Schlagwort-Archive: stimmbuch

Daniela Wakonigg – Mythos & Wahrheit: König Artus. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen

Artuslegenden mit hohlem Pathos

Der große König Artus von England gilt in der gesamten abendländischen Welt als Inbegriff eines ebenso starken und siegreichen wie gerechten Königs. Seine Geschichte und die der Ritter seiner Tafelrunde – eine Geschichte voll Heldenmut, Liebe und Verrat, voll mystischer Abenteuer um den heiligen Gral, geheimnisvolle Feen und Zauberer – fesselt die Menschen seit Jahrhunderten.

Wer war dieser außergewöhnliche Mann? Hat es ihn je gegeben? Warum erzählt man sich seine Geschichte noch heute? Und was genau ist eigentlich seine Geschichte? (abgewandelte Verlagsinfo)

Daniela Wakonigg – Mythos & Wahrheit: König Artus. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen weiterlesen

Wakonigg, Daniela – Mythos & Wahrheit: Frankenstein. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen

_Parallele Schicksale: das Monster & seine Autorin_

Frankensteins Ungeheuer ist der Inbegriff des Horrors: riesenhaft und hässlich, eine tödliche Maschine, erschaffen aus den Körperteilen Verstorbener und zum Leben erweckt durch den ungezügelten Forscherdrang eines Wissenschaftlers. Im Innern dieses Monsters jedoch schlägt ein empfindsames Herz – vielleicht ein Erbteil seiner literarischen Mutter Mary Wollstonecraft Shelley, die diese Figur mit nur 19 Jahren erschuf?

Wie genau kam es zu der Entstehung von Frankensteins Ungeheuer? Und was ist die wahre Geschichte seines Lebens? (abgewandelte Verlagsinfo)

„Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen“ nennt der Verlag seine Produktion. Es handelt sich also um ein Sach-Hörbuch.

_Die Autorin_

Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851) war 19 Jahre alt, als sie das Manuskript zu ihrem berühmtesten Roman „Frankenstein“ schrieb. Sie war die Tochter eines Philosophen und einer Feministin, welche bei ihrer Geburt starb. Mit 17 brannte sie mit dem Dichter Percy B. Shelley (1792-1822) durch, dessen Frau Selbstmord beging, und heiratete ihn.

1816 verbrachte das Paar den Sommer mit Lord Byron und dessen Leibarzt Dr. John Polidori am Genfer See in der Villa Diodati. Nach dem Vorlesen deutscher Geistergeschichten schlug jemand vor, selbst Geistergeschichten zu schreiben. Daraus entstand „Frankenstein“, doch Byrons Geschichte [„Der Vampyr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=525 wurde erst 1819 von Polidori vollendet. Mary verwässerte ihren 1818 veröffentlichten Roman durch das Polieren in der Fassung von 1831.

Mary W. Shelley schrieb neben mehreren Erzählungen auch den Roman „The Last Man“ (1826), in dem eine Epidemie die Menschheit dezimiert: Als die Amerikaner England übernehmen, bleibt nach den Auseinandersetzungen ein letzter Mann übrig (der viel Ähnlichkeit mit Percy Shelley hat), der jedoch mit seinem Boot aufs offene Meer hinaussegelt. Dieses Motiv eines letzten weltlichen Überlebenden hat ebenfalls viele Autoren inspiriert.

Unsere Rezensionen zur Hörspielfassung von „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ im |Gruselkabinett| von |Titania Medien|:
[Teil 1]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2960
[Teil 2]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2965

Außerdem von Shelley auf |Buchwurm.info|: [„Die Verwandlung“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4660

_Die Inszenierung_

|Die Sprecher:|

Bodo Primus: Erzähler
Matthias Haase: Dr. Frankenstein
Fritz Stavenhagen: das Ungeheuer
Daniela Wakonigg: Mary Shelley

Regie führte die Übersetzerin und Redakteurin Daniela Wakonigg. Die Musik trug Peter Harrsch bei, der auch die Tontechnik steuerte, und beide sorgten fürs Sounddesign.

_Inhalte_

„Kreisch!“, macht die Frau im Film, als sie des Monsters ansichtig wird. Die Filmzuschauer meinen, das Monster hieße „Frankenstein“, doch in Wahrheit ist es selbst namenlos, während Frankenstein der Name seines Schöpfers ist. Das Monster ist eine Verkörperung menschlicher Urängste, ein moderner Mythos und natürlich der Klassiker auf jeder Horrorparty zu Halloween.
Die wenigsten wissen, dass im Innern dieses 240 Zentimeter großen Wesens, das aus Leichenteilen erschaffen wurde, ein empfindsames Herz schlägt, dass es hochintelligent und sogar gebildet ist. Noch weniger Leute wissen, dass es die Erfindung eines 19-jährigen schüchternen Mädchens aus England ist: Mary Wollstonecraft Shelley (1797-1851). Sie schrieb „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ in einem verregneten Urlaub am Genfer See im Sommer 1816. Lord Byron, Dr. John Polidori und ihr Mann Percy B. Shelley sind dabei und schreiben Geschichten. Doch nur Marys Buch, das sie auf Drängen ihres Mannes niederschreibt und zu einem Roman ausbaut, wird ein Bestseller, nachdem sie diesen 1818 an einen englischen Verlag hat verkaufen können.

Das Buch erscheint anonym, denn wer würde schon einem so jungen Autor ein solches Buch zutrauen, noch dazu einer Frau! Doch der Erfolg „Frankensteins“ ist riesig, schon bald gibt es ein Theaterstück und kurze Zeit nach Erfindung der Kinematografie die ersten Verfilmungen: ein moderner Mythos ist geboren. Er wird zu Marys Schicksal und Verhängnis.

|Marys Leben|

Mary hatte berühmte Eltern, als sie am 30. August 1797 geboren wurde. Ihre Mutter ist eine Frauenrechtlerin, ihr Vater William Godwin ein Kritiker der Gesellschaft, der marxistische Ideen vorwegnimmt. Die amerikanische und die französische Revolution sind nicht ohne Einfluss auf das englische Geistesleben geblieben. Weil ihre Mutter bei ihrer Geburt gestorben ist, heiratet Godwin 1801 erneut. Doch Mary ist ihrer Stiefmutter Mary Jane Clermont ein Dorn im Auge: aufmüpfig, selbständig und neugierig, weshalb sie häufig nach Schottland reist.

Sie verliebt sich in den Dichter Percy Bysshe Shelley, einen romantischen Revolutionär, der ihren Vater verehrt und für seine Rebellion von zwei Unis geflogen ist. Dumm nur, dass Shelley verheiratet ist. Zusammen brennen sie auf den Kontinent durch, unter anderem nach Deutschland. Als ihnen das Geld ausgeht, kehren sie zu ihrem Vater zurück. Die 1815 geborene Tochter stirbt, doch ein zweites Kind wird im Januar 1816 geboren. Im Sommer reisen sie mit Marys Stiefschwester Claire, die Byron und Polidori mitbringt, zum Genfer See. In ihrem Creative-Writing-Kurs entsteht „Frankenstein“. Mary hat über Erasmus Darwins und Galvanis Versuche mit Elektrizität und Zellen gelesen. In einem Traum hat sie die geniale Idee für die Geschichte.

Die Buch-Story von „Frankenstein“ setze ich als bekannt voraus. Das Ungeheuer wird von seinem Schöpfer mehrmals verleugnet, woraufhin es ihm Rache schwört und diese auch an seinen eigenen Lieben ausführt. Der Kampf der beiden verhängnisvoll verbundenen Wesen führt über die Alpengipfel bis zum Nordpol, wo Dr. Viktor Frankenstein auf einem Expeditionsschiff seinen letzten Atemzug tut, erfüllt von Reue über seine Vermessenheit und deren schreckliche Folgen.

Marys Leben verläuft ähnlich unglücklich. Alle ihre Kinder außer Percy Florence sterben, ebenso ihr Mann, der 1822 bei einem Bootsunglück vor der italienischen Küste ertrinkt. Polidori bringt sich 1822 um, Byron stirbt 1824 in Missolonghi am Fieber. Jetzt ist Mary fast völlig arm, am Buch verdient sie nichts mehr, sie bekommt auch keine Alimente von den Verwandten, die kriegt nur ihr Sohn.

Wenn sie etwas veröffentlicht, dann darf dies nach dem Willen ihres Schwiegervaters nicht unter dem Namen „Shelley“ erfolgen, einerseits um den Namen seines Sohnes nicht zu verwenden, zum anderen, um ihren Sohn zu schützen. Sie publiziert also unter dem Pseudonym „Vom Autor von ‚Frankenstein'“.

