Val McDermid – Vergeltung

Spannend & blutig: Die Rache des Ausbrechers

Bisher galt dieses Gefängnis als absolut ausbruchsicher. Doch nach zwölf Jahren Haft gelingt Jacko Vance, einem perfiden Mädchenmörder, durch eine raffinierte, lange geplante Täuschung die Flucht. Jacko ist besessen von einem einzigen Gedanken: gnadenlose Vergeltung – an allen, die ihn hinter Schloss und Riegel gebracht haben. Vor allem aber an Carol Jordan und Tony Hill. Und er hat sich etwas Hinterhältigeres als deren Tod ausgedacht: Er will seine Feinde ins Mark treffen, ihnen ihr Liebstes nehmen. Seine ersten Opfer sind Carols Bruder und dessen Frau … (Verlagsinfo)

Die Autorin

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association. (Verlagsinfo) ‚Vergeltung‘ ist der 7. Fall von Tony Hill und Carol Jordan.

Der Sprecher

Johannes Steck, geboren 1966 in Würzburg, ist Absolvent der Schauspielschule Wien. Von 1990 bis 1996 hatte er Engagements an verschiedenen Theatern. Dem breiten Publikum ist er v.a. aus dem TV bekannt. Er spielte in zahlreichen TV-Serien. Steck arbeitet zudem als Radio-, Fernseh- und Synchronsprecher. Er hat schon zahlreiche Hörbücher gelesen.

Regie führte Lutz M. Schäfer, gekürzt von Kathrin Angermann, aufgenommen im Tonstudio Schloss Seefeld.

Handlung

Die Nachricht, dass Jacko Vance die Flucht aus der Haft gelungen ist, versetzt DCI Carol Jordan und den Profiler Tony Hill in höchste Beunruhigung. Vance, der ehemalige TV-Moderator und Olympiasportler, saß nicht ohne Grund zwölf Jahre hinter Gittern. Er hatte siebzehn Frauen zu Tode gebracht, um sich an ihren Leiden zu ergötzen. Nun erfahren sie, dass er sich als einen Mithäftling verkleidet hat, der als Freigänger eingestuft war. Dieser Häftling sagt natürlich, er weiß von nichts.

Eines ist Jordan und Hill von vornherein klar: Sie müssen mit Vances Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Schließlich waren sie und ihr Team es, die ihn vor Jahren aufspürten und dingfest machten. Vor Gericht lernte er sie dann eingehend kennen. Ihnen ist klar, dass Vance auch außerhalb der Gefängnismauern Helfershelfer haben muss, die ihm ein Haus als Versteck, neue Kleidung und Ausrüstung verschaffen.

Doch wer steht noch auf der Liste möglicher Ziele des Ausbrechers? Höchstwahrscheinlich Micky Morgan, die mit ihm eine Scheinehe führte, aber nun mit ihrer Partnerin Betsy Thorne zusammenlebt und erfolgreich einen Reitstall betreibt. Tony soll im Auftrag des Innenministeriums eine Risikoanalyse schreiben. Später wird ihm Carol schwere Vorwürfe deshalb machen, dass er die wichtigsten Ziele übersehen hat. Wie konnte ihm dieser Fehler nur unterlaufen, klagt sie ihn wütend und verbittert an.

Der zweite Fall

Einer der Gründe für Hills „Versagen“ ist der Fall der Serienmorde an vier Bradfielder Prostituierten. Paula McIntyre, Carols engste Mitarbeiterin, bittet Hill unter der Hand darum, ihr zu helfen. Hill ahnt das Schlimmste, wenn das rauskommt, aber er hilft ihr und erstellt ein treffendes Täterprofil. In einem genialen Moment erkennt er, womit die Handschrift des Killers zu tun hat: Er ahmt die Mordmethoden nach, die in einer alten amerikanischen TV-Serie mit dem Titel „Maze Man“ vorkamen.

Was die Opfer verbindet, ist ein kleines Tattoo auf der Innenseite ihres Handgelenks: „MEINE“, sagt es. Paula setzt ihre Computerspezialistin Stacey Chen darauf an, nach den britischen Fans der TV-Serie zu suchen, und die wird binnen kürzester Zeit fündig: Der größte Fan sitzt direkt in Bradfield…

Schock am Tatort

Unterdessen wird Carol Jordan an einen Tatort gerufen, der den schockierendsten Anblick ihrer an schockierenden Anblicken reichen Karriere bereithält: Es sind ihr Bruder Michael und seine Lebensgefährtin Lucy Bannermann, eine Strafverteidigerin. Vance hat beiden die Halsschlagadern aufgeschlitzt, als sie miteinander Sex hatten. Und dann nutzte er die gute Gelegenheit, die sich ihm nach zwölf Jahren ohne Frau bot, schamlos aus…

Mein Eindruck

Dass die egomanische Alkoholikerin Carol Jordan und der impotente Psycho-Profiler Tony Hill zwei Fälle zu gleichen Zeit lösen können, grenzt an ein Wunder. Und dabei bleibt es auch. Noch dazu soll die eine nicht erfahren, was der andere tut – wie soll die Strafverfolgung da Erfolg haben? Tony Hill löst zwar auf spannende und interessante Weise den recht horrormäßigen Fall des Maze-Man-Imitators, bei dem jeder Fan von „Das Schweigen der Lämmer“ auf seine Kosten kommt. Doch sobald er mit Carol Jordan Kontakt aufnimmt, fliegen die Fetzen und Frust kommt auf.

