Schlagwort-Archive: Tad Williams

[NEWS] Tad Williams – Die Hexenholzkrone 1: Der letzte König von Osten Ard 1

Der Auftakt von Tad Williams‘ neuem Epos aus Osten Ard Osten Ard ist in Aufruhr. Seit 30 Jahre regieren König Simon und Königin Miriamel mit Weisheit und Güte über ihr Land. Doch die dunklen Mächte sammeln sich um die Nornenkönigin und wollen sich Osten Ard untertan machen. Vor allem Prinz Morgan ist in Gefahr, denn die Feinde wollen seine Thronbesteigung verhindern und selbst die Macht erlangen. Da ruft König Simon seine alten Freunde zu Hilfe, und Binabiq, Aditu, Jiriki und Jeremias treten gemeinsam mit ihm gegen die Nornen und andere Widersacher an. Wird es einen gerechten Kampf geben? Können die Freunde Osten Ard verteidigen? Und wird Prinz Morgan unversehrt aus der Schlacht zurückkehren? (Verlagsinfo)


Taschenbuch : 752 Seiten
Klett-Cotta

Williams, Tad – Insel des Magiers, Die

_Die Glorie der Magie, von unten betrachtet_

Tad Williams, Autor von „Otherland“ und der Osten-Ard-Trilogie, erzählt die Geschichte von Shakespeares Drama „Der Sturm“ neu aus ganz anderem Blickwinkel: dem des hässlichen Hexensohnes Caliban. Für das, was ihm der Magier Prospero und seine Tochter Miranda angetan haben, will sich nun Kaliban 25 Jahre später rächen. Aber hat er überhaupt Recht? Darf er den Mord an Miranda begehen? Der Leser muss entscheiden.

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José als Robert Paul Williams geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Der brennende Mann“ (beide bei |Klett-Cotta| verlegt; Ersterer erscheint im Herbst ebenfalls beim |dtv| in preisgünstigerer Neuauflage). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“, sein neuer Zyklus ist „Shadowmarch“.

_Vorgeschichte_

Die Handlung spielt vor dem Hintergrund jener weltbekannten Geschichte, die William Shakespeare in seinem Theaterstück „Der Sturm“ (The Tempest, 1611) erzählt. Nur zur Auffrischung des Gedächtnisses noch einmal die wichtigsten Fakten: Ein Schiff gerät in einen Sturm und sinkt, die überlebenden See- und Edelleute aus Mailand und Neapel erkunden die unbekannte Insel, auf der sie gestrandet sind.

Hie leben aber bereits einige Leutchen. Herrscher der Insel ist Prospero, eine Art Magier. Er hat hier seine Tochter Miranda aufgezogen, die aber leider etwas unschuldig, rein, keusch und naiv geraten ist – eben eine Jungfrau. Von ihr stammt der berühmte Vers über die „brave new world“: pure Selbsttäuschung. Prospero gebietet dem Geist der Lüfte Ariel, um seinen Willen auszuführen und mit den Neuankömmlingen nach Belieben zu verfahren.

Natürlich gibt es auch eine Nachtseite der Insel, sozusagen die Ureinwohner. Das sind die „Hexe“ Sycorax und ihr hässlicher Sohn Caliban, den sie angeblich mit einem Meeresungeheuer gezeugt hat. Er ist eine Mischung aus Mensch und Tier, ein dunkler Erdgeist vielleicht – der Interpretationen sind Legion. Und von Caliban handelt das vorliegende Buch.

_Handlung_

|Rahmenhandlung 1|

25 Jahre später. Nachts taucht am Hafen von Neapel ein unheimliches Wesen auf, das in Mantel und Kapuze gehüllt ist und nach dem Schloss fragt. Schon bald hat Caliban die Schlossmauern erklommen und linst in die Zimmer der beiden Kinder von Miranda, in die er sich seinerzeit unsterblich verliebt hatte. Sie hat einen jungen Sohn, Cesare, und eine mannbare Tochter, Giulietta, die schon bald verheiratet werden soll. Leider hält Giulietta überhaupt nichts von ihrem Bräutigam in spe und bereitet ihrer Mutter einigen Verdruss.

Da taucht Caliban nächtens in Mirandas Schlafzimmer auf und zwingt die Erschrockene, sich seine Geschichte anzuhören. Diese bildet den zentralen Teil des Romans. Danach will er die Zuhörerin umbringen, als Strafe für ihren schändlichen Verrat, den sie in seinen Augen vor 25 Jahren an ihm beging.

|Binnenhandlung|

Calibans Mutter wurde zunächst als Hexe aus ihrer Heimat, dem heutigen Algerien, vertrieben und schwanger in einem Boot auf dem Meer ausgesetzt. Sie landete auf der einsamen Insel, die nie einen eigenen Namen trägt, und bringt ihr Kind zur Welt. Mit Kräutern und so weiter kennt sie sich aus. Da man ihr leider die Zunge herausgeschnitten hat, damit sie niemanden verfluchen könne, kann sie ihrem Sohn auch keine Sprache beibringen. Ihre Frustration macht sie jähzornig, und schon bald muss der namenlose Junge zusehen, wie er sich auf der Insel alleine die Zeit vertreibt.

Schon bald entdeckt er Mächte, die größer und stärker sind als er. Da ist zum einen eine riesige Eiche in einem grünen Wiesental, das durch eine Dornenhecke abgeschlossen ist. Nur unter Schmerzen gelangt der Junge an diesen Ort des Friedens. Wie ihm auffällt, raunt der Baum ihm etwas zu, und seine Späher – ein Eichhörnchen, ein Vogel – spionieren dem Jungen hinterher. Später wird sich erweisen, welches Wesen im Baum eingeschlossen ist.

Der wichtigste Widersacher des Jungen ist jedoch ein weibliches Wildschwein, eine Bache, die mit ihren Frischlingen die Pfade durch den Dschungel beherrscht und jeden angreift, der auch nur so tun könnte, als wolle er ihren Jungen etwas antun. Die Bache fügt dem Jungen eine tiefe Demütigung zu, so dass er ihren Tod beschließt. Unter Einsatz einer Fallgrube und Verwendung eines Spießes gelingt es ihm, die Widersacherin zu Tode zu bringen. Fortan fühlt er sich als schuldiger Mörder, keineswegs selbstgerecht. Wenig später stirbt auch seine Mutter an einer Verletzung.

Deshalb ist ihm die Ankunft Mirandas und ihres gebildeten Vaters doppelt willkommen. Die zehnjährige Blondine verkörpert die Unschuld in jeder Hinsicht: körperlich, geistig wie auch moralisch. Sie hilft, seine schuldhaft gefühlte Existenz zu erleichtern. Ganz anders Prinzessin Mirandas (= die Bewundernswerte) Vater Prospero (= der Gedeihliche): Der einstige Fürst von Mailand, der von seinem Bruder verjagt wurde, ist in seinem Exil Calibans Mutter sehr ähnlich. Er lehrt den Jungen, den Miranda und er als „Caliban“ bezeichnen, die Sprache als Verständigungsmittel und nimmt ihn als Diener und Handlanger gnädig in seine Dienste. Dabei hatte doch Caliban zuvor die gesamte Insel gehört! Er steckt den nackten Jungen in Kniehosen und zivilisiert ihn, wie Robinson Crusoe seinen Kannibalen Freitag erzog. Aus „cannibal“ wird in Prosperos Verdrehung wirklich „Caliban“.

Dennoch gestalten sich die folgenden Jahre für Caliban glücklich, besonders wegen des unschuldigen Zusammenseins mit Miranda. Prospero jedoch lehrte Caliban die Zwiespältigkeit der Sprache: dass Lügen Masken sind. Beim Bau eines Hauses wird Caliban lediglich noch als Arbeitssklave geduldet, während der Fürst in seinem Labor Stoffe zusammenbraut, die fürchterlich stinken. Miranda ist oft in ihrer Kammer versteckt und wird vom Vater eifersüchtig bewacht.

Das Ende des Glücks kommt rasch und katastrophal über die Insel. Caliban entdeckt die junge Prinzessin, wie sie nackt unterm Wasserfall badet. Ihre weiblichen Rundungen erregen ihn auf bislang unbekannte Weise, doch er zeigt sich nicht, aus Angst vor Prosperos Reaktion. Als er ihr sein Paradies mit der Eiche zeigen will, zerreißt sie ihr Kleid an den Dornen. Als er sie lieben will und beinahe vergewaltigt, läuft sie davon. Der Zorn Prosperos, dem sie ihr Leid klagt, ist fürchterlich: Er schlägt Caliban zum hässlichen Krüppel, als dessen Inbegriff er bei Shakespeare auftaucht.

Nicht genug damit, erobert Prospero nun auch Calibans „Paradies“ und befreit den Geist in der Eiche: Es ist Ariel, ein fieser Luftgeist, der es vermag, Caliban fürchterliche Schmerzen zu bereiten und ihn damit zu allen Arbeiten zu zwingen, die Prospero verlangt. Durch seine Dienste hofft Ariel, in naher Zukunft aus Prosperos Diensten entlassen zu werden, was dann ja auch eintritt.

Denn nun besteht Ariels Hauptjob darin, mit den Gestrandeten aus Mailand und Neapel nach Belieben zu verfahren und die bekannten Resultate herbeizuführen: Prospero erhält sein Königreich zurück, Miranda ehelicht den Prinzen Ferdinand von Neapel und wird später die Königin, die von Caliban Besuch erhält. Und dieser selbst? Er bleibt zurück und grämt sich über Mirandas Verrat.

|Rahmenhandlung 2|

Nun ist es an der Zeit, Miranda zu töten, um die Rache zu vollziehen. Da tritt eine unerwartete Wendung ein …

_Mein Eindruck_

Wie schon seine High Fantasy über die drei Großen Schwerter Memory, Sorrow und Thorn – die Osten-Ard-Trilogie – Tolkien korrigierte und indirekt kritisierte, bildet auch „Die Insel des Magiers“ sowohl Revision als auch Kritik an Shakespeares Darstellung der Ereignisse auf Kalibans Insel. Der deutsche Titel stellt die Verhältnisse auf den Kopf und unterläuft exakt Calibans/Williams‘ Bemühung, die wahre Geschichte durch Neu-Erzählen zu revidieren. Da hat der deutsche Übersetzer seinem Autor einen Bärendienst erwiesen.

