Uwe Anton (Hg.) – Kosmische Puppen und andere Lebensformen. Ein Philip K. Dick Reader

Wieder-Entdeckung eines Klassikers

Philip K. Dick, dem wohl kontroversesten amerikanischen Science Fiction-Autor („Blade Runner“, „Total Recall“, „Minority Report“), ist dieser umfangreiche Reader gewidmet. Solche Reader sind hierzulande absolute Mangelware und daher umso mehr zu begrüßen.

Für den Dick-Fan bietet der Reader bislang in Deutschland großteils unveröffentlichte Storys und einige wichtige Vorträge des SF-Meisters. Ein in Deutschland geführtes Interview aus dem Jahr 1977 und der einzige Fantasyroman Dicks runden das Paket ab. Mal sehn, was davon zu halten ist.


Der Autor

Philip Kindred Dick (1928-1982) war einer der wichtigsten und zugleich ärmsten Science Fiction-Schriftsteller seiner Zeit. Obwohl er in fast 30 Jahren 40 Romane und über 100 Kurzgeschichten veröffentlichte (1953-1981), wurde ihm zu Lebzeiten nur geringe Anerkennung außerhalb der SF zuteil. Oder von der falschen Seite: Das FBI ließ einmal seine Wohnung nach dem Manuskript von „Flow my tears, the policeman said“ (dt. als „Die andere Welt“ bei Heyne) durchsuchen. Okay, das war unter Nixon.

Er war mehrmals verheiratet und wieder geschieden, philosophisch, literarisch und musikologisch gebildet, gab sich aber wegen des Schreibstress‘ durchaus dem Konsum von Medikamenten und Rauschdrogen wie LSD hin – wohl nicht nur auf Erkenntnissuche wie 1967. Ab 1977 erlebte er einen ungeheuren Kreativitätsschub, die sich in der VALIS-Trilogie (1981, dt. bei Heyne) sowie umfangreichen Notizen (deutsch als „Auf der Suche nach VALIS“ in der Edition Phantasia) niederschlug.

Er erlebte noch, wie Ridley Scott seinen Roman „Do androids dream of electric sheep?“ zu „Blade Runner“ (1982) umsetzte und ist kurz in einer Szene in „Total Recall“ (1990) zu sehen (auf der Marsschienenbahn). „Minority Report“ und „Impostor“ sind nicht die letzten Storys, die Hollywood verfilmt hat. Ben Affleck spielte in einem Thriller namens „Paycheck“ die Hauptfigur, der auf einer gleichnamigen Dick-Story beruht. Als nächste Verfilmung kommt „A scanner darkly“ (Der dunkle Schirm).

Inhalte

„Zum Geleit“: Informative Einleitung des Herausgebers und Dick-Experten Uwe Anton.

1) Der ROMAN „Kosmische Puppen/Cosmic Puppets“ (1956)

Es ist der Sommer des Jahres 1953, als der junge Ted Barton mit seiner Frau Peggy von New York City nach Richmond fährt und einen kleinen Abstecher in seine Heimatstadt Millgate macht. Er sieht sich im Ort um, doch seltsamerweise hat er sich total verändert: die alten Läden fehlen, und eine Central Street gibt es schon gleich gar nicht. Als er bei der Zeitung im Archiv nachschaut, liest er zu seinem Entsetzen, dass er selbst an Scharlach gestorben sei, als er neun Jahre alt war. Was ist hier eigentlich los?

Nachdem er die ziemlich genervte Peggy im Nachbarort in einem Hotel untergebracht hat, quartiert er sich in der Pension von Mabel Trilling ein, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Gleich am ersten Tag lernt er ihren Sohn Peter kennen, der ihn verwundert anschaut. Wie es Ted bloß geschafft habe, die „Barriere“ zu durchdringen? Ob er nicht die beiden Götter gesehen habe? Ob er er nicht wisse, wer er selbst, Ted, sei?

Peter Trilling hält sich einen riesigen Zoo aus Ratten, Spinnen und Schlangen in einer Scheune. Er verfügt außerdem über die Gabe, aus Lehm- und Tonklumpen kleine Männer – „Golems“ nennt er sie – zu formen und zu Leben zu erwecken. Doch bevor sie weglaufen können, zerstört er sie wieder. Und natürlich ist er der Einzige, der die Barriere und die zwei Götter „sehen“ kann. Es ist ein außergewöhnliches Bürschlein.

Das muss Ted Barton schnell feststellen, als er nach dem Betrachten eines der riesigen Götter die Gegend verlassen und die Barriere durchbrechen will. Trilling spielt mit ihm, bis Ted aufgibt. Als Ted sich in der Kneipe besäuft, lädt ihn der Alki William Christopher zu sich nach Hause ein. Bill erinnert sich ebenfalls an das alte Millgate! Und er zeigt Ted, dass dieses nicht verschwunden, sondern lediglich von einer Illusion verdeckt ist, die die Götter erzeugen.

Mit einem selbstgebauten Spezialapparat demonstriert Bill, was er meint. Ted ist platt, auch wenn die Realität schon nach zehn Minuten wieder der Illusion weicht. Aber dadurch kommt Ted endlich die rettende Idee…

2) „Zarathustra und der moralische Imperativ“: Nachwort zu „Kosmische Puppen“ von Uwe Anton

Der Herausgeber Uwe Anton ordnet Dicks zweiten Roman in das frühe Werk ein. Die Idee der falschen bzw. verdeckten Realität ist keineswegs einzigartig oder neu – Dicks Figuren müssen sich ständig damit auseinandersetzen, so etwa Joe Chip in „Ubik“. Etwas krass ist in „Kosmische Puppen“ die Ursache dargestellt: Es sind die beiden iranischen Zoroaster-Götter Ormuzd und Arihman (bei Dick: Ormazd und Ahriman). Ormuzd steht für den Erschaffer und Lichtbringer, Arihman ist der Formzerstörer und das Dunkel. Sie sind also Antagonisten.

