Tom Hillenbrand – Hologrammatica

Handlung:

Ende des 21. Jahrhunderts arbeitet der Londoner Galahad Singh als Quästor. Sein Job ist es, verschwundene Personen wiederzufinden. Davon gibt es viele, denn der Klimawandel hat eine Völkerwanderung ausgelöst, neuartige Techniken wie Holonet und Mind Uploading ermöglichen es, die eigene Identität zu wechseln wie ein paar Schuhe. Singh wird beauftragt, die Computerexpertin Juliette Perotte aufzuspüren, die Verschlüsselungen für sogenannte Cogits entwickelte – digitale Gehirne, mithilfe derer man sich in andere Körper hochladen kann. Bald stellt sich heraus, dass Perotte Kontakt zu einem brillanten Programmierer hatte. Gemeinsam waren sie einem großen Geheimnis auf der Spur. Der Programmierer scheint Perotte gekidnappt zu haben. Je tiefer Singh in die Geschichte eintaucht, umso mehr zweifelt er daran, dass sein Gegenspieler ein Mensch ist … (Verlagsinfo)

Mein Eindruck:

Zuerst dachte ich – cool, ein Thriller mit Science-Fiction gepaart, das kann ja nur gut sein! Dann kamen Milchtüten, Stripper, Armanuensis, Quants, Deather, Thants, Cogits und noch viele weitere Begriffe, die teils zu kompliziert sind, um sie aufzuzählen. Oh, und dann war da noch eine Orgie.

Aber fangen wir von vorne an:

‚Hologrammatica‘ spielt am Ende des 21. Jahrhunderts unserer beinahe-postapokalyptischen, aber doch sehr futuristischen Welt. Der Klimawandel hat große Teile der Erde völlig zerstört – so ist Venedig beispielsweise zum nächsten Atlantis geworden -, in den übrigen herrschen mitunter horrende Temperaturen von 40°C in der Nacht. Die Menschheit wurde durch ein Virus drastisch reduziert, sodass das Problem nun eher Unter- statt Überbevölkerung lautet.

So sehr die Natur jedoch einstecken musste, so stark hat sich die Technik weiterentwickelt. Mit Ausnahme der wenigen ‚Naked Spaces‘ ist so ziemlich jeder Ort mit Holographien belegt. Das moosbewachsene, an der Fassade blättrige Gebäude von gegenüber sieht dadurch aus wie neu. Schmutz, Unordnung, alles, was nicht sonderlich ansehnlich ist, wird einfach wegholographiert. Selbst die Menschen benutzen sogenannte Holomasques, mit denen sie ihr Aussehen verändern können. Wobei ‚verändern‘ wohl das falsche Wort ist, denn auch diese Holomasques sind lediglich Projektionen.

Die Geschichte findet nur knapp 60 Jahre in der Zukunft statt, daher finde ich die Vorstellung, dass unsere – gar nicht so weit entfernte – Zukunft so oberflächlich und technikbasiert sein könnte, durchaus beängstigend.

Wie dem auch sei, das Buch handelt von einem Londoner mit indischen Wurzeln in seinen besten Jahren, namentlich Galahad Singh. Der werte Herr arbeitet als Quästor, einer Art Privatdetektiv, und sucht nach verschwundenen Personen. Da kommen dann auch mal die Stripper oder Strippergoggles zum Einsatz – Brillen, mit denen man bestimmte Ebenen des Holonets, von denen es (vermeintlich) fünf gibt, ausblenden kann. So wird mal die Werbung auf Häusern ausgeblendet, mal Straßenschilder und mal die Holomasques, die Pickel und fettige Haare überblenden.

Früh zeigt sich, dass Galahad von oft schweren depressiven Phasen geplagt wird, die er mit Musik oder direkt mit Medikamenten einzudämmen pflegt. Außerdem scheint er von Alkohol oftmals etwas zu sehr angetan zu sein.

Ebenso früh wird ersichtlich, dass der Londoner offensichtlich nicht heterosexuell ist. Das erste „mein Ex“ hatte mich noch etwas verwirrt zurückgelassen, da es sich genauso gut um einen Rechtschreibfehler hätte handeln können. Aber nein, Galahad ist tatsächlich homosexuell. Per se ist dies eigentlich nichts Besonderes. Doch da die meisten Geschichten heute noch immer von heterosexuellen Menschen handeln, finde ich es durchaus bemerkenswert, dass in diesem Buch nicht bloß irgendein Nebencharakter auf das eigene Geschlecht steht. Als Teil der LGBTQ+-Community muss ich sagen, dass ich diese Tatsache äußerst erfrischend fand.

