:

Band 1: „Odins Wolf“
Band 2: „Die Jägerinnen von Connacht
Band 3: „The Horned Warrior“ (nicht übersetzt)

Der Berserker vs. die Römer: Showdown in Stonehenge

Harald Schmetteraxt, ein junger Norweger, von Odin verflucht, wird zu einem wahnsinnigen Krieger, der Tausenden den Tod bringt. Wenn ihn der Kampfrausch überkommt, treibt er ganze Heere in die Flucht, und nicht einmal seine eigene Familie ist vor ihm sicher. Verzweifelt flieht er vor dem eigenen Schicksal, aber wohin er auch kommt, bringt er Tod und Verderben – er ist ein Berserker.

Nun sucht Harald Erlösung von dem Fluch, doch der Weg führt zurück an den Anfang, in sein Heimatdorf. Dort wird er getötet. Nun erwacht er wieder, denn sein Geist findet keine Ruhe. Nach seinen Abenteuern im Irland und Wales des 5. Jahrhunderts verschlägt ihn eine erneute Seelenwanderung ins erste Jahrhundert: Die Römer haben Britannien unterworfen.

Ganz Britannien? Nein, Mona, die heilige Insel der Druiden, hält den Invasoren noch stand. Und hier erhofft Harald das Geheimnis zu finden, wie er den Fluch Odins abschütteln kann …
Holdstock, Robert – The Horned Warrior (Berserker-Saga 3) weiterlesen

Holdstock, Robert – Jägerinnen von Connacht, Die ( Berserker-Saga 2)

Die Berserker-Saga:_

Band 1: „Odins Wolf“
Band 2: „Die Jägerinnen von Connacht
Band 3: „The Horned Warrior“ (nicht übersetzt)

Der Berserker trifft König Artus: eine Odyssee durch Irland

Harald Schmetteraxt, ein junger Norweger, von Odin verflucht, wird zu einem wahnsinnigen Krieger, der Tausenden den Tod bringt. Wenn ihn der Kampfrausch überkommt, treibt er ganze Heere in die Flucht, und nicht einmal seine eigene Familie ist vor ihm sicher. Verzweifelt flieht er vor dem eigenen Schicksal, aber wohin er auch kommt, bringt er Tod und Verderben – er ist ein Berserker.

Nun sucht Harald Erlösung von dem Fluch, doch der Weg führt zurück an den Anfang, in sein Heimatdorf. Dort wird er getötet. Nun erwacht er wieder, denn sein Geist findet keine Ruhe. Es ist das wilde Irland des 5. Jahrhunderts, und Harald kämpft mit den Stämmen gegen die Jägerinnen von Connacht. In diesem Kampf scheint sich sein Schicksal zu wiederholen … (wenig zutreffendes Verlagsinfo)
Holdstock, Robert – Jägerinnen von Connacht, Die ( Berserker-Saga 2) weiterlesen

Robert Holdstock – Merlin’s Wood or The Vision of Magic (Ryhope Forest 5)

Der Zauberer in Broceliande: magische Geschichten

Dieser Sammelband enthält einen phantastischen Roman um Merlin und die Zauberin Vivien, mit Schauplatz in der Bretagne, sowie zwei Erzählungen, die in Irland beziehungsweise in Schottland spielen – die Kelten mit ihren Legenden lauern also immer im Hintergrund. Von diesen Texten wurde allein „Earth and Stone“ bislang bei uns veröffentlicht.
Robert Holdstock – Merlin’s Wood or The Vision of Magic (Ryhope Forest 5) weiterlesen

Robert Holdstock – Der Geisterbeschwörer. Die Verlockung der Sünde.

Der Fluch der Druiden: der entfesselte Dämon

„Vor vielen Jahrhunderten verehrten die Menschen von Higham den Geist der Steine. Heute beten sie, dass der Schrecken ein Ende nehmen möge. In einer kleinen Stadt westlich von London stehen die Ruinen einer ausgebrannten Kirche. In den Ruinen befindet sich ein steinernes Taufbecken, um das sich dunkle Legenden ranken – Legenden von Blut, Selbstmord und Wahnsinn.