Williams‘ Dekonstruktion von „Der Sturm“ läuft auf eine Umbewertung der Figur des weisen, väterlichen Magiers hinaus, wie sie bereits Peter Greenaway in seinem stilistisch einfallsreichen Film „Prospero’s Books“ unternommen hat. Prospero erscheint uns durch Kalibans rechtfertigende Darstellung als ein finsterer, engstirniger Saruman, der es versteht, andere in seine Dienste zu zwingen und auszubeuten. Er selbst ist dabei keineswegs kreativ, sondern lediglich eine Art frühkapitalistischer Unternehmer.

Was er wirklich kreiert, sind Lehmklumpen, die er in Bewegung versetzt und tanzen lässt, so dass es aussieht, als besäßen sie ein eigenes Leben. Dieser Subkreator ist also lediglich ein Herr über Golems, die nach getaner Arbeit wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückfallen. Dass er Wesen wie Caliban ebenso behandelt, liegt nahe. Auch Miranda, seine eigene Tochter, ist ihm lediglich Mittel zum Zweck. Durch die Heirat mit dem Thronerben von Neapel verschafft sie ihm, wie es einst die Habsburger im 13. Jahrhundert taten, Macht und Einfluss.

Ist dies also die „brave new world“, die Miranda in Skakespeares Worten so lobt? Mitnichten! „Calibans Stunde“, so der Originaltitel, dient dazu, diese Darstellung, diese Welt in ihren Grundfesten zu erschüttern und alle Bilder zu zerfetzen, die sich hoffnungsvoll an sie knüpfen. Denn der Preis der Erschaffung dieser Welt ist viel zu hoch: Calibans moralische und körperliche Zerstörung, seine Enteignung, Ausbeutung und Entsorgung (er wird zurückgelassen).

Die Frage ist also für Williams, ob sich für dieses Wesen eine Art Wiedergutmachung rechtfertigen lässt: Die Rache in Form des Mordes an Miranda wäre das. Oder ob es vielleicht doch noch für Caliban eine Art Erlösung von der Vergangenheit geben kann, sozusagen eine unverhoffte, quasi göttliche Gnade. Die Antwort auf die zweite Frage, so viel darf ich wohl verraten, lautet „ja“. (Profis brauchen nur Rahmenhandlung 1 + 2 zusammenzuzählen, um auf die richtige Lösung zu kommen.)

_Unterm Strich_

Der Kurzroman ist ein Buch, das vom Leser Mitdenken erfordert. Es enthält nur relativ wenige anschauliche Szenen und noch viel weniger Dialoge. Es eignet sich daher überhaupt nicht für eine Dramatisierung à la Shakespeare. Vielmehr ließen sich leicht die wichtigsten Statements Kalibans, des Alleinerzählers, zu einem philosophischen Essay zusammenfassen. Über diesen ließe sich dann trefflich disputieren.

Man merkt schon, worauf ich hinaus will. Die Lektüre ist nur mäßig spannend, weder abenteuerlich noch sinnlich, außer an gewissen Stellen. Als Abenteuerstory scheitert das Buch also auf ganzer Linie, und ich musste mir das Gähnen mehrmals verkneifen. Als Kritik an einem literarischen Hauptwerk und dessen Revision wie auch als Kritik an der Ethik des modernen Frühkapitalisten à la Prospero durch einen enteigneten und ausgebeuteten „Angehörigen der Arbeiterklasse“ funktioniert das Buch nur eingeschränkt. Denn wenn der Leser diese Kritik unbesehen übernähme, müsste er ja wohl auch Calibans Rache sanktionieren: den geplanten Mord an Miranda. Ob das wohl in jedermanns Sinne wäre? Der Leser darf dem Mitleid heischenden Psychologisieren des Autors nicht auf den Leim gehen.

Aber es gibt einen Ausweg, den der Autor aufzeigt. Theatermäßig ausgedrückt, handelt es sich um einen |deus ex machina|, moralisch ausgedrückt um eine Gnade von erlösender Kraft, sowohl für Miranda (sie ist dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen) als auch für Kaliban, denn er muss nun nicht noch mehr Schuld auf sich laden; er kann den Mord umgehen und obendrein etwas gewinnen.

Und so bleibt der Leser mit gemischten Gefühlen zurück. Das ist der Zweck der Übung: Wo Gefühle nicht entscheiden helfen, muss der Kopf angestrengt werden. Und auf dieser Ebene kommt der philosophische Essay zu seinem Recht.

|Originaltitel: Caliban’s Hour, 1994
Aus dem US-Englischen übersetzt von Hans-Ulrich Möhring
Mit Illustrationen des Autors|

Williams, Tad / Hoffman, Nina Kiriki – Stimme der Finsternis, Die

_Scheherazades Brüder und der schwarze Vampir_

Dies ist ein Vampirroman, der sich als Märchen aus Tausendundeiner Nacht verkleidet hat. Und Tad Williams, der Autor von „Otherland“, zeigt uns, wie uns das Geschichtenerzählen à la Scheherazade den Hals retten kann. Und wie weit man eine Geschichte verschachteln kann.

_Handlung_

Pro- und Epilog der Hauptgeschichte spielen im Hause von Masrur, einem reichen Handelsherrn, der seine Gäste so gut bewirtet, dass sie mittlerweile schon recht bezecht sind. Da der Wein ausgegangen ist (es scheint kein moslemisches Land zu sein, in dem Masrur lebt), schickt er seinen Diener in die Weinhandlung. Bis zu dessen Rückkehr muss man sich die Zeit vertreiben, am besten mit einer guten Geschichte. Da Masrur gerne seinen Freund Ibn Fahad triezt, kommt dieser auch in der Story vor.

Masrur erzählt: In der Zeit der Herrschaft des Kalifen Harun al-Raschid wurde der junge Masrur mit einer Karawane des Kalifen in den Norden, zu den Armeniten geschickt. Deren Fürst hatte nämlich dem Kalifen viele Geschenke geschickt und ihn eingeladen. Doch die Karawane kommt nie beim Fürsten an, denn in den Bergen warten Räuber und ein Ungeheuer auf die müden Reisenden.

Nachdem sie von den Bergbanditen ausgeraubt wurden und froh sind, mit dem Leben davongekommen zu sein, machen sich die restlichen Reisenden auf den Rückweg. Doch sie haben keine Karte und verirren sich. Sie greifen einen Jungen auf, Kurken, der jedoch nicht ihre Sprache spricht. Ein junges Mädchen ist bei ihm, seine Geliebte, Sossi. Sie weisen den Überlebenden notdürftig den Weg.

Doch Kurken zeigt sich sehr nervös und das mit gutem Grund: Er erzählt ihnen radebrechend (er lernt schnell) von dem Ungeheuer, das in dieser Gegend hause. Anfangs kommen sie gut voran, nichts geschieht, nur die Stille ist etwas unheimlich. Doch eines Morgens fehlt einer der Soldaten. Am folgenden Morgen fehlt wieder einer. Man kann nur einen Schatten sehen, der durch den Waldrand huscht. Masrur sieht ein Augenpaar, das sich am Rande des Scheins vom Lagerfeuer aufhält. Lauscht das Ungeheuer etwa?

Als sie nur noch wenige sind, beschließen sie – vor allem Masrur -, dass es nur eine Möglichkeit gibt, dem Ungeheuer zu entkommen: Sie erzählen einander Geschichten. Verborgen in den Schatten hockt nun Nacht für Nacht der Vampir und vergisst über dem Zuhören die Zeit. Doch einen Abends, als den Reisenden die Storys ausgehen und die Kehlen heiser sind, bietet er den Männern und Jugendlichen einen tödlichen Wettstreit an: Wenn es ihnen gelingt, die traurigste Geschichte zu erzählen, so könnten sie ungehindert abziehen. Wenn aber er, der Vampir, den Wettstreit gewinne, so müsse sich einer der Ihren für sie opfern …

Nun, der Leser weiß ja, dass Masrur und Ibn Fahad mit dem Leben davongekommen sind. Aber was mag aus den anderen geworden sein? Aus Kurken und der lieblichen Sossi? (Ein Schelm, wer nun bereits zum Schluss vorblättert!)

_Fazit_

„Die Stimme der Finsternis“ ist ein bezauberndes Buch, genau wie Scheherazades Geschichten aus Tausendundeiner Nacht: klein aber fein. Nicht nur die Figuren werden lebendig gezeichnet, sondern auch die archaischen Szenen erwachen zum Leben: das Erzählen am Lagerfeuer und in der Kneipe, die Reise durch die Berge, das Grauen im Schatten des riesigen Vampirs.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass uns nicht nur Masrur in seinen Bann schlägt, sondern auch der Vampir. Und dass es diesem gelingt, nicht Furcht und Schrecken empfinden zu lassen, sondern Mitleid mit dieser verfluchten Kreatur, die das Licht der Sonne scheuen muss und doch einst ein Mensch war.

Die beiden Autoren spielen ihre Stärken sehr gut aus. Auch der Aufbau des Buches ist ausbalanciert und folgerichtig. Insgesamt stellt das Buch ein kleines Juwel an Erzählkunst dar. Es sei jedem Liebhaber von Fantasy- und Arabian-Nights-Geschichten wärmstens an Herz gelegt.

Auch die Übersetzung von Profi Peter Torberg – er übersetzte Mark Twain, Oscar Wilde und Irvine Welsh – kann sich sehen lassen: Sie ist makellos.
Mit einem Preis von 13,50 €uronen für 170 Seiten ist das Büchlein allerdings recht teuer veranschlagt.

|Originaltitel: Child of an ancient city, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Peter Torberg|

Williams, Tad – brennende Mann, Der

_Im Bann der Drachenklaue, sehr gut vorgetragen_

„Der brennende Mann“ ist eine psychologisch spannende Episode aus den Tagen nach dem Großen Krieg, den Williams in seinem Bestseller „Der Drachenbeinthron“ und in drei weiteren Romanen erzählt hat: im Osten-Ard-Zyklus.

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José (Kalifornien) geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem „Otherland“-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“ (beide bei |Klett-Cotta| verlegt). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Neben seinen Fantasyromanen schreibt Williams Drehbücher und Hörspiele, erfindet Computerspiele und zeichnet Comics. Er lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in der Nähe von San Francisco.

