Schlagwort-Archive: Romantik

[NEWS] SIRI LINDBERG – Nachtlilien

„Nachtlilien“ von Siri Lindberg gibt es bei Piper jetzt auch als Taschenbuch.

Für Jerusha liegen Liebe und Tod nahe beieinander: Denn ein Fluch zwingt sie dazu, jeden zu verraten, in den sie sich verliebt. Doch als sie auf Kiéran trifft, fällt sie die Entscheidung, den Bann zu brechen. Auch wenn es sie das Leben kosten könnte … Seit Generationen lastet auf der Familie der jungen Jerusha ein schrecklicher Fluch: Alle Frauen sind dazu verdammt, den Menschen zu verraten, den sie am meisten lieben. Jerusha droht das gleiche Schicksal, als sie Kiéran begegnet, einem Krieger, der nach einer schweren Schlacht erblindet ist. Jerusha verliebt sich in ihn, doch sie will ihn auf keinen Fall ins Unglück stürzen. Aber ist es richtig, der wahren Liebe für immer zu entsagen? Oder ist es Zeit, eine Entscheidung zu treffen, auch wenn es die mutigste und gefährlichste ihres Lebens sein wird? Siri Lindbergs Debüt »Nachtlilien« lässt einen nicht mehr los – romantisch, spannend und fesselnd wie ein gefährlicher Liebesbann.
(Verlagsinfo)

Taschenbuch, 592 Seiten

Der Verlag bietet unter dieser Adresse eine Leseprobe an.

Gerard Donovan – Der Rächer aus den Wäldern

Der Winter in den Wäldern von Maine ist kalt und einsam. Bisher hat das Julius Winsome nicht gestört, er lebt schon lange allein, und er hat einen treuen Gefährten, seinen Pitbullterrier Hobbes. Als sein Hund eines Nachmittags offenbar absichtlich erschossen wird, bricht Julius Welt zusammen. Und er fasst einen erschreckenden Entschluss … (Verleihinfo)

Der Autor

Gerard Donovan wurde 1959 in Wexford, Irland, geboren und lebt heute im Staat New York. Er studierte Philosophie und Germanistik in Irland, arbeitete in einer bayerischen Käsefabrik, studierte klassische Gitarre in Dublin und trat als Musiker mit Schwerpunkt J. S. Bach auf. Er veröffentlichte Gedichtbände, Shortstorys und Romane und wurde mit dem „Kerry Group Irish Fiction Award“ ausgezeichnet.

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Vinge, Joan D. – Schneekönigin, Die (Tiamat 1)

_Der |Tiamat|-Zyklus:_

_“Die Schneekönigin“ _(„The Snow Queen“, 1980, deutsch bei Heyne, 1983)
„Die Spur der Schneekönigin“ („World’s End“, 1984, deutsch bei Bastei-Lübbe, 1984)
„Die Sommerkönigin“ („The Summer Queen“ 1991, deutsch bei Heyne, 1991)
„Tangled Up in Blue“ (2000, ohne dt. Titel)

|Planetare Abenteuergeschichte à la Asimov|

Als auf Tiamat der 150-jährige Winter zu Ende geht, sollen die Schneekönigin und ihr Liebhaber traditionsgemäß dem Meer geopfert werden. Doch die immer noch attraktive Herrscherin Arienrhod denkt nicht daran, die Macht abzugeben. Sie hat technisches Wissen von anderen Welten geholt, mit denen sie den leichtlebigen und primitiven Sommer-Leuten ein Schnippchen zu schlagen gedenkt. (Verlagsinfo)

Die Handlung ist quasi eine Abwandlung von Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin, die sich ihre Liebhaber zu deren Unglück ins kühle Bett holt. Dies ist der erste Band der Schneekönigin-Trilogie, und für dieses Buch erhielt die Autorin 1981 den HUGO-Award der amerikanischen Science-Fiction-Leser.

_Die Autorin_

Joan Carol Dennison Vinge (* 2. April 1948 in Baltimore, Maryland) ist eine US-amerikanische Science-Fiction-Autorin. Vinge studierte zunächst Kunst auf dem College, wechselte aber später ihr Hauptfach und erhielt 1971 ihren Bachelor in Anthropologie von der San Diego State University. In erster Ehe war sie von 1972 bis 1979 mit den Science-Fiction-Autor Vernor Vinge verheiratet. 1980 ehelichte sie den Science-Fiction-Herausgeber James Frenkel, mit dem sie zwei Kinder hat.

Ihre erste Erzählung „Tin Soldier“ konnte sie 1974 in der Anthologiereihe Orbit 14 veröffentlichen. Weitere Geschichten folgten in verschiedenen Science-Fiction Magazinen wie „Analog“, „Asimov’s ScienceFiction“ und „Omni“ sowie diversen Anthologien.

1978 erhielt sie für ihre Erzählung „Eyes of Amber“ (deutsch: Bernsteinaugen) ihren ersten Hugo Award und 1981 für den Roman „The Snow Queen“ (deutsch: Die Schneekönigin) einen weiteren Hugo sowie den Locus Award. Ihr Roman „Psion“ (1982) wurde von der American Library Association als eines der besten Bücher des Jahres für junge Erwachsene bezeichnet. Sie wurde für weitere Preise nominiert, so unter anderem für den John W. Campbell Best New Writer Award. (Quelle: Wikipedia) Mit Romanfassungen von bekannten Filmen wie „Return of the Jedi“ oder „DUNE“ hat Vinge bestens verdient.

|Werke|

|Der Himmels-Chroniken-Zyklus:|
• „The Outcasts of Heaven’s Belt“. (1978 , deutsch: In den Trümmern des Himmelssystems. Moewig, 1981)
• Legacy. (1980, deutsch: Vermächtnis. Bastei-Lübbe, 1982)

|Der Cat-Zyklus|
• „Psion“. (1982, deutsch: Psion. Heyne, 1985)
• Catspaw. (1988, deutsch: Katzenpfote. Heyne, 1990)
• Dreamfall (1996)

_Handlung_

Als auf dem Planeten Tiamat der 150-jährige Winter zu Ende geht, sollen die herrschende Schneekönigin und ihr Liebhaber traditionsgemäß dem Meer geopfert werden. Doch die immer noch attraktive Herrscherin Arienrhod (ein walisischer Göttername, der „Silberrad“ bedeutet) denkt nicht daran, die Macht abzugeben. Sie hat technisches Wissen von anderen Welten, der technisierten Hegemonie, geholt, mit denen sie den leichtlebigen und primitiven Sommer-Leuten ein Schnippchen zu schlagen gedenkt. Das Klima wird tropisch, und eigentlich sollten die Süd-Staaten der Welt die Herrschaft übernehmen.

Arienrhod hat ihr Leben durch ein aus dem Blut der Meermädchen gewonnenes Elixier verlängert. Zudem hat sie Klone von sich selbst anfertigen lassen. Ihr Liebhaber Sparks ist ebenfalls einer davon. Sparks war aber zuvor mit Moon Dawntreader, einem weiteren Klon, verlobt. Moon, die eine wahrsagende Sibylle ist, begibt sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Verlobten.

