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Andy Serkis & Gary Russel – Herr der Ringe, Der: Gollum – auf die Leinwand gezaubert

Nach der Beendigung der letzten Dreharbeiten und Nachdrehs bekamen die Hauptdarsteller von Peter Jackson ein Erinnerungsstück überreicht: Orlando Bloom (Legolas) erhielt den schönen Galadhrim-Bogen und Elijah Wood als Frodo natürlich den originalen Einen Ring (von über einem Dutzend Kopien in allen Größen). Und was bekam Andy Serkis, der Gollum praktisch zum Leben erweckt hatte, nach fünf Jahren Arbeit? Einen blauen Lycra-Anzug…

Von Andy Serkis stammen die Tagebucheinträge zu „Der Herr der Ringe: Gollum – auf die Leinwand gezaubert“. Der Engländer Andy Serkis hatte vor dem „Herr der Ringe“-Projekt v.a. als Theaterschauspieler gearbeitet, unter anderem spielte er in den letzten Jahren die facettenreiche Rolle des Jago in Shakespeares „Othello“ sowie den Sykes in „Oliver Twist“. Mit „Snake“ drehte er seinen eigenen Kurzspielfilm. Er ist inzwischen mit seiner Frau Lorraine verheiratet und hat zwei Kinder, Töchterchen Ruby und Sohn Sonny (geboren 2000). Sein Humor und seine Fähigkeit, leicht Freundschaften zu schließen, werden von allen Kommentatoren als sympathischste Eigenschaften hervorgehoben.
Gary Russell ist der Autor aller drei Fachbücher, die die HdR-Filme als Kunstwerke vorstellen. Von ihm stammen die Interviews, die als als grau-beige unterlegte Kästen eingefügt sind.

Andys Tagebuch

Aus drei Monaten wurden fünf Jahre

Eigentlich wollte New Line Cinema’s Casting-Agenten Andy nur für etwa drei Monate anheuern. Er sollte dem digitalen Gollum seine Stimme leihen, nicht mehr. Andy hatte erst einmal keine Ahnung, wer Gollum war und welche immens wichtige Rolle er im HdR spielte. Daher stellte er sich eine überaus langweilige Mitwirkung vor. Das änderte sich, als Lorraine (s.o.) ihm erklärte, welch wichtige Rolle Gollum spielt. Andy erkannte anhand des Romans, dass Gollums tatsächlich sogar die einzige Figur war, die Tolkien psychologisch vielschichtig und schillernd angelegt sowie mit einer langen Entwicklungsgeschichte versehen hatte! Aus den drei Monaten sollten schließlich fünf Jahre werden.

Gollums Kern und Stimme

Als Theaterschauspieler musste Andy, so dachte er, erst einmal zum Kern der Figur vordringen. Das war gar nicht so einfach. Aber Andys Auffassung unterschied sich noch erheblich von dem, was sich die Leute vorstellten, die die Aufgabe hatten, eine digitale Figur zum Leben zu erwecken. Sie hatten ihren Gollum schon seit 1998 „im Kasten“ und zeigten Andy die kleinen Standbilder, die sie Maquettes nannten. (Diese ganze Geschichte lässt sich jetzt auf der Langfassung der DVD unter dem Titel „Smeagols Zähmung“ nachsehen.) Doch Andy hatte für Gollum eine ganz eigentümliche Sprechweise und Stimme entwickelt sowie ein „gollum, gollum“, das er seiner Katze abgehört hatte.

CGI-Techniken konkurrieren

Andy brachte Peter Jackson (PJ) zu der Erkenntnis, dass er seine fabelhafte Gollum-Stimme nur produzieren konnte, wenn er den entsprechenden Gesichtsausdruck und die angemessene Körperhaltung (wg. Atmung und Resonanz) einnahm: Mimik und Sprechen waren eine untrennbare Einheit. Das jedoch hatte schwerwiegende Folgen: Nach zwei Jahren Vorarbeit sahen sich die CGI-Animateure gebeten, ihren Gollum komplett zu überarbeiten: binnen zwei Monaten! Nur so konnten sie Gollum der Mimik und den Körperbewegungen Andys anpassen. Dazu setzten sie (siehe DVD wegen Details) drei verschiedene Technologien ein, um einen Streit zwischen Verfechtern verschiedener Techniken abzuwenden: das herkömmliche Key-Frame-Verfahren, das neue Motion Capturing (= Bewegungserfassung, kurz: Mocap) und das uralte Rotoscoping. Ein Amalgam der neuen Technik nannten sie „Roto-Animation“. Für Mocap musste Andy seinen zunächst weißen, späten dunkelblauen Lycra-Anzug tragen. Er sah aus, „als käme er direkt aus einem Laden für Fetischartikel“. (Koproduzent Rick Porras, so ist auf der Extended-DVD zu sehen, sprang an einem Tag für Andy ein. Die Ergebnisse waren einfach blamabel. Das beweist am besten, wie überzeugend Andys Arbeit wirklich war.)

„Niemand mag dich…“

Für die Vermittlung von Gollums einzigartiger Psyche ist eine Szene von zentraler Bedeutung, die als „schizoide Szene“ bezeichnet wird: Gollum/Smeagol streitet sich mit sich selbst, irgendwo in Ithilien. Bislang konnte das Publikum meistens über Gollum lachen. Doch als der Gollum-Teil, der väterliche Überlebenskünstler, den kindlichen Smeagol als „Mörder“ bezeichnet und diese Anklage offenbar der Wahrheit entspricht, ist Schluss mit lustig. Nun nimmt das Publikum Gollum/Smeagol als eigenständigen Charakter wahr. Mit einem Mörder (der uninformierte Zuschauer erfährt erst im 3. Teil, warum) ist schließlich nicht zu spaßen.

Szenen aus dem dritten Teil

Diese zentrale Szene erarbeitete Philippa Boyens, die mit Fran Walsh und Andy Serkis stark an der Ausarbeitung von Gollums Kern und Entwicklung beteiligt war. Die Schizo-Szene macht auch dem letzten Zuschauer klar, dass Gollum ein Ring-Junkie ist, ein Mörder, der jederzeit rückfällig werden kann – eine große Gefahr für die Mission des Ringträgers. Der Begriff des Junkie und der Sucht stammt von Andy. In den Kapiteln „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“ (Déagol ist Sméagols Vetter, den er tötet, um den Ring zu erlangen) und „Die Rückkehr des Königs“ offenbart Serkis Szenen aus dem 3. Teil, die viele Zuschauer noch nicht gesehen haben. Andy konnte beim Kampf zwischen Déagol und Sméagol selbst Regie führen. Und das kann man von keinem anderen Darsteller sagen.

Private Unternehmungen

Ist die Beschreibung dieser Arbeiten schon allein recht spannend, so sind es auch manche von Andys gelungenen Berichten über seine Wanderungen (er ist Bergsteiger) und die einzige Kanufahrt, die er bewältigte. Ansonsten änderte sich sein Leben auf erhebliche Weise. Seine Familie vergrößerte sich um einen Sohn, den er von England mit zu den Kiwis brachte, und er heiratete seine Freundin. Sie lebten in verschiedenen Wohnwagen, Hotels, Pensionen, sogar einem eigenen Haus. Ganz en passant nimmt uns Andy auf eine Rundtour auf den Inseln des Neuseeland-Archipels mit. Die beigefügten Fotos liefern weitere Infos, so etwa vom Vulkan Mount Ruapehu, der die Kulisse für die Emyn Muil abgab. Am eindrucksvollsten zeigt sich Andy von der Begegnung mit Sir Edmund Hillary, einem der beiden Erstbesteiger des Mt. Everest, der in Neuseeland sozusagen der Grand Old Man ist.

Die Gollum-Revolution

Abgeschlossen werden die Tagebuchaufzeichnungen mit den Konsequenzen des veröffentlichten Films „Die zwei Türme“: Die Weltöffentlichkeit war von Gollum überrascht und begeistert, aber die Welt der Filmschauspieler machte sich ernsthafte Sorgen. Gollum bedeutete ein Revolution: Zum ersten Mal hatte ein echter Schauspieler es geschafft, eine digital erzeugte Figur mit Leben zu erfüllen und sie mit Realdarstellern interagieren zu lassen, so dass ein enorm hoher Grad an Glaubwürdigkeit erzielt wurde. Das ist die Gollum-Revolution, und so mancher Darsteller begann um seinen Job zu fürchten. Andy tat alles, um diese Ängste als unbegründet zu widerlegen. Gerade durch seine am Theater entwickelten Fähigkeiten hatte er ja erst die CGI-Figur zum Leben erwecken können. (Außerdem erzählt Andy noch zahlreiche witzige Szenen mit Journalisten, die nicht schmeichelhaft sind.)

Russells Interviews

Das ganze Buch würde stark den Eindruck von Selbstbeweihräucherung und Subjektivität erwecken, gäbe es nicht die Statements, die Gary Russell in vielen Interviews gesammelt und hier kondensiert wiedergegeben hat. Hier kommen die führenden Köpfe des HdR-Projekts wie der Regisseur, die Produzenten, die Autoren, die Leiter der Grafikabteilungen, von Weta Workshop und Weta Digital zu Wort sowie viele unbekannte Mitarbeiter, die sich gerne an Andy erinnern. Manche dieser Zitate sind mehr als eine Seite lang.

So gut und erhellend die Zitate auch sind, so können sie doch nicht alleine stehen, weil sie sonst zu trocken und belehrend wirken würden. Erst zusammen bilden das Tagebuch und die Statements eine Einheit, die bereits zwei Drittel des Buches ausmacht. Der Rest besteht aus hunderten von Fotos und allen Arten von Grafiken und Zeichnungen.

Die Illustrationen und Fotos

Abgesehen von vielen privaten Aufnahmen, die Andys Leben illustrieren, enthält das Buch eine erstaunliche Fülle von Grafikmaterial, das eines Gary-Russell-Bandes (s.o.) würdig ist (und wohl auch daraus stammt). Interessanter als die bekannten und auf der Extended-DVD zu findenden Grafiken aus „Die zwei Türme“ ist das bis dato nie gesehene Material aus „Die Rückkehr des Königs“.

Besonders Kapitel 7, betitelt „Schenk uns den, Déagol, mein Guter“, gewährt aufregende Einblicke: Hier wird die weitere Entwicklung des Hobbits Sméagol in Wort und Bild festgehalten, bis aus dem betuchten, dandyhaften Hobbit ein jämmerlicher, ausgemergelter und hasserfüllter, weil ringloser Ring-Junkie geworden ist: 500 Jahre im Zeitraffer sozusagen, ausgearbeitet von Autorin Ph. Boyens und inszeniert von Andy Serkis himself. Kap. 13 liefert einen Vorgeschmack auf „Die Rückkehr des Königs“, so etwa das Tor von Minas Morgul. (Aber auch hier ist Kankra nicht zu sehen.)