Kein Wunder, dass sie von ihren eigenen Schriften wenig hielt, so etwa von ihrem zweiten Roman über „Verney, den letzten Menschen“ und „Die Rechtfertigung der Rechte der Frau“. Als ihr Schwiegervater 1844 stirbt, hört sie auf zu schreiben. Ihr Sohn Percy ist inzwischen fett geworden, doch er sichert ihren Lebensunterhalt, bis sie 1851 an einem Gehirntumor stirbt. Nur ihre namenlose Kreatur, die alle für Frankenstein halten, die lebt fort …

_Mein Eindruck_

|Der Schauerroman|

„Frankenstein“ war beileibe nicht der erste Schauerroman der englischen Romantik. Diese Gothic Novels begannen schon 1764 mit „The Castle of Otranto“ von einem Horace Walpole und „The Mysteries of Udolpho“ von Ann Radcliffe. William Beckford schickte 20 Jahre später seinen „Vathek“ (1786) ins Orientalische, und William Godwin (ja, Mary Shelleys Vater) verlagerte die Schrecken in seinem „Caleb Williams“ (1794) ins Psychologische.

Die Requisiten wurden aufeinandergestapelt, die Klischees des Schreckens häuften sich, bis M. G. Lewis in seinem „Der Mönch“ (1795) ein wahres Lagerhaus des Schreckens vorführte, dem E.T.A. Hoffmanns [„Die Elixiere des Teufels“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=519 kaum nachstand. Nach „Frankenstein“ (1818) und Maturins „Melmoth der Wanderer“ (1820) klang der „gotische“ Roman aus, und schon 1818 spottete die sonst so brave Jane Austen mit ihrem Roman „Northanger Abbey“ aufs Ätzendste über diese überlebte Modeerscheinung und ihre verstiegenen Auswüchse.

|Science Fiction|

„Frankenstein“ hat zwar im Original auch viele Sentimentalitäten und die Erzählweise ist dem Briefroman des frühen 19. Jahrhunderts geschuldet, doch Mary Shelley geht darin viel weiter in Richtung Wissenschaft als alle ihre Vorgänger. Dieser Aspekt macht sie für Science-Fiction-Kritiker und -Autoren wie Brian W. Aldiss („Der Milliarden-Jahre-Traum“) zur Urgroßmutter der europäischen Science-Fiction. Mit der Technik des Galvanisierens, die schon zuvor in Italien Froschschenkel zum Zucken brachte, gelingt Frankenstein die Schaffung neuen Lebens. Allerdings nicht aus DNS wie heute, sondern damals aus Leichenteilen. Leben durch Technik: Der „Species“-Zyklus schildert die Folgen erneut im sexy Horrorgewand.

Shelleys Roman ist weit mehr als das literarische Heben des moralischen Zeigefingers mit der Botschaft: „Du sollst dir nicht die Macht eines Gottes anmaßen!“ Das bekommt der arme Victor zwar immer wieder zu hören (von Elisabeth, von Henry, von Prof. Waldmann), und letzten Endes hört er sogar auf die Warner, aber darauf kommt es nicht an. Das wirklich Neue an Shelleys Roman ist das Geschöpf, das keineswegs die triebgesteuerte Dumpfbacke wie in James Whales Film von 1931 ist.

|Die Kreatur|

Das Geschöpf, das nie einen Namen erhält, hat John Miltons Versepos „Das verlorene Paradies“ ebenso gelesen wie Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. Es betrachtet sich daher wie Lucifer (= „Lichtbringer“) als einen gefallenen Engel, der verdammt wurde; als einen neuen Adam, der von einem Gott geschaffen wurde, der ihn verstieß, als einen einsamen Unglücklichen, dem eine Gefährtin fehlt, so wie Lotte ihrem Werther fehlt. Folglich fordert es von seinem Schöpfer, ihm eine Gefährtin zu erschaffen. Frankenstein jedoch verrät ihn abermals.

Das sind alles keine Trivialitäten, sondern spiegeln allgemein menschliche Bedingungen wider. Alles, was das Geschöpf sich wünscht und worauf es ein Naturrecht hat, ist die Liebe seines Schöpfers. Jenes vermessenen Prometheus, der von seiner Gesellschaft für seinen so genannten „Frevel“ mit Verstoßung bestraft worden ist. Das wirkliche Perfide ist aber, dass nicht Victor für seinen „Frevel“ leidet, sondern jene Menschen, die ihm das Liebste auf Erden sind. Wo er keine Liebe geben konnte, wird sie ihm nun von seiner Kreatur genommen, auf dass er erkenne, was Liebe bedeutet.

Dass das Geschöpf ihn durchaus liebt, zeigt sich am Schluss der Rahmenhandlung des Briefromans. Der hässliche Riese nimmt die Leiche Frankensteins von Robert Walton in Empfang, damit er sie am Nordpol auf einem Scheiterhaufen verbrennen könne. Wo sein Schöpfer moralisch und menschlich versagte, da besteht es die Prüfung. Es scheint von beiden der bessere Mensch zu sein. Die Ironie dabei: Es hat einige Menschen auf dem Gewissen. Schuldig und zugleich unschuldig zu sein, dieser Widerspruch konfrontiert den heutigen Menschen als Beherrscher der Erde mit seiner eigenen Verantwortung gegenüber der Natur. Sei diese nun ohne ihn geschaffen oder künstlich.

|Der Schöpfer|

So mancher Hörer könnte sich fragen, mit welcher Absicht Victor Frankenstein in der Rahmengeschichte seinem Retter Walton von seinem gescheiterten Leben erzählt. Am Schluss wird deutlich, was er im Sinn hat. Er warnt den jungen Arktisforscher vor allzu großer Neugier, denn das Vordringen in unbekannte Regionen des Wissens – hier wörtlich zu verstehen – berge zu große Gefahren. Der Forscher habe nicht nur für sich selbst die Verantwortung zu tragen, sondern auch für seine Angehörigen, Schutzbefohlenen und Freunde. Und dies nicht nur direkt durch sein Tun und Lassen, sondern auch indirekt durch das, was aus seiner Arbeit entstehe. Bei Victor ist es sein Geschöpf. Es tötete alle Menschen, die Victor etwas bedeuteten, und nun ist es Victor Aufgabe, es aus der Welt zu schaffen. Dieser Erfolg ist ihm allerdings nicht vergönnt.

Nun ist es an Robert Walton, Victors Warnung und Lehre zu akzeptieren oder abzulehnen. Die Entscheidung ist, genau wie Victor sagte, eine über Leben und Tod. Denn wenn Walton weitersegeln lässt, dann wird sein Schiff garantiert ein Opfer des Packeises und einfach wie eine Nussschale zerquetscht. Kapitän und Steuermann warnen ihn eindringlich vor dieser Gefahr. Walton willigt ein umzukehren.

Doch vor der Rückkehr in die Zivilisation übergibt er Frankensteins Leichnam dessen Geschöpf, das schon darauf wartet, um ihn zu bestatten. Mir gehen die letzten Worte des Geschöpfes nicht mehr aus dem Sinn: „Auch ich habe eine Seele! Einst war sie unschuldig und voller Hoffnung.“ Genau wie die eines jeden Kindes …

_Der Inszenierung_

Es ist ein genialer Schachzug der Dramaturgie, die Entstehung und den Werdegang der Kreatur und ihres Schöpfers mit der Biografie Mary Shelleys parallel zu führen. Gott wird zwar nie genannt, aber ist als Schicksalsmacht in Marys Leben stets präsent. Es ist ein höchst unglückliches Leben, will uns scheinen, doch wer hätte das Recht, dies auch von ihren ersten 21 Jahren zu behaupten? Sie ist mit dem Mann, den sie liebt, durchgebrannt, hat Kinder geboren und obendrein auch noch einen Bestseller verkauft, von dem andere Frauen nur träumen dürfen.

Sie hätte nach Shelleys Tod jedes Recht, mit Gott zu hadern, als dessen Geschöpf sie sich betrachten muss. Sie ist fast völlig allein, mit einem enormen Wissen ausgestattet und doch verachtet: als Frau, als Autorin, als Frauenrechtlerin. Aufgeteilt auf vier große Blöcke, werden Marys Leben und das der Kreatur als anrührende und nachvollziehbare Schicksale nachvollziehbar. Es gibt eine sehr anrührende Szene, die die Übergabe von Frankensteins Leiche an die Kreatur schildert, die die Leiche verbrennen will, und ebenso sich selbst.

Hier wird spätestens deutlich, dass Mary mit der Kreatur nicht nur sich selbst meint (als Gottes Geschöpf), sondern auch ihren Seelengefährten Percy Shelley, der ja selbst auch von der Gesellschaft geächtet und verstoßen wurde. Zu guter Letzt stellt auch Marys Kopfgeburt, der Roman an sich, eine Kreatur dar. Und dies hat in jeder Epoche ein jeweils ganz eigenes Schicksal.

|Musik|

Man kann sich leicht vorstellen, dass ein Stoff wie „Frankenstein“ und die Biografie seiner Schöpferin zu dramatischer und düsterer Musik geradezu einladen. Daher kommt es für eine faktenorientierte Präsentation wie diese Lesung mit Musik darauf an, es nicht zu übertreiben. Es gelingt nicht immer.