In die vielen Abenteuer, die sie dabei erlebt, sind u.a. ein weiblicher Offizier der Hegemoniepolizei, der frühere Lover der Königin, Herne, ein sehr pflichtbewusster Polizeisergeant und ein Mann von einem anderen Planeten namens Ngenet verwickelt.

|SPOILER|

Mit dieser Truppe gelingt es Moon, die Intrigen der Schneekönigin zu vereiteln, das Massaker an den – wie sich herausstellt – intelligenten Meermädchen zu beenden, Arienrhod ihrem verdienten Ende zuzuführen und selbst Sommerkönigin zu werden. Sie ist die erste Sibylle, die erkannt hat, dass in ihrem Gehirn alle Daten der technischen Errungenschaften der Hegemonie gespeichert sind. Diesmal wird also der Abzug der Hegemonie nicht gleichbedeutend mit dem Entzug der technischen Gaben und dem Rückfall in die Primitivität eines Bauernstaates sein. Moons Gefährte auf dem Thron soll Sparks werden.

_Mein Eindruck_

Obwohl die angesichts einiger vorausgegangener Erzählungen Joan Vinges (sie war mit Science-Fiction-Autor Vernor Vinge verheiratet) hochgespannten Erwartungen nicht voll erfüllt wurden – es gibt ein paar Durchhänger und die Originalität der Ideen (s. u.) lässt mitunter zu wünschen übrig – bleibt „Die Schneekönigin“ ein spannender und phantasievoller Abenteuerschmöker mit einigen intensiven gefühlsvollen Szenen.

Die Handlung ist gewissermaßen eine Abwandlung von Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin, die sich ihre Liebhaber zu deren Unglück ins kühle Bett holt, so dass deren Geliebte (im Märchen ist es Gerda) sie retten müssen. Ich dachte aber auch an die Eiskönigin in „Der König von Narnia“ (The Lion, the Witch, and the Wardrobe) von C.S. Lewis, die sich den jungen Edmund in ihr kühles Schloss holt. Daraufhin müssen seine drei Geschwister Peter, Suse und Lucy ihn retten kommen.

Die kosmische Konstellation des exzentrischen Tiamat-Sonnensystems, das 150 Jahre Winter beschert, gemahnt stark an Asimovs klassische Story „Einbruch der Nacht“, in der ein extrem langer Tag von mehreren tausend Jahren Dauer sein abruptes Ende findet – mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Psyche der Bewohner dieser Planeten. Aber auch in der Helliconia-Trilogie wurden sehr lange Winter und Sommer erfolgreich zu einer dramatischen Handlung verarbeitet. Inzwischen wissen die Astronomen, dass exzentrische Planetenumlaufbahnen die Norm sind – und nahezu runde bzw. nur leicht elliptische Umlaufbahnen wie die in unserem Sonnensystem die krasse Ausnahme.

Vinge setzte diesen preisgekrönten Erfolgsroman mit „World’s End“ (Die Spur der Schneekönigin“, dt. bei Bastei-Lübbe) mit wenig Erfolg fort. Weit wichtiger ist der Abschluss des Zyklus mit der ebenfalls preisgekrönten Duologie „Die Sommerkönigin“ (1992), die seitenmäßig sehr umfangreich ist. Der Heyne-Verlag hat alle drei Bände 1993 in einer sehr schön aufgemachten Ausstattung veröffentlicht.

|Broschiert: 560 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von Joachim Körber,
Mit Illustrationen von Ursula Olga Rinne
ISBN-13: 978-3453308800|
http://www.heyne.de

Eschbach, Andreas – Herr aller Dinge (Lesung)

_Der Fluch der Allmacht: philosophischer SF-Roman_

Als Kinder begegnen sie sich zum ersten Mal: Charlotte, die Tochter des französischen Botschafters und Hiroshi, der Sohn einer Hausangestellten. Von Anfang an steht der soziale Unterschied spürbar zwischen ihnen. Doch Hiroshi hat eine Idee. Eine Idee, wie er den Unterschied zwischen Arm und Reich aus der Welt schaffen könnte. Um Charlottes Liebe zu gewinnen, tritt er an, seine Idee in die Tat umzusetzen – und die Welt damit in einem nie gekannten Ausmaß zu verändern. Was mit einer bahnbrechenden Erfindung beginnt, führt ihn allerdings bald auf die Spur eines uralten Geheimnisses – und des schrecklichsten aller Verbrechen … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er als Software-Entwickler und Berater arbeitete. Schon als Junge schrieb er seine eigenen Perry-Rhodan-Storys, bevor er mit „Die Haarteppichknüpfer“ 1984 seine erste Zeitschriftenveröffentlichung landen konnte.

Danach dauerte es noch elf Jahre bis zur Romanfassung von „Die Haarteppichknüpfer“, danach folgten der Actionthriller „Solarstation“ und der Megaseller „Das Jesus Video“, der mit dem renommierten Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschsprachigen Science Fiction-Roman des Jahres 1998 ausgezeichnet und fürs Fernsehen verfilmt wurde.

Seitdem sind die Romane „Eine Billion Dollar“, „Perfect Copy“, „Exponentialdrift“, „Die seltene Gabe“, „Das Marsprojekt 1-5“ sowie „Der Letzte seiner Art“ erschienen, einige davon zudem als Hörbuch. Auch das Sachbuch „Das Buch der Zukunft“ gehört zu seinen Publikationen. Eschbach hat mehrere Anthologien herausgegeben und eine Reihe von literarischen Auszeichnungen erhalten. Heute lebt als freier Schriftsteller in der Bretagne.

_Der Sprecher_

Matthias Koeberlin, geboren 1974, absolvierte die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Im Jahr 2000 erhielt er den Günter-Strack-Fernsehpreis. Er spielte den Stephen Foxx in der ProSieben-Verfilmung des Bestsellers „Das Jesus-Video“. Für seine Interpretation der Hörbuchfassung von Eschbachs Bestseller wurde er für den Deutschen Hörbuchpreis des WDR (2003) nominiert. 2007 gewann er gegen renommierte Konkurrenz als „Bester Schauspieler“ den „Deutschen Fernsehpreis“. Er lebt mit seiner Familie in Köln.

Regie in den L.A. Tonstudios Köln führte Kerstin Kaiser, aber die Nachbearbeitung erfolgte in den d.c. Studios NRW. Die Musik trug Andy Matern bei. Die Textfassung stammt von Klaus Prangenberg.

_Der Komponist_

Andy Matern wurde 1974 in Tirschenreuth, Bayern geboren. Nach seiner klassischen Klavier-Ausbildung arbeitete er einige Jahre als DJ in Clubs. Seit 1996 ist er als freiberuflicher Keyboarder, Produzent, Remixer, Songwriter und Arrangeur tätig. Er kann trotz seiner jungen Jahre bereits mehr als 120 kommerzielle CD-Veröffentlichungen vorweisen. Darunter finden sich nationale und internationale Chart-Platzierungen mit diversen Gold- und Platin-Auszeichnungen.

Bereits Andy Materns erste Hörbuch-Rhythmen erreichten schnell Kultstatus bei den Fans und der Fachpresse. Durch seine musikalische Mitarbeit wurde „Der Cthulhu Mythos“ zum besten Hörbuch des Jahres gewählt (Deutscher Phantastik Preis 2003). Andy Matern lebt und arbeitet in München. (Verlagsinfos)

_Handlung_

Hiroshi Kato ist der Sohn einer Wäscherin, die an der Tokioter Botschaft Frankreichs arbeitet. Charlotte Malroux ist die Tochter des an dieser Botschaft arbeitenden französischen Botschafters. Zusammen verbringen sie einige Zeit miteinander. Rückblickend erkennt Hiroshi, dass es die Zeit war, in dem ihm die beste Idee seines Lebens kam: Wie man alle Menschen auf der Erde reich machen könnte.