Für eine junge Mutter bedeuten die Ruinen ein Gefängnis, in dessen Mauern die Seele ihres Sohnes gefangen gehalten wird. Für einen ehrgeizigen Wissenschaftler bedeuten sie ein Forschungsobjekt, eine Herausforderung. Für eine französische Hellseherin sind sie ein Schlüssel in die Vergangenheit. Für alle aber birgt dieses alte Gemäuer eine tödliche Gefahr!“ (Verlagsinfo)
Robert Holdstock – Der Geisterbeschwörer. Die Verlockung der Sünde. weiterlesen

Robert Holdstock – The Iron Grail (Merlin Codex 2)

Faszinierende Begegnung mit der Anderwelt

Band 1: Das legendäre Abenteuer Jasons und seiner Argonauten endete in einer Tragödie, als Jason seine Gattin Medea betrog und sie sich bitter dafür rächte. Jason hat nur noch sein magisches Schiff Argo, das vom Geist der Göttin Hera erfüllt ist. 700 Jahre später kommt der potenziell unsterbliche Zauberer Merlin in den Norden Finnlands, um dort die Argo und ihren darin eingeschlossenen Kapitän Jason aus einem vereisten See zu heben.

Das magische Unternehmen gelingt mit Hilfe einer Schamanin namens Niiv und ihrer Verwandten. Als Merlin Jason berichtet, dass dessen zwei Söhne nicht, wie Jason glaubte, tot seien, sondern im Land der Geister, Alba (Britannien), am Leben, sammelt Jason erneut Argonauten um sich, um die verloren Geglaubten zu finden. Es wird ein magisches Abenteuer.

Band 2: Im ersten Band hat Jason seinen ersten Sohn Thesokuros gefunden, doch mit unerwarteten Folgen. Nun kehrt Merlin nach Alba, das Land der Schatten von Helden, zurück und stößt auf Kinos, Jasons zweiten Sohn. Auch dieses Zusammentreffen zeitigt schreckliche und tragische Konsequenzen.
Robert Holdstock – The Iron Grail (Merlin Codex 2) weiterlesen

Robert Holdstock – Celtika. Book One of The Merlin Codex

Argonauten reloaded: Merlin, der unglückselige Weltenretter

Das legendäre Abenteuer Jasons und seiner Argonauten endete in einer Tragödie, als Jason seine Gattin Medea betrog und sie sich bitter dafür rächte. Jason hat nur noch sein magisches Schiff Argo, das vom Geist der Göttin Hera erfüllt ist. 700 Jahre später kommt der potentiell unsterbliche Zauberer Merlin in den Norden Finnlands, um dort die Argo und ihren darin eingeschlossenen Kapitän Jason aus einem vereisten See zu heben.

Das magische Unternehmen gelingt mit Hilfe einer Schamanin namens Niiv und ihrer Verwandten. Als Merlin Jason berichtet, dass dessen zwei Söhne nicht, wie Jason glaubte, tot seien, sondern im Land der Geister, Alba (Britannien), am Leben, sammelt Jason erneut Argonauten um sich, um die verloren Geglaubten zu finden. Es wird ein magisches Abenteuer.
Robert Holdstock – Celtika. Book One of The Merlin Codex weiterlesen

Robert Holdstock – Ancient Echoes (Ryhope Wood Zyklus 6)

Horror-Trip in die Traumzeit

Zwei Gestalten aus der Welt seiner Visionen entführen Jack Chatwins kleine Tochter. Um sie zurückzubekommen, muss er in das Land gehen, aus dem die beiden Entführer stammen: jenseits unserer Wirklichkeit. Es wird eine spannende Entdeckungsreise, die u.a. zur Selbsterkenntnis führt.

Auch dies ist wieder ein extrem spannender und origineller Trip in die Traumzeit. Das ist die der keltischen Jungsteinzeit und der Bronzezeit und noch davor, also nicht mit der der Aborigines zu verwechseln.