Ein romantisches Piano, eine Harfe und eine Oboe begleiten den Hörer durch eine faszinierende Zeit und die Frankenstein-Handlung. Düster untermalt ein Cello die unheimlicheren Szenen. Doch immer, wenn Doktor Frankenstein auftritt, erklingt eine dramatisch dröhnende Orgel, die auch dem letzten Hörer klarmacht, welchen Frevel er in seiner Vermessenheit begeht. Die Orgel assoziiert die Kirche, das Haus Gottes. Tritt die Kreatur auf, wird die Orgel verzerrt. Den Ausklang mit dem Lebensende Marys begleiten wieder das Cello und die Harfe.

|Geräusche|

Die Idee zum Buch wurde in einer Sturmnacht 1816 geboren. Regenprasseln und Donnergrollen begleiten dieses folgenreiche Ereignis. Und stets, wenn die Kreatur ihrem Schöpfer gegenübersteht, grollt Donner durch die akustische Kulisse, begleitet von heulendem Wind. Auf der Schiffsreise zum Nordpol hören wir den sterbenden Doktor Frankenstein zum Kapitän flüstern, umringt vom Poltern des Eises, dem Knarren der dünnen Schiffsplanken und dem Heulen des Sturms.

|Die Stimme des Monsters|

Eine interessante Frage betrifft natürlich die Stimme des Ungeheuers. Wie mag wohl ein aus Leichenteilen erschaffener, künstlicher Mensch sprechen? Nun, die Kreatur in diesem Beinahe-Hörspiel redet langsam und in einer tiefen Stimmlage, beinahe feierlich. Doch sie kann auch jammern wie ein Kind, das entdeckt, dass seine Eltern es verraten haben.

|Das Booklet|

Die CD enthält ein kleines vierseitiges Booklet, das alle notwendigen Infos zur Produktion enthält. In einem kurzen Essay schreibt Daniela Wakonigg ihre Gedanken zu dem Buch und zu seiner Autorin. Es ist die Essenz der Argumentation des Sach-Hörbuchs.

_Unterm Strich_

Ich kannte ja bereits das (schwer zu lesende) Buch und das |Gruselkabinett|-Hörspiel, wusste also über die Story Bescheid. Über Mary Shelleys Leben wusste ich sehr viel weniger und war deshalb sehr an weiteren Details interessiert. Über die Sturmnacht der Geschichtenerzähler vom Sommer 1816 liefern die „Vampyr“-Hörspiele ausgezeichnete Auskünfte, die zudem unterhaltsam präsentiert werden.

Die wirkliche Leistung des vorliegenden „Stimmbuchs“ liegt deshalb in der Parallelführung von Marys Leben mit dem der Kreatur. Es ist, als wäre das Monster nur eine andere Version der Frau, ausgestoßen, ungeliebt und verraten, dabei jedoch empfindsam, intelligent und gebildet.

Die Parallelen schlagen die nötige Brücke zwischen dem Mythos beziehungsweise dem Buch und dem Leben seiner Autorin. Immer wieder wurde mir anhand der Kreatur anrührend deutlich aufgezeigt, wie es Mary Shelley ergangen sein muss. Das hat mich von der Qualität dieses Hörbuchs überzeugt. Ich kann es jedem empfehlen, der sich mit dem Werk und seiner Autorin näher beschäftigen will. Allerdings genügt es nicht wissenschaftlichen Ansprüchen (will es auch gar nicht), sondern bildet eine gute, unterhaltsame Einführung.

Fazit: ein Volltreffer.

|75 Minuten auf 1 CD
ISBN-13: 978-3-939932-07-9|
http://www.stimmbuch.de
http://www.maritim-produktionen.de

Wakonigg, Daniela / Harrsch, Peter – Mythos & Wahrheit: Edgar Allan Poe. Eine Spurensuche mit Musik und Geräuschen

_Populäre Poe-Biografie mit begrenztem Ansatz_

Edgar Allan Poe gilt als der große Autor des Düsteren. Mit seinen Schauer- und Detektivgeschichten beeinflusste er die moderne Literatur . Auch heute ist das Interesse an seinem Werk stärker denn je, insbesondere im Bereich des Hörbuchs.

Um Poe und sein Leben ranken sich viele Legenden, nicht zuletzt wegen der fleißigen Fälscherarbeit, die sein Widersacher Reverend Griswold an seinem Nachlass angerichtet hat. Wie viele der Legenden entsprechen der Wahrheit, welche sind nur Mythos? War Poe, wie Griswold behauptete, ein geisteskranker Trinker oder ein Genie, das mit seinen Einblicken in die Untiefen der menschlichen Seele seiner Zeit weit voraus war?

Das vorliegende Hörbuch gehört zu der Sach-Hörbuch-Reihe „STIMMBUCH Mythos & Wahrheit“ und will dem Hörer „spannende historische Spurensuche, untermalt von Musik und Geräuschen“ bieten. Ob das so hinhaut, wie gedacht, wird sich herausstellen.

_Der Autor_

|Sein Leben|

Edgar Allan Poe (1809-49), das Kind verachteter Schauspieler, wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Während der Vater ihn nie akzeptierte, liebt Edgar seine Ziehmutter, die sich seiner annahm, umso mehr. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich 1827 von seinem strengen Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die allesamt finanzielle Misserfolge waren. 1828 starb mit Mrs. Allan seine wichtigste Bezugsperson, und er zog zu seiner Tante „Muddy“ Clemm in Baltimore.

Von der Offiziersakademie in West Point wurde er am 28. Januar 1831 verwiesen, sein Bruder William stirbt im August. 1833 gewann er 50 Dollar für seine Story „MS. Found in a Bottle“, die einen Kaufmann auf ihn aufmerksam machte, der ihn förderte. Dadurch konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern. Allerdings schuf er sich durch seine scharfen Literaturkritiken zahlreiche Feinde.

1845/46 war das Doppeljahr seines größten literarischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolgs, nachdem am 20. Januar 1845 sein Gedicht „The Raven“ auf größte Begeisterung gestoßen war, und das sowohl bei den Lesern als auch bei der Kritik. Er wurde Vortragsreisender und Partner bei einer Zeitschrift, die allerdings bankrott ging.

Dem Erfolg folgte bald ein ungewöhnlich starker Absturz, nachdem seine Frau Virginia, die Tochter seiner Tante (1822-1847, verheiratete Poe ab 1836, krank ab 1842), an der Schwindsucht gestorben war. Er verfiel dem Alkohol, eventuell sogar Drogen, und wurde – nach einem allzu kurzen Liebeszwischenspiel mit der 45-jährigen Dichterin Sarah Helen Whitman – am 3. Oktober 1849 bewusstlos in Baltimore aufgefunden. Er starb an „Hirnfieber“ am 7. Oktober im Washington College Hospital. (Das Rätsel um seinen Tod wurde jüngst von Matthew Pearl [(„The Dante Club“)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=406 zu einem spannenden Roman verarbeitet.)

|Seine Wirkung|

Poe gilt als der Erfinder verschiedener literarischer Genres und Formen: Detektivgeschichte, psychologische Horrorstory, Science-Fiction, Shortstory. Neben H. P. Lovecraft gilt er als der wichtigste Autor der Gruselliteratur Nordamerikas. Er beeinflusste zahlreiche Autoren, mit seinen Gedichten und seiner Literaturtheorie insbesondere die französischen Symbolisten. Seine Literaturtheorie nahm den New Criticism vorweg.

Er stellt meines Erachtens eine Brücke zwischen dem 18. Jahrhundert und den englischen Romantikern (sowie E.T.A. Hoffmann) und einer neuen Rolle von Prosa und Lyrik dar, wobei besonders seine Theorie der Shortstory („unity of effect“) immensen Einfluss auf Autoren in Amerika, Großbritannien und Frankreich hatte. Ohne Poe sind Autoren wie Hawthorne, Twain, H.P. Lovecraft, H.G. Wells und Jules Verne, ja sogar Stephen King und Co. schwer vorstellbar. Insofern hat er den Kurs der Literaturentwicklung des Abendlands maßgeblich verändert.

_Die Inszenierung_

Die Sprecher: Die Stimme des Erzählers gehört Bodo Primus (‚Jonas, der letzte Detektiv‘), den Poe spricht Matthias Haase, Kritiker und andere spricht Hans Bayer, Frauenrollen wie Tante Muddy u. a. werden von Daniela Wakonigg gesprochen. Wakonigg wirkte als Autorin, Übersetzerin, Regisseur und Sounddesignerin an diesem Hörbuch mit. Die Musik und Teile des Sounddesigns steuerte Peter Harrsch bei.

