Weigoni, Andrascz Jaromir – Zur Sprache bringen …

Die Integration von Mesnchen mit Behinderung in die ’normale‘ Gesellschaft ist ein Prozess, der schon seit Jahren schleppend vorangeht, aber von vielen leider nicht wahrgenommen wird bzw. nicht die verdiente Aufmerksamkeit, welche diese Menschen verdient haben, bekommt. Sicherlich steckt hinter dieser Aussage eine recht negative Wertung, die ich mir an dieser Stelle aufgrund des direkten Bezuges – ich selber arbeite hauptberuflich mit körperlich und geistig behinderten Menschen zusammen – auch sicher erlauben darf.

Aus diesem Blickwinkel heraus finde ich es natürlich äußerst lobenswert, wenn man mit allen Mitteln versucht, an diesem gesellschaftlichen Missstand etwas zu ändern und den Menschen mit Behinderung ebenfalls ein Forum gibt, um ihre Gedanken nach außen zu tragen, oder generell in die Öffentlichkeit zu gelangen. Ein solches Projekt hat auch A. J. Weigoni, seines Zeichens Literaturpädagoge am Benninghof (eine sehr groß angelegte Einrichtung für Menschen mit Behinderung in Mettmann, Teil der Mönchengladbacher Stiftung Hephata), unter dem Titel „Zur Sprache bringen …“ gestartet, bei dem er eben diesen Menschen eine knappe Stunde lang ein Forum gegeben hat, damit diese ihre Gedanken, Anliegen, Wünsche, Hoffnungen, und eben all jene Dinge, welche sie im alltäglichen Leben mit sich herumtragen, äußern. Zum besseren Verständnis möchte ich daher erst einmal das Begleitschreiben dieses Hörbuches zitieren, damit die Intention von Herrn Weigoni etwas deutlicher wird:

|»Diese Collage ist ein Platz für Geschichten ausserhalb normierter Sprachregularien, ein Oszillieren zwischen Eigenart und Eigensinn. Man muss diese Menschen lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes Einzelnen einzudringen, es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen.

Es geht nicht darum, auf der Armseligkeit der Menschen rumzutrampeln und sich über sie lustig zu machen. Sondern darum, das wahre Leben abzubilden und zu zeigen, welche liebenswürdigen, tragikomischen Seiten das so genannte einfache Leben haben kann. Die Bewohner des Benninghofs sind interessant, weil sie anders sind als man selbst oder die Menschen, mit denen man zu tun hat. Und in ihrer Andersheit sind sie den „Normalen“ in manchem doch gleich. Das verbindet.

Die O-Ton-Collage mit Bewohnern des Benninghofs (Stiftung Hephata) zeigt einen Einblick in den Alltag behinderter Menschen. Diese „Menschen mit Möglichkeiten“ versuchen den schweren Dingen Leichtigkeit zu geben und die Wortfolge – Selbstbestimmung, Assistenz und Integration – mit Inhalt zu füllen, ohne dass der Zuhörer auf den Spass verzichten muss. Und dieser Spass geht nicht etwa auf Kosten der behinderten Menschen, sondern transportiert sich mit ihrer Hilfe.«|

Nun kommen wir zur Umsetzung, und diese finde ich persönlich äußerst erschreckend. Wird in meinem Infoschreiben noch betont, dass man tunlichst vermeiden möchte, dass die Zuhörer über die hier zur Sprache gebrachten Menschen mit Behinderung lachen, so bin ich mir sicher, dass genau dies im Endeffekt der Fall sein wird. Ich habe mir diese Hörspiel-CD vor einiger Zeit in einer größeren Gruppe angehört und konnte dabei beobachten, wie ständig über die einzelnen Kommentare der Bewohner des Benninghofs gelacht wurde. Auf die Frage hin, worüber man genau lache, konnte man sich zunächst nicht verständigen, doch wie sich später herausstellte, war es tatsächlich so, dass man nicht mit den Leuten, sondern über deren Eigenarten lachte.

Dem zugute kommt vor allem, dass die Aufnahmen hier sehr hektisch sind, und man anscheinend Wert darauf gelegt hat, dass besonders viele Stellen zum Lachen eingefügt wurden. Es kann auch kaum mal jemand zu Ende aussprechen, und gerade das sind Punkte, an denen man beim finalen Schnitt hätte arbeiten können.
Wie soll sich jemand, der mit der Materie nicht vertraut ist, ein realistisches Bild von einem behinderten Menschen machen, wenn dieser nur sehr einseitig und meines Erachtens lächerlich dargestellt wird? Wem ist damit geholfen, wenn bestehende Vorurteile durch eine solche Aufnahme nur noch bekräftigt werden und der individuelle Mensch mit Behinderung erst gar keine Chance bekommt, sich angemessen vorzustellen? Meiner Meinung nach bringt das wirklich niemandem etwas, außer dem Menschen, der versucht, über eine solche Veröffentlichung (auch wenn ich das jetzt nicht unterstellen möchte) Profit mit Hilfe dieser Personen- und leider immer noch Randgruppe zu machen. Im Gegenteil, die Menschen mit Behinderung werden hier in ein arg fragwürdiges Licht gerückt und schlussendlich für verdammt dumm verkauft. Musste das nun sein, Herr Weigoni?

Zweifelsohne zeigt „Zur Sprache bringen…“, womit sich solche Menschen beschäftigen, was ihnen durch den Kopf geht, und vor allem, welche Lebensinhalte ihnen wichtig sind, jedoch ist die Herangehensweise dermaßen schlecht, dass man sich nicht nur als persönlich Betroffener sondern auch als moralisch denkender Mensch wünscht, dieses Hörspiel wäre nie in Umlauf gebracht worden. Wenn ich der ganzen Sache schlussendlich überhaupt etwas Positives abgewinnen kann, dann sind es die musikalischen Beiträge der Menschen mit Behinderung. Ansonsten steigt in mir die Befürchtung, dass sich jeder, der mit diesem Hörspiel konfrontiert wird, in eventuellen Vorurteilen bekräftigt fühlt und im Endeffekt genau die entgegengesetzte Zielvorstellung der Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft erreicht wird – und das ist für einen ausgebildeten Pädagogen wie A. J. Weigoni ein alles andere als gutes Arbeitszeugnis.

Die CD ist erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de.

Homepage: http://www.weigoni.de

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