Tolkien, John Ronald Reuel – Roverandom

_Abenteuer mit Drachen, Magiern und Mondhunden_

Vermutlich 1927 schrieb Tolkien die Geschichte eines kleinen Hundes namens Roverandom auf. Er hatte sie sich als Trost für seinen Sohn Michael ausgedacht, der seinen geliebten Spielzeughund am Strand verloren hatte. Schon in diesem frühen Werk gelingt es Tolkien meisterhaft, Elemente aus Sagen und Mythen mit biografischem und literarischem Material zu verknüpfen. Es erschien 1998 in Buchform.

_Der Autor_

John Ronald Reuel Tolkien wurde 1892 im südafrikanischen Bloemfontein geboren, übersiedelte aber schon zwei Jahre später nach England in die Nähe von Birmingham. Schon früh erweckte seine Mutter in ihm eine Vorliebe für Sprachen, er entwickelte eigene Sprachsysteme, so etwa zwei für Elben, eines für Zwerge und mehrere für Menschen. Sein Studium der englischen Sprache und Literatur in Oxford bestand er mit Auszeichnung. 1916/17 kämpfte er in Frankreich, wurde verwundet und lag längere Zeit im Lazarett, wo er anfing, seine Privatmythologie niederzuschreiben (gesammelt in den „Verschollenen Geschichten“). Danach ging er als Lektor und später Professor an die Uni Leeds, dem sich eine 34-jährige Laufbahn als Professor für Angelsächsisch in Oxford anschloss.

1937 erschien mit „The Hobbit“ sein erster Bucherfolg, der ihn bekannt machte. Als sein Verleger eine Fortsetzung bestellte, begann Tolkien „Der Herr der Ringe“ zu schreiben. Er brauchte nach drei Anläufen insgesamt zwölf Jahre dafür. Doch obwohl der 1000-Seiten-Roman 1949 fertig war, konnte er wegen Papierknappheit erst 1954 und 1955 in drei separaten Bänden erschien. Dadurch erschien der Roman als eine Trilogie, was er keineswegs ist. Nach Tolkiens Tod 1973 arbeitete sein Sohn Christopher den umfangreichen Nachlass auf. Das Ergebnis erschien 1978 unter dem Titel „The Silmarillion“. Es enthält Schöpfungsmythen, Heldensagen und zahlreiche Gedichte sowie Anhänge.

_Zu „Roverandom“_

Bevor Tolkien mit seiner Familie nach Oxford übersiedelte, um dort Professor für Angelsächsisch zu werden, machte er 1927 mit seiner Familie Urlaub an der Nordsee. Dabei verlor sein „Sohn Nummer zwei“, Michael, am Strand einen kleinen schwarzweißen Spielzeughund namens Rover. Zum Trost dachte sich sein Vater die Geschichte von Rovers Abenteuern aus. Er fertigte allmählich fünf Fassungen davon an, denn er wollte sie ebenso wie den „Hobbit“ bei Allen & Unwin publizieren. Aufgrund des großen Erfolgs des 1937 veröffentlichten „Hobbit“ musste Tolkien jedoch eine Fortsetzung schreiben, den „Herrn der Ringe“. „Roverandom“ geriet in Vergessenheit.

Zum Glück wurde er von den zwei Tolkien-Experten Christina Scull und Wayne G. Hammond 1998 in einer kommentierten Ausgabe veröffentlicht, die sogar die teilweise sehr schönen Zeichnungen Tolkiens zu „Roverandom“ enthält. Die deutsche Übersetzung von Hans J. Schütz, die im Buch all diese Bestandteile umfasst, ist sehr gelungen.

_Handlung_

„Roverandom“ ist ein amüsantes – für den literarisch Eingeweihten sogar witziges – Jugendbuch. Es erzählt von den Abenteuern, die der kleine Hund Rover, der von dem übellaunigen Zauberer Artaxerxes verwandelt wurde, auf dem Mond, auf den Meeren – er segelte bis zu den Inseln der Elben! – und beim Meervolk erlebte, wo Artaxerxes eine Stelle als Pazifisch-atlantischer Magier, kurz: PAM, angetreten hat. Natürlich lernt er auch Mondhunde und Meerhunde kennen.

Wichtiger waren aber zweifellos seine Begegnungen mit guten Zauberern: mit dem Sandkundigen Psammetos Psammetidis und dem Mann im Mond, der dort im Weißen Turm über seine Welt herrscht. Am Schluss wird alles wieder gut, wenn auch nicht für alle: Dem nachtragenden Zauberer Artaxerxes, der Rover verwandelt hatte, wird eine Lehre erteilt.

|Leseprobe:

„Der Mond wurde größer und heller und die Welt unten dunkler und ferner. Schließlich hörte die Welt plötzlich auf, und Rover konnte die Sterne sehen, die aus der Dunkelheit unten ihnen heraufstrahlten. Tief unten konnte er die weiße Gischt im Mondlicht erkennen, wo Wasserfälle über den Rand der Welt fielen und geradewegs in den Raum stürzten. Ihn überkam ein höchst unbehagliches Schwindelgefühl, und er kuschelte sich in Möwes Federn und schloss die Augen für eine lange, lange Zeit. Als er sie wieder öffnete, erstreckte sich unter ihnen der Mond, eine neue weiße Welt, schimmernd wie Schnee, mit weiten freien Flächen von Mattblau und Grün, wo die hohen, spitzen Berge ihre langen Schatten auf den Boden warfen.“|

_Unterm Strich_

„Roverandom“ bezaubert zunächst durch die phantasievolle Handlung Kinder ab 6 Jahren, zieht aber durch das wahre Feuerwerk an Wortspielen und das Schicksal des Zauberers Artaxerxes auch Erwachsene in seinen Bann. Für Tolkien-Fans ist „Roverandom“ vor allem auch wegen des ganz speziellen Humors des weltbekannten Fantasy-Autors ein richtiger Leckerbissen.

„Roverandom“ hat nur geringe Verbindungen zur restlichen Mythologie Tolkiens und ist daher für Tolkienforscher nur von begrenztem Interesse. Daran freuen können sich Kinder schon eher. Es ist eine kurzweilige Geschichte, die Tolkien zwar anfangs etwas mühsam und mit vielen Leseranreden, dann aber zunehmend flüssiger erzählt – so bieten schließlich Rovers Erlebnisse beim Meervolk und der Seeschlange pures Lesevergnügen.