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[NEWS] Wulf Dorn – Die Kinder

Auf einer abgelegenen Bergstraße wird die völlig verstörte Laura Schrader aus den Trümmern eines Wagens geborgen. Im Kofferraum entdecken die Retter eine grausam entstellte Leiche. Als die Polizei den Psychologen Robert Winter hinzuzieht, wird dieser mit dem rätselhaftesten Fall seiner Karriere konfrontiert: Die Geschichte, die Laura Schrader ihm erzählt, klingt unglaublich. Doch irgendwo innerhalb dieses Wahnkonstrukts muss die Wahrheit verborgen sein. Je weiter Robert vordringt, desto mehr muss er erkennen, dass die Gefahr, vor der Laura Schrader warnt, weitaus erschreckender ist als jeder Wahn. (Verlagsinfo)

Broschiert: 320 Seiten
Heyne

Wulf Dorn – Kalte Stille (Lesung)

Für Wulf Dorn, den man nach verschiedenen kurzgeschichtlichen Veröffentlichungen erst 2009 mit „Trigger“ im Romansektor entdeckte, scheint die Schriftstellerei bergauf zu gehen. Schon der Romanerstling erschien bei dem großen Publikumsverlag Heyne und wurde zeitgleich als Hörbuch unter das Volk gebracht. In gleicher Weise ging man auch dieses Jahr mit dem zweiten Thriller aus seiner Tastatur um und präsentiert ihn so an vorderster Front – zu Recht, wie die Lektüre zeigt.

Der Psychiater Bernhardt Forstner erlitt einen Autounfall auf einer verschneiten Straße im Wald. Seine Gedanken kreisten um seinen Sohn Sven, doch seine letzten Worte waren abgrundtiefer Hass auf den Mann, der ihn kurz vor seinem Tod fand und verenden ließ.

Jahre später kehrt sein Sohn Jan Forstner in seinen Heimatort zurück. Er ist ebenfalls Psychiater und ein herausragender Arzt, doch ein Zwischenfall, bei dem er einen Patienten verprügelte, ließ seine Reputation ins Bodenlose fallen. Der Klinikleiter in seinem Heimatort, ehemals guter Freund seines Vaters, bietet ihm einen Posten an – unter der Auflage, dass er sich von einem Kollegen therapieren lässt. Denn Jan Forstner hat ein schweres Trauma aus der Kindheit: Sein Bruder Sven verschwand in eiskalter Winternacht spurlos, und Jans laufendes Diktiergerät enthält nichts – nur kalte Stille …

Der Titel scheint sich an typischen Vorgaben zu orientieren und mehr auf rhetorischer Ebene eine Wirkung anzustreben, zumindest, solange man noch keinen Einblick in die Geschichte erhalten hat: Dort hat er nämlich eine handfeste Bedeutung, in erster Linie für den Protagonisten Jan Forstner, der seit jener Nacht seiner Kindheit das Tonbandgerät stets bei sich trägt und in der Aufzeichnung der eisigen Winternacht nach Spuren sucht, die ihm Anhaltspunkte über den Verbleib seines jüngeren Bruders geben könnten.

Wulf Dorn hat sich wirklich einen traumatisierenden Aufhänger gesucht. Das Verschwinden des kleinen Sven hat nichts mit konstruierten Fällen zu tun, die einem so häufig in anderen Romanen begegnen und deren einziger Zweck es ist, die Situation notdürftig zu erklären. Bei Dorn hat das Ganze Hand und Fuß und wirkt darum umso schrecklicher. Man stelle sich vor: Ein Kind lässt seinen Bruder nachts für wenige Momente allein auf einer Parkbank, um ungestört zu pinkeln – und als er zurückkehrt, ist der Bruder spurlos verschwunden! Der Schrecken und die Panik müssen für die Familie unerträglich sein, und so ist es auch nicht Jan allein, der traumatisiert aus dem Geschehnis heraus kommt.