Er hat eine Begabung, um neue Dinge zu bauen. Doch Charlottes Gabe ist völlig andersartig. Wenn sie Gegenstände berührt, kann sie deren Geschichte und die Gefühle sowie Gedanken ihrer Benutzer erspüren. So was hat Hiroshi noch nie gehört, aber es erweist sich als folgenreich. Als Charlotte sie das Messer von Hiroshis verschwundenem Vater „liest“, erfährt er, dass der Vater aus einer superreichen Familie in Texas lebt, doch seine Mutter nach Japan zurückgekehrt ist.

Eines Tages besuchen sie zusammen mit einer Aufpasserin die Tokioter „Insel der Heiligen“, einen nur einmal im Jahr geöffneten Shinto-Schrein. Darin liegt, auf der gleichnamigen Insel, ein schwarzes Messer aus Obsidian. Es soll 3000 Jahre alt sein und dem ersten Kaiser Japans gehört haben. Als es Charlotte mit Hiroshis Hilfe gelingt, das Messer zu berühren und zu „lesen“, stößt sie einen markerschütternden Schrei aus und fällt in Ohnmacht. Am nächsten Tag sind die Malroux‘ abgereist.

Als Hiroshis Vater zu Besuch kommt, bietet er dem mittlerweile 14 Jahre alten Jungen einen Studienplatz an den besten Unis der USA an. Wenige Jahre später ist aus Hiroshi am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston ein brillanter Querdenker geworden, der nur noch nebenher büffelt, um seine Scheine in Informatik und Kybernetik zu machen. Er hat ein Gerät patentiert und lizenziert, mit dem Innendekorateure, Bauleiter und Architekten einen Raum dreidimensional ausmessen können – den „Zauberstab“. Mit den Lizenzgebühren finanziert er sein Studium.

Doch dann ereignen sich zwei Wendepunkte in seinem Leben. Auf einer Einweihungsparty sieht er Charlotte wieder: Sie ist mit einem Milliardenerben verlobt und sieht aus wie ein Model. Dennoch kann er mit ihr problemlos über alte Zeiten reden, als wäre sie seine Schwester. Und ja: Sie hat ihre „seltene Gabe“ immer noch, allerdings viel schwächer als seinerzeit. Sie studiert Anthropologie und will in die Archäologie – kein Wunder bei ihrem Interesse für uralte Objekte, die sie „lesen“ kann. Ein paar Tage später unternimmt sie mit ihm eine „Expedition“ in die Vergangenheit der Menschheit und der Erde: Die 32 Kilometer, die sie quer durch Boston gehen, entsprechen 3,2 Mio. Jahren – so alt sind die ältesten Funde von menschlichen Fossilien. Aber was geschah einst in den riesigen zeitlichen Lücken zwischen den Funden?

Die andere Begegnung bringt Hiroshi in Berührung mit dem Investor Jens Rasmussen. Der amerikanische Unternehmer ist das genaue Gegenteil einer „Heuschrecke“ und findet, dass Hiroshi angemessen für seine geniale Erfindung, den „Zauberstab“, bezahlt werden müsse. Genauer gesagt: mit 3 Mio. Dollar. Das ist zwar viel, aber zu wenig, um Hiroshis nächstes Projekt finanzieren zu können. Rasmussen erkennt beim zweimaligen Durchlesen der Projektbeschreibung, was dies bedeutet: eine Zeitenwende …

_Mein Eindruck_

Wir verfolgen die sehr unterschiedlichen Lebensläufe eines nahezu geschwisterlichen Paares und erleben mit ihnen einschneidende Geschehnisse in der Menschheitsgeschichte mit. Charlotte liefert uns den Einblick in größte ZEITLICHE Tiefen, führt uns aber auch zu einem dramatischen Ereignis im russischen Eismeer. Hiroshi hingegen nimmt uns mit auf eine Reise in tiefste RÄUMLICHE Dimensionen, denn er befasst sich mit den kleinsten Bausteinen des natürlichen (Atome) und künstlichen (Naniten) Lebens. Auf diese Weise können wir uns ein vierdimensionales Bild von der Menschheitsgeschichte machen, von den frühesten Anfängen bis zur jüngsten transhumanen Verwandlung.

Obwohl Charlotte eine übernatürliche Fähigkeit besitzt, die schon fast Fantasy-mäßige Möglichkeit weckt, ist es doch für den Durchschnittsleser, der, sagen wir, nur Krimis oder historische Romane kennt, viel leichter, ihre Schilderungen nachzuvollziehen. Bei Hiroshis Szenen sind eindeutig solche Leser / Hörer im Vorteil, die sich mit Science-Fiction und den jüngsten technischen Entwicklungen wie der Nanotechnologie befasst haben. Nanos gehören zwar mittlerweile zum Alltag, etwa Schutzbelägen für Autokarosserien oder Fenster. Aber dennoch haben die wenigsten Leute eine Vorstellung davon, worum es sich eigentlich handelt: winzige Maschinen, die bis in die Blutbahn und die Lunge gelangen können.

Das ganze Buch wird folglich von der Entwicklung dieser beiden Hauptfiguren und ihrer sich vertiefenden Beziehung zusammengehalten. Die Frage, die sich jeder Leser / Hörer stellt, ist jedoch, ob sie endlich ihre tiefe, einzigartige Liebe erkennen und in die Tat umsetzen können. Dies gelingt Hiroshi am Schluss auf eine unnachahmliche Weise, die nicht nur Charlotte die Tränen in die Augen treibt.

|Das Generalthema|

Soweit, so schön, doch worum geht es überhaupt? Ohne zuviel vom Plot verraten zu wollen, so lässt sich doch schnell erkennen, dass es im Grunde um die Beherrschung einer neuen revolutionären Technologie geht. Hiroshi will ja die Welt verbessern. So möchte er etwa mit seinen ersten Kleinrobotern (die selbständig Kopien von sich erstellen können) die unzähligen Deponien von Müll wieder in Wertstoffe umwandeln. Ein hehres Unterfangen, das nur leider an einem Geburtsfehler scheitert: am Kopiervorgang selbst. Schon die dritte Generation ist unfähig, die gegebenen Befehle korrekt auszuführen und baut Mist. Hiroshi muss von vorne anfangen.

Aber auch die Nanotechnologie hat ihre Tücken. Hiroshi überwindet in deren Entwicklung unvorstellbare Hürden. Die Details würden zu weit führen. Aber wieder einmal bauen seine „Kreaturen“ Mist: Sie entnehmen allen Fischen im Meer einen bestimmten Giftstoff – auf einmal mehren sich Meldungen von Fischsterben an allen Küsten. Bloß gut, dass alle Nanos einen Kill-Befehl verstehen.