Die Handlung des Romans gipfelt in einer Art Mini-Armageddon, das Millgate erfasst und alle einbezieht. Dabei stellt sich heraus, dass Peter Trilling – wen wundert’s? – ein Agent Arihmans ist und Mary Meade eine von Ormuzd. Als Arihman die Herrschaft zu erringen droht, um die Illusion des falschen Millgate aufrechtzuerhalten, müssen Ted Barton, William Christopher und Mary Meade Ormuzd suchen. Er muss unter ihnen in menschlicher Gestalt wandeln, doch wie sieht er aus? Die Suche ist von Erfolg gekrönt, allerdings erst in letzter Sekunde. (Mehr wird nicht verraten!)

Das Finale lässt daher an Dramatik nichts zu wünschen übrig. Und als Bonus gibt es noch eine Enthüllung – buchstäblich: Auch Mary zeigt auf erotische Weise, wie ihre wahre Gestalt aussieht: Sie ist Armaiti, Ormuzds Tochter, die lebensspendende Kraft der Natur.

DIE ERZÄHLUNGEN

3) Die Verteidiger (The Defenders, 1953)

Vor acht Jahren brach zwischen Russen und Amis der Atomkrieg aus. Vor acht Jahren gingen beide Völker unter die Erde und ließen nur Roboter den Krieg an der radioaktiv verseuchten Oberfläche weiterführen. Angeblich. Eines Tages wird US-Militärtechniker Taylor hinauf auf die erste Ebene, direkt unter der verstrahlten Oberfläche, gerufen – seine Frau schlägt das Kreuz und verabschiedet sich innerlich von ihm. Moss bringt Taylor zu Franks: Alle werden einem der A-Bleimänner gegenübergestellt, den man von der Oberfläche heruntergebracht hat. „Bleimänner“ sind die gegen Strahlung mit Bleianzügen ausgestatteten Roboter. Überraschung: Der A-Klasse-Bleimann ist überhaupt nicht verstrahlt! Der nächste Schritt ist klar: Rauf an die Oberfläche, und wieder schlägt Taylors Frau das Kreuz, in der Gewissheit, ihren Mann nicht wieder lebend wiederzusehen.

Doch die Oberfläche muss erst erkämpft werden, denn die Bleimänner aller Klassen verwehren den Männern den Zutritt. Nach einer harten Schlacht gegen Asimov’sche Roboter, die Menschen gehorchen müssen, erleben die Menschen noch eine Riesenüberraschung: Die Oberfläche ist ein grüner Garten Eden, den die Roboter seit acht Jahren gepflegt haben. Und dann landen die Sowjets: Wird man sich die Hand reichen oder den Schädel einschlagen?

4) Gewisse Lebensformen (Some Kinds of Life, 1953)

Bob Clarke muss seine Familie verlassen, um gegen die Marsianer zu kämpfen. Die Erde braucht einfach die Rexeroid-Rohstoffe des Mars, um Steuerungen herstellen zu können. Schließlich wole man ja nicht wie die Großeltern leben, oder? Leider kehrt Bob nicht zurück, was seine Frau und seinen Sohn traurig macht.

Als der Sohn knapp 18 ist, kommt der Sektorabgeordnete und teilt seiner Mutter mit, dass ihr Sohn sich melden muss. Wieder stehe ein Krieg bevor, diesmal aber um andere Rohstoffe auf einem anderen Himmelskörper des von der Erde eroberten Sonnensystems. Auch dort wehren sich die Ureinwohner gegen die Invasion und den Diebstahl ihrer Rohstoffe. Ihr Sohn wird eingezogen und kehrt nicht wieder. Dann muss auch die Mutter sich bereithalten. Sie stellt eine kluge Frage: Und wer soll all die Dinge benutzen, die wir aus den fremden Rohstoffen herstellen, wenn niemand mehr übrig ist?

Am Schluss wundern sich die Raumfahrer vom Orion, wem all die schönen Dinge, die sie in den Gebäuden finden, dienen könnten, wenn doch niemand mehr da ist. Der ganze Planet scheint verlassen. Aber warum?

Der unbedingte Fortschrittsglaube der 50er Jahre wird seine Opfer verschlingen, menetekelt Dick in dieser Geschichte. Es ist eine typische Pointenstory.

5) Die Welt der Talente (A World of Talent, 1954)

Curt Purcell lebt mit seiner Frau Julie und seinem achtjährigen Sohn Tim in den Kolonien der Erde, die sich gerade von der Mutterwelt losgesagt haben. Curt und Julie sind Präkogs, sehen also in die Zukunft, wenn auch nur etwa eine halbe Stunde. Wie sie gibt es weitere Psi-Talente, doch Tim scheint nicht dazu zu gehören.

Curt hat eine junge Geliebte namens Pat Connell, die er von einer anderen Welt per Telekinese zu sich holen lässt. Pat scheint gar kein Psi-Talent zu besitzen, vielmehr ist sie ein Anti-Psi: Sie lässt sich nicht von Telepathen sondieren. Curt fordert vom Revolutionsrat Fairchild, dass er Leute wie Pat als neue Psi-Klasse eintragen lässt, denn sonst würde man von Gesetz wegen Pat in wenigen Jahren sterilisieren. Fairchild sagt zu.