Der Verdacht liegt vom ersten Moment an bei einem Arbeitskollegen von Jans Vater. Um wen es sich handelt, wird natürlich nicht verraten, doch Dorn versteht es geschickt, den Hörer in die Irre zu führen. Man meint recht schnell – zu schnell – , des Rätsels Lösung gefunden zu haben, was zum einen ein enttäuschendes Gefühl ist, zum anderen aber auch misstrauisch macht, da es einfach zu leicht anmutet. Doch sprechen lange alle Indizien für den Verdacht, die Enttäuschung nimmt zu und mündet schließlich in einer umso größeren Überraschung – hoffentlich nicht zu spät, denn es ist zwar ein durchweg spannendes und gut erzähltes Hörbuch, doch bleibt hier jeder Leser am Ball, wenn er mit jedem Indiz seinen Verdacht bestätigt sieht und sein Unmut über diese Einfachheit wächst? Die Qualität der Irreführung ist hier vielleicht zu hoch, der Hörer zu einseitig auf ein Ziel fokussiert.

Die für einen Psychothriller typischen Verdächtigungen, Erinnerungen, die Steuerung zur Katastrophe und die damit verbundene Anhäufung von Indizien, die dem Hörer Ahnungen bescheren und bei vorangeschrittener Geschichte die Erwartung auf den finalen Schlag und Beinahe-Sieg des Gegners mit der Adrenalinpeitsche hoch jagt, all das sind handwerkliche Eigenschaften, die Wulf Dorn in hoher Meisterschaft beherrscht und zu einem runden Ganzen formt, in das sich der Hörer schon nach wenigen Sätzen hineinversetzt fühlt. Die Auflösung aller Rätsel geschieht dann schwupp-diwupp in einem kaum unterbrochenen Monolog des Bösewichts, auf den ein typischer rasanter Showdown folgt, bei dem sich der Protagonist zwischen Rache und Menschlichkeit entscheiden muss.

Nach dem Höhepunkt scheint es so, als wolle Dorn die Geschichte noch entspannt ausklingen lassen, doch hat er auch für das Ende noch einen Gänsehautfaktor parat, der mit der kalten Stille auf dem Tonbandgerät und einer übernatürlichen Lektüre des kindlichen Jan Forstner erzeugt wird.

David Nathan, bekannt zum Beispiel als Synchronsprecher Johnny Depps, macht einen hervorragenden Job als Leser. Die Schnitzer, die Wulf Dorn selbst bei seiner Autorenlesung seines Romanerstlings „Trigger“ unterliefen, braucht man bei Nathan nicht zu suchen. Allerdings hat es auch einen ganz eigenen Charakter, wenn ein Autor seine Geschichte selbst erzählt und die Stimmung genau so transportiert, wie er es sich beim Schreiben vielleicht vorstellte.

„Kalte Stille“ ist ein insgesamt sehr überzeugender Psychothriller, dessen hohe irreführende Qualität anfangs für Unruhe beim Hörer sorgt, dessen Unterhaltungswert aber jeder Empfehlung gerecht wird. Der Roman bietet Gänsehaut, betroffenes Mitgefühl, Adrenalinschauer, eine wirklich durchdachte Story und nochmals Gänsehaut, womit er das Prädikat „Besonders Unterhaltsam“ auf jeden Fall verdient.

6 Audio-CDs mit 431 Minuten Spieldauer
Gelesen von David Nathan
ISBN-13: 978-3785744390

Der Autor vergibt: (4/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (No Ratings Yet)

Wulf Dorn – Trigger (Hörbuch)

Mit seinem ersten Roman hat Wulf Dorn gleich einen Volltreffer gelandet, und zwar mit der Veröffentlichung als Roman bei Heyne und als Hörbuch bei Random House Audio (beides natürlich Unternehmen der Verlagsgruppe Random House). Dorn beweist damit nicht nur Qualitäten als Schriftsteller, sondern gleichzeitig auch als sympathischer Sprecher mit erstaunlich wandelbarer Stimme.

Trigger

Die Psychiaterin Ellen Roth bekommt von ihrem Freund Chris, ebenfalls Psychiater, einen „BiF“ – besonders interessanten Fall – zugeschanzt, bei dem es sich um eine völlig verstörte Frau handelt. Während Chris mit einem frisch geschiedenen Freund auf einer unerreichbaren Insel urlaubt, übernimmt Ellen neben ihren eigenen Fällen diesen neuen und lernt so eine verängstigte, völlig verstörte und verdreckte Frau auf Zimmer 7 ihrer Station kennen, deren unheimliche Angst es ist, vom „Schwarzen Mann“ geholt und getötet zu werden. Sie fleht Ellen an, sie zu beschützen, und schließt mit dem unnatürlich hohen Flüstern „Wenn er kommt, tötet er dich!“

Ellen macht selbst Bekanntschaft mit dem Schwarzen Mann. In einem Wald überfällt er sie und drückt ihr brutal die Luft weg, stellt ihr die Aufgabe, ihn zu erkennen, sonst würden die namenlose Frau und sie selbst sterben. Dann verschwindet er, und Ellen sieht nur noch sein schwarzes Kapuzenshirt zwischen den Bäumen – und das Auto ihres Kollegen Mark, das den Waldparkplatz verlässt, ehe Ellen es erreicht. Ist Mark der Schwarze Mann? Und warum? Was will er?