Die folgerichtige Konsequenz aus diesen Fehlern lautet, dass sich der Schöpfer mit seinen Kreaturen vereinigen muss. Andere Menschen würden ihn nun nicht mehr als Menschen definieren, da er nun auf einer anderen Ebene existiert und anderen Parametern gehorcht. Diese Entfremdung hat verheerende Folgen für Hiroshi und seine Schöpfung. Die Menschheit wendet sich gegen ihn. Das ist höchst ironisch: Aus dem Möchtegern-Wohltäter ist ein Feind geworden, den es zu vernichten, zumindest aber auszubeuten gilt.

|Action|

Das zweifellos unterhaltsamste Kapitel gehört Charlotte. Im russischen Eismeer will sie mit ihrer Expedition ja eigentlich menschliche Fossilien suchen und insgeheim dem Ursprung einer lokalen Sage von einem schwarzen Teufel nachgehen, der einst auf die Erde gefallen sein und im „ewigen“ Eis gefangen sein soll. Nun, sie findet definitiv mehr als einen Teufel, nämlich eine verborgene Kolonie von Naniten. Als diese unerwartet ein Festmahl an Nähr- und Rohstoffen in Gestalt von Menschenkörpern geboten bekommen, entwickeln sie ein unheimliches Eigenleben …

|Jargon|

An einigen Stellen merkt man deutlich, dass Eschbach ein Software-Entwickler gewesen ist. Selbst im gekürzten Hörbuchtext wird noch Jargon verwendet, der Hörer, die nicht das Geringste von Software verstehen, vor erhebliche Verständnisprobleme stellen kann. Das ist von Supercomputern, Routinen und Prozeduren, von Programmcode und Kill-Befehlen die Rede – alles ganz gewöhnlicher Krempel für einen Entwickler, aber eine Hürde für Laien.

_Der Sprecher_

Als ausgebildeter Schauspieler weiß Koeberlin seine Stimme wirkungsvoll einzusetzen und die Sätze deutlich und richtig betont zu lesen. Er verleiht den beiden Hauptfiguren minimal unterschiedlichen Stimmlagen zu, lässt sie kichern und flüstern, besorgt klingen und schluchzen.

Koeberlin lässt aber insbesondere „Ausländer“ anders sprechen. Das funktioniert am besten mit den rauen Akzenten der Russen und der argentinischen Militärs. Aber auch die Amis kann man leicht heraushören. Vielfach werden die Stimmen der Militärs und Forscher durch Effektfilter verfremdet, so dass es einigermaßen realistisch klingt, wenn sie sich mit Hilfe von Sprechfunk usw. verständigen. Dann ist die jeweilige Stimme entsprechend verzerrt. Funksprüche klingen oft abgehackt.

Aber es gibt auch Zustände der Figuren, die sich nicht immer „normal“ klingen lassen. So hat etwa Charlottes Expeditionskamerad Morley schwere Probleme, das auf der Insel Gesehene und Erlebte zu verarbeiten. Er ist erst der Panik nahe, dann deliriert er. Der Sprecher könnte an dieser Stelle leicht albern klingen, kann es aber gerade noch vermeiden.

Zu meiner Freude hat sich Koeberlin in den letzten Jahren einige Sprachen angeeignet. Ganz besonders seine Aussprache des Spanischen ist makellos. Daher kann ich ihm sowohl eine unterhaltsame als auch kompetente Vortragsweise bescheinigen. Doch die Figuren zum Leben zu erwecken, gelingt ihm im Grunde nur bei den beiden Hauptfiguren. Das liegt aber daran, dass wir uns emotional mit ihnen identifizieren können, während die Kürzungen des Hörbuchs keine weiteren wichtigen Nebenfiguren zulassen.

|Musik|

Andy Materns musikalische Beiträge zeigen sich vor allem in den Intros und Outros, die auch am Ende jeder CD erklingen. Percussion, Synthigeiger und ein Bass bekommen einen dynamischen Klangteppich zustande, der immer wieder im Hintergrund für Spannung sorgen kann. Andere Instrumentalisierungen, etwa mit Flöte und Harfe, sorgen für Entspannung. Es ist dieser Wechsel, der die Dramaturgie des Plots unterhaltsam macht. Denn zuviel des einen wie des einen wäre ja langweilig.

Geräusche gibt es keine, daher brauche ich darüber keine Worte zu verlieren.

_Unterm Strich_

„Herr aller Dinge“ – ja, dies zu werden gelingt Hiroshi Kato in vollem Umfang. Dummerweise hat der Rest der Menschheit etwas dagegen, hat sie doch schon Schwierigkeiten, sich auf nur einen Gott zu einigen. Leider erweist sich Hiroshis Wohltäterschaft als zwar gut gemeint, aber schlecht gekonnt. Die Wirklichkeit hat entschieden etwas dagegen, sich verbessern zu lassen.

Folglich kann er seinen größten Erfolg nur im zwischenmenschlichen Bereich erzielen: Mit seinen gottähnlichen Kräften gelingt es ihm, einen Menschen von einer tödlichen Krankheit zu heilen (und dreimal darf man raten, um wen es sich handelt). Merke: Der einzige Preis, den die Menschen von einem Gott einfordern und akzeptieren, ist ein Opfer. Damit kennen sie sich selbst aus, und künftige „Götter“ sollten sich das hinter die Ohren schreiben.

Ich fand die ganze Geschichte faszinierend entworfen und stellenweise spannend geschildert, so etwa auf der russischen Eismeerinsel. Allerdings nimmt sich der Autor dort selbst auf die Schippe oder stellt sich ein Bein, weil er Anklänge an „Star Wars“ und „Superman“ zur Sprache bringt. Die „Festung der Einsamkeit“ ((http://de.wikipedia.org/wiki/Festung__der__Einsamkeit)) ist die Heimstatt von Supie himself, und wer sie zitiert, evoziert entsprechende Erlebnisse des Lesers / Hörers. Diese wirken jedoch ein wenig deplatziert. Ich mochte eben „Superman“ noch nie.

|SF-Vorbilder|

Dafür gibt es jedoch jede Menge Vorbilder in der Science-Fiction. Die wichtigsten sind wohl der Roman „Blutmusik“ von Greg Bear, in dem sich der Forscher-Schöpfer mit seinen Kreaturen vereint und ein transzendentes Wesen (sprich: Gott) wird; zum anderen die Maschinenwesen in Gregory Benfords CONTACT-Zyklus. Auf diese feindliche Zivilisation stoßen die menschlichen Expeditionen, die ihr Vorspiel in „Meer der Nacht“ erleben.

|John von Neumann|

Die Maschinenwesen können sich ebenso wie die Kleinroboter und Naniten, die Hiroshis erschafft, kopieren und vermehren. „Die Von-Neumann-Sonde ist ein hypothetisches Konzept für selbstreplizierende Raumschiffe, das auf der Idee der selbstreproduzierenden Automaten des Mathematikers John von Neumann beruht“, schreibt die Wikipedia korrekt. Solche Automaten können jede Form und Größe annehmen, versteht sich, ganz kleine ebenso wie ganz große. Hiroshi, der geniale Alleskönner, baut sie alle. (Wer mehr über Eschbachs Ansichten über Nanotechnologie wissen will, lese sein „Buch von der Zukunft“, das 2004 bei Rowohlt veröffentlicht wurde.)

|Die Aliens|

Größte Mühe hatte ich jedoch mit der Frage, warum Hiroshi Raketen ins All schießt. Im gekürzten Hörbuchtext wird dies nur minimal begründet. Welche Außerirdischen sollen die Raketen erreichen, wenn die Aliens keine bekannten Spuren hinterlassen haben? Genau diesen Punkt widerlegt die Handlung: Die Aliens waren – und sind! – schon da, nämlich auf der russischen Eismeerinsel.