_Inhalte_

1. Mythos Poe
2. Dramatische Kindheit
3. Düstere englische Romantik
4. Jugend in den Südstaaten
5. Erste Schritte in die Freiheit
6. Muddy und Virginia
7. Southern Literary Messenger
8. New York und Philadelphia
9. Virginias Krankheit
10. Aufstieg und Fall des Edgar Allan Poe
11. Der Anfang vom Ende
12. Nur ein Traum in einem Traum

Das Hörbuch beginnt mit einer Szene am Meer, wo das Wellenrauschen die Rezitation der ersten Strophe von Poes Gedicht „Nur ein Traum in einem Traum“ untermalt. Dieses Gedicht beschließt auch das Hörbuch.

Dazwischen liegt die Schilderung von Poes Leben. Während ich es oben sehr knapp zusammengefasst habe, breitet das Hörbuch die Biografie in allen Einzelheiten aus. Schließlich soll hier „Spurensuche“ betrieben werden. Am interessantesten sind Poes schon früh beginnende Liebschaften, sei es in Richmond, wohin er immer wieder zurückkehrt, oder in New York City, wo er beruflich viel zu tun hat. In Richmond lernt er mit 16 die hübsche Almira Royster, 17, kennen, doch deren Vater hintertreibt die heimliche Verlobung und verheiratet „Mira“ kurzerhand anderweitig. Er sieht sie erst wieder kurz vor seinem Tod, woraufhin sie seinen Heiratsantrag akzeptiert. Zur Heirat sollte es nicht mehr kommen …

Seine Affären, seine Ehe und seine späten Ansätze, eine Ehe zu schließen, dauern bis kurz vor seinem Tod (siehe oben). Das lässt nicht gerade – wie andrenorts behauptet – auf einen rücksichtslosen Trinker schließen, und die Tatsache seines literarischen Erfolges in New York City beruht nicht ausschließlich auf dem Glück des von den Göttern begabten Genies, sondern auf harter Arbeit. Auf seinem Vortrag über das Gedicht „The Raven“, das in einer Szene vorgetragen und erläutert wird, erklärt Poe, das Gedicht sei mit mathematischem Kalkül geschrieben worden. Würde man dies von einem Genie erwarten? Wohl kaum.

Angesichts der zahlreichen Schicksalsschläge, die Poe trafen, verwundert es mich nicht, dass er immer wieder in ein tiefes Loch fiel. Dann trank er, rauchte Opium oder lag mit einem Nervenzusammenbruch danieder, gepflegt von seiner Frau oder Tante – wenn er Glück hatte. Nach dem Tod seiner Frau und der Vertreibung aus New York war es ebenfalls nicht leicht, wieder auf die Beine zu kommen, doch noch einmal unternahm Poe den Versuch, eine Ehe zu schließen und eine Familie zu gründen. Die Dame, eine Dichterin, war zwar schon 45 Jahre alt, aber man kann Kinder ja auch adoptieren. Leider wies sie seinen Antrag zurück, nachdem man ihr aus New York abgeraten hatte. Dort war Poe wegen seiner Feinde persona non grata. 1848 unternimmt er deshalb im November einen Selbstmordversuch, der fehlschlägt.

Dennoch wundert es die Historiker, so die Darstellung im Hörbuch, dass Poe schließlich unter so mysteriösen Umständen starb. Als er am 3. Oktober 1849 in Baltimore auf der Straße aufgefunden wird, ist er ohne Bewusstsein. Er deliriert im Hospital und stirbt am 7. Oktober. Die Theorie wird angeführt, dass Poe ein Opfer der damaligen rauen Wahlkampfmethoden wurde. Am 2. Oktober fand eine Wahlversammlung statt, und beim Stimmenfang, dem „Couping“, waren die Wahlhelfer offenbar nicht zimperlich. Sie zwangen offenbar ihre Opfer zur Stimmabgabe für den bevorzugten Kandidaten. Doch wenn Poe verletzt war, warum wurde dann als Todesursache „Hirnfieber“ angegeben?

Nach seinem Ableben scheinen die Literaten, die er sich zu Feinden gemacht hatte, einen Rufmord zu begehen: Fälschung, Unterschlagung, Zensur, Diffamierung – dies gehört zu ihren Methoden. Reverend Griswold, den Tante Clemm unglücklicherweise aus Geldnot zum Nachlassverwalter bestimmte, wütete derart, dass Poe fortan als in Amerika nicht lesbarer Autor gebrandmarkt wurde. Dagegen stieg Poes Stern in Frankreich durch Dichter wie Baudelaire.

_Mein Eindruck_

Eine kurze Zusammenfassung der Biografie findet sich auch im Booklet. Diese ist wesentlich weniger ermüdend als die – eh schon komprimierte – Langfassung, die von Bodo Primus angenehm sachlich und unaufgeregt vorgetragen wird. Die Darstellung wird natürlich in dieser Form nicht den geltenden literaturwissenschaftlichen Ansprüchen gerecht, denn alle Quellenangaben fehlen. Und diese wären das Minimum an Glaubwürdigkeit im Sinne der beanspruchten Spurensuche. Also handelt es sich um eine populärwissenschaftliche Darstellung, die möglichst auch unterhalten soll. Dazu tragen die Musik, die Geräusche und die Szenen wesentlich bei.

Die Konflikte, die Poes Leben auf so unglückselige Weise bestimmt haben, werden immerhin klar und deutlich herausgearbeitet, allerdings oft in wirtschaftlicher Hinsicht, ohne dabei jedoch auf künstlerische Auseinandersetzungen tiefer einzugehen. Das hätte ja eine theoretische Grundlage hinsichtlich Poes Ästhetik erfordert.

|Poes Revolution|

Wir erfahren immerhin, dass Poes Ansatz der Kritik an Literatur revolutionär war: Nicht Moral oder gesellschaftliche Relevanz sollten die Güte eines Werks bestimmen, sondern vielmehr die Qualität der künstlerischen Mittel im Verhältnis zum literarischen Ausdruck, den sie erzeugen. Will heißen: Wer mit Mitteln des Kitsches arbeitet, wird wohl kaum je hohe Kunst von Dauer produzieren. Das ist auch heute noch so. Ein Kunstwerk von Dauer muss in Poes Augen für sich allein stehen können, und so hat er es auch bewertet. Die Folgen waren verheerend: Nicht nur entlarvte er ein Plagiat nach dem anderen, sondern eckte mit einem Dichter- und Kritikerkollegen nach dem anderen an. Die Zeitungsleser mochten zwar seine Kritikfähigkeit und steigerten die Auflage, doch die Abrechnung der Feinde ließ nach Poes Tod – und schon davor – nicht auf sich warten.

Die Kenntnis der Werke Poes wird offensichtlich vorausgesetzt. Hier werden keine Eulen nach Athen getragen. Seine zwei bekanntesten Gedichten hören wir als direktes Zitat: „Der Rabe“ und das ebenfalls von Alan Parson’s Project vertonte „Nur ein Traum in einem Traum“ (A dream within a dream). Wir müssen nicht erfahren, wie diese Texte gemacht wurden, vielmehr scheint es für die Autorin des Textes wichtiger gewesen zu sein, dass wir verstehen, warum sie entstanden und was ihr Inhalt im Kontext von Poes Leben bedeuten kann. In „Der Rabe“ beklagt ein Student den Verlust seiner geliebten Leonore, doch der schwarze Unglücksbote nimmt ihm Schritt für Schritt jede verbliebene Hoffnung. Jedes weitere „Nevermore / Nimmermehr!“ fährt dem Studenten wie auch dem Leser / Zuhörer (früher wurden Gedichte noch vorgelesen) wie ein Dolchstoß ins Herz.

Dass Poe jede Menge lieber Menschen verlor, habe ich bereits erwähnt, und so ist der Zusammenhang offensichtlich. Aber warum bediente sich Poe dann einer mathematischen Methode, um seinen Seelenschmerz zu verarbeiten? Wir erfahren es nicht.

Meine eigene Theorie: Die Distanzierung durch die literarische Strenge der Kompositionstechnik dient nicht nur der leichteren Verarbeitung des Schmerzes, sondern erzeugt darüber hinaus den gewünschten maximalen Effekt beim Leser. Die Unerbittlichkeit des Raben steht im dramatischen Gegensatz zu der Seelennot des Studenten und lyrischen Ichs, so dass aus dieser Kluft eine aufrüttelnde Diskrepanz entsteht, die beim Leser ihre als tragisch empfundene Wirkung nicht verfehlt. Andere Dichter hätten mit kitschigen Worten an das Mitgefühl des Publikums appelliert – und hätten dabei nur abgedroschen klingen können. Die Wahl der ästhetischen Mittel entschied also über den immensen Erfolg des „Raben“, der bis heute zur amerikanischen Pflichtlektüre gehört. Wer Christopher Lee und Ulrich Pleitgen das Gedicht hat vortragen hören – etwa auf [„Visionen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2554 – der weiß auch, warum.