Der Autor

Robert Paul Holdstock, geboren 1948, begann mit dem Schreiben schon 1968, machte sich aber erst 1976 als Schriftsteller selbständig und schrieb daraufhin eine ganze Menge Genre-Fantasy. Dabei entstanden wenig interessante Trilogien und Kollaborationen an Sword and Sorcery-Romanen, u.a. mit Angus Wells.

Robert Holdstock – Ancient Echoes (Ryhope Wood Zyklus 6) weiterlesen

Robert Holdstock – Avilion (Ryhope Wood Zyklus 8)

Die Kraft von Rot und Grün: Showdown im Mythenwald

Im uralten Ryhope-Forst, dem Mythenwald, entstehen Mythen-Imagos, und sie faszinieren die Menschen so, dass diese ihnen folgen, mit oft unerwarteten Folgen. Steven, der Sohn des Mythago-Forschers George Huxley, folgt Guiwenneth, der Kriegerkönigin, in den Wald und erkämpft sie von seinem Vater und seinem Bruder, die sie ebenso lieben, für sich.

Ihre Kinder Jack und Yssobel sind im Mythenwald aufgewachsen, folgen aber unterschiedlichen Bestimmungen. Yssobel sehnt sich nach einem Wiedersehen mit ihrer verschwundenen Mutter, die im Innersten des Waldes, in Avilion, existieren könnte. Doch Jack ahnt, dass ihr Gefahr droht. Um mehr über Guiwenneths und Yssobels Mythen zu erfahren, dringt er bis an den Rand des Waldes vor und kehrt in das Haus seines Großvaters zurück. Dort erfährt er, welche Gefahr seiner Schwester droht, und muss eilen, sie zu retten.
Robert Holdstock – Avilion (Ryhope Wood Zyklus 8) weiterlesen

Robert Holdstock – Mythenwald (Ryhope Wood Zyklus 1)

_Expedition in die Tiefen des magischen Waldes_

Im Herzen des Waldes Ryhope Wood liegt eine Welt der vergessenen Helden und Urbilder. Schamanen wohnen hier ebenso wie das Böse … Als Steven Huxley 1947 aus dem Krieg heimkehrt, um den Spuren seines inzwischen gestorbenen Vaters und seines verschwundenen Bruders nachzugehen, führt ihn sein Weg nach Ryhope Wood.

In diesem Urwald verläuft die Zeit nicht wie in der Menschenwelt, und die Vergangenheit erwacht zum Leben. Im gleichen Maße, in dem Steven seine eigene Vergangenheit zu bewältigen versucht, wird er hineingezogen in die kollektiven Phantasien zahlloser Generationen, die im Mythenwald greifbare Gestalt annehmen – mitunter tödliche Gestalt …

_Der Autor_

Robert Paul Holdstock, geboren 1948, begann mit dem Schreiben schon 1968, machte sich aber erst 1976 als Schriftsteller selbständig und schrieb daraufhin eine ganze Menge Genre-Fantasy. Dabei entstanden wenig interessante Trilogien und Kollaborationen an |Sword and Sorcery|-Romanen, unter anderem mit Angus Wells.

Erst 1983 und 1984 taucht das für die Ryhope-Sequenz wichtige Motiv des Vater-Sohn-Konflikts im Roman „Mythago Wood“ auf, für den der Autor den |World Fantasy Award| erhielt. Beide Seiten werden getrennt und müssen wieder vereinigt werden. Das Besondere an dieser emotional aufgeladenen Konstellationen ist jedoch, dass die Bewegung, die dafür nötig ist, in einer Geisterwelt stattfindet: dem Ryhope-Forst.

In Holdstocks keltischer Fantasy befindet sich in diesem Urwald, der dem kollektiven Unbewussten C. G. Jungs entspricht, erstens ein Schacht, der mit weiterem Vordringen ins Innere immer weiter zurück in der Zeit führt. Eines der wichtigsten und furchtbarsten Ungeheuer, Urscumug, stammt beispielsweise aus der Steinzeit. Und zweitens finden bei diesen seelischen Nachtreisen durch die Epochen permanent Verwandlungen, Metamorphosen statt. So verwandelt sich die Hauptfigur Tallis in „Lavondyss“ schließlich in eine Dryade, einen Baumgeist. Das ist äußerst faszinierend geschildert.