Und von da ab werden die Dinge so verwickelt, dass ich auf das Buch beziehungsweise die vollständige Audio-Lesung in MP3-Format verweise. Jedenfalls bleibt einem die Spucke weg, wenn der Autor seine eigene galaktische Vision entwirft, die sich durchaus mit Entwürfen bei „Perry Rhodan“ messen kann. Eschbach hat ja mehrfach sowohl für diese größte deutsche SF-Reihe geschrieben als auch für sein Universum der „Haarteppichknüpfer“ groß dimensionierte Entwürfe geliefert. Mit seinem Entwurf begründet er, warum wir bzw. unsere Sonden und Teleskope bislang auf kein einziges Anzeichen von Leben gestoßen sind. Es wirkt wie leergefegt …

|Das Hörbuch|

Der Sprecher liest gewohnt gekonnt vor und erweckt zumindest die beiden Hauptfiguren zum Leben. Die Musik sorgt für Spannung und Entspannung. An einigen Stellen merkt man, dass der Autor mal Softwareentwickler war und sich mit vielen modernen Technologien bestens auskennt – siehe sein „Buch von der Zukunft“.

|8 Audio-CDs
Spieldauer: 574 Minuten
ISBN: 978-3-7857-4515-1|
http://www.luebbe.de

_Andreas Eschbach beim |Buchwurm|:_
[Ein König für Deutschland]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5856
[Der Nobelpreis]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2060
[Ausgebrannt]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3487
[Ausgebrannt – Hörbuch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4942
[Black*Out]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6579
[Quest]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1459
[Quest (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7931
[Die Haarteppichknüpfer]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1556
[Das Jesus-Video – Hörbuch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=267
[Der letzte seiner Art]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1250
[Der letzte seiner Art – Hörbuch]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=317
[Eine Billion Dollar]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=653
[Solarstation (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7803
[Exponentialdrift]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=187
[Das Marsprojekt – Das ferne Leuchten (Bd. 1)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1102
[Das Marsprojekt – Die blauen Türme (Bd. 2)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1165
[Das Marsprojekt – Die gläsernen Höhlen (Bd. 3)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2484
[Das Marsprojekt – Die steinernen Schatten (Bd. 4)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4301
[Das Marsprojekt – Die schlafenden Hüter (Bd. 5)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5266
[Die seltene Gabe]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1161
[Perfect Copy]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1458
[Herr aller Dinge]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=8005

Follett, Ken – Tore der Welt, Die (Lesung)

_Höhen und Tiefen des Schicksals: Mittelalter-Seifenoper in guter Lesung_

England im Jahre 1327. Es ist der Tag nach Allerheiligen. In der Stadt Kingsbridge trifft sich im Schatten der Kathedrale das Volk. Vier Kinder flüchten vor dem Trubel in den nahe gelegenen Wald. Dort werden sie Zeugen eines Kampfes – und eines tödlichen Geheimnisses. Merthin, ein Nachfahre von Jack Builder, dem Erbauer der Kathedrale, hat dessen Genie und rebellische Natur geerbt. Sein starker Bruder Ralph strebt den Aufstieg in die Ritterschaft an. Caris, Tochter eines Wollhändlers, hat den Traum, Arzt zu werden. Gwenda, Kind eines Taglöhners, will nur ihrer Liebe folgen.

Und da ist noch Godwyn, Caris‘ Vetter, ein junger Mönch, der entschlossen ist, Prior von Kingsbridge zu werden. Koste es, was es wolle. Ehrgeiz und Liebe, Stolz und Rache werden den Weg dieser Menschen bestimmen. Pest und Krieg werden ihnen das Liebste nehmen, was sie besitzen. Glück und Unglück werden sie begleiten Doch sie werden die Hoffnung niemals aufgeben. Und immer wird der Schwur sie verfolgen, den sie an jenem schicksalhaften Tage leisteten. (Verlagsinfo)

Das Buch hat 1297 Seiten, die gekürzte Lese-Version immerhin noch 924 Minuten Länge. Es gibt auch das kürzere Hörspiel und die ungekürzte MP3-Version.

_Der Autor_

Ken Follett, geboren 1949 im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ bekannt, der laut Wikipedia rund 12 Millionen Mal verkaufte. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Weitere historische Romane folgen regelmäßig, zuletzt „Der Sturz der Titanen“ (2010) und „Winter der Welt“ (2012).

Ab dem 3. Dezember 2012 wurde der TV-Vierteiler auf Sat.1 ausgestrahlt.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel, 1941 in Hindenburg/Oberschlesien geboren, erhielt seine Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Als gefragter Synchronsprecher leiht er Jack Nicholson, Dustin Hoffman, Dennis Hopper und vielen anderen Stars seine sonore Stimme. Ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist mir seine Beteiligung an der Hörbuchfassung von Stephens Kings „Das Mädchen“, die er zusammen mit Franziska Pigulla bestritt. Seine sonore Stimme macht aus jedem Gegenstand etwas Grandioses. Daher ist er häufig auch in der Werbung zu hören, so etwa zu der Medienproduktion um Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung.

Regie führte Kati Schaefer, als Tonmeister in den d.c. Studios NRW fungierte Lars Ullrich. Die Musik stammt von Michael Marianetti.

_Hauptfiguren_

1) Merthin Fitzgerald stammt von Jack Builder, dem Stiefsohn des Erbauers der Kathedrale von Kingsbridge, ab. Merthin hat Jacks Architektengene geerbt. Durch Geschick und Einfallsreichtum übertrifft er bald seinen Lehrherrn Elfric. Nachdem die alte Brücke von Kingsbridge eingestürzt ist, plant und beginnt er den Bau einer gänzlich neuen Brücke. Doch kurz vor Abschluss seiner Arbeiten wird ihm dieser Auftrag wieder entzogen. Als seine Geliebte Caris Nonne wird, um einen Hexenprozess aufgrund falscher Anschuldigungen abzuwenden, kehrt er England den Rücken.

2) Ralph Fitzgerald ist Merthins Bruder, aber von völlig anderem Charakter: stark, aggressiv, ungeduldig beim Lesen, ein vollendeter Reiter und Reiter. Er benutzt seine kriegerischen Fähigkeiten, um an die Spitze der mittelalterlichen Gesellschaft aufzusteigen. Als Knappe gerät er in Streit mit Wulfric und nutzt seine spätere Stellung als Herr von Wigleigh, sich an ihm zu rächen, indem er unter anderem auch Gwenda missbraucht. Wegen der Vergewaltigung von Annet Perkin schließlich zum Tode verurteilt, kann er sich jedoch retten, weil Graf Roland ihn als Junker im Krieg gegen Frankreich einsetzen will. Graf Roland stirbt im Krieg, sein Sohn William folgt ihm nach. Ralph kehrt 1346 erfolgreich aus der Schlacht von Crécy zurück und wird zunächst Herr von Caster und nach dem Tod des Grafen William während der Pest selbst zum Grafen von Shiring ernannt. Doch mit Gwenda ist noch eine Rechnung offen.

3) Caris ist die angriffslustige Tochter des Wollhändlers Edmund Wooler und Cousine von Godwyn. Sie stammt unmittelbar von Tom Builder ab. Ihre Schwester Alice ist mit Elfric, dem Lehrherrn von Merthin, verheiratet. Als Kind kündigt sie an, Heilerin werden zu wollen und geht bei der Kräuterfrau Mattie Wise in die Lehre – doch im Europa des Mittelalters dürfen Mädchen nicht Medizin studieren. Sie weigert sich, das Verbot zu akzeptieren. Ihre Entschlossenheit verwickelt sie in Konflikte mit der Kirche und vereitelt ihre Beziehung zu dem Mann, den sie liebt: Merthin. Nach ihrem erzwungenen Eintritt ins Kloster übernimmt sie die Verantwortung für das Hospital und wird schließlich sogar Priorin.

