Henry Wade – Tod auf der Treppe

Wade Tod Cover kleinDas geschieht:

Sir Garth Fratton gehört zu den großen Finanzmagnaten der Stadt London. Obwohl ihn das Alter und manche Zipperlein plagen, schlägt er die Ratschläge seines Arztes in den Wind und wird Vorstandsmitglied der noch jungen „Victory Finance Company“. Dort geht freilich nicht alles mit rechten Dingen zu, wie Fratton seinem besten Freund Leopold Hessel anvertraut. Bevor er jedoch in Details gehen kann, wird er während eines Spaziergangs von einem unbekannten Rüpel angerempelt. Nur Sekunden später bricht Sir Garth tot zusammen; die Autopsie ergibt, dass er durch das Platzen eines Aneurysmas – der krankhaften Ausweitung einer großen Ader – verblutet ist.

Frattons Tochter Inez lässt der tragische Tod des Vaters keine Ruhe. Sie lässt ein Inserat in die Zeitung setzen, dass den Rüpel auffordert, sich zu melden. Als Scotland Yard davon hört, wird der junge Inspektor Poole geschickt, um den ‚Unfall‘ vorsichtshalber noch einmal zu überprüfen. Pooles Nachforschungen sorgen für Unruhe und schließlich für die Exhumierung von Frattons Leiche, die in der Tat Spuren einer Mordattacke aufweist.

Hauptverdächtiger ist ausgerechnet Frattons Sohn Ryland, ein Tunichtgut und Weiberheld, mit dem sich der Vater so zerstritten hatte, dass er ihn aus dem Testament streichen wollte, was durch den Tod verhindert wurde. Aber Poole ermittelt gründlich und unvoreingenommen. So stößt er bald auf Fratton seniors Notizen über mögliche Machenschaften der „Victory Finance Company“. Sie führen ihn auf die Spur eines geschickt eingefädelten Komplotts, dessen Nutznießer Pooles Eifer mit steigender Sorge beobachten …

Wieder einmal der (fast) perfekte Mord

Für den eifrigen Leser des klassischen „Whodunits“ britischer Prägung müssen die 1920er und 30er ein literarisches Schlaraffenland gewesen sein. Quasi in jedem Monat erschienen nicht nur neue, sondern auch gute, d. h. spannende, sauber konstruierte und ‚faire‘ Mordrätsel, die dem Publikum die Möglichkeit boten, gemeinsam mit dem Ermittler dem Täter auf die Spur zu kommen.

Natürlich gehörten die in diesen Jahren erschienenen Krimis nicht sämtlich zur oberen Güteklasse. Dennoch sind einige wirklich gute „Whodunits“ unverdient vom Zahn der Zeit nicht nur angenagt, sondern gänzlich verzehrt worden. In Deutschland steigerte dies durch die Omnipräsenz beliebter Autoren wie Agatha Christie oder Edgar Wallace, die bevorzugt übersetzt und immer wieder neu veröffentlicht wurden, während andere Verfasser das Nachsehen hatten.

Zu ihnen gehört Henry Wade, hinter dessen schlichtem Namen sich nicht nur eine interessante Person, sondern auch ein hervorragender und in England weiterhin gewürdigter Schriftsteller verbirgt. „Tod auf der Treppe“ ist ein ausgezeichnetes Beispiel für sein Gesamtwerk. Mit einem nicht selten gar zu ausgeprägten Hang zum Detail schildert Wade die Aufklärung eines scheinbar perfekten Mordes. Dieser Plot ist ein Klassiker der Genres Kriminalroman. Er bietet dem gewitzten Rätselschmied immer wieder Ansatzpunkte für eine interessante Handlung.

Solide britisch und mörderisch bizarr

„Tod auf der Treppe“ ist als Titel eine Notlösung. Wade gab seiner Geschichte die wesentlich schönere aber dem deutschen Leser eher kryptische Überschrift „The Duke of York’s Steps“. Er bezeichnet den Ort des Verbrechens: die große Treppe zu Füßen des Denkmals für Prinz Frederic (1763-1827), Duke of York, die vom Waterloo Place hinab zur Mall von London führt. Diese reale Stätte ist sehr geeignet für das von Wade konstruierte Verbrechen.

Es wird sehr viel geredet in diesem Roman. Darüber hinaus werden finanztechnische Interna ausgebreitet, die schon 1929 nicht allzu viele Leser fasziniert haben dürften. Sie sind aber für den Plot wichtig, weshalb es ratsam ist, den heutzutage oft allzu empfindlich eingestellten Überspannschalter für konzentrierte Informationseingabe im Leserhirn ein Leistungsstufe hochzuschalten: „Tod auf der Treppe“ stammt aus einer Zeit, als Bücher gelesen und nicht nur überflogen wurden.

Bei der Inszenierung des zentralen Mordes gehen dem Verfasser bei aller Sorgfalt die Pferde durch. Wade hat sich eine noch nie da gewesene Art des hinterlistigen Tötens einfallen lassen. Allerdings ist die außerordentlich bizarr und darüber hinaus so kompliziert geraten, dass ihr Gelingen nur dort gewährleistet ist, wo der Schriftsteller die Umstände und den Zufall diktiert. Dem Vergnügen tut dies freilich keinen Abbruch, denn der nostalgisch gestimmte Leser von heute verlangt keinen Realismus von einem alten „Whodunit“.