Als auch noch die namenlose Frau aus der Klinik verschwindet und Ellen Bekanntschaft mit den alten „Läuterungswerkzeugen“ im Keller macht, wird die Sache richtig unheimlich …

Das Hörbuch

Es ist schwierig, über den Inhalt der Geschichte zu sprechen, ohne zu viel zu verraten. Wenn deshalb die obige Zusammenfassung etwas knapp ausfällt, sei es zu entschuldigen und als Anlass zu nehmen, sich der Spannung persönlich auszusetzen.

Wulf Dorn liest mit kerniger und ruhiger, hoch modulationsfähiger Stimme eine Geschichte, die in ihrer Form als Hörbuch nur gewinnt – gerade die spannende Inszenierung der einzelnen Charaktere führt zu dem befriedigenden Schauerlaufen über den Rücken, das dem Buch in dieser Form abgehen dürfte. Natürlich ist die Geschichte gespickt mit Spannungselementen, doch versteht es Dorn ausgezeichnet, mit seiner Stimme auch die scheinbar alltäglichen Abschnitte der Handlung mit thrillendem Charakter zu füllen.

Bei der Inszenierung hat er also alles richtig gemacht. Der Tonfall, das Tempo, die Modulation und die Aussprache – alles verwebt sich zu einem Hörgenuss. Einziger (winzig kleiner und darum in diesem ansonsten perfekt gelesenen Buch umso auffälliger) Fehler ist bei der Endung auf „ig“ zu verzeichnen. Hier hört es sich so an, als suche der Vorleser krampfhaft die deutliche Aussprache und – verhaue es erst recht. Warum hier kein Redakteur zugegen war, bleibt die Frage.

Die Geschichte selbst bietet einen Thriller erster Güte voll Irrwendungen und geistiger Fallstricke, die den Konsumenten höchst effektiv von der (eigentlich recht einfachen) Lösung ablenken. Mark, der Kollege und heimliche Verehrer Ellens, muss sich warm anziehen vor den Hinweisen, die sich bei ihm treffen, während man an Ellens oder gar Chris‘ Integrität nicht zweifelt, bis Ellen selbst ihren Freund Chris in Frage stellt, der sich ja vor diesem dubiosen BiF auf eine einsame Insel abgesetzt hat. Und immer wieder stellt sich die Frage, warum der Schwarze Mann Ellen seine Gewalt antun sollte – vor allem vor dem Verdacht, Mark oder Chris verbargen sich hinter dieser Maske.

Zwei logische Mängel fallen ins Auge, die hier nur erwähnt werden können, da man bei näherem Betrachten zu viel von der Geschichte verraten würde: Wie kommt es zu der Verfolgungsjagd mit dem VW-Bus? Wer hat die Verschlüsse des Tankdeckels über der Keller’schen Badewanne geschlossen?

Es gibt keinen unglaubwürdigen Protagonisten. Vor allem Ellen, aus deren Sicht der Großteil der Geschichte erzählt wird, ist ein ausgefeilter Charakter mit eigenem Wesen. Selbst ein oft in derlei Geschichten auftretender Fehler, nämlich die Eigenschaft, sich der Polizei zu verschließen und auf eigene Faust zu ermitteln, macht vor Ellen halt. Hier schlägt die zweitoft zitierte Polizei-ausschalt-Klappe zu: Die Beamten glauben ihr nicht und verweigern weitergehende Hilfe.

Fazit

Ein überaus spannendes, teilweise unheimliches Hörbuch, das sowohl mit der Geschichte als auch mit der Inszenierung überzeugt. Besonders empfehlenswert!

Autor und Sprecher: Wulf Dorn
6 Audio CDs
ISBN-13: 978-3837102444
http://www.randomhouse.de/randomhouseaudio/