Am Ende der Nachtreisen warten harte Kämpfe, die auch in psychologischer Hinsicht alles abverlangen, was die Kontrahenten aufbieten können. Und es ist niemals gewährleistet, dass die Hauptfiguren sicher und heil nach Hause zurückkehren können. Denn im keltischen Zwielicht, das noch nicht durch das christliche Heilsversprechen erleuchtet ist, scheint am Ende des Weges keine spirituelle Sonne, sondern dort wartet nur ewige Nacht. Es ist also die Aufgabe des Autors darzulegen, wie dieses schreckliche Ende vermieden werden kann.

Der MYTHAGO-Zyklus bis dato:

1. Mythago Wood (1984; Mythenwald, World Fantasy Award!)
2. Lavondyss (1988; Tallis im Mythenwald)
3. [The Bone Forest]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4088 (1991; Sammlung)
4. The Hollowing (1993)
5. Merlin’s Wood (1994, Sammlung inklusive Roman)
6. Ancient Echoes (1996)
7. [The Gate of Ivory and Bone]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1422 (2000)

Der MERLIN CODEX-Zyklus:

1. Celtika (2001)
2. The Iron Grail (2002)
3. Broken Kings (2007)
4. Avilion (2008)

_Handlung_

Als der Soldat Steven Huxley 1947 aus dem Krieg nach England in sein Elternhaus Oak Lodge zurückkehrt, bemerkt er an seinem Bruder Christian, der dort abgeschieden und allein lebt, eine merkwürdige Veränderung. Chris ist, wie schon seit Vater vor ihm, in den Bann des nahen Ryhope-Forsts geraten, eines Überrests der Urwälder aus der Frühzeit des Menschen. Dort treiben seltsame Gestalten ihr Unwesen und verwehren jeden Zutritt. Diese töteten auch Christians Ehefrau, eine keltische Frau namens Guiwenneth, die aus dem Wald stammte. Eigentlich hatte Steven erwartet, ein fröhliches Ehepaar vorzufinden. Hat ihr Verschwinden Christian in so trübsinnige Stimmung versetzt? Steven wagt nicht danach zu fragen.

|Das Grab|

Bevor er mit Christian das geheime Tagebuch ihres Vaters lesen kann, verlässt Christian eines Morgens eilig das Haus, um in den nahen Ryhope Wood zu wandern. Steven bessert das Haus aus. Doch eines Tages taucht ein archaisch in Felle und Leder gekleideter Jäger mit seinem riesigen Hund bei ihm auf und bittet um Essen. Trotz (oder wegen) seiner Furcht vor dem Riesenhund entspricht Steven dieser Bitte. Mit einem Dank will der Jäger, der sich Magidion nennt, gerade gehen, als sein Hund etwas Interessantes im Garten entdeckt. Doch bevor er es ausgraben kann, wird der Hund zurückgepfiffen. Der Jäger geht mit seinem Hund zurück in den Wald. Als Steven an der interessanten Stelle gräbt, findet er die Leiche einer Frau, der ein Pfeil ins Auge gedrungen ist. Er bedeckt sie wieder: Ist dies Guiwenneth gewesen?

|Das Tagebuch|

Als Chris zurückkehrt, bestätigt er dies und drängt Steven, endlich Vaters Tagebuch zu lesen. Das Tagebuch berichtet ihm, dass dieser Wald, den er geheimnistuerisch erkundete, ein Ort der Magie und des Mythos sei, an dem die Zeit ihren eigenen Gesetzen folge. Durch die menschliche Imagination entstehen dort wie durch einen Resonanzboden die Sagengestalten der Menschheit wie Artus und Robin Hood als Nothelfer, aber auch viele weit ältere und schrecklichere Wesen. All diese nennt Stevens Vater „Mythagos“, d. h. Mythos-Imagos – Abbilder, wie sie den Archetypen im kollektiven Unbewussten des Menschen gemäß C. G. Jung entsprechen. Der älteste Mythago überhaupt sei der Urscumug, und diesen wollte George Huxley zeit seines Lebens finden.

