Lisa Tuttle – Das geheime Land

Was passiert mit Menschen, die von einem Augenblick zum nächsten spurlos verschwinden? Lisa Tuttle nimmt sich all der verschwundenen Menschen an und schickt den in London lebenden amerikanischen Detektiv Ian Kennedy auf Spurensuche.

Ian Kennedy ist seit jeher vom rätselhaften Verschwinden besessen. Einst verschwand sein Vater spurlos von einem Tag auf den anderen. Für Ian absolut unbegreiflich und unerklärlich. Ebenso unerklärlich scheint die junge Peri Lensky verschwunden zu sein. Ian Kennedy, Spezialist für auf rätselhafte Weise verschwundene Menschen, wird von Peris Mutter Laura beauftragt, das Mädchen zu suchen. Seit zwei Jahren fehlt von ihr jede Spur und sie verschwand auf so sonderbare Weise, dass es fast nach einem Märchen klingt.

Ian nimmt den Auftrag an, denn der Fall erinnert ihn sehr stark an seinen ersten Auftrag. Damals verschwand die junge Amy, die Tochter einer Nachbarin seiner Mutter. Amy arbeitete an einem archäologischen Forschungsprojekt in Schottland, ehe sie ohne erkennbaren Grund spurlos verschwand. Ian versuchte zu rekonstruieren, was passiert war, und stieß schon bald an die Grenzen dessen, was er glauben konnte.

Offenbar existiert neben unserer Welt eine zweite Realität voller Mythen und Legenden, und wie es scheint, gibt es Pforten von einer Welt zur anderen. Mal werden Menschen von den Bewohnern der anderen Welt entführt, mal begeben sie sich freiwillig dorthin. Auch Amy hatte es in die andere Welt verschlagen.

Das gleiche Schicksal hat ganz offensichtlich auch Peri ereilt. Da Ian aus den Erfahrungen des Falles Amy gelernt hat, weiß er, was zu tun ist. Nachdem er alles Notwendige herausgefunden hat, entschließt er sich, den Schritt in die Anderwelt zu wagen und Peri zu retten. Doch er steht dort einem mächtigen Gegner gegenüber, der nicht gerade angetan davon ist, Peri wieder ziehen zu lassen …

Lisa Tuttle hat mit „Das geheime Land“ einen Roman geschaffen, der seinen ganz eigenen Charme hat. Die Geschichte spielt im Jetzt und Hier, hat aber dennoch einen unverkennbaren Fantasy-Beigeschmack, dessen Wurzeln in der keltischen Mythologie liegen. Tuttles Roman liest sich dabei wie ein Puzzle. Immer wieder streut sie Randgeschichten ein, die kreuz und quer durch die Geschichte Fälle aufzeigen, in denen Menschen in die Parallelwelt verschwunden sind. Mal können sie gerettet werden, mal nicht. Diese Einschübe wirken wie aus Märchenbüchern zitiert und so bekommt der gesamte Roman einen gewissen Märchenbuchanstrich. Das macht letztendlich die besondere Note von „Das geheime Land“ aus.

Dank der sehr ausgeprägten Verankerung in unserer realen Gegenwart ist der Roman nicht in erster Linie Fantasykost. Das macht die Geschichte sicherlich auch für weniger versierte Fantasyfans interessant. Die Handlung wirkt über weite Strecken sehr bodenständig und realitätsnah, während die Erlebnisse in der Anderwelt traumhaft und nebulös erscheinen.

Der eigentliche Plot dreht sich mehr oder weniger eng um die Hauptfiguren, insbesondere um Ian Kennedy. Ian ist ein Amerikaner, der England in sein Herz geschlossen hat und schon seit Jahren dort lebt (und damit auch gewisse autobiographische Parallelen zur Autorin aufweist). Es werden viele Momente aus der Lebensgeschichte des Ian Kennedy reflektiert, der immer wieder mit dem Verschwinden von Menschen in Berührung kommt. Immer wieder springt Tuttle in der Zeit vor und zurück und skizziert wichtige Schlüsselmomente aus Ians Leben – alles in allem Momente, die für Ians Gegenwart und Zukunft von Bedeutung sind und somit auch innerhalb des Plots eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielen.