Andy ist ein Buch zum Film gelungen, das mich als erstes in Klett-Cottas Filmbuchreihe restlos zu begeistern und zu überzeugen wusste. Das lag nicht nur an Andys lebendiger und anschaulicher Erzählweise, sondern vor allem und in erster Linie an seinem Humor.

Dieser Humor ist einerseits recht britisch und trocken, andererseits gelingt Andy damit die Beschreibung des Besonderen, das eine seltsame Szene und Situation nach der anderen ausmacht. Wir erleben mit ihm den ersten verwirrenden Tag in Wellington, in den Wingnut Studios, im Weta Workshop und sogar schon am Set. Niemand mag dich… wer bist du überhaupt in deinem komischen Ganzkörperkondom?! Andy wusste genau, wie sich Gollum fühlte…

Außerdem genehmigt er sich ein paar nette Seitenhiebe auf das Filmbusiness und die Leute, die daran beteiligt sind – von den begriffsstutzigen Filmjournalisten bis zu den Agenten, die am liebsten sogar für Würmer am Angelhaken „saftige Honorare für zusätzliche Stunteinsätze“ herausschlagen würden, wenn sie könnten (S. 60, Spalte 2).

Die Übersetzung

Peter Torberg musste nach Angaben des Verlags viel recherchieren, um all die Fachausdrücke aus der Welt der Computergrafik, Animation und des Motion-Capture-Verfahren fachgerecht ins Deutsche übertragen zu können. Aber er hat seine Aufgabe mit Bravour erledigt.
Die einzigen Fehler sind in den Plural- und Kasusformen bestimmter Wörter wie etwa Pronomina etc. zu finden. Die hätte ein Korrektor oder Grammatikprüfprogramm eigentlich leicht entfernen können. Anders als in „Der Herr der Ringe: Waffen und Kriegskunst“ konnte ich jedoch keine Sachfehler finden.

Unterm Strich

Ich habe das ganze Buch auf der Hin- und Rückfahrt zwischen Stuttgart und München lesen können. Es ist nicht ermüdend, sondern abwechslungsreich, gespickt mit fachlichen Infos, aber unterhaltsam genug mit persönlichen Erfahrungen angereichert.
Außerdem wird das Tagebuch, wie gesagt, durch die zahlreichen Zitate und das umfangreiche Grafikmaterial abgerundet, so dass eine Einheit entsteht, die dennoch vielschichtig genug ist, dass man das Buch gleich mehrmals hintereinander lesen möchte (und könnte).
Der spezielle Humor, den Andy Serkis einbringt, lässt die informative Lektüre zu einem vergnüglichen Erlebnis werden, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

Hinweis

Das einzige andere Buch, das ähnliche tiefe Einsichten zum HdR-Projekt liefert, ist Brian Sibleys Buch von Ende 2001, das im Frühjahr 2004 ergänzt werden soll. Sibley beschreibt die Hintergründe des Buches und des Films sowie den Werdegang vom Buch zum Skript.

Michael Matzer (c) 2003ff
www.hobbitpresse.de

Schütz, Hans J. / Tolkien, J. R. R. / unbekannt – Sir Gawain und der Grüne Ritter. Mit einem Essay von J. R. R. Tolkien.

Das arthurische Versepos „Sir Gawain“ aus dem 14. Jahrhundert, das aus über 2500 Zeilen mit Stabreim besteht, dürfte relativ bekannt sein. Es ist eine Abenteuergeschichte für Erwachsene und dreht sich um Liebe und Sex, Fragen der Ehre, gesellschaftliches Taktgefühl, persönliche Integrität sowie volkstümliche Magie – Letztere in der Gestalt des Grünen Ritters, der offenbar nicht zu besiegen ist.

|Der Essayist: Tolkien|

Professor Tolkien war schon rein beruflich ein Liebhaber der alt- und mittelenglischen Dichtung, sei es nun der „Beowulf“ oder Geoffrey Chaucers berühmte „Canterbury Tales“. Am liebsten waren ihm jedoch, so berichtet sein Sohn Christopher, die Dichtungen aus den westlichen Midlands, in denen Tolkien aufwuchs. Denn diese wichen vom Sprachgebrauch Chaucers, der sich später durchsetzte, gewaltig ab – folglich geriet ihr alliterierender Stil in Vergessenheit.

Aus dieser Region und aus der Zeit um 1370 stammt die Dichtung „Sir Gawain und der Grüne Ritter“. 1925 veröffentlichte Tolkien eine erste Übersetzung in Oxford. 1967 folgte eine zweite von N. David, und darauf stützt sich die deutsche Übersetzung durch Hans J. Schütz. Den Essay, der bereits in dem |Klett-Cotta|-Band „Die Ungeheuer und ihre Kritiker“ erschien, hat Wolfgang Krege übersetzt.

_Handlung_

Am Neujahrstag hat König Artus mal wieder seine Ritter um die Tafelrunde versammelt. Weihnachten ist vorüber, aber auf Burg Camelot feiert man immer noch gerne. Die Freude wird leider schwer gestört, als ein merkwürdiger Ritter auftaucht und den König selbst zum Kampf herausfordert. Der völlig in grün gekleidete und sogar mit einer grünen Haut und grünem Haar versehene riesige Ritter bezweifelt, dass unter den anwesenden Rittern einer sei, der edleren Gemüts ist als er selbst.

|Die Herausforderung|

Oho, welche Frechheit, meint Artus und würde den Herausforderer am liebsten selbst Mores lehren, doch Gawain bittet aus Pflichtgefühl selbst um diese Ehre. Artus stünde doch wohl über solchem Geplänkel, oder? Artus meint „okay“, und der Grüne Ritter hat nichts dagegen, statt dem König diesem Ritter die Rübe abzuschlagen. Denn darin besteht die Herausforderung: Gawain darf dem Ritter einen Hieb mit einer Waffe versetzen, ohne dass dieser sich wehrt. Doch danach darf der Grüne sich revanchieren – und zwar genau ein Jahr und einen Tag später.

Gawain hat kein Problem mit diesem Arrangement, denn schließlich will er ja a) nicht als Feigling dastehen und b) scheint das eine todsichere Sache: Welcher Mensch hätte sich denn nach einem tödlichen Axthieb auf den Nacken davon erholt? Keiner!

Mit einer stabilen Streitaxt trennt er dem brav vornübergebückten Ritter sauber den Kopf ab. Zum Erstaunen aller richtet der sich wieder auf, als wäre nichts gewesen, schnappt sich seinen Kopf und fordert Gawain auf, in einem Jahr allein zur grünen Kapelle zu kommen. Sprach’s und ritt von dannen. Er hat ihnen nicht einmal seinen Namen verraten. Gawain ist nun der Gelackmeierte, denn mit der Wette hat ihn der Grüne Ritter offensichtlich hereingelegt.

|Ein Jahr später|

So ein Jahr kann schnell vorübergehen, doch Gawain hat die Pflicht nicht vergessen. Angetan mit einer prächtigen Rüstung, macht er sich auf die Suche, fahndet überall in ganz Wales nach der grünen Kapelle, erlebt jede Menge Abenteuer mit den wilden Bergbewohnern (darunter auch Oger!), doch die Kapelle findet er nicht. Stattdessen stößt er – nachdem sein Gebet an Maria erhört wurde – auf eine prächtige und wehrhafte Burg. Hier freut man sich über alle Maßen darüber, ein echten Hofmann des Hochkönigs bei sich aufnehmen und unterhalten zu dürfen. Besonders die schöne Gattin des Burgherrn hat es Gawain angetan – wie schön sie sich von ihrer ständigen Begleiterin, einer düsteren alten Vettel, abhebt. Leider erfährt er nie ihren Namen.

Nach einer Weile des Feierns meint Gawain am 29. Dezember, jetzt müsse er aber los, schließlich seien es nur noch wenige Tage bis Neujahr. Der Burgherr, der (vorerst) leider ebenfalls namenlos bleibt, meint, er würde Gawain rechtzeitig zu der Kapelle bringen lassen, die ja ganz in der Nähe liege. Gawain müsse nur noch drei Tage ausharren. Dann schlägt er eine Wette vor: Der Burgherr werde etwas von seinen Jagden mitbringen und es seinem Gast geben, woraufhin ihm der Gast im Tausch dafür das geben würde, was er unterdessen in der Burg empfangen habe.

Wie raffiniert dieser Deal ist, stellt sich heraus, als Gawain am nächsten Morgen, während der Burgherr schon auf der ersten von drei Jagden ist, von der schönen Gemahlin seines Gastgebers geweckt wird. Da sitzt sie nun am Bettrand – die Verführung in Person.

Kann Ritter Gawain der Versuchung widerstehen, oder wird sie ihn von seinem Vorhaben abbringen? Immerhin vertritt er hier quasi seinen König!

_Mein Eindruck: die Erzählung_

Der Text der Erzählung liegt keineswegs als Epos in Verszeilen vor – das gibt es in anderen Ausgaben – sondern in Prosaform. Dadurch lässt er sich sehr gut lesen und verstehen. Die Handlung dürfte ebenfalls keine Probleme bereiten, aber es gibt natürlich ein paar Knackpunkte, auf die es ankommt und die man leicht übersieht.

Obwohl der Autor unbekannt ist, beruft er sich sich als erstes auf den alten Homer und dessen Heldengedichte „Ilias“ und „Odyssee“. Durch diesen Hinweis erspart sich der Autor selbst die obligatorische Anrufung der Muse, denn das hat ja schon der griechische Kollege erledigt. (Auch die detaillierte Beschreibung von Gawains prächtigem Schild ist der homerischen Beschreibung von Achilleus‘ Schild nachempfunden.)

Außerdem stellt sich der Autor damit in die entsprechende literarische Tradition. Nur das entsprechend gebildete Publikum kann mit diesem Homer-Verweis etwas anfangen, wodurch er schon am Anfang seinen Anspruch deutlich macht: Dieser Stoff ist nichts für die ungebildeten Stände. Nur wer Homer und die französischen Ritterromane kennt – so einer der Verweise am Schluss -, ist nach Ansicht des Autors in der Lage, mit dem „Gawain“ angemessen umzugehen.

Der Autor wendet sich also als Gebildeter an seinesgleichen, stellt sich nicht über sie. Dennoch ist das, was er im „Gawain“ vorzubringen hat, keine Lappalie, sondern eine ernsthafte Kritik des höfischen Moralkodex. Das wird am Schicksal des braven Ritters Gawain in der Burg der Verführerin deutlich.

