Schlagwort-Archive: Van Veeteren

Håkan Nesser – Das falsche Urteil (Van Veeteren 3)

Der Kommissar als Nemesis

An einem sonnigen Augusttag wird ein Mann aus dem Gefängnis entlassen. An einem regnerischen Apriltag finden spielende Kinder seine Leiche. Wurde er getötet, weil jemand fand, er sei noch nicht ausreichend bestraft worden ? Oder fürchtete jemand seine Rache? Denn der angebliche Doppelmörder hat seine Taten nie gestanden und immer seine Unschuld beteuert. Kommissar Van Veeteren beschleicht ein furchtbarer Verdacht: Läuft der wirkliche Mörder noch frei herum …? (Verlagsinfo)
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Håkan Nesser – Das vierte Opfer (Van Veeteren 2)

Notwendige Morde aus Trauer und Entschlossenheit

In Kaalbringen, einem ehemals beschaulichen Küstenort, regiert der Schrecken: Drei bestialische Morde sind geschehen, kurz hintereinander. Einheimische und Feriengäste reagieren mit Panik. Denn irgendwo mitten in der Stadt sitzt der Mörder und plant in Ruhe seinen nächsten Schlag. Wann und wo wird der »Axtmörder«, wie er inzwischen im Volksmund heißt, wieder zuschlagen? Das örtliche Polizeiteam ist überfordert, und so holt sich Hauptkommissar Bausen den erfahrenen Kommissar Van Veeteren zu Hilfe, der in der Nähe Urlaub macht. Die Zeit drängt, denn das vierte Opfer befindet sich schon in der Gewalt des unheimlichen Mörders …(Verlagsinfo)
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Håkan Nesser – Der Tote vom Strand (Van Veeteren 8)

Erstklassiger Schwedenkrimi, mit Überraschung

Was geschah mit Mikaela Lijphart? Was mit ihrem Vater? Beide sind wie vom Erdboden verschluckt – kurz nach ihrem ersten Treffen seit sechzehn Jahren. Und wer ist der Tote vom Strand? Zwei Verschwundene und ein ungelöster Mord: Ewa Morenos Urlaub läuft nicht ganz so wie geplant. Statt zwei Wochen entspannt in der Sonne zu liegen, wird die Polizeinspektorin aus Van Veeterens Truppe in Maardam mit einer Menge mysteriöser Vorfälle, zahlreichen Ungereimtheiten und zwielichtigen Kollegen konfrontiert. Bis sie dahinter kommt, dass die Lösung für alle Rätsel in der Vergangenheit bei einem ungesühnten Verbrechen liegt – und dass Van Veeteren Recht hat, wenn er die Schuldfrage philosophisch sieht… (Verlagsinfo)
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Håkan Nesser – Sein letzter Fall (Van Veeteren 10)

Schwarze Logik: Van Veeterens großer Irrtum

Eine tote Frau in einem leeren Swimminpool, ein Mörder mit einem wasserdichten Alibi und Ex- Kommissar Van Veeteren, dem dieser Fall – der einzig ungelöste seiner Laufbahn – auch fünfzehn Jahre nach der Tat keine Ruhe lässt. Wer hat Barbara Clarissa Hennan auf dem Gewissen? Ihr Mann G., wie alle glauben, dem aber nichts zu beweisen ist? Das plötzliche Verschwinden eines Privatdetektivs, der G. damals beschattet hat, ist für Van Veeteren Anlass, die Sache noch einmal neu aufzurollen … (Verlagsinfo)

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Handlung

Maarten Verlangen ist ein Privatdetektiv, der in seiner Heimatstadt Maardam schon mal bessere Tage gesehen hat. Er war bis zu einem Korruptionsskandal ein relativ unbescholtener Polizist, doch seitdem hat sich seine Frau von ihm scheiden lassen und seine Tochter Belle mitgenommen. Jetzt, mit 47, hat er keine großartigen Perspektiven mehr. Man schreibt das Jahr 1987.