_Die Inszenierung_

Gedichtrezitationen und das Verlesen von Briefen und Artikeln wechseln sich mit Poes eigenen Worten und den Szenen ab, die den Text auflockern. Die Vorlesung über „The Raven“ ist dafür das beste Beispiel. Die Zuhörer husten und räuspern sich, während der verehrte Dichter ihnen seine erstaunliche Methode erklärt: Mathematik statt dichterischer Inbrunst! Wer hätte das erwartet.

_Unterm Strich_

Diese populärwissenschaftliche Darstellung bietet demjenigen, der Poe und sein Werk kennen lernen will, einen leicht verständlichen, aber begrenzten Zugang. Während das Leben in all seinen Verästelungen und Konflikten gut ausgeleuchtet wird, bleibt doch das meiste des Werks im Dunkeln. Offensichtlich wird dessen Kenntnis weitgehend vorausgesetzt. Das ist keine unberechtigte Annahme, denn wer mehrere von Poes Erzählungen gelesen oder gehört hat (die Filme werden heute kaum noch gezeigt), will sich vielleicht nun endlich auch dem Menschen Poe nähern.

Umgekehrt funktioniert der gebotene Ansatz nur sehr begrenzt. Dies würde nämlich einen literaturkritischen Ansatz erfordern, der darüber Auskunft erteilt, wie welche Werke aus heutiger Sicht einzuordnen und zu bewerten sind. Welche wissenschaftliche Autorität würde sich mit welchem der möglichen Ansätze dazu bereitfinden?

Ein weiteres Problem ist die Quellenlage. Der Text erwähnt es ja selbst, dass Poes Werke und auch sein Nachlass intensiv gefälscht und zensiert wurden. „Das Fass Amontillado“ beispielsweise liegt bis zum heutigen Tag nur in der von Rev. Griswold zensierten Fassung vor. Das Quellenproblem braucht von der Autorin und Herausgeberin Daniela Wakonigg nicht behandelt zu werden, weil die Poe-Texte kaum vorkommen. Die paar Zeilen aus „Ein Traum in einem Traum“ und „Der Rabe“ dürfen immerhin als gesichert gelten.

(Ich versuche mir vorzustellen, wie Wakonigg die Zensur der Nietzsche-Werke handhaben würde. Entweder geht sie wie bei Poe vor und verschweigt das meiste oder sie zitiert aus dem gefälschten Nachlass. Option Nr. 1 ist eindeutig vorzuziehen.)

Solange sich der Hörer der Begrenztheit des Ansatzes bewusst ist, bietet das Hörbuch einen vertretbaren Zugang zu Leben und Werk des Autors. Selbst mir als Anglist und Poe-Fan eröffneten sich noch neue Aspekte, insbesondere hinsichtlich des Literaturstreits in New York, den Poe entfachte. Und es hat mich dazu angeregt, mich näher mit Poes Literaturtheorie und dem philosophischen Essay „Heureka“ zu beschäftigen.

Es wäre zu begrüßen, wenn der Verlag auf seiner Website entsprechende Links zur Verfügung stellen würde. Per Suchmaschine stößt man schnell auf die Erzählungen, die sämtlich online zur Verfügung stehen. Aber Links zu Sekundärliteratur in deutscher Sprache sind etwas schwieriger zu finden. Hier kann sich der Verlag als Helfer beweisen.

Hinweis: Auf Amazon.de gibt es von jedem Kapitel eine Hörprobe im Realplayer-Format und auf www.stimmbuch.de eine im MP3-Format.

|76 Minuten auf 1 CD
Aus dem US-Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg|
http://www.stimmbuch.de

Charles Dickens – Das Spukhaus. Inszenierte Lesung

Unheimlich: Der Geist im Spiegel

So ein Spukhaus ist eine famose Sache: Es gibt immer was zu tun. Das denkt sich auch unser Ich-Erzähler, als er davon hört, und beschließt, es für sechs Monate zu mieten. Doch den Spuk gibt es wirklich, und nacheinander nehmen seine Bediensteten Reißaus, alle bis auf einen, der stocktaub ist. Es gibt also noch Chancen. John, der Erzähler, und seine Schwester Patty laden ihre ebenso famosen Freunde ein, sich die Sache mit dem Spuk mal genauer anzusehen: furchtlose Zeitgenossen allesamt. Doch in Master B.s Dachstube will trotz aller Mühen der Spuk nicht enden.

Der Autor

Charles Dickens, geboren 1812 bei Portsmouth, ist einer der wichtigsten Schriftsteller des viktorianischen Englands. 1824 wurde Charles‘ Vater wegen Schulden eingebuchtet, und seine Mutter und ihre acht Kinder mussten sehen, wie sie zu Brot kamen. Mit zwölf Jahren erfährt Charles in der Fabrik alles Elend, das Ausbeutung durch Arbeit bereithält (nachzulesen in „Hard Times“ und anderen Romanen).

Erst drei Jahre später kann Charles eine Schule in London besuchen. Er arbeitet tagsüber als Schreiber für eine Anwaltskanzlei und lernt nachts. Seine Studien zahlen sich aus. Er erhält eine Chance als Zeitungsreporter und wird Parlamentsberichterstatter. 1833 beginnt er, eigene Geschichten zu veröffentlichen und legt sich das Pseudonym „Boz“ zu.

Dickens‘ Durchbruch erfolgt 1837 mit den humoristischen „Pickwick Papers“, die ihn auf einen Schlag berühmt machen. Er heiratet die Tochter seines Verlegers Catherine Hogarth und arbeitet als Schriftsteller. In den folgenden Jahren schreibt er zahlreiche, mitunter recht umfangreiche Romane und etliche Erzählungen, ruft ein wöchentliches Literaturmagazin ins Leben, für das er als Verleger und Autor arbeitet, gründet ein Amateurtheater, in dem er selbst auftritt, und unternimmt ausgedehnte Reisen in Europa und nach Amerika.

1858 trennt er sich von seiner Frau, mit der er zehn Kinder hat, und beginnt eine Beziehung mit der Schauspielerin Ellen Ternan. Er stirbt am 9. Juni 1870 in Gadshill bei Rochseter an den Folgen eines Schlaganfalls.

Der Sprecher

Matthias Haase, geboren 1957, wurde an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Hannover ausgebildet, unter anderem am Klavier und am Cello sowie als Bariton. Neben Engagements am Schauspiel Köln sowie in Düsseldorf war er in zahlreichen Rollen in Film und Fernsehen zu sehen, unter anderem in „Atemnot“, „Heinrich Heine“, „Ein Bayer auf Rügen“, „Notaufnahme“, „SOKO Köln“ und „Verbotene Liebe“. Er hat bereits in rund 300 Hörspiel- und Hörbuchproduktionen mitgewirkt, so zum Beispiel in Hauptrollen in „Herr der Ringe“, „Das Foucaultsche Pendel“ und „Die Stadt der Blinden“.

Haases Vortrag ist mit Geräuschen und Musik untermalt.

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

Handlung

Der fest auf dem Boden der Tatsachen stehende Ich-Erzähler der Geschichte bezieht als Urlaubsdomizil ein altes, verfallendes Haus, das den Einheimischen im nahen Dorf als Spukhaus gilt. Unser Erzähler ist ein vernünftiger Mann, der nichts vom Geisterglauben der Dörfler hält, schon gar nicht von den Anekdoten, die man sich vom Erscheinen einer verschleierten Frau und einer Eule erzählt. Allerdings trägt auch er insgeheim tief im Herzen eine gewisse Furcht vor jener „anderen Welt“ mit sich.

Nachdem er mit seinen Dienstboten für sechs Monate eingezogen ist, gibt es jede Menge zu tun: Nichts funktioniert – außer der Klingel zu „Master B.s Zimmer“. Nächtelang klingelt, klappert, knarrt und spukt es im Haus, bis es den Dienstboten schließlich zu viel wird – mit einer Ausnahme: Bottles, der Stallknecht, ist stocktaub und bekommt von dem allnächtlichen Aufruhr rein gar nichts mit. Das gibt unserem Erzähler und seiner klugen Schwester Patty zu denken: Was wäre, wenn man diese störenden Tonquellen einfach abstellen würde?

Das geht aber nicht alleine, sondern zu diesem Zweck laden die beiden ihre liebsten Freunde aus London ein. Darunter sind Anwälte und ein paar raubeinige Seeleute, die dem Tod schon mehrmals ins Auge gesehen haben. Diese kühlen Köpfe bereiten dem Spuk ein Ende, indem sie quietschende Wetterhähne, klappernde Fensterrahmen und gluckernde Wasserrohre reparieren. Außerdem überführt unser Held einen der Dörfler, seine Hand im Spiel zu haben.

Doch in Master B.s Dachstube endet der Spuk keineswegs, und hier hat sich der Erzähler zur Ruhe gebettet. Könnte es sein, dass all der Spuk nur mit ihm zu tun hat? Was hat er uns verschwiegen?