4) Gwenda ist die Tochter eines bettelarmen, rechtlosen Tagelöhners und eines von fünf hungernden Kindern. Die Sächsin (also keine Normannin) sieht gewöhnlich aus, will aber Wulfric heiraten, den schönsten und reichsten Jungen im Dorf Wigleigh. Wulfric aber ist mit der koketten Annet verlobt, der Tochter eines wohlhabenden Bauern. Gwenda weigert sich zu glauben, dass sie seine Liebe nicht gewinnen kann. Beim Einsturz der alten Brücke verliert Wulfric seine ganze Familie. Weil er dadurch die Erbschaftssteuer nicht zahlen kann, verliert er auch das Pacht- bzw. Lehnsrecht seiner Eltern. Annet wendet sich deshalb von ihm ab, heiratet einen anderen, und Gwenda gelingt es nun, Wulfric für sich zu gewinnen.

5) Bruder Godwyn, ebenfalls ein Abkömmling von Tom Builder, ist ein Cousin von Caris. Er wird sehr jung Mönch ist willens, Prior von Kingsbridge zu werden – und er ist nicht wählerisch bei der Auswahl der Mittel, die ihn dorthin bringen sollen. Seine kluge und hinterlistige Mutter Petronilla hilft ihm dabei nach Kräften. Trat er als Reformer an, entwickelt er sich schnell und immer mehr zu einem selbstsüchtigen und ultrakonservativen Dickkopf, dessen Ehrgeiz und Geltungssucht immer wieder Auswirkungen zuungunsten der Priorei und der Stadt haben. Er behindert den Brückenbau, vertreibt für lange Jahre Merthin aus der Stadt und veruntreut Gelder des Nonnenklosters, um sich selbst einen Priorspalast zu errichten.

6) Philemon: Der heuchlerische Bruder von Gwenda ist am Anfang Diener der Priorei. Mithilfe seiner Skrupellosigkeit verschafft er sich Zugang zur Priorei, indem er als Mönch aufgenommen wird. Durch ständige Schmeicheleien gegenüber Godwyn wird er zum Subprior erhoben. Nachdem Godwyn an der Pest stirbt, taucht Philemon auf und reißt den Priorentitel an sich. Zum Schluss macht er fast den Traum Merthins vom höchsten Turm Englands zunichte, indem er sich den älteren Klerus zum Verbündeten macht, während die Zeit für einen Bischofswechsel nicht weit ist. (Quellen: Wikipedia, Lübbe Audio)

_Handlung_

England im Jahre 1327. Es ist der Tag nach Allerheiligen. In der Kathedrale von Kingsbridge, die Jack Builder baute, ist viel Volk versammelt. Denn heute wird die Reliquie des hl. Adolphus gezeigt, die die Mönche der Priorei aufbewahren und nur während dieser Messe hereintragen. Die achtjährige Gwenda, Tochter eines Taglöhners und Diebes, hat von ihrem Vater den Auftrag erhalten, die prallgefüllte Börse von Sir Gerald zu stehlen.

Doch in der Kirche ist kaum Platz für sie selbst, geschweige denn für verstohlene Diebesaktionen. Ein Mädchen neben ihr hilft ihr, Caris. Und es ist Sir Gerald persönlich, der sie hochhält, damit sie von der Zeremonie etwas sehen kann. Nach erfolgreicher Tat kehrt sie zu ihren Eltern im Westflügel zurück. Erst beim nachfolgenden Frühstück bemerkt Sir Gerald seinen Verlust. Dieser führt dazu, dass er seinen Status als Ritter verliert und zum Mundling der Priorei wird, bei der er gerade seine Schulden abzahlen wollte. Im Zuge seiner Degradierung müssen sich seine Söhne Merthin und Ralph als Zimmermannslehrling respektive Schildknappe des Grafen verdingen. Dies entscheidet Graf Roland von Shiring.

Merthin, 11, und Ralph, 10, gehen in die Vorstadt jenseits der Brücke, um Bogenschießen zu üben. Merthin hat seinen Bogen selbst geschnitzt, doch ein Bogen ist nicht die Waffe eines Rittersohns, und schon bald sagt man ihm zudem, dass er zu jung fürs Üben sei. Caris Wooler und Philemon, Gwendas Bruder, wundern sich über Merthin, doch die schlaue Caris weiß wie so oft einen Ausweg: Warum nicht einfach im nahen Wald üben? Der Haken ist nur, dass kein Kind in den Wald darf, denn dort leben die Geächteten. Macht nix: Sie nimmt die beiden Brüder mit und Gwenda, die ihren Hund Hobb sucht, ebenfalls.

|Der Schwur im Wald|

Merthin, der schwächere, aber intelligentere der beiden Brüder, erprobt seine Schießkunst vergeblich an einer stämmigen Eiche. Doch Ralph, der Kräftigere, schießt nicht nur erfolgreich auf die Eiche, sondern killt gleich auch ein lebendes Objekt, nämlich ausgerechnet Gwendas Hund Hobb. Gwenda und Merthin protestieren vergeblich und wirkungslos gegen Ralphs Grausamkeit.

Als sie Männer rufen hören, verstecken sich alle, denn sie dürfen ja gar nicht im Wald sein. Ein Ritter stoppt auf der Lichtung unter der Eiche und stellt sich zwei Soldaten, die die farben der Königin tragen. Zunächst ergibt er sich und nennt sich Thomas Langley. Als die Kinder entdeckt werden, gilt es offenbar ein Geheimnis zu schützen: Langley greift die Soldaten an. Ralph Fitzgerald erschießt einen der beiden, und Langley tötet den Zweiten, hat aber eine Armwunde davongetragen. Merthin verbindet seine Wunde notdürftig, danach werden alle Leichen versteckt.

Langley bittet Merthin, ein wichtiges Dokument unter der Eiche zu vergraben. Er steckt es in eine wasserabweisende, schützende Hülle, und Merthin folgt der Bitte. Das Dokument enthält ein Geheimnis, das die Königin bedroht. Langley lässt Merthin schwören, nie ein Sterbenswörtchen davon zu verraten. Es ist ein geheimnis, das Merthins Leben immer wieder beeinflussen wird.

|Unterdessen in London|

Langley ist vor den Folgen eines Geschehens von nationaler Bedeutung geflüchtet. Weil König Edward II angeblich ein Homosexueller ist, führt Lord Roger Mortimer, der Liebhaber von Königin Isabella von Frankreich, einen (zweiten) Putsch der Adeligen gegen ihn an. Er lässt Edward im November 1326 gefangennehmen und in den Tower werfen. Im Januar 1327 verzichtet Edward II auf den Thron, und im März folgt ihm sein 14-jähriger Sohn Edward III ins Regierungsamt. Doch wie kommt der König am 21. September 1327 zu Tode und auf wessen Befehl hin?

