Thiede, Carsten Peter / D’Ancona, Matthew – Jesus-Fragment, Das. Kaiserin Helena und die Suche nach dem Kreuz

Jerusalem, 326 n. Chr.: In der Hauptstadt der römischen Provinz Palästina trifft hoher Besuch ein. Trotz ihrer beinahe 80 Jahre hat sich die Kaiserin Helena, Mutter und Mitregentin des Imperators Konstantin, auf eine Reise gemacht, die zwei Jahre dauern und sie 2000 Kilometer weit zu den zentralen Stätten des christlichen Glaubens führen wird. Helena befindet sich auf einer wichtigen Mission; keine anderthalb Jahrzehnte ist es her, dass ihr Sohn das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat, nachdem die Christen in den drei Jahrhunderten zuvor immer wieder grausamen Verfolgungen durch die römischen Herrscher ausgesetzt waren. Konstantins und besonders Helenas Gläubigkeit ist echt. Dennoch ist die Grenze zwischen Religion und Politik in dieser Zeit fließend: Konstantins Ruf als von Gott auserwähltes Haupt des Römischen Reiches würde wachsen, wenn es ihm gelänge, das in der Bibel überlieferte Geschehen durch handfeste Beweise zu untermauern. In seinem Namen sollen an solchen geschichtsträchtigen Orten Palästinas Gedenkstätten und Kirchen entstehen.

Helena bereist fast das ganze Heilige Land. Dabei entwickelt sie sich zu Vorfahrin der späteren Archäologen. Mit staunenswerter Energie betreibt sie ihre Nachforschungen – und sie hat Erfolg! Besonders in Jerusalem wird sie fündig: Auf dem Areal des Felsens von Golgatha, der alten Hinrichtungsstätte, wird bei von der Kaiserin durchgeführten Ausgrabungen ein gut erhaltenes Kreuz gefunden, das ein Kopfbrett trägt, auf dem nach römischer Sitte der Name des Verurteilten und sein Verbrechen eingraviert wurde: Jesus von Nazareth, König der Juden …

Die Kaiserin lässt das Kreuz bergen. Es bleibt in Jerusalem und entwickelt sich dort naturgemäß zu einem Objekt der Verehrung für die christlichen Pilger, die in die Stadt kommen, bis es siebeneinhalb Jahrhunderte später in den Wirren der Kreuzzüge verloren geht.

Hier könnte die Geschichte eigentlich zu Ende sein. Doch Kaiserin Helena war nicht nur eine entschlossene, sondern eine vorausschauende Frau. Deshalb beschloss sie, zumindest einen Teil des Kreuzes in ihre Heimatstadt Rom zu schicken. Dieses Fragment – ein Teil des Kopfbrettes – bewahrte sie in ihrem privaten Palast auf, der nach ihrem Tode zur Kirche Santa Croce in Gerusalemme umbaut wurde. Dort trotzte es allen Schicksalsschlägen der wechselvollen römischen Geschichte bis auf den heutigen Tag – ein Objekt, das den Historikern Verdruss und der Kirche Verlegenheit bereitet.

Reliquien – das sind Gegenstände aus dem Besitz oder dem Umfeld „heiliger“ Menschen, aber auch die Überreste solcher Personen selbst, denen Wunderwirkung zugeschrieben wird. Darüber hinaus besitzen sie für die Gläubigen eine besondere Anziehungskraft. Obwohl man meinen sollte, dass die Bibel sich mit der Geschichte vom ungläubigen Thomas zu diesem Thema recht deutlich – und ablehnend – geäußert hat, fällt es den Menschen leichter zu glauben, wenn sie etwas sehen, das sie daran erinnert, wieso sie glauben. So ist es kein Wunder, dass besonders während des Mittelalters, als die Religion ein fester Bestandteil des Alltagslebens wurde, Reliquien eine ganz besondere Bedeutung erlangten.

Jede neu errichtete Kirche benötigte eine Reliquie, die Gläubigen wünschten sich Reliquien – und zwei oder drei oder noch mehr Reliquien waren besser als eine Reliquie; kein Wunder, dass der Kult außer Kontrolle geriet, absurde Blüten trieb und ins Zwielicht geriet. Mit den mirakulösen Artikeln wurde bald ein schwunghafter und einträglicher Handel getrieben. Die Grabstätten bekannter Heiliger wurden förmlich durchpflügt, ihre Überreste buchstäblich in kleine Stücke gerissen und dorthin transportiert, wo schon die Empfänger voller Sehnsucht und mit gezückter Börse darauf warteten. Die Frage der Authentizität stand dabei – weil geschäftsschädigend – nicht unbedingt im Vordergrund; auf diese Weise dürfte so mancher arme Wicht, der den Reliquienjägern zufällig in die Finger fiel, nach seinem oder ihrem Tode zu unverhoffter Verehrung gelangt sein.

