Dennis Wheatley – Meer der Angst

Das geschieht:

Die „Gafelborg“, ein kleiner, schon alter schwedischer Dampfer, der Fracht und einige nicht allzu verwöhnte Passagiere von Johannesburg in Südafrika nach Rio de Janeiro in Südamerika befördern soll, gerät in einen heftigen Sturm. Schwer beschädigt und in der Besatzung stark dezimiert gerät das halbwracke Gefährt in einen verlassenen Winkel des Atlantiks, dessen Oberfläche hier von gigantischen Tangwäldern bedeckt ist, in denen es scheußlich umgeht: Riesenkraken, Monsterkrabben und andere Seeungetüme gehen den entnervten Überlebenden an die Kragen.

Es gibt auch Menschen in dieser seltsamen Welt. Seit Jahrhunderten geraten Schiffe rettungslos in den Tang. Ihre Besatzungen mussten sich den exotischen Verhältnissen anpassen. Sie haben überlebt, sind aber auf einen urzeitlich anmutenden Stand herabgesunken. Die Insassen eines Sklavenschiffs haben auf einer kleinen Insel ein Schreckensregiment errichtet. Immer wieder überfallen sie ihre Nachbarn, wenn ihnen die Frauen ausgehen. Die Bewohner der zweiten Kolonie sind europäischer oder nordamerikanischer Herkunft. Sie haben sich ein gewisses zivilisatorisches Niveau erhalten können und empfangen die Leute von der „Gafelborg“ freundlich.

Das Leben im Tang ist rau, gefährlich und kurz. Die Gefangenen der See sollten unter solchen Bedingungen zusammenhalten. Dem ist keineswegs so; Eifersucht wird zur Ursache für heftige Streitigkeiten auf der „Gafelborg“. Dies führt zum Verrat und schlägt eine Bresche in die Verteidigung, worauf sowohl die Wilden als auch die Monster nur gewartet haben …

Weiße Flecken mit bunter Geschichte

1938 ließ sich der Vielschreiber Dennis Wheatley diese hübsche Schauermär einfallen, die in „Lost-Race“-Abteilung der Unterhaltungsliteratur gehört. Menschen der Gegenwart finden einen „weißen Flecken“ auf der Landkarte: einen unentdeckten Ort, an dem die Zeit scheinbar stehen geblieben ist. Stets gibt es gemeingefährliches Getier – gern Dinosaurier -, das hungrig im Gebüsch lauert. Unentbehrlich ist darüber hinaus ein Stamm wildgewordener oder gebliebener Vorzeitmenschen, die einer versunkenen mystischen Kultur (Altägypten, Atlantis, Rom etc.) entstammen und von einem kriegerischen Monarchen im Verbund mit blutrünstigen Hohepriestern streng aber ungerecht regiert werden. Immer gibt es darüber hinaus eine wunderschöne Frau, die sich in einen der Neuankömmlinge verliebt und helfend einspringt, wenn es für die Versprengten eng wird, weil sie gegen ein obskures ‚Gesetz‘ verstoßen oder den Goldschatz des Stammesgottes geplündert haben.

Wheatley hält sich an die Vorgaben und spinnt daraus ein wüstes Garn voller phantastischer Abenteuer vor unheimlicher Kulisse. Es wird gemetzelt und gemordet, dass es eine Freude ist bzw. dem Leser das Alter dieser politisch absolut unkorrekten Story deutlich vor Augen führt. Der Verfasser ist aus Gründen, die weiter unten ausgeführt werden, kein ‚guter‘ Schriftsteller, aber seinen Job als Geschichtenerzähler beherrscht er eindeutig.

Nie steht die Handlung still, ständig gibt es – meist böse – Überraschungen. Skurrile Einfälle sorgen für Abwechslung; im Gedächtnis bleibt das Bild der über den Tangwäldern auf Stelzen und durch Gasballons erleichtert angreifenden ‚Wilden‘. Da nimmt man es dem Verfasser nicht übel, dass er manchmal gar zu offensichtlich Seiten schindet und Episoden einflicht, die mit der eigentlichen Handlung nicht zu tun haben.

Gut geklaut ist schon halb gewonnen

„Meer der Angst“ profitiert von den vielen Jahren, die seit der Erstveröffentlichung vergangen sind. Schon 1938 muss diese Geschichte antiquiert gewirkt haben, was ihr heute eindeutig gut zu Gesicht steht. Die Jahre relativieren zudem einige zeitgenössische Rassismen und Chauvinismen, die uns heute abstoßen bzw. lächerlich vorkommen.

Vor allem verschwimmt die Tatsache, dass sich Wheatley tüchtig von einem ungleich talentierteren und ideenreicheren Schriftstellerkollegen ‚inspirieren‘ ließ: William Hope Hodgson (1877-1918) gilt als Meister der Seespukgeschichte. Sein 1907 entstandener Kurzroman „The Boats of the Glen Carrig“ (dt. „Die Boote der ‚Glen Carrig‘“) gibt die monströse Szenerie eines von Ungeheuern bewohnten Tang-Dschungels, in dem Schiffbrüchige auf eine Menschenkolonie treffen, eindeutig vor. Darüber hinaus orientiert sich Wheatley an großen Vorbildern wie Henry Rider Haggard (1856-1925), Arthur Conan Doyle (1859-1930) oder Abraham Merritt (1884-1943), die das „Lost-Race“-Genre mit klassischen Werken bereicherten. Wheatley pickt sich heraus, was ihm gefiel, vergröberte und dramatisierte es, wobei die Teile kein wirklich stimmiges Ganzes ergeben.