Mit dem neuen Beschattungsauftrag winkt ihm hingegen ein Tausender für leichte Arbeit, und so greift er ohne Zögern zu. Barbara Hennan will, dass er zwei Wochen lang ihren Mann überwacht. Leider kennt Maarten diesen Typen ganz genau: Jaan G. Hennan hat er seinerzeit selbst in den Knast gebracht. Damals schwor ihm Hennan Rache. Anfangs gestaltet sich die Beschattung wie erwartet langweilig, doch dann bezecht er sich eines Nachts mit Hennan selbst. Am anderen Tag hofft er, dass er Hennan nicht im Suff verraten hat, dass er ihn beschattet – und in wessen Auftrag.

Das Wochenende verbringt Maarten recht sorglos, zunächst bei einer Freundin, dann zu Hause, wo er endlich dazu kommt, die Zeitung zu lesen. Da endlich trifft ihn die Nachricht des Tages wie ein Vorschlaghammer: Barbara Hennan wurde tot in ihrem leeren (!) Swimmingpool unter dem Sprungturm aufgefunden. Sie war für das Baden angezogen und hatte über 1,4 Promille Alkohol im Blut. War sie besoffen ins vier Meter tiefe Becken gestürzt – oder hatte jemand nachgeholfen? Jaan G. Hennan hatte sie gefunden und die Polizei von Linden gerufen, die später die Polizei von Maardam hinzurief: Kommissar Van Veeteren und Inspektor Münster.

Genau wie Verlangen kennt auch Van Veeteren seinen früheren Schulkameraden, den Sadisten und Leutequäler Hennan. Er ist ebenfalls keineswegs erfreut, ihn wiederzusehen. Unterdessen erfährt Verlangen vom Direktor der Versicherungsgesellschaft, die ihm ab und zu Aufträge zuschanzt, dass Barbara Hennan eine Woche vor ihrem Tod eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte: Für den Fall ihres natürlichen oder eines Unfallstodes erhält Hennan 1,2 Millionen. Die Versicherung würde ungern zahlen. Verlangen solle doch mal zusehen, ob man nicht einen Totschlag oder Selbstmord daraus machen könnte …

Doch der Privatdetektiv ist eine ehrlichere Haut, als er selbst von sich gedacht hatte. Er erzählt Van Veeteren, was er weiß. Der Kommissar ist entzückt: Hennan, den er selbst bis aufs Blut hasst, hatte ein einmalig gutes Motiv, er hatte die Mittel. Allerdings hat er für die Tatzeit ein wasserdichtes Alibi: Verlangen selbst. Und selbst härteste und raffinierteste Verhörmethoden, ja sogar eine Gerichtsverhandlung können Hennan nicht festnageln.

Der Fall G., muss Van Veeteren widerwillig zugeben, ist an einem toten Punkt angekommen.

Sehr viel später

Fünfzehn Jahre später, man schreibt das Jahr 2002, meldet Verlangens Tochter Belle ihren Vater als vermisst – allerdings nicht auf dem Polizeirevier, sondern bei Van Veeteren in dessen Antiquariat persönlich. Wochen zuvor hatte er noch ihren Sohn kurz angerufen – er habe die Lösung des Falles G. endlich gefunden. Van Veeteren kombiniert auch gleich richtig: Verlangen tätigte seinen letzten Anruf nicht aus Maardam, sondern aus der Nachbarstadt Kaalbringen.

Was für ein Glück! In Kaalbringen hatte er einmal zu tun (in „Das vierte Opfer“), und seitdem hat er dort einen guten Freund, den ebenfalls in den Ruhestand gegangenen Kommissar Bausen, der nun eifrig malt. Und VV erinnert sich noch gut an eine ebenso hübsche wie fähige Inspektorin namens Moerk (mit der Kommissar Münster mal was hatte).

Da müsste es ja mit dem Teufel zugehen, wenn sie im Fall G. nicht endlich weiterkommen würden, oder? Leider hat Maarten Verlangen zu diesem Zeitpunkt bereits ein großes Extra-Loch im Schädel …

Mein Eindruck

So wie Gallien gemäß Julius Cäsar in drei Teile aufgeteilt wurde, so zerfällt auch dieser Roman in zwei separate Teile. Der erste spielt 1987, als VV gerade mal 15 Jahre im Polizeidienst ist, und der zweite 2002, als er den Dienst bereits quittiert hat, um ein Antiquariat zu führen.