Zweimal wird Gawain aufs Kreuz gelegt: einmal auf Camelot vom Grünen Ritters, dann wieder in der Burg des namenlosen Jägers. Nun ist aber Gawain keineswegs ein kompletter Idiot, mit dem man nach Belieben Schlitten fahren könnte, sondern sein Handicap besteht darin, dass er stets den hehren Idealen des höfischen Anstands und der Rechtschaffenheit entsprechend handeln will und muss. Er bietet dem Burgherrn sogar seine Dienste an, weil ihm die höfischen Regeln dies so vorschreiben. Allerdings scheint er es mit seinem Diensteifer ein wenig zu übertreiben

Deshalb bringt ihn die Versuchung durch die schöne Lady schwer in die Bredouille: Es wäre ein schwerer Bruch seines ritterlichen Kodex, sie von der Bettkante zu stoßen. Also plaudert er mit ihr über dieses und jenes, Gott und die Welt. Zum anderen darf er jedoch auch nicht seinen Burgherrn dadurch verraten, dass er mit der Lady Ehebruch begeht und seinen zeitweiligen Dienstherrn betrügt.

Doch in der dritten Nacht reichen all seine Finten, die ihm höfisches Gebaren, Geschwätz und Tändeleien an die Hand geben, nicht mehr aus, um die Waffen der Versucherin abzuwehren: Sie kommt oben ohne. Jetzt wird’s ernst. Wie uns der Autor klarmacht und was sich im Verhalten Gawains spiegelt, streckt der höfische Anstandskodex die Waffen und die religös motivierte Moral kommt endlich zu ihrem Recht – was wohl längst überfällig war, meinen wir lesen zu können. Gawain sucht sogleich den Beistand eines Mönches auf, bei dem er die Beichte ablegen kann.

Doch er hat einen winzigen Fehler gemacht, der ihm zum Verhängnis werden könnte. Das ist aber durchaus verständlich, wenn man in Betracht zieht, dass er ja am nächsten Tag sterben soll. An Neujahr soll er in der Grünen Kapelle dem Grünen Ritter seinen entlößten Nacken hinhalten, damit dieser ihn mit der Axt durchtrennen kann. Keine erhebenden Aussichten. Man kann also Gawains Fehltritt mit seiner Angst um sein Leben entschuldigen. Aber ist es wirklich so einfach? Wenn Gawain nämlich ein wirklich frommer Christenmensch wäre, dann würde er auf die Freuden des Jenseits hoffen und den tödlichen Hieb in Kauf nehmen. Also ist Gawain weder ein Top-Christ noch ein Top-Ritter, sondern lediglich ein normaler Mensch.

Und als solcher wird er uns auch vorgestellt. Denn auch wenn seine beiden Gastgeber in der Burg (vorerst) namenlos bleiben, so sind doch alle einigermaßen gut charakterisiert. So ist etwa der Burgherr ein großer Jäger vor dem Herrn, der das Jagen (leider) als Sport betreibt, zuweilen unter Einsatz des eigenen Lebens. Diese Charakterzeichnungen berechtigen Tolkien in seinem Essay zu der Aussage, dass es sich bei dem Text „Sir Gawain“ nicht um eine tumbe moralische Allegorie handle, sondern um ein tief verwurzeltes Märchen. In diesem würde der Autor auf alte Quellen zurückgreifen und sie den Erfordernissen der Zeit und des Autorencharakters anpassen.

Das Auftauchen eines von Magie umgebenen Grünen Ritters und eines möglicherweise magischen Gürtels dienen Tolkien als Beleg, dass es sich um ein Märchen handelt. Heute würden wir von „Fantasy“ sprechen. Außerdem kommt in dem Text auch die arthurische Hexengestalt Morgan le Fay vor – sie ist die düstere Gestalt an der Seite der Burgherrin. Sie hat also ihre Finger im Spiel.

Der brave Ritter Gawain verflucht nach dem Showdown an der Grünen Kapelle – sorry, er stirbt nicht – alle Frauen, was nun wirklich ungerecht ist. Er verflucht seine eigene Feigheit, die ihn verwundbar für ihre Versuchung gemacht hat. Das ist ebenfalls ungerecht, denn er hat ja drei Tage lang tapfer standgehalten, wie es ihm die höfische Sitte gebot, und seinen Burgherrn nicht verraten, wie es ihm die christliche Moral gebot. Es nun einfach mal so, dass Gawain ein Opfer seiner eigenen ethischen Maßstäbe geworden ist, die er nur zum Teil erfüllen kann, da sie sich in etlichen Punkten widersprechen.

Diese Widersprüche und ihre Folgen aufzuzeigen, ist der Zweck, für den das Epos geschrieben wurde. Ob es wohl geholfen hat? Wir können es natürlich nicht wissen. Aber Zweifel dürften angebracht sein.

_Der Essay_

Tolkiens sechzig Seiten langer Essay plus Postskriptum zu „Sir Gawain“ ist ein kleines Meisterstück. Dieser Vortrag, den er an einer nicht näher bezeichneten akademischen Institution gehalten hat, ist recht anspruchsvoll, sowohl in der Gedankenführung als auch in der Sprache und Terminologie. Aber weitaus verständlicher als so manche akademische Arbeit, die nach dem 2. Weltkrieg geschrieben wurde. Wie erwähnt, hatte Tolkien den „Gawain“ schon 1925 veröffentlicht. Außerdem ist sein eigener Kommentar bzw. Anmerkungsteil angehängt, den er beifügte, als „Gawain“ 1953 von der BBC im 3. Programm gesendet wurde. Mehr Erklärungen kann der heutige Leser eigentlich nicht verlangen.

Tolkien erklärt zunächst den Aufbau des „Gawain“ und stellt eine These auf: Dies ist keine moralische Allegorie, sondern ein tief verwurzeltes Märchen. Dann macht er sich daran, relevante Gründe und Textstellen anzuführen, um seine These zu belegen. Seine Argumente sind in meine obige Analyse eingegangen, brauchen also nicht noch einmal wiederholt zu werden. Natürlich ist Tolkiens Argumentationskette viel feiner aufgebaut und besser formuliert, als ich dies im Rahmen einer Buchbesprechung tun kann. Dafür braucht er aber auch sechzig Seiten.

Tolkien spricht als Philologe, nicht als Linguist oder moderner Literaturwissenschaftler. Er setzt sich mit seinen Vorgängern auseinander, die er zuweilen |ad absurdum| führt, und vertritt seine eigene Einschätzung. Hier verlässt er die exakte Wissenschaft, die die Philologie wohl ohnehin nie war, und betritt das weite Reich der persönlichen Interpretation. Das ist legitim, denn der Autor des „Gawain“ bezieht keine eindeutige Stellung, wie sein Held zu beurteilen ist. Allerdings sprechen auch die Gründe, die Tolkien für seine Deutung mancher Stellen anführt, für seine Sichtweise. An keiner Stelle artet sein Essay in trockenes Haarespalten aus. Und am Schluss haben wir einen tieferen Einblick in ein für das englische Mittelalter essenzielles Werk gewonnen.

Und zudem hat Tolkien es geschafft, in uns Sympathie für jenen ach so vollkommen scheinenden Ritter Gawain zu wecken, der an seinen Ansprüchen an sich scheitern muss. Doch diese Ansprüche wandeln sich mit den Epochen, und selbst das Verständnis, das Tolkien 1925 oder 1953 dem Helden entgegenbringt, könnte so manchem heutigen Leser ein Kopfschütteln abringen: Diese Moral, dieser Anstand, diese Sitte! Herrje, haben wir mit diesen alten Zöpfen nicht schon 1968 Schluss gemacht? Es sieht manchmal so aus, doch andererseits feiern die alten Werte wie Treue, Loyalität und Aufrichtigkeit ein Comeback. Wäre es anders, wären wir nicht besser als die Versucherin und die Hexe Morgan le Fay (die vermutlich ein und dieselbe sind): Wir würden dann beispielsweise die neu in die EU eingetretenen Länder und ihre Menschen alle aufs Kreuz zu legen versuchen. Und das wäre wirklich fies, oder?

_Die Übersetzungen von Text und Essay_

Hans J. Schütz hat auf Seite 97 eine Nachbemerkung eingefügt. Wir erfahren mehr über das Werk und seine Bedeutung, sowohl im literarischen Kontext als auch in seiner Aussage. Schütz erwähnt, dass das moralische Dilemma, in dem sich Gawain verstrickt, nicht durch den Autor beseitigt, sondern in einer Ambivalenz belassen wird, „was zu zahlreichen Deutungen geführt hat“ – mit denen sich Tolkien oben auseinandersetzt.

Sodann führt Schütz die diversen englischen Ausgaben des Originals und die Übersetzungen auf. Wirklich erstaunlich ist die Tatsache, dass die erste deutsche Übersetzung erst durch Manfred Markus (Stuttgart) im Jahr 1974 erfolgte. Diese orientiere sich sehr stark am Originaltext, liefere aber nicht die Vorlage für die Prosaübersetzung durch Schütz. Dafür sei vielmehr Davis‘ Mittelenglisch-Übersetzung aus dem Jahr 1967 die Grundlage gewesen (und nicht etwa Tolkiens eigene Übersetzung). Ein kluger Schachzug, denn Schütz lässt sowohl philologische Genauigkeit als auch verklärende Nachdichtung – mit allen stilistischen und sprachlichen Eigenheiten – links liegen, um eine möglichst lesbare und modernen Lesern verständliche Prosafassung vorzulegen.

Die akademischen Geister mögen über den Wert einer solchen Fassung streiten. Den Leser, der mit Akademien nichts am Hut hat, sich aber für literarische Meisterwerke – auch der Fantasy – begeistern kann, wird die Prosafassung aber durch eine verständliche Textgestalt und eine spannende Handlung unterhalten. Überkandidelten Stilfiguren wird hier eine Absage erteilt, so dass man sich beim Lesen auf die Story konzentrieren kann, ohne sich viel um die Form kümmern zu müssen.

_Unterm Strich_

Die sehr lesbare Prosafassung der mittelenglischen Verserzählung mag den Fantasyleser als klassisches Werk dieses Literaturzweigs ebenso interessieren wie als Werk des arturischen Legendenkreises. Letzten Endes halten sich jedoch die phantastischen Elemente dessen, was Tolkien als „Märchen“ zu bezeichnen beliebt, ein wenig in Grenzen. Statt wie sonst den Helden als magiebegabt dazustellen, ist es umgekehrt: Der Held wird Opfer der Magie von Morgan le Fay und muss sich mit den verfügbaren Mitteln verteidigen.

Diese bestehen (in drei Kategorien) einerseits aus höfischer Sitte und Anstand, andererseits aber aus christlichen Moralgesetzen. An den Widersprüchen dieser Vorgaben scheitert unser braver Ritter, und das dient dem Autor zur Kritik an den höfischen Wertvorstellungen seiner eigenen Zeit – nach dem Motto: Erziehen wir unsere künftigen (Thron-)Erben eigentlich nach den richtigen Idealen? Keine müßige Frage. Sie stellt sich jedem frischgebackenen Elternpaar aufs Neue.