Die Zeiten ändern sich

Dabei steckt durchaus viel Zeithistorisches zwischen den Stufen bzw. Zeilen von „Tod auf der Treppe“. Noch existiert hier die alte gesellschaftliche Hierarchie, die dem englischen Adel verbriefte und tradierte Privilegien garantiert, aber sie musste sich der neuen Zeit anpassen: Sir Garth Fratton ist kein klassischer „Gentleman“, sondern fähig und willens, sich die Hände zumindest im übertragenen Sinn schmutzig zu machen; er ist im Geldgeschäft aktiv und trotzdem hoch angesehen, denn Arbeit schändet längst nicht mehr.

Gehalten haben sich dagegen jene hässlichen antisemitischen Züge, die in der britischen „high society“ seit jeher diskret aber deutlich ausgeprägt waren. Frattons Freund Leopold Hessel gelangte ungeachtet seiner geschäftlichen Meriten niemals ‚nach oben‘, weil er Jude ist. Für die Handlung wird diese Tatsache überaus wichtig.

Der tüchtige Inspektor Poole steht wiederum für den Zeitenwandel. Er ist ein Polizist der neuen Generation – intelligent, gut ausgebildet und keineswegs gewillt, ein Herrenhaus durch den Dienstboteneingang zu betreten. Das ist im London von 1929 keine Selbstverständlichkeit. Wade verdeutlicht es durch einige Auftritte von Stadtpolizisten der alten Schule: treuherzige aber obrigkeitshörige und geistig unbewegliche Gesetzeshüter, die Verdächtige nicht beschatten, sondern nach schlechter Väter Sitte lieber einschüchtern und einsperren, um einen Fall auf diese Weise möglichst rasch ‚abzuschließen‘.

Versöhnliche Fußangel des Schicksals

Zu guter Letzt gestattet Wade dem gar nicht blinden Schicksal einen kurzen aber entscheidenden Auftritt, der dafür sorgt, dass die Explosion der Bombe, für die der Mord an Sir Garth Fratton die Zündschnur bot, ausbleibt. Die Gerechtigkeit siegt unter Ausschluss der Öffentlichkeit, und es gibt ein Happy-End. (Freilich sorgt Wade auch hier für einen kleinen Widerhaken, der sich bei einer Rückkehr des Inspektor Poole als Ansatz für interessante private Verwicklungen anbietet. Und Poole wird zurückkehren – mehr als einmal!)

Streng beurteilt ist „Tod auf der Treppe“ ein altmodischer und steifer Krimi. Dies ist jedoch ein Merkmal vieler und auch klassischer „Whodunits“ und lockt wie schon erwähnt den heutigen Leser eher, als ihn (oder sie) abzuschrecken. Die daraus resultierende Neugier zahlt sich hier aus; Henry Wade ist als Krimi-Autor eine lohnende Wieder- oder Neuentdeckung.

Autor

Hinter dem Pseudonym „Henry Wade“ steckt ein echtes Mitglied des englischen Hochadels: Henry Lancelot Aubrey-Fletcher, seit 1937 6. Baronet of Clea Hall in the County of Cumberland, wurde am 10. September 1887 in Surrey geboren. Standesgemäß in Eton und Oxford erzogen und ausgebildet, zog Sir Henry als Offizier in den I. Weltkrieg. Für Tüchtig- und Tapferkeit wurde er mehrfach mit hohen Orden ausgezeichnet. 1920 kehrte Aubrey-Fletcher ins Zivilleben zurück und übernahm diverse Ämter wie das des High Sheriff of Buckinghamshire.

Seine kriminologischen und juristischen Erfahrungen kamen Aubrey-Fletcher zugute, als er ab 1926 Kriminalromane veröffentlichte. „The Verdict of You All“, sein Erstling, blieb weitgehend unbeachtet. Das änderte sich mit „The Duke of York’s Steps“ (1929, dt. „Tod auf der Treppe“), doch obwohl Aubrey-Fletcher, der (unter dem Mädchennamen seiner Mutter) als „Henry Wade“ schrieb, durchaus gelesen wurde und mindestens einen neuen Kriminalroman pro Jahr vorlegte, gehörte er nie zu den Großen des Genres. In Deutschland blieb Wade unentdeckt. Seit Ende der 1970er Jahre wurden nur fünf seiner Krimis übersetzt.

Ab 1940 veröffentlichte Wade keine Romane mehr. England war wieder im Krieg, und Aubrey-Fletcher kehrte an die Front zurück. Erst 1947 nahm er seine Schriftstellerkarriere wieder auf. Die in dieser zweiten Schaffensphase entstandenen Krimis werden von der Kritik höher geschätzt als die früheren Werke. Vor allem „A Dying Fall“ (1955) gilt als Meisterstück des „Whodunit“-Genres.

Zum zweiten Mal verheiratet und Vater von fünf Kindern, starb Sir Henry Lancelot Aubrey-Fletcher alias Henry Wade am 30. Mai 1969 im Alter von 81 Jahren in Buckinghamshire.

Taschenbuch: 159 Seiten
Originaltitel: The Duke of York’s Steps (London : Constable 1929/New York : Payson 1929)
Übersetzung: Leni Sobez
http://www.randomhouse.de/heyne

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