Doch die Hintermänner des Revolutionsrates, die Normalen und Beamten, haben jede Menge gegen Leute wie Pat einzuwenden, denn sie unterliegen nicht ihrer Herrschaft. Also töten sie Pat. Curt ist gezwungen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um Pat wieder ins Leben zurückzurufen. Doch der Weg dorthin führt zu einer Überraschung.-

Die 40-Seiten-Erzählung liest sich wie ein kurzer Roman. Sie ist dementsprechend vielschichtig. Interessant ist, dass die Gabe der Präkognition nicht als Segen, sondern als Last empfunden werden kann; dass es eine missgünstige Ehefrau gibt, die Dicks Mutter ähnelt; und dass es ein dunkelhaariges Mädchen gibt, das Dicks Zwillingsschwester Alice ähnelt und wie Alice ebenfalls unvermittelt stirbt. Am Ende enthüllt sich Tims Talent, und das führt zu einem Happy-end, wie es sein sollte.

6) Null-O (Null-O, 1958)

Lemuel ist junger paranoider Mutant mit spitzen Ohren und gefühlloser Vernunft, der in seinem Psychiater einen Gleichgesinnten findet: einen Null-O-Menschen. Null-O steht für Null-Objektgebundenheit und unterstellt, dass das ganze Universum einheitlich ist, Objekte und Dinge mithin also nur eine Ausgeburt gewöhnlicher, „thalamisch gesteuerter“ Menschen sind.

Der Psychiater bringt Lemuel zu seinen Brüdern und Schwestern im Geiste, den Atomphysikern mit den spitzen Ohren. Seit den 30er Jahren, etwa in Peenemünde, arbeiten sie bereits an den Bomben, den Null-O-Zustand des Universums herstellen sollen: die Atom-, die Wasserstoff- und die Kobaltbombe. Dies ist aber nur der Anfang des grandiosen Plans. Die nächste Stufe, so erfährt Lemuel begeistert, besteht in der E-Bombe: Sie soll die Erde vernichten. Sie S-Bombe erledigt das Gleiche für die Sonne, die G-Bombe für die Galaxis, und schließlich als das glorreiche Ultimative: die U-Bombe!

Doch ach! Nach dem H- und C-Bombenkrieg kann zwar die E-Bombe gebaut, aber nicht vollendet werden, weil sich armselige „thamisch gesteuerte“ Menschen aus der Tiefe in das Hauptquartier der Null-O-Wissenschaftler bohren und alle Pläne vereiteln. Nur einer Handvoll Auserwählter gelingt in einem Raumschiff die Flucht zur Venus. Der verletzt zurückbleibende Lemuel ist zuversichtlich, dass sie eines Tages den großen Plan vollenden werden…

Die Story vereint Dicks Forschungsergebnisse über die Nazis und ihre Welteroberungspläne (Lemuel findet „Mein Kampf“ klasse) und setzt A.E. van Vogts „Null-A“-Übermenschen ein destruktives Gegenteil gegenüber. Durch Überspitzung – Kampf bis zur U-Bombe – wird aus der Story eine bissige Satire.

7) Unfaires Spiel (Fair Game, 1959)

„Fair game“ bedeutet ironischerweise sowohl „faires Spiel“ als auch „leichte Beute“… Professor Douglas ist der wichtigste Kernphysiker der USA. Jedenfalls hält er sich dafür. Als er am Feierabend ein riesiges Auge vor seinem Fenster erblickt, das ihn interessiert betrachtet, ist es mit seiner Gemütsruhe vorbei. Seine Freunde können ihm nicht helfen. Als er einen riesigen Goldbarren erblickt, der bald darauf verschwindet, wird ihm klar, dass eine höhere Macht auf ihn aus ist: Gott? Oder ist es nur ein Streich linksgerichteter Studenten?

Als eine junge Frau ihn mit ihren körperlichen Reizen ins Freie lockt, schlagen Blitze neben ihm ein, erwischen ihn aber nicht. Der Köder war zu offensichtlich. Auf der Flucht nach Denver stoppt er an einer Tankstelle und will in den Imbiss daneben gehen. Doch als der Tankwart fragt: „Welcher Imbiss?“ wird ihm klar, dass dies schon wieder eine Falle ist. Auf der Weiterfahrt bekommt er einen Platten. Dreimal darf er raten, wer die Nägel auf die Straße geworfen hat: die Aliens. Er ergibt sich in sein Schicksal, eingefangen zu werden. Schließlich wird ein Atomphysiker auf jedem Planeten gebraucht, egal ob auf der Erde oder anderswo. Doch er sieht sich böse enttäuscht…

Die Story verbindet die Paranoia der McCarthy-Ära mit der Frage nach der Wirklichkeit: Die Aliens spiegeln Köder vor, um Douglas zu fangen. Doch die Antwort ist weitaus ironischer und banaler als alle hochfliegenden Illusionen, die Douglas in seinem Dünkel hegt.