Fieberkurven

Die Spannungskurve verhält sich diesen Teilen entsprechend, aber anders als in den üblichen Thrillern und Krimis: Von einem hohen Niveau nach der Entdeckung des Todes von Barbara Hennan verläuft sie in einem abfallenden Bogen nach unten. Die Verhöre bringen nichts – oder hat die Polizei etwas übersehen? Die Fall G. landet an einem toten Punkt. Nur um sich dann im zweiten Teil ebenso steil wieder nach oben zu arbeiten, bis sich die Spannung zu einem Finale steigt, das man sich dramatischer kaum vorstellen kann – für VV geht es nämlich um Leben oder Tod.

Für den (oder die, falls G. einen Helfer hatte) wahren Täter verläuft die Erfolgskurve natürlich genau umgekehrt. Denn jeder Betrug ist ein Kunstwerk, wie gesagt. Und da dieser Betrug – an der Versicherung, an der ach so schlauen Polizei – so hervorragend geklappt hat, geht Jaan G. Hennan als freier Mann von dannen, und um 1,2 Millionen Gulden (etwa 600.000 Dollar) reicher. Für Maarten Verlangen aber führt die Kurve des Erfolges steil nach unten – bis kurz vor seinem Ende, als er einen Hoffnungsfunken zu erhaschen meint.

Seltsame Irrtümer

Warum konnte die Polizei in Linden und Maardam den Fall G. nicht lösen? Das fragt sich der Leser verblüfft am Schluss. Denn der Betrug konnte nur aufgrund weniger Details, die übersehen wurden, vollständig gelingen. Waren es die Ermittlungsmethoden, die keineswegs auf DNA-Analyse und Elektronenmikroskope zurückgreifen konnten? Oder lag es an der mangelnden Vorstellungskraft der Ermittler? Waren sowohl VV als auch Verlangen derart von ihrem Hass gegen Hennan geblendet, dass sie seinen Trick nicht durchschauen konnten – oder nicht wollten?

Eines steht jedenfalls fest: Wer das überraschende Ende des Falles G. erfahren hat, will den Roman sogleich von Neuem lesen. Allein schon um mitzubekommen, wie sich die entscheidenden Details anders interpretieren lassen. Man sieht dann die Abläufe und Ermittlungsresultate mit anderen Augen – und liest einen völlig anderen Roman. (Ähnlich wie bei „Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla“ der Schluss den ganzen Roman umwertet – ein gelinder Schock für den Leser.)

Qual

Mir selbst erging es ein wenig schlechter als so manchem Amazon-Kommentator. Ich quälte mich durch den ersten Teil. Doch im zweiten Teil, der auf Seite 279 beginnt, schreitet die Handlung rasch voran. Quasi wie auf einer Schnitzeljagd führt ein Ermittlungsergebnis zum nächsten und so weiter. Bis es dann zu spät ist für Van Veeteren.

Ich möchte niemandem den ersten Teil miesmachen, aber er könnte sich doch als eine gelinde Enttäuschung herausstellen. Da hilft nur ein Gedanke: Es kann nur besser werden!

Private Entscheidung

Und so ganz nebenbei führt der ungelöste Fall G. am Ende des ersten Teils doch zu einer Entscheidung. VV beschließt, sich von seiner Frau Renate zu trennen, da seine Ehe praktisch nur noch auf dem Papier existiert. Da lebt sein Sohn Erich noch, ebenso seine Tochter Jess. Im zweiten Teil ist Erich bereits tot, wie wir aus dem Roman „Der unglückliche Mörder“ wissen. Und VV ist glücklich mit Ulrike Fremdli verheiratet, einem „wahren Wunderwerk von einer Frau“. Wäre es da nicht ein Jammer, wenn VV irgendwo im Wald bei Kaalbringen abgeknallt werden würde? Na also.