Die Vorlage des Hörbuchs „Der brennende Mann“, eine 105-Seiten-Novelle, erschien bereits 1998 in Robert Silverbergs lesenswerter Anthologie „Der 7. Schrein“. Weitere Infos zum Autor: http://www.tadwilliams.de.

_Die Sprecherin_

Regina Lemnitz ist die deutsche Stimmbandvertretung von Kathy Bates, Whoopi Goldberg und Diane Keaton. Sie absolvierte ihre Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar, wo sie Schauspiel, Tanz und Gesang erlernte. Seit 1968 hatte sie mehrere Theaterengagements als Schauspielerin im klassischen Bereich, als Sängerin in Musicals und als Kabarettistin u. a. an den Münchner Kammerspielen, dem Schillertheater Berlin, dem Renaissance-Theater Berlin, den Salzburger Festspielen und dem Theater an der Wien.

Seit 1971 ist die vielseitige Schauspielerin auch durch viele Rollen im deutschen Fernsehen bekannt geworden. Sie war u. a. in den Serien „Unser Charly“ (1995-2005), „Dr. Sommerfeld – Neues vom Bülowbogen“ (2001) und „Der Landarzt“ (2004) zu sehen. Als Synchronsprecherin leiht Lemnitz seit Jahren vielen internationalen Stars ihre Stimme – siehe oben. Im Booklet steht, Kathy Bates sei in „Roseanne“ aufgetreten, aber das ist natürlich Unsinn. Kathy Bates und Roseanne (Barr) sind zwei verschiedene, reale Personen. Lemnitz hat beide synchronisiert.

Die Technik steuerte Achmed Chouraqui vom On Air Studio, Berlin.

_Handlung_

|“Die, die hier gelebt haben, Lord Sulis, sind tot. Aber das Gebäude lebt …“|

Im Land Osten-Ard regierten einst die Sithi, eine edle und friedfertige Rasse, zauberkundig und feinsinnig – so etwas wie Tolkiens Elben. Als die Nordmänner brutal in das Land einfielen und die stolze Burg Hochhorst angriffen, sprach Ineluki, der letzte Herrscher der Sithi, einen fürchterlichen Fluch aus. (Diese Geschichte erzählt Tad Williams in seinem vierbändigen Zyklus um Osten-Ard.)

Nun, viele Äonen später, hat der verbannte und glücklose Reiherkönig Lord Sulis in der düsteren, verfallenen Burg Hochhorst Zuflucht vor seinen religiösen Verfolgern gefunden. Er lebt dort mit wenigen Getreuen, seiner einheimischen Frau und seiner Stieftochter Breda, die in seltsamen Träumen von den Geistern der Burg heimgesucht wird. An den Wurzeln des Engelsturms herrschen immer noch die uralten Kräfte der Elben (Sithi) Ineluki und seines Bruders Hakatri.

Heimlich folgt Breda, die uns diese Geschehnisse viele Jahre später als alte Frau berichtet, dem Lord eines Nachts tief hinunter in die unterirdischen Verliese. Bei ihm sind die Hexe Valada, die er gefangen nehmen ließ, und zwei seiner Getreuen, Tellarin und Avalles. Tellarin ist seit Monaten Bredas Geliebter. Daher muss sie unbedingt erfahren, was er und ihr Stiefvater vorhaben, und koste es ihr Leben.

Der Lord, ein so genannter Abtrünniger und Zweifler an der offiziellen Lehre der Kirche von Nabban und deshalb in die Verbannung nach Erkynland geschickt, sucht die Antwort auf eine ganz bestimmte Frage: Wie steht es um die Grundlagen des Glaubens, an dem er zweifelt? Er ahnt nicht, dass seine Stieftochter unwissentlich im Bund mit seinem Feind ist.

Im tiefsten Innern des Engelsturms begegnet er dem „brennenden Mann“, der dort in Todesqualen in einer anderen Dimension verharren muss. Es handelt sich um Hakatri, Inelukis unglücklichen Bruder. Doch die Botschaft, die Lord Sulis von ihm erhält, hat verhängnisvolle Folgen. Wie es die Hexe vorhersagte: Einer muss dafür bezahlen. Breda spielt dabei eine entscheidende Rolle.

_Mein Eindruck_

Wie gesagt, ist die Geschichte ganz und gar aus dem Blickwinkel Bredas erzählt. Sie ist von königlichem Geblüt, aber zusammen mit ihrer Mutter vaterlos und somit verarmt aufgewachsen. Bis eines Tages Lord Sulis in Erkynland auftauchte und ihre Mutter zur Frau nahm. Doch warum musste er nur die heimgesuchte alte Burg wiederaufbauen? Er suchte Antworten, wälzte Bücher und vergaß dabei die Welt – und seine Familie. Auch der Lord ist ein „brennender Mann“, der im Fegefeuer der Verbannung und Ächtung leben muss.

Schon werden Attentäter gegen ihn ausgesandt, von denen Breda natürlich nichts ahnt. Sie ist viel zu sehr mit ihrer ersten großen Liebe Tellarin beschäftigt. Erst als die Hexe Valada eingekerkert wird, merkt sie, was vor sich geht und was auf dem Spiel steht. Die Dinge spitzen sich bis zu jener Nacht zu, die man hierzulande als Walpurgisnacht kennt …

Der Autor erzählt von großen Vorgängen, die die Welt der Menschen prägen, lange nachdem die Sithi-Lords verschwunden sind. Es handelt sich um die Folgen des Aufstiegs der Kirche zur Staatsmacht, die keine Abtrünnigen wie Lord Sulis duldet. Im Gewande eines Fantasyromans wirft der Autor einen kritischen Blick auf zentrale Vorgänge des europäischen Mittelalters.

Dabei wird die Geschichte nie langweilig, denn Breda erzählt sie mit der Weisheit und Ruhe des Alters, wenn sie auf ihr ungestümes fünfzehnjähriges Ich in jener Zeit zurückblickt. Damals befand sie sich in einer Epoche, als uralte Magie, Hexenwissen und neuer Kirchenglaube noch nebeneinander existierten.

Das Dingsymbol dafür ist die „Drachenklaue“, die sie für ihre Mutter kurz vor deren Tod holen sollte. Xanippa, eine ehemalige Hure und jetzt fettleibige Kräuterfrau, gab ihr eine Eulenkralle mit einem Gift, „das man hier auch Drachenklaue nennt“. Hier – das ist im Hochhorst der Ort, wo es zur Zeit der Sithi-Lords einen roten Drachen gab. Und wenn Breda dieses giftige Instrument, das einen schnellen Tod herbeiführen soll, einsetzt, dann ist dieser Akt ein Triumph der magischen alten Welt über die neuen Götter. Lord Sulis verkörpert einen anderen Glauben, die Amtskirche eine andere Variante des neuen Glaubens. Doch alle müssen sich dem uralten Fluch des brennenden Mannes beugen, der die Geschichte dieses Landes symbolisiert: Hakatri. Erlösung gibt es nur um einen hohen Preis.

_Sonstiges_

Das Titelbild ist ebenfalls sehr gelungen. Vor einem karminroten Hintergrund zeigt es eine schwarze Burg, die von bunten Flammen umzüngelt wird. In der Burg schwebt das grüne Gesicht des Geistes, den Lord Sulis beschworen hat.

Die Übersetzung, die der Stephen-King-Spezialist Joachim Körber angefertigt hat, ist sprachlich und stilistisch vom Feinsten. Aber das Wort „Kurtine“ musste auch ich erst einmal nachschlagen. Es bezeichnet einen Gebäudeteil des Hochhorstes: „Teil des Hauptwalles einer Festung“, sagt der |DUDEN|.

_Die Sprecherin_

Regina Lemnitz passt genau zu der Figur der alten Erzählerin Breda: Ihre Stimme klingt tief und gereift, aber durchaus noch kräftig. Das Kunststück, das sie zu vollbringen hat, besteht darin, auch das fünfzehnjährige Mädchen Breda, von dem sie berichtet, zum Leben zu erwecken. Lemnitz hat aber die nötige Freude im Herzen und erinnert sich an den jugendlichen Überschwang des ersten Verliebtseins, um genau das richtige Maß an Wärme in ihre Stimme zu legen, das der jungen Breda zueigen ist.

Aber es gibt jede Menge griesgrämige Leute in dieser Geschichte. Allen voran der grüblerische Lord Sulis, der nach Dingen fragt und forscht, die besser verborgen blieben. Dann ist da das Kindermädchen Ulka, aber sie hat nichts melden, ebenso wenig Xanippa, das Kräuterweib, oder Valada, die falkenartige Hexe. Mögen sie auch lachen oder lästern und jammern, Lemnitz verleiht ihnen stets ein charakteristische Timbre in der Stimme.

Auf diese Weise kann man sie leicht auseinander halten. Nicht dass dies allzu nötig wäre, denn der Autor hat seine Geschichte sauber organisiert. Und da es sich um eine ungekürzte Textfassung handelt, wird jede Figur ordentlich eingeführt. Es gibt keine Überraschungen oder Verwirrung.

Leider gibt es vor, nach und während der Lesung keine Geräusche und auch keine Musik. Letztere würde gut zur zunehmend unheimlicheren Stimmung der Geschichte passen.

_Unterm Strich_

Aufgrund der erneuten, sorgfältigen Lektüre und des Anhörens des Audiobooks konnte ich mein früheres enttäuschtes Urteil über diese feine Erzählung gründlich revidieren. Innerhalb der Anthologie „Der 7. Schrein“ (s. o.) fiel mir die Novelle durch ihren pessimistischen Grundton auf. Das trifft aber nicht für den Ausgang der Ereignisse zu – so viel darf ich verraten. Die Religionskritik, die Williams darin untergebracht hat, ist nicht aufdringlich, sondern im Vordergrund steht stets das Schicksal der genau gezeichneten Menschen.