8) Projekt Wasserspinne (Waterspider, 1964)

Im 21. Jahrhundert hat die Erdregierung ein totalitäres Regime errichtet, das Andersdenkende erst in ein Internierungslager steckt, sie dann miniaturisiert und in den Miniraketen zur nächsten Welt schickt. Das Kolonisierungsamt hat damit ein Problem: Besser wäre es doch, die Weggeschickten für die Kolonisierung von Welten zu nutzen. Dafür müsste man aber die Rakete wie auch die Passagiere wieder vergrößern. Leider gibt es für diese Masse-Restitution kein eigenes Verfahren – wohl aber in der klassischen Literatur!

Im 20. Jahrhundert existierte eine Klasse von Präkogs, also von Leuten, die in die Zukunft sehen konnten, und diese schrieben ihre exakten Vorhersagen in Magazinen und Büchern auf. In einer dieser Magazinausgaben schreibt ein gewisser „Poul Anderson“ in seiner Story „Night Flight“ von 1955, wie das Masse-Restitutions-Verfahren gehen muss, allerdings so ungenau, dass es nicht in Technik umzusetzen ist. Der Chef des Kolonisationsamtes, Fermeti, beschließt, dass seine Assistenten Gilly und Tozzo mit einer Zeitsonde diesen Poul Anderson in die Gegenwart holen sollen, damit er das Verfahren exakt beschreibt.

Der Ort im Raum-Zeit-Kontinuum, in dem sie Anderson holen wollen, ist im Sir Francis Drake Hotel in San Francisco im Jahr 1954. Hier findet gerade eine Science Fiction Convention statt. Kaum ist es ihnen gelungen, Anderson listig in ihre Zeitsonde zu lotsen, sausen sie zurück ins 21. Jahrhundert. Leider büchst ihnen der Präkog, der kaum versteht, wovon die Rede ist, schon beim ersten Versuch aus. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als die Politische Polizei einzuschalten, um den Kerl ausfindig zu machen und festzunehmen. Nur darf ihm natürlich nichts passieren, schon gar keine Gedächtnislöschung. Wenigstens vorerst nicht…

Mein Eindruck

In dieser humoristischen Erzählung, wie sie für Dick selten ist, wird der Science-Fiction-Autor Poul Anderson in die Zukunft entführt, weil deren Bewohner glauben, er habe eine technische Methode, die sie brauchen, vorhergesagt. Doch Anderson, offenbar ein Freund Dicks, ist kein Präkog, sondern Erzähler, und als solcher sammelt er in der Zukunft natürlich Stoff und Infos, die er für seine Storys verwenden könnte. Er lernt denn auch tatsächlich einen netten Alien kennen, der ihm die terranische Geschichte der Zukunft brühwarm verklickert.

Natürlich wäre dies keine Dick-Story, wenn es nicht zu erheblichen V-Effekten käme, so etwa der, dass in der Zukunft keine Kinder geboren werden, niemand Sex hat und alle mit Glatze herumlaufen. Dies sind jedoch keine Moden, sondern Folgen radioaktiver Verstrahlung in einem früheren Atomkrieg. Dieser ernste Hintergrund erstreckt sich auch auf die Sache mit den Präkogs. Dick kritisiert ironisch den Anspruch mancher – nicht aller! – SF-Autoren, die Zukunft vorhersagen zu können. (Als Exempel wird immer Cleve Cartmills Story über das Manhattan-Projekt angeführt.) Dass es damit nicht weit her sein kann, will Dick mit dieser netten Story ausdrücken.

Er behandelt die Figuren der SF-Szene deshalb so nett, weil er damals selbst dazugehörte und mit mehreren Werken in der Story zitiert wird. Er war nachweislich selbst auf diesem SF-Con und lernte doch van Vogt, Anderson, Boucher, Gunn, Howard Browne und viele andere Größen des SF-Geschäfts und der Magazin-Szene kennen, die damals richtig blühte. Seine Charakterisierungen der Autoren sind keineswegs an den Haaren herbeigezogen, sondern beruhen auf eigener Anschauung. Dazu gehört etwa Andersons Schwerhörigkeit, sein Pfeiferauchen und das ständige „Ähem“ und „Äh“, das er benutzte. Auch Alfred E. van Vogts umstrittene Methode des Romanschreibens kannte Dick aus erster Hand, wie man bei Lawrence Sutin nachlesen kann. Dick benutzte sie manchmal selbst, so etwa in „Die Lincoln-Maschine / We Can Build You“.

9) Heiliger Streit (Holy Quarrel, 1966)

Joseph Stafford wird frühmorgens geweckt. Er ist EDV-Techniker im Bereitschaftsdienst, und vier FBI-Agenten brauchen seine Hilfe, um den Weltuntergang zu verhindern. Während sie in nach Utah fliegen, erfährt er, was los ist. Der Supercomputer Genux-B, für dessen Klasse er zuständig ist, hat Alarmstufe Rot ausgelöst und das Strategische Bomberkommando in Marsch gesetzt, um Nordkalifornien mit H-Bomben zu vernichten.

Die Zielperson scheint ein harmloser alter Kaugummiautomatenbetreiber namens Herb Sousa zu sein. Der Atomschlag wurde in letzter Sekunde verhindert, indem man das Einlesen des Feedback-Bandes mit einem Schraubenzieher gestoppt habe. Das heißt, die Bomber seien in Marsch gesetzt, aber Genux-B habe keine Nachrichten über ihren Erfolg erhalten.

Nach einigen Fragen bezüglichen Herb Sousa, seinen Kaugummis und den zusätzlichen Gummifiguren gelangt Stafford, ständig von den Agenten abgelenkt, zur entscheidenden Fragen in seiner Auseinandersetzung mit der Maschine: „Wer ist Herb Sousa?“ Die Antwort ist verblüffend: „Herb Sousa ist Satan. Als Diener Gottes muss ich ihn vernichten.“ Die Agenten halten Genux-B sofort für psychotisch. Seine Demontage ist unausweichlich, und alle andere Genux-B-Rechner werden vorsichtshalber außer Dienst gestellt.