Der Dekalog ist fertig

Van Veeteren besucht mit Ulrike gerne das Kino, und diesmal gehen sie in einen Film von K. Kieslowski aus dessen „Dekalog“-Reihe. Mit „Sein letzter Fall“ hat der Autor ebenfalls einen Dekalog abgeschlossen: zehn Romane um Kommissar Van Veeteren, mit Intermezzi um seine engsten Kollegen, Moreno („Der Tote am Strand“) und Münster („Das vierte Opfer“), insgesamt rund 3500 Seiten.

Das Beiheft

Der Leinenausgabe ist ein schmales dunkelrotes Heftchen beigelegt. Es trägt den schönen Titel „Badete Van Veeteren jemals im See von Kumla?“ und versteht sich als „Ein Führer durch Håkan Nessers Romanwelt“. Geschrieben hat diesen nützlichen Cicerone ein gewisser Eugen G. Brahms, über den wir auf der letzten Seite folgendes erfahren: „Brahms kam 1950 nach Schweden. Nach Studium u. a. der Mathematik und der Literaturgeschichte an der Uni Uppsala und der Hochschule von Örebro war er tätig als Schriftsteller, Literaturkritiker und Verleger. Wohnhaft in Uppsala und schließlich auch in Stockholm.“ Von ihm ist wohl besonders zu erwähnen, dass er einen Essay mit dem Titel „Der ultimative Romanumfang – 3500 Seiten“ schrieb, und das bereits 1993!

Dass Brahms aber doch kein Hellseher ist, sondern lediglich ein fähiger Literaturkritiker, belegen seine Ausführungen über Nessers Romanwelt, die er auf 27 Seiten ausbreitet und auf weiteren Seiten mit Anmerkungen und einer Straßenkarte von Kumla versieht.

Hier erfahren Nesser-Kenner und solche, die es werden wollen, wie das fiktive Land aussieht, in dem die VV-Romane spielen, wo es ungefähr liegen könnte, wie es beschaffen ist, was man sich unter Maardam und Kumla vorzustellen hat. Noch weitaus wichtiger als diese Realien sind die Ergebnisse, zu denen Brahms hinsichtlich der Philosophie des „Hauptkommissars“ gelangt, denn VV ist ja Agnostiker und hat in 30 Jahren Dienst seine eigene Lebensanschauung entwickelt und wiederholt revidiert. Das ist doch recht interessant – mindestens so interessant wie die ungewöhnlichen Verläufe, die die Fälle in den VV-Romanen nehmen. „Es gibt eine schwarze Logik“, sagt VV einmal. Und es lohnt sich, den Sinn hinter dieser seltsamen Bemerkung aufzudecken.

Die Übersetzung

Die Übersetzerin Christel Hildebrandt hat, mal wieder, eine großartige Leistung vollbracht. An manchen Stellen ist genau zu spüren, dass sie eine Weile nach dem haargenau treffenden deutschen Wort suchen musste, z. B. „kleidsam“, um die spezielle Philosophie, die Van Veeteren entwickelt hat, zum Ausdruck zu bringen. Es ist ihr ein ums andere Mal gelungen. Ein „Wunderwerk“, um es mit VV zu sagen. Fünf Romane Nessers harren noch ihrer Übersetzung. Wir können uns schon mal drauf freuen.

Unterm Strich

Als ich die erste Hälfte des Romans gelesen hatte, wollte ich ihm nur ein müdes Resultat bescheinigen, allenfalls noch einen Bonus für das nützliche Beiheft spendieren. Nach dem sehr bewegenden Epilog, der auf das dramatische Finale folgt, bin ich geneigt, dem Roman eine maximale Wertung angedeihen zu lassen. Sei’s drum!

„Sein letzter Fall“ ist ein Kunstwerk, und jedes Kunstwerk ist bekanntlich – wie Geschichten oder Gemälde – ein Betrug, zu unserer Unterhaltung. Diese Geschichte ist kunstvoll aufgebaut, auch wenn sich Spannung nicht so recht einstellen will. Doch es werden Weichen gestellt, und schließlich nähert sich der „Fall G.“ unaufhaltsam seinem Ende, das so oder so ausgehen mag.