Tolkiens Essay spricht wohl eher Leser mit literaturwissenschaftlichen Interessen an, ist aber durchaus verständlich formuliert und mit Anmerkungen erweitert. Die beiden Übersetzer haben jedenfalls in ihrer jeweiligen Kategorie saubere Arbeit geleistet. Ich konnte keine Fehler finden. Nur manchmal fiel es mir schwer, im Text die Hochzahl zu einer bestimmten Anmerkung zu finden. Sie sind mitunter in den zitierten Versen versteckt oder unter den Angaben, an welcher Stelle der 2500 Zeilen des Gedichtes man sich gerade befindet.

Tolkien, John Ronald Reuel – Briefe vom Weihnachtsmann, Die

_Abenteuer am Nordpol: Von Elfen und Kobolden_

Von 1920 bis etwa 1940/41 schrieb Professor Tolkien für seine vier Kinder ganz besondere Briefe zu Weihnachten: die Briefe vom Weihnachtsmann. Hier erfuhren sie, was sich an sonderbaren, lustigen oder auch beängstigenden Begebenheiten am Nordpol zutrug. Auch mit Elfen.*

_Der Autor_

Professor John R. R. Tolkien (1892-1973) hat das „wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts“, so die Umfrageergebnisse, geschrieben: „Der Herr der Ringe“ (1954/55). Doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Seit 1916, als er noch in den Schützengräben Frankreichs und später im englischen Lazarett lag, schrieb er an seiner privaten Mythologie, die die riesige Leinwand bildet, vor der sich die Handlung von [„Der Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=22 und HdR abspielt.

_Der Sprecher_

Der Theaterschauspieler Christian Hoening erzählt mit verschieden hohen Stimmen vom Nordpol: Der Weihnachtsmann spricht in mittlerer, normaler Tonlage. Während der Elf Ilbereth in einer recht hohen Stimme spricht, brummelt der Nordpolarbär in der tiefsten Tonlage, die Hoening zustande bringt. Kinder werden darüber entzückt sein. Ansonsten befleißigt sich Hoening einer klaren, akzentuierten Aussprache. Wird das erzählte Geschehen also dramatischer, merkt man das auch.

_Inhalte_

John junior, Michael, Priscilla und schließlich der etwas schwächliche Christopher (der später seines Vaters Werke komplett herausgab und veröffentlichte) – sie alle hatten das Glück, vom Weihnachtsmann alljährlich einen Brief zu erhalten, komplett mit einer oder mehreren Zeichnungen. Diese oftmals wunderbar detailfreudigen und witzigen Zeichnungen sind im Booklet des Hörbuchs abgedruckt, in hervorragender Qualität und mit Vergrößerungen.

Mit diesen Briefen folgte Professor Tolkien einer Familientradition. Lange Jahre waren die Werke weggesperrt, bis sie von Baillie Tolkien im Jahr 1976 veröffentlicht wurden. Darunter befinden sich manchmal recht umfangreiche Episteln, deren Vorlesen mitunter länger als fünf Minuten dauert: Minidramen. Das gesamte Hörbuch ist dadurch rund 65 Minuten lang, denn es umfasst alle Briefe ab 1925.

|Wovon der Weihnachtsmann und der Elf erzählen|

Der Weihnachtsmann, Father Christmas, lebt am Nordpol, aber nicht allein: Ihm leisten die Rentiere und der Nordpolarbär namens Karhu Gesellschaft. Dieser allerdings neigt zu Schabernack, denn er ist erstens sehr neugierig und zweitens unvorsichtig. Der North Pole ist ein richtiger „pole“, das heißt ein Mast von beträchtlicher Höhe. Einmal führt einer von Polarbärs Streichen dazu, dass dieser Mast direkt auf Father Christmas‘ Haus fällt. Es muss verlegt werden. (1925) Er ist auch schuld, dass manche Geschenke so spät oder gar verkehrt bei den Kindern eintreffen: Knabensachen für Mädchen – nicht auszudenken!

Father Christmas ist genau wie Gandalf und die Hobbits ein großer Fan von Feuerwerk. Einmal schafft es Polarbär, dass alle Raketen gleichzeitig losgehen (1929). Später kommen auch die beiden Neffen Karhus zu Besuch; Paksu und Valkotukka (das klingt sehr finnisch; ist es wohl auch: „paksu“ bedeutet „fett“), wollen aber nie wieder weg.

Weil die Arbeit immer mehr wird, nimmt sich der Weihnachtsmann einen Sekretär: den Schnee-Elfen Ilbereth. In den späteren Briefen aus den dreißiger Jahren ist häufiger vom Elfenvolk die Rede, wenn es darum geht, das Haus und die Vorratskeller gegen Angriffe der bösen Kobolde zu verteidigen. Auch Rote Zwerge, Schneemänner und Höhlenbären kommen vor. Dieses ganze Personal erinnert schon ziemlich an die Figuren im „Hobbit“, der 1937 mit großem Erfolg veröffentlicht wurde.

|Der letzte Brief|

In England herrscht seit zwei Jahren Krieg, und die deutsche Luftwaffen bombardiert eine Großstadt nach der anderen – bis Sommer ’41. Der Weihnachtsmann beklagt die mangelnden Lebensmittelvorräte, die zunehmende Not und die fortwährende Angst vor den Angriffen. Die Kobolde, die erstmals 1932 und 1933 massiert auftraten, sind offenbar auf dem Vormarsch. Der Brief von 1938 und der letzte Brief weisen nur noch sehr einfache Illustrationen auf. Der Spaß ist vorbei.

_Mein Eindruck_

Mit seinen unauffällig platzierten, aber stilecht mit der Briefmarke der Nordpolpost frankierten Briefen hat Tolkien nicht nur seinen eigenen Kindern eine Freude gemacht. Allerdings wurde das spätere Buch nicht so ein Bestseller wie der „Herr der Ringe“, denn vor allem Kinder ab 6 Jahren werden dafür zu begeistern sein: Sie glauben noch an den Weihnachtsmann.

Und so erfahren sie, was er bei der Erfüllung seiner anspruchsvollen Aufgabe erlebt, welche Pannen bei den schwierigen Weihnachtsvorbereitungen passieren können – woran der Polarbär nicht ganz unschuldig ist – und warum es einige Weihnachtsfeste fast nicht gegeben hätte.

Dass sich die Wirklichkeit außerhalb der kuscheligen Mauern des Tolkienschen Professorenheims nicht ganz aussperren ließ, dürfte einleuchten. Und so finden sich eben auch (verschlüsselte) Hinweise auf das politische Geschehen in Europa in den Jahren 1932/33 und 1938-1941. Ich denke da vor allem an das Auftauchen der Kobolde (goblins) in Father Christmas‘ Haus. Diesen stehen die guten Geister und Helfer, die Elfen, entgegen. Sie sorgen dafür, dass alle Kämpfe gut ausgehen.

|Der Sprecher; ein Tipp|

Christian Hoening und seine Arbeit an diesem Hörbuch habe ich bereits vorgestellt. Er erfüllt seine Aufgabe anstandslos. Man hört ihm gerne zu.

Allerdings sollte man nicht alle Briefe auf einmal anhören, sondern höchstens drei bis vier hintereinander. So erinnert man sich auch später noch an das Erzählte.

_Unterm Strich_

Ich bin mit diesem Hörbuch rundum zufrieden. Auf der CD befinden sich immerhin 65 Minuten gut gesprochene Lesung, und das sauber getextete und gedruckte Booklet enthält alle zu den Briefen gehörenden Illustrationen Tolkiens, mitsamt vergrößerten Ausschnitten.

Das Hörbuch eignet sich für Kinder ab 6 Jahren und ist ein nettes Weihnachtsgeschenk. Vielleicht kann es auch als Vorbereitung auf den „Hobbit“ dienen, den es ja auch als Hörbuch gibt. Der ist aber mit einer Laufzeit von 276 Minuten ein größeres Kaliber.

|Originaltitel: The Father Christmas Letters, 1976
The Father Christmas Letters, 1976|

J.R.R. Tolkien – Der Fall von Gondolin. Mit Illustrationen von Alan Lee. Herausgegeben von Christopher Tolkien

Der Meisterplan des Wassergottes

„Die dritte große Geschichte aus dem Ersten Zeitalter von Mittelerde.

Zwei der größten Mächte liegen in unerbittlichem Streit; auf der einen Seite Morgoth, die Verkörperung des Bösen, und auf der anderen Ulmo, der Herr aller Gewässer. Im Mittelpunkt steht die verborgene Elben-Stadt Gondolin, denn ihr König wird von Morgoth mehr als alles andere gehasst. Da wird der junge Tuor von Ulmo ausgesandt, und er macht sich auf den Weg nach Gondolin, um König und Bewohner zu warnen.

Dieser Band enthält zahlreiche Farbgemälde und Zeichnungen des berühmten Tolkien-Illustrators Alan Lee.“ (gekürzte Verlagsinfo)

Wie schon der Band „Beren und Lúthien“ folgt diese Darstellung der Entwicklung und Verwandlung einer einzigen Geschichte des Ersten Zeitalters von der Entstehung im Ersten Weltkrieg bis zu den letzten Arbeiten, die leider unvollendet blieben. Das Verfahren unterscheidet sich also fundamental von „Das Silmarillion“ (1977) und „History of Middle-Earth“ / „Nachrichten aus Mittelerde“ (achtziger Jahre).
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Duriez, Colin – Tolkien und C. S. Lewis – Das Geschenk der Freundschaft

_Zwei Autoren in christlicher Mission, kritisch betrachtet_

Es gibt schon eine Reihe von Biografien über Lewis, den Schöpfer der Narnia-Chroniken, und Tolkien, den Schöpfer von Mittelerde. Das vorliegende Buch ist jedoch eine Biografie der besonderen Art: Nicht nur unternimmt es der Autor, gleich zwei Schriftsteller zu porträtieren, sondern auch noch ihre persönliche und literarische Wechselwirkung so zu würdigen, dass unser Verständnis von ihrer beider Werk erhöht und erweitert wird. Man sollte beachten, dass „Der Herr der Ringe“ ohne das Drängen C. S. Lewis’ nie vollendet worden wäre. Was sich Duriez vorgenommen hat, ist zweifellos eine anspruchsvolle Aufgabe. Mal sehen, ob er sie bewältigen konnte.

_Der Autor_

Colin Duriez hat laut Verlag sowohl über Tolkien als auch über C. S. Lewis und ihr jeweiliges Werk geforscht und gelehrt. „Er ist in Narnia und Mittelerde zu Hause und lebt in einem Haus voller Bücher in Leicester, England.“ Sein Buch erschien trotzdem zuerst in New Jersey, USA.

