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Norman, John – The Totems of Abydos

_Entdeckungen im Urwald: Totems, Monster, Wandlungen_

In der fernen Zukunft besuchen zwei Anthropologen den abgelegenen Planeten Abydos. Die zwei sind sehr verschieden: Was dem älteren Rodriguez selbstverständlich erscheint, schockiert den jungen Brenner zutiefst. Beispielsweise menschliche Frauen, die sexuelle Bedürfnisse haben und quasi in Leibeigenschaft gehalten werden.

Aber die zwei Forscher sind hier, um die einheimische Spezies der Pons zu untersuchen. Diese hat sie eingeladen, sie in den tiefen Wäldern von Abydos zu besuchen. Was die Forscher vorfinden, ist eigentlich schon vordekretiert worden, doch als sich die Ereignisse bei den Pons überstürzen, erhalten die beiden Forscher eine Erkenntnis, die die Heimatwelt des menschlichen Sternenimperiums erschüttern würde …

_Der Autor_

In seinem bis dato 32 Bände umfassenden Gor-Zyklus erzählt der 1931 geborene US-amerikanische Geschichtsprofessor John Norman (eigentlich John Frederick Lange) die Abenteuer des Erdenmenschen Tarl Cabot auf Gor, einem Planeten, der sich in seiner Umlaufbahn um unsere Sonne der Erde genau gegenüber befindet. Aber er hat noch etliche weitere Romane veröffentlicht, darunter die „Telnarischen Chroniken“, in deren Universum „Totems of Abydos“ spielt.

_Handlung_

|PROLOG|

Auf dem Planeten Abydos, der von Urwald bedeckt ist, lebt die Bruderschaft in einem kleinen wohlgeschützten Dorf. Denn im Urwald lauern wilde Tiere auf den unachtsamen Wanderer. Der alte Horemheb begibt sich dennoch immer wieder auf den unsichtbaren Pfad, der von seinem Dorf zu einer Plattform mitten im Wald führt. Indem er einen Faden aufnimmt, kann der Blinde dem Pfad folgen, bis er zur Plattform gelangt.

Hier tut er praktisch nichts, außer ein wenig von seinen Vorräten zu sich zu nehmen und zu warten. Niemals geschieht etwas, und selbst die Bestien, die ihn nach umschleichen, greifen ihn an. Was Horemheb hier in der Finsternis sucht, sind drei Dinge:

1) das Geheimnis
2) die Wahrheit
3) die Erinnerung

Er hat vor langer Zeit Bilder in seinem Verstand gesehen, die ihn vermuten lassen, dass es diese drei Dinge hinter der Wirklichkeit gibt, die die Bruderschaft kennt. Vielleicht liegt das Geheimnis in dem alten Pergament mit seinen Sprüchen und Anrufungen. Doch auf die Anrufung hin rührt sich auf der Plattform ebenfalls nichts. Die Frage ist allerdings, wer überhaupt diese Plattform errichtet hat. Sie ist groß und aus hartem Stein. Horemheb hat von Raumschiffen gehört, aber noch nie eines gesehen. Unverrichteter Dinge kehrt er ins Dorf zurück.

|Haupthandlung|

In der fernen Zukunft haben die Menschen das Universum erschlossen und den einen oder anderen Planeten besiedelt, aber es gibt viele Welten, mit denen sie Freundschaft schlossen. Der Kapitän des Raumschiffes, das die zwei Anthropologen Brenner und Rodriguez nach Abydos bringt, ist so ein Fremdwesen, ein Zard. Doch der Translator erlaubt ihm , sich mit ihnen zu verständigen.

Allan Brenner ist jung, naiv und ehrgeizig. Emilio Rodriguez hingegen nähert sich dem Ende seiner Laufbahn und genießt diverse Laster, wie etwa Alkohol und Tabak beziehungsweise deren Äquivalente in dieser Zukunft. Er sagt, er habe den Tod vielfach gesucht, um mehr über das Leben herauszufinden. Allein schon dieses Unterfangen wäre auf der Heimwelt verpönt, denn dort sind alle gleich und alle gleich zufrieden. Sie müssen es auch sein, denn die wohltätige Administration sorgt dafür, so oder so. Brenner hat herausgefunden, dass er selbst um ein Haar postnatal abgetrieben worden wäre. Kann eine Gesellschaft, die die absolute Macht über ihre Mitglieder beansprucht, wirklich so wohltätig sein, wie sie behauptet?

Die Bergbaugesellschaft, die eine Erschließungslizenz für Abydos hat, betreibt (ähnlich wie in „Avatar“) ein ausgedehntes Lager auf der Planetenoberfläche: Company Station. Diese Station ist ringsum von einem hohen Zaun gegen den Urwald abgeschottet – ob aus notwendigem Schutz gegen außen oder um den Diebstahl von wertvollem Gerät zu verhindern, bleibt offen. Mehrere nichtmenschliche Spezies leben hier, nicht zuletzt wieder die geschäftstüchtigen Zards.

Schon die erste Nacht hält für Brenner mehrere Schocks bereit. Auf der verregneten Straße stößt er mit einer vermummten Gestalt zusammen: eine barfuß gehende, sehr hübsche Frau, die unglaublicherweise unter ihrem Regenmantel ein „Kleid“ trägt. Ein derart antiquiertes und unzüchtiges Kleidungsstück kennt Brenner nur aus historischen Büchern. Denn auf der Commonworld gibt es weder Mann noch Frau, sondern nur Personen, und so etwas Sex ist seit Langem abgeschafft und durch künstliche Befruchtung ersetzt worden. Schließlich weiß der Staat ja am besten, was für seine Mitglieder am besten ist.

Der zweite Schock sind die Zimmermädchen, die gerade im Company Hostel das Zimmer der beiden Besucher herrichten. Auch sie tragen „Kleider“, aber obendrein noch kleine Fußkettchen, an denen eine kleine Scheibe angebracht ist. Rodriguez zeigt Brenner an einem Exemplar, was diese Scheibe zeigt: das Logo der Company. Das Fußkettchen ist also keineswegs Schmuck. Diese Zimmermädchen sind vielmehr vertragsgebundene Leibeigene der Company.

Doch es kommt für den armen Brenner noch viel schlimmer: Körperkontakt! Die erste Lokalität, die Rodriguez aufsucht, ist eine Bar. Dort süffelt er mit Genuss sein velasisches Bier namens „Heimat“. Fehlt nur noch, dass er sein bertinisches Kraut raucht, befürchtet Brenner. Der Barbesitzer ist ein Zard, der mit einer Gerte zweimal auf seinen Tisch knallt. Beim ersten Mal kommt eine Blondine in einem „Kleid“ zu den beiden Besuchern, doch die zeigen kein Interesse. Es ist klar, dass ihr Interesse nur gespielt ist, erkennt Brenner. Ganz anders das zweite Mädchen, eine Brünette. Ihre Unterwürdigkeit ist echt. Und wegen der Angst, die sie vor der Gerte des Besitzers hat, schmiegt sie sich mit Armen und Wange an Brenners linkes Bein.

Er möchte am liebsten vor Scham im Boden versinken. Nicht weil sie offensichtlich eine nicht ganz freie Person ist – auch sie trägt ein Kettchen am Fußgelenk -, sondern wegen seiner eigenen physischen Reaktion: Er begehrt sie. Er hat es Rodriguez bereits gestanden: Er habe sexuelle Bedürfnisse. Dafür hätten ihn die Behörden auf Commonworld ins Umerziehungslager geschickt. Oder postnatal abgetrieben.

Dass es einen erheblichen unterschied ausmacht, ob eine Frau, die sich ihm anbietet, eine Sklavin ohne jede Rechte oder eine freie Frau ist, lernt Brenner nicht nur durch Rodriguez‘ Lehren, sondern auch durch praktische Erfahrung. Die Brünette hat die Wahl, ob sie ihm in allen Belangen zu Willen ist, selbst wenn sie bei Weigerung ihren Vertragskalter, den Zard, dadurch vergraulen und dazu veranlassen würde, ihr eine Vertragsstrafe aufzubrummen. Eine Sklavin hingegen hätte keinerlei Wahl und könnte bei Weigerung ohne Folgen getötet werden.

Brenner hätte nie geglaubt, dass ihn eine Frau dazu bringen könnte, alle seine Prinzipien und indoktrinierten Überzeugungen zu überwinden, zu vergessen, aber die Brünette schafft es. Es ist genau das, was sie will: eine Frau zu sein, die mit einem Mann, dem sie sich freiwillig unterwirft, zusammen sein will. Umso besser, wenn der Kunde auch noch mit ihrem betragen und ihren Leistungen vollauf zufrieden ist!

|Bei den Pons|

So ein Pon sieht sehr unscheinbar aus: Gerade mal drei Fuß ragt er über den Boden hinaus, ist meist in eine grob gewebte Kutte gehüllt, hat ein, wie Brenner findet, äffisch aussehendes Gesicht und spricht meist kein Wort. Dieser erste Eindruck, so muss er feststellen, täuscht. Von den Händlern in der Company Station haben einige Pons durchaus Ausdrücke der Gemeinsprache aufgeschnappt, die sie sinnvoll einsetzen können. Sie können sogar zählen, solange man mit der Zahl, sagen wir: drei, einen konkreten, sichtbaren Gegenstand verbindet, sagen wir; einen Kieselstein. Das abstrakte Konzept einer Zahl „drei“, mit der sich rechnen ließe, ist ihnen unerreichbar.

Wie clever die Pons sind, zeigt sich Brenner, als er mit Rodriguez dem Pfad folgt, der kilometerweit durch den Urwald von Abydos führt: In jeweils 50 Metern Abstand liegt ein weißer Stein, der als Markierung des Wegs dient. Dass sich solche Steine auch versetzen lassen, um den Wanderer in die Irre zu führen, muss Brenner später zu seinem Leidwesen herausfinden. Die Pons benutzen auch Werkzeuge, nämlich einen Graber, und wahrscheinlich auch Werkzeuge zum Schneiden und Schnitzen. In ihrem Dorf ragt ein aus Holz errichteter Tempel zwischen den Holzhütten auf, zu dem ihnen die Pons den Zutritt verwehren.

|Die Totems|

Aber sie scheinen keine Waffen außer zugespitzten Stöcken zu haben. Was hat es nun mit ihren Totems auf sich, fragt sich Brenner, denn wegen denen ist er ja lichtjahreweit geflogen. So ein Totem sei eine vielschichtige Angelegenheit, doziert Rodriguez (zu unserem Nutzen). Es sei herauszufinden, welche Art von Totemkult die Pons pflegen.

So ein Totem sei an sich ein Schutzgeist, den eine Gruppe verehrt und dessen Regeln und Tabus sie befolgt. Jeder Tabubruch werde durch Buße bestraft. Ein Totem ist aber auch dessen Abbild, wie man etwa an den Totempfählen der Ureinwohner der amerikanischen Pazifikküsten sehen kann. Zu den strengsten Regeln des Totems gehört die Exogamie. Das bedeutet, dass jeder Gruppenangehörige keinen anderen Angehörigen seiner Gruppe berühren oder sich gar mit ihm paaren darf. Jede Paarung muss also mit den Mitgliedern einer anderen Totemgruppe erfolgen. Dumm nur, denkt Brenner, dass die Pons nur ein Totem haben, die Waldmaus: Wie wollen sie da Exogamie realisieren?

|Monster|

Dies ist nur eines der vielen Rätsel, auf die die beiden Forscher bei ihrem wochenlangen Aufenthalt stoßen. Die Pons sind auch Diebe. Auf einmal sind die beiden Walkie-Talkies verschwunden, ein Rasierspiegel, die Kamera, der Audiorekorder und vieles mehr. Nur sein als Teleskop getarntes Gewehr, das hier höchst illegal ist, hat Rodriguez bislang vor den Langfingern bewahren können.

Wie nützlich das Gewehr, das Explosivgeschosse abfeuert, ist, stellt sich heraus, als Brenner die ultimative Katastrophe auslöst. Zwei Gruppenmitglieder haben einander berührt und das Tabu verletzt. Sie sollen sterben. Brenner stellt sich zwischen Verteilte und Henker und behauptet, es sei in Ordnung, einander zu berühren. Hat er das bei seiner Begegnung mit der Brünetten gelernt? Auf seiner Heimatwelt nämlich herrscht strengstes Berührungsverbot, genau wie bei den Pons.