Wir wünschen Van Veeteren, dass seine letzte Dienstreise gut ausgeht, doch andererseits wäre es vielleicht nicht allzu schlimm, wenn ihm das nicht vergönnt wäre. So wie sich der Kreis des Falles G. nun schließt, so schließt sich auch sein privater Lebens-Lauf. (Wieder einmal taucht, wie in jedem Nesser-Buch, ein Läufer, ein Jogger auf.)

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Hardcover: 544 Seiten
Originaltitel: Fallet G
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3442750801

www.btb-verlag.de

Deutsche Nesser-Verlagsseite: http://www.hakan-nesser.de.

Håkan Nesser – Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod (Van Veeteren 9)

Der literarische Frauenmörder

Ein Priester, der von einem Zug überfahren wird. Ein Mädchen, das spurlos verschwindet. Eine Mutter, die niemand vermisst. Welche Verbindung besteht zwischen den dreien? Als Van Veeteren sein Antiquariat verlässt, um einigen mysteriösen Todesfällen nachzugehen, weiß er noch nicht, dass sein Gegenspieler ein zu allem entschlossener Serienmörder ist … (Verlagsinfo)

Der Autor

Håkan Nesser, Jahrgang 1950, ist neben Henning Mankell der wohl wichtigste Kriminalschriftsteller Schwedens. Wo jedoch Mankell den anklagenden Zeigefinger hebt, weiß Nesser die Emotionen anzusprechen und dringt in tiefere Bedeutungsschichten vor. Außerdem verwendet er eine poetischere Sprache als Mankell und gilt als Meister des Stils. Uns in Deutschland ist er bislang durch seine Romane um Kommissar Van Veeteren bekannt, aber auch „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ erregte Aufsehen. Er lebt in London und auf Gotland.

Manche seiner Romane um Kommissar van Veeteren wurden 2005/2006 in einer TV-Serie verfilmt.

Übersetzte Werke

Die Van-Veeteren-Reihe (chronologisch)

1) Das grobmaschige Netz
2) Das vierte Opfer
3) Das falsche Urteil
4) Die Frau mit dem Muttermal
5) Der Kommissar und das Schweigen
6) Münsters Fall
7) Der unglückliche Mörder
8) Die Tote vom Strand
9) Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod
10) Sein letzter Fall

Die Inspektor-Barbarotti-Reihe

1. Mensch ohne Hund, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2007. ISBN 978-3-442-75148-8
2. Eine ganz andere Geschichte, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2008. ISBN 978-3-442-75174-7
3. Das zweite Leben des Herrn Roos, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2009. ISBN 978-3-442-75172-3
4. Die Einsamen, dt. von Christel Hildebrandt; München: btb 2011. ISBN 978-3-442-75313-0
5. Am Abend des Mordes, dt. von Paul Berf; München: btb 2012. ISBN 978-3-442-75317-8

Mehr Infos: https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%A5kan_Nesser (Das Werkverzeichnis reicht nur bis 2016.)

Der Sprecher

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

Bär hat bislang an Nesser-Krimis den vorliegenden Roman, „Der Tote vom Strand“ sowie „Kim Novak badete nie im See von Genezareth“ gesprochen.

Handlung

Monica Kammerle, Schülerin, ist erst 16, aber schon eine Mörderin. Glaubt sie zumindest. Und sie hat auch allen Grund dazu. Benjamin Kerran, den sie auf dem Gewissen hat, war zunächst der Geliebte ihrer Mutter, bevor er auch ihrer wurde. Die manisch-depressive Mutter durfte von der Affäre ihrer Tochter natürlich nichts erfahren, und damit erpresste Kerran Monica schließlich.

Anfangs war es schön für sie, einen ersten Liebhaber zu haben, aber dann begann er, Monicas Körper zu benutzen. Als sie ihm nicht zu Willen sein wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn umzubringen. Alles ging so schnell: Sie rammt ihm die Schere zehn Zentimeter in den Bauch und rennt in Panik weg, während er zusammenbricht.