Anhand der oben genannten Beobachtungen halte ich die kleine Geschichte für einen sehr guten, unterhaltenden Kurzroman, der mit seinem Finale an gewisse Geschichten von Edgar Allan Poe und Geistesverwandten erinnert. Regina Lemnitz liest mit einer flexiblen und gut charakterisierenden Stimme, welche die Erzählzeit ebenso gut darzustellen versteht wie die erzählte Zeit. Ihre gereifte Stimme passt optimal zur Erzählerin Breda, die offenbar schon ein hohes Alter erreicht hat. Es ist, als lausche man einer uralten Kathy Bates, die sich als Märchentante betätigt.

|Originaltitel: The burning man, 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Joachim Körber
149 Minuten auf 2 CDs|

Tad Williams – Stadt der goldenen Schatten (Otherland 1) (Hörspiel)

Auftakt zur Rettung der Welten

Tad Williams, der bisher vor allem durch seine Fantasy-Romane auffiel, legte mit „Otherland“ seinen ersten Abstecher in den Bereich der Science-Fiction vor. Das Hörspiel ist das Nonplusultra der deutschen Hörspielproduktionen. Ob es sich lohnt?

Der Autor

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein neuester Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

_Die wichtigsten Sprecher / Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)

Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)

Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2

Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)

Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1

Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)

Joachim Kerzel spricht Einsiedlerkrebs, den letzten Otherland-Rebellen

Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)

Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Newsfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte GEZ-/Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

|Walter Adler|

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen |Hörspielpreis der Kriegsblinden| für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von |Pierre Oser|

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Musik für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des |Tympano Hörbuch|-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_PERSONEN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren treten bereits in Band 1 auf, so etwa Olga Pirofsky.

Herr Sellars

Herr Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen.

Orlando

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“ alias Fredericks, über den er allerdings Überraschendes herausfindet.

Osiris

Osiris ist ein unglaublich reicher Mann, und er ist der älteste Mensch der Erde. Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes, und er ist der teuflische Schöpfer von Otherland. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt.

Jongleur

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.

Dread

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt, schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiels schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß.

Olga Pirofsky (nicht in Teil 1)

Olga Pirofsky ist eine unscheinbare Person. Aber da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

Der Andere (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

!Xabbu

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

Paul Jonas

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

Renie Sulaweyo

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

Christabel

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

Beezle

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

_Handlung_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden -diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen.

Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Mein Eindruck_

Bleibt Williams zu Beginn noch recht konservativ und plausibel, was die technischen Möglichkeiten seiner Zukunftswelt angeht, begibt er sich zunehmend auf das Gebiet der Fantasy. Eine böse, außerweltliche Kraft steckt im Kern der Bruderschaft, und von den verschiedenen virtuellen Welten, durch die seine Charaktere stolpern, wirkt eine phantastischer als die andere.

Das beginnt bereits im Prolog. Paul Jonas, kurz vorm Durchdrehen in seinem Schützengraben, klettert einen Baum hinauf, der sich als Jacks Bohnenranke entpuppt, die ihn bis über die Wolken führt. Dort entdeckt er eine weiße Linie, die ihn zu einem Schloss geleitet, in dem eine buntgefiederte Vogelfrau in einem Käfig gefangen ist. Sie wird bewacht vom bösen Riesen, der hier der Alte Mann genannt wird. Dieser verschlingt Paul, der plötzlich ganz woanders landet, unter anderem in Alices Wunderland. War’s ein Traum? Aber nein: Paul hat eine kleine grüne Feder mitgebracht …

Mit diesen Fantasien, Märchen und anderen Fabulationen ist der Autor offensichtlich in seinem Element, und das Buch wird an diesen Stellen auch deutlich spannender und unterhaltsamer als beispielsweise auf den ersten paar hundert Seiten, in denen Renie dem Buschman !Xabbu, und damit gleichzeitig dem Leser, ein paar Lektionen darüber erteilt, wie Tad Williams‘ Vorstellungen von Virtueller Realität funktionieren. Hier erzählt uns der Autor wenig Neues über ein Thema, das in der Science-Fiction ja schon des Öfteren und häufig besser behandelt wurde. Zwar zeigt er später, dass er durchaus einige nette Einfälle hat, aber die Vorbereitungsphase gerät deutlich langweiliger als nötig. Immerhin ist diese Phase im Hörspiel auf kaum wahrnehmbare Minuten herausgekürzt – die Realität des Internet hat die Vision bereits eingeholt und somit kann die VR-Technik als bekannt vorausgesetzt werden. (Lediglich ein paar Details wie implantierte Sensoren stehen noch auf der Agenda der Forschung.)

Die Charaktere sind Williams‘ Stärke, sie haben sehr menschliche Schwächen und Bedürfnisse, und gerade der Kontrast zwischen dem spirituellen und naturverbundenen !Xabbu und Renie, die ganz praxisnah versucht, einfach nur ihre Familie durch- und ihren Bruder zurückzubringen, zeigt dies deutlich. Leider sind die Protagonisten auf mindestens vier getrennte Handlungsstränge verteilt, die alle um die Aufmerksamkeit des Lesers kämpfen. Andererseits sorgt dies für dauernde Abwechslung. „Otherland“ ist kein Hörspiel, das man bereits beim ersten Hören erfasst.

„Otherland: Stadt der goldenen Schatten“ ist der erste Teil einer Tetralogie. Da mag es kaum überraschen, dass am Ende des ersten Bandes ein ganzes Knäuel von unaufgelösten Handlungsfäden übrig bleibt. Überraschen könnte es aber, dass auch sonst kaum etwas passiert ist. Während die Figurenpaare versuchen, zum Kern der Verschwörung vorzudringen, bleiben sie leider meist Spielball des Geschehens. Nur selten bietet sich ihnen eine neue Einsicht oder gar die Möglichkeit zu handeln, beispielsweise dann, als sie den Einsiedlerkrebs aufspüren können: Er ist der letzte überlebende Programmierer von „Otherland“ und hat sich eine Freizone im Netz aufgebaut.

Immerhin, am Ende des Hörspiels kommen fast alle Figuren zusammen und stellen fest, dass sie gemeinsame Ziele haben. Aber das war’s dann auch schon, die Kernhandlung ist kaum ein Stück weiter vorangetrieben worden, und der Hörer fragt sich, worauf das wohl alles hinauslaufen wird.

„Otherland“ ist sicherlich nicht „Der Herr der Ringe“ des 21. Jahrhunderts – dazu ist es nicht bahnbrechend genug, und Cyberpunk-Science-Fiction à la Gibson ist es auch nicht, dazu sind die Charaktere zu stark in Gute und Böse polarisiert und die Geschichte mit zu vielen Fantasy-Elementen durchsetzt. Es ist wahrscheinlich mehr, denn es vereint all diese Richtungen in einem Amalgam der Erzähltraditionen. Könnte man das Universum der Literatur in einem „Otherland“ abbilden, so würden die Williams’schen Figuren durch etliche Länder dieses Universums ihren Weg suchen. Wohl dem, der eine Karte davon hat.

|Die Sprecher / Produktion|

Der Prolog weckt den Zuhörer gewissermaßen auf, reißt ihn heraus aus seinem Alltagstrott, hinein in die wüste und verwüstete Welt der Schützengräben: Granaten heulen heran und explodieren, Maschinengewehre rattern, ein Verwundeter brüllt und schreit seine Schmerzen in die Welt – es ist das pure Chaos. Mittendrin versucht der Gefreite Paul Jonas, so etwas wie Verstand zu behalten, doch als ein Unbekannter mit einer blütenweißen Zigarette auftaucht, will ihm das nicht mehr so recht gelingen … Nur der ewige Regen bleibt konstant.

SCHNITT. Ein Geräusch wie aus „The Matrix“ begleitet den abrupten Übergang zur ersten |Newsfeed|-Verlautbarung. Newsfeed ist ein Undergroundsender, der subversive Nachrichten verbreitet (gesprochen von A. Fröhlich). Es ist der Nachfolger zu all jenen verückten Weisen, die in den Science-Fiction-Romanen der sechziger und frühen siebziger Jahren auftauchten, etwa in John Brunners „Morgenwelt“-Klassiker. Newsfeed enthüllt die kalte, nackte und definitiv verrückte Wahrheit über den Planeten Erde 40 Jahre in der Zukunft, vom Jahre 1999 aus gesehen. Leider nähern wir uns dieser Vision mit affenartiger Geschwindigkeit und haben sie stellenweise schon fast erreicht.

SCHNITT. Eine Straßenszene vor der Technischen Hochschule, an der Renie lehrt. Ein Bombenanschlag hat heulende Sirenen und Schreie von Verwundeten auf den Plan gerufen, Renie irrt umher, dann steht unvermittelt der sanfte !Xabbu vor ihr. SCHNITT. Viel, viel später begeben sie sich auf der Suche nach Renies Bruder in eine von Mister J’s Spielhöllen. Hier wird VR real, hier wird’s Gestalt, wie Goethe sagt. Die Achterbahnfahrt beginnt, mit sehr seltsamen, aber interessanten Soundkulissen.

Es ist anzunehmen, dass alle diese Geräusche von Pierre Oser synthetisiert oder gesampelt und anschließend quasi zu einer Soundwelt komponiert wurden. Diese Welt ändert sich je nach Szene und Setting, also mal von Zukunftswelt, dann zu Schützengraben und weiter zu Thargors Fantasy-Ambiente. Die Frage ist, ob die Geräuschkulisse jeweils stimmig ist. Wir wollen ja keine MATRIX-Effekte in einer CONAN-Welt, oder? (Wäre aber ganz witzig.) Doch keine Bange – ich konnte keinerlei Patzer feststellen.

|Die Sprecher|

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Joachim Kerzel oder Andreas Fröhlich (s. o.). Es ist angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensen, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

|Die Hörerfahrung|

Zunächst war ich vom ersten Hören des kompletten Hörspiels völlig erschlagen. Kopfweh ist noch eine der milderen Folgen der vollen Dosis von 334 Minuten „Otherland“ („nur“ fünfeinhalb Stunden). Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die einzelnen Szenen auch in der Originalausgabe zu finden. Das kann ja nicht gut gehen.

Immerhin wurde mir sehr schnell klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde.

Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen? Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Auch wenn „Otherland: Die Stadt der goldenen Schatten“ inhaltlich sicherlich nicht schlecht ist, so habe ich persönlich zu ähnlichen Themen schon sowohl Spannenderes als auch Originelleres gelesen und gehört. Was vor allem beeindruckt, sind die Dimensionen des Hörspielprojektes, das Walter Adler unternommen hat. Aber ich darf mich nicht von Dimensionen – die Zahlen findet man auf den einschlägigen Webseiten des Buchhandels und des Verlags – beeindrucken lassen, denn schließlich geht es in erster Linie um die Qualität des Ergebnisses.