Die Pons sind erst vor Entsetzen wie erstarrt. Wer das tabu des Totems verletzt, hat nicht nur mit schlimmen Bestrafungen zu rechnen, sondern hebt die Gültigkeit des Tabus und somit des Totems an sich auf. Wenn es aber keine Totems mehr gibt, gibt es nichts mehr, das als Leitfaden fürs leben dienen kann. Übrig bliebe nur das blanke Chaos. Rodriguez, der Brenner auf diese Konsequenzen hinzuweisen versucht, dringt bei Brenner, der sich als Retter sieht, nicht durch.

Schon am nächsten Tag greift das erste Monster einen Pon an, der auf dem Feld arbeitet. Und dreimal darf man fragen, wem die Pons die Schuld daran geben werden, fragt sich Rodriguez. Er eilt mit Brenner in den Wald, um mit seinem Gewehr das Raubtier zu erlegen …

_Mein Eindruck_

In einem Interview hat John Norman gesagt, dass seine drei Lieblingsautoren Homer, Freud und Nietzsche seien. In „Totems von Abydos“ kann man ablesen, wie die Gedanken Nietzsches und die Theorien Freuds mit dem Abenteuergarn einer „Odyssee“ verknüpft worden sind. Ein guter Schuss H. Rider Haggard findet sich ebenfalls. Mehr dazu weiter unten.

Formal und werkchronologisch lässt sich der Einzelroman an die „Telnarischen Chroniken“ anknüpfen, eine SF & Fantasy-Trilogie, die von Warner Brooks rabiat abgewürgt wurde, als der zuständige Lektor wechselte. Dass der neue Lektor das Ideengut, das Norman verbreitet, ablehnte, ohne den bereits erzielten Bucherfolg zu berücksichtigen, ließ sich der Autor eine Lehre sein. Seitdem achtet er darauf, nur bei E-Reads zu veröffentlichen, und zwar ausschließlich ungekürzte Ausgaben.

|Konditioniert|

Auch in „Totems“ wird der Leser bereits im zweiten, rund 60 bis 70 Seiten langen Kapitel darauf gestoßen, dass die Gesellschaft von Commonworld, die mehrere Jahrtausende in der Zukunft existiert, von politischen Imperativen abgewürgt wird. Brenner ist das direkte Produkt dieser verkrüpppelnden psychosozialen Konditionierung. Doch Rodriguez ist sein Gegenteil, ein Außenseiter und Rebell. Dass sie zusammen zu den Pons geschickt werden, hat einen Grund, der erst sehr viel später enthüllt wird. Ohne den Nietzscheaner Rodriguez hätte der naive Brenner einfach nicht überlebt.

Vorgeblich soll das dynamische Duo die Pons als die „ideale Gesellschaft“ entdecken, eine sanfte, friedliebende Art des frühen Menschen, wie er von der Meta-Partei der Commonworld als Ideal propagiert wird, um die Massen ruhig und leicht regierbar zu halten. Es ist eine grandiose Ironie, die ans Satirische grenzt, dass sich die Pons als die Endstufe des Menschengeschlechts von der Heimatwelt erweisen: Sie sind unfruchtbar und nähern sich dem Aussterben ihrer Rasse.

|Wahrheitssucher|

Doch sowohl Brenner als auch der rebellische Rodriguez suchen die Wahrheit, als Wissenschaftler wie auch als Männer. Seine Männlichkeit muss Brenner erst noch im Bordell der Company Station entdecken, während Rodriguez dort etwas ganz anderes vorhat: Er schwängert die Leibeigene des Zard, die er gemietet hat. Beide Erfahrungen verwirren Brenner, doch das ist noch nichts im Vergleich zu den Entdeckungen, die er mit seinem Mitreisenden bei den Pons macht. Diese 250 Seiten des Anfangs erweisen sich später als notwendig, um sowohl die beiden Protagonisten als auch die Brünette verstehen, die am Schluss erneut auftaucht.

Nachdem die mühselige Kärrnerarbeit der Einführung erledigt ist, legt die Handlung mit hohem Tempo los. Ich meinte, mich stellenweise in einem Abenteuergarn von Henry Rider Haggard zu befinden, dem berühmten viktorianischen Autor solcher Klassiker wie „Sie“ und „König Salomons Minen“. Allerdings wäre dies kein John-Norman-Roman, wenn er nicht auch Nietzsches Ideen und Freuds Lehren mit einbrächte. So wird daraus etwas völlig Unerwartetes. Es ist schwierig, nicht zuviel davon zu verraten. Ich war jedenfalls mehrmals überrascht und am Schluss begeistert.

|Die Totems|

Dies ist kein Vorläufer von „Avatar“, denn es gibt keine ökologische Botschaft, und das vom Aussterben bedrohte Volk der Pons ist keine fremde Spezies, sondern die Endstufe der menschlichen. Nein, es geht um Entdeckungen, die im Bereich des Religiösen liegen und zwar in der frühesten Form jeder Religion: im Totemkult.

Wie oben erwähnt, dient der Totemkult zwei Hauptzwecken: Die Verehrung eines Schutzgeistes dient dem Schutz des Totemtiers ebenso wie der Errichtung von Regeln, die vom Totemgeist (lies: Gott, großer Geist, Schöpfer usw.) abgeleitet sind und Tabus rechtfertigen. Das wichtigste dieser Tabus ist das der Exogamie. Es legt fest, dass es keine Paarung innerhalb einer Totemgruppe geben darf. So lässt sich Inzest vermeiden, der zu negativen Mutationen im Erbgut der Gruppe führen würde. Das ist also ein sinnvolles Tabu.

|Grüße von Oidipos rex|

Doch Rodriguez, der ketzerische Nietzscheaner, hat in uralten, verborgenen Schriften, die sämtlich verboten sind, eine weitere Theorie gefunden, die den Totemkult rechtfertigt, ja, notwendig macht: das Ödipus-Syndrom. (Spätestens jetzt dürfte bei den Freud-Gegnern Alarmstufe Rot ausgelöst werden!) Es besagt, vereinfacht gesagt, dass die Nachkommenschaft eines Vaters und einer Mutter das Problem hat, den Vater zu wollen, um die Mutter begatten zu können. Bei König Ödipus, der sich blendete, erfolgte dies unwissentlich. Dennoch wurde er von den Göttern gestraft.

Aber wie verhält sich dies bei den so sanft und unschuldig erscheinenden Pons? Auch sie haben in ihren Totemkult, der keineswegs der Waldmaus gilt, eine Vaterfigur eingebaut: Es handelt sich um einen riesigen Löwen, der von einer anderen Welt importiert worden sein muss. Doch warum hat das über zehn Meter hohe Raubtier nicht schon längst sämtliche Pons zum Dessert verspeist? Im Gegenteil: Es scheint, wundert sich Brenner, die Pons vor den anderen Raubtieren des Urwaldes zu beschützen.

Wer aber Ödipus und Freud kennt, ahnt schon, worauf dies hinausläuft: Der Riesenlöwe mag eine Vaterfigur sein, die als totemistischer Schutzgeist dient, doch ihre Tage sind gezählt: Das Tier ist alt geworden. Die Pons zählen darauf, dass der Vater, anders als etwa der Titanenvater Chronos, seine Kinder nicht verspeisen wird. Ganz im Gegenteil: Es kommt der Tag, das sich der Vater für seine Kinder opfert und der Pakt so erneut besiegelt wird.

|Die Aufgabe eines Helden|

Wer aber wird das Riesentier erledigen und seinen Verehrern zum Fraß vorlegen? Ein Held wird dringend benötigt, ein Riesentöter, der den Wandel im Pakt einläutet. Brenner hätte sich nie träumen lassen, dass ausgerechnet er dieser Held zu sein hätte. Und dass er sein ganzes Leben lang für genau diese Aufgabe und was danach kommt, ausgewählt worden ist. Denn für Normans Ansichten gilt stets, dass das Ende stets der Beginn von etwas Neuem, etwas Anderem, vielleicht etwas Besserem darstellt. Die neue Form, die Brenner annimmt, kann man sich bereits denken…

|Schwächen|

Wie schon erwähnt, muss der Leser die Aufgabe bewältigen, die ersten 250 Seiten dichter Exposition zu überwinden. Zugegeben, es ist nicht uninteressant, was die beiden Forscher über sich und ihre Gesellschaft kundgeben. Und die Sexszene, die sich mit der Brünetten über Dutzende von Seiten entspinnt, hat ihren ganz eigenwilligen erotischen Reiz. Brenner ist, wie der goreanische Held John Marshall, ein sanfter Mann, der keiner Frau, die sich ihm unterwerfen will, etwas zuleide tun könnte. Er wird eines Besseren belehrt, als sich seine unterdrückten Leidenschaften regen, wenn sie ihre Verführungskünste anwendet.

Sobald dieser 250-Seiten-Komplex überwunden ist, kommt die Handlung richtig flott in die Gänge, und die Dialoge, die die beiden Forscher führen, führen den Leser von einer bemerkenswerten Entdeckung zur nächsten – bis Brenner die Katastrophe unter den Pons auslöst, indem er ihr stärkstes Tabu negiert: Es sei in Ordnung, wenn zwei Liebende aus der gleiche Totemgruppe zusammen seien. Das Ende des Exogamie-Tabus würde aber die Grundfesten der Pons-Religion und -Gesellschaftsordnung erschüttern…

|Druckfehler|

Was mich wirklich frustriert hat, sind jedoch nicht die langen Reden am Anfang, sondern die zahlreichen Druckfehler im Text. Irrelevante Zeichen und fehlerhafte Wortformen („amongstst“) tauchen zuhauf auf, und nicht selten stehen zwei Einsen für zwei L. Warum dieser Text nicht redigiert wurde, weiß ich nicht, aber die Kostenfrage dürfte eine Rolle gespielt haben. Die Textformen der Gor-Romane sehen jedenfalls viel besser aus.

_Unterm Strich_

Dieser Norman-Roman ist in vielerlei Hinsicht ein Solitär. Obwohl im Telnarischen Imperium (oder was davon noch übrig ist) angesiedelt, hat er nichts mit den typischen Master-and-Slave-Handlungen zu tun (außer in einer Sequenz am Anfang). Und mit den Gor-Romanen teilt er sich nur die Ansicht, dass es auf vielen Welten dieses Sternenreiches Sklaven, Arenen, Gladiatorenkämpfe usw. wie im alten Rom gibt. Die vielen Namen aus der bekannten Antike, wie Megara, Sybaris, Naxos, Chios usw. belegen, dass sich der Geschichtsprofessor bestens damit auskennt.

Wichtiger sind die philosophischen Konzepte, die hier – mal wieder – verhandelt werden: Was sind Wahrheit, Vernunft, Moral, Gut und Böse? Dies ist aber der erste Roman Normans, der sich explizit mit einem religiösen Konzept befasst, nämlich dem Totemkult. Das römische Wort „religio“, von dem unser Wort „Religion“ stammt, bedeutet „Hingabe, Verehrung“, und genau das tun die Pons mit ihrem Schutzgeist, dem Totem. Wer an die Totemtiere der nordamerikanischen Ureinwohner denkt oder an afrikanische Kulte, liegt richtig. Der Autor erklärt sie im Detail, so dass der Leser nichts selbst nachlesen muss – aber ein Blick in die Wikipedia wäre nützlich.

|Ödipus lässt grüßen|

Der verblüffende Kniff, den Norman einsetzt, besteht nun darin, dieses mehr oder weniger bekannte und verbreitete Konzept mit einem tiefenpsychologischen Phänomen zu begründen, nämlich dem Ödipus-Komplex. Klar stand hier Sigmund Freud Pate, aber die Umsetzung ist purer Norman, als in erzählerischer Form. Ich folgte den Ausführungen von Rodriguez, der mittlerweile ebenso wie Brenner stark verwandelt ist, mit großer Aufmerksamkeit und einigem Erstaunen.