Das Volk bekommt alle mögliche Versionen zu hören: Erst heißt es, es sei ein Unfall gewesen. Doch die adelige Mutter Oberin Cecilia weiß anderes, und das verrät sie Caris mit ihren letzten Worten. Edward sei mit einer glühenden Eisenstange im Hintern gefoltert und getötet worden. Deshalb fand der Arzt an seinem Körper keine einzige Verletzung.

Doch wer führte diese grausige Tat befahl und wer sie ausführte, wissen nur die Königin, ihr Lover und ihr Henkersknecht. Im Jahr 1330 stürzt der König die beiden Regenten in einem Staatsstreich und lässt Mortimer hinrichten, die Königin aus London verbannen. Doch erst einmal muss er seinen Feldzug gegen den französischen König Philipp VI. überleben, den er 1337 vom Zaun bricht …

_Mein Eindruck_

Der nahezu 1300 Seiten lange Roman ist in sieben Zeiträume aufgeteilt, die insgesamt die Zeit zwischen 1327 und 1361 abdecken, also rund 34 Jahre. Natürlich stehen Beziehungs- und Liebesgeschichten der verschlungenen Handlungsstränge, doch im Mittelpunkt stehen stets die oben aufgeführten Hauptfiguren.

Anders als im Film treten die Königin und der König zu keiner Zeit auf, sondern stets bloß deren verschlagener Kronrat Gregory Longfellow. Überhaupt weicht die Verfilmung in fast allen Details vom Buch ab, streicht viele Figuren und führt abenteuerliche neue Handlungsstränge ein. Wer also über das Buch sprechen will, darf sich auf keinen Fall auf die TV-Serie stützen. Ich wundere mich, dass der Autor solche umfangreichen Änderungen genehmigt hat.

Immer wieder geht es um Neuerungen in Kingsbridge, um altes und neues Denken. Das zeigt sich zunächst in der Architektur, wenn der junge Merthin die eingestürzte Holzbrücke ersetzen und dabei ausländische Baumethoden anwenden will. Aber auch in der Heilkunst begegnen die Traditionalisten Schwester Caris, die als Ketzerin angeklagt ist, mit Misstrauen, ja, Unverstand. Dass sie ein Standardwerk der Medizin verfasst, können viele nicht glauben. Merthin und Caris, die Neuerer, sind das zentrale Liebespaar, doch sie sollen lange nicht zueinander kommen – sonst wäre der Roman ja schon viel zu früh zu Ende.

Beide haben ebenso wie die Tagelöhnerin Gwenda mit der Ständeordnung des Mittelalters zu kämpfen. Merthins Bruder Ralph steigt über die Jahre bis in den Rang eines Grafen auf. Er übt sexuelle Gewalt ebenso selbstverständlich aus wie körperliche Gewalt auf dem Schlachtfeld. Wenn ihm die Bauern davonlaufen, lässt er sie wieder einfangen und sie bestrafen. Sein Umgang mit Gwenda und Lady Philippa, einer adeligen Witwe, ist rücksichtslos und ohne Mitgefühl. Er findet ein verdientes und sehr blutiges Ende.

Neben diesem weltlichen „Adel“ gibt es noch den klerikalen. Immer wieder nimmt sich Prior Godwyn, was ihm nicht zusteht, bis die Nonnen endlich klug werden und all ihre Schätze verstecken. Sie werden dennoch Opfer eines brutalen Überfalls, den Ralph in Verkleidung begeht und der zwei Ziele hat: Er will sich seiner hinderlichen Frau Mathilda entledigen und dem König ein gewisses Dokument besorgen, das sehr wertvoll sein könnte.

Caris und Merthin durchschauen ihn, können aber nichts gegen ihn unternehmen. Überhaupt steht die Gerichtsbarkeit in der Regel auf der Seite von Adel und Klerus. Deshalb müssen Caris und Merthin äußerst klug agieren und Lobbyarbeit betreiben – also genau, was Ken und Barbara Follett jahrelang selbst gemacht haben.

|Historische Hintergründe|

Während der Hundertjährige Krieg 1346 mit der siegreichen Schlacht von Crécy einen actionreichen Höhepunkt findet, bildet die sich ausbreitende Pest ab dem zweiten Drittel des Buches einen dunklen Hintergrund für den ganzen Rest der Geschichte. Zum Glück hat Merthin in Italien schon erste Maßnahmen der dort viel fortgeschritteneren Ärzte gesehen, von denen er Caris erzählen kann. Indem sie zahlreiche Widerstände überwindet, etwa seitens Cousin Godwyns, gelingt es Caris, viele Leben zu retten, und als die Pest 1361 erneut zuschlägt, lässt sie Kingsbridge isolieren – und kann fast alle Bewohner vor dem Schwarzen Tod bewahren.

Der Autor zeigt sich also bewandert in den Künsten des Krieges wie der Heilung, in Handel und Architektur. Alle seine Kenntnisse lassen sich überprüfen. Das Mittelalter war eine unruhige Zeit des Umbruchs, in denen alte Strukturen aufgebrochen wurden, weil wirtschaftliche Erfordernisse – tote Bauern liefern nun mal kein Getreide – oder Erkenntnisfortschritte den Wandel im Denken und Urteilen notwendig machten.

|Seifenoper|

Nur das Fühlen bleibt sich offenbar immer gleich, und deshalb wirkt das Buch manchmal wie eine adrenalingeladene Seifenoper. Auf den konservativen Leser mögen die vielen Sexszenen befremdlich wirken, aber es sind häufig die Frauen, die die Initiative zu einvernehmlichem Sex ergreifen. Da wird munter so mancher Busen begrapscht und so wird so manches Kleid, so manche Kutte gelüpft, bevor man ans Eingemachte geht.

Brutale Machos wie Ralph sind die große Ausnahme. Dass sich eine unwillige Frau die Pulsadern aufschneidet, wie es Lady Philippa im Film tut, kommt überhaupt nicht infrage, denn Selbstmord ist für Katholiken eine große Sünde. Selbstmördern bekommen keine Beerdigung, keinen Segen und folglich auch nicht in den Himmel, ganz klar. An Lady Philippas TV-Ende kann man die Dreistigkeit der Drehbuchautoren ablesen.

Auch der finale Zweikampf zwischen König Edward III und seinem Vater findet nicht statt. Vielmehr wurde dabei der Kampf zwischen Ralph und seinem Sohn Samuel, den er mit Gwenda zeugte, auf die königliche Ebene übertragen. Vatermord ist natürlich ebenfalls eine Sünde, aber was soll’s, dachten sich wohl die Drehbuchautoren, jetzt sind wir schon mal dabei, alles über den Haufen zu werfen, da fällt ein kleiner Mord unter Vätern und Söhnen gar nicht mehr auf. Ganz besonders dann, wenn zugleich ein Geheimnis aus der Welt geschafft werden kann.

_Der Sprecher_

Joachim Kerzel tut einfach, was er am besten kann: Er spricht verschiedene Parts mit unterschiedlichen Tonlagen. Doch sind die Gestaltungsmöglichkeiten seiner tiefen Stimme begrenzt – er wird garantiert nicht im Falsett zu hören sein, erwartete ich. Doch ich wurde eines Besseren belehrt: Wenn Gwenda und andere Frauen „Nie!“ rufen, dann erreicht Kerzels Stimme unegahnte Höhen.