|Guiwenneth|

Chris macht ein unerwartetes Geständnis. „Seine“ Guiwenneth sei gar nicht von ihm erschaffen worden, sondern von seinem Vater, der eine Gefährtin im Wald suchte: das Urbild der Kriegerprinzessin. Doch Christian nahm sie ihm weg und lebte mit ihr monatelang im Wald. Bis sie schwächer wurde und er den Fehler machte, sie ins Haus zu bringen. Dort starb sie, erschossen von Mythagos, mit einem Pfeil im Auge. Wenig später fand er seinen Vater halbtot am Waldrand, der kurze Zeit später ebenfalls starb. Chris gibt die Hoffnung nicht auf, Guiwenneth durch den Wald wiederzuerschaffen, und kehrt dorthin zurück.

|Der Rachegeist|

Steven wartet monatelang vergebens auf ihn, doch im eisigen November 1947 mehren sich die Spuren eines unheimlichen eberähnlichen Wesens in der Nachbarschaft von Stevens Zelt. Wie in einer Explosion der Gewalt brechen dann Christian und der Urscumug selbst aus dem Dickicht hervor. Chris kann seinen Bruder gerade noch vor dem riesigen Ebermenschen in Sicherheit bringen, doch dann zieht er dessen Aufmerksamkeit auf sich und verschwindet, der Verfolger ihm nach.

Steve ist wie geschockt durch das plötzliche Wiedersehen. Chris sah wie ein starker Krieger der Steinzeit aus, mit tödlichen Speeren bewaffnet. Doch der Urscumug war noch weitaus erschreckender. Das Wesen hat sein Gesicht weiß angemalt, und dieses Gesicht gehört Steves Vater! Chris hat den Schrecken des Waldes in der innersten Zone geweckt, seitdem verfolgt dieser ihn. Denn eines ist klar: Der Urscumug will ebenso wie der Vater Rache für den Raub Guiwenneths, den Chris begangen hat!

|Zweiter Teil|

Nachdem Steven den Wald mit dem Piloten Harry Keeton überflogen und fotografiert hat, hat er zwei merkwürdige Begegnungen. Die erste besteht in einem Schamanen der Bronzezeit, der in einem Boot dahersegelt und Steven eine Botschaft von Christian überbringt: ein Eichenblatt aus Bronze mit dem Buchstaben C darauf eingeritzt. Später sollen Steve und Keeton den Schamanen wiedersehen, der ihnen sehr in ihrem Kampf gegen Christian helfen wird.

Die zweite Begegnung bringt eine rothaarige, keltisch sprechende junge Kriegerin: Guiwenneth, die Geliebte seines Vaters und seines Bruders. Sie ist sehr wehrhaft und als Erstes setzt sie Steven die Spitze ihres Speers an die Kehle – jede Faser eine Kriegerin. Auch Harry Keeton ist von ihrer königlichen Erscheinung beeindruckt.

Steven stößt auf die verlorenen Seiten aus dem Tagebuch seines Vaters und entdeckt darin die wahre Legende Guiwenneths: Sie war schon immer umkämpft, und wer sie gewinnen wollte, musste einen Preis bezahlen. Sie hat Beschützer, die Nachtjäger oder Jaguth. Ihr Vater ist Peredur, begraben unter einem hohen weißen Stein in einem weiten Tal, dort wo das Land beginnt, wo die Geister der Menschen nicht mehr der Zeit unterworfen sind (Lavondyss), das aber von einer Flammenwand abgesperrt wird, welche die Flammenbeschwörer errichtet haben.

|Der Raub Guiwenneths|

Zur glücklichsten Zeit seiner Liebe zu Guin, die nur wenige Monate währt, kehrt jedoch Chris als Anführer einer Kriegerschar zurück, raubt ihm die Dame und lässt Steven und Harry Keeton, die gegen ihn gekämpft haben, zum Sterben zurück. Der Urscumug, der Chris als Rachegeist ständig auf den Fersen ist, bewahrt Steve vor dem sicheren Tod. Nachdem Steve und Harry wieder auf den Beinen sind, folgen sie Chris, um den „Außenseiter“ zu töten und Guin zurückzuholen.

|VORSICHT SPOILER|

Von den verborgen lebenden Waldbewohnern der Shamiga, die wie im 4. Jahrhundert v. Chr. hausen, wird Steven als der erwartete Widersacher des widernatürlich handelnden „Außenseiters“ (= Chris) willkommen geheißen: der legendäre „Blutsverwandte“ (kinsman). Auch in den Geschichten, die die „Leben-Sprecherin“ eines solchen Stammes erzählt, spielen die zwei Blutsverwandten eine festgelegte Rolle: als das lebensbejahende und das verneinende Prinzip.

