Val McDermid – Clean Break (Kate Brannigan 5)

Zwischen Monet und Zyanid: Detektivin Kate Brannigan

Kate Brannigan muss sich alleine um die Fälle der Detektei Mortensen & Brannigan kümmern. Gleich von mehreren Seiten gerät sie unter Druck. Bis nach Italien jagt sie einem gestohlenen Monet-Gemälde nach. Unterdessen sterben im heimatlichen Manchester zwei Kunden eines Putzmittelherstellers an einer mysteriösen Zyanidvergiftung… (Verlagsinfo)

Die Autorin

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin und Rockmusikfan. Ihre Bücher erscheinen weltweit in über 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association. (Verlagsinfo)

Kate Brannigan-Fälle (in chronologischer Reihenfolge):

1) Abgeblasen (1992)
2) Luftgärten (1993)
3) Skrupellos (1994)
4) Das Kuckucksei (1996)
5) Clean Break (1997)
6) Das Gesetz der Serie (1998)

Handlung

Kate Brannigan ist Wirtschaftsdetektivin. Zusammen mit ihrem Seniorpartner Bill Mortensen pflegt sie Unterschlagungen und Veruntreuungen aufzuklären. Derzeit ist Bill in Urlaub, alles muss Kate den Laden alleine schmeißen. Ein Schlossherr beauftragt sie, den Diebstahl eines wertvollen Monet-Gemäldes aus seiner noblen Hütte aufzuklären. Er ist keineswegs das einzige adlige Diebesopfer, sondern Glied einer landesweiten Diebstahlserie. Die Adligen organisieren sich unter dem Namens „The Nottingham Group“…

Beim Gespräch mit dessen Versicherung lernt sie König Assurbanipal alias Michael Haroun kennen, der nicht nur für den Schadensersatz zuständig ist, sondern auch umwerfend gut aussieht. Durch ihren Freund und Nachbarn Richard, einen chaotischen Musikjournalisten, bekommt der Mann ihrer feuchten Mädchenträume allerdings sehr aktuelle Konkurrenz, und am Abend nach dem ersten Dinner streiten sich die beiden wie Hunde um einen Knochen. Männer!

Der zweite Auftrag kommt wenig später von dem Putzmittelhersteller Trevor Kerr, der gerade erpresst wird. Seine Firma Kerrchem soll eine unbekannte Summe zahlen. Weil Kerr, ein selbstgerechter Familienvater, den Erpresserbrief für einen Scherz hielt, musste ein Kunde an Zyaniddämpfen sterben. Der zweite Brief ist schon nicht mehr so „nett“. Bei der Rückrufaktion stellt sich heraus, dass weit mehr Putzmittelgebinde zurückgeschickt worden sind, als ausgeliefert wurden. Und der Überschuss entspricht gar nicht Kerrs Produktion. Wer also will ihn und seine Firma vernichten? Kate beginnt, Kerrs familiären Hintergrund zu durchleuchten, dann die entlassenen Mitarbeiter.

Sobald sie hier fündig geworden ist, beginnt sie, dem Gemäldedieb eine Falle zu stellen. Der Köder muss natürlich etwas Besonderes sein, aber Schlossherr Henry hilft ihr mit einem Prachtstück aus. Doch als sie dem Köder mithilfe eines Peilsenders folgt, führt sie der Weg weit über die Grenzen Englands hinaus in mafiöse Gefilde…

Mein Eindruck

Die Besonderheit an Kate Brannigan und ihren Heldentaten ist nicht nur, dass sie klein, aber oho ist, sondern dass hier jede Menge lesbische Frauen vorkommen. Das war auch der Grund, warum diese Krimis ursprünglich in keinem einzigen Mainstream-Verlag publiziert werden konnten, sondern zuerst in dem lesbisch und sozialistisch orientierten Argument-Verlag (der unter dem Imprint „Ariadne“ auch eine exzellente SF-Reihe führte).

Immer wieder stößt daher der männliche Leser verblüfft auf schwesterliche Solidarität, die Kate natürlich längst verinnerlicht hat und nach Kräften fördert. Lesbische Paare tauchen auf, die nur bedauernd auf fremdgehende Exfrauen und Witwen herabschauen. Kate selbst ist bisexuell und hat in Richard einen potenten Freund und Lover, der ihr sogar ein wenig zu zudringlich und fürsorglich wird – er folgt ihr auf den Kontinent, über lebensgefährliche deutsche Autobahnen bis in die Höhle des italienischen Löwen.

Dort muss Kate wacker ihren Mann bzw. ihre Frau stehen: Um in die Mafioso-Villa zu gelangen, erweist es sich als der einzige Weg, dass sie einen Leibwächter und Mann fürs Grobe verführt. Gianni ist zwar ein Muskelprotz, aber keineswegs blöd. Kate gerät in Nöte, als er ihre Anmache für bare Münze nimmt und sie in den Schwitzkasten nimmt. „Erst mal was essen!“, schlägt sie listig vor. Und einen Valium-versetzten Cocktail in Ehren kann niemand verwehren, gell? Sie ist in Thai-Boxen versiert, braucht aber ihre Schlagkraft nicht anzuwenden.