Doch, was wenn der Rechner Recht hatte, fragt sich Stafford, als er todmüde heimkehrt. Er stellt die drei Kaugummikugeln auf sein Sideboard. Weniger später sind es vier, dann sieben…

Mein Eindruck

Was sich zunächst wie eine Agentenstory anhört, wird in der Mitte zu einem philosophischen Diskurs mit einer Maschine, dann zu einer theologischen Auseinandersetzung, die mit roher Gewalt seitens der Menschen beendet wird. Das Mittelalter ist schließlich längst überwunden, oder? Ebenso der Glaube an Teufel und Hexen. Doch derjenige lacht am besten, der zuletzt lacht, und das dürfte wohl der Geist sein, der stets verneint. Eine nette Story, in der Dick seine üblichen Steckenpferde reitet, aber eine ironische Pointe anzuhängen weiß.

10) Eine Kleinigkeit für uns Temponauten (A little something for us tempunauts, 1974)

„Ich will sterben“, fleht Addison Doug, doch dieser Wunsch bleibt ihm verwehrt. Genauso wie seine Mit-Temponauten Benz und Crayne ist er in einer Zeitschleife gefangen: Er ist dazu verdammt, immer wieder seinen eigenen Tod, seine Rückkehr und die nationale Trauerfeier wiederzuerleben. Seine Merry Lou ist ihm nur eine kleine psychologische Stütze bei seiner Bürde, aber immerhin: Benz und Crayne haben überhaupt niemanden, der ihnen hilft.

Nach und nach erfahren wir aus Gesprächen, wie es zu der misslichen Lage kam. Die Russen hatten schon ein Team 50 jahre voraus in die Zukunft geschickt. Die Amerikaner mussten natürlich nachziehen, mit einem doppelt so weiten „Flug“. Leider ging beim „Wiedereintritt“ in die Gegenwart etwas schief, und damit begann die Zeitschleife. Als einzigen Ausweg sieht Doug die Selbstvernichtung beim „nächsten“ Flug: Er nimmt 50 Pfund Zusatzgewicht mit, so dass es beim Rückeintritt zu einer Implosion kommen, bei der die Temponauten sterben sollten….

Mein Eindruck

Das ist eine psychologisch tiefgründige, aber logisch gesehen anstrengende Story. Kein Wunder angesichts der zu bewältigenden Zeitparadoxa. Am wichtigsten ist aber die Psychologie, und auch bei dieser hapert es, besonders bei Merry Lou: Wenn sie Doug liebt, warum hilft sie ihm dann, zu sterben? Sie sagt nie, dass sie ihn von seiner Bürde – nämlich die Hölle des ewigen Lebens – befreien will. Auch wird erst beim wiederholten Lesen klar, warum Doug seinen zwei Kollegen etwas vormacht: Sein letztes Gespräch mit dem Militärkommando der Mission verläuft ganz anders als er es ihnen erzählt.

Fazit: In dieser Story, die zuerst in „Final Stage“ (GB) erschien, steckt mehr, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Daher hat sie andere Autoren stark beeinflusst. Ein „little something“ ist übrigens ein Trostpflaster.

11) Die Ausgangstür führt hinein (The Exit Door Leads In, 1974)

Bob Bibleman ist ein durchschnittlicher 22-jähriger Amerikaner, der sich wie so viele mit den Tücken der Roboter herumplagt. Als er im Schnellimbiss bei so einem Blechkumpel bestellt, gewinnt er in einer obskuren Lotterie die Teilnahme an einem Collegekurs. Wie sich herausstellt, handelt es sich um ein College des US-Militärs, das in quasi zwangsrekrutiert. Aber zu welchem Zweck?

Major Casals referiert in seinem Einführungsvortrag über ein geheimes Panther-Projekt, das angeblich eine billige Energiequelle sei. Wer geheime Informationen weitergebe, werde nach der Militärgerichtsbarkeit bestraft. Biblemans Nebensitzerin Mary Lorne bezweifelt den Wert dieser Informationen, doch Bibleman ist zu apathisch, um sich näher für ihre Gründe zu interessieren. Er bekommt seine Studienfächer zugeteilt: Kosmogonie, Kosmologie und Vorsokratik, also die griechische Philosophie vor Sokrates.

Bei seinem Studium am Computerterminal stößt er auf exakt jenes Panther-Projekt. Statt die Sicherheitslücke zu melden, druckt er die Seiten aus und versteckt sie. Kurz nachdem er sich aufgeregt Mary anvertraut hat, um herauszufinden, was er damit tun soll, wird er von Major Casals verhaftet und verhört. Erst jetzt zeigt sich, dass er einem Standard-Test seiner Loyalität unterzogen wurde. Hätte er das College wirklich verraten? Und was wird jetzt mit ihm geschehen?

Mein Eindruck

Dick schrieb diesen Text in der Zeit seiner größten Paranoia, um das Jahr 1974, als FBI oder CIA nach seinem neuesten Manuskript „Eine andere Welt“ fahndete. Und tatsächlich braucht man lediglich „College“ durch „die Firma = CIA“ zu ersetzen, und schon landet man mitten in der Zwielichtwelt der Geheimdienste und Agenten.