Mein Eindruck

In der ersten Hälfte des in einer Doppelfolge publizierten Textes herrscht eine melancholische Stimmung vor, die sich natürlich auf das verlassene Spukhaus konzentriert und gründet. Am Ende des zweiten Drittels des Gesamttextes verfliegt diese Stimmung endlich, als sämtliche Spukerscheinungen – bis auf eine – beseitigt und aufgeklärt sind. Dann schlägt die Stimmung wieder komplett um: ins Märchenhafte.

VORSICHT, SPOILER!

Dickens arbeitete ja bekanntlich viel mit Symbolen, Metaphern und Allegorien. Man denke nur an seine Weihnachtsgeschichte um Mr. Scrooge. Drei Geister erscheinen da, die Allegorien bzw. Verkörperungen der vergangenen, gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht. In „Das Spukhaus“ praktiziert der Autor den gleichen Trick, allerdings mit einem anderen Sujet und weitaus weniger plump als bei Mr. Scrooge, sondern geradezu modern.

Spaltung

Die Hauptrolle beim Übergang zu dem, was kommt, spielt, wie könnte es anders sein, ein Spiegel. Denn dieses Ding ist das Symbol für die Spaltung und Verdopplung des Bewusstseins. Der Andere im Spiegel ist einer von drei Männern: ein Junge, dann der junge John (Erzähler) im Alter von 24 oder 25 Jahren, sein Vater und sein Großvater, den er nie gesehen hat. Was haben sie mit Master B. zu tun, dem ehemaligen Bewohner dieser Dachstube? John, unser Erzähler, glaubt, ein Skelett neben sich im Bett liegen zu sehen. Es spricht zu ihm und fordert ihn zu einer Reise auf …

Geistreise

Nach und nach und auf verschiedenen Vehikeln – Besenstiel, Schaukelpferd, Droschke und sogar ein kopfloser Esel – begibt sich John in ein seltsames Land. Er nimmt auch einen anderen Körper an, der dem seines Begleiters verblüffend ähnlich sieht: großer Kopf, aber kurze Beine, sowie altertümliche Kleider. Sie sind Kinder, und als Kinder werden sie von einer Gouvernante erzogen, von Mrs. Griffin. In diesem Kinderland erschaffen sich John und B. eine Fantasie, wie sie während des ganzen 19. Jahrhunderts sehr verbreitet war: der Orient. Sie beschließen, sich einen Harem zuzulegen. Und das klappt auch ganz prächtig …

Der Ursprung

Doch alle guten Dinge müssen enden. Und schließlich muss sich John, der Erzähler-John fragen, wohin dieses Wunderland verschwunden ist und was es überhaupt bedeutet. Es ist seine Kindheit, und er hatte sie vollständig verdrängt. Aus einem ganz bestimmten Grund: Das Ende dieser Kindheit wurde von einem schrecklichen Ereignis bezeichnet: dem Tod seines Vaters (so wie der Autor mit zwölf Jahren wegen der Verhaftung seines Vaters in die Fabrik musste). John verlor sein Heim und musste in die Waisenschule, wo man ihn hänselte und triezte. „Master B.“, das ist der Geist seiner eigenen Kindheit. Nun geht er gerne mit einem Skelett zu Bett.

Analytisch

Die Geschichte nimmt geradezu die Methode der Psychoanalyse vorweg, kleidet die Kräfte, die am Werk sind, in Symbole und Figuren. Die Kinderphantasie mutet wie ein Märchen an, doch der Harem, dem sich die Freundinnen anschlossen, scheint innerhalb der damaligen Orient-Phantasien durchaus möglich gewesen zu sein. In einem bestimmten Alter (hier: acht bis neun Jahre) spielen Kinder Rollen durch, und eine der Rollen ist zur Abwechslung mal eine Haremsdame statt einer Prinzessin. Die Favoritin des Harun al-Raschid (= John) heißt demnach stilecht Zobeide, und der Großwesir, eine Art Isnogud, zettelt tatsächlich eine Palastrevolution an. Für Aufregung ist also auch in diesem Teil der Geschichte gesorgt. Und da das gesamte Spiel vor Mrs. Griffin geheimgehalten werden muss, ist es obendrein auch noch spannend.

Humor

John, unser Chronist, ist ein abgeklärter, älterer Herr und seine Schwester Patty, 38, ein ebenso kluges Frauenzimmer. „Wir können doch auch ohne Dienstboten hier leben“, meint sie. Was für ein kühner, beinahe schon anstößiger Gedanke, findet John. Ein Mann seines Standes, und keine Dienstboten! Doch die besagten Bediensteten sind wenig zuverlässig. Besonders das junge Hausmädchen, eine Waise aus einem religiösen Bildungsinstitut, ist höchst labil, und über ihre Art, wie sie regelmäßig in einen starren, kataleptischen Zustand verfällt, macht sich John unterschwellig lustig. Sie sieht überall Augen, und wenn sie in Starre verfällt, kann man sie nur mit Riechsalz wieder zu sich bringen. Das ganze Haus stinkt danach, und das Riechsalz ist schließlich aufgebraucht. Dann ist für das Gesinde Feierabend.

Der Sprecher

Matthias Haase kann seine Stimme flexibel einsetzen, so dass er in der Lage ist, jedem Sprecher eine individuelle Charakteristik zu verleihen. Dadurch ist es dem Hörer möglich, die Figur von anderen zu unterscheiden. Während John, der Erzähler, mit einer relativ normalen, männlich tiefen Stimme spricht, äußert sich der durchtriebene Ikey aus dem Wirtshaus drucksend und schnell, jedenfalls alles andere als ehrlich und aufrichtig. Sein genaues Gegenteil ist die Köchin, die geradezu entsetzt ist über die Zustände, die sie im Spukhaus vorfindet. Ihr Gegenteil wiederum sind der brave Captain Jack Governor, ein Seemann von altem Schrot und Korn, und sein Kumpel Nat Beaver. Namen, die für sich sprechen!

Musik und Geräusche

Die Seemänner werden von den Klängen eines Schifferklaviers eingeführt und begleitet. Das Spukhaus jedoch bedarf einer ganz anderen Stimmung. Zunächst wird es durch ein trauriges Cello-Solo charakterisiert, später, als die Spukstimmung aufkommt, durch einen Soundeffekt, den ich einfach mal als „äolischen Sphärenklang“ bezeichnen will. Er klingt geisterhaft, mystisch und ist keinem klassischen Instrument zuzuordnen, das mir bekannt wäre.

Auf dem Höhepunkt der Spukmanie unter den Bediensteten ist eine interessante Kombination aus Glockenspiel und Geigenpizzicato zu hören (pizzicato: die Geigensaiten werden gezupft statt gestrichen). Alle diese musikalischen Motive werden mehrmals verwendet, so dass ihr Wiedererkennungswert hoch ist. Alle dienen wie stets dazu, die Emotionen des Hörers zu steuern und Assoziationen zu wecken, z. B. Schifferklavier und Seefahrt, oder: quäkende Flöte und Märchen-Orient.

Die Geräusche klingen zwar realistisch, werden aber nur dann eingesetzt, wenn sie wirklich etwas bringen. Also dann, um eine düstere Stimmung zu erzeugen, so etwa grollender Donner und das Krächzen von Krähen. Nur einmal drängeln sich die Geräusche in den Vordergrund, weil sie nämlich ein Element der Handlung bilden: Die Klingeln im Spukhaus treiben die neuen Bewohner schier in den Wahnsinn.

Unterm Strich

„Das Spukhaus“ ist innerhalb des Kanons an Geschichten über Gespensterhäuser eine sehr ungewöhnliche Geschichte. Der Spuk ist nicht bedrohlich, denn so etwas wie Vampire taucht nicht auf. Sondern es geht dem Autor vielmehr um eine Art Zeitreise in die eigene Kindheit.

Die Wirkung ist in dem letzten Drittel der Erzählung märchenhaft und will nicht zu einer einheitlichen Wirkung beitragen. Offenbar war Dickens kein Anhänger von Poes kritischer Theorie, wonach eine Kurzgeschichte in allen ihren Teilen eine einheitliche Wirkung auf den Leser ausüben sollte („Unity of effect“). Wie auch immer. Es ist schön, auch mal eine solche Spukgeschichte kennen zu lernen. Wer sich aber ein Vampir-Ambiente oder gar ein Poe-Imitat à la Lovecraft erhofft, ist hier an der falschen Adresse.

Dafür waren aber sicher die Viktorianer darüber entzückt, vor allem die Frauen. Nicht von ungefähr erwähnt unser Chronist John, dass zu seinen Freundinnen auch eine gewisse Belinda Bates gehört, die sich stark für die Belange der Frauen engagiert, also eine frühe Feministin. Da hat der Autor wohl Punkte sammeln wollen.