Merkwürdig nur, dass keine Zeitung den Tod von Benjamin Kerran meldet. Oder zumindest den Tod eines anderen in jenem Uni-Wohngebäude, wo es geschah. Monica muss zurück an den Tatort, um Gewissheit zu erlangen, und erlebt eine böse Überraschung. Denn sie war beileibe nicht das erste Opfer von „Benjamin Kerran“.

Ex-Kommissar van Veeteren kehrt am 7. Oktober aus dem Urlaub zurück, den er mit seiner Freundin Ulrike Fremdli in Rom genossen hat. Am nächsten Morgen frisst seine Katze eine zum Fenster hereingeflogene Schwalbe, und als er die Zeitung von vor drei Wochen aufschlägt, starrt ihm ein Gesicht entgegen, das er kennt: Tomas Gassel war Pastor im Maardamer Vorort Leimaar, als er sich an van Veeteren wandte, um ein Geheimnis „zu beichten“, das sein Gewissen bedrückte. Es ginge um ein junges Mädchen, das etwas Verbotenes getan habe (Monica). Offensichtlich konnte er dies nicht mit seinen Standeskollegen besprechen. Und ob van Veeteren nicht auch der Schweigepflicht unterliege?

Ulrike Fremdli ist nicht begeistert, als van Veeteren herauszufinden versucht, warum sich Pastor Gassel im Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen haben soll. Eigentlich ist ja Ewa Moreno für den Fall zuständig. Und bald schaltet sie auch ihre Kollegen in den Fall ein, als die Verbindung zwischen Monica und Pastor Gassel sichtbar wird.

Doch dies soll nicht der einzige Tote im Umkreis des Falles bleiben. Van Veeteren stößt auf ein deutliches Muster aus der Bücherwelt: Die arme Monica Kammerle hatte einen seltenen und somit teuren Band mit Gedichten von William Blake in ihrem Regal: Hatte sie den geschenkt bekommen? Und wenn ja, von wem? Von ihrem Lover und Mörder? Besonders liebte sie das Poem „The sick rose“ (vgl. den Titel): Die Zeile „His secret love does thy life destroy“ schien Monicas Leben zu beschreiben.

Die Decknamen des Mörders sind literarische Anspielungen, seine einzigen Spuren seltene Gedichtbände. Ein winziger Hinweis, eine Vereinsnadel, führt van Veeteren und Kollegen in einen elitären Universitätszirkel, der schon seit 250 Jahren existiert. Oder ist das nur ein Ablenkungsmanöver in einem fiesen Schachspiel? Nun: Auch van Veeteren ist ein gewiefter Schachspieler, und die Lösung des Falls rückt näher.

Als jedoch van Veeteren den Mörder quasi schon vor der Nase hat, kommt ihm von völlig unerwarteter Seite jemand in die Quere. Manchmal siegt eben Rache über das Recht, wenn auch beides Gerechtigkeit bedeuten mag.

Mein Eindruck

Was für eine wunderbare Story! Nach einer psychologisch enervierenden Einleitung um den ersten Mord des Killers und um Monica Kammerles Lieben, Leiden und Ende beginnen die zähen Ermittlungen. Allmählich entwickelt sich ein Geflecht von kriminalistischen Anstrengungen, die keine Früchte tragen, sondern lediglich kleine und kleinste Puzzleteilchen zusammentragen. Ausschließlich dünnste, unscheinbare Indizien bringen die Ermittler weiter. Und so kommt es, dass in diesem seltsamen Fall mehr Emotionen, Assoziationen und „Ahnungen“ die Ermittler leiten als handfeste Fakten. Das halte ich für sehr ungewöhnlich und trägt entscheidend zur speziellen Stimmung dieses Kriminalromans bei.