Noch besser gelang das Reliquienfälschen natürlich bei Objekten, die zwar in der Bibel oder den Heiligenlegenden erwähnt, aber nicht weiter beschrieben wurden. Da Glaube bekanntlich Berge versetzt, fanden sich nach und nach und auf wundersame Weise wahrhaft „fantastische“ Stücke wie einige Krüge von der Hochzeit zu Kanaan oder ein Brötchen von der Speisung der Fünftausend an. Kein Wunder, dass die Kirche selbst schließlich die Notbremse zog und den Reliquienkult radikal beschnitt. Da war der Schaden freilich bereits geschehen: In einem Wust zweifelhafter Objekte gingen die wenigen womöglich echten Überbleibsel rettungslos unter.

Seither betrachtet auch die Forschung Reliquien mit tiefem Misstrauen. Es gibt sogar eine Art unausgesprochener Übereinkunft, wissenschaftlich lieber einen Bogen um sie zu machen. Wer sich dem nicht fügen mag, setzt leicht seinen Ruf aufs Spiel.

Die Untersuchung einer „Super-Reliquie“, wie es das heilige Kreuz zweifellos darstellt, ist da verständlicherweise ganz besonders heikel. Die Überlieferungssituation ist nach fast 1700 Jahren denkbar schlecht, und auch am Kreuz haben sich die Reliquienmacher des Mittelalters eifrig versucht. So stellt die vorliegende Untersuchung des Autorenteams Carsten Peter Thiede (Professor für die Geschichte des Neuen Testaments) und Matthew D’Ancona (Wissenschaftsjournalist) tatsächlich den ersten Versuch dar, sich des schwierigen Themas sachkundig und sachlich anzunehmen. (Seltsamer- und vielleicht glücklicherweise konnte das Helena-Kreuz nie so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie das Turiner Grabtuch.) Um es kurz zu machen: Sie haben ihre Arbeit gut getan. Dabei geht es weniger um die Frage, ob denn dieses Kreuzfragment der Kaiserin Helena wirklich echt ist. Für Thiede/D’Ancona steht dies inzwischen außer Frage. Diese Ansicht muss man nicht teilen – nicht einmal nach der Lektüre dieses Buches, denn die Autoren sind seriös genug, die möglichen Argumente gegen ihre Theorie gleich selbst zu nennen – und die Liste ist durchaus lang!

Solche Vorsicht ist selten auf dem Gebiet der „spekulativen“ Geschichtsforschung, gilt es hier doch normalerweise, „sensationelle“ Entdeckungen zu machen und diese auf Biegen und Brechen zu „beweisen“, um Spesengeld und Honorare zu kassieren. Mit besonderer Vorsicht sind daneben noch jene fundamentalistisch verblendeten „Forscher“ zu genießen, wie sie z. B. seit Jahren auf der Suche nach Noahs Arche über die Hänge des Berges Ararat schwärmen … Das ist beileibe kein Witz, sondern in gewisser Weise die logische Fortsetzung der Reliquienjagd Kaiserin Helenas …

Echte Wissenschaft muss misstrauisch und vorsichtig sein, denn hier zählen nur Fakten. Die Urzeit des Christentums liegt nun einmal unter einem dichten Schleier von immerhin zwei Jahrtausenden verborgen, und es ist nicht davon auszugehen, dass sich dieser in absehbarer Zeit und dann vollständig lichten wird. So konnte es faktisch nicht möglich sein, einen der zahlreichen Wissenschaftler, die Thiede/D’Ancona zu Rate zogen, zu der Aussage zu bewegen, dass Helenas Kreuzfragment tatsächlich von dem Kreuz stammt, an dem Jesus einst starb. Viele der gewonnenen Erkenntnisse weisen darauf hin – müssen es aber nicht.

Den ersten Teil dieser Aussage belegt das Autorenteam mustergültig; um den zweiten drückt es sich verständlicherweise ein wenig herum. Auf jeden Fall legen sie ihre Karten auf den Tisch, statt sich die historischen Fakten so herauszupicken und zurechtzulegen, bis sie zur Ausgangsthese passen. Manchmal stellen sie die Geduld des Lesers auf eine allzu harte Probe, wenn sie Seite um Seite noch dem kleinsten Kratzer des Helena-Fragments nachspüren. Aber das Argumentationsgerüst steht solide, das muss man den Autoren zugestehen.

Eine (ketzerische?) Frage bleibt übrigens völlig offen: Welche Konsequenzen hätte es eigentlich, sollte das Kreuzfragment tatsächlich echt sein? Da wurde also um das Jahr 30 womöglich ein Mann hingerichtet, der Jesus von Nazareth hieß, sich als „König der Juden“ bezeichnete und sich nach römischem Gesetz des Landesverrats schuldig gemacht hatte. Bedeutet dies denn, dass dadurch das gesamte Neue Testament schlagartig in den Rang einer authentischen historischen Quelle erhoben würde? Wohl kaum, und so läuft es auch dieses Mal letztlich auf eine Frage des Glaubens hinaus.

„Das Jesus-Fragment“ als Sachbuch ist jedenfalls eine spannende Lektüre – „True Fantasy“, wenn man so möchte. Der Laie lernt eine Menge über so unterschiedliche Themen wie die schwierigen frühen Jahre des Christentums, das Römische Imperium auf einem Gipfel seiner Macht, über Mythologie und die Möglichkeiten (und Grenzen) der modernen Wissenschaft oder die erstaunliche Flexibilität der Katholischen Kirche in der Bewertung ihrer eigenen Geschichte.

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