_Die vorgestellten Autoren_

|John Ronald Reuel Tolkien|

… wurde 1892 im südafrikanischen Bloemfontein geboren, übersiedelte aber schon zwei Jahre später nach England in die Nähe von Birmingham. Schon früh erweckte seine Mutter in ihm eine Vorliebe für Sprachen, er entwickelte eigene Sprachsysteme, so etwa zwei für Elben, eines für Zwerge und mehrere für Menschen. Sein Studium der englischen Sprache und Literatur in Oxford bestand er mit Auszeichnung. 1916/17 kämpfte er in Frankreich, wurde verwundet und lag längere Zeit im Lazarett, wo er anfing, seine Privatmythologie niederzuschreiben (gesammelt in den „Verschollenen Geschichten“). Danach ging er als Lektor und später Professor an die Uni Leeds, dem sich eine 34-jährige Laufbahn als Professor für Angelsächsisch in Oxford anschloss.

1937 erschien mit [„The Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=481 sein erster Bucherfolg, der ihn bekannt machte. Als sein Veleger eine Fortsetzung bestellte, begann Tolkien „Der Herr der Ringe“ zu schreiben. Er brauchte nach drei Anläufen insgesamt zwölf Jahre dafür. Doch obwohl der 1000-Seiten-Roman 1949 fertig war, konnte er wegen Papierknappheit erst 1954 und 1955 in drei separaten Bänden erschien. Dadurch erschien der Roman als eine Trilogie, was er keineswegs ist.

Nach Tolkiens Tod 1973 arbeitete sein Sohn Christopher den umfangreichen Nachlass auf. Das Ergebnis erschien 1978 unter dem Titel [„The Silmarillion“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408 Es enthält Schöpfungsmythen, Heldensagen und zahlreiche Gedichte sowie Anhänge.

|Clive Staples Lewis|

…, der von 1898 bis 1963 lebte, war ein Freund und Kollege Professor J. R. R. Tolkiens (mehr dazu weiter unten). Dass dieser zufällige Umstand ihn auszeichnen soll, lässt darauf schließen, dass er im Bewusstsein der gegenwärtigen Leser hinter seinem bekannter gewordenen Kollegen zurückgetreten, wenn nicht sogar fast verschwunden ist. Tolkiens Stern leuchtet heller.

Dabei hat Lewis sowohl in der Fantasy als auch Science-Fiction Spuren hinterlassen. Auch in der Philosophie und Theologie schrieb er bekannte und gelobte Werke. Doch lediglich die „Chroniken von Narnia“, Fantasy für kleine und große Kinder, wurde auch verfilmt. Die Science-Fiction-Trilogie [„Perelandra“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1665 ein ambitionierter Weltentwurf, ist eben zu sperrig und dialoglastig für den heutigen Geschmack.

Viel ist in die Narnia-Romane hineingedeutet worden. Dies muss nicht alles wiederholt werden. Feststeht aber, dass die Narnia-Chroniken seit über 50 Jahren in Großbritannien zum Standard der Jugendliteratur gehören, und das sicher nicht ohne Grund – sie verbinden Abenteuer und Wunder mit einer christlichen Botschaft.

Hier kommen altbekannte Fantasythemen zum Tragen, so etwa der Gegensatz zwischen Gut und Böse. Außerdem ist Narnia eine Parallelwelt, die durch ein Tor erreicht wird; es gibt sogar Zeitreisen und andere Dimensionen. Die Bücher werden als christliche Allegorien interpretiert, aber das würde ihnen wenig gerecht: Sie sind hervorragende und bewegende Geschichten – wenn auch mit sprechenden Tieren.

Mehr Infos sind auf http://www.narnia.com und http://www.narnia-welt.de zu finden.

_Inhalte_

1) Im ersten Kapitel „Prägejahre“ wird der Zeitraum von 1892, dem Geburtsjahr Tolkiens, bis 1925, als sie sich zum ersten Mal begegneten, betrachtet. Wer über die Biografie der Autoren detailliert Bescheid weiß, kann diesen Abschnitt überspringen. Tolkien liebt seit 1907/08 Edith Bratt, doch 1909 wird ihr Verhältnis entdeckt und sie werden getrennt. Er wird sich erst 1914 mit ihr verloben können, nachdem sie zu seiner römisch-katholischen Kirche übergetreten ist. Erst zwei Jahre später können sie heiraten. Dies ist unter dem Aspekt des Beren-Lúthien-Motivs bedeutsam.

Lewis hingegen heiratete erst 1956, als erst schon 58 war. Beide aber waren Soldaten im Ersten Weltkrieg: Tolkien erkrankte 1916 am Grabenfieber und verlor alle seine Jugendfreunde, im April 1918 wurde Lewis schwer verwundet, so dass er bereits für tot gehalten wurde. 1924 sind beide bereits Profi-Dozenten: Tolkien ist in Leeds Professor für Englische Sprache geworden (nach drei Jahren Assistenzprofessur), Lewis vertritt einen Professor in Oxford, wird 29 Jahre lang Fellow in Oxford, bekommt einen eigenen Lehrstuhl aber erst 1954 – in Cambridge (auf Drängen Tolkiens hin).

2) Das zweite Kapitel trägt den Titel „Begegnung in Geist und Fantasie: ‚Tolkien und ich sprachen über Drachen …'“ und deckt die Jahre 1926 bis 1929 ab. Zu dieser Zeit war C. S. Lewis noch ein Atheist, und seine Begegnung mit einem strenggläubigen Katholiken wie J. R. R. Tolkien verlief alles andere als reibungslos.

1925 bekam Tolkien eine Oxford-Professur für Angelsächsisch. Für den 11. Mai 1926 wird die erste Begegnung der beiden Dozenten dokumentiert. Nachdem er sich drei Jahre lang mit Tolkiens Ansichten und dessen Glauben auseinandergesetzt hat, wird Lewis zunächst Theist: Es gibt einen Gott – aber wie sieht er aus? Am 25.9.1929 stirbt sein Vater in Belfast (Lewis ist Nordire).

Seit 1912 erfindet Tolkien neue Sprachen auf der Grundlage des Walisischen (Sindarin) und des Finnischen (Quenya), dann beginnt er mit seiner privaten Mythologie 1916. Ende 1929 zeigt er Lewis seine „Skizze der Mythologie“ und ein langes Erzählgedicht mit dem Titel „Lay of Leithien“, der es in der Nikolausnacht komplett durchliest.

3) Eine Welt aus Geschichten: „Mythopoeia“ (1929-1931)

1930 oder 1931 beginnt Tolkien mit „Der kleine Hobbit“, das 1937 zu einem großen Kinderbucherfolg werden soll. Am 19./20. September 1931 kommt Lewis zu der Überzeugung, dass der christliche Glaube wahr sein muss. Am 28. September 1931 erlebt er auf der Fahrt im Beiwagen eines Motorrads, das sein Bruder Warren steuert, eine Epiphanie und kehrt zum 1911 verlorenen christlichen Glauben zurück.

4) Die dreißiger Jahre: Der Kontext der imaginativen Orthodoxie

Ende 1932 gibt Tolkien seinem Freund Lewis eine unvollständige Erstfassung des „kleinen Hobbits“ zu lesen. Lewis ist begeistert. Er hat bereits 1931 mit der Niederschrift eines eigenen Fantasy-Romans begonnen, der den seltsam programmatisch klingenden Titel „Flucht aus Puritanien“ trägt. Lewis tut sich in zahlreichen Debattierklubs der Universitätsstadt hervor, um seinen christlichen Glauben zu festigen. Er unterliegt in all den Jahren nur ein einziges Mal: gegen eine Frau!

5) Beginn der „Inklings“: Geteilte Freundschaft? (1933-1939)

Im Herbst 1933 versammelt Lewis zum ersten Mal einen Freundeskreis, der sich den Namen „Die Inklings“ gibt. Er ist die Fortsetzung des Literatenkreises „The Coalbiters“. Die Inklings treffen sich meist in einem Pub namens „The Child and Eagle“, den sie in ihrer despektierlichen Art stets „The babe and bird“ nennen. Bedeutende Literaten wie Charles Williams und Dorothy L. Sayers versammeln sich hier, aber auch Nichtschriftsteller wie der Philosoph Owen Barfield. 1936 erhält Lewis erstmals einen Brief von Williams, der sich für die positive Besprechung seines Romans „Die Stätte des Löwen“ bedankt. Tolkien wurde stets „Ronald“ genannt und Lewis immer „Jack“.

1936 rehabilitiert Tolkien vor wichtigen Mitgliedern der British Academy „Beowulf“ und die Märchen in seiner Vorlesung „Beowulf: Die Ungeheuer und ihre Kritiker“. Er vertieft diesen Ansatz 1939 in der Vorlesung „Über Märchen“. Beide Autoren entwickeln ihr literarisches Programm weiter, das sie in „Mythopoeia“ konzipierten.

6) Zweimal hin und wieder zurück: „Flucht aus Puritanien“ und „Der kleine Hobbit“ (1930-1937)

1931 schreibt Lewis das Buch „Flucht aus Puritanien“, das den Originaltitel „The Pilgrim’s Regress: A Allegorical Apology for Christianity, Reason and Romanticism“ trägt. Das Buch erscheint am 25. Mai 1933. Es ist sein drittes nach „Spirits in Bondage“, das er 1919 unter Pseudonym veröffentlichte, und „Dymer“ (1926). Am 21. September 1937 erscheint „The Hobbit or There and Back Again“. Die zahlreichen Parallelen zwischen diesen beiden Werken nimmt der Autor zum Anlass, sie detailliert zu vergleichen. Lewis‘ Allegorieroman ist heute nur noch Insidern geläufig, doch der „Hobbit“ soll von Peter Jackson verfilmt werden. Das sagt schon alles über das Urteil der Nachwelt.

7) Raum, Zeit und der „Neue Hobbit“ (1936-1939)

Im Dezember 1937 beginnt Tolkien mit dem „Neuen Hobbit“, der 17 Jahre später unter dem Titel „Der Herr der Ringe“ erscheinen soll. Er verwirft mehrere Anfänge, bevor er richtig loslegen kann. (Vergleiche dazu Tom Shippey: [„J. R. R. Tolkien – der Autor des Jahrhunderts“.)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1653 Lewis und die Inklings sind von Anfang eingeweiht, denn jeder weiß, dass auf den erfolgreichen „Hobbit“ eine Fortsetzung folgen muss.

1936 veröffentlicht Lewis sein Sachbuch „The Allegory of Love. A study in medieval tradition“, und 1938 beginnt er mit „Out of the Silent Planet” seine Perelandra-Trilogie, in der er SF-Motive mit christlichen Begriffen wie Himmel, Hölle, Engel, Satan usw. verbindet, allerdings nicht in alter Nomenklatur, sondern verkleidet. Der zweite Roman „Perelandra“ erscheint 1943 und „That Hideous Strength“ 1945. Obwohl inzwischen etwas unterbewertet, setzt sich hier Lewis mit den gleichen Themen wie Tolkien in „Herr der Ringe“ auseinander, so etwa mit Macht, Glaube und Freundschaft sowie mit der Natur des Bösen.