Anschließend die Welt von Abydos aus der ungewohnten Sicht eines Riesenlöwen zu betrachten, der einen Pakt mit den winzigen Pons geschlossen hat, ist ein besonderes Erlebnis. Die Natur des Paktes zwischen den Pons und ihrem Totemtier hat sich merklich verändert: Der Pakt repräsentiert nun nicht mehr ein einengendes Tabu, das immer wieder Opfer fordert – es gibt nur noch 70 Pons -, sondern das nun zum Symbol der Freiheit geworden ist.

Freiheit – das ist die Kernbotschaft des Romans. Wie sie zu erringen ist, erfordert nicht nur Einsichten in das, was wahr und was wirklich ist, sondern auch den Mut, alte Barrieren und Denkverbote zu überwinden. Der Preis dafür ist manchmal hoch – mitunter das Menschsein selbst, sofern man Menschlichkeit als den Besitz eines menschlichen Bewusstseins in einem menschlichen Körper definiert. Es geht aber auch anders, wie dieser Roman zeigt.

|Englischniveau|

Aber auch hier ist, wie im gesamten Roman, ein sehr hohes Englischniveau vonnöten, um dem vielfach akademischen Sprachgebrauch folgen zu können. Wohl dem, der ein dickes Wörterbuch sein Eigen nennen kann – oder einen leichten Webzugang zu LEO und Co. Während die Gor-Romane meist vergleichsweise einfach im Vokabular und im Aufbau zu bewerten sind, kommen die Einzelromane Normans „Ghost Dance“, „Totems“ und „Time Slave“) ziemlich schwierig daher. Ganz besonders dann, wenn sie nicht redigiert worden sind.

|Für wen sich das Buch eignet|

Kurzum: Dieser Norman-Roman ist nur etwas für die allerentschlossensten und furchtlosesten Fans des Autors. Sie werden jedoch mit außergewöhnlich schönen Szenen und Entdeckungen belohnt werden. Wer Michael Bishops streckenweise anstrengenden Anthropologen-Roman „Transfigurationen“ (s. meinen Bericht) bewältigt hat, dürfte auch für „Totems“ fit sein. Nur dass Norman sich einiges bei H. Rider Haggard abgeguckt hat – zu seinem Vorteil und unserem Vergnügen.

|Taschenbuch: 564 Seiten
ISBN-13: 978-1617564765|

Campbell, Jack – Ein teurer Sieg (Die verschollene Flotte 6)

_|Die verschollene Flotte|:_

Band 1: [„Furchtlos“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6124
Band 2: „Black Jack“
Band 3: [„Fluchtpunkt Ixion“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7009
Band 4: [„Gearys Ehre“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7364
Band 5: [„Der Hinterhalt“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7589
Band 6: _“Ein teurer Sieg“_
Band 7 : Jenseits der Grenze (Beyond the Frontier, 04/2011, dt. im Feb. 2013)
Band 8: „Ein halber Sieg“ (dt. am 19. April 2013)

_Militär-SF: Wie man den Aliens in den Hintern tritt_

Seit hundert Jahren kämpft die Allianz verzweifelt gegen die Syndikatswelten, und die erschöpfte Flotte ist in Feindgebiet gelandet. Ihre einzige Hoffnung: Captain John Geary. Seit seinem heldenhaften letzten Gefecht hat man ihn für tot gehalten. Doch wie durch ein Wunder hat er im Kälteschlaf überlebt. Als dienstältester Offizier führt er das Kommando über die Flotte, um sie sicher nach Hause zu bringen. In einem Krieg, der nur in einem Fiasko enden kann …

Band 6: Der hundertjährige Krieg zwischen der Allianz und den Syndikatwelten tobt weiter, und Captain „Black Jack“ Geary wird zum Flottenadmiral befördert, obwohl der Große Rat der Allianz befürchtet, dass er einen Militärputsch vom Zaun brechen und sich zum Diktator erklären könnte. Gearys neuer Rang verleiht ihm die Befugnis, mit dem Feind zu verhandeln. Die Syndiks mussten gewaltige Verluste hinnehmen und sind möglicherweise endlich dazu bereit, in Friedensverhandlungen einzutreten. Doch jenseits der äußeren Grenze des Syndik-Raumgebiets lauert eine noch weit größere, fremde Gefahr … (Erweiterte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Hinter dem Pseudonym „Jack Campbell“ verbirgt sich der ehemalige U.S. Navy-Offizier John G. Hemry. In seinem aktiven Dienst bei der Marine sammelte er viel Erfahrung, die er in seine SF-Romane einfließen ließ. Campbell lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Maryland, unweit Washington, D. C.

_Vorgeschichte_

Captain John „Black Jack“ Geary ist ein Kriegsheld aus jenen Tagen vor hundert Jahren, als der Krieg der Allianz mit den Syndikatswelten begann. Damals rettete er sich an Bord einer Rettungskapsel, die ihn im Kälteschlaf hielt, und wurde hundert Jahre später aufgefischt. Jetzt hat ihn die Flotte wieder aufgetaut, weil ein Notfall eingetreten ist: Die Allianz-Flotte ist im Feindgebiet umzingelt, nachdem sie verraten wurde. Ihr bleibt nur die Wahl zwischen bedingungsloser Kapitulation und völliger Vernichtung durch die zahlenmäßig überlegene Syndic-Flotte.

Um es kurz zu machen: Er bringt die Überreste der Allianzflotte heil zurück zur Hauptwelt der Allianz. Dort schlägt ihm blankes Misstrauen entgegen …

_Handlung_

Mit Co-Präsidentin Victoria Rione begibt sich Geary zum Sitz des Großen Rates, der die Allianz-Welt regiert. Wird er in einen Hinterhalt laufen, fragt sich der Kommandant, und einen Moment sieht es tatsächlich so aus, als hätten manche Generäle und Admiräle Finsteres im Sinn. Der Rat besteht selbstverständlich aus mehreren Fraktionen. Die einen sind hinterlistig auf Machterhalt erpicht, die anderen sind unglaublicherweise wirklich am Wohl und am Fortbestand ihrer Spezies interessiert.

Deshalb sieht sich Gearys einem Kreuzfeuer unterschiedlichster Fragen ausgesetzt. Ob er gedenke, die Macht an sich zu reißen, da ihm ja nun der mächtigste Streitkräfteverband der Allianz unterstehe? Er denke gar nicht daran, lautet Gearys verblüffende Antwort. Und es bedarf Co-Präsidentin Riones Zeugnis und Beredsamkeit, um diese unerwartete Antwort glaubhaft erscheinen zu lassen. Könnte Geary wirklich so verrückt sein, die Allianz retten zu wollen, statt sich zu bereichern?

Tatsächlich sehnt sich Geary, der über Hundertjährige, nach Jahren des unablässigen Krieges und der Tortur des Durchbrechens der Barriere der Syndikatswelten nur noch nach Frieden und Ruhe. Vorzugsweise an der Seite der überaus loyalen und einfühlsamen Kapitänin Tanya Desjani. Doch daraus wird nichts: Denn die Syndiks sind ebenso noch dort draußen an den Grenzen wie auch die Aliens jenseits des Syndikraums. Die Allianz kann nicht zulassen, dass sie einen neuen Angriff vorbereiten.

Das Hypernet, dessen supergeheimen Schlüssel er mitbringt, darf die Flotte indes nicht benutzen, denn es besteht der begründete Verdacht, dass die Aliens alle Hypernet-Tore so konfiguriert haben, dass sie jederzeit in Supernovae verwandelt werden können. Also ist die Allianz wieder auf die konventionelle Sprungmethode angewiesen, will sie die Syndiks zu einem Frieden oder wenigstens Waffenstillstand bewegen. Aber wenn man die Syndiks zu einem Bündnis gegen die Aliens veranlassen könnte, hätte die menschliche Spezies wesentlich bessere Überlebenschancen.

Als frischgebackener Admiral verlässt Geary die Ratssitzung, begleitet von loyalen Admirälen und einer zufriedenen Victoria Rione. Zwei weitere Räte, Costa und Sakai, begleiten die Flotte auf dem Weg ins Syndik-Gebiet. Nur Tanya Desjani brüllt Geary an, was ihm einfalle! Er will nur Flottenadmiral auf Zeit sein, also bis zum Ende dieser Mission. Er wundert sich über Desjani, die offenbar nur sein Bestes im Sinn hat, aber nicht privat, sondern nur in der Flotte, wie es scheint.

|Der Angriff|

Die Informationen, die der gefangen genommene Syndik-CEO Boyens über die verbliebene Syndik-Führung und die Aliens liefert, sind zu spärlich, um vorerst nützlich zu sein. Geary fliegt mit seiner Flotte, die durch ein paar neue Schlachtkreuzer fragwürdiger Qualität verstärkt worden ist, durch die Hintertür ins Hauptsystem der Syndiks. Deren Flotte befindet sich am anderen Ende des Systems, und natürlich ist das zentrale Hypernet-Portal komplett vermint. Hätte die Allianzflotte den naheliegenden Weg dorthin genommen, wäre es zu schweren Verlusten beim Eintritt ins System gekommen. Aber so fliegt sie in voller Stärke ein.

Die Syndiks verhalten sich nicht wie erwartet. Ihre Flotte greift nicht sofort an, sondern fliegt einen Kurs, der querab liegt. Geary fragt sich, ob sie ihn in eine Falle locken will. Es wäre nicht die Erste, in die er getappt ist. Die Gefahr muss also woanders zu finden sein. Aber das Hypernet-Portal, das sich auf ein Signal hin sprengen lassen würde, weist eine Schutzvorrichtung auf. Das beruhigt Geary zunächst, doch dann erfährt er, dass sich eine Schutzvorrichtung in ihr Gegenteil umprogrammieren lässt …

Der oberkommandierende Syndik-CEO Shalin tut freundlich und versucht, Geary zu provozieren. Die alte Allianzflotte hätte nun ohne zu zögern wie ein Stier angegriffen, um ihn und seine Flotte auf die Hörner zu nehmen. Geary sucht und findet den Hinterhalt, in den ihn Shalin locken will. Das gesamte System ist eine einzige große Mausefalle für die Allianz-Flotte! Ein zweites Kalixa droht, finstere Realität zu werden.

Doch erstens reicht es manchmal schon, die Mausefalle überhaupt als solche zu erkennen. Und zweitens kommt es im Katz-und-Maus-Spiel immer darauf an herauszufinden, wer die Katze ist und wer die Maus …

_Mein Eindruck_

Diesmal hat Geary die Aufgabe, den Krieg mit den Syndiks ein für alle Mal zu beenden. Zu seiner Bestürzung muss er erkennen, dass die Falle im Hauptsystem der Syndiks genausogut auf die Vernichtung der Allianzflotte hinauslaufen kann. Das macht diesen Moment so spannend: Die Kräfte sind ausgeglichen, und der Ausgang des Konflikts ist wieder offen.

|Zwei Frauen|

Nun kommt es wieder darauf an, die Figuren auf dem kosmischen Schachbrett möglichst günstig neu aufzustellen – oder die Regeln des Schachbretts zu verändern. Was Geary unternimmt, darf hier nicht verraten werden, aber ohne die Empfehlungen von zwei Frauen würde er nicht weit kommen, was ich sehr positiv finde: Desjani, die Kapitänin des Flaggschiffs, ist Geary nicht nur sehr zugetan, sondern auch ein kluger Kopf.

Doch da gibt es noch Victoria Rione, die Politikerin, die völlig anders denkt. Sie betrachtet die politischen Implikationen der verfahrenen Situation, in die die Syndiks die Allianzflotte gelockt haben. Weil es eine unüberwindbare Barriere im Sprechen und Denken von Offizieren und Politikern gibt, ist es immer Anlass zu Verwunderung, wenn Desjani und Rione übereinstimmen. Geary, der zwischen ihnen steht, wundert sich nicht nur, sondern bekommt auch beklommene Empfindungen, wenn sich die beiden Rivalinnen so einig sind – dabei sieht er nämlich meist nicht gut aus. So ist am Rande für eine kleine Komödie des Allzumenschlichen gesorgt, die die Anspannung ein wenig ausgleicht, die durch die militärischen Operationen verursacht wird.

|Action|

Die Raumschlacht gegen die Syndiks, die ebenso vorhersehbar wie unausweichlich ist, bildet den zentralen Mittel- und Wendepunkt dieses Bandes der Reihe. Ich werde den Ausgang nicht verraten, aber da Geary überlebt, um die Reihe fortzuführen, dürfte der Ausgang jedem Leser klar sein. Nur soviel: Wieder einmal bringen die Manöver Gearys einen entscheidenden Vorteil. Aber es kommt auf seiner Seite auch zum bestürzenden Versagen eines draufgängerischen Offiziers, immerhin der Captain eines Kriegsschiffs. Das verheißt nichts Gutes für die neue Generation an Allianz-Militär.