Diese Qualität erschließt sich, wie angedeutet, erst nach mehrmaligem Anhören des Ganzen. Aber schon beim ersten Mal sind eine Reihe zauberhafter Szenen im Gedächtnis haften geblieben, so etwa der Aufstieg ins Wolkenschloss des Alten Mannes, wo Paul Jonas auf die Vogelfrau stößt, die ihm viel, viel später in anderer Gestalt wieder erscheint. Denn es scheint das Prinzip der Permutation zu gelten: Eine Geschichte lässt sich in vielerlei Form erzählen, und die in ihr transportierten Figuren können in anderen Geschichten wieder auftauchen. So als gäbe es einen begrenzten Fundus, aus dem der Autor schöpfen könne, um verschiedene Gemälde daraus zu malen und sie miteinander zu verknüpfen (so ähnlich wie Roman und Hörspiel sich zueinander verhalten, wobei jede Form anderen Gesetzen gehorcht).

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der Gralsbruderschaft sowie der Newsfeed geschaltet. Doch folgt man Renie und !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“. Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das erste Viertel des gesamten Kunstwerks.

Die Ausstrahlung beginnt am 10. Oktober 2004 auf YouFM beziehungsweise HR2, also beim Hessischen Rundfunk. Viel Spaß!

Animierte Verlags-Homepage zum „Otherland“-Hörspiel:
http://www.hoerverlag.de/ws/otherland__ws/ws__otherland.htm
Mehr Infos: http://www.otherland.hr-online.de & http://www.hoerverlag.de

|Umfang: 334 Minuten auf 6 CDs|

Williams, Tad – Otherland 3: Berg aus schwarzem Glas

Das Hörspiel um die virtuelle Welt „Otherland“ geht in die dritite Runde. Der Hessische Rundfunk (hr2) hat es in Zusammenarbeit mit dem Münchner |Hörverlag| produziert. Regisseur und Hörspielbearbeiter Walter Adler ist ein alter Kämpe dieses Metiers und konnte die Crème de la Crème der deutschen Bühnenschauspielergeneration vors Mikro holen, von Rufus Beck und Dietmar Mues bis Nina Hoss und Sophie Rois. Aber ist das Ergebnis der Mühen auch spannend und unterhaltsam? Mal sehen …

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein vorletzter Roman trägt den Titel „Der Blumenkrieg“, danach kam letztes Jahr „Shadowmarch“ (August 2005 auf Deutsch erschienen). Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

|Rezensionen bei Buchwurm.info:|

[Otherland]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20
[Der brennden Mann]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=221 (Osten Ard)
[Der Blumenkrieg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539
[Die Stimme der Finsternis]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1400
[Die Insel des Magiers]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1541

_Die Sprecher / Die Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)
Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)
Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2
Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)
Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1
Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)
Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)
Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Netfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

_Walter Adler_

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

_Von Pierre Oser …_

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Stücke für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des Tympano Hörbuch-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_FIGUREN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website http://www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren sind bereits in Band 1 aufgetreten, so etwa Olga Pirofsky und Calliope Skouros.

|Herr Sellars|

Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Seine beste Freundin ist die kleine Christabel.

|Orlando|

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwer kranker Junge, der unter Progerie leidet: vorzeitiger Alterung des Körpers. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“, über den er allerdings Überraschendes herausfindet. „Pitlith“ ist ein Mädchen namens Salome Fredericks. Ihr Agent Ramsay kann Kontakt mit Orlandos Agent Beezle (s. u.) aufnehmen.

|Felix Jongleur|

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt, doch er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.
Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes Osiris. Der Osiris-Mythos, der in „Otherland“ eine bedeutende Rolle spielt, besagt, dass der Gott von seinem Bruder Seth getötet wurde, doch seine Schwester Isis erweckte ihn wieder zum Leben und gemeinsam zeugten sie Horus, den falkenköpfigen Sonnengott. In „Otherland 2“ wird dieser Mythos umgedreht.

|Dread|

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiel schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß. Denn Dread leitet seinen Namen von MOR-DRED ab, dem illegitimen Sohn von König Artus und dessen Nemesis.

|!Xabbu|

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

|Paul Jonas|

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

|Renie Sulaweyo|

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

|Christabel|

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

|Beezle|

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

|Martine Desroubins|

Martine ist eine französische Rechercheurin, und sie ist gut. Seit ihrer Kindheit ist sie blind, aber sie kann Dinge fühlen, die andere nicht wahrnehmen. Im Alter von acht Jahren nahm sie an einem Experiment mit sensorischer Deprivation (Aussperren aller Sinneswahrnehmungen) teil: Tagelang war sie allein in einem dunklen Raum. Damals verlor sie ihr Augenlicht (aber nur psychisch, nicht physisch). In Otherland erinnert sich Martine nach und nach an ein seltsames Kind, mit dem sie damals im Dunkeln sprach.

|Die Zwillinge|

Schon im Prolog zu Teil 1 tauchen die Zwillinge als albtraumhafte Verfolger von Paul Jonas auf. Hier heißen sie Finch und Mullet, der eine dick, der andere dünn. In Teil 2 treten sie im Kontext des Buches „Der Zauberer von Oz“ als Blechmann (Tin Man) und Vogelscheuche (Scarecrow) auf.

|Calliope Skouros|

… ist eine Polizistin in Australien, die sich mit merkwürdigen Vorkommnissen im australischen Busch befasst. Sie fährt zu den Ureinwohnern und erfährt, wie es zu dem Mord an einem fünfjährigen Mädchen namens Merapanui kommen konnte. Ihren Chef Stan Chan interessiert das nicht die Bohne. Sollte es aber – Dread stammt aus Australien.

|Dulcinea Anwin|

… ist eine Auftragsmörderin und Agentin. Sie arbeitet u.a. für Dread.

|Olga Pirofsky|

Olga Pirofsky, 56, ist eine unscheinbare Person, doch hat sie eine interessante Leidengeschichte hinter sich – seit ihr Sohn Alexander starb, setzt sie sich für Kinder ein. Da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

|Der Andere|

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

_Vorgeschichte_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden – diese potentielle Bedrohung möchten sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen. Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

|Die Ereignisse in „Otherland 2: Fluss aus blauem Feuer“|

Alle Gruppen erfahren, was es mit dem „Fluss aus blauem Feuer“ auf sich hat. Er ist Verbindungsstelle, Grenze und Brücke zwischen einzelnen Simulationen, aus denen sich Otherland zusammensetzt. Jede Simulation hat zwei Gateways, an denen der Fluss ein- und wieder austreten kann. Es kommt also häufig darauf an, diese Gateways oder Pforten zu finden, beispielsweise um rechtzeitig einer Gefahr zu entkommen.

Die Schicksalsgemeinschaft, die Herr Sellars nach Otherland gerufen hat, wird schon bald getrennt und muss sich vielen Prüfungen stellen, ähnlich wie es im „Herrn der Ringe“ geschieht – ein Werk, das mehrere Male zitiert wird, so etwa von Orlando. Unerkannt befindet sich unter ihnen der Serienkiller mit dem passenden Namen Dread. Er will die Meister seiner Grals-Bruderschaft stürzen und sucht zu diesem Zweck entsprechende Informationen.

Renie und !Xabbu kämpfen mit riesenhaften Insekten und seltsamen Kreaturen in einer pervertierten Version der Welt des „Zauberers von Oz“. In einem tragischen Kampf wird einer der Gefährten als der maskierte Dread entlarvt (ich werde mich hüten zu verraten, um wen es sich handelt). Er flieht, nachdem er einen der Freunde getötet hat. Übrig bleiben außer Martine Desroubins noch Florimel, eine deutsche Frau, und der junge T4b (englisch ausgesprochen: ti for bi).

Paul Jonas gewinnt zunehmend mehr von seinem verlorenen Gedächtnis zurück. Er fühlt sich auf der Reise der Gruppe durch Otherlands zentralen Fluss von zwei unheimlichen Wesen verfolgt (siehe oben: „Die Zwillinge“). Ein gewisser Nandi Paradivasch verschafft ihm Gewissheit über seine Geschichte. Nandi gehört zu einer Organisation, die sich „Der Kreis“ nennt und die gegen die Gralsbruderschaft kämpft. Paul sei ein Gefangener in den Simulationen oder Sims, und der Mensch, der ihm das angetan habe, sei Felix Jongleur, sagt Nandi. Jongleur sei so alt, dass er wie Paul selbst den Ersten Weltkrieg erlebt habe. Er lebe in einem Anwesen in Louisiana und strebe das ewige Leben an. Paul erhält einen wichtigen Hinweis: Er muss zum Haus des Irrfahrers gehen und dort die Weberin befreien. Gemeint ist der Ort Ithaka, und dreimal darf man raten, welche Figuren gemeint sind.

Wer meint, all dies sei viel zu abgefahren, sollte sich mal die NetFeeds reinziehen. Diese Untergrund-Nachrichten aus der „realen“ Welt beleuchten schlaglichtartig, wie bizarr die Entwicklungen sein können, die wir bereits heute im Ansatz erkennen können. NetFeeds dienen als Pausenfüller und trennen wichtige Kapitel voneinander.

_Handlung von „Berg aus schwarzem Glas“_

Der Auftragskiller Dread ist in Otherland wieder auf die Spur von Renie und ihren Gefährten gestoßen. Er entführt Martine, und in den Tagen ihrer Gefangenschaft ahnt sie langsam, mit welch einem grausamen Feind sie es hier zu tun haben. Endlich gelingt es den anderen, Martine zu befreien, doch Dread schwört Rache.

Unterdessen kann seine Angestellte Dulcinea Anwin, eine EDV-Spezialistin, ihre Neugier nicht mehr bezähmen und kommt Dreads möderischen Vorlieben auf die Spur. Auch die australische Polizistin Calliope Skouros zieht das Netz um Dread immer enger. Orlando und Fredericks, seine Freundin, müssen in einem ägyptischen Tempel den Kampf mit einem Mächtigen der Gralsbruderschaft bestehen. Es steht auf Messers Schneide.