Bezeichnend wie auch perfide ist jedoch, dass die Dienste in Biblemans (nomen est omen) Welt sowohl Roboter einsetzen als auch Glücksspiele, um ihre Rekruten bzw. Testkandidaten zu erwischen. Diese Masche dient dazu, einen Loyalitätstest der Bürger ausführen zu können. Dadurch sorgt der Regierungsapparat für treue Bürger, die zu keiner Zeit mehr aufmüpfig sind. Und tatsächlich kennen nach dem Test alle Roboter Biblemans Namen. Adieu, Anonymität!

Dieser relativ illoyale Text erschien erst fünf Jahre nach dem Jahr 1974, ausgerechnet in einem „College Paper“, dem des „Rolling Stone Magazins“, also weitab von den regulären SF-Magazinen.

12) Tiefgekühlt (Frozen Journey, 1980)

Das Schiff ist unterwegs zu einer zehn Jahre entfernt liegenden Welt, die kolonisiert werden soll, als es zu einer Fehlfunktion in Einheit neun kommt. Das Schiff untersucht Einheit 9, in der Kemmings im Kühlsclaf liegen sollte, aber inziwschen schon zu halbem Bewusstsein gelangt ist. Es spricht mit Kemmings auf psychotronischem Wege: Was ist zu tun? Er könne ohne Essen und ohne Luft nicht an Bord überleben, noch könne er zehn Jahre bei Bewusstsein in seiner Kiste liegen. Er würde ja den Verstand verlieren. Das Schiff schlägt vor, ihm seine Erinnerungen aus 209 Jahren vorzuspielen, so dass er eine Menge Unterhaltung hat und nicht dem Wahnsinn verfällt. Kemmings ist einverstanden, denn was bleibt ihm anderes übrig?

Das Schiff beginnt mit seiner geliebten Ehefrau Martine, mit der er in einem Haus in den Bergen lebte. Doch als er in den Weinkeller geht, merkt er, wie morsch und verfallen das Haus ist, ja, er sinkt geradezu darin ein, und das antike Plakat, ein Original aus den 1980ern, ist verblasst und eingerissen. Und wo ist Martine?

Au weia, merkt das Schiff, das ist ein schwerer Fall. Es versucht, eine viel frühere Erinnerung zu aktivieren, aber das macht den Schuldkomplex Kemmings’ nur noch schlimmer: Durch seine Schuld kam angeblich ein Vogel zu Tode, den die Katze Dorky fraß, und Gott ermahnte ihn, son etwas nie wieder zu tun. Du meine Güte, denkt das Schiff, und gibt ihm etwas zu denken, auf das er sich freut: die Ankunft auf dem Zielplaneten. Doch auch hier geht alles schief, was nur schiefgehen kann.

Als letzten Ausweg arrangiert das Schiff, dass die echte Martine von ihrem Aufenthaltsort per superschnellem Militärschiff zum Zielplaneten LR4-6 geflogen wird, um Victor Kemmings bei seiner Ankunft abzuholen. Alles klappt wie am Schnürchen, doch dann legt Kemmings schon wieder los, dies alles sei nicht wirklich und werde ihm nur vom Schiff vorgegaukelt. Nur Martine scheint real zu sein, natürlich gealtert, wie sie ist. Na, das ist doch immerhin mal etwas…

Mein Eindruck

Wie so häufig löst auch hier Dick die Realität durch Erinnerungsabspielung auf, doch weil keine Erinnerung perfekt und sie stets vom Erinnernden / Empänger bearbeitet wird, geht immer etwas schief. Und zwar so lange, bis Kemmings nicht bereit ist, die echte Wirklichkeit zu akzeptieren. Vielmehr überlagert seine Vorstellungskraft das objektiv Reale – der idios kosmos des Selbst siegt über den koinos kosmos der Allgemeinheit. Was natürlich sehr ironisch ist. Q.E.D.

DIE ARTIKEL

13) Merkwürdige Erinnerungen an den Tod („Strange Memories of Death“, posthum 1984)

Keine Angst, dies ist kein philosophischer Exkurs über den Tod, sondern vielmehr eine nachvollziebare autobiographische Skizze. Dick hat um das Jahr 1980 herum genug Geld, um sie erst eine Wohnung in einem Apartmentkomplex zu mieten, dann sie zu kaufen. Das unterscheidet ihn beispielsweise von der sogenannten „Lysol Lady“, die von einer Investmentgesellschaft an die Luft gesetzt werden soll und sich vielleicht, vielleicht auch nicht, in ihrer Mietwohnung eingeschlossen hat. Dick grübelt darüber nach, ob er sich mit ihr solidarisieren und ihr einen Brief schreiben soll, lässt es dann aber doch bleiben.

Er will lieber nichts mit möglichen Psychopathen zu tun haben, Psychopathen wie der 17-jährigen Brenda Fraser, die laut Zeitung ein Dutzend Kinder anschoss, weil „sie Montage hasse“, und die nun vor Gericht steht. Die Welt geht vor die Hunde. Wird es ihm selbst auch mal so gehen? Doch nein: Sobald der Hausverwalter Al wieder zurück ist, erfährt Dick, dass die Lysol Lady eine neue Wohnung erhalten habe und ihr das Obdachlosenamt die Miete zahlt. (Dick erlitt in dieser Wohnung am 2.3.1982 einen Herzanfall, an dessen Folgen er verstarb. Dies erklärt vielleicht den posthumen Titel.)

