V. M. Zito – Return Man

Das geschieht:

Wieder einmal wurde die Welt von einer Zombie-Apokalypse heimgesucht. Wirklich erwischt hat es allerdings nur die USA. Das Land erlitt grauenhafte Verluste, konnte sich jedoch halten. 28 „sichere Staaten“ haben den US-Osten zurückerobert und zum Westen einen gewaltigen Grenzzaun errichtet. Er wird scharf bewacht ist, denn dahinter herrschen die Untoten.

Inzwischen ist wieder so etwas wie Normalität eingekehrt. Die Menschen in den „Sicheren Staaten von Amerika“ finden sogar die Zeit, um ihre zwar verstorbenen aber keineswegs in Frieden ruhenden Angehörigen zu trauern. Sie wollen sie vom Zombie-Dasein erlöst wissen. Diesen speziellen Service bietet der „Return Man“ Henry Marco an, der hinter dem Grenzzaun diese Untoten sucht, um sie zu ‚töten‘ und ihren Familien Frieden zu geben.

Der Job ist hart, denn die Zombies sind zwar intelligenzfrei aber aufmerksam, niemals müde und allgegenwärtig. Marco spürt, dass er den Strapazen nicht mehr lange standhalten wird. Eine Rückkehr hinter den Zaun ist jedoch unmöglich: Da diese Zombies durch eine Epidemie entstanden, ist zu befürchten, dass der Erreger weiterhin virulent ist. Marco könnte zum Überträger geworden sein.

Eines Tages macht das Ministerium für Heimatschutz ihm ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann: Marco soll im Krankenhaus des Gefängnisses Sarsgard nach einem ehemaligen Kollegen suchen, der angeblich ein Serum erfand, bevor die Zombies sein Labor stürmten. Gelingt dies, wird man Marco wieder aufnehmen und reich belohnen. Der Haken an der Sache: Sarsgard liegt in Kalifornien und somit mitten im Reich der Zombies. Außerdem argwöhnt Marco, dass man ihn mit einer Kugel durch den Kopf abzuspeisen gedenkt. Die Verlockung ist jedoch zu groß, und Marco begibt sich auf sein Höllenfahrtskommando, das ihn nicht nur ins Reich der Zombies, sondern auch unter Marodeure und staatsfeindliche Agenten führt …

USA in einer Sonder-Krise

Wenn die Zombies losgelassen werden, stürmen sie normalerweise die gesamte Erde. Gestorben wird überall, weshalb sich eine Wiederauferstehung logischerweise zum globalen Phänomen addiert. V. M. Zito geht die Apokalypse dieses Mal eine Nummer kleiner an: Er beschränkt sie auf die Vereinigten Staaten von Amerika und überlässt auch hier ‚nur’ den halben Kontinent den kregelen Leichen.

Diese Beschränkung hat dramaturgisch wirkungsvolle Gründe, denn wie wir im Laufe der Geschichte erfahren, sind diese Zombies die verlängerten Arme (bzw. Mäuler) besonders fieser Terroristen, die man irgendwo im irdischen Osten – wo sonst? – orten kann. Dort haben sie in geheimen Labors einen Untod aus „Prionen“ gebastelt, eine Art Protein-Plaque, der sich nicht auf die Zähne beschränkt, sondern über sämtliche Hirn- und Körperzellen herfällt.

Als ‚Erklärung‘ für das Zombietum ist das ähnlich authentisch wie das Ungeheuer von Loch Ness, doch es klingt immerhin überzeugend und wird vom Verfasser nicht allzu sehr in den Vordergrund gestellt, bis er im Finale anklingen lässt, dass wohl lumpige US-Verräter mitverantwortlich für die Seuche sind. Zito hätte darauf verzichten und die Untoten einfach wüten lassen können. Ihnen ist die Herkunftsfrage ohnehin gleichgültig, denn Zito zeichnet sie klassisch, d. h. im Romero-Stil. Also sind sie intelligenzfrei aber wach und hungrig, schlecht zu Fuß aber gut darin, im Hintergrund zu lauern, bis sich ein Pechvogel ihren Klauenarmen nähert.

Die Toten können nichts dafür

Als die Handlung im Jahre 2018 und damit vier Jahre nach der Katastrophe einsetzt, sind nicht mehr die Zombies Amerikas größtes Problem. Das ist ein erfreulich frischer Ansatz: Die Welt ist nicht untergegangen, erwischt hat es nur die USA, und dieses Mal sind es nicht (nur) malerisch im „Mad-Max“-Stil vertierte Räuberbanden, die sich mit den Zombies beim Piesacken der Überlebenden abwechseln: Der Rest der Welt hat den Vereinigten Staaten die Freundschaft gekündigt. Als Handelspartner sind sie erledigt, und die heimische Industrie liegt am Boden, weil sie auf den Großteil der eigenen Bodenschätze nicht mehr zugreifen kann, die jenseits des großen Zombie-Zauns liegen.

Statt sich damit zu arrangieren, dass sich die Welt gedreht hat und der Wind den USA nunmehr ins Gesicht bläst, gibt sich die einstige Großmacht demonstrativ zuversichtlich und abwehrbereit. Die streng konservative Regierung weist diktatorische, sogar faschistoide Züge auf, der „patriot act“ wird als Mittel zur Aufweichung der Bürgerrechte missbraucht, der „Heimatschutz“ geht rigoros gegen jede Opposition vor, deren Mitglieder flugs zu Staatsfeinden erklärt werden.