Ansonsten kommt es ihm darauf an, das mitunter actionreiche, sinnliche und spannende Geschehen, in dem ein Höhepunkt dem Nächsten folgt, möglichst deutlich herauszuarbeiten und darzustellen, so dass ihm der Zuhörer mühelos folgen kann. Diese Aufgabe erledigt er mit Bravour. In der Schlachtszene von Crécy (1346) ist dies hervorragend zu beobachten, denn dort schildert das Kampfgeschehen, bei dem Ralph dem Kronprinzen das Leben rettet, minutiös, schnell und detailgenau. Dabei ist jedes Wort deutlich zu verstehen.

|Musik|

Geräusche gibt es anders als im Hörspiel zwar nicht, wohl aber Musik. Als Intro und Outro erklingt eine dramatische, leicht pompöse Musik, die wohl die Bedeutung der Handlung unterstreichen soll. Am Anfang jedes Buchteils hören wir eine Hintergrundmusik, die je nach Jahreszeit mal frühlingshaft beschwingt, mal traurig-herbstlich daherkommt. Am Ende der CDs gibt es kein Outro, außer am Schluss des Letzten.

Der Schuber, beide CD-Packs und alle CDs sind mit Braille-Schrift bedruckt, so dass auch Sehbehinderte kein Problem haben dürften, diese Aufnahme zu genießen.

_Unterm Strich_

Der Käufer dieses Hörbuchs bekommt eine ganze Menge Unterhaltung für sein Geld. Wer danach an einer Kathedrale vorübergeht, kann sich ungefähr ausmalen, welche Kräfte und Menschen an der Errichtung dieses Bauwerks beteiligt gewesen sein mögen. Er bekommt aber auch vor Augen geführt, wie zerbrechlich solch ein Gebilde ist: Risse allenthalben, und wenn die Fehler nicht von Grund auf behoben werden, so besteht die Gefahr, dass das Gebäude komplett einstürzt. Die Kathedrale ist die perfekte Metapher für die menschliche Gesellschaft des Mittelalters. Nur wenn alle Teile zusammenhalten, kann das Ganze bestehen und überdauern. Bricht aber nur eine winzige Strebe weg, kann der gesamte Bau ins Wanken geraten.

Allein schon die Frage, wer eine achteckige Turmspitze auf ein rundes Fundament setzen kann, spaltet die Baumeister und die Gesellschaft von Kingsbridge in zwei Teile. Während die Konservativen mit ihren alten Methoden und ihrem veralteten Wissen an dieser Frage scheitern, ähnlich wie die alten Heilmethoden an der Pest scheitern, so müssen neue Ideen und Methoden größere Leistungen vollbringen. Und dazu gehört eben auch eine achteckige Turmspitze, die die höchste in ganz England werden soll. Ad maiorem gloriam dei!

Mir kam die Abfolge der Wechselfälle in den Schicksalen der fünf bis sechs Hauptfiguren (s. o.) manchmal wie eine Seifenoper vor. Und so manchem Hörer dürfte die Szene, in der sich Caris gegen ihr Ungeborenes und für eine Abtreibung entscheidet, unangenehm vorkommen, scheint diese Frau doch in erster Linie an sich und ihre Freiheit zu denken statt an die Liebe von Merthin. Was im Hörbuch weggekürzt wurde, ist eben die Erläuterung des Sklavenstatus einer Ehefrau, der zu dieser Zeit Gesetz war: Sie war lediglich der Besitz ihres Gatten. Alle Figuren streben nach individueller Freiheit, aber auf ganz verschiedenen Wegen.

Freiheit, zumal Gedanken- und Glaubensfreiheit, ist auch der katholischen Kirche ein Gräuel, und keiner verkörpert diese Haltung besser bzw. schlimmer als Prior Godwyn. Statt Seelsorger seiner Schäfchen zu sein, quetscht er sie lediglich aus, denn ihm gehört ja die Stadt und ihre Brücke. Beim ersten Zeichen der Gefahr von Ansteckung mit dem Pesterreger, ergreifen er und seine Mönche die Flucht. Mit sich nehmen sie einen beträchtlichen Kirchenschatz.

Nun, König Heinrich VIII – der mit den sechs Frauen – ließ bekanntlich sämtliche Klöster enteignen und die „Papisten“ verjagen. Der Autor lässt aber die Frage offen, ob die Anglikaner besser sind als die Papisten: Es ist eine Herrschaft, und jede Herrschaft unterdrückt Freiheit, wenn sie nicht nach Harmonie der gesellschaftlichen Bestrebungen und Bedürfnisse strebt – genau wie in Gestalt einer Kathedrale. Es muss ja wohl einen guten Grund gehabt haben, dass im 17. Jahrhundert so viele Menschen anglikanischen Glaubens in die Neue Welt ausgewandert sind. Nicht etwa, weil dort das Gras grüner war, sondern weil dort die Gedanken freier waren.

Manchen Leserinnen und Lesern kann so ein doller Schmöker nicht lang genug sein. Neun Monate wie für eine Schwangerschaft braucht man zwar nicht für die Lektüre von 1300 Seiten, aber es fehlt wohl nicht viel. Hauptsache, man kann in diese mittelalterliche Welt eintauchen und Schicksale mit allen Höhen und Tiefen erleben, ja, dabei sogar noch etwas über den Anfang der Neuzeit lernen.

Dass sich die Menschen in ihren Gefühlen und Bestrebungen (Liebe, Erfüllung, Glück, Wachstum) seitdem kaum verändert haben, rückt die dargestellten Figuren in nachbarliche Nähe, im Guten wie im Schlechten. Eingedenk dessen haben die Autoren dem Genre des historischen Romans einen ungeahnten Aufschwung verschafft.

Doch nach wie vor bleibt der Prüfstein für den Erfolg eines solchen Romans die Plausibilität der historischen Fakten. Dürfen grüne Marsmännchen in der Kathedrale von Reims Ringelpietz tanzen? Auf keinen Fall! Dürfen Neanderthaler in den Gassen von München munter Mammuts jagen? Ebenfalls nicht. Wem solche Erfindungen spanisch vorkommen, sollte sich sofort per Facebook oder Twitter beim Verlag beschweren: No more bullshit!

|Das Hörbuch|

Auf jeden Fall ist „Tore der Welt“ eine unterhaltsame Geschichte, die besonders in der Verdichtung als Hörbuch ihren Zauber entfaltet. Joachim Kerzels Stimme setzt das Geschehen vom Blatt über Sprache & Ton in Szenen um, die man sich wie einen Film vorstellen kann. Beste Beispiele dafür ist die actionreiche Schlacht von Crécy sowie der brutale Überfall auf das Nonnenkloster von Kingsbridge. Da glänzt Kerzel ebenso wie in den ruhigen Szenen von Zärtlichkeit und Zuneigung.

Und einen Realismus dieser Art würde sich Hollywood (immer noch) kaum darzustellen trauen: homosexuelle Frauen (Caris und Maire) und Männer, Abtreibung (Caris), Ablasshandel (Godwyn), Frauenhandel (Gwenda), ja selbst Frauen, die sexuell die Initiative ergreifen und sich einem Mann zur Heirat anbieten, sind auf der Leinwand weiterhin bzw. schon wieder verpönt. Da freut man sich doch gleich wieder auf den nächsten Follett-Schmöker.

|12 Autio-Cds mit ingesamt 924 Minuten Spieldauer
Aus dem Englischen übersetzt von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt
Originaltitel: World without end
ISBN-13: 978-3785735114|
http://www.luebbe.de

_Ken Follett bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Leopardin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=111
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