Am Peredur-Stein kann Steve Chris schließlich stellen. Doch der schwer von Guiwenneth verwundete Chris, dem Guiwenneth inzwischen wieder entflohen ist, gelingt es, bei Steven trotz seiner verbrecherischen Handlungen Verständnis zu erwecken. Gehetzt vom Urscumug, sehnt sich Chris nach Frieden im gesegneten Land Lavondyss jenseits der „Feuermauer“. Doch als Steven ihm zum Abschied ein Glücksamulett zuwirft, verursacht er damit Christians Tod in den Flammen.

Schließlich trifft auch die geliebte Guiwenneth sehr geschwächt am Perredurstein ein, doch sie wurde von Christian tödlich verwundet. In diesem Augenblick von Glück und Tragik erscheint wieder der Urscumug, nimmt Guin, die auch dieser einmal liebte, in seine Arme und geht mit ihr durch die Flammen ins dahinter liegende „Reich der Zeitlosigkeit“ – nicht ohne Steven mitfühlend angedeutet zu haben, dass Guin eines Tages zu Steven zurückkehren könne.

|SPOILER ENDE|

_Mein Eindruck_

Obwohl Holdstock versucht, die Entstehung von Mythengestalten mit Jungs Theorie von den Archetypen halbwegs rational zu begründen, herrscht doch eindeutig das Irrationale, nicht empirisch Erklärbare vor, wie es in der Charakterisierung des Waldes auftaucht – ein Wald wie Tolkiens „Düsterwald“ und der „Alte Wald“.

|Selber Mythago!|

Allerdings tritt bei Holdstock der Urwald in bedeutsame Interaktion mit den Menschen, und das führt zu zwei verschiedenen Deutungsmöglichkeiten der Geschichte: Möglichkeit eins: Der Wald schafft Mythengestalten nach den Bedürfnissen der Menschen. Auch Steven könnte für die Waldbewohner eine solche Retter- und Erlösergestalt sein, als Erlöser von der Geißel des „Außenseiters“. Er beziehungsweise seine Rolle passt in ihre Geschichten – ein Mythago des Mythagoreiches, wie Keeton es ausdrückt.

Welche Seite der Realität ist nun Einbildung, die erfundene Story, und welche wirklich? Doch beide bedingen einander, erfahren das jeweils andere als subjektive Einbildung. Das zeigen auch der Prolog und die Coda, sagenähnliche Legenden, in denen der gottähnliche Jäger Mogoch beispielsweise auf den Jäger, möglicherweise Steven, trifft, der auf die Rückkehr seiner Liebsten wartet. Die Geschichten enden niemals.

|Der Leben-Sprecher Mensch|

Die zweite Deutungsmöglichkeit setzt voraus, dass man die Mythagos durchweg als imaginäre Produkte der Phantasie ansieht, ohne jedes Eigenleben. Demgemäß hätte sich Steven, indem er sich als Antagonist zu Christian in den Wald begab, mit dem Reich der Mythagos und ihrer Legenden von einem kommenden Retter seine eigene Erklärung für sein So- und Da-sein in der Welt geschaffen. Für seinen Verstehensprozess hatte er sich kreativ mit der Welt auseinanderzusetzen und bevölkerte sie mit Mythen und Legenden, die sie erklärten und ihm seinen Platz darin zuwiesen. Dies ist die klassische, ewige Funktion des Mythos (im Sinne von verbaler Ikonographie) für den Menschen, der sich dem Universum, dem Geheimnis von Leben und Tod, gegenübersieht und verstehen will.

