Terry Carr – Die Werwölfin (Terra Fantasy 69)

Carr Terry Werwölfin Cover kleinInhalt:

Sechs Autoren erzählen nicht von fremden Fantasy-Welten voller Magie, sondern konfrontieren reale Menschen mit dem Übernatürlichen:

– Hugh Walker: Vorwort, S. 7-9

– Peter S. Beagle: Die Werwölfin (Farrell and Lila the Werewolf, 1969), S. 10-37: Die Beziehung wird kompliziert, als er feststellt, dass sie sich bei Vollmond in einen Werwolf verwandelt und dabei abstoßende Gewohnheiten pflegt.

– R. A. Lafferty: Adam hatte drei Brüder (Adam Had Three Brothers, 1960), S. 38-50: Da sie der Fluch der Erbsünde nie traf, können ihre Nachfahren ohne Arbeit und Plackerei auf Kosten der Adamssöhne und Evastöchter ein angenehmes, juristisch fragwürdiges Leben führen.

– Edgar Pangborn: Langzahn (Longtooth, 1970), S. 50-101: Aus dem winterlichen Wald des US-Staates Maine kommt eine urzeitliche Kreatur, um einen mürrischen Farmer zu belauern und seine unglückliche Gattin zu rauben.

– Fritz Leiber: Der innere Kreis (The Winter Flies/The Inner Circles, 1967), S. 102-119: Gelangweilt hat sich Gottfried Adler einige unangenehme Wesen ausgedacht, die sich plötzlich manifestieren und selbstständig machen.

– Victor Contoski: Von Gooms Gambit (Von Gooms Gambit, 1966), S. 120-126: Schachspieler Goom entdeckt einen Spielzug, der seine Gegner buchstäblich in den Wahnsinn treibt; sein Triumph macht ihn überheblich, worüber er vergisst, dass man einen Krieg nicht nur auf dem Schachbrett führen kann.

– Zenna Henderson: Aus den Augenwinkeln (Through a Glass – Darkly, 1970), S. 127-160: Zunächst schaut sie nur in die Vergangenheit, doch dann stellt sie fest, dass sie sich dort einschalten kann.

Besucher aus den Nischen der Realität

Die Fantasie verträgt nur ein vergleichsmäßig kleines Quantum Realität. Naturwissenschaft und helles Licht haben die meisten übernatürlichen Be- und Heimsucher erfolgreich vertrieben bzw. zur Auflösung gebracht. Wer heute noch an Geister, Kobolde oder ähnliche Kreaturen glaubt, gehört entweder in ärztliche Behandlung oder reagiert einschlägige Albträume und Wunschvorstellungen ab, worüber anschließend im Internet – dem Idealbiotop für Spökenkieker – ‚berichtet‘ wird.

Immer noch existiert freilich die klassische Schiene der Phantastik. Vor allem die Populärkultur schätzt ihre wundersamen und grotesken Ausgeburten, da sie sich multimedial gut einsetzen lassen: Sind sie gut erfunden, schätzt auch der zurechnungsfähige Zeitgenosse ihre Possen und lässt sich erschrecken oder erstaunen. Entsprechende Geschichten wurden schließlich schon an vorzeitlichen Lagerfeuern erzählt.

Seit Papier beschrieben oder bedruckt werden kann, konnten sie sich erhalten. Davon profitieren die Verfasser der hier gesammelten Kurzgeschichten, die ansonsten längst in Vergessenheit geraten wären, da sie ursprünglich in Publikationen erschienen, die nicht für die Ewigkeit, sondern für den unmittelbaren Verbrauch gedacht waren. Glücklicherweise gibt es immer wieder Sammler und Jäger wie Terry Carr, die sich der Tatsache bewusst sind, dass vermeintliches Altpapier Perlen enthalten kann, die eine Bergung verdienen. Noch einmal Jahrzehnte später muss man erst recht dankbar über Sammlungen wie „New Worlds of Fantasy“ sein, auch wenn sie nur gefleddert ihren Weg in die deutsche Sprache fanden.