Doch wo bleibt dann das Action-Finale, fragt sich der erfahrene Leser der Reihe zu Recht. Zum Glück gibt es ja noch die Aliens, deren Existenz Geary und seine Leute immer wieder vermutet haben. Die Enigmas, wie die Syndiks sie nennen, haben die Portale des Hypernets, das sie den Menschen vor 69 Jahren „schenkten“, manipuliert und einen Endknoten zur Supernova explodieren lassen. Es sind also nicht gerade freundliche Zeitgenossen.

Auch die Würmer in allen Rechnern und elektronischen Systemen der Allianzflotte haben sie platziert und zu fiesen Zwecken benutzt. Geary & Co. finden heraus, dass die Syndiks bislang vergeblich gegen die Aliens gekämpft haben, weil sie keine Ahnung von der Existenz dieser Würmer hatten. Wie sich zeigt, dienen die Würmer dazu, die jeweilige Wahrnehmung der Alien-Bedrohung zu manipulieren – die Syndiks sehen die Welt ganz einfach nicht so, wie die Allianz sie sieht, nachdem sie die Würmer beseitigt hat.

Als die Aliens das Midway-System für sich beanspruchen, löst dies eine Kettenreaktion aus. Wenn dieses Grenzsystem fiele, müssten die Syndiks 20 Welten aufgeben. 20 Welten, die jetzt, nach dem Ende des Syndikats, allen Menschen gehören. Geary, Rione und Desjani ist klar, dass ein Rückzug nicht infrage kommt. Also bleibt nur die militärische Auseinandersetzung, um den Enigmas eins auf die Nase zu geben, was ihnen sagt: Bis hierher und nicht weiter!

|Humor|

Wieder mal fehlt der Humor nicht. In einer witzigen Szene mit Geary und anderen Allianz-Offizieren vergleicht der Autor Aliens mit ANWÄLTEN. Tatsächlich seien ihm, dem Offizier, schon Anwälte untergekommen, die keinen Unterschied zu Aliens aufwiesen. Solche Seitenhiebe mag der amerikanische Leser sicher. Dem deutschen Leser, der (noch) Respekt vor Anwälten hat, kommen solche Sätze eher spanisch vor, nehme ich an.

|Verhinderung der Love Story|

Seit (mindestens) vier Bänden läuft was zwischen Geary und Desjani. Aber was ist es, fragen sich die Leser zunehmend verwirrt, wenn nicht sogar verzweifelt. Sein mindestens vier Bänden schleichen die beiden umeinander herum, ohne zu Potte zu kommen. Sie reden von Ehre und Distanz und Respekt. Was soll das?! Der Grund ist die militärische Rangordnung.

Die Rangordnung, so erwähnt der Autor am Rande, verbietet den beiden im Rang verschiedenen Offizieren, sich auf eine Affäre einzulassen, wie sie Geary noch mit der nichtmilitärischen Politikerin Rione eingehen konnte (Band 1 und 2). Das kommt uns spanisch vor, denn wieso sollte die ferne Zukunft die gleichen Regeln befolgen wie das Militär des 20. Jahrhunderts, als es bereits die ersten Frauen im Militärdienst gab?

Der Grund ist also nicht bloß eine Nachwirkung der uralten Ständeordnung, sondern hat damit zu tun, dass Vorgesetzte, wie es Geary es als Flottenkommandant ist, keine Untergebenen, wie es Desjani als Kapitänin ist, ausnutzen und nötigen können. Nötigung würde die vielzitierte „Ehre“ der Beteiligten verletzen und sie zum Gespött des Offizierskorps machen. Beziehungen sind offenbar nur zwischen im Rang Gleichgestellten erlaubt. Das ergibt durchaus einen Sinn.

Aus dieser verqueren Logik ergibt sich zwingend, dass Geary die Ehre und die Liebe Desjanis nur auf einem einzigen Wege erhalten bzw. bekommen kann: durch die Heirat. Aber hallo!, denkt jetzt so mancher Leser, hier bahnt sich eine dramatische Szene an, und so kommt es auch, aber unter ganz anderen Vorzeichen, als es so mancher Leser erwartet.

_Die Übersetzung _

Ralph Sander hat einen guten, wenn auch nicht sonderlich anspruchsvollen Job erledigt. Falschen Endungen gibt es kaum, dafür eine Reihe von Kommafehlern. Aber beim Redigieren sind ihm ein paar Fehler unterlaufen, die den Leser verwirren können.

S. 170: „Mit Blick auf die Gerüchte über ein angebliches Verhältnis mit [Captain Tanya] Desjani habe, die die Runde machten …“ Das Wörtchen „habe“ ist in diesem Satz überflüssig.

S. 176: „Dann veränderte sich ihr Minenspiel.“ Ich spiele auch gern Minesweeper, aber nicht auf dem Gesicht eines Gesprächspartners. Der verzieht dann nämlich seine MIENE.

S. 180: „Ich bedauere ( …), was diese Legende Menschen wie Ihnen und Michael angerichtet hat. “ In gutem Deutsch sollte es „angetan“ heißen statt „angerichtet“.

S. 294, letzte Zeile: „Er könnte also durchaus der der Meinung sein …“ Ein „der“ reicht völlig aus, finde ich.

S. 378: „Gearyr“ statt „Geary“

S. 407: “ …würden wir uns freuen, wenn Sie uns im Gegensatz den Gefallen tun, es uns wissen zu lassen.“ Hä, wieso „Gegensatz“? Im Gegensatz wozu? Es geht an dieser Stelle um einen Austaussch von Gefälligkeiten, und dabei spricht man wohl besser von „im Gegenzug“ statt von Gegensatz. Ein echt dicker Hund, der auf unsichere Stilfähigkeiten des Übersetzers schließen lässt.

_Unterm Strich_

Die Beendigung des Krieges gegen die Syndiks dürfte sich so mancher Fan dieser Military-SF-Reihe anders vorgestellt haben. Die Allianzflotte sieht sich in einer großen Mausefalle gefangen. Spannende Frage: Wird sich der Held der Serie daraus befreien können, wird ihm erneut Inspiration zuteilwerden? Die lebenden Sterne, die in dieser fernen Zukunft, die Götter ersetzen, und die Vorfahren mögen ihm beistehen.

Wie auch immer: Der Autor erzählt straff und verzettelt sich nicht in Nebenhandlungen. Die zentrale Schlacht bestimmt die Mitte des Bandes und fällt höchst befriedigend aus, ab gesehen von kleinen Schönheitsfehlern an der Schlacht, für die gewisse Offiziere – immer wieder Offiziere – verantwortlich sind. Aber der Hintergrund dieser Taten verdeutlicht einmal mehr, dass beide Seiten, die Allianz wie auch die Syndiks, von hundert Jahren Krieg völlig ausgeblutet sind. Aber statt eines Schreckens ohne Ende, der bei Gearys Versagen droht, gibt es ein Ende mit Schrecken, das eine Entscheidung herbeiführt.

Nun kann sich die Allianz, als überlegener Vertreter der Menschheit, den Aliens zuwenden. Die finale Schlacht weist ihre ganz eigenen Reize auf, denn davor sehen sich Geary & Co. einer haushohen Übermacht gegenüber. Es gibt etliche Überraschungen, die hier nicht verraten werden dürfen.

Wie es sich gehört, kommt die menschliche Seite nicht zu kurz. Endlich finden Geary und Desjani, die einander ja schon ewig umschleichen, zueinander, und das sogar „voller Ehre“. Halleluja! Die Szene mit dem kuriosen Heiratsantrag kam mir vor wie aus einer dieser Militärkomödien aus den fünfziger Jahren. Auf moderne weibliche Leser könnte sie ganz schön bizarr wirken. Andererseits verschickt man auch heute keine Heiratsanträge per SMS, oder?

Das kann aber die Tragödien nicht verdecken, die der hundertjährige Krieg auch in gearys Familie verursacht hat. Seine Großnichte Jane gehört nun zur Flotte, sein Neffe Michael ist immer noch irgendwo verschollen und dessen Tochter wird bald ebenfalls der Marine beitreten. Der lange Krieg hat nun mittlerweile die Dimension eines Verhängnisses angenommen, das über den Gearys liegt. Das kommt Geary, dem ja selbst eben diese 100 Jahre fehlen, äußerst seltsam vor.

Die nächsten Bände werden also sowohl die Familiengeschichte der Gearys weiterführen, als auch die Suche nach Michael Geary, der im ersten Band spurlos verschwand. In dieser Hinsicht weist die Reihe einen langen Spannungsbogen auf, dessen Ende wahrscheinlich noch lange nicht erreicht werden wird.

|Taschenbuch: 445 Seiten
Originaltitel: The Lost Fleet: Victorious, 2010
Aus dem US-Englischen von Ralph Sander
ISBN-13: 978-3404206636|
http://www.luebbe.de

Vinge, Joan D. – Schneekönigin, Die (Tiamat 1)

_Der |Tiamat|-Zyklus:_

_“Die Schneekönigin“ _(„The Snow Queen“, 1980, deutsch bei Heyne, 1983)
„Die Spur der Schneekönigin“ („World’s End“, 1984, deutsch bei Bastei-Lübbe, 1984)
„Die Sommerkönigin“ („The Summer Queen“ 1991, deutsch bei Heyne, 1991)
„Tangled Up in Blue“ (2000, ohne dt. Titel)

|Planetare Abenteuergeschichte à la Asimov|

Als auf Tiamat der 150-jährige Winter zu Ende geht, sollen die Schneekönigin und ihr Liebhaber traditionsgemäß dem Meer geopfert werden. Doch die immer noch attraktive Herrscherin Arienrhod denkt nicht daran, die Macht abzugeben. Sie hat technisches Wissen von anderen Welten geholt, mit denen sie den leichtlebigen und primitiven Sommer-Leuten ein Schnippchen zu schlagen gedenkt. (Verlagsinfo)

Die Handlung ist quasi eine Abwandlung von Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin, die sich ihre Liebhaber zu deren Unglück ins kühle Bett holt. Dies ist der erste Band der Schneekönigin-Trilogie, und für dieses Buch erhielt die Autorin 1981 den HUGO-Award der amerikanischen Science-Fiction-Leser.

_Die Autorin_

Joan Carol Dennison Vinge (* 2. April 1948 in Baltimore, Maryland) ist eine US-amerikanische Science-Fiction-Autorin. Vinge studierte zunächst Kunst auf dem College, wechselte aber später ihr Hauptfach und erhielt 1971 ihren Bachelor in Anthropologie von der San Diego State University. In erster Ehe war sie von 1972 bis 1979 mit den Science-Fiction-Autor Vernor Vinge verheiratet. 1980 ehelichte sie den Science-Fiction-Herausgeber James Frenkel, mit dem sie zwei Kinder hat.

Ihre erste Erzählung „Tin Soldier“ konnte sie 1974 in der Anthologiereihe Orbit 14 veröffentlichen. Weitere Geschichten folgten in verschiedenen Science-Fiction Magazinen wie „Analog“, „Asimov’s ScienceFiction“ und „Omni“ sowie diversen Anthologien.