8) Der zweite Weltkrieg und danach: Charles Williams kommt nach Oxford (1939-1949)

Eine schwere Zeit für Tolkien, denn zwei seiner Söhne kämpfen in diesem Krieg auf Seiten der alliierten Truppen. (Er hat vier Kinder.) Er arbeitet weiter am „Herrn der Ringe“ und wird 1949 mit der ersten Fassung fertig. Lewis beginnt 1940 mit seinen Vorträgen vor der Royal Air Force, die er bis 1941 fortsetzt. Ab dem 6. August 1941 – die deutsche Wehrmacht hat Russland überfallen – hält er nicht weniger als fünfundzwanzig Radioansprachen bei der BBC.

Am 14.10.1940 erscheint sein Buch „Über den Schmerz“ und Charles Williams , der seit 1939 in Oxford lebt, veröffentlicht 1942 „The Forgiveness of Sin“. Beide Bücher sind den Inklings gewidmet. Tolkien jedoch widmet Lewis sein humorvolles Büchlein „The Screwtape Letters“ bzw. „Dienstanweisung an einen Unterteufel“, das bis heute sein populärstes Werk überhaupt geblieben ist. 1944 hält er Vorlesungen über Literatur in Cambridge. Am 15.5.1945 stirbt Williams unerwartet. Im Herbst wird Tolkien zum Professor für Englische Sprache und Literatur in Oxford berufen. Am 20. Oktober 1949 wird das letzte literarische Treffen der Inklings verzeichnet. Man trifft sich weiterhin informell bis zu Lewis‘ Tod 1963.

9) Der Kleiderschrank des Professors und die Zauberringe (1949-1963)

Ein erstes Manuskript von Tolkien „The Silmarillion“ wird mit Bedauern abgelehnt. Dieses Werk ist keinesfalls mit „The Hobbit“ zu vergleichen. Noch vier Jahre bis zum „Herrn der Ringe“. Bei Lewis läuft es besser: Er bringt den [ersten Roman]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1758 seiner „Narnia-Chroniken“ im Jahr 1950 heraus und sechs weitere sollen folgen. Zunächst ist Tolkien skeptisch, weil ihm zu viele Allegorien – die er grundsätzlich ablehnt – darin vorzukommen scheinen, doch allmählich ändert er seine Meinung.

Lewis‘ Ruhm verbreitet sich besonders in den USA rasch, nachdem ein Artikel im „TIME Magazine“ 1947 beträchtlich zu seiner Bekanntheit beigetragen hat. Am 10. Januar 1950 erhält er einen Brief der 34-jährigen US-Schriftstellerin Helen Joy Davidman Gresham. Offensichtlich ist sie verheiratet. Wie schade! Im September 1952 trifft er sie zum ersten Mal persönlich.

10) Überrascht von Cambridge und enttäuscht von Joy (1954-1963)

Lewis verliebt sich in die unglücklich verheiratete Frau, schreibt ein Buch über diese Liebe („Surprised by Joy“, 1955) und heiratet die Geschiedene 1956 standesamtlich, ein Jahr später auch kirchlich, nachdem man bei ihr Krebs festgestellt hat. Im Oktober 1959 wird eine Remission festgestellt, 1960 liegen sie und Edith Bratt gemeinsam im Krankenhaus. Am 13. Juli stirbt sie und hinterlässt ihm ihre beiden Söhne. Am 15. Juni 1963 erleidet Lewis einen Herzanfall, doch er stirbt erst am 22. November, nur wenige Tage nach der Ermordung von John F. Kennedy. Es erscheinen weitere Bücher von ihm und über ihn.

1959 hält Tolkien seine Abschiedsrede in Oxford und widmet sich fortan ganz seinen literarischen Projekten. Das „Silmarillion“, sein Lebenswerk, ist immer noch nicht erschienen. Ab Sommer 1966 hilft ihm dabei Prof. Clyde S. Kilby.

11) Abschied von den Schattenlanden (1963-1973)

Nach dem Erscheinen der Raubdruck-Taschenbuchausgabe von „Der Herr der Ringe“ nimmt Tolkiens Ruhm, der schon zuvor beträchtlich gewachsen war, erheblich zu und gewinnt gelegentlich groteske Formen. „Frodo lives“ und „Gandalf for president“ steht auf Buttons der US-Studenten. Für die Bearbeitung der Briefzuschriften muss Tolkien eine Sekretärin einstellen. Fans belagern sein Haus, so dass die Tolkiens 1968 in das beschauliche Seebad Bournemouth ziehen.

12) Die Gabe der Freundschaft: „Wer hätte sie verdient?“

Am 29. November 1971 stirbt Edith Bratt Tolkien, und Tolkien kehrt nach Oxford zurück. Am 28. März 1972 erhebt ihn die Königin in den Rang eines Commander of the British Empire (CBE). Am 2. September 1973 stirbt Tolkien in Bournemouth. 1977, nach Jahren des Editierens, gibt Christopher Tolkien endlich „Das Silmarillion“ heraus, dann folgen die Ergänzungsbände „The History of Middle-Earth“ (zwölf Bücher), „The Book of Lost Tales“ und „Unfinished Tales“. Im April 2007 erscheint mit „Die Kinder Húrins“ die erste vereinheitlichte Romanversion von „Das Silmarillion“.

|Anhänge|

A) Kurze Zeittafel zu Tolkien und Lewis

Ich habe mich in meiner obigen Darstellung auf diese Zeittafel gestützt. Es sind natürliche noch viele weitere Daten enthalten, denn sie reicht vom Jahr 1857, als Tolkiens Vater Arthur Reuel in Birmingham geboren wurde, bis zum Jahr 2003, als das Buch entstand.

B) In seinem kurzen Essay führt der Autor in gedrängter Form Gründe für „Die anhaltende Popularität von Tolkien und Lewis“ auf – es ist eine verdichtete Form der Darlegungen aus den Hauptkapiteln und äußerst nützlich, um entsprechende Argumente für Tolkiens und Lewis‘ heutige Bedeutung zu erhalten. Kritik ist hier eher weniger gefragt.

Danach folgenden die bibliografischen Anmerkungen, also Endnoten statt Fußnoten – notwendig für Wissenschaftler. Es schließt sich eine recht vollständige und aktuelle Bibliografie der Tolkienschen und Lewis’schen Werke an, darauf folgt die Bibliografie der Sekundärliteratur. Den Abschluss bilden Quellenverweise des Autors. Einen Index sucht man vergeblich.

_Mein Eindruck_

Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus diesem Buch mitgenommen habe und an die ich mich erinnern kann, ist folgende: Der strenggläubige Katholik Tolkien betrachtete das Neue Testament der Bibel als eine wahre Geschichte. Dies muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, um die Idee in all ihren Weiterungen zu begreifen. Denn wenn es Jesus wirklich gegeben hat und er Gottes Sohn war, dann gab es auch all die Wunder, von denen uns die Evangelisten berichten. Das ist der Aspekt der Wahrheit. Das ist die „history“.

Hinzukommt der Aspekt der Geschichte als „story“: Hier haben Leute von einem Mann berichtet, den sie gar nicht selbst kennen gelernt hatten, und sie berichteten in einer Sprache, die er gar nicht selbst sprach. Jehoschua von Nazareth sprach Aramäisch, die Evangelisten hingegen überlieferten ihre Chroniken in Griechisch, der Handelssprache der Antike.

Es kann also durchaus sein, überlegte Tolkien zusammen mit Lewis, dass es erstens Bearbeitungen gab und dass uns nicht die ganze „story“ überliefert wurde. Noch dazu in einer Sprache und Form, die in einer gottlosen Zeit wie den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg von der Mehrheit der britischen Intellektuellen abgelehnt wurde. Wer wollte schon etwas von Lazarus hören, wenn auf den Straßen die Bettler verhungerten? Soziales Engagement und Reformen waren gefragt, nicht salbungsvolles Geseiere von der Kanzel herab. Die Welt schien Werte wie Liebe, religiösen Glauben und Hoffnung endgültig auf die Müllkippe der Geschichte geworfen zu haben. Statt dieser Werte gab es neue Götzen, die sich Hitler, Stalin, Franco und Mussolini nannten und absolute Unterwerfung forderten.

|Einfluss Tolkiens auf Lewis|

Was offenkundig nötig war, bestand in einer Erneuerung des Glaubens in einer fiktional relevanten Form. Das Erstere fand schon 1931 bei Lewis seinen Anfang (s. o.) und die Fiktionalisierung nahm in der Folge immer größere und verzweigtere Formen an. Wenn das Neue Testament Wahrheit, Wunder und „story“ in glaubwürdiger Form für Milliarden von Christen darstellt, warum soll es dann nicht gelingen, ein Wunder in einer „Story“ so zu verpacken, dass es wie Wahrheit aussieht?

Dieses Vorhaben war zu keinem Zeitpunkt zynisch gemeint, als Unterhaltung von Intellektuellen etwa, sondern als eine Art Missionierung auf dem Wege der erzählenden Literatur. Bei Lewis nahm dies auch Formen einer Predigt in Selbstbekenntnissen an, aber Tolkien hielt sich davon fern. Er war ein Mann der Geschichten, die aus uralter Zeit zu uns gekommen sind: die Götter-, Helden- und Familien-Sagas Islands, die Heldengedichte um Siegfried, Artus und Beowulf, Epen wie das finnische „Kalevala“ – dies war seine Welt.

Von all diesen Einflüssen sind Spuren in seinen Werken nachgewiesen worden. Dazu lese man am besten Tom Shippeys kritisch würdigende Sachbücher „The Road to Middle-Earth“ (noch unübersetzt!) und „Tolkien – Autor des Jahrhunderts“ (|Klett-Cotta|). Beide Autoren verstanden sich als Schöpfer von Sekundärwelten, man nenne sie Mittelerde, Narnia oder Perelandra – stets bilden sie einen geschlossenen Kosmos, in dem eigene Gesetze gelten, die aber dennoch für den hiesigen und heutigen Leser nachvollziehbar dargestellt werden.

|Lewis‘ Einfluss auf Tolkien|

Der Einfluss Tolkiens auf seinen Freund Lewis ist in dessen Romantrilogien und Narnia-Chroniken unübersehbar, aber wie sieht es mit dem Einfluss des ursprünglichen Atheisten Lewis auf Tolkien aus? Ich sehe nun Lewis in einer vermittelnden Funktion: Er machte Tolkien nicht nur mit maßgeblichen Schriftstellern und Philosophen wie Owen Barfield und Charles Williams bekannt. Nein, er trommelte stets auch für die Anerkennung von Tolkiens Werken, und sein Wort hatte als Dozent und langjähriger Kritiker Gewicht, nicht nur bei den Akademikern, sondern auch in der breiten Masse der Zeitungsleser.