Dass Kate ein aktives Gewissen hat, das sich immer dann meldet, wenn es am wenigsten gebraucht wird, ist nur eine ihrer sympathischen Eigenschaften. Sie erkennt, dass sie das Leben zweier Menschen auf dem Gewissen hat: Opfer von Morden, die sie hätte verhindern können. Sie muss Wiedergutmachung leisten, indem sie den Cops hilft, die zwei Fälle aufzuklären. Dabei stößt sie auf eine Ungereimtheit: Die Kerr-Erpresser sind keine Mörder. Wer hat aber dann die Morde auf dem Gewissen?

Es bleibt spannend bis zum Schluss. Und die geneigte Leserin fragt sich natürlich bang, ob die gute Kate jemals ihren Richard zurückbekommen wird, hat sie ihn doch in bella Italia quasi in die Wüste geschickt.

Die Übersetzung

Die Übersetzung durch Brigitta Merschmann erschien erstmals 1997 bei S. Fischer, dann im einschlägig belasteten Argument-Verlag, wo bekanntlich alles, was spannend und phantastisch ist, verlegt wurde, solange in den Texten lesbische Liebe vorkam. Und die kommt bei einer Tabubrecherin wie McDermid allenthalben vor.

Sprachlich gefiel mir sehr die schnoddrige Ausdrucksweise Kate Brannigans, stilistisch die vielen deutschen Redewendungen, die den Text wie ein einheimisches Produkt wirken lassen. Saubere Arbeit. Leider haben sich Grammatik- und Druckfehler eingeschlichen.

S. 94: „dass ich einen Parkplatz gefunden hatte, die dem Büro näher…“ Statt des Relativpronomens „die“ sollte hier „der“ stehen, denn es bezieht sich auf DEN Parkplatz.

S. 111: „T[r]evor Kerr“. Das R fehlt.

S. 253: „keine Spur von irgendwelchen inkriminierenden Papieren“. Das ist eine Eins-zu-eins-Übersetzung aus dem Original. „Inkriminierend“ bedeutet schlicht und ergreifend „belastend“, klingt aber gleich viel wissenschaftlicher.

Unterm Strich

Ich habe auch diesen Brannigan-Krimi in nur wenigen Tagen ausgelesen, denn er ist witzig, wendungsreich und ganz anders als viele Männer-Krimis. Die Story ist sauspannend, die Ermittlerin gewitzt und sehr weiblich, ohne ihre Professionalität aufzugeben, und die geschilderten Milieus sind authentisch abgebildet – bis auf die Hacker-Künste Kates, die noch mit Modems, Minirekordern, Faxgeräten und vorsintflutlichen Benutzeroberflächen kämpft.

Brannigan liest Thriller, ohne sie jedoch nachzuahmen: Ein enger Kreis von Verdächtigen wird durchkämmt, doch der wahre Mörder wird erst im zweiten Anlauf entdeckt. Streckenweise kam mir die Geschichte allerdings wie ein Reisetagebuch vor – hier wurden ordentlich Seiten geschunden, so dass dieser Band an die 70-80 Seiten länger ist als die anderen.

Wenigstens eine falsche Fährte gibt es – wo gäbe es sie nicht? – zwecks Irreführung des Lesers, und das Geplänkel mit dem eingebildeten Inspector Jackson sorgt für nette Laune. Kate hat ein außerdem ein Auge für das Äußere von Menschen beiderlei Geschlechts: Kleider machen bekanntlich Leute, und so leistet sie sich sehr witzige, oft sarkastische Bemerkungen über das Outfit so manchen Frauenzimmers und Mannsbildes. Diese sind zu McDermids Markenzeichen geworden.

Dass die Autorin Rockmusik mag, zeigt sich an dem Alter Ego ihrer Heldin, nämlich Richard, dem ständig bekifften Rockmusikkritiker. Er fährt ein pinkfarbenes VW-Käfer-Cabrio, das aus einer anderen Epoche der Erdgeschichte zu stammen scheint (aus den Siebzigern), aber dennoch gute Dienste leistet, wenn’s drauf ankommt. Leider verweist Kate ständig auf das vorhergehende Abenteuer, das weder für Kate noch für Richard besonders glorreich verlief: Kate wurde fast abgemurkst und Richard landete im Knast.

Was lehrt uns das? Es bedeutet, dass man die Kate-Brannigan-Reihe möglichst in der richtigen Reihenfolge lesen sollte.

Taschenbuch: 364 Seiten
Info: Clean Break, 1997
Aus dem Englischen von Brigitta Merschmann
www.droemer-knaur.de

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