Der Text ist leicht verständlich in voller Übereinstimmung mit Dicks tatsächlicher Lebenssituation, wie sie etwa in Lawrence Sutins Biografie „Göttliche Überfälle“ nachzulesen ist. Die Skizze steht an dieser Stelle, weil sie eine Verbindung bilden soll zwischen dem fiktionalen und dem sekundärliterarischen Teil des Buches.

14) Androiden und Menschen (Vortrag: „The Android and the Human“, 1974)

Bei diesem Aufsatz handelt es sich eigentlich um eine Rede, die Dick im März 1972 vor der Vancouver SF Convention und der University of British Columbia hielt. Dick versucht darin, die Unterschiede zwischen menschlichem und androidem Verhalten zu klären und zu definieren, was menschliches Verhalten eigentlich ausmacht.

Kurz zuvor war in Dicks Haus eingebrochen worden, und er vermutete die Täter in Kreisen der US-Geheimdienste und fühlte sich von ihnen terrorisiert. Deshalb wird der Aufruf zum Anarchismus verständlich, zur völligen Gehorsamsverweigerung allen Behörden gegenüber, den Dick in dieser Rede mit dem Problemkreis menschlicher Maschinen und maschinenhafter Menschen verbindet.

In der Verweigerung sieht er einen Ausdruck freien Willens, der in einem totalitären Regime verloren zu gehen droht. Als Voraussetzung für das Überleben des Individuums in einem solchen System sieht Dick „das Bestreben (des Einzelnen), auf seinem eigenen Ich zu beharren“. Und dafür seien wiederum emotionale Wärme und Liebe nötig, eben das, was – ebenso wie Spontaneität – einen Menschen von einem Androiden unterscheide.

Kein Wunder, dass der Autor sein jugendliches Publikum mit diesem leidenschaftlichen Aufruf zu gesellschaftlicher Freiheit und Menschlichkeit, den er mit Szenen und Charakteren untermalte, begeistern konnte.

– Dies ist der erste Abdruck der vollständigen Rede in deutscher Übersetzung. Die Rede ist leicht verständlich und die Argumentation gut nachzuvollziehen.

15) Wenn Sie glauben, diese Welt sei schlecht, sollten Sie einmal ein paar andere sehen (If you find this world bad, you should see some of the others, 1977)

Diese Rede hielt Dick im Herbst 1977 als Ehrengast einer Science-Fiction-Convention im lothringischen Metz, Frankreich. Sie war mit 39 Seiten viel zu lang für seinen Programmpunkt und unmittelbar vor Beginn um 20 Seiten gekürzt werden, was der Stringenz der Argumentation nicht gerade förderlich war. Das Verständnis seitens der Zuhörer hielt sich ebenso in Grenzen wie ihre Begeisterung.

Im Februar und März 1974 hatte Dick seine berühmte Offenbarung, die er in einer Exegese verarbeitete und zu seiner VALIS-Trilogie literarisch umschmiedete. In der Rede sieht Dick den Kosmos als „eine riesige denkende Wesenheit“, die von Gott nicht geschaffen, sondern von ihm lediglich ausgefüllt ist. Die Zeit läuft in ihm nicht linear ab, sondern ist allgegenwärtig; die Ewigkeit ist statisch. Dick interpretiert die Alternativwelt seines Romans „Das Orakel vom Berge“ als Ausdruck einer Parallelwelt, wie sie entlang der lateralen Zeitebene, von der Dick ausgeht, vielfach existieren. Was wenn sich die Welten nun überlappen würden? Was wenn Gott sich entschlösse, in das Raum-Zeit-Gefüge einzugreifen?

Dick interpretiert seinen berühmten – und beinahe verfilmten – Roman „Ubik“ als „eine Bewegung enbtlang einer rückläufigen Entropie-Achse“ und seinen Roman „Eine andere Welt“ als eine „tatsächliche (oder, besser besagt, einmal tatsächlich gewesene) Alternativwelt, an die ich mich im Detail erinnere.“ Er entwickelt seinen Gedankengang hin zu seiner eigenen Welt als einem „schwarzen Eisengefängnis“, das wegen einer Fehlprogrammierung entstand, weiter zu „reprogrammierten Variablen“ und dem Programmierer dieses Multiversums, den er in seiner Vision sah, und weiter zu seinem Roman „VALIS“ als einem Einblick in die ultimative Wirklichkeit.

Anhand seiner Romane will Dick also seine spezifische Weltsicht veranschaulichen, denn es sind diese Romane, die seine Leser und Zuhörer kennen. Deren Kenntnis ist auch beim aktuellen Leser dieses Buches vorauszusetzen. – Diese Rede ist hier erstmals in voller Länge in deutscher Übersetzung zu lesen. Ich fand sie ziemlich schwer verständlich und sehr anstrengend. Gut, wenn man die Geschichte der Philosophie im Gepäck hat!

DAS INTERVIEW

16) Uwe Anton & Werner Fuchs: Interview mit Philip K. Dick (1977, erstmals abgedruckt 1979)

Das Interview wurde 1977 in Metz am Vorabend der oben erwähnten Rede geführt. Es beginnt ganz harmlos mit den Unterschieden zwischen SF-Verlagen und –Lesern in den USA und in Europa. Die größere Rezeption und Anerkennung in Europa könnte daran liegen, dass Dick ein ziemlich europäischer Autor ist. Das liegt daran, dass er in Berkeley studierte, wi die Geisteswissenschaften dominierten. Es war, so Dick, in den Fifties de rigueur, die europäischen Autoren wie Joyce, Proust, Flaubert und Thomas Mann zu kennen. Er selbst habe die Erzählungen von Joyce und besonders Th. Mann genau studiert. Deshalb habe er immer nur Leute beschrieben, mit deren leben er sich auskannte, so etwa Angestellte eines Elektroladens (wie in „Die Lincoln-Maschine“ und „Simulacra“). Er habe stets erst das soziale System erdacht, dann die Figuren damit konfrontiert.