Originaltitel: The haunted house, 1859
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
70 Minuten auf 1 CD

http://www.stimmbuch.de

Doyle, Arthur Conan – geheimnisvolle Kiste, Die

_Beklemmend: Terroristen an Bord?_

Auf einer Seereise beobachtet der Schriftsteller Hammond zwei finstere Kerle, die sich an einer kleinen geheimnisvollen Kiste zu schaffen machen, die sie mit an Bord brachten. Für Hammond steht fest: Es muss eine Bombe sein. Zusammen mit seinem Freund Dick Martin versucht er die drohende Katastrophe zu verhindern und belauscht die Männer, fordert sie sogar mit Worten heraus. Schließlich muss er seine Feigheit überwinden und den Kampf mit ihnen aufnehmen. Da macht er eine überraschende Entdeckung.

_Der Autor_

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: [„The Lost World“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1780 erwies sich als enorm einflussreich und wurde schon dreizehn Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt.

_Der Sprecher_

Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, erhielt seine Ausbildung als Schauspieler an der renommierten Folkwang-Schule in Essen. Er ist laut Verlagsangaben verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Bergisch Gladbach bei Köln. Schepmann arbeitet als Sprecher und Schauspieler für Film, Funk und Theater. Er hat u. a. die kompletten Narnia-Chroniken als Lesung aufgenommen (bei |Brendow|).

Regie führte die Übersetzerin Daniela Wakonigg, die Tontechnik und Musikeinspielungen steuerte Peter Harrsch.

_Handlung_

Es ist Mittwoch neun Uhr in der Frühe, als der Ozeandampfer „Sparta“ vom Bostoner Hafen aus in See stechen soll, um nach Großbritannien zu fahren. In letzter Sekunde springen noch zwei Männer an Bord, die dem Schriftsteller und Ich-Erzähler Hammond dadurch auffallen und in Erinnerung bleiben. Hammond ist eigentlich Brite von Geburt, wurde aber von amerikanischen Bürgern adoptiert und, nach Jahren an einem englischen Internat, in den USA zum Schriftsteller. Er bezeichnet sich selbst als neurotisch und ängstlich von Natur aus. Positiv zu vermerken ist jedoch seine Neugier auf charakteristische Gesichtszüge, quasi eines seiner Hobbys.

Da er gerne abseits steht, zieht er sich hinter einen Stapel Gepäck zurück. So ungesehen, wird er Zeuge des ersten Gesprächs, das die beiden Spätankömmlinge nahe seinem Ohr führen. Der Große nennt sich Flanigan und ist offenbar ein Ire, und von den Iren weiß alle Welt, dass sie mit allen Mitteln um ihre Unabhängigkeit von den Briten kämpfen. Der Kleine heißt Müller, ist offenbar ein Deutscher, und von denen weiß ja alle Welt, dass sie sozialistisch gesinnt sind (man denke nur an Marx, Engels und Lassalle).

Die beiden haben eine kleine, etwa 30 Zentimeter lange Holzkiste an Bord geschmuggelt, in die sie nun ein weißes Granulat schütten, woraufhin es darin klickt. Auf der Kiste sitzt ein speziell angefertigter Auslöser. O mein Gott, eine Höllenmaschine!, schießt es Hammond durch den Kopf, und seine Eingeweide scheinen sich zu verflüssigen. Während die beiden Terroristen unter Deck gehen, versucht sich Hammond, der Feigling, wieder in die Gewalt zu bekommen. Was soll er tun?

Da begegnet ihm zufällig sein alter Freund aus Internatstagen Dick Martin. Der ist zum Glück das genaue Gegenteil unseres Neurotikers: heiter, zuversichtlich, zupackend – und gelassen. Er tut Hammonds unbewiesene Befürchtungen ab, will ihnen aber trotzdem nachgehen, um seinen Freund zu beruhigen. Zusammen wollen sie die beiden vermeintlichen Terroristen beobachten und wenn möglich sogar verbal herausfordern, damit diese sich als Übeltäter verraten.

Im Raucherzimmer setzt sich das dynamische Duo in die Nähe der beiden zwielichtigen Gestalten, um ihnen zu lauschen. Flanigan und besonders Müller führen seltsame Reden, worin sie das Erscheinen einer „geheimnisvolle Macht“ erwähnen, und zwar noch heute Nacht! Hammond wird schon wieder ganz anders, aber Martin weist darauf hin, dass es sich immer noch um ein Missverständnis handeln können.

Sie sehen die beiden Männer erst wieder beim Abendessen, wo sie sie in das Gespräch verwickeln, das der Kapitän des Dampfers, seinem Rang gemäß, leitet. Keck bringt Hammond die Sprache auf Terroristen, und der Kapitän tut diese Gefahr als vernachlässigbar ab, doch Flanigan verteidigt die Ehre der so genannten irischen „Freiheitskämpfer“ und spricht ihnen einen gewissen Mut im Kampf für ihr Ideal nicht ab. Hammond glaubt, dass sich damit Flanigan endgültig verraten habe. Doch wie sieht es mit der Verantwortung aus, die aus diesem Wissen resultiert? Liegt diese nicht in den Händen der ach so fähigen Schiffsoffiziere?

Auch der strahlende Sonnenuntergang beruhigt Hammonds Nerven und er tröstet sich mit Philosophie. Dick Martin, der sich mit Flanigan unterhalten hat, fordert Hammond direkt auf, sich an den Kapitän zu wenden. Doch der Hasenfuß will abwarten, bis der Schiffsführer seinen Disput über eine nautische Frage beendet hat, und lauert in einem Rettungsboot auf ihn.

Es wird Abend, es wird Nacht, und bevor sich Hammond an den Kapitän wenden kann, treten Flanigan und Müller direkt ans Rettungsboot, in dem Hammond lauert, und bereiten die „Sache“ vor, wegen der sie an Bord gekommen sind. Der Countdown beginnt: noch fünf Minuten. Sie ziehen die ominöse kleine Kiste hervor und stellen sie auf. Noch drei Minuten – es ist alles bereit für das große Ereignis.

Hammond schwitzt inzwischen bereits Blut und Wasser, und als der Countdown bei eineinhalb Minuten steht, springt er aus seinem Versteck, um die „Terroristen“ zur Rede zu stellen und aufzuhalten. Doch er kann das „Ereignis“ nicht mehr verhindern. Da passiert etwas völlig Unerwartetes.

_Mein Eindruck_

Diese Geschichte des Schöpfers von Sherlock Holmes und Dr. Watson ist eine der frühesten veröffentlichten Erzählungen Doyles, geschrieben nur kurze Zeit nach seinen eigenen Seereisen als Schiffsarzt. Sie erschien 1881 erstmals in der Weihnachtsausgabe der „London Society“ und wurde 1890 als Teil des Erzählbandes „The Captain of the Pole Star and Other Tales“ in Buchform verlegt.

Die Geschichte ist in zweierlei Hinsicht interessant. Erstens zeichnet Doyle mit der Figur des Hammond bereits den deduktiven Geist seines späteren Meisterdetektivs vor. Anders als in den Holmes-Storys werden diese Fähigkeiten hier jedoch satirisch gebrochen. Hammond ist kein Genie und mutiger Kämpfer, sondern ein neurotischer Anti-Held, und obwohl seine Schlussfolgerungen logisch einwandfrei sind, ist am Ende doch alles ganz anders, als er denkt. Immerhin teilt er mit Holmes das Interesse an „charakteristischen Gesichtszügen“, denn diese scheinen ihm Aufschluss über den Charakter eines Menschen zu geben.

Dies ist also der Aspekt, WIE die Geschichte erzählt wird. Der zweite Aspekt betrifft den Inhalt der Geschichte. Da es um vermeintliche Terroristen geht, entpuppt sich die Story als in höchstem Maße aktuell. Wie würde ich, als Zeitgenosse von Al-Qaida und Co., mich verhalten, wenn ich von einer Bombe erführe? Würde ich zur Polizei rennen, obwohl ich eventuell ein Hasenfuß bin? Oder würde ich mich den vermeintlichen Schurken heroisch in den Weg stellen, um ihnen bei ihrem Tun in die Hand zu fallen?

|Anarchie!|

Der Grund, warum der Ich-Erzähler überhaupt auf die Idee kommt, es könne sich bei der geheimnisvollen Kiste um eine Höllenmaschine handeln, sind nicht nur die aufgeschnappten Gesprächsfetzen, die aus dem Zusammenhang gerissen sind, sondern auch das allgemeine Wissen um sogenannte Terroristen. In Russland werden von Anarchisten Attentate verübt (denen später ein Zar zum Opfer fällt), in Deutschland gewinnen die Sozialisten unter Lassalle an Einfluss, in Irland sind die aufrührerischen Rebellen am Werk (die schließlich ihre Unabhängigkeit erkämpfen).