Seine dritte Aufgabe sehe ich in der permanenten Unterstützung des Freundes beim Schreiben. Ohne Lewis‘ Drängen wäre „Der Herr der Ringe“ nicht fertig geworden und wir müssten uns heute mit ähnlichen Bruchstücken wie mit dem „Silmarillion“ begnügen. Bei den Diskussionsrunden der Inklings übernahm „Jack“ gerne den Vorsitz, denn er verfügte über die mit Abstand lauteste Stimme (man denke an „Baumbart“) und jemand führte Protokoll, während bis 1949 meist Tolkien aus seinem Manuskript des „Herrn der Ringe“ vorlas. In dieser Eigenschaft des Vorsitzenden lancierte Lewis das entstehende Mammutwerk in die akademische Öffentlichkeit und lieferte in umgekehrter Richtung kritische Anmerkungen an den Autor Tolkien.

|Defizite dieses Buches|

Die Anhänge sind teils dem wissenschaftlichen Anspruch des Buches geschuldet, teils der „populären Bedeutung“ der beiden Autoren. Für das vollkommene Bild und die optimale Brauchbarkeit des Buches fehlt aber ein Stichwortverzeichnis. Auch Fotos wären sehr willkommen gewesen. Diese findet man in der Tolkien-Biografie von Humphrey Carpenter und in der Lewis-Biografie von Michael Coren (ebenfalls bei |Brendow| erschienen).

_Unterm Strich_

Es gibt einen C. S. Lewis Literaturpreis, aber keinen Tolkien-Literaturpreis. Dennoch hat Tolkien zweifellos wesentlich mehr Jünger, Anhänger und Nachfolger gefunden als sein langjähriger Freund und Mitstreiter. Dabei wäre der „Herr der Ringe“, der Tolkiens Ruhm und Popularität eigentlich erst begründete, ohne Lewis‘ Drängen und Fördern nicht fertig geworden, sondern Fragment geblieben. Beide Autoren unterstützten einander, wie sich das für Freunde gehört, aber sie kritisierten einander auch. Das ist für den Vorgebildeten manchmal spannend zu lesen, manchmal aber auch mit etwas Leerlauf verbunden. Die Schilderung von Lewis‘ Lebensumgebung in Oxford fand ich besonders uninteressant, obwohl sie seine Narnia-Bücher entscheidend beeinflusste.

Dieses Bild der zwei Autoren und ihres Verhältnisses zueinander vermittelt der Autor Duriez nicht ohne eigene kritische Distanz, vor allem gegenüber dem in vielen Büchern und Ansprachen oftmals predigenden Lewis. Das Bild ist ein echter Gewinn für den Kenner der beiden Autoren. Dass sich Duriez‘ Darstellung nachvollziehen und überprüfen lässt, verdanken wir seiner peniblen wissenschaftlichen Arbeit, die sich in den Anhängen niederschlug. Obwohl beide Autoren sich als Christen mit einer Mission verstanden, springt der Autor Duriez nicht auf diesen wohlfeilen Zug auf, sondern betrachtet die Zugfahrt aus sicherem Abstand, der alleine auch glaubwürdige Kritik erlaubt.

Das Buch wendet sich an Literaturwissenschaftler und weniger an Fans, die sich näher mit Tolkiens oder Lewis‘ Werk beschäftigen wollen. Der Laie findet hier vielmehr das philosophische und theologische Fundament erörtert, auf dem diese Werke entstanden. Außerdem handelt es sich um zwei parallele geführte Biografien. Doch jede Einzelbiografie ist ausführlicher, als es Duriez hier möglich ist. Insofern bietet das Buch eine bislang einzigartige Ergänzung im Kanon der bestehenden Sekundärliteratur über diese beiden maßgeblichen Autoren des 20. Jahrhunderts.

|Originaltitel: Tolkien and C. S. Lewis. The Gift of Friendship, 2003
304 Seiten
Aus dem US-Englischen von Christian Rendel|
http://www.narnia-welt.de
http://www.brendow-verlag.de/

Smith, Chris – Herr der Ringe, Der: Waffen und Kriegskunst

Unter die Spezialdarstellungen über die Geschichte und den dreiteiligen Film „Der Herr der Ringe“ reiht sich dieses schöne Buch ein. Hier kommen nicht nur Rollenspieler und Tolkienfans voll auf ihre Kosten. Auch Einsteiger können von den historischen Darstellungen profitieren, denn sie erklären Ursachen und Hintergründe des Ringkrieges.

Der Autor und die Einleitungen

Chris Smith: Zu ihm macht der Verlag zwar keine Angaben, aber er war Angestellter der WETA-Workshop-Studios. Ich habe seinen Namen im Abspann von „Rückkehr des Königs“ entdeckt. Als WETA-Mitarbeiter hatte er natürlich hochrangigen Zugang zu allem möglichen Material: Informationen, Bilder, Interviews.
Daher ist es auch keine große Überraschung, dass sein Boss Richard Taylor die Einleitung zu Smiths Buch schrieb, zusammen mit Designer Daniel Falconer, der sämtliche Elbenkostüme und -waffen entwarf (und noch einiges mehr, wie man in den Art-Design-Büchern von Gary Russell feststellen kann). Die beiden liefern keinen Überfliegertext ab, sondern charakterisieren Mittelerde als einen Kontinent des Konflikts.
Die widerstreitenden Völker beschreiben sie in kurzen, prägnanten Sätzen und bringen somit das Thema des ganzen Buches indirekt auf den Punkt: Wie es die in der Minderzahl befindlichen Freien Menschen, die schwindenden Elben des Dritten Zeitalters und schließlich die kleinwüchsigen Hobbits schaffen konnten, gegen Saurons und Sarumans riesige Horden und Völkerschaften zu obsiegen. Und dass den Hobbits dabei eine besondere Rolle zufiel.

Das Vorwort stammt von Saruman-Darsteller Christopher Lee. Wir wissen ja von Peter Jackson, dass Lee eine Kapazität in Sachen Tolkien und besonders „Der Herr der Ringe“ ist, denn, wie Jackson auf der Extended-DVD von Teil 1 verrät, liest Lee dieses Buch jedes Jahr (!) einmal.
Lee erzählt, wie er über verschiedene Sagen und Mythen schließlich zur Lektüre von Tolkiens Büchern gelangte. Er betrachtet sich als Altphilologe, wie einst Tolkien sich selbst. Aus dieser Perspektive erscheint ihm insbesondere „Der Herr der Ringe“ als „Gipfel literarischer Erfindungskraft“. Und die Film-Trilogie Peter Jacksons, an der mitzuwirken er das Privileg gehabt habe (das schrieb er offenbar VOR seinem Boykott!), ist „Filmgeschichte…, die nicht übertroffen werden wird“. Darüber lässt sich trefflich streiten.
Lee charakterisiert das vorliegende Buch in einem Satz: „Viele militärische und historische Einzelheiten sind in [diesem Buch] festgehalten, und Leser dieses Buches werden weitere wertvolle Einsichten in die Geschichte des Ringkrieges gewinnen.“ Diesem Satz zumindest kann ich zustimmen.

Inhalte

Die komplette Darstellung folgt der chronologischen Abfolge der „historischen“ Ereignisse in Mittelerde während des Zweiten und Dritten Zeitalters. Allerdings hat der Autor Prioritäten gesetzt. Daher taucht die Beschreibung von Sauron und dem Einen Ring erst am Schluss auf, obwohl der Ring bereits im Zweiten Zeitalter geschmiedet wurde.

Fangen wir mal klein an: mit den Schlachtplänen und Übersichten

Der Prolog des ersten Films zeigt die letzte jener Schlachten, in der das Letzte Bündnis von Menschen (Númenorer) und Elben nach jahrelangem Krieg (3431-3446 ZA) Sauron besiegte und so das Zweite Zeitalter endete. Dies war die Schlacht auf der Dagorlad und an den Hängen des Schicksalsbergs, in der die Heerführer, der Elb Gil-galad und der Mensch Elendil, starben. Die Karte, die im Buch zu sehen ist, ist ziemlich einzigartig. Nur Karen Fonstad bietet auf Seite 47 (US-Ausgabe, 2. Auflage) ihres „Atlas von Mittelerde“ einen Vorgeschmack darauf, ohne allerdings zu sehr ins Detail zu gehen.
Die zweite entscheidende Schlacht tobt um Helms Klamm (132/133). Dieser Schlachtplan war bereits in Gary Russells Band über das Art Design von Teil 2 zu sehen. Neu ist hingegen der Schlachtplan für den Kampf um Minas Tirith (196/197).
Alle Schlachtpläne sind keine schematischen Darstellungen, sondern wirken wie Gemälde des echten Geschehens. Wir sehen also Nazgul im Bild, Schiffe, Reiter usw. Das lässt die Illustration viel lebendiger wirken. Um dennoch den Überblick zu erhalten, sind die einzelnen Kombattanten in chronologischer Abfolge durchnummeriert. Im Gondor-Schlachtplan fällt die Nummer 1 den Truppen von Minas Morgul zu, die Osgiliath einnehmen und dann weiter vorrücken. Nummer 10 ist den Schiffen aus Umbar vorbehalten, die den Anduin heraufsegeln und eine hübsche Überraschung bereithalten.

Illustrationen und Karten

Wer sich in den Gruben der Zwergenstadt von Moria orientieren will, konsultiert am besten die entsprechende Karte auf Seite 72. Eine Übersicht über die Reichweite von Waffen – ein entscheidender Faktor in der Kampftaktik und Kriegsführung – ist auf Seite 31 zu finden. Am weitesten fliegt ein Pfeil, der von Legolas‘ Galadhrim-Bogen abgeschossen wurde: 400 Meter!
Ein witziger Einfall sind die „echten historischen“ und seltenen Karten, die von den Zwergen und Elben sowie Númenorern angefertigt wurden und dementsprechend deren Schriftzeichen aufweisen. Wir sehen also auf der Zwergenkarte von Moria zwergische Runen oder Cirth. Auf einer númenorischen Karte von West-Mittelerde sind jedoch englische Wörter in elbisch anmutenden Buchstaben eingezeichnet (Seite 1). Auf Seite 145 ist eine elbische Karte von Gondor abgebildet, die elbische Tengwar-Schriftzeichen trägt. Die Krönung ist jedoch die orkische Karte vom Feldzug gegen Gondor, „die bei einer Orkleiche gefunden wurde“ (S. 171).
Ebenso liebevoll sind zahlreiche Design-Details, Entwürfe und Modelle abgebildet, die den diversen Völkern zugewiesen sind. Jede Seite ist gespickt mit grafischen Details, aber streng im Kontext gehalten. Es gibt keinerlei Beliebigkeit der Darstellung, und das ist gut so, denn sie würde Verwirrung stiften.