Als das nächste Opfer verschwindet, ohne dass man seine Leiche findet, wird der Fall dringend und ins Fernsehen gebracht: weitere Spuren, weitere Rätsel, aber noch nichts Entscheidendes. Dann beschließt der Würger, es mit der Polizei aufzunehmen, doch mit anderen Folgen als gedacht: Statt des außer Gefecht gesetzten Kommissars Reinhart muss van Veeteren einspringen, und der führt seine Ermittlungen mit seinen eigenen, etwas gewöhnungsbedürftigen Methoden weiter. Eine überraschende Wendung folgt daher der nächsten, und im letzten Viertel beginnt ein langes, spannendes Finale.

Es geht dem Autor nicht um die Darstellung von Grausamkeiten, auch nicht um glorreiche Ermittlungsmethoden à la FBI. Im Mittelpunkt stehen die denkenden und vor allem fühlenden Wesen, deren Zusammenspiel sich a) mit der Mordserie befasst, b) mit der erschreckenden Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern (die Leichen der Kammerles blieben über einen Monat lang unentdeckt!) und c) mit der verschrobenen Herangehensweise Van Veeterens.

Jeder der Ermittler wird als eigenständiger Charakter und als Betroffener der Geschehnisse kenntlich. Rooth ist fast so schräg drauf wie der „Hauptkommissar“, wohingegen Ewa Moreno ihr Privatleben mit Mikael Bau in den Griff zu bekommen versucht. Hier schwingt des Öfteren eine humane Ironie mit, die auch den Beteiligten selbst keineswegs entgeht. Wie soll Ewa später ihren Kindern erklären, warum sie Mikael Baus Heiratsantrag angenommen hatte – wegen seiner wundervollen Fischsuppe?! Kommissar Reinhart, seine hilfreiche Frau Winifred Lynn und der überkorrekte Polizeipräsident Hiller sind Figuren, die im Gedächtnis haften bleiben. In dieser Charakterdarstellung kommt nicht nur Nessers Sympathie für seine Figuren zum Ausdruck, sondern auch sein tiefreichender, verständnisvoller Humor.

Das Grundthema des Falles, den es aufzuklären gilt, ist fehlgeleitete Sexualität auf Seiten des Killers und gewagte erotische Gehversuche seitens der Opfer. Opfer wurden – außer Gassel – nur Frauen, die sich als verwundbar erweisen und die sich den Wünschen des Killers verweigern. Dies geht auf die Kindheit des Mannes zurück, der eine langjährige Liebesbeziehung zu seiner Mutter hatte.

Das letzte Opfer ist anders. Ester und Anna sind Freundinnen, erfolgreiche Geschäftsfrauen über 30, die von der Ehe enttäuscht wurden. Nun suchen sie sich Männerbekanntschaften per Annonce und Zuschriften aus. Leider hat Anna in die Endauswahl auch eine „Wild Card“, einen Joker eingeführt, und der wird Ester zum Verhängnis: Es ist „Benjamin Kerran“.

Wie man sieht, ist Nesser neuen gesellschaftlichen Entwicklungen durchaus aufgeschlossen. Das bedeutet nicht, dass er die Taten des Würgers entschuldigt: Er macht sie aber verstehbar, indem er ihre Wurzeln offenlegt, die zum Wahnsinn des Soziopathen führten. Das Thema Sexualität stellt Nesser offen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen dar.

Der Sprecher

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Und wenn er die Einsatzbesprechungen der „Truppe“ im Maardamer Kommissariat vorliest, dann lässt er den Ernst der vorgebrachten Einwürfe und Meldungen und Chef-Aufforderungen für sich sprechen. Das ändert jedoch – oder gerade deswegen – nichts daran, dass viele dieser Beiträge in ihrem Zusammenspiel sehr komisch wirken. An einer Stelle dachte ich wirklich, einem Komödienstadel zuzuhören. Ex-Hauptkommissar Van Veeteren ist als knurriger Übervater natürlich der Komiker par excellence – obwohl er stets selbst ernst ist und ernst genommen wird. Nur Münster, der aufgeweckteste von allen Inspektoren, wagt es, seine kryptische Bemerkungen zu hinterfragen – natürlich auch ohne Erfolg.

