Verdier, Zoe le – Vertrauen

_Ein Reigen von Treue und Begehren_

Die bedingungslose Liebe zu seiner Frau geht für Tom so tief, dass er Gail ein erotisches Abenteuer mit seinem eigenen Bruder Joe gestattet. Als er aber als Voyeur tatsächlich deren Lust und Begierde miterlebt, wird sein Vertrauen in Gail auf eine harte Probe gestellt.

|Die Autorin|

Zoe le Verdier veröffentlichte 1999 die Erzählsammung „Insomnia“, die von Annalisa Boari aus dem Englischen übersetzt wurde. Die Sammlung trägt den deutschen Titel „Schlaflos“ und erschien im Jahr 2000 bei |Bastei-Lübbe|. Die Audiofassung wurde 2001 von Zentaur-Film in Berlin erstellt und im August 2005 bei |Lübbe Audio| veröffentlicht. Von Zoe le Verdier erschien zeitgleich auch das Hörbuch [„Mein Leben in Purpur“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1716

|Der Sprecher und Produzent|

Matthias Paul, geboren 1964, hat an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ studiert und einen Actors Workshop in Los Angeles besucht. Er ist aus TV-Produktionen wie „Motorrad-Cops“ und „Sabine!“ bekannt, hat sich aber auch auf den verschiedensten Theaterbühnen, wie etwa der Schaubühne Berlin, einen guten Namen gemacht. (Verlagsinfo)

Paul und der Aufnahmeleiter Ingo Ludwig Frenzel führten zusammen Regie. Der Text ist offenbar ungekürzt.

_Handlung_

Es ist eine schöne Hochzeitsfeier, und die Braut sieht wirklich zum Anbeißen aus. Aber Joe und seinem Bruder Tom ist sie schnuppe, denn sie haben nur Augen für eine andere Frau: Gail. Sie ist unnahbar, unscheinbar und ist um die Nase blass, weil sie nie an die frische Luft geht – im Gegensatz zu Joe, dem Globetrotter. Die Schriftstellerin ist die Frau von Tom, aber das macht nichts: Joe begehrt sie trotzdem.

Das merkt auch Tom und großzügig, wie er ist, sagt er es ihr und erlaubt ihr, sich mit Joe einzulassen. Er ist sicher, dass er ihrer Treue vertrauen kann. Er ahnt nicht, dass sie sich für Joe absichtlich begehrenswert gemacht hat. Sie sieht unschuldig aus, ohne es wirklich zu sein. Doch wenn sie einen Fehler hat, dann den, dass sie sich selbst wegen ihrer Sterblichkeit bedauert: Sie weint, wenn sie die ewigen Sterne droben schimmern sieht.

Das macht sie auch diesmal, als sie abseits der Festzelte an einer Mauer lehnt, ganz allein. Als Joe ihr folgt, lässt sie sich von ihm halten und an sich drücken. Doch wird er es wagen, der sinnlichen Versuchung nachzugeben? Hat er Angst vor Tom, der heimlich aus den Schatten der Nacht zusieht? Gail merkt, dass sie noch ein wenig nachhelfen muss und fasst Joe an den Schritt …

_Mein Eindruck_

Die Geschichte bezieht ihre psychologisch-erotische Spannung aus drei Beziehungen: der Ehe zwischen Gail und Tom, die auf die Probe gestellt wird; aus der Beziehung zwischen den beiden ungleichen Brüdern, dem wohlhabenden Tom und dem unsteten, aber armen Joe, dem Tom plötzlich seine Frau wie einen Köder anbietet; und natürlich der flüchtigen sexuellen Begegnung zwischen Joe und Gail.

Dieses Dreieck der Beziehungen ist bis zum Startpunkt der Erzählung offenbar stabil gewesen, denn es gab noch keinen Sex zwischen Gail und Joe. Doch danach ist alles anders: Joe kann nicht länger im Haus seines Bruders übernachten, sondern muss sich eine andere Bleibe suchen. Liegt es an seinem Stolz, die ihm dies verbietet? Er hat erkannt, dass ihm Tom seine Frau für ein kurzes Vergnügen überlassen hat, als täte er ihm einen Gefallen. Nun weiß Joe, dass er Gail nie wird haben können, denn sie kehrt zu Tom zurück.