1978 erhielt sie für ihre Erzählung „Eyes of Amber“ (deutsch: Bernsteinaugen) ihren ersten Hugo Award und 1981 für den Roman „The Snow Queen“ (deutsch: Die Schneekönigin) einen weiteren Hugo sowie den Locus Award. Ihr Roman „Psion“ (1982) wurde von der American Library Association als eines der besten Bücher des Jahres für junge Erwachsene bezeichnet. Sie wurde für weitere Preise nominiert, so unter anderem für den John W. Campbell Best New Writer Award. (Quelle: Wikipedia) Mit Romanfassungen von bekannten Filmen wie „Return of the Jedi“ oder „DUNE“ hat Vinge bestens verdient.

|Werke|

|Der Himmels-Chroniken-Zyklus:|
• „The Outcasts of Heaven’s Belt“. (1978 , deutsch: In den Trümmern des Himmelssystems. Moewig, 1981)
• Legacy. (1980, deutsch: Vermächtnis. Bastei-Lübbe, 1982)

|Der Cat-Zyklus|
• „Psion“. (1982, deutsch: Psion. Heyne, 1985)
• Catspaw. (1988, deutsch: Katzenpfote. Heyne, 1990)
• Dreamfall (1996)

_Handlung_

Als auf dem Planeten Tiamat der 150-jährige Winter zu Ende geht, sollen die herrschende Schneekönigin und ihr Liebhaber traditionsgemäß dem Meer geopfert werden. Doch die immer noch attraktive Herrscherin Arienrhod (ein walisischer Göttername, der „Silberrad“ bedeutet) denkt nicht daran, die Macht abzugeben. Sie hat technisches Wissen von anderen Welten, der technisierten Hegemonie, geholt, mit denen sie den leichtlebigen und primitiven Sommer-Leuten ein Schnippchen zu schlagen gedenkt. Das Klima wird tropisch, und eigentlich sollten die Süd-Staaten der Welt die Herrschaft übernehmen.

Arienrhod hat ihr Leben durch ein aus dem Blut der Meermädchen gewonnenes Elixier verlängert. Zudem hat sie Klone von sich selbst anfertigen lassen. Ihr Liebhaber Sparks ist ebenfalls einer davon. Sparks war aber zuvor mit Moon Dawntreader, einem weiteren Klon, verlobt. Moon, die eine wahrsagende Sibylle ist, begibt sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Verlobten.

In die vielen Abenteuer, die sie dabei erlebt, sind u.a. ein weiblicher Offizier der Hegemoniepolizei, der frühere Lover der Königin, Herne, ein sehr pflichtbewusster Polizeisergeant und ein Mann von einem anderen Planeten namens Ngenet verwickelt.

|SPOILER|

Mit dieser Truppe gelingt es Moon, die Intrigen der Schneekönigin zu vereiteln, das Massaker an den – wie sich herausstellt – intelligenten Meermädchen zu beenden, Arienrhod ihrem verdienten Ende zuzuführen und selbst Sommerkönigin zu werden. Sie ist die erste Sibylle, die erkannt hat, dass in ihrem Gehirn alle Daten der technischen Errungenschaften der Hegemonie gespeichert sind. Diesmal wird also der Abzug der Hegemonie nicht gleichbedeutend mit dem Entzug der technischen Gaben und dem Rückfall in die Primitivität eines Bauernstaates sein. Moons Gefährte auf dem Thron soll Sparks werden.

_Mein Eindruck_

Obwohl die angesichts einiger vorausgegangener Erzählungen Joan Vinges (sie war mit Science-Fiction-Autor Vernor Vinge verheiratet) hochgespannten Erwartungen nicht voll erfüllt wurden – es gibt ein paar Durchhänger und die Originalität der Ideen (s. u.) lässt mitunter zu wünschen übrig – bleibt „Die Schneekönigin“ ein spannender und phantasievoller Abenteuerschmöker mit einigen intensiven gefühlsvollen Szenen.

Die Handlung ist gewissermaßen eine Abwandlung von Hans Christian Andersens Märchen von der Schneekönigin, die sich ihre Liebhaber zu deren Unglück ins kühle Bett holt, so dass deren Geliebte (im Märchen ist es Gerda) sie retten müssen. Ich dachte aber auch an die Eiskönigin in „Der König von Narnia“ (The Lion, the Witch, and the Wardrobe) von C.S. Lewis, die sich den jungen Edmund in ihr kühles Schloss holt. Daraufhin müssen seine drei Geschwister Peter, Suse und Lucy ihn retten kommen.

Die kosmische Konstellation des exzentrischen Tiamat-Sonnensystems, das 150 Jahre Winter beschert, gemahnt stark an Asimovs klassische Story „Einbruch der Nacht“, in der ein extrem langer Tag von mehreren tausend Jahren Dauer sein abruptes Ende findet – mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Psyche der Bewohner dieser Planeten. Aber auch in der Helliconia-Trilogie wurden sehr lange Winter und Sommer erfolgreich zu einer dramatischen Handlung verarbeitet. Inzwischen wissen die Astronomen, dass exzentrische Planetenumlaufbahnen die Norm sind – und nahezu runde bzw. nur leicht elliptische Umlaufbahnen wie die in unserem Sonnensystem die krasse Ausnahme.

Vinge setzte diesen preisgekrönten Erfolgsroman mit „World’s End“ (Die Spur der Schneekönigin“, dt. bei Bastei-Lübbe) mit wenig Erfolg fort. Weit wichtiger ist der Abschluss des Zyklus mit der ebenfalls preisgekrönten Duologie „Die Sommerkönigin“ (1992), die seitenmäßig sehr umfangreich ist. Der Heyne-Verlag hat alle drei Bände 1993 in einer sehr schön aufgemachten Ausstattung veröffentlicht.

|Broschiert: 560 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von Joachim Körber,
Mit Illustrationen von Ursula Olga Rinne
ISBN-13: 978-3453308800|
http://www.heyne.de

Andreas Eschbach – Quest (Lesung)

Zwischen der Verpflichtung für ihren Pantap und der Sorge vor der großen Invasion des Sternenkaisers begibt sich der Fernerkunder Megatao auf die Suche nach der letzten Hoffnung. Kommandant Eftalan Quest und seine Mannschaft versuchen, was noch keinem Menschen glückte: Den Planeten des Ursprungs zu finden, die eine legendäre Welt, auf der alles Leben begann – doch um was zu tun …?

Andreas Eschbach wurde geboren, erlebte eine Kindheit, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete als Softwareentwickler, ehe es ihn nach Frankreich zog. Dort lebt und arbeitet er mit seiner Familie an der Bretagne im Urlaub.

Die ferne Zukunft: Die Menschheit hat sich über Galaxien ausgebreitet und dabei in die unterschiedlichsten Gruppierungen aufgespalten, so dass die einzelnen Völker voneinander nichts mehr wissen. In der Galaxis Gheera existiert das monarchische Reich des Pantap, und dieses Reich, obwohl gigantisch in seinen Dimensionen, wird von den Heerscharen des Sternenkaisers angegriffen. Noch kennt niemand die Streitkräfte des Gegners, doch es gehen Gerüchte über unglaubliche Massen an Kriegsschiffen, die über weit überlegene Technik gebieten. Da scheint es nicht abwegig, wenn der Pantap einen seiner mächtigen Fernerkunder, die Megatao unter dem Kommando des Kriegshelden Eftalan Quest, auf eine geheime Mission schickt, deren Ziel nur dem Kommandanten höchst selbst bekannt ist.

Quests Mannschaft arbeitet effizient und höchst erfolgreich an den einzelnen Abschnitten auf ihrem Weg, zum Beispiel entwenden sie der gigantischen Bibliothek von Paschkan, die von Außerirdischentechnik geschützt wird, die Heiligtümer, die gehütetsten Informationen, die von Außerirdischen berichten. So findet man schließlich das Volk der Yorsen, der ältesten und mächtigsten Wesen der Galaxis, und erhält dort den nächsten Hinweis auf dieser intergalaktischen Schnitzeljagd. Doch was wäre das alles wert ohne den Unsterblichen Smeeth, den man mit seinem beschädigten Raumschiff aus dem All fischt? Und was hofft Quest auf dem legendären Planeten des Ursprungs zu finden?

„Quest“ ist ein Roman aus den Anfängen des eschbachschen Schaffens. Das „Jesusvideo“ war schon geschrieben, und Eschbach erreichte Publikum außerhalb der Science-Fiction-Szene. Mit „Quest“, das er selbst als Geschenk an seine Fans beschreibt, machte er den letzten Schritt zurück in die offensichtlichen marketingtechnischen Niederungen des Prädikats „SF“, das im Folgenden von seinen Büchern für Erwachsene verschwindet. Quest, einstmals erschienen in wunderschöner großformatiger Paperbackausgabe mit Innenillustrationen auf buntem Hochglanzpapier, präsentiert auf den ersten Blick seine Zugehörigkeit zum „Raumschiffe, Aliens und T..ten“-Genre, wobei Letztere in allen anderen Bereichen der Literatur mindestens genau so präsent sind wie in der SF und Eschbach einen sich stets weiterentwickelnden Stil hat, sie in Szene zu setzen.

Ab diesem Zeitpunkt erscheint Eschbachs Science-Fiction also entweder getarnt als Thriller, oder in Form von Jugendromanen wie dem Marsprojekt oder zuletzt der „*Out-Trilogie“. „Quest“ spricht aber erfreulich direkt schon durch sein Titelbild den echten Fan an, was nicht bedeutet, es sei für andere Leser verschlossen – ein Vorurteil, unter dem die SF Zeit ihres Daseins leidet. Raumschiffe, fremde Galaxien, Sternenkaiser … na und? „Quest“ bietet mehr als ein Beziehungsdrama, in dem die Standesunterschiede und gesellschaftlichen Zwänge eine Rolle spielen; es gibt Ausblicke in die charakterlichen Untiefen des Menschen, egoistisches Handeln bis zur Selbsterkenntnis, Gott als Sinnbild negativer Motivation und schlicht wunderbare Unterhaltung an einer spannenden, gut erzählten Geschichte. Es macht seinem Titel Ehre, denn man kann die Geschichte ebenso auf diesen Aspekt reduzieren: Die Queste, die Suche nach dem Planet des Ursprungs, nach dem Mythos der Menschheit.

Quest als Protagonist ist ein mehrschichtiges Subjekt; er tritt zwar selten in Erscheinung und macht eher den Eindruck des überlegenen, hochintelligenten Kommandanten – über seine Beziehung zur ersten Heilerin erfährt man aber mehr von ihm, als der Schein vortäuscht. Im Grunde ist er ein zerstörtes Leben, zerfressen von Verantwortung und Heldenstatus, ein Mensch, der seine großen Verluste nie verwunden hat. Und doch scheinen diese Verluste ihn vor allem in seinem egozentrischen Weltbild zu bestärken, zeigt er doch nie Trauer oder menschlichen Verlust, sondern in erster Linie Verzweiflung über seine Unfähigkeit, über die Last, die das Schicksal ihm auferlegt hat, über Gottes Gleichgültigkeit. Er ist verbittert ob der Ausweglosigkeit seiner tödlichen Erkrankung, ohne die Möglichkeit, einen Verantwortlichen für die Geschehnisse zu finden als sich selbst.

Andere Charaktere haben ihre weltlicheren Probleme, so wie der erste Verweser (Quests Stellvertreter), der als Einziger in der Kommandohierarchie über Fähigkeiten verfügt und doch niemals ein Kommando wird führen können in der durch gesellschaftliche Strukturen geregelten Konzeption der monarchistischen Flotte des Pantap. Oder der junge Novize Bailan, der sich dem Abenteuer seines zölibatären Lebens gegenüber sieht, als er die Niedere kennenlernt, einer jungen Frau der untersten Kaste, die rechtlos und wertlos wie Leibeigene behandelt werden – auch ein Aspekt, den Eschbach schließlich für eine dramatische Wendung nutzt. Und nicht zuletzt der Unsterbliche, Smeeth, der von Narben übersäte Mann aus der Vergangenheit, der so unendlich viel mehr weiß und kann, als die menschliche Vorstellungskraft für möglich hält, und der sich doch an seine tierische Abstammung klammert, um das Alleinsein über die Jahrtausende zu ertragen. Er ist der Mensch, dessen Abgeklärtheit schließlich den einzigen Ausweg für Quest, den gescheiterten Kommandanten und Fahnenflüchtigen, aufzeigt. Und er ist der Mann, dessen bloße Existenz für die unaufhaltbare Invasion des Sternenkaisers verantwortlich ist durch die Mythen, die sich um ihn und seine Geschwister ranken, die Mythen der Unsterblichkeit, die die Sternenkaiser seit Menschengedenken verfolgen und zu erreichen trachten. Wenn man die Zustände in der Galaxis Gheera auf diesen Punkt reduzierte, würde man sogar Quests Zustand auf Smeeths Existenz zurückführen können. Ein unmenschlicher Gedanke.