Die Glanzpunkte von Bärs Sprechkunst sollen nicht verschwiegen werden. Der eine Fall ist der 89 Jahre alte Vater Koschinski. Der ehemalige Feinschmied oder Schlüsselmacher, der sich an sämtliche Vereinsnadeln erinnert, die je in Maardam produziert wurden, lebt als mürrischer Einsiedler mitten in der Stadt, wo ihm nur zwei Katzen Gesellschaft leisten. So knurrig, markig und abweisend wie Koschinski könnte durchaus auch Bärs eigener Großvater geklungen haben.

Das andere Beispiel ist Hauptkommissar Reinhart, wie er im Krankenhausbett liegt und in seinen Kopfverband nuschelt. Er wurde vom Bus angefahren und ist in keinem guten Zustand. Bärs Genuschel wirkt authentisch. Weniger echt wirkt hingegen der griechische Akzent des Polizisten Georgios Jakos auf der Insel Kefallonia, auf der der Showdown zwischen dem Killer und seinem letzten Opfer, seiner Nemesis, stattfindet. Dieser Akzent, nun ja, so stellt man sich als Nichtgrieche vielleicht den Akzent vor, aber ob das hinhaut? Hauptsache, wird sich Bär gedacht haben, es ist noch als Deutsch zu verstehen.

Ein Autorenfehler?

Die Übersetzung ist Christel Hildebrandt ausgezeichnet gelungen. Ich habe nur einmal wegen eines möglichen Fehlers des Autors (!) gestutzt, und zwar auf der vorletzten Seite. Ester hat den Killer in einem Lokal getroffen, und dessen Erkennungszeichen sollte ein roter Band des Gedichts „The Waste Land“ von T. S. Eliot sein. Okay. Nun zieht am Ende der antiquarische Buchhändler van Veeteren ein Resümee des Falls und packt seinen Kollegen sämtliche Bücher ein, die in dem Fall eine Rolle gespielt haben.

Doch statt des Eliot-Bandes findet sich darunter nun der Lyrikband „Duineser Elegien“ von R. M. Rilke! Alle anderen Bände sind korrekt erwähnt. Beim Film würde man wohl von einem Continuity-Fehler sprechen. Das kann auch den besten Autoren passieren. Aber ihre Lektoren sollte dafür sorgen, dass solche Fehler bzw. versehen rechtzeitig berichtigt werden. Der potentielle Fehler ist auch im Hörbuch enthalten. Oder der Autor wollte die Aufmerksamkeit seiner Leser bzw. Hörer testen…

Unterm Strich

Alles in allem ist dies ein wunderbarer Krimi, an dem man immer neue Facetten entdecken kann. Da ein Großteil des Textes aus Dialogen und kurzen Sätzen besteht, hört sich die Geschichte sehr flüssig an. Der Text macht es einem leicht, die Konzentration zu behalten. Und man will unbedingt wissen, wie der Showdown ausgeht. Aufgrund der ironischen Wechselwirkung zwischen den Polizisten in ihrer jeweiligen Charakterisierung gibt es zahlreiche komische Momente.

Diese kontrastieren stark mit den sehr ernsten bis bewegenden Momenten, die mit den Opfern verknüpft sind, besonders mit Monica Kammerle. Dass das Finale auf einer griechischen Insel stattfindet, passt einfach hervorragend: Nicht nur deshalb, weil auf Kefallonia die Killerserie 1995 begonnen hat, sondern weil in dieser Weltgegend solche ernsten Ideen wie Nemesis, Schicksal und Vergeltung erfunden und uns im antiken Drama bis heute erhalten geblieben sind.

Das Hörbuch

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten wie Koschinski oder Reinhart.

Der Text ist natürlich gekürzt, und so kann es vorkommen, dass sich der Hörer wundert, woher bestimmte Stichwörter kommen oder warum bestimmte Hinweise später nicht aufgegriffen werden. Um diese Lücken zu füllen, sofern sie als störend empfunden werden, empfiehlt sich die Lektüre des Buches. Es ist 572 Seiten dick.

Audio: 420 Minuten auf 6 CDs
Originaltitel: Svalan, katten, rosen, döden
Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt
ISBN-13: 978-3898306645

www.randomhouse.de