|Frankenstein|

Unter den zahlreichen weiteren Aspekten, die in diese wundervolle Geschichte hineingewoben sind, ist mir beim zweiten Lesen auch die Figur des Dr. Frankenstein eingefallen. Mehrmals erwähnt Steven, der Ich-Erzähler, dass sein Vater George Huxley zusammen mit einem Forscher namens Edward Wynne-Jones (vgl. die Erzählung „The Bone Forest“) schon 1935 spezielle Geräte erfand, um die Mythago-erzeugende Fähigkeit des Gehirns anzuregen. Ja, Huxley ging sogar so weit, dieses Gerät an seinem eigenen Sohn Steven auszuprobieren! Er hat das aber gleich wieder bereut und bleibenlassen.

Es ist höchst ironisch zu verstehen, dass der Urscumug wie Frankensteins Ungeheuer aussieht. Der Urscumug ist sowohl ein Rachegeist, ein Hüter der Wälder als auch das Urbild des ersten Helden der Menschheitsgeschichte – eine Mythago-Gestalt, die George Huxley zeit seines Lebens suchte und zu der er nun selbst geworden ist.

Steve, sein Sohn, hat sein eigenes Frankenstein-Erlebnis, indem er Guiwenneth aus seiner Sehnsucht nach einer Gefährtin, aus zusammengelesenen Sagen und Legenden (Artus‘ Frau Guinevere) sowie aus den Tagebuchnotizen seines Vaters erschafft. Wie soll er sich gegenüber seiner Kreatur verhalten? Er sieht sich in einem moralischen Dilemma, ist er doch versucht, sie als seinen Besitz, als Objekt zu betrachten und ihr keine eigenen Rechte zuzugestehen.

Zum Glück kommt es anders. Sie besteht auf Eigenständigkeit, kann sich selbst wehren (Speer!) wird von einer Gruppe Jägern beschützt (Jaguth) und verfügt über ihre eigene, sehr umfangreiche Legende. Sie ist ein Mythago mit erstaunlicher Tiefe. Steves Schicksal ist mit seiner Schöpfung innig verbunden, denn er liebt sie selbstlos und ergeben. Dass es seinem Bruder und seinem Vater ebenso geht, führt jedoch ebenso zu einer Tragödie wie auch zu Steves Heldentat, als er den „Außenseiter“ tötet und so das Mythagoreich von dessen Fluch erlöst.

|Sprechen in Zungen|

Der Schamane im Boot heißt Sorthalan. Steve und Harry begegnen ihm auf ihrer Verfolgung Christians wieder, als sie den großen Strom überqueren wollen. Doch Sorthalan verfügt nicht über die Magie der Shamiga-Leben-Sprecherin Kushar, die Steve mühelos verstehen konnte. Sondern Sorthalan muss sich einen Trick einfallen lassen, um Kommunikation zu ermöglichen. Die folgende Szene ist so unheimlich, dass sie mir im Gedächtnis geblieben ist. Sie wirft ein bezeichnendes Licht auf Mythagos und das Verhältnis der Menschen zu ihnen.

Sorthalan beschwört aus Keetons Erinnerungen das Mythago eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg: Spud Frampton. Erschreckenderweise redet Spud zwar ganz anders als Harry, doch er sieht genauso aus! Indem Sorthalan seine Gedanken diesem Mythago eingibt, kann er mit Steve und Harry Englisch sprechen und deren Antworten verstehen. Erst nach einer Weile merkt Spud, dass er sich in einer völlig falschen Art von Existenz befindet … Er wird wieder in das Reich der Mythagos zurücksinken.

|Road Trip|

Die ganze zweite Hälfte des Romans ist ein „Road Trip“, eine Suche, und auf diesem Weg begegnen Steve und Harry zahlreichen sonderbaren Wesen, aber auch viele freundlichen Stämmen (Shamiga etc.) und Dörfern. Vor dem Ende dieser Reise trennt sich Harry Keeton von Steve, um mit Magidion, dem Jäger, weiterzuziehen, der zu Guiwenneths Beschützern gehörte, doch nun einer anderen Dienstherrin, einer Schamanin, folgen muss. Harry Keeton, der selbst einmal in Nordfrankreich in einen Zauberwald geraten war und dort sein entstellendes Brandmal empfing, will ins Land jenseits der Flammenmauer, um in Lavondyss wieder geheilt und zu einem vollständigen Menschen zu werden.

|Die deutsche Übersetzung|

Die Übersetzung durch Karin Koch vermag die poetische Sprache des Originals einigermaßen einzufangen und schon bald findet sich der Leser gefesselt von dieser ungewöhnlichen Geschichte. Aber es gibt auch etliche Druckfehler im Text, wie in fast jedem Taschenbuch.