Als Schurkenstaat Nr. 2 postuliert Zito China als neue Weltmacht, die (noch) heimlich territoriale Ansprüche geltend macht und Nordamerika erobern oder wenigstens die USA endgültig ausschalten will. Zito spitzt dies auf eine Figur zu. Kenny Wu ist nicht nur Chinas Mann in Amerika, sondern auch Mitstreiter und Partner des ahnungslosen Henry Marco, der nichts von den Gewissensbissen ahnt, die Wu, den bisher linientreuen und niemals zimperlichen Kämpfer für das imperialistische China, martern, bevor im großen Finale die Maske fällt.

Reise durch ein seltsam verändertes Land

Zito legt „Return Man“ als Queste an. Der Held begibt sich auf eine Mission. Hier geht es um die Suche nach einem womöglich bereits existierenden Serum, das exakt dort lagert, wo die Zombie-Population am dichtesten ist. Die Reise wird zu einem Pfad der Qualen, weil sich der US-Westen binnen weniger Jahre in eine lebensfeindliche Wildnis (zurück-) verwandelt hat. Überall lauern die Untoten, Nahrungs- oder Medikamentenvorräte sind unbrauchbar geworden.

Sehr gut erhalten blieben dagegen die in den USA ohnehin allgegenwärtigen Waffen. Zwar können die wandelnden Leichen nicht mit ihnen umgehen, aber selbstverständlich herrscht auch hinter dem Zombie-Zaum echtes und primär kriminelles Leben, auf das Zito doch nicht verzichten wollte: Glücksritter, Plünderer u. a. Geier bedienen sich an herrenlosem Gut, das außerhalb der USA gut abzusetzen ist. Wer ihnen dabei in die Quere kommt, gilt als unerwünschte Konkurrenz und wird ausgeschaltet. Um die Gefahr für Marco und Wu dramatischer zu gestalten, wissen die Marodeure dank Zito ebenfalls von dem Serum und treffen (selbstverständlich) zeitgleich mit unseren Helden am Ziel ein, was für zusätzliche Scharmützel sorgt.

In Gang gesetzt wird Marcos Reise durch einen besonders widerwärtigen aber simpel gestrickten Vertreter der neuen US-‚Regierung‘, der mit Zuckerbrot – Marco sucht seine verschwundene Gattin, die womöglich untot durch Kalifornien geistert – und Peitsche – wenn Marco nicht spurt, wird sein Kontaktmann in den „Sicheren Staaten“ den Kopf verlieren – arbeitet. Zito übt hier keine Kritik an realen Verhältnissen, sondern bedient unter fleißigem Einsatz von Klischees das Unbehagen des durchschnittlichen US-Bürgers vor einem ‚entarteten‘ Staat auf. Freilich übertreibt er es und produziert eher Lächerlichkeit.

Schicksal mit „Return“-Taste?

„Zurück“ heißt das Wort des Handlungsjahres 2018. Als wir Henry Marco kennenlernen, arbeitet er als „Return Man“: Er führt seine Zombie-‚Klienten‘ zurück in einen Tod, dem sie ungebeten entrissen wurden. Roger Ballard, der in Kalifornien an einem Anti-Zombie-Serum arbeitet, geht wesentlich weiter: Er will nicht nur die Überlebenden durch eine Impfung schützen, sondern sogar die Untoten ‚heilen‘; d. h. sie zurück ins Leben rufen.

In Nordamerika haben die Zombies die USA auf den territorialen Status des frühen 19. Jahrhunderts zurückgeworfen. „Go West“ hieß die Devise, und aus den Oststaaten strömte ein breiter Strom landhungriger Pioniere in die genannte Richtung. Diese historische Ära definierte quasi den Mythos USA. Deshalb ist der Verlust der einst ‚zivilisierten‘ Regionen nicht nur ökonomisch, sondern auch emotional ein Stachel im Fleisch der Nation.

Die US-Regierung will zurück an die Spitze der globalen Machtpyramide. Ihre Vertreter beschwören unverdrossen die ‚Werte‘ einer glorifizierten Vergangenheit. Tatsächlich entspricht nur Henry Marco dem Bild des klassischen Pioniers, der die Wildnis zähmte. Leider übertreibt es Zito erneut. Wir lernen Marco als „Return Man“ kennen, dessen selbstgewählte Berufung der Verfasser durchaus bewegend zu begründen weiß. Als Freiheitskämpfer ist Marco dagegen vor allem pathetisch und als trauernder Gatte ausschließlich peinlich. (Natürlich fehlt der Epilog nicht, der in erster Linie die Fortsetzung einleitet.)

Dem in Sachen Gewalt, Verstümmelung & Körperflüssigkeiten ohnehin überbordenden Finale, mit der Zito offensichtlich die Rasenmäher-Szene in Peter Jacksons „Braindead“ übertreffen will, folgt ein unfreiwillig schauerlicher weil schwülstiger Ausklang. Er kratzt hart am bisher positiven Urteil über diesen Roman, der anfänglich deutlich mehr verspricht, als der Verfasser letztlich halten kann.

Verfasser

Vincent M. Zito (geb. 1972) lebt mit seiner Familie in Monroe, US-Staat Connecticut. Dort leitet er hauptberuflich eine Werbeagentur. Nachdem er zuvor einige Kurzgeschichten veröffentlicht hatte, begann Zito 2008 nach Feierabend „The Return Man“ zu schreiben. Sein Romandebüt erschien vier Jahre später.

Als Werbefachmann schuf Zito seinem Erstling eine eigene Website.

Taschenbuch: 542 Seiten
Originaltitel: The Return Man (New York : Orbit 2012)
Übersetzung: Martin Gilbert
ISBN-13: 978-3-453-31397-2
eBook: 824 KB
ISBN-13: 978-3-641-10259-3
http://www.heyne-verlag.de

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