Die Gefährten begegnen sich in einer Simulation des Trojanischen Krieges wieder. Zwar sind Paul (eine Verkörperung von Odysseus), Fredericks, Orlando, Renie, !Xabbu, Martine, Florimel und T4b ungleich auf die gegnerischen Kriegsparteien verteilt, doch sie können gemeinsam fliehen. Die Freunde erreichen schließlichen den titelgebenden schwarzen Berg, auf dessen Gipfel ein gefesselter Riese liegt. Langsam begreifen sie, dass dies das Betriebssystem von Otherland, in dem sie sich befinden, sein muss – der Andere (s.o.). Es scheint ihm gar nicht gut zu gehen …

_Mein Eindruck_

Wieder einmal hat sich Tad Williams der alten Mythen, Sagen und Legenden angenommen. Es ist im Grunde nur eine Handvoll neuer Simulationen (Sims), die es zu durchqueren gilt, doch erstens wechselt der Schauplatz ständig, und zweitens sind sie zunehmend miteinander verflochten. Da ist man nach einer Weile schon froh, wenn man es wieder einmal mit Vorgängen in der anerkannten „Realität“ zu tun bekommt. Dort agieren verschiedene Menschen in Richtung auf die Aufklärung von Dreads Verbrechen und was es mit dem Treiben der Gralsbruderschaft, das das weltweite Kindersterben verursacht, auf sich hat.

Dass der Autor auch Computerspiele entworfen hat, merkt man in der Mehrzahl der Sims deutlich: Stets gilt es Hindernisse zu bewältigen, Informationen zu sammeln, wichtige Gegenstände zu erwerben und schließlich die Prüfung zu bestehen. Ist dies alles bewältigt, so kann unter günstigen Umständen der Durchbruch zur nächsten Sim gelingen. Williams entwirft in „Otherland 3“ wunderschöne und bezaubernde Sims. Doch die Frage ist natürlich: Gibt es irgendeinen Fortschritt oder sind die Gefährten zu einer Unendlichkeitstour ohne Ziel verdammt?

Der Fortschritt ist von einer hohen Warte aus zu beobachten, sozusagen nach jedem Band. Nach dem Eintritt in Otherland versuchen sich die Gefährten zurechtzufinden. Das war in Teil eins, und in Teil zwei treten schon die ersten Konflikte auf. Außerdem wird die Vergangenheit in einem Ausmaß enthüllt und aufgedeckt, dass es dem Verräter unter den Gefährten nicht mehr gelingt, sich zu verstecken. Die wahre Natur von Otherland als die eines Konstrukts von alten machtgierigen Herrschaften, die nach Unsterblichkeit streben, wird erkennbar – nicht jedem und nicht im ganzen Ausmaß, doch die Lage ist als Bedrohung klar und deutlich erkennbar.

Aber es gibt diverse Helfer und Freunde in- und außerhalb Otherlands. Am faszinierendsten ist dabei jene junge Frau von ätherischer Schönheit, die Paul Jonas in unterschiedlicher Gestalt geleitet. In Teil drei überwindet er endlich seine künstliche Amnesie und er erkennt, um wen es sich bei ihr handelt. Auch Orlando offenbart sie sich – in Sim-Verkleidung – als Schutzengel.

In Band drei erweisen sich die wichtigsten Gefährten, wie etwa Paul Jonas, Orlando oder Renie Sulaweyo, als fähig, eine Gesamtlage zu erfassen, als sie in der Sim des Trojanischen Krieges auftauchen. Dort sind der Gefahren mächtig viele (tolle Actionszenen!), und das Überleben hängt manchmal von einer schnellen Reaktion ebenso ab wie von einem schnellen Gedanken oder Freund. Dass sie es dadurch zum Durchbruch auf eine zentrale Einheit Otherlands schaffen, kommt gerade noch rechtzeitig.

Denn auch die Gralsbruderschaft war nicht untätig. Sie bereitet den Übergang vom sterblichen Körper in die unsterbliche Inkarnation innerhalb Otherlands vor, wo sie als Gemeinschaft von ägyptischen Göttern unumschränkt und ewig zu herrschen erwartet – wozu sonst der Riesenaufwand? Allerdings gibt es da neuerdings ein paar Schwierigkeiten, von denen die Unternehmungen von Mr. Dread nur eine ist. Er will selbst die Herrschaft an sich reißen. Es bleibt spannend: Otherland muss enden – doch was wird dann aus unseren Gefährten?

_Die Sprecher / Die Produktion_

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa den rasant daherquasselnden Andreas Fröhlich als NetFeed-Nachrichtensprecher. (Er ist als deutsche Stimme von Edward Norton und John Cusack bekannt, sprach aber auch den Gollum im „Herr der Ringe“ und führte dort Dialogregie.)

Ich finde es angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensens, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

Die Soundeffekte erstrecken sich übrigens auch auf die Stimmen. Es gibt Stimmen, die irgendwie „wässrig“ klingen oder krächzen, als handle es sich um eine Krähe oder einen Geier. Beispielhaft findet diese Technik ihre Anwendung in Orlandos Kampf im Wüstentempel, wo er es mit diversen ägyptischen Göttern und ihren Schergen, den „Zwillingen“ (s. o.), zu tun bekommt. Auch Hall und Echo kommen zum Einsatz: „Otherland“ ist der Traum eines Toningenieurs, denn hier kann er zeigen, was sein Tonarchiv und die Kompositions-Software draufhaben.

Wie schon beim ersten Teil des Hörspiels wurde mir klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde. Auch das Ende ist wohl kürzer als im Buch. Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen?

Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel, Personal – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das etwas ermüden. Am besten ist es natürlich, das Hörspiel mehrmals zu genießen. Es finden sich bestimmt Details, die man zuvor überhört hat, und Zusammenhänge, die sich neu ergeben.

_Unterm Strich_

In Teil 3 kommt die Handlung ganz ordentlich voran und eine entscheidende Phase für das Schicksal von ganz Otherland ist erreichbar: Die böse Gralsbruderschaft initiiert das Ritual, mit dem sie die Herrschaft antreten will. Ob ihr das gelingt, wird die Fortsetzung erweisen. Es bleibt spannend.

Dass es solche Fortschritte gibt, ist für den Game-Laien nicht immer ersichtlich, weil so viele Handlungsstränge parallel geführt werden. Doch für Gamer, die Erfahrung mit komplexen Welten haben, ist „Otherland“ wahrscheinlich ein Klacks. Sie kennen die Funktionsweise der Sims im Schlaf, wissen, welche Entscheidungen Erfolg versprechen und auf welchem Level sie sich befinden. Leider wird weder im Buch noch im Hörspiel irgendeine Statistik ausgegeben, daher sind solche Gamer-Hilfen nicht vorhanden und der Zuhörer muss sich auf Erfahrungen aus Film (schnelle Schnitte) oder Radio (Sound, Effekte, Meldungen) verlassen.

In jedem Fall ist das Hörspiel „Otherland“ in seiner Gesamtheit eine Erfahrung der ganz besonderen Art. Wie hochwertig das Produkt eingestuft wird, zeigen auch die Gebrauchtpreise bei Ebay oder Amazon. Sie liegen weit über den üblichen Preisen für Audiobooks.

|Originaltitel: Otherland – Book 3: Mountain of Black Glass, 2001
330 Minuten auf 6 CDs
Mehr Infos: http://www.hoerverlag.de, http://www.otherland.hr-online.de, http://www.tadwilliams.de |

Williams, Tad – Otherland 2: Fluß aus blauem Feuer

Käptn Fledderjans Attacke auf den Eisschrank

Das Hörspiel um die virtuelle Welt [„Otherland“]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=20 geht in die zweite Runde. Der Hessische Rundfunk (hr2) hat es in Zusammenarbeit mit dem Münchner |Hörverlag| produziert. Regisseur und Hörspielbearbeiter Walter Adler ist ein alter Kämpe dieses Metiers und konnte die Crème de la Crème der deutschen Bühnenschauspielergeneration vors Mikro holen, von Rufus Beck und Dietmar Mues bis Nina Hoss und Sophie Rois. Aber ist das Ergebnis der Mühen auch spannend und unterhaltsam? Mal sehen …

_Der Autor_

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein vorletzter Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 danach kam letztes Jahr „Shadowmarch“. Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

Die wichtigsten Sprecher / Produktion

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)
Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)
Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2
Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)
Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1
Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)
Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft sowie den Alten Mann (s.u.)
Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Netfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

_Walter Adler_

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen Hörspielpreis der Kriegsblinden für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von _Pierre Oser_

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Stücke für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des Tympano Hörbuch-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u.a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_FIGUREN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website http://www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren sind bereits in Band 1 aufgetreten, so etwa Olga Pirofsky und Calliope Skouros.

|Herr Sellars|

Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Seine beste Freundin ist die kleine Christabel.

|Orlando|

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge, der unter Progerie leidet: vorzeitiger Alterung des Körpers. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“, über den er allerdings Überraschendes herausfindet. „Pitlith“ ist ein Mädchen namens Salome Fredericks. Ihr Agent Ramsay kann Kontakt mit Orlandos Agent Beezle (s. u.) aufnehmen.

|Felix Jongleur|

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt |Otherland| bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt, doch er hat die Rechnung ohne Dread gemacht. — Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes Osiris. Der Osiris-Mythos, der in „Otherland“ eine bedeutende Rolle spielt, besagt, dass der Gott von seinem Bruder Seth getötet wurde, doch seine Schwester Isis erweckte ihn wieder zum Leben und gemeinsam zeugten sie Horus, den falkenköpfigen Sonnengott. In „Otherland 2“ wird dieser Mythos umgedreht.

|Dread|

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiel schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß. Denn Dread leitet seinen Namen von MOR-DRED ab, dem illegitimen Sohn von König Artus und dessen Nemesis.

|!Xabbu|

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

|Paul Jonas|

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

|Renie Sulaweyo|

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

|Christabel|

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

|Beezle|

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

|Martine Desroubins|

Martine ist eine französische Rechercheurin, und sie ist gut. Seit ihrer Kindheit ist sie blind, aber sie kann Dinge fühlen, die andere nicht wahrnehmen. Im Alter von acht Jahren nahm sie an einem Experiment mit sensorischer Deprivation (Aussperren aller Sinneswahrnehmungen) teil: Tagelang war sie allein in einem dunklen Raum. Damals verlor sie ihr Augenlicht (aber nur psychisch, nicht physisch). In Otherland erinnert sich Martine nach und nach an ein seltsames Kind, mit dem sie damals im Dunkeln sprach.