Übrigens hängt im Speiseraum der Megatao ein kleiner Haarteppich, eine Kostbarkeit, die den Flechtenden Jahre seines Lebens kostet – was für die Zukunft der Galaxis noch eine ausschlaggebende Rolle spielen soll, wie Eschbach uns in seinem Romanerstling „Die Haarteppichknüpfer“ bereits miterleben ließ.

Sascha Rotermund als Sprecher ist für die neue Vertonung der Eschbach-Klassiker eine feste Größe. An seiner Stimme und Betonung lässt sich nichts aussetzen, es ist durchweg ein angenehmes Hörerlebnis, dem auch die nötige übergreifende Spannung nicht fehlt. Einzig die Namen haben eine eindeutige Anglisierung erhalten, was aufgrund ihrer Schreibweise durchaus im Rahmen des Vorstellbaren liegt, andererseits lässt sich jeder Name – vor allem auch in Anbetracht der zeitlichen Distanz zur Existenz des heutigen Englisch – auch unbedenklich deutsch aussprechen. Die Kürzungen, die aus redaktionellen Gründen anfallen mussten, fallen bei diesem Roman wieder erstaunlich unauffällig aus, und obzwar die vollständige Lektüre natürlich noch eine ganz andere Aussagekraft hat, bietet diese Lesung eine hoch zufrieden stellende und unterhaltende Leistung.

„Quest“ ist mithin einer der besten Romane Eschbachs.

6 Audio-CDs mit 442 Minuten Spieldauer
ISBN: 978-3-7857-4663-9

www.luebbe.de

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Andreas Eschbach – Solarstation (Lesung)

Wohl einer der bekanntesten Sätze Eschbachs lautete etwa so: „Ihr wollt mehr Action? Sollt ihr haben!“ Und so ist „Solarstation“ seine Antwort auf die Kritiker seines Romanerstlings „Die Haarteppichknüpfer“ die ihm Langeweile vorwarfen. Die typische Umschreibung des vorliegenden Romans lautet: ‚Stirb langsam‘ im Weltraum – nur intelligenter, tiefgründiger und – actionreicher!

Andreas Eschbach wurde geboren, erlebte eine Kindheit, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete als Softwareentwickler, ehe es ihn nach Frankreich zog. Dort lebt und arbeitet er mit seiner Familie an der Bretagne im Urlaub.

Die Nippon ist eine Raumstation mit Forschungsaufgaben, ihr Hauptzweck ist die Entwicklung der Solarenergiegewinnung und -übertragung für und auf die Erde. An Bord ist eine ständige, rotierende Besatzung, zumeist Asiaten, da sich die Station von der ursprünglich internationalen Planung zu einem Projekt Japans entwickelte. Der derzeit einzige Nichtasiat ist Leonard Carr, der als Reinigungsfachkraft, Mädchen für alles und Securitybeauftragter angestellt ist.

Die Sicherheit war bisher kein Problem, so dass sich Carr vor allem um die Dinge des täglichen Lebens kümmerte. Bis sich eine als unplanmäßig ausgestiegen erklärte Raumkapsel der Europäer auf Kollisionskurs nähert, ein interner Saboteur die Funkanlage unbrauchbar gemacht hat und ein Mord an Bord geschieht.

Leonard Carr ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Er führt sich selbst mit teils tiefgründigen, teils wehmütigen Gedanken über Sex im Weltraum im Allgemeinen und seine Affäre mit der Japanerin an Bord im Besonderen ein, ehe es schnell zur Sache geht. Eschbach beginnt also seine Geschichte mit einem erotischen Abenteuer mit direkter Überleitung zum Sabotageverdacht an Bord, der die ganze Mission gefährdet, so dass der Konsument erstens gleich eingefangen wird und zweitens ersten Kontakt mit dem Spannungspotenzial der Grundidee bekommt, ohne dass Eschbach dabei zu ausschweifenden Erklärungen genötigt wäre, denn der Konflikt durch den Saboteur thematisiert die Problematik auf spannende Weise.

In diesem Abschnitt hat Carr eine eher beobachtende Rolle, in der er uns das Leben und Arbeiten an Bord einer schwerelosen Raumstation näher bringt. Dass er dabei schon erste Puzzleteile zur Lösung des Konflikts einsammelt, wird erst später deutlich, doch insgesamt hat seine Arbeit als Mädchen für alles den Vorteil, dass er sich überall ungehindert und unbeobachtet bewegen kann. So wird er Zeuge einer Unterhaltung, die eines der Crewmitglieder im späteren Mordverdacht belastet. Eschbach inszeniert noch ein paar Zusammentreffen, die später eine Rolle spielen werden. So lernen wir die Crew gleichermaßen kennen wie die Station und die Aufgaben, die hier von Wichtigkeit sind.

Richtig spannend wird es, als die europäische Raketenstufe auf Kollisionskurs mit der Station geht und sich schließlich heraus stellt, dass es ein geplantes Rendevous ist, um die Nippon zu überfallen und zu übernehmen. Hier treffen wir auf eine recht typische Gruppierung von Extremisten, wobei die einzelnen Personen fast alle Klischees bedienen, die durch einschlägige Filme von derlei Situationen geschaffen wurden. Der schieß- und mordwütige Handlanger, der Technikfreak, der Verräter und der überlegene, ausgefuchste Anführer der Bande sind mit von der Partie.

Eschbach schafft hier eine ausweglos scheinende Situation, in der die überlebende Mannschaft der Station Zeit zum Nachdenken bekommt – und auf den wahren Sinn des Überfalls stößt, der wiederum bei Leonard einen unüberwindbaren Grund, ein absolutes MUSS erzeugt. Ein Muss, dem er sich unter allen Umständen und unter jedem Risiko stellen muss, denn die Besatzer bedrohen mittels des hochenergetischen Übertragungsstrahls der Solarstation seinen Sohn … Der suggestive Begriff des „Stirb langsam im Weltraum“ entsteht in diesem letzten Abschnitt der Geschichte, denn Carr begibt sich auf eine Einzelmission, deren Erfolgschancen gleich Null zu sein scheinen und während der er immer wieder in Kämpfe, Verletzungen, blutige Szenen getrieben wird, bis er sich mit dem überaus zähen und übermächtig scheinenden Anführer der Bande hoch über der Erde einen fanatischen, in jeder Hinsicht rücksichtslosen Kampf liefert.

Ist eigentlich der Spinnenroboter „Nummer Vier“, der seit Entstehung der Solarstation unermüdlich an der Erhaltung und Erweiterung der Solarfläche arbeitet, ein Deus ex machina? Mit seiner Hilfe erst gelingt Carr nämlich die Flucht aus ihrem Gefängnis. Doch seine Anwesenheit ebenso wie die des toten Wissenschaftlers an Bord der Raketenstufe wird von Eschbach plausibel in die Geschichte eingeflochten, so dass sich diese Frage nur auftut, wenn man im Zuge einer Kritik auch nach Schwachpunkten sucht. Und trotz der stark gekürzten Ausgabe als Hörbuch sind mir derer keine aufgefallen.

Das Hörbuch ist so geschickt eingekürzt, dass sich eine stringente und logische Handlung ergibt, die vollauf zu befriedigen weiß. Und nervenzerreißende Spannung ist Eschbach hier in höchster Qualität gelungen, so dass man als Fazit sagen kann, er hat den Mund mit seiner Ankündigung bei Weitem nicht zu voll genommen!

Sascha Rotermund ist als Sprecher im ersten Moment eine strittige Wahl, denn seine Modulation ist recht unauffällig, so dass man während der ersten Personenwechsel Probleme hat, die Stimmen zuzuordnen. Im Laufe der Geschichte gelingt es dem Hörer immer besser, zwischen den Personen zu unterscheiden, und schlussendlich bleibt auch hier ein rundum zufriedener Eindruck zurück. Dieses Hörbuch ist umfassend gelungen.

6 Audio CDs
Spieldauer: 450 Min.
Sprecher: Sascha Rotermund
ISBN-13: 978-3785746028
www.luebbe.de
andreaseschbach.de

Der Autor vergibt: (5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

 

Desirée und Frank Hoese – Die Zyanid-Connection

In diesem Roman teilen sich mehrere längere Kapitel den Platz, wobei jedes einzelne eine Geschichte aus dem Leben und den Problemen der ausgestoßenen Hauptpersonen erzählt und sie insgesamt das Bild eines umfassenden Konflikts malen. Ein Konflikt, der in dieser zukünftigen Gesellschaft schwelt und durch einen zufälligen Fokus auf die Protagonisten zu eskalieren droht. Ein Konflikt, auf dem diese Gesellschaft errichtet ist, die ohne ihn so nicht funktioniert.

Abhängigkeiten zwischen Privilegierten und Gesetzeslosen.

Die Hoeses traten mit diesen Geschichten über das Computermagazin c’t an die Öffentlichkeit und fanden ein fasziniertes Publikum. Für den Wurdackverlag erweiterten, überarbeiteten, schrieben neu und verknüpften sie die Abenteuer ihrer Helden zu einem Roman. Das Ergebnis spricht für sich.

Auf der Welt entwickelten sich Megastädte, in denen das gesetzlich geregelte Leben kondensierte und sich konzentriert, während sich außen herum weitgestreckte Slums anlagerten, in denen all jene leben, für die es keinen Platz in der legalen Gesellschaft gibt. Aber nicht nur Drogen und Amusement sind die Ware dieser so genannten Outskirts, sondern es lebt hier auch allerlei fähiges Volk wie ausgestoßene Programmierer, Polizisten, Köche, Händler, Ingenieure, Bänker. Geregelt werden die Interessen von Gangs, die die Skirts in Bereiche aufteilen und in einem wackligen Gleichgewicht halten.

Instant Auger und Wren Ironside sind fähige, ganglose Bewohner der Outskirts von New Athens. Instant ist eine begnadete Programmiererin, Wren ein Ex-Bulle. Sie landeten hier, weil ihnen die kriminellen Arbeitsweisen der legalen, noch dazu weltgrößten Herstellerfirma von Biochips nicht mehr gefallen. Und vor allem gegen diese Firma richten sich ihre neuen Tätigkeiten: die Skirts auf dem neuesten Stand der Implantatetechnik halten und damit die Abhängigkeiten zwischen Skirts und Gesetz erhalten. Die Cyberfirma reagiert kompromisslos, und so steigert sich diese Folge von Actio und Reactio bis an die Grenze zum Chaos, zur Eskalation.

Dieser Roman ist ein dicker Fang für den Wurdackverlag. Die Geschichten, die aus der Ichperspektive des Bullen Wren Ironside erzählt werden, bieten das Höchstmaß an Unterhaltung. Interessante Wortschöpfungen, vor allem im cybertechnischen Bereich, gepaart mit der harten, geraden Linie der protagonistischen Erzählsprache, ergeben einen attraktiven Stil. Schnell wird das Protagonistenpaar sympathisch, kommt völlig ohne Sex aus und erzeugt doch die Gewissheit von enger Beziehung und gegenseitiger Wichtigkeit. Schubladentechnisch bietet der Roman mindestens Thriller, Cyberpunk und Krimi. Es wird ganzzeitlich eine straffe Handlung gewebt, die Gefühle lesen mit und das Herz schlägt schneller, bis zur letzten Seite – Suchtgefahr gegeben!

Was es nicht gibt, sind allzu detaillierte Hintergründe zu den Protagonisten. Trotzdem wächst ihr Profil mit jedem Gedanken, den der Icherzähler formuliert, zu einem sympathischen und glaubwürdigen Gerüst. Über Wren Ironside erfährt man noch am wenigsten, er denkt lieber über seine Partnerin und andere Charaktere nach als über sich selbst. Aus seiner Sprache und seinen sarkastischen Bemerkungen zum Beispiel zum Ableben einiger Personen lernt man ihn aber kennen und schätzen.

