Terry Pratchett – Die Krone des Schäfers

Als Terry Pratchett im März 2015 viel zu früh verstarb, hinterließ er mehr als eine Lücke. Über die Tragödie für seine Familie steht uns nicht zu, zu sprechen, doch auch im literarischen Sinne ging eine Ära zu Ende.

Nun liegt die Deutsche Erstausgabe seines letzten Romans vor, der auf der Scheibenwelt spielt, und mit »Die Krone des Schäfers« bringt Pratchett auch ein Ende in die Entwicklung seiner Lieblingshexe Tiffany Weh, die in viel zu große Fußstapfen treten muss und die teilweise uneinige Hexenschaft vereint. Es ist bezeichnend, dass eine von Pratchetts großen Figuren in diesem Buch die Reise an TODs Seite antritt, und die Gelassenheit, mit der das geschieht, wirft, bei aller Trauer der Freunde und Verwandten, eine warme und positive Stimmung auf das Thema – vielleicht eine Hilfestellung Pratchetts für seine eigene Familie – oder auch für sich selbst -, um dem Schicksal in Gelassenheit zu begegnen.


Tiffany Weh, die junge Hexe aus dem Kreideland, musste einige beeindruckende Gegner bezwingen und viele Prüfungen bestehen, bevor die anderen, erwachsenen Hexen der Scheibe sie als eine der Ihren akzeptierten. Nun ist die sie die offizielle Hexe ihrer Heimat, stolz und glücklich – und steht doch vor ihrer bisher größten Herausforderung. Denn tief im Kreideland rührt sich etwas: Ein alter Feind sammelt neue Kraft. Und nicht nur hier, auf der ganzen Scheibenwelt hat eine Zeit der Umbrüche begonnen. Grenzen verschwimmen, Allianzen verschieben sich, neue Mächte entstehen. Tiffany muss wählen zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Gut und Böse. Als sich eine gewaltige Invasion ankündigt, ruft Tiffany die Hexengemeinde auf, ihr beizustehen. Denn der Tag der Abrechnung rückt näher …
(Verlagsinfo)

Leser der bisherigen Geschichten um Tiffany Weh vermuten bereits, um welche Gegner es sich hier handelt. Ein wichtiger Aspekt der Hexengeschichten ist die Nutzung andersgeordneter Bereiche, Pararealitäten, doch sind das mittlerweile Bereiche, in denen sich die junge Hexe zu behaupten vermag. Pratchett setzt ihren Charakter schön in Szene, ihre Bescheidenheit und ihren Willen, ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Dass sie sich dabei an den größten Idealbildern ihrer Umgebung orientiert, ist nur natürlich – doch beschreibt Pratchett nachvollziehbar und im Einklang sowohl mit ihrem Wesen, als auch dem Wesen der Geschichte, wie sie sich schließlich von den selbstauferlegten Zwängen befreit und das Selbstbewusstsein entwickelt, ihren eigenen Weg zu gehen.

Das ist sowieso das übergeordnete Thema des Romans: Äußere Zwänge abzuschütteln und den eigenen Weg zu finden, auch wenn damit Konventionen gesprengt werden und das Umfeld überrascht, wenn nicht gar düpiert wird. Die Erfahrung der Geschichte zeigt, dass Veränderungen stets mit der Konfrontation zwischen beharrenden und neudenkenden Kräften einher gehen, und dass spätere Generationen die veränderten Dinge selbstverständlich beleben, während die Revolutionäre einen harten Weg zu gehen haben.

Konkret ist es – wie so oft – die Geschlechterrolle, die Pratchett gut typisiert auf den Prüfstand stellt und Alternativen aufzeigt. Oft sind auch sprachliche Gewohnheiten hinter den Rollen für die Beharrung solcher Standpunkte mitverantwortlich, und das ist ja ein Thema, mit dem sich Pratchett stets in hoher Kunstfertigkeit und in wundervollen Wortspielereien befasst. Im vorliegenden Buch hat man in der Hinsicht nur manchmal den Eindruck, Regina Rawlinson als Übersetzerin gelänge es nicht an jeder Stelle, den grandiosen Wortwitz Pratchetts einzufangen, zu simpel sind manchmal die Sprichworte oder zu zwanghaft der Versuch, eine deutsche Entsprechung zu entwickeln. Da wurde man von der Regelmäßigkeit der früheren Übersetzungen durch Andreas Brandhorst verwöhnt.

„10.12.12TerryPratchettByLuigiNovi1“ von Luigi Novi. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:10.12.12TerryPratchettByLuigiNovi1.jpg#/media/File:10.12.12TerryPratchettByLuigiNovi1.jpg
„10.12.12TerryPratchettByLuigiNovi1“ von Luigi Novi. Lizenziert unter CC BY 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:10.12.12TerryPratchettByLuigiNovi1.jpg#/media/File:10.12.12TerryPratchettByLuigiNovi1.jpg

Die Auseinandersetzung mit dem Aufbrechen von Tabus und dem Tod von liebgewonnenen Personen bildet ein wichtiges Thema des Romans, ohne dabei aber die Geschichte zu überschatten. Leider merkt man gerade zum Ende hin ein wenig die Unfertigkeit des Werkes, an dem Pratchett als letztes vor seinem eigenen Tod arbeitete. Er entwickelte die Geschichte in ihren Schlüsselszenen und erweiterte sie in den Feinheiten bis zum Schluss, so dass man keine Erzählung ohne Ende vorgesetzt bekommt, doch von einem Terry Pratchett in früheren Tagen mit Sicherheit ein umfangreicheres Werk erhalten hätte. Vor diesem Hintergrund scheint die Geschichte nicht in letzter Konsequenz fertig erzählt, setzt der Entwicklung der jungen Hexe Tiffany Weh aber ein würdiges Ende und ermöglichte uns einen letzten Blick in die bezaubernden Weiten der Scheibenwelt.

Broschiert, 384 Seiten
ISBN-13: 9783442547708
Deutsche Erstausgabe November 2015
Deutsch von Regina Rawlinson
Originaltitel:
The Sheperd’s Crown
Das Buch beim Verlag – hier bietet der Verlag auch eine Leseprobe an!

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