Alte Schrecken für eine neue Welt

Den Reigen ungewöhnlicher Begegnungen eröffnet Peter Soyer Beagle (*1939), der vor allem durch seine gleichermaßen klassische wie moderne Fantasy-Geschichte „The Last Unicorn“ (1968; dt. „Das letzte Einhorn“) bekannt geworden ist. Aus dem Kanon bekannter Gruselgestalten greift er sich den Werwolf heraus, den er nicht nur in die Gegenwart (der Flower-Power-Ärä) versetzt. Dieser Werwolf ist weiblich und keine tragische Gestalt, die sich verflucht glaubt und auf Erlösung wartet, sondern sich mit dem monatlichen ‚Leiden‘ abgefunden hat und sogar die Freiheiten begrüßt, die sich daraus ergeben. Der männliche Gefährte glaubt sich mit der Werwolf-Persönlichkeit abfinden zu können, bis er feststellen muss, dass eine Wölfin nicht nur bluthungrig, sondern auch läufig werden kann: ein Erkenntnisprozess, den Beagle durchaus drastisch aber nichtsdestotrotz humorvoll darzustellen weiß.

Ebenso gut gehalten hat sich Raphael Aloysius Lafferty (1914-2002) mit einer Geschichte, die deutlich vor „Die Werwölfin“ entstand. Sie ist durchaus witzig aber gleichzeitig bieder und altmodisch. Ihre Unterhaltungskraft konnte sie wahren, weil die Ausgangsidee originell ist und Lafferty nicht nur ein überzeugender Schlusstwist gelingt (den der abgebrühte Leser der Gegenwart freilich schon früh und richtig erahnt), sondern auch der Weg dorthin – die eigentliche Story – amüsiert. Lafferty spielt mit zeitgenössischen Klischees, die für die gewählte Auflösung sogar unabdingbar sind, da die Handlung anders nicht funktionieren könnte.

Edgar Pangborn (1909-1976) legt wie Beagle eine gelungene Mischung aus Alt und Neu vor. Die bekannte Story vom Wesen, das aus dem Wald – der gleichzeitig die wilde, ungezähmte Natur symbolisiert – kommt und die Zivilisation ebenso herausfordert wie in Frage stellt, wird vom Verfasser geschickt gegen den Strich gebürstet. Zwar mag die Kreatur ‚primitiv‘ sein, doch sie hat anders als der mürrische Farmer, den sie bedrängt, sehr genau begriffen, was dessen unbefriedigte Gattin vermisst. Nicht Furcht, sondern hilflose, blanke Wut ist es, der das gewaltreiche Ende bedingt, das keineswegs von „Langzahn“ ausgeht.

Der Mensch als Quelle des Seltsamen

Wieder einmal gelingt Fritz Leiber (1910-1991) ein Schmuckstück des Genres. Die Geschichte von „Gott“ Adler, der sein Versagen in der Realität durch die Flucht in die Fantasie kompensiert, beeindruckt durch ihre bedrohlichen Untertöne: Die skurrilen Entitäten, die Adler scheinbar in die Welt setzt, entgleiten ihm zusehends, was auf einen Wahnsinn hindeutet, der in gar nicht mehr weiter Zukunft in einem bösen Ende für Adler und seine ahnungslose Familie gipfeln dürfte. Dieser Schrecken entstammt nicht einer anderen Dimension oder dem Jenseits, sondern wird in einem düsteren Winkel des menschlichen Hirns ausgebrütet. Leiber erinnert daran, dass der Mensch keine Vampire, Gespenster oder Untote benötigt, um Furcht und Schrecken zu säen. Auch ohne entsprechende Hilfe ist er darin perfekt.

Zenna Henderson (1917-1983) verzichtet ebenfalls auf übernatürliche Gäste. Ihre Protagonistin entwickelt einen Blick, der sich in die Vergangenheit richten kann. Aus verständlicher Neugier wird eine Mission, als sich vor ihren Augen eine Tragödie abspielt, die sich tatsächlich schon vor langer Zeit ereignet hat. Die Dramatik steigt, als sich ein Portal in die bisher nur erblickte Vergangenheit öffnet. Mit ‚wissenschaftlichen‘ Erklärungen kann und will Henderson nicht dienen. Ihr geht es um die Entscheidung, den Zeitstrom zu manipulieren, selbst wenn man sich dabei in Lebensgefahr begibt. Folgerichtig stellt Henderson das vor allem in der Science-Fiction sonst mit allerlei Brimborium begleitete Phänomen der Zeitreise als Nebensache dar, die sich einfach und ohne besondere Effekte ereignet, bis die Geschichte ihre Auflösung gefunden hat.