Nichtsdestotrotz bändelt Galahad schließlich mit einem anderen Mann an, der eigentlich eine Frau ist. (Da kommt dann übrigens auch die Orgie ins Spiel.) In einer Zeit, in der alles durch Holos verschönert wird und kaum noch jemand zu Zettel und Papier greift, ist es nicht unüblich, dass Menschen ihre Gehirne digitalisieren lassen. Diese sogenannten Cogits können dann leicht in andere Körper, sogenannte Gefäße, eingesetzt werden. So kann jeder nicht nur oberflächlich über Holomasques ein anderes Aussehen annehmen, sondern tatsächlich den Körper wechseln, wenn auch mit einem zeitlichen Limit.

Jedenfalls lernt Galahad Francesca kennen, die ihm fortan nur noch als Francesco begegnet, weil er ja körperlich nicht an Frauen interessiert ist. Kein Wunder also, dass er anfängt, darüber nachzudenken, was er eigentlich von ihm oder ihr will – ist es nur Sex oder mehr? Und wer ist eigentlich der richtige Mensch hinter der Maske – Francesca? Francesco? Jemand ganz Anderes? Fragen über Fragen und wie immer dreht es sich um die Liebe. Aber keine Angst – in erster Linie geht es nicht um diese. Zwar schweifen Galahads Gedanken immer mal wieder zu Francesco ab, doch das Hauptaugenmerk liegt auf seinem neuesten Fall einer Vermissten, der immer verzwickter zu werden scheint, je weiter er sich hineinfuchst.

Und dann sind da auch noch diese Leute mit pechschwarzen Schwertern, die sie einfach so aus ihren Jacken ziehen. Wie gesagt, sein Fall wird immer komplizierter. Und vor allem gefährlicher. Und das alles nur wegen einer KI, einer Künstlichen Intelligenz. Oder steckt doch noch mehr dahinter?

Persönlich lese ich eigentlich lieber Geschichten aus der dritten Person. Daher empfand ich es zunächst als etwas gewöhnungsbedürftig, dass ‚Hologrammatica‘ aus der ersten Person, der von Galahad, geschildert wird. Doch im Endeffekt muss ich sagen, dass diese Erzählweise die Geschichte sogar noch lesenswerter macht. Der Leser baut so eine gewisse Beziehung zu Galahad auf und kann dessen innere Konflikte regelrecht spüren. Dasselbe gilt für die Zeitform, denn ‚Hologrammatica‘ ist im Präsens verfasst. Dadurch wird man tiefer in die Geschichte gezogen und fiebert gespannt dem nächsten Kapitel entgegen.

Was dieses Buch für mich jedoch vor allem so besonders gemacht hat, ist der Sprachstil. Der Protagonist hat einen unglaublich trockenen, teils auch sarkastischen Humor, durch den Galahad ungemein sympathisch wirkt und mit dem die ganze Geschichte etwas aufgelockert wird. Dem Leser wird durch diesen teilweise etwas Anspannung genommen und stattdessen ein Schmunzeln auf das Gesicht gezaubert. Nichtsdestotrotz weiß Tom Hillenbrand, wie er den Spannungsbogen halten kann. Bestimmte Elemente tauchen immer wieder auf, wodurch der Leser anfängt, sich selbst einen Reim aus dem Ganzen zu machen – nur um am Ende doch wieder überrascht zu werden.

Fazit:

Auch wenn ‚Hologrammatica‘ nicht so blutrünstig oder psychisch auf die Folter spannend ist wie Genre-Genossen, steht der Roman diesen in nichts nach. Wer einen Thriller erwartet, in dem Personen systematisch abgeschlachtet werden oder in dem der Protagonist – und man selbst – psychisch irgendwann völlig am Ende ist, wird von diesem Buch womöglich enttäuscht werden. Allerdings kann ich nur sagen, dass es sich wirklich lohnt, es zu versuchen, denn ich konnte und wollte es kaum aus den Händen legen. Es mag mitunter zwar etwas kompliziert werden, wenn es um zig verschiedene Cogits, Uploads und Backups sowie Holonets und Photonen geht, aber auch Galahad Singh hat keine Ahnung von diesen Dingen. Genau das macht ihn nochmals etwas sympathischer und, ehrlich gesagt, war es oft eine große Hilfe, dass er komplexere Vorgänge für sich selbst nochmals zusammengefasst hat, weil er sie selbst nicht so richtig verstand. Das hat das Lesen und das Verständnis unglaublich angenehm gemacht.

Einziger negativer Punkt ist das Ende, dies jedoch auch nur solange, wie es keine Fortsetzung gibt. Zu viele Fragen blieben ungeklärt, sodass ich wirklich darauf hoffe, dass es irgendwann weitergeht. Bis dahin kann ich jedem dieses Buch nur wärmstens empfehlen!

Taschenbuch: 560 Seiten
ISBN-13: 978-3462051490
www.kiwi-verlag.de

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