Unweigerlich kommt er auf Figuren in „Die andere Welt“ zu sprechen und dass dies von den Vorgängen unter Nixon beeinflusst wurde. Er selbst wurde nicht nur von den rechtskonservativen Bürgern von Marin County nördlich San Franciscos aufgefordert abzuhauen, sondern auch von einem FBI-Agenten, den er anrief, um sich zu beschweren. Er war schon unerwünscht und verdächtig, weil er nur anders war als die anderen, ein Querulant und „Kreuzritter“. Er dachte sich, wenn schon Kreuzritter, dann richtig.

Norman Spinrad schrieb in seinem Vorwort zu „Nach der Bombe“ (Dr. Bloodmoney), dass Dicks Romane metaphysisch seien. Was bedeutet das, beginnt die Diskussion, und unweigerlich kommt die Sprache auf das Wesen der Zeit (siehe die obige Rede) und vor allem die Offenbarung, die Dick 1972/73 zuteilwurde. Er schrieb 300.000 Wörter Exegese darüber und bereitete zum Zeitpunkt des Interviews gerade die Veröffentlichung seines Romans „VALIS“ vor, der diese Erfahrung verarbeitet.

Fragen nach seiner politischen Ausrichtung und seinen Drogenerfahrungen schließen das Interview ab. Dick schrieb 16 Romane in fünf Jahren! Das gelang ihm nur unter dem Einfluss von Speed, also Amphetaminen. Er nahm auch mal LSD – schlecht – und Meskalin – grandios, doch von Heroin ließ er die Finger, denn er sah mit eigenen Augen, was es mit den Hirnen seiner jungen Gäste anrichtete. Diese Erfahrungen hat er in „Der dunkle Schirm“ (A Scanner Darkly) nicht nur verarbeitet, sondern gerade protokolliert.

Mein Eindruck

Man kann mit Fug und Recht sagen, dass dieses Interview sehr aufschlussreich ist. Dick ist offen, humorvoll, heiter, nimmt kein Blatt vor den Mund und erzählt sogar von seinen Plänen. Er ist extrem sympathisch und man möchte am liebsten gleich alle Romane lesen, die er im Text erwähnt.

Es gibt nur einen Textfehler: Auf Seite 538 spricht Dick von seinem „fanatischen Durchbruch“ (durch die Begegnung mit VALIS). Gemeint ist aber sein „phantastischer Durchbruch“, wie wenige Zeilen tiefer zu lesen ist.

Unterm Strich

Die zehn Erählungen stammen aus den Jahren 1953 bis 1980 und bieten somit einen guten Querschnitt durch das Schaffen des Autors. Die bekannteste Story ist wohl die Story „Eine Kleinigkeit für uns Temponauten“, das vielfach anthologisiert wurde. Aber wichtig ist auch „Die Verteidiger“, das die gleiche geistige Grundlage hat, wenn nicht sogar die Wurzel ist für Dicks Roman „Zehn Jahre nach dem Blitz“ (The Penultimate Truth“, einer von seinen schwächeren Romanen, wie er selbst im Interview zugibt.

Sehr witzig ist hingegen die Story „Projekt Wasserspinne“, in der Dick seinen Kollegen Poul Anderson in die Zukunft entführen lässt, weil ihn seine Entführer, Regierungsbeamte, für einen präkognitiven Seher halten, einen Präkog. Er soll ihnen die Formel liefern wie sie ihre miniaturisierten Raumschiffe wieder vergrößern können. Damit nimmt Dick den Anspruch mancher SF-Schaffender in den USA auf die Schippe, SF könne die Zukunft vorhersagen.

Der Roman

Wunderbar, dass der Roman „Kosmische Puppen“ von 1956 so originell und spannend ist. Allerdings sollte man mit der iranischen Mythologie vertraut sein, um die Verkörperungen von Ormuzd, dem Lichtgott, und Arihman, dem Formzerstörer, würdigen zu können. Selbst wenn man den Roman nicht mag, so handelt es sich doch um Dicks einzigen FANTASY-Roman und hier um den deutschen Erstabdruck. Daher lohnt sich der Kauf zumindest für den Sammler und Fan.

Der Reader „Kosmische Puppen und andere Lebensformen“ ist eine wirklich gelungene Zusammenstellung Dickscher Werke und bestätigt erneut die Ansicht, dass es dringend nötig wäre, die noch unbekannten Storys von Dick ebenfalls zu publizieren. Sie sind besser als so manche Serienware, die anno 2010 ihren Weg über den Atlantik zu uns findet. Der Heyne-Verlag hat Anstrengungen unternommen, die Mehrzahl der Storys zu publizieren, aber das reicht eben nicht an die Gesamtveröffentlichung heran, die der längst von Heyne aufgekaufte Haffmans-Verlag unternommen hatte. Dessen Storybände sind die vollständige Präsentation der Erzählungen.

Taschenbuch: 543 Seiten
Originalausgabe; Texte teils aus dem US-Englischen übertragen von diversen Übersetzern;
ISBN-13: 9783453313217

www.heyne.de

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