Victor Contoski (*1936) ist kein hauptberuflicher Schriftsteller. „Von Gooms Gambit“ scheint sogar seine einzige literarische Veröffentlichung zu sein. Sie erschien erstmals und angemessen in einem Schachmagazin, wo Terry Carr sie (wieder-) entdeckte. Qualitativ kann sie nur bedingt mit den anderen Storys mithalten; zu sehr ist sie auf ihren Gag zugespitzt und endet eher abrupt als originell. Trotzdem ist auch hier allein der Mensch verantwortlich für die seltsamen Dinge, die besagtes Gambit in Gang setzt.

Aus dem Zusammenhang gerissen

Leider muss die Frage, ob „Von Gooms Gambit“ tatsächlich als ‚Ausreißer‘ zu betrachten ist, unbeantwortet bleiben. Wieder einmal hat der deutsche Leser das Nachsehen. 1971 legte Terry Carr seinem US-Publikum eine Sammlung vor, die deutlich umfangreicher als ihre deutsche Fassung war. Hierzulande fehlte nicht nur Carrs Einleitung (die immerhin durch ein deutsches Vorwort von Hugh Walker/Hubert Strassl ersetzt wurde). Schlimmer schlägt die Abwesenheit dieser Storys zu Buche:

– Avram Davidson: Big Sam (1970)
– Roger Zelazny: The Stainless Steel Leech (1963)
– Terry Carr: Sleeping Beauty (1967)
– Robert Bloch: The Plot Is the Thing (1966)
– Jorge Luis Borges: Funes el memorioso (1942)
– J. G. Ballard: Say Goodbye to the Wind (1970)
– William M. Lee: A Message from Charity (1967)

Wieder einmal trieb die deutsche Seitennormierung ihr Unwesen. 160 Seiten durfte ein Taschenbuch des Pabel-Verlags Anno 1980 zählen. Texte, die diese Vorgabe sprengten, blieben entweder unberücksichtigt oder wurden – was schlimmer war – passend gemacht, d. h. gekürzt. Waren Sammlungen zu umfangreich, fielen Storys ersatzlos weg. Hatte man Glück, erschienen sie in einer späteren Buchausgabe. In unserem Fall geschah dies nicht. Deshalb gibt es selbst für diese Rumpffassungen keine Alternativen, da an ein Erscheinen der ungerupft übersetzten Originale nicht zu erwarten ist.

Zudem ist die Übersetzung gut und das Titelbild ein kunstvolles Kuriosum: Solche Cover dürften in unserer politisch korrekten und dadurch nachweislich besser gewordenen Welt wohl nicht mehr zum Einsatz kommen …

Herausgeber

Terry Gene Carr wurde am 19. Februar 1937 in Grants Pass, einem kleinen Ort im US-Staat Oregon, geboren. Er besuchte das City College of San Francisco und studierte ab 1954 fünf Jahre an der University of California, Berkeley.

Schon 1949 machte Carr als Herausgeber diverser Science-Fiction-Fanzines auf sich aufmerksam. Sein breites Wissen und seine Talent, interessante Texte auch in obskuren Veröffentlichungen zu finden, ebneten ihm den Weg auf die professionelle Seite: Carr wurde ein bekannter Herausgeber lang laufender Anthologien, unter denen „Universe“ (1971-1987) und „World’s Best Science Fiction“ bzw. „The Best Science Fiction of the Year“ (1965-1987) besondere Meilensteine des Genres darstellen. Für seine Arbeit als Herausgeber wurde Carr u. a. dreizehnmal für einen „Hugo Award“ nominiert. Sein eigenes schriftstellerisches Werk blieb demgegenüber schmal.

Völlig überraschend erlag Terry Carr am 7. April 1987 im Alter von 50 Jahren einem Herzversagen.

Taschenbuch: 160 Seiten
Originalausgabe: New Worlds of Fantasy 3 (New York : Ace Books 1971)
Übersetzung: Lore Strassl
Cover: Marigot

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