Dabei ist der Plot des ersten Falls doch recht simpel gestrickt: Verbrecher bricht aus, Verbrecher rächt sich an – Überraschung! – den Angehörigen derjenigen, denen er die Schuld an seiner Verhaftung und Verurteilung gibt. Jacko Vance – nicht zu verwechseln mit dem verstorbenen SF- und Krimi-Autor Jack Vance – spielt liebend gern über die Bande, um sein Ziel zu treffen. Er will den Zielpersonen, allen voran Carol Jordan, dasjenige nehmen, was sie am meisten lieben.

Seine Infos hat er von einem Detektiv bezogen, der nie in Erscheinung tritt. Das ist seine Achillesferse: Im Fall Tony Hill verfügt er über falsche Informationen – das Haus, das er abfackelt, hat Tony von seinem lange verleugneten Vater geerbt und was Tonys Mutter anbelangt, wandelt Jacko völlig auf dem Holzweg. Das wird sich bitter rächen.

Jacko geht intelligent, listig und verschlagen vor. Obwohl das Anwesen seiner Exfrau Micky Morgan von Schutzpolizisten umstellt ist, gelingt es ihm, in die Pferdeställe einzudringen und dort Feuer zu legen. Die dämlichen Cops haben nämlich einfach versäumt, seine schauspielerischen Fähigkeiten ins Kalkül zu ziehen: Schließlich war Jacko ja mal Moderator beim Fernsehen und wickelte dort die Frauen reihenweise um den kleinen Finger. Jacko ist ein Serienkiller vom Typ Chamäleon – sehr schwer zu entdecken und noch schwerer aufzuhalten.

Kann Tony Hill ihn aufhalten? Das erwartet zumindest Carol Jordan, Tonys alte Flamme. Als er augenscheinlich „versagt“, macht sie ihm ungerechterweise die Hölle heiß – und kündigt ihm die Partnerschaft, die eh nur noch auf dem Klo-Papier einer umgefallenen Toilette in Wladiwostok stand. Jeder andere Mann wurde ihr jetzt vielleicht was husten, doch nicht der impotente Tony. Er liebt wohl Carol, diesen depperten Alki, viel zu sehr, ihm sie verletzten zu können. So kommt es zu tragischen Unglücken und zum großen Showdown zwischen Jacko Vance und Tonys Mutter Vanessa…

Der Sprecher

Johannes Steck trägt kompetent und gut verständlich vor. Mit der individuellen Charakterisierung der Figuren trägt seine tiefe Stimme zur Spannung und Unterhaltung bei. Die Stimmen der weiblichen Figuren klingen eine Winzigkeit höher als die der männlichen. Die tiefsten Stimmen haben die Figuren Alvin Ambrose und Pete Reeky, also zwei Cops. Tony Hill gehört sicher nicht zu den Inhabern einer maskulinen Stimme, und Terry Gates hört man die naive Dienstfertigkeit geradezu an.

Musik und Geräusche weist die Lesung nicht auf, weshalb ich darauf auch keine Worte verschwenden werde.

Unterm Strich

Die Handlung ist wenig vorhersehbar, was für eine Menge Spannung sorgt. Jacko Vance sucht sich seine Opfer nach einem überraschenden Prinzip aus, und er hat bei allen Video-Wanzen installiert, über die er sie überwachen kann. Selbst der Ausgang seines Rachefeldzugs ist nicht vorherzusehen, ebenso wenig dessen verblüffender Ausgang.

Freunde von „Das Schweigen der Lämmer“ kommen eher in dem zweiten, nicht verknüpften Fall auf ihre Kosten, den Tony Hill lösen muss. Die Morde werden immer bizarrer: Umgekehrt an ein Kreuz gehängt und dann geschächtet; zerstückelt und in einen Karton gepackt; der nächste Angriff sieht die Häutung bei lebendigem Leib vor… Werden Tony Hills Hinweise auf den Trittbrettfahrer rechtzeitig umgesetzt werden können? Die Kommissare Paula und Kevin sind zumindest weder Alkis noch Egomanen, so dass auf eine rechtzeitige Ergreifung des Serienmörders zu hoffen ist.

Schade, dass die TV-Serie „Wire in the Blood“ alias „Die Methode Hill“ inzwischen eingestellt worden ist. Ich fand die Verfilmungen der Fälle von Carol Jordan und Tony Hill immer durchweg spannend, in ihrer psychologischen Tiefe anrührend und in ihren tabubrechenden Themen nachdenklich machend, so etwa „Das Lied der Sirenen“. (Auch in „Vergeltung“ müssen Prostituierte reihenweise ins Gras beißen.) inzwischen ist auch der zehnte Jordan & Hill-Roman veröffentlicht worden.

Das Hörbuch

Johannes Steck trägt kompetent und gut verständlich vor. Mit der individuellen Charakterisierung der Figuren trägt seine tiefe Stimme zur Spannung und Unterhaltung bei.

6 Audio-CDs mit knapp 7 Stunden Laufzeit
Info: The Retribution, 2011; Argon Verlag 2012, Berlin
Aus dem Englischen übersetzt von Doris Styron
www.argon-verlag.de

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