Das gesamte spätviktorianische Zeitalter ist im Umbruch. Auch in England dürfte es erhebliche Unruhen gegeben haben, und ein kurzer Blick in die Chroniken würde darüber Klarheit verschaffen, dass beispielsweise die Fabian Society, der H. G. Wells und George Bernard Shaw angehörten, sich für soziale Reformen einsetzte.

|Aufklärung|

Hammonds Furcht stützt sich also nicht auf Beweise, sondern a) auf die allgemeine Lage und b) auf aufgeschnappte und beobachtete Hinweise. Beide verursachen bei dem Neurotiker akute Paranoia. Er glaubt, noch heute werde der Untergang des Schiffes herbeigeführt (das hier für eine Nation stehen kann). Als am Schluss das Geheimnis gelüftet wird, sieht er sich natürlich blamiert. Die beiden Gentlemen Flanigan und Müller haben zwar etwas Bahnbrechendes vollbracht, doch hat es ganz und gar nichts mit Höllenmaschinen zu tun. Ein Zeitungsartikel setzt den Leser bzw. Hörer davon in Kenntnis, welche Bedeutung das Treiben der beiden Gentlemen hat. (Und wer das genau wissen will, der höre sich die Story an oder lese sie nach.)

|Sherlock|

Schon in dieser Story macht Doyle wie in vielen seiner Holmes-Storys deutlich, dass es nicht genügt, Hinweise und Indizien zu sammeln und sie mittels deduktivem Denken mit einer Bedeutung zu versehen. Nein, der Beweis muss erbracht werden, dass es sich wie gedacht verhält. Wie dieser Beweis zu erbringen ist, dafür gibt es verschiedene Mittel und Wege. Zum Glück wählt Holmes stets die aktive Vorgehensweise statt passiv herumzusitzen und auf Beweise zu warten, wie Hammond es tut.

|Der Sprecher|

Philip Schepmann verfügt über eine ähnlich große Fähigkeit, seine Stimme zu verstellen, wie Rufus Beck. Jede Figur erhält so ihre eigene charakteristische Stimmfärbung, um sie kenntlich zu machen. Und das sind eine Reihe unterschiedlichster Stimmen. Flanigan spricht ebenso tief wie der Kapitän, doch grob und barsch, während der Kapitän voll Zuversicht und Autorität formuliert. Auch Dick Martin gehört in diese Kategorie.

Ganz anders hingegen die beiden nervösen Typen Hammond und Müller. Ihre Stimmlage ist etwas höher: Hammond klingt etwas quengelig, wohingegen Müller wieder ungehobelt und nervös lamentiert oder droht. Eine Frau kommt im ganzen Text jedoch nicht vor.

Man muss allerdings schon genauer hinhören, um diese Unterschied im stimmlichen Ausdruck herauszuhören. Denn Schepmann tut alles, nur nicht übertreiben. Das überlässt er anderen Sprechern und tut es selbst höchstens in Kinderhörbüchern. In einer Erzählung über wohlerzogene Viktorianer ist Übertreibung jedoch in jedem Falle unangebracht.

|Geräusche|

Die vielfältigen Geräusche verleihen der Geschichte das Flair eines Kinofilms. Schon der erste Ton, den wir hören, ist das tiefe Nebelhorn eines Dampfers. Eine Schiffsglocke ertönt ebenso wie Möwengeschrei, später klappert Besteck auf Tellern, und im Raucherzimmer ist leise tickend eine Wanduhr zu vernehmen. An Deck selbst ist häufig eine steife Brise zu hören, wie es ja auch in der Realität der Fall wäre. Die Geräusche und Hintergrundstimmen – wie etwa amerikanisch quasselnde Passagiere – sind so dezent eingesetzt, dass sie niemals den Vortrag des Textes beeinträchtigen.

|Musik|

Die Musik ist ebenso dezent und steuert die Emotionen des Zuhörers auf fast unmerkliche Weise. Doch der Fachmann hört heraus, wann ein Moment heiter und dynamisch, ein anderer hingegen traurig, besinnlich oder gar verzweifelt klingen soll. Die Gemütlichkeit einer Schiffsreise wird ebenso ausgedrückt wie der dramatische Moment der vermeintliche Katastrophe oder vielmehr die Anbahnung desselben. Zum Einsatz kommen ausschließlich klassische Instrumente wie etwa Piano, Harfe und Oboe, aber auch ein Xylophon ist häufig zu vernehmen. Das Outro wird wieder von einem sanften Walzer bestritten.

|Das Booklet|

Das vierseitige Booklet erfreut mit umfassenden Informationen über den Autor Conan Doyle (s. o.) und einer Inhaltsangabe, die nicht zu viel verrät. Außerdem wird ein Interpretationsansatz geliefert, der dem einen oder anderen Literaturstudenten hilfreiche Hinweise liefern kann. Als i-Tüpfelchen verrät das Booklet auch, wann und wo der Text zuerst erschien und gedruckt wurde – so viel Service findet man bei Single-CD-Hörbüchern selten.

_Unterm Strich_

Die inszenierte Lesung lässt sich am ehesten als Vorstufe zu den Sherlock-Holmes-Geschichten verstehen, die den Autor später berühmt und wohlhabend machen sollten. Die Thematik ist durchaus aktuell, insofern als hier das Thema Terrorismus aufgegriffen wird – welches sich dann aber als völlig harmlos herausstellt. Der Ich-Erzähler wendet bereits Deduktion und Scharfsinn an, doch seine Befürchtungen werden von Leuten besänftigt, die Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen, so wie später Dr. John Watson.

Der Unterhaltungswert ist nicht gerade hoch, denn so etwas wie dramatische Action gibt es lediglich am Schluss, und auch diese entpuppt sich als relativ unbegründet. So lässt sich die Geschichte am ehesten als eine Studie in Psychologie und Zeitstimmung – Freiheitsbewegungen, Anarchisten usw. – genießen und akzeptieren. Dass sie sprachlich gut formuliert und geschickt erzählt ist, versteht sich bei einem Autor wie Doyle fast von selbst. Die akustische Untermalung wechselt zwischen behaglicher Gemütlichkeit und dramatischer Bewegung, so dass für Abwechslung gesorgt ist.

Das Hörbuch wurde von Daniela Wakonigg und Peter Harrsch sauber produziert und mit einem informativen Booklet ausgestattet. Der Gesamteindruck ist tadellos.

|Originaltitel: That little square box, 1881
Aus dem Englischen übersetzt von Daniela Wakonigg
55 Minuten auf 1 CD|
http://www.stimmbuch.de

Oscar Wilde – Lord Arthur Saviles Verbrechen

Aufgespießt: die Verblendung der höheren Stände

In Lord Arthur Saviles Hand steht ein Verbrechen geschrieben: Mord! Dieser Auffassung ist zumindest Mr. Pdgers, ein Wahrsager, der mit seiner Kunst die Gäste von Lady Windermere unterhält. Wenig unterhaltsam ist seine Prophezeiung allerdings für Sir Arthur, der sich nun unentwegt die Frage stellt, an wem er dieses Verbrechen begehen wird, das ihm so offensichtlich vorherbestimmt ist.

Der Autor

Oscar Wilde – Lord Arthur Saviles Verbrechen weiterlesen

Arthur Schnitzler / Daniela Wakonigg – Die Weissagung (inszenierte Lesung)

Wenig unterhaltsam: psychologischer Realismus

Vor zehn Jahren hat ein Wahrsager Herrn von Umprecht einen Blick in die Zukunft gewährt: er selbst tot auf einer Bahre. Seitdem führt Umprecht ein Leben in Furcht und versucht, jenem Augenblick aus dem Weg zu gehen. Aber nichts, was er tut, scheint die Erfüllung der Weissagung abwenden zu können.

Da bekommt er das Angebot, in einem Theaterstück mitzuspielen, in welchem er am Ende tot auf einer Bahre liegen soll. Ist dies der Augenblick in seiner Zukunft, den ihm der Wahrsager geweissagt hat?

Arthur Schnitzler / Daniela Wakonigg – Die Weissagung (inszenierte Lesung) weiterlesen

Jack London- Südseegeschichten: Die Perle & Der Walzahn

Nicht so idyllischer Ausflug in die Südsee

In seinen bekannten Südseegeschichten aus dem Jahr 1911 stellt Jack London den weißen Mann den Eingeborenen gegenüber. Zunächst geht es um eine Perle von außergewöhnlicher Schönheit und von hohem Wert, doch im Mittelpunkt steht das Wüten der Urgewalt eines Hurrikans. In der zweiten Geschichte will ein weißer Missionar die Bergstämme der Hauptinsel des Fidschi-Archipels bekehren. Allerdings missachtet er ein paar Vorsichtsmaßnahmen. Ob ihm sein Gottvertrauen da helfen kann?

Der Autor

Jack London- Südseegeschichten: Die Perle & Der Walzahn weiterlesen