Historische Darstellungen

Als wirklich „sehr wertvoll“, wie Christopher Lee schreibt, erweisen sich die historischen Darstellungen, die natürlich in Textform vorliegen. Langweilige Zeittafeln gibt es also keine. Diese Ausführungen geben dem Leser, der vielleicht zum ersten Mal mit Tolkiens Universum in Kontakt kommt, nicht nur einen chronologischen Überblick über die Ereignisse im Zweiten und Dritten Zeitalter, sondern erklären auch die Gründe und Ursachen, wie es dazu kommen konnte. Diese Erklärungen muss man sich in den Filmen mühsam erarbeiten – kein Wunder, denn auf der Leinwand will man keine Laberköpfe sehen, sondern Action! So manche Szene, in der Galadriel und Gandalf Zusammenhänge erklären, wurde auf die Extended-DVD verbannt. Dramaturgisch gesehen ist das durchaus sinnvoll. Was einem dabei entgeht, kann man nun hier nachlesen.
Am spannendsten sind dabei vielleicht die letzten Kapitel: Aragorn, Sauron, Der Eine Ring. Dies sind die wichtigsten Teilnehmer an der letzten Auseinandersetzung vor und in Mordor. Mit der Vernichtung des Ring vergeht Saurons Macht in Mittelerde, und Aragorns Aufgabe besteht darin, Frodo die Zeit zu verschaffen, den Ring in das Feuer der Schicksalsklüfte zu werfen. (Die Ironie dabei ist ja, dass Frodo, indem er sich zum Besitzer des Rings erklärt, seine Freunde verrät: Es scheint, als habe der Ring ihn doch noch überwältigt. Und an dieser Stelle kommt zum Glück Gollum ins Spiel. Was nur zeigt, dass Frodo kein Überwesen, sondern „auch nur ein Mensch“ ist.) Die Ausführungen zum Ring sind deshalb so wichtig, weil es anscheinend viele Zuschauer nicht begreifen (können), von welcher Natur der Ring ist.

Beschreibung der Waffen und ihrer Anwender

Für Rollenspieler und solche, die es werden wollen, ist diese Komponente natürlich die wichtigste. Sie erfahren alles, einfach absolut ALLES über die jeweiligen Waffen und ihre Besitzer bzw. Anwender. Hier greift der Autor auf die Fülle an Infos zurück, die ihm nur der WETA Workshop liefern konnte: Hier wurden ja schließlich alle Waffen, Rüstungen, Banner usw. hergestellt.

Elben

Ein typisches Kapitel ist beispielsweise die Beschreibung der „Elben des Zweiten Zeitalters“, die wir im PROLOG sehen. Die – mitunter seitenlangen – Textkästen sind wie folgt eingeteilt: Schild, Bogen, Schwert, Speer, Rüstung.

Gil-galad

Ihr Heerführer Gil-galad wird kurz vorgestellt (inklusive Familienemblem!), dann folgen Textkästen zu Schild, Rüstung und Speer. Dieser Speer allerdings ist berühmt, so wie bei den Menschen die Schwerter. Es handelt sich um Aiglos, zu deutsch „Eiszapfen“. Diese Waffe wird detailliert beschrieben, wozu auch die magische Inschrift gehört – denn diese Inschriften verliehen allen elbischen Waffen, etwa Andúril oder Narsil, zusätzliche Macht: „Gil-galad führt einen prächtigen Speer; Der Ork wird meine eisige Spitze fürchten. Wenn er mich erblickt in Todesfurcht, Wird er meinen Namen kennen: Aiglos.“ (Ich lasse die elbische Variante weg.)

Berühmte Schwerter

Für Tolkienfans ebenso interessant sind die Schwerter von Elendil (Narsil), Elrond (Hadhafang), Gandalf (Glamdring; es gehörte einst dem König von Gondolin), Isildur, Théoden und Frodo (Stich). Besonderes Augenmerk gilt Aragorn Schwert Andúril und seinem restlichen Arsenal, dem noldorischen Jagdmesser (mit Elbeninschrift) und dem Bogen.

Das Balrog

In der Szene „Die Brücke von Khazad-dum“ mag sich so mancher aufmerksame Zuschauer gefragt haben, wo, zum Geier, das Balrog seine Waffen trägt: das feurige Schwert und dann, als das Schwert an Glamdring zerbricht, die enorme Peitsche. Die überraschende Antwort: Es trägt die Waffen in seinem Leib! Da es sich bei dem Balrog um einen Maia handelt, eine höhere Macht, kann es sich formen, wie es will. Und es kann nur von einem gleich- oder höherrangigen Wesen, einem anderen Maia, besiegt werden: Gandalf. (Nur ein Vala stünde noch höher als ein Maia. Auch Sauron gehört dieser Spezies an.)

Die Ringe

Auf indirekte Weise sind auch die RINGE zu den Waffen zu zählen. Daher werden sie in der „Geschichte des Ringkriegs“ ganz am Anfang (S. 2) vorgestellt: Die drei wunderschönen Elbenringe Narya (Ring des Feuers), Vilya (Ring der Luft) und – als mächtigster der drei – Nenya (Ring des Wassers). Dieser gehört Galadriel, und im Film zeigt sie ihn Frodo. Gil-galad trug Vilya zuerst, nach seinem Tod Elrond. Narya wurde zuerst Círdan, dem elbischen Schiffsbauer in Lindon, gegeben, doch dieser gab ihn Gandalf, als dieser Istar in Mittelerde ankam (um etwa 1000 DZ).

Sauron hatte sich im 2. Zeitalter als Geschenkegeber Annatar bei dem Elbenschmied Celebrimbor eingeschmeichelt, um die Schmiedekunst zu erlernen und zu beherrschen. Er schuf den Einen Ring ebenso wie Ringe für Zwerge und Menschenkönige, um alle zu beherrschen: Die Schätze der Zwergenkönige fielen in die Hände von Drachen oder Orks, die Menschenkönige wurden Nazgul, Ringgeister. (Wie er sie 3000 Jahre lang beherrschen konnte, nachdem er den Einen Ring verloren hatte, bleibt unklar, wie der Tolkien-Übersetzer Wolfgang Krege moniert. Aber sie waren längst Saurons Sklaven geworden.)

Der Eine Ring ist besonders schön dargestellt: Das Foto, das ihn an Saurons schwarzem Finger zeigt, beansprucht eine ganze Seite: Die Inschrift in Schwarzer Sprache (aber elbischen Schriftzeichen) glüht gelb. Wer sich mal gefragt hat, warum Sauron als einziges Wesen, das je diesen Ring trug, NICHT verschwand, hier wird er verstehen: Sauron ist der einzig wahre Gebieter des Rings, im wahrsten Sinne des Wortes „the lord of the rings“. Alle anderen Träger verschlingt der Ring, über kurz oder lang. Diese Inschrift wird als Grafik und als Text nochmals wiedergegeben und übersetzt.

Das Sachregister

Wenn man den Waffen- und Rüstungsexperten John Howe, einen der Konzeptdesigner bei Jacksons Filmprojekt, fragen würde, woraus eine Rüstung besteht, so würde er dem unbedarften Zuhörer wahrscheinlich die Fachausdrücke um die Ohren hauen.
Um diesen Effekt zu vermeiden, wenn Aus-Rüstungen fachgerecht beschrieben werden, gibt es das fünf Seiten lange Sachregister. Wenn also plötzlich von einem „Ricasso“ die Rede ist, so schlägt man unter R nach und erfährt unter diesem Begriff: „Der obere Teil der Schwertklinge, der im allgemeinen nicht scharf geschliffen ist, da Krieger oft ihren Zeigefinger vor der ‚Parierstange‘ (siehe dort) platzierten. (usw.)“ Aha. Und so muss man dann zu „Parierstange“ blättern usw., bis man schließlich alle Teile eines Schwertes kennen gelernt hat. Viggo Mortensen könnte einem dazu manches erzählen, so etwa die Story, wie er schwertschwingend durch friedliche neuseeländische Straßen lief und von der Polizei angehalten wurde, die besorgte Anwohner gerufen hatten.
Das Register schließt mit einem altenglischen Satz, der vermutlich direkt aus dem „Beowulf“-Epos stammt. Der Satz wird nicht übersetzt. Eine versteckte Aufforderung, mal den „Beowulf“ zu lesen?

Unterm Strich

Dieser prächtige Band ist nur mit den drei Design-Art-Bänden von Gary Russell zu vergleichen. Dabei könnte man sagen, dass er zum Teil die Quintessenz daraus bietet, indem er sich auf nur einen einzigen Aspekt konzentriert: Waffen, Krieger und Kriegskunst.
Das wäre aber nicht die ganze Wahrheit, wie man an meiner Inhaltsangabe ablesen kann. Das Buch bietet viel mehr. Es spricht nicht nur den Rollenspieler an, indem es massenhaft Details zu den Waffen etc. liefert, sondern informiert und unterhält auch jene Leser, die die Welt von Mittelerde nicht nur aus der kriegerischen Perspektive kennen lernen wollen.
Ihnen kommen die historischen Darstellungen entgegen, die schönen Illustrationen und „garantiert echten“ Landkarten auf „echtem Pergament“. Und sie erfahren, welche Bedeutung der Eine Ring letzten Endes für die Geschichte hat. Dabei bleibt der Autor immer auf dem Teppich, versteigt sich nie zu literarischen Interpretationen – das ist Gelehrten wie Tom Shippey vorbehalten.

Aber auch dieses Buch weist Fehler auf, die selbst dem Übersetzer und dem Korrektor entgangen sind. Auf Seite 209 wird behauptet, Sauron habe einmal „Minas Tirith“ erobert. Das ist nicht zutreffend, wenn ich die Annalen richtig kenne. Wenn man daraus allerdings „Minas Ithil“, das spätere „Minas Morgul“ macht, wird die Beschreibung sinnvoll. (In Minas Morgul erbeutete Sauron einen der Sehenden Steine, den Palantir, und konnte damit sowohl Saruman als auch Denethor täuschen und bezwingen. Und später schlug dort der Fürst der Nazgul, vormals der Hexenkönig von Angmar, sein Hauptquartier auf.)
Zudem ist bei der Berechnung von Aragorns Lebensalter ein Rechenfehler aufgetreten und bei der Anzahl der Reiter von Rohan hat sich eine zusätzliche Null eingeschlichen.

Fazit: Ich kann das Buch unter den genannten Bedingungen uneingeschränkt empfehlen. Zumal es nun mit 15 Euro einen recht günstigen Preis aufweist. Da ein Hardcover fehlt, sollte man es pfleglich behandeln.

Ein Tipp: Der erwähnte „Atlas von Mittelerde“ bildet eine sinnvolle Ergänzung für Rollenspieler und andere Tolkienisten. Die ausgebildete US-Geografin Karen Wynn Fonstad hat Karten zu allen Zeitaltern und wichtigen Ereignissen des „Herrn der Ringe“ gezeichnet und kommentiert. Die Kommentare stützen sich in erster Linie auf Tolkiens eigene (mitunter widersprüchliche) Angaben. Die 2. Auflage von 1991 (Klett-Cotta, Stuttgart, 1994) enthält korrigierte und erweiterte Darstellungen. Auf diese sollte man sich also stützen.

Michael Matzer_ (c) 2003ff
(lektoriell editiert)
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