Die Erzählung wird in scheinbar einfacher Sprache dargeboten, doch die Verhältnisse, die damit beschrieben werden, sind schwankender Boden: Das sind Dreiecksgeschichten eigentlich immer. Reizvoll ist hier jedoch, dass die Frau zwar unnahbar, unlesbar ist, aber im Grunde alle Fäden in der Hand hält – ihren Mann ebenso wie ihren Lover in spe Joe. Sie wird von beiden begehrt und kann ihre Trümpfe ausspielen, wie es ihr gefällt: Treue und Untreue sind nämlich in diesem Fall ein und dasselbe.

|Der Sprecher|

Matthias Pauls Vortrag grenzt schon fast an eine inszenierte Lesung. Er spricht quasi nur dann, wenn die Musik ihn lässt. Und dann kann er keineswegs eine Beschreibung herunterleiern, sondern muss im Gegenteil die Szene selbst mit allen Facetten seiner Sprachkunst aufbauen. Das ist einerseits ziemlich anspruchsvoll, kann aber andererseits auch schwer in die Hose gehen.

Der Knackpunkt sind nämlich die Emotionen. Bei einer erotisierenden Lesung wie dieser ist es dem Sprecher nicht gestattet, einen neutralen Standpunkt einzunehmen, sondern er muss vielmehr Emotionen transportieren und erzeugen. Seine Sätze wechseln daher unvermittelt vom Beschreiben zum Raunen, vom Schmeicheln zum Psychologisieren. Und zwar nicht nur von Satz zu Satz, sondern auch mitten im Satz selbst, denn es kommt darauf, bestimmte Reizwörter hervorzuheben, gewisse Aussagen der Figuren richtig zu betonen.

Kurzum: Es ist der reinste Eiertanz, und die Kunst besteht darin, keinen Fehler zu machen. Mehrere Male gerät der Sprecher schwer in Gefahr, es zu übertreiben: Raunt da ein Latin Lover schwülstige Adjektive? Das Chargieren ist einem Schauspieler wie Paul jedoch als Gefahr bewusst, und so gelingt es ihm meistens, sich rechtzeitig zurückzunehmen.

Diese Einschätzung ist völlig subjektiv, und so mag es manchem männlichen Hörer vorkommen, als übertreibe es Paul absichtlich. Diese Männer sollten dringend ihre Partnerin konsultieren. Sie wird ihn wahrscheinlich versichern, dass die Dosis „Schmalz“ genau richtig ist.

|Die Musik|

Wie schon angedeutet, spielt die Musik von Ingo Ludwig Frenzel eine ganze zentrale Rolle, denn sie ergänzt und verstärkt den Vortrag von Matthias Paul. Schon das Intro stimmt auf die prickelnde Atmosphäre ein – das ist nicht entspannt-schwülstig, sondern dynamisch und vorwärts drängend. Erst sehr spät, wenn die erotische Spannung auf dem Höhepunkt angekommen ist und erst recht, wenn sie vorüber ist, dominiert das sattsam bekannte romantische Piano. Auch das Extro beansprucht noch einmal eine ganze Menge Hörzeit: Der Zuhörer kauft ebenso viel Musik wie Text.

_Unterm Strich_

Recht trickreich schildert die Autorin den Reigen des Begehrens zwischen Gail und Joe, aber auch die Dialektik von Treue, Vertrauen und Freiheit. Natürlich ist der Knalleffekt mit eingebaut, nämlich dann, als Tom seinem Bruderherz die Wahrheit enthüllt, aber doch nur die halbe Wahrheit verrät. Und wie es in Gails Herz aussieht, werden wir eh nie zur Gänze erfahren. Sie kann ja nicht immer ein Kind von Traurigkeit sein, oder?

Die inszenierte Lesung ist anregend, doch der erotische Höhepunkt besteht leider nur in einem einzigen Akt. Befriedigender wären vielleicht mehrere gewesen (siehe „Mein Leben in Purpur“), um durch Variation zu erfreuen. Das Zusammenspiel der stimmungsvollen Musik mit dem lebendigen Vortrag ist anregend und recht sinnlich, gerät aber mitunter in Gefahr, übertrieben zu wirken. Das muss das Empfinden des einzelnen Zuhörers entscheiden.

Zu einem vertretbaren Preis erhält die Käuferin knapp eine Stunde erotische Romantik pur. Das Hörspiel hätte ruhig länger sein dürfen.

|52 Minuten auf 1 CD|