Liest man den Klappentext, könnte man ein wenig dem Irrglauben verfallen, „Das geheime Land“ würde am Ende dann doch recht klassisch ins Fantasygenre abdriften. Der finale Showdown, der ewige Kampf zwischen den unterschiedlichen Kräften. Mächtiger dunkler Bösewicht trifft auf idealistischen, liebenswürdigen Helden zum finalen Säbelrasseln voller Spannung und Nervenkitzel. Doch so läuft das Spiel nicht. Der Klappentext weckt hier eher falsche Begehrlichkeiten.

Vielmehr inszeniert Tuttle ihren Plot anhand ihrer Protagonisten. Sie entblättert ihr Seelenleben, zeichnet ihre Wege nach und durchleuchtet ihre Motivationen. Die mythenhafte Anderwelt ist dabei eher das Salz in der Suppe, das dem Ganzen seine besondere, geheimnisvolle Würze verleiht. Die Charakterisierung ihrer Figuren gelingt der Autorin dabei sehr gut. Besonders Ian, der im Fokus der Betrachtungen steht, wächst dem Leser schnell ans Herz.

Was den Spannungsbogen angeht, so dürfte auch gerade das auf dem Buchdeckel zitierte Urteil von Dean Koontz etwas irreführend sein, der „Das geheime Land“ als „Thriller und Mystery zugleich“ lobt. Da mag so mancher Leser einen rasant aufwärts strebenden Spannungsbogen mit einer Prise „Akte X“ erwarten. Doch dem ist nicht so, und so sei an dieser Stelle ausdrücklich davor gewarnt, sich durch den Ausspruch von Herrn Koontz in die Irre führen zu lassen. Auch das Urteil von |Publishers Weekly|, das „Spannung der Superlative“ verspricht, ist in meinen Augen kaum nachvollziehbar. Die Spannung läuft bei „Das geheime Land“ in eher subtilen Bahnen und der Bezeichnung „Thriller“ wird der Roman definitiv nicht gerecht.

Vielmehr vollzieht Tuttle ein Kammerspiel zwischen mehrere Figuren, die in eine geheimnisvolle Geschichte schliddern. Der Bezug zur keltischen Mythologie, die Parallelen zu englischen Legenden und Sagen, geben dem Ganzen eine fast schon romantische Note, die dabei aber völlig unkitschig ausfällt. Tuttles Qualitäten liegen eben anders, als Klappentext und Kritikerurteil auf den ersten Blick verheißen. Sie erzählt wunderbar einfühlsam und lässt ihre Figuren trittsicher zwischen Realität und Phantasie wandeln. Sie fügt Mythen und Legenden überzeugend in die Geschichte ein und strickt daraus einen in sich stimmigen Plot.

Es macht Spaß, Tuttles Figuren zu beobachten, aber dass der Spannungsfaktor dabei wesentlich wäre, lässt sich eher nicht unterstreichen. Das soll nicht heißen, dass Lisa Tuttle mit „Das geheime Land“ nicht ein schönes Buch gelungen wäre, ganz im Gegenteil, es ist fantastische Lektüre für stürmische Herbstsonntage, an denen man sich mit einer Kanne Tee und einer kuscheligen Decke auf dem Sofa verschanzt. Ein farbenfroher Roman mit wunderbar plastischen Figuren und einem schönen, leichtfüßigen Erzählstil, aber eben auch ein Roman, der sich nicht so leicht in eine Schublade stopfen lässt. Tuttle schaut über die Grenzen literarischer Genres und hat mit dieser Sichtweise einen vielschichtigen Roman geschaffen.

Bleibt unterm Strich festzuhalten, dass Lisa Tuttles Roman „Das geheime Land“ durchaus unterhaltsame Lektüre ist. Ansprechen dürfte das Buch sicherlich vor allem Freunde der Urban-Fantasy nach Art von Neil Gaiman und Konsorten, und so sei es vor allem auch dieser Leserschaft ans Herz gelegt. Ansonsten ist „Das geheime Land“ schöne Lektüre für alle, denen die Charakterisierung der Protagonisten wichtig ist und die sich darüber hinaus gerne von einer wohlakzentuierten Prise Fantasy verführen lassen.

Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
Originaltitel: The Mysteries
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