|Die Zwillinge|

Schon im Prolog zu Teil 1 tauchen die Zwillinge als albtraumhafte Verfolger von Paul Jonas auf. Hier heißen sie Finch und Mullet, der eine dick, der andere dünn. In Teil 2 treten sie im Kontext des Buches „Der Zauberer von Oz“ als Blechmann (Tin Man) und Vogelscheuche (Scarecrow) auf.

|Calliope Skouros|

… ist eine Polizistin in Australien, die sich mit merkwürdigen Vorkommnissen im australischen Busch befasst. Sie fährt zu den Ureinwohnern und erfährt, wie es zu dem Mord an einem fünfjährigen Mädchen namens Merapanui kommen konnte. Ihren Chef Stan Chan interessiert das nicht die Bohne. Sollte es aber – Dread stammt aus Australien.

|Dulcinea Anwin|

… ist eine Auftragsmörderin und Agentin. Sie arbeitet u.a. für Dread.

|Olga Pirofsky|

Olga Pirofsky, 56, ist eine unscheinbare Person, doch hat sie eine interessante Leidengeschichte hinter sich – seit ihr Sohn Alexander starb, setzt sie sich für Kinder ein. Da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

|Der Andere| (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

Weitere Figuren: Neanderthaler, Azteken, Piraten, Häuptling Starke Marke, Mutanten, Rieseninsekten, Klone, drei blinde Mäuse, ein ägyptischer Werwolf namens Upu-aut und viele andere.

_Vorgeschichte_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s.o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem Zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden – diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen. Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Handlung_

Die mehrsträngige Handlung wird ebenso breit angelegt fortgesetzt, wie man das aus dem [ersten Teil kennt. Die Abenteurer sind weiterhin in der gefährlichen virtuellen Welt Otherland gefangen. Alle Gruppen erfahren, was es mit dem „Fluss aus blauem Feuer“ auf sich hat. Er ist Verbindungsstelle, Grenze und Brücke zwischen einzelnen Simulationen, aus denen sich Otherland zusammensetzt. Jede Simulation hat zwei Gateways, an denen der Fluss ein- und wieder austreten kann. Es kommt also häufig darauf an, diese Gateways oder Pforten zu finden, beispielsweise um rechtzeitig einer Gefahr zu entkommen.

Die Schicksalsgemeinschaft, die Herr Sellars nach Otherland gerufen hat, wird schon bald getrennt und muss sich vielen Prüfungen stellen, ähnlich wie es im „Herr der Ringe“ geschieht – ein Werk, das mehrere Male zitiert wird, so etwa von Orlando. Unerkannt befindet sich unter ihnen der Serienkiller mit dem passenden Namen Dread. Er will die Meister seiner Grals-Bruderschaft stürzen und sucht zu diesem Zweck Informationen.

Renie und !Xabbu kämpfen mit riesenhaften Insekten und seltsamen Kreaturen in einer pervertierten Version der Welt des „Zauberers von Oz“. In einem tragischen Kampf wird einer der Gefährten als der maskierte Dread entlarvt (ich werde mich hüten zu verraten, um wen es sich handelt). Er flieht, nachdem er einen der Freunde getötet hat. Übrig bleiben außer Martine Desroubins noch Florimel, eine deutsche Frau, und der junge T4b (englisch ausgesprochen: ti for bi).

Paul Jonas gewinnt zunehmend mehr von seinem verlorenen Gedächtnis zurück. Er fühlt sich auf der Reise der Gruppe durch Otherlands zentralen Fluss von zwei unheimlichen Wesen verfolgt (siehe „Die Zwillinge“). Ein gewisser Nandi Paradivasch verschafft ihm Gewissheit über seine Geschichte. Nandi gehört zu einer Organisation, die sich „Der Kreis“ nennt und gegen die Gralsbruderschaft kämpft. Paul ist ein Gefangener in den Simulationen oder Sims, und der Mensch, der ihm das angetan hat, sei Felix Jongleur. Jongleur sei so alt, dass er wie Paul selbst den Ersten Weltkrieg erlebt habe. Er lebe in einem Anwesen in Louisiana und strebe das ewige Leben an. Paul erhält einen wichtigen Hinweis: Er muss zum Haus des Irrfahrers gehen und dort die Weberin befreien. Gemeint ist der Ort Ithaka, und dreimal darf man raten, welche Figuren gemeint sind.

Doch nicht alles ist bierernst. Unterdessen bestehen Orlando alias Thargor und seine Freundin Fredericks die Gefahren, die sie in einer Comic-Küchenwelt erwarten: Comic-Indianer, Suppenterrinen-Piraten und wild gewordenes Gemüse. Den Höhepunkt dieser Episode bildet der heroische Angriff auf den Eisschrank, wo sie im Tiefkühlfach eine unheimliche Entdeckung machen. Ein Hinweis schickt sie zu „den Mauern Ilions“. Dies meint das alte Troja [(Ilium).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=346

Nach der Eisschrank-Heldentat gelangen sie in eine Sim des alten Ägypten, wo ein Werwolf sie aufs Kreuz legt und sie in der Wüste zurücklässt. Wieder erscheint ihm die Vogelfrau, und sein Software-Agent bildet einen unsicheren Kontakt zur realen Welt. Orlando erlaubt Beezles Kontakt, dem Agenten von Fredericks (Ramsay), dass seine, Orlandos, passwortgeschützte Dateien geöffnet werden. Der Anwalt Decatur Ramsay macht die Bekanntschaft von Olga Pirofsky, die als Darstellerin einer Netz-Show für Kinder arbeitet. Allerdings verursacht ihr die Tätigkeit in letzter Zeit rasende Kopfschmerzen, und sie beschließt, den Ursprung der Krankheit, der die Kinder zum Opfer fallen, aufzuspüren.

Immerhin verdichten sich die Informationen, die man als Leser/Hörer über die Grals-Bruderschaft erhält, und aus den bislang anonymen „bad guys“ schälen sich einzelne Personen und deren Motive heraus. Weiterhin bleiben eine Menge Fragen offen, etwa jene nach der Identität und Eigenart der schwarzen Pyramide (die wohl der „Berg aus schwarzem Glas“ des 3. Bandes ist). Für Kenner der Literatur ist jetzt schon abzusehen, dass im 3. Teil der Trojanische Krieg eine zentrale Rolle spielen dürfte.

Wer meint, all dies sei viel zu abgefahren, der sollte sich mal die NetFeeds reinziehen. Diese Untergrund-Nachrichten aus der „realen“ Welt beleuchten schlaglichtartig, wie bizarr die Entwicklungen sein können, die wir bereits heute im Ansatz erkennen können, zum Beispiel die Frage: „Was ist echt und authentisch, wenn sich alles simulieren lässt?“ Außerdem ist die Rede von einer AIDS-ähnlichen Seuche, die „Bukavu“ genannt wird. NetFeeds dienen als Pausenfüller und trennen wichtige Kapitel voneinander.

_Mein Eindruck_

Es bestehen keine Zweifel hinsichtlich der literarischen Qualität von Williams‘ erzählerischen Fähigkeiten: Sein Stil ist lyrisch bis humorvoll, seine Charaktere äußerst detailliert wiedergegeben und entwickelt. Nur der Plot könnte noch ein wenig straffer gehandhabt werden. So aber kommt der Eindruck auf, als ob die virtuellen Landschaften, mit denen sich die Gruppe auseinandersetzen muss, nach einer Weile beliebig werden – man weiß zudem schon im Voraus, dass die Leute gerettet werden, natürlich nur in letzter Sekunde. Dieses Muster wird zu sehr strapaziert. Und der Plot hat eine gefährliche Ähnlichkeit mit den auch nicht so realen Welten in Stephen Kings Zyklus um den [„Dunklen Turm“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=822

Immerhin stellt Williams in der Verkleidung seiner Geschichte ein paar ernste Fragen, u. a. „Was sind die ethischen Überlegungen einer Künstlichen Intelligenz (KI)?“, „Was ist Wahrnehmung?“, „Was ist das Wesen von Gut und Böse in einer virtuellen Welt?“, „Was ist hier ein Leben wert?“ Und so schnell, wie sich die Computertechnologie und das Internet Richtung Cyberspace entwickeln, erscheinen die Fragen durchaus relevant. Philip K. Dick hat sie zum Teil bereits gestellt (vgl. „Total Recall“ und [„Blade Runner“).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=197 Insofern geht Williams in den Gefilden des Existentialismus weiter als Dick und in Sachen Cyberspace weiter als Gibson. Schon jetzt lässt sich daher sagen, dass der Otherland-Zyklus – Williams empfiehlt, ihn als vier Teile eines einzigen Buches zu lesen – ein bedeutendes Werk des Science-Fiction-Genres ist. Man muss ja nicht gleich einen Klassiker daraus machen, wie das bereits manche Leser zu sagen wagen.

_Die Sprecher_

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Rufus Beck (als „Häuptling Starke Marke“) oder Andreas Fröhlich (NetFeed-Nachrichtensprecher).

Ich finde es angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner und des Mädchens Christabel Sorensens, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

Wie schon beim ersten Teil des Hörspiels wurde mir klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde. Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen?

Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der unheimlichen Gralsbruderschaft sowie der NetFeed aus der Realwelt geschaltet.

Doch folgt man Renie Sulaweyo und dem Buschmann !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Paul Jonas‘ Geschichte hingegen ist eine Tragödie, deren Ausmaße sich nur ganz allmählich enthüllen und die viel mit Kindern zu tun hat. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“, so etwa der witzige Angriff auf den Eisschrank.

|Ausblick|

Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das zweite Viertel des gesamten Kunstwerks. Die Fortsetzung soll im Juni veröffentlicht werden. Sie verspricht nach allem, was ich darüber gelesen habe, sehr dramatisch zu werden. Denn nun macht Felix Jongleur alias Osiris Ernst: Er will Otherland als sein Herrschaftsgebiet übernehmen und sich und seinen „Brüdern“ das ewige Leben verschaffen. Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat.

|329 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Otherland – Book 2: River of Blue Fire, 1998
Mehr Infos unter: http://www.hoerverlag.de & http://www.otherland.hr-online.de |

Tad Williams & Deborah Beale – Die Drachen der Tinkerfarm (Tinkerfarm 1)

Feuerspeiende Kühe?!