Gerade das Fehlen weitschweifiger Erklärungen und Rückblenden erzeugt im Roman das Flair von Geschwindigkeit und Entdeckerdrang. Man will alles erfahren und wird von der Handlung vorangetrieben, bis man die letzte Seite umschlägt und ein eindrückliches Bild der Outskirts hat – Slums, in denen man eigentlich nicht leben will, aber bieten die Megacitys nicht noch weniger? Totale Kontrolle und Bevormundung durch irgendwelche mächtigen Interessengruppen, die sich andererseits mit billigen Arbeitskräften aus den Slums versorgen. Desirée und Frank Hoese extrapolieren ein Zukunftsbild mit strikten Klassentrennungen und staatlicher Allgegenwart als Grundgerüst für ihre Geschichten voller Leben und Gefühle. Ein sehr empfehlenswertes Buch, das Aufmerksamkeit über die Grenzen des Genres hinaus verdient.

Der Autor vergibt: (4.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (1 Stimmen, Durchschnitt: 5,00 von 5)

Armin Rößler, Heidrun Jänchen (Hrsg.) – LAZARUS

Bei »LAZARUS« handelt es sich um eine Sammlung von fünf längeren Geschichten bereits aus den Sammlungen von »Deus ex machina« bis »Tabula rasa« bekannter Autoren. Armin Rößler und Heidrun Jänchen selbst, die Herausgeber der Science-Fiction-Reihe des Wurdack-Verlags, sind natürlich mit dabei. Außerdem Andrea Tillmanns und Bernhard Schneider, beide Gewinner der Storyolympiade und Verfasser vieler Geschichten, sowie Petra Vennekohl.

»Novellen« nennen die Herausgeber die Geschichten in Ermangelung eines adäquaten Ausdrucks und begeben sich damit auf Neuland, denn wer erinnert sich noch an deutsche Science-Fiction-Novellen? Allerdings stellen sie in ihrem Vorwort klar, dass sie nicht den Anspruch haben, Novellen in literaturwissenschaftlich exakter Form zu liefern, sondern diese Bezeichnung auf Grund der wichtigsten Attribute der Novelle gewählt haben: Geschichten, zu lang für eine Kurzgeschichte und zu kurz für einen Roman, die gut unterhalten wollen. Und ich nehme es vorweg: Sie tun es!

Armin Rößler – Lazarus

Es gibt eine Welt, abgelegen von den Ballungszentren irdischer Kolonien, auf der ein rätselhaftes Volk lebt, dem es anscheinend möglich ist, seine Individuen zu reinkarnieren. Es ist sein Geheimnis, dem die Menschen irgendwie auf die Spur kommen und das natürlich ihre Gier entfacht. Der große Traum der Menschen von ewigem Leben – zum Greifen nahe. Gibt es eine Möglichkeit, diese Fähigkeit den Menschen nutzbar zu machen? Eine Expedition bricht auf, dem Volk sein Geheimnis zu entreißen. Doch die Ebu lassen sich nicht so einfach hintergehen.

Der Einstieg in die Geschichte fiel mir nicht leicht. Aber es ist auch schwer, dafür die Gründe zu finden, denn danach fließt die Handlung, die Idee ist spannend und unterhaltsam umgesetzt. Die Ausarbeitung der Charaktere kommt etwas zu kurz, dafür lernen wir das Innenleben von zwei Menschen kennen, die für die Geschichte unentbehrlich sind. Dabei bleibt der Polizist ein bisschen auf der Strecke. Natürlich muss er ohne Verstärkung eindringen, um die Spannung zu erhalten. Seine Begründung ist allerdings an den Haaren herbeigezogen, andererseits kann gerade das einen Aspekt seiner Persönlichkeit widerspiegeln: ein schwacher Charakter, der vor allem sich selbst belügt. Insgesamt macht »Lazarus« Spaß und ist ein schöner Einstieg in die Sammlung.

Petra Vennekohl – Tattoos

Raumfrachterkapitän Arit ist nicht Herr seines Schiffes, er fliegt im Auftrag eines Mannes, der eine kleine Flotte aus Raumfrachtern besitzt und sie an Piloten und Händler verleiht, die sich kein eigenes Schiff leisten können. Arits neue Fracht: Ein zu kühlender Kontainer mit einer unbekannten Ladung, gerade von der großen Siedlungsfirma SCC beauftragt, für die er nie wieder arbeiten wollte. Als Raumpiraten den Kontainer stehlen, steht sein Leben auf dem Spiel. Er muss ihn wiederbeschaffen – und ahnt noch nicht, welches Spiel die SCC spielt.

Der Name »Tattoos« ist etwas irreführend. Arit lässt sich für jedes erfolgreiche Geschäft eines stechen, und sie sind bereits alle verblichen – ein Zeichen seiner Lage. Sie helfen also, den Kapitän zu charakterisieren, spielen aber für die Geschichte nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist die wachsende Beziehung zu seiner »Tochter«, von der er sich motivieren lässt. Vennekohl gelingt eine ausgezeichnete Charakterisierung des Protagonisten und der Welt; sie zieht den Leser direkt hinein in die Probleme des interstellaren Kapitalismus. Es ist spannend, wie sich der Schock über die unmenschlichen Handlungen der SCC auf den Leser überträgt und später die Verachtung. Sehr gute Geschichte.

Bernhard Schneider – Modulation

Der Professor Carlos lehrt an einer abgeschiedenen Universität Militärgeschichte, bis ihn ein Sonderkommando der amerikanischen Geheimdienste für eine ungewöhnliche Entdeckung anheuert. In einer irakischen Wüste wurden drei der größten Flugzeuge gefunden, die das Dritte Reich je gebaut hat. Carlos als Spezialist für die Nazi-Herrschaft soll herausfinden, was ihr Geheimnis ist – und woher sie die Atombombe haben …

»Modulation« ist die verschlungenste Geschichte an Bord. Carlos wollte nie wieder mit dem Militär zu tun haben und wird über Intrigen, die er erst spät durchschaut, zum Fundort gelockt. Schneider entwirft ein schockierendes »Was-wäre-wenn«-Szenario um das Dritte Reich und Gegenwart/Zukunft, bedient sich der allgemeingültig erscheinenden Schwäche der Menschen, vor allem des Militärs, für Massenvernichtungswaffen. Gebettet ist diese Geschichte in eine ungewöhnliche Idee über den Erstkontakt. Keine Alieninvasion auf herkömmliche Weise, sondern eine Invasion gefährlicher Ideen, und das Militär ist begeistert. Schneider schrieb eine hochspannende Geschichte mit einem herrlich düsteren und zweischneidigen Ende. Die beste Erzählung des Bandes.

Andrea Tillmanns – Am Ende der Reise

Die Jiaren sind photoaktive Wesen, intelligente und bewegliche Pflanzen, die von ihrer überbevölkerten Welt die lange Reise unternommen haben, um auf der Erde in friedlicher Koexistenz mit den Einheimischen zu leben. Sie verständigen sich über emotionale Bilder – und davon finden sie auf der Erde genügend unterschiedlichste Versionen. So knüpfen sie als Erstes Kontakt mit den friedlichsten und ihnen am ähnlichsten Wesen der neuen Welt – den Walen. Und beim Erstkontakt mit den Menschen bleibt ein schweres Missverständnis natürlich nicht aus.

Tillmanns erzählt über das Leben der Kinder an Bord einige Zeit so, dass man Menschen in ihnen vermuten könnte. Interessant gestaltet sie die absolut friedlichen Jiaren und ihr Umfeld, so dass sich keine Gewalt vorstellen lässt, die von ihnen ausgehen könnte. Umso deutlicher wird dann der Bruch, als die Jiaren auf das Militär treffen. Tillmanns lässt einen friedlichen Kontakt mit Walforschern entstehen und zerbricht das Glück an den ängstlichen, gewalttätigen und unverständlich agierenden Soldaten. Eine tragische, interessante und mit schönen Vorstellungen beladene Geschichte um den möglichen Erstkontakt, den die Menschen versauen.

Heidrun Jänchen – Fünfundneunzig Prozent

Haldor ist Simulator in einer zukünftigen Gesellschaft, die nach einer großen Katastrophe weit zurückgeworfen wurde und nun unter dem Diktat der Regierung steht. Simulatoren liefern aus ihren simulierten Welten Wahrscheinlichkeiten für die verschiedensten Prozesse der Welt, auch ihrer Bürger, und wohin die Handlungen führen. Sie sind das wichtigste Machtinstrument der Mächtigen. Und Haldor ist der Beste. Er verbringt jeden Augenblick seiner Freizeit in einer privaten Simulation, in der er nach dem Zeitpunkt sucht, wo in der Vergangenheit das Chaos begann und wie man es rückgängig machen kann.

Jänchen hat eine unangenehme Zukunft entwickelt. Kontrolle durch die Regierung und ihre Polizei, Intrigen unter den Mächtigen und gleichfalls unter den Bürgern, die sich Annehmlichkeiten verschaffen wollen; Manipulation in allen Schichten der Gesellschaft. Sie zeigt in Haldors Simulationen, was kleine Veränderungen für Auswirkungen haben können. Und sie lässt ihren Protagonisten trotz seiner Selbstaufgabe in die Suche als verletzlichen Menschen und Charakter erscheinen, dem sein eigenes Leben und das seiner Nächsten so wichtig ist, dass er sie über den Erfolg seiner Simulationen stellt. Menschlich. Die Auflösung bietet einen positiven Ausblick auf die Zukunft und betont den Wert des Einzelnen. Ein würdiger Abschluss des Buches.

Fazit: »LAZARUS« umfasst fünf unterschiedliche Erzählungen, die jede auf ihre Art für spannende Unterhaltung sorgt. Diese Sammlung hat es verdient, beachtet zu werden.

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Interview mit Andreas Brandhorst

Tobias Schäfer:
Hallo Andreas, ich bin hocherfreut, dich in unserem Magazin begrüßen zu dürfen! Für alle, die Andreas Brandhorst etwas näher kennen lernen wollen: Wer bist du und was treibst du so?

Andreas Brandhorst:
Ich bin 1956 in Norddeutschland geboren und schreibe, seit ich schreiben gelernt habe. Inzwischen lebe ich seit über zwanzig Jahren in meiner Wahlheimat Italien, wo ich nach dem Ende meiner zweiten Ehe (mit einer Italienerin) geblieben bin, weil ich dieses Land, seine Leute und Kultur sehr liebe. Lange Zeit habe ich vor allem übersetzt, aber seit einigen Jahren schreibe ich auch wieder selbst.

Tobias Schäfer:
Was sagst du zu dem »Vorwurf«, neuer Shooting-Star der deutschen Science-Fiction zu sein?

Andreas Brandhorst:
Zum Glück bezeichnet man mich nicht als Nachwuchsautor, denn immerhin werde ich nächstes Jahr 50! 🙂 Shooting-Star … Na ja, ich mag diesen Ausdruck nicht sehr, denn immerhin bin ich seit fast dreißig Jahren als Profi in der deutschen SF tätig und habe schon damals Romane geschrieben und an den legendären Terranauten mitgewirkt. Aber: In gewisser Weise hat er durchaus seine Berechtigung, denn ich sehe einen klaren Unterschied zwischen meinem heutigen Werk und der damaligen Arbeit. Heute bin ich einfach reifer, viel reicher an Lebenserfahrung, und ich gehe mit einem ganz anderen Anspruch an die Schriftstellerei heran. Der Andreas Brandhorst von heute ist ein anderer als der von damals. Als »Star« sehe ich mich allerdings nicht. 🙂

Tobias Schäfer:
Durch das Kantaki-Universum hast du die deutschen Science-Fiction-Leser auf dich aufmerksam gemacht. Seit »Diamant« im Mai ’04 auf den Markt kam, kann man dich zu den produktivsten Schriftstellern des Genres rechnen. In den Jahren reiner Übersetzertätigkeit hat sich deine Kreativität anscheinend stark gestaut?

Andreas Brandhorst:
»Diamant« im Mai ’04, es folgte »Der Metamorph« im Januar ’05 und »Der Zeitkrieg« im Oktober ’05. Wenn man berücksichtigt, dass ich vor dem Erscheinen von »Diamant« ca. ein Jahr an dem Roman gearbeitet habe, so sind das drei Romane in 29 Monaten (ohne »Exodus der Generationen«). Das ist eigentlich nicht übermäßig produktiv, oder? An Kreativität hat es mir nie gemangelt (die braucht man auch fürs Übersetzen), aber ich schreibe heute sehr langsam und sehr, sehr sorgfältig, etwa drei Seiten pro Tag, aber jeden Tag – das sind etwa tausend Seiten im Jahr, also anderthalb dicke Romane. Es geht mir heute vor allem um die Qualität und nicht um die Quantität. Ich hoffe, das merkt man den Romanen an.

