Westerfeld, Scott – Cool Hunter

_Spannend und lustig: Coolness mit unerwarteten Nebeneffekten_

Lifestyle, Labels und Logos bestimmen die Welt des siebzehnjährigen Hunter Braque. Als sich der coole Trendscout auf der Jagd nach den neusten Innovationen in die lässige Jen verliebt, gerät er in mysteriöse Verstrickungen: Plötzlich fehlt von seiner Auftraggeberin jede Spur, dafür entdeckt Jen ein Paar absolut megahippe Sneaker in einer leer stehenden Fabrikhalle, die sie begeistert an sich nimmt. Die beiden Trendjäger ahnen nicht, dass sie in eine Falle getappt sind. Denn es geht um die Macht der Marken … (Verlagsinfo)

Vom Verlag empfohlenes Lesealter: 12 – 15 Jahre.

_Der Autor_

Scott Westerfeld wurde in Texas geboren. Er ist Komponist, Software-Designer und Autor zahlreicher Science-Fiction- und Jugendbücher, u.a. der international erfolgreichen Bücher „Ugly“, „Pretty“, „Special“ und „Extra“. Mit seiner Frau, der Autorin Justine Larbalestier (Cansino-Trilogie), lebt er in New York City und Sydney, Australien. Von ihm erschienen bereits die Romane „Weltensturm“ (Heyne) und “ Peeps – Die letzen Tage“ (Kosmos, 2009) auf Deutsch.

_Handlung_

Hunter Braque will die Schuhe unbedingt mit seinem neuen finnischen Handy fotografieren. Die Schnürsenkel des Mädchens sind derart interessant gebunden, dass für ihn völlig klar ist, dass sie eine Innovatorin sein muss. Ihr Name ist Jen, und sie steht an der Spitze der Innovationspyramide.

Hunter selbst befindet sich hingegen nur auf der zweiten Ebene, wo die Trendsetter angesiedelt sind. Deshalb mailt er sein Foto sofort an die Agentin eines Herstellers, wo sich die dritte Ebene befindet. Erst danach gelangt die Idee oder das Produkt zu den Verbrauchern, die als Erste Übernehmer (Early Adopters) bezeichnet werden. Die letzten in der Pyramide sind die Normalos und schließlich die Stehengebliebenen, denen „cool“ völlig schnuppe ist.

Als ihn Mandy, die Agentin des Kunden, bittet, zu einem Fokustest zu kommen, lädt er Jen spontan dazu ein. Bei der Werbespotvorführung sind diverse Vertreter von Zielgruppen anwesend, deren Urteil über das Wohl und Wehe des Millionen teuren 30-Sekunden-Clips entscheiden kann. Mandy nimmt gewissenhaft alle Urteile und Kommentare zu Protokolle.

Als Jen, die so etwas noch nie erlebt hat, zaghaft ihren Kommentar dazu abgibt, herrscht Totenstille, so verblüfft sind die Anwesenden. Dabei hat sie doch nur die „Fehlende Schwarze Frau“ (FSF) bemerkt, die so typisch ist für von Weißen gedrehte Werbevideos. (Warum, wird nicht erklärt.) Aber sofort pflichtet ihr Hunter bei, und auch die anderen finden schnell, dass an diesem Punkt was dran sei.

Es ist wohl diesem Kommentar zu verdanken, dass Mandy die beiden am nächsten Tag zu einer weiteren Produktbeurteilung einlädt. Aber als Hunter Jen trifft, die er immer interessanter findet, ist an der Adresse von Mandy kein Anzeichen zu finden. Seltsa auch, dass sie ihr Handy hinter einer Bretterwand des leerstehenden Hauses hören können: Es spielt „Take a chance on me“ von einer bekannten schwedischen Popgruppe (du-weißt-schon-wer). Mandy ohne ihr Handy – ist undenkbar! Etwas Schreckliches könnte passiert sein.

Weil der Zugang versperrt ist. Steigen sie übers Dach des Nachbarhauses in das leerstehende Haus ein, wobei Hunter immer wieder über Jens Einfallsreichtum verblüfft. Sie ist eben eine echte Innovatorin. Statt der gesuchten Agentin finden sie einen Stapel Karton, wie man sie für Schuhe verwendet. Deren Inhalt ist eine Sensation für einen Cool Hunter wie Braque: Es ist der perfektionierte Traum von einem Sportschuh! Sofort macht er ein Foto. Doch sie werden gestört: Ein glatzköpfiger Kerl stürzt sich auf sie!

Hat er Mandy auf dem Gewissen? Sie nehmen sofort Reißaus und entkommen dem Kerl tatsächlich, auch wenn Hunters Kondition wirklich besser sein könnte. In der ersten Verschnaufpause bemerkt er, dass er sein nagelneues, supercooles, finnisches Handy verloren hat. Er kommt sich völlig nackt vor. Dafür zaubert Jen ihm ein anderes Handy hervor: das von Mandy. Ungeahnte Möglichkeiten tun sich. Und es klingelt „Take a chance on me“. Soll er wirklich rangehen?

_Mein Eindruck_

Dies ist offensichtlich ein Buch für Jugendliche, die „cool“ sein wollen. Auch Hunter Braque ist ursprünglich aus der Provinz, bevor er mit seinen Eltern – einem Epidemiologen und einer Parfümdesignerin – nach New York City ziehen musste. Als Landei musste er erst einmal herausfinden, was angesagt und cool ist – und was eben nicht. Dabei stellte er fest, dass es zig Gruppen gibt, die sich hinsichtlich Coolness deutlich unterscheiden. So wurde er ein Jäger des Angesagten – und bekam einen Job.