Eigentlich soll es ein ganz normaler Landaufenthalt in den Sommerferien werden, den Tyler und Lucinda bei Onkel Gideon verbringen. Sie erwarten tödliche Langeweile auf diesem Bauernhof, doch bald entdecken, dass es hier ein Geheimnis gibt. Das Brüllen aus der Scheune stammt nicht von einer Kuh, sondern von einem Drachen! Das donnernde Hufgetrappel im Tal – keine Mustangs, sondern Einhörner! Ein Haufen seltsamer Knechte und Mägde, unverständliche Sprache und magische Kräfte halten die Stadtkids auf Trab. Sie kommen dunklen Geheimnissen längst vergangener Zeiten auf die Spur – sie müssen Onkel Gideon retten! Doch schon ist ihr eigenes Leben in Gefahr…

Der Autor

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkien „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“.

Tad Williams & Deborah Beale – Die Drachen der Tinkerfarm (Tinkerfarm 1) weiterlesen

[NEWS] Tad Williams – Happy Hour in der Hölle (Bobby Dollar 2)

Bobby Dollar, Engel und Anwalt der verlorenen Seelen, macht sich auf in die Hölle, um einen Auftrag seines Mentors im Himmel zu erledigen. Vor allem aber will er die faszinierende Gräfin Casimira von Coldhands wiedersehen – und sie aus der Hölle hinausschmuggeln. Das ist ein äußert schwieriges Unterfangen, da sein Widersacher einer der mächtigsten Teufel der Unterwelt ist: der Großfürst Eligor. Er hasst Bobby ohnehin und es wäre ihm das größte Vergnügen, ihm seine unsterbliche Seele aus dem Körper zu reißen. Oder ihm alle mörderischen Kreaturen der Hölle auf den Hals zu jagen. (Verlagsinfo)

Taschenbuch: 560 Seiten
Originaltitel: Happy Hour in Hell
Klett-Cotta

[NEWS] Tad Williams – Die Hexenholzkrone. Teil 1 (Der letzte König von Osten Ard 1)

Osten Ard ist in Aufruhr. Seit 30 Jahre regieren König Simon und Königin Miriamel über ihr Land mit Weisheit und Güte. Doch die dunklen Mächte sammeln sich um die Nornenkönigin und wollen sich Osten Ard untertan machen. Vor allem Prinz Morgan ist in Gefahr, denn die Feinde wollen seine Thronbesteigung verhindern und selbst an die Macht. Da ruft Simon seine alten Freunde zu Hilfe und Binabiq, Aditu, Jiriki und Jeremias treten mit ihm gegen die dunklen Mächte an. Wird es einen gerechten Kampf geben? Können die Freunde Osten Ard verteidigen? Und wird Prinz Morgan unversehrt aus der Schlacht zurückkommen? (Verlagsinfo)

3 MP3-CDs
Laufzeit: ca. 30 Std.
Sprecher: Andreas Fröhlich
der Hörverlag

[NEWS] Tad Williams – Das Herz der verlorenen Dinge (Weitere Osten Ard-Romane, Band 1)

Neues aus der Welt der Großen Schwerter

Osten Ard steht erneut am Scheideweg. Die Nornen bereiten sich darauf vor, das Land, das einst ihnen gehörte, zurückzuerobern. König Simons und Herzog Isgrimnurs Kriegern gelingt es, das Elbenvolk zurück in seine Hochburg in den Bergen zu drängen. Der Krieg scheint vorbei, aber das Töten dauert an. Die Sterblichen begnügen sich nicht mit ihrem Sieg: Sie trachten danach, das Volk der Nornen gänzlich auszulöschen. Da verbreitet sich die Kunde, die uralte Nornenkönigin Utuk‘ku sei gar nicht tot, sondern liege nur in einem todesähnlichen Schlaf, von dem sie zurückkehren werde … (Verlagsinfo)

1 mp3-CD, Laufzeit: ca. 11h 40
Gelesen von Andreas Fröhlich.
Verlag: der Hörverlag

[NEWS] Tad Williams – Das Herz (Shadowmarch 4)

Der Südmarkfeste droht Gefahr durch zwei unerbittliche Feinde, die uralten Elben der Nebellande und den verrückten Gottkönig Xis. Mittendrin die könglichen Zwillinge, die sich aus unterschiedlichen Richtungen wieder nach Südmark aufmachen. Prinzessin Briony hat ein kleines Heer um sich gesammelt und will die Südmarkfeste und ihren Vater befreien. Barrick hingegen kommt aus den Schattenlanden zurück, wo er mit den gefährlichen Elben Kontakt hatte. Kann er das Wissen der Zwielichtler nutzen und dem Kampf ein Ende setzen? Gelingt es den Zwillingen, die Heimat gemeinsam zu retten? (Verlagsinfo)

3 mp3-CDs
Laufzeit: ca. 33h 20
Sprecher: David Nathan
der Hörverlag

[NEWS] Tad Williams – Die Dämmerung (Shadowmarch 3)

Das Land Eion wird bedroht. Von Norden überschreitet eine riesige Elbenarmee die Schattengrenze und im Süden schmiedet der machtbesessene Herrscher Eroberungspläne. Die könglichen Zwillinge müssen aus der Südmarkfeste fliehen, um ihr Leben zu retten. Während Prinz Barrick verloren hinter der Schattengrenze umherirrt und dem Elbenheer Einhalt gebieten muss, kämpft Prinzessin Briony allein in der Fremde um ihr Leben. Gelingt es den Geschwistern, den Thron zurückzuerobern? Und können sie Südmark und seine Völker vor dem Untergang bewahren? (Verlagsinfo)

4 mp3-CDs
Laufzeit: ca. 27:35 Std.
Sprecher: David Nathan
der Hörverlag

Tad Williams & Deborah Beale – Die Geheimnisse der Tinkerfarm (Tinkerfarm 2)

Tinkerfarm:

Band 1: „Die Drachen der Tinkerfarm“
Band 2: „Die Geheimnisse der Tinkerfarm“
Band 3-5: – angekündigt –

Ein Jahr ist vergangen, seit Tyler und Lucinda Jenkins das erste Mal zu Besuch auf der geheimnisvollen Tinkerfarm ihres Großonkels Gideon waren und die Sommerferien endlich anbrechen, können sie es kaum erwarten, auf die Farm und zu ihren außergewöhnlichen Bewohnern zurückzukehren. Dort angekommen merken sie jedoch schnell, dass sich vieles verändert hat. Auf der Tinkerfarm wurden nach den Ereignissen im letzten Sommer Sicherheitsvorkehrungen getroffen, Menschen und Tiere werden nunmehr von Kameras überwacht und von elektrischen Zäunen gesichert.

Tad Williams & Deborah Beale – Die Geheimnisse der Tinkerfarm (Tinkerfarm 2) weiterlesen

Tad Williams – Der glücklichste tote Junge der Welt (Otherland 5)

Otherland 5: Igitt, Sex unter Avataren!

Otherland, der vierteilige Zyklus, erhält einen fünften Teil … Der große Weltenschöpfer lüftet neue Geheimnisse aus seiner magischen Welt: Orlando Gardiner, ein unheilbar kranker Jugendlicher, fühlt sich nur lebendig, wenn er Abenteuer im weltumspannenden Netz besteht. Im Netz wurde Otherland errichtet. Dort kämpft Orlando bis zum letzten Moment, um seine Freundin Sam Fredericks und die übrigen Otherlandfahrer zu retten.

Tad Williams – Der glücklichste tote Junge der Welt (Otherland 5) weiterlesen

Tad Williams – Otherland 4: Meer des silbernen Lichts

Apocalypse Now Digital! So lässt sich der vierte Teil der „Otherland“-Tetralogie von Tad Williams, der jetzt als Abschluss des Mammut-Hörspielprojekts des HR und des |hörverlags| auf sechs CDs vorliegt, schlagwortartig beschreiben. Spektakulär stürzt der virtuelle Weltenraum in sich zusammen und für die Protagonisten kommt es zur finalen Konfrontation.

_von Bernd Perplies
mit freundlicher Unterstützung unseres Partnermagazins http://www.ringbote.de/ _

Tad Williams – Otherland 4: Meer des silbernen Lichts weiterlesen

Tad Williams – Der Blumenkrieg

Theo ist dreißig Jahre alt, zieht aber immer noch mit seiner Band und deren – noch fast jugendlichen – Mitgliedern durch die Gegend. Seine Freundin Cat erleidet eines Nachts – während Theo auf einer seiner berühmten Proben ist – eine Fehlgeburt und beschließt nach dem Verlust ihres gemeinsamen Kindes, sich von Theo zu trennen. Dieser zieht schweren Herzens zu seiner Mutter – doch er weiß nicht, dass diese an Krebs leidet. Etwa sechs Monate später stirbt sie. Theos Leben befindet sich nun endgültig am Tiefpunkt. Er zieht sich in die Berge zurück und beginnt damit, ein einsames, doch friedliches Leben zu führen. Im Nachlass seines Großonkels Eamonn Dowd findet er eine Art Tagebüchlein. Interessiert beginnt er zu lesen – und was er da liest, wird mehr und mehr zur Beschreibung einer fantastischen Welt. Dennoch behauptet Eamonn Dowd in einem Brief, den er einst an Theos Mutter schickte, alles in dem Buch Beschriebene sei wahr.

Tad Williams – Der Blumenkrieg weiterlesen

Tad Williams – Der brennende Mann (Osten Ard)

„Der brennende Mann“ ist eine psychologisch spannende Episode aus den Tagen nach dem Großen Krieg, den Williams in seinem Bestseller „Der Drachenbeinthron“ und drei weiteren Romanen erzählt hat: dem Osten-Ard-Zyklus.

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“ (beide bei Klett-Cotta verlegt). Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“.
„Der brennende Mann“ ist eine 105-Seiten-Novelle, die bereits 1998 in Robert Silverbergs lesenswerter Anthologie „Der 7. Schrein“ erschien.

Tad Williams – Der brennende Mann (Osten Ard) weiterlesen