Tobias Schäfer:
Da kann ich dich beruhigen 😉 Der umfassend ausgearbeitete Hintergrund zu den Romanen um Valdorian und Lidia bietet Raum für unzählige noch unerzählte Geschichten. Die fremden Völker des Universums üben einen besonders großen Reiz aus. Jedes von ihnen hat eine spannende Geschichte, die anfangs ziemlich schwarz-weiße Weltsicht hat sich schließlich im »Zeitkrieg« verwischt. Was passiert nun mit den Temporalen, Kantaki, Feyn? Und vor allem: Was ist mit den Xurr? In dieser Hinsicht lässt du den Leser sehr erwartungsvoll zurück.

Andreas Brandhorst:
Ich habe sehr viel Zeit und Mühe in die Ausarbeitung des Hintergrunds für das Kantaki-Universum investiert, denn so etwas lohnt sich: Als Autor bekommt man dadurch eine große Bühne mit vielen Kulissen, um Geschichten zu erzählen. Natürlich kann ich hier nicht verraten, was aus den bisher geschilderten Völkern wird, obwohl mein Computer viele entsprechende historische und chronologische Daten enthält. (Hoffentlich fordere ich mit diesem Hinweis keine Hacker-Angriffe heraus …) Es ist wie mit einem Eisberg: Nur ein kleiner Teil zeigt sich über Wasser, der Rest bleibt darunter verborgen. Bisher kennen die Leser nur einen winzig kleinen Teil des Kantaki-Universums. In den nächsten Büchern wird es bestimmt die eine oder andere Überraschung geben …

Tobias Schäfer:
Vor allem im letzten Band »Der Zeitkrieg« drängen sich die hintergründigen Informationen. Hättest du die Geschichte lieber noch ein wenig ausgedehnt?

Andreas Brandhorst:
Nein, eigentlich nicht. »Der Zeitkrieg« beantwortet viele Fragen, die in »Diamant« und »Der Metamorph« offen blieben. Der große Kreis schließt sich zu Recht in diesem Band; ein vierter Roman hätte alles nur gedehnt und langatmig gemacht. Aber es bleibt auch das eine oder andere offen, was mir Gelegenheit gibt, vielleicht noch einmal darauf zurückzukommen: auf Olkin und das Flix, oder auf die Xurr … 🙂

Tobias Schäfer:
Rückblickend kann man sagen, dass dir der Charakter »Valdorian« am stärksten am Herzen lag. Über ihn hast du die Suche nach dem ewigen Leben neu erzählt. Was macht für dich die Faszination dieser Figur und/oder dieses Themas aus?

Andreas Brandhorst:
Ich glaube, dass in jedem Bösen etwas Gutes steckt, und dass jeder Gute auch einmal böse werden kann. Die Komplexität des menschlichen Wesens fasziniert mich, und ich glaube, die kommt im Valdorian gut zum Ausdruck, wenn man seine Entwicklung vom Saulus zum Paulus über die drei Romane hinweg verfolgt. Außerdem beschäftige ich mich immer mehr mit dem Leben an sich und dem Tod, einem Thema, dem sich keiner von uns entziehen kann. Der Tod, welch eine Verschwendung: Man verbringt das ganze Leben damit, Wissen zu sammeln und Erfahrungen zu machen, klüger zu werden, und dann, in einem Augenblick, geht das alles verloren. Und die verschiedenen Straßen des Lebens, die Diamant und Valdorian beschreiten: Oftmals gibt es nach einer getroffenen Entscheidung kein Zurück mehr. Wir alle müssen versuchen, das Beste aus unserem Leben zu machen, und genau dieser Gedanke hat ja zunächst die verschiedenen Lebensentscheidungen von Diamant und Valdorian bestimmt.

Tobias Schäfer:
Für manche Leser mag die Wandlung Valdorians zu plötzlich erfolgen. Wie antwortest du auf Vorwürfe der Unglaubwürdigkeit? Kommt so was überhaupt vor?

Andreas Brandhorst:
Nein, bisher sind solche Vorwürfe noch nicht aufgetaucht, oder mir zumindest nicht bekannt. Valdorian ist, wenn man genau hinsieht und aufmerksam liest, eine sehr komplexe Person, zuerst mit einem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater, der dann aber sogar zu seinem Idol wird. Es gibt in allen drei Romanen Stellen, die seinen inneren Zwist zeigen, seine Zerrissenheit – er ist nie schwarz oder weiß, sondern grau. Die Konfrontation mit Diamants Einstellungen zum Leben verändert ihn nach und nach, und ein wichtiges Schlüsselerlebnis in diesem Zusammenhang ist die Begegnung mit seiner Mutter in »Der Zeitkrieg«. Er beginnt zu verstehen, dass Dinge, die er für unwichtig gehalten hat, tiefe Bedeutung haben, und er denkt darüber nach. Er fängt an, Verantwortung zu übernehmen, für sich selbst und auch die Welt (das Universum), in der er lebt. All diese subtilen Veränderungen schlagen schließlich als Quantität in Qualität um. Ein neuer Valdorian wird geboren, und damit schließt sich für ihn ein eigener Kreis: Er, der am Ende seines Lebens nach neuer Jugend strebte, erneuert sich im Tod.

Tobias Schäfer:
Wo wir gerade bei den Lesern waren: Wir leben ja im Zeitalter der ungehemmten Kommunikation. Stehst du in engem Kontakt mit Menschen, die erst durch deine Geschichten an dich herangetreten sind? Kannst du dich vor Leserpost kaum retten oder traut sich niemand an dich heran?

Andreas Brandhorst:
Es ist nicht so, dass ich jeden Tag zwei Säcke Post bekäme … 🙂 Für die Leser gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich mit mir in Verbindung zu setzen. Da wäre zum Beispiel das Forum der Kantaki-Site [down, Anm. d. R.] wo ich mich bemühe, jeden Beitrag zu beantworten. Abgesehen davon bekomme ich erstaunlich viele E-Mails und frage mich manchmal, woher die Schreiber meine E-Mail-Adresse kennen. Auch in diesem Fall versuche ich, jede Mail zu beantworten.

Tobias Schäfer:
In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Anekdote aus dem Perry-Rhodan-Werkstattband, wo William Voltz ständig unangemeldeten Besuch seiner Leser bekommt. Wirst du manchmal persönlich behelligt oder beschränkt sich diese Art Kontakt auf Cons?

Andreas Brandhorst:
Da ich in Italien wohne, kommt es (fast) gar nicht zu solchen Überraschungsbesuchen. Es gab nur eine Ausnahme, vor zwei Jahren … 🙂 Vor etwa 25 Jahren, als ich noch in Deutschland wohnte und Romane für die Terranauten schrieb, kam es öfter vor, dass plötzlich Leute vor meiner Wohnungstür standen, in einem Fall eine Gruppe von sieben oder acht Jugendlichen. Wir haben uns dann zusammengesetzt und gemütlich miteinander geplaudert …

Tobias Schäfer:
Dein erster Beitrag zum sogenannten »Perryversum« war erstens eine Überraschung und stellt zweitens einen unbestrittenen Höhepunkt der Serie dar. Wie bist du dazu gekommen? Ist nach deinem Roman »Die Trümmersphäre« weiteres Engagement in der Serie geplant?

Andreas Brandhorst:
Dazu gekommen ist es durch ein Gespräch im Heyne Verlag, im Oktober 2003, glaube ich, wo Sascha Mamczak, der mit Klaus Frick in Verbindung stand, das Lemuria-Projekt ansprach. Ich hatte gerade »Diamant« fertig gestellt, und mich reizte die Vorstellung, einen Beitrag für das Perryversum zu schreiben, das für mich als 12/13-Jähriger praktisch der Einstieg in die SF war – ich habe die Romane damals regelrecht verschlungen. »Die Trümmersphäre« habe ich nach dem »Zeitkrieg« geschrieben, und dieser zweite Beitrag für das Perryversum war aus mehreren Gründen extrem harte Arbeit. Nach der Fertigstellung dieses Romans dachte ich mir: Jetzt nimmst du dir erst einmal eine Auszeit und widmest dich ganz deinen eigenen Projekten. Damit ist die Frage praktisch schon beantwortet: Eine weitere Mitarbeit meinerseits bei PR ist derzeit nicht konkret geplant, was sie aber mittel- oder gar langfristig nicht ausschließt.

Tobias Schäfer:
Was erwartet die Leser in deinen nächsten eigenständigen Romanen? Kannst du dazu zu diesem Zeitpunkt schon etwas verraten?

Andreas Brandhorst:
Ja, ich denke, ich kann hier ein kleines Geheimnis lüften. Derzeit arbeite ich an »Feuervögel«, einem Roman, der im Oktober 2006 bei Heyne erscheinen wird, aller Voraussicht nach als erster Band einer neuen Trilogie; die Arbeitstitel für den zweiten und dritten Band lauten »Feuerstürme« und »Feuerträume«. Und: Diese neuen Romane sind im Kantaki-Universum angesiedelt, allerdings in einer aus Valdorians und Diamants Sicht fernen Zukunft. Vom Umfang her werden die neuen Romane den ersten drei Kantaki-Romanen ähneln. Was den Inhalt betrifft … (Schnitt)

Tobias Schäfer:
Als Schriftsteller scheinst du ziemlich ausgebucht zu sein. Da wirkt es erstaunlich, deinen Namen noch regelmäßig bei Übersetzungen vorzufinden, derzeit vor allem bei Terry-Pratchet-Romanen – und ganz aktuell bei David Brins »Copy«. Wie bringst du das alles unter einen Hut?

Andreas Brandhorst:
Indem ich knallhart arbeite. Der Brin zum Beispiel hat wirklich meine ganze Kreativität gefordert; ich glaube, es war eine der schwierigsten Übersetzungen, die ich jemals gemacht habe. Mit Pratchett bin ich nach circa 30 Romanen gut »synchronisiert« … Eigentlich gefällt mir die Mischung aus eigenem Schreiben und Übersetzen. Ich möchte sie nur noch etwas mehr zugunsten der eigenen Werke verändern.

Tobias Schäfer:
Was ist das für ein Stoff, den Pratchet schreibt? Seine Romane sind ja regalfüllend in diversen Buchhandlungen zu finden. Was macht den Reiz dieser Geschichten aus?

Der besondere Reiz von Pratchetts Geschichten besteht aus der genialen Mischung von Intelligenz und Humor. Ich halte Terry Pratchett für einen der besten Schriftsteller überhaupt. Ihm gelingt es, Personen mit ein oder zwei Sätzen zu charakterisieren, und seine Schilderungen zeichnen sich immer durch große Tiefe aus. Man kann seine Romane auf zwei Arten lesen: als lustige, leicht verdauliche Unterhaltung, und als tiefsinnige Romane, bei denen einem manchmal das Lachen im Halse stecken bleibt.

Tobias Schäfer:
Wir haben jetzt viel über den offiziellen Brandhorst gesprochen. Danke sehr für die interessanten Antworten! Aber was macht der Mensch Andreas, wenn er ein bisschen Zeit für sich findet?

Andreas Brandhorst:
Nach all der Zeit am Computer lege ich großen Wert darauf, mich körperlich fit zu halten. Ich laufe fast jeden Tag mindestens eine Stunde, egal ob es stürmt, regnet oder schneit. Wenn ich nicht laufe, stemme ich Gewichte. Manchmal schnappe ich mir Notebook und Auto, reise durch Italien – ich liebe dieses Land! –, und bleibe eine Zeit lang, wo es mir gefällt. Ich bin nach zwei Ehen wieder Single, Sohn und Tochter sind erwachsen … Ich genieße meine Freiheit, laufe im Winter an menschenleeren Stränden, schreibe an einem warmen Kaminfeuer, denke über das Leben nach … 🙂

Tobias Schäfer:
Dann wünsche ich dir, dass diese Zeit nicht zu kurz kommt – obwohl ich natürlich vor allem auf viele spannende Romane von dir hoffe. 🙂 Alles Gute weiterhin!