Diese Scouts gibt es als Freischaffende in jeder Marketingabteilung, die zu einem der großen Markenhersteller gehört, sei es nun wie im Buch Nike oder Adidas, Coca-Cola oder Nokia. (Im Buch werden keine Markennamen genannt, aber ich darf das.) Solche Landeier gibt es jedem Schulanfang neu, natürlich auch bei uns, und deshalb ist die Geschichte vom Cool Hunter durchaus relevant. Und spannend und romantisch ist sie obendrein. Denn selbstverständlich verlieben sich Jen und Hunter bis über beide Ohrenspitzen ineinander.

Aber ist dieser Kult um das Coolsein und das coolste Produkt überhaupt so erstrebenswert, scheint der Autor zu fragen. Denn was wäre der Sinn der ganzen Staatsaktion um diesen supercoolen Sportschuh, wenn damit nicht Milliarden zu scheffeln wären? Und könnte man diese Milliarden nicht für andere Zwecke sinnvoller einsetzen, beispielsweise für eine Aids-Impfaktion oder die Welthungerhilfe (oder – verwegener Gedanke – die Abschaltung sämtlicher Atomkraftwerke)?

Diesen Gedanken haben die „Spalter“ offenbar ebenfalls gehabt, die die Szene der Coolen aufmischen. Auf diese mysteriösen Drahtzieher stoßen Jen und Hunter, als sie einer Einladung folgen, die sie zu Mandy führen soll. Es soll sich angeblich um den Launch eines neuen Avantgarde-Magazins für die Millionäre auf der Fifth Avenue handeln. Schauplatz ist das New Yorker Naturkundemuseum (bekannt aus „Night at the Museum 1+2“).

Doch die Video-Vorführung hypnotisiert die Zuschauer, und die kostenlosen Gastgeschenke aus dem „Goody Bag“ erweisen sich als hinterhältige Färbemittel und eine Digitalkamera, die jedes Foto per WLAN an einen unbekannten Empfänger schickt. Je mehr die millionenschweren Yuppie-Gäste dem Alkohol zusprechen, desto alberner und entlarvender geraten diese Fotos.

Diese Typen wollen also der Inbegriff von „Coolness“ sein, fragt sich Hunter zweifelnd. Dabei versucht er sich verzweifelt dem Zugriff der anderen Seite, die Mandy entführt hat, zu entziehen. Nur mit Jens Hilfe gelingt ihm das schließlich – aber Mandys Handy musste dran glauben. Aber was wären zwei Detektive wie Jen und Hunter, wenn sie nicht einen Dreh wüssten, um den fiesen Drahtziehern auf die Schliche zu kommen?

_Die Übersetzung_

Die beiden Übersetzerinnen beherrschen die Szenesprache und belassen auch 99% aller Szeneausdrücke in der Originalsprache. Auf diese Weise wirkt das Denglisch des Buches nicht antiquiert oder oberlehrerhaft – so reden „coole“ Typen eben.

Das Glossar der Innovatoren ist ebenfalls astrein übersetzt. Die aufgeführten Neuerer sind den meisten Lexika völlig unbekannt, denn wen würde es schon interessieren, wann der erste Mensch in New York auf der Straße mit einem Handy telefoniert hat (Martin Copper anno 1973) oder wer seine Schnürsenkel das erste Mal in der Doppelhelixschnürung gebunden hat, die heute allgemein verbreitet ist (es war erst 1903!). Da waren Neuerer, deren Idee zwar nicht heroisch war, deren Beitrag die ganze Alltagskultur durchdrungen hat. Q.E.D.: Auch du kannst ein Innovator sein!

_Unterm Strich_

Ich habe diesen spannenden und actionreichen Jugendroman in nur zwei Tagen gelesen, aber man könnte ihn auch an einem Nachmittag schaffen. Die Story könnte so sicherlich nur an den angesagtesten Orten stattfinden, also dort, wo die größte Innovationsgeschwindigkeit zu finden ist: New York City, L.A., Hongkong, London usw. Aber dort geht dann echt die Post ab.

An einem solchen Ort könnte ich mir ein ungleiches Pärchen wie Jen und Hunter gut vorstellen, ohne Stirnrunzeln zu bekommen. Ob die Story spannend erscheint, hängt von der jeweiligen Aufgeschlossenheit des Lesers für coole Produkte und Ideen ab. Ich meine: Wie sexy kann ein neuer Sportschuh denn schon sein, hm?

Recht lustig und interessant fand ich dann aber die Anti-Cool-Launchparty der „Spalter“, die dann zu so komischen Ergebnissen wie purpurrot gefärbten Händen und Haaren führt. Ebenfalls recht nett ist die allmorgendliche Frage von Hunters Dad, dem Seuchenforscher: „Hast du dir die Hände gewaschen?“ Recht so! Der Sohnemann antwortet dann immer mit der Stimme eines hirntoten Roboters. Irgendwann kapiert Daddy dann die Botschaft. Es gäbe noch viele weitere solche Szenen aufzulisten. Sie alle machen das Buch nicht nur spannend und romantisch, sondern vor allem auch lustig und unterhaltsam.

|Taschenbuch: 320 Seiten
Originaltitel: So Yesterday (2004)
Aus dem US-Englischen von Katarina Ganslandt und Anja Galic
ISBN-13: 978-3570306086|

_Scott Westerfeld bei |Buchwurm.info|:_
[„Weltensturm“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3307
[„Ugly – Verlier nicht dein Gesicht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4650
[„Pretty – Erkenne dein Gesicht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4676
[„Leviathan 1: Die geheime Mission“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6647