_Unterm Strich_

Robert Holdstock ist, wie diese geraffte Darstellung und Erörterung vielleicht verrät, ein Meister in der einfühlsamen Behandlung tiefer menschlicher Befindlichkeiten: die Jagd nach der entführten Geliebten, nach dem Bruder, der sie raubte, aber auch nach dem Vater, der seine Söhne im Stich ließ, indem er für immer im Mythagowald verschwand. Dies sind jedoch ewige Konstanten: die Suche nach Liebe, das Verfolgen der Wahrheit. Häufig münden Holdstocks Geschichten in tragische Situationen, in denen der Held sich in der Bewertung von wahr und unwahr, gut und falsch, Täuschung und Lüge bewähren muss.

Aber es ist eine Geschichte über die Bedeutung und Funktion von Geschichten an sich. Wie Mythen und Legenden das Gedächtnis eines Volkes bewahren und es sich dadurch selbst eine Bedeutung zumisst. Diesen Vorgang haben die Nazis in Deutschland propagandistisch missbraucht und pervertiert, aber die Engländer haben damit keinerlei Probleme. Wie wichtig solche Mythen sind, zeigt das Beispiel von Tolkiens [„Herr der Ringe“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1330 eine Verarbeitung von Kriegserlebnissen und die Hervorzauberung einer alternativen Geschichtsschreibung – das Nationalepos der Briten sozusagen. Bemerkenswert, dass es nicht auch in England zum wichtigsten Buch des 20. Jahrhunderts gewählt wurde.

„Mythago Wood“ ist spannend, aber nicht actionreich. Wenn es mal zu Action kommt, so ist sie hart, heftig und meist blutig, aber schnell wieder vorüber. Dafür kommt aber auch die Liebe zu ihrem Recht, und es ist nicht so sehr Sex, was erzählt wird, als vielmehr die erotische Anziehungskraft, die eine so attraktive Frau wie die Kriegerprinzessin Guiwenneth auf einen einsamen Jäger wie Steven ausübt. Aus dieser Beziehung resultiert der ganze Rest des Romans – und ein weiterer Mythos, den die Völker des Mythagowaldes vorhergesehen haben. Steven ist der Mythago-Schöpfer seiner Traum-Frau Guiwenneth, aber auch der Mythago des Waldes selbst. Nicht umsonst ist Oak Lodge, sein Haus, vom Wald eingenommen und durchdrungen worden.

|Hinweise|

Wer tiefer in das Gewebe dieser wunderbaren Erzählung von der Reise in den Mythenwald eindringen will, der lese Ranke-Graves‘ grundlegende Untersuchung des poetischen Mythos, „Die Weiße Göttin“ (Rowohlt).

Mit „Mythenwald“ hat Holdstock selbst einen kleinen Mythos geschaffen, zu dem er immer wieder zurückgekehrt ist.“Lavondyss“ („Tallis im Mythenwald“) lässt sich als die Erweiterung von „Mythago Wood“ in Richtung auf das Land jenseits der Flammenmauer verstehen. In „The Hollowing“ setzt der Autor den Fortbestand des Mythagowaldes aufs Spiel, und in „Gate of Ivory“ erzählt Holdstock Christian Huxleys Geschichte und davon, wie seine Mutter starb, einen Aspekt, den Steven nur am Rande erwähnt. Dabei wird Christian zu einer Art moderner Orpheus- und Odysseus-Gestalt.

|Originaltitel: Mythago Wood, 1984
Aus dem Englischen übertragen von Karin Koch|