Wheatleys Seemannsgarn wurde wiederum von späteren Autoren aufgegriffen. Vor allem zu erwähnen ist hier Tim Curran, der sowohl Hodgson als auch Wheatley 2007 mit seinem Monumental-Gruselepos „Dead Sea – Meer der Angst“ gleichermaßen kunstvoll wie trashig seine Reverenz erwies.

Verdammte in der Krise

Die „Gafelborg“ ist ein Schiff der Verdammten. Ob Passagier oder Besatzungsmitglied, sie alle haben gute Gründe, sich über die Vergangenheit auszuschweigen. Gesellschaftliche Schande, Erpressung, Mord:Die Kette ihrer Verfehlungen schmiedet die kleine Gruppe zusammen. Hitzige Liebe und Eifersüchteleien – vom Verfasser schmierenkomödienhaft übertrieben und bei der Lektüre am besten zu überspringen – heizen die Stimmung weiter auf. Die Gefahr eint die Gruppe nicht. Dass der fatale Überraschungsangriff der ‚Wilden‘ aus dem Tang so erfolgreich ist, liegt vor allem daran, dass man sich an Bord der „Gafelborg“ heftig in den Haaren liegt, während der Feind sich nicht anschleicht, sondern offen angreift.

Ausgesprochen friedlich geht es dagegen auf der Insel der Tang-Menschen zu. Hier reichert Wheatley seine Story um eine für seine Zeit vermutlich gewagte Fassette an: Für die Inseljugend besteht Heiratspflicht, aber bevor Männlein & Weiblein den Bund fürs Leben schließen, wird ihnen ausdrücklich eine großzügig bemessene Frist zugestanden, in denen sie ihren natürlichen Trieben ordentlich (bzw. liederlich) frönen sollen.

Die Figurenzeichnung beschränkt sich ansonsten auf dicke, andeutungsvolle Pinselstriche. Klischees sollen Charakterisierungen ergänzen: der blonde, bärenstarke Finne, der mutige Franzose mit Schnurrbart und galanten Manieren, die schöne Frau mit Vergangenheit, der feurige Mann aus Venezuela usw. Niemand wirkt sympathisch in dieser Schar, kein Leser trauert um die Pechvögel, denen von Tentakeln, Krebsscheren oder Speeren der Garaus gemacht wird.

Unschöne Zeichen der Zeit

Deutlich unangenehmer fallen dem heutigen Leser die unverhohlen rassistischen Charakterisierungen des Verfassers auf. Streng wird differenziert zwischen kühnen, unerschrockenen Angelsachsen, denen in der gesellschaftlichen Hierarchie die Bürger anderer europäischer Staaten folgen. Schon tiefer einsortiert werden die heißblütigen, unkontrollierten Südländer und Südamerikaner. Ganz unten vegetieren natürlich „Neger“, „Mischlinge“ und andere dunkelhäutige Gesellen: entweder kindlich fröhliche Naturkinder, die der Führung ihrer weißen Herren bedürfen, oder verschlagene, feige, geile Primitivlinge, die wahlweise streng kontrolliert oder gezüchtigt werden müssen. Die ganz üblen Wilden von der Satansinsel werden gleich scharenweise abgeknallt.

War Dennis Wheatley ein Rassist? Nicht mehr und nicht weniger als viel zu viele seiner im Geist des „British Empire“ erzogenen und überzeugten Zeitgenossen, die von der Vorherrschaft der weißen Rasse ehrlich überzeugt waren. Sie wussten es nicht besser, und der Kampf der Betroffenen um Gleichberechtigung hatte nicht noch begonnen. Belegt ist allerdings Wheatleys Bewunderung für den Faschismus, für Hitler und andere Nazi-Größen, deren ‚Kampf‘ gegen „niedere Rassen“ lange auch in England durchaus positiv bewertet wurde.

„Meer der Angst“ im Film

„Meer der Angst“ wurde 1968 von Michael Carreras (der unter dem Pseudonym Michael Nash auch das Drehbuch verfasste) als „The Lost Continent“ für die legendären „Hammer Film Productions“ in Szene gesetzt. In Deutschland trug das bemerkenswerte, voll unfreiwilligen Humors steckende, knallbunte, mit unterirdischen „Tricks“ realisierte aber durchaus charmante Machwerk den angemessen schwachsinnigen Titel „Bestien lauern vor Caracas“. Eine Schar unerschütterlicher Darsteller versuchte sich in Würde aus der Affäre zu ziehen. Unter ihnen ein merkwürdig bekanntes Gesicht: die Deutsche Hildegard Knef (!) drehte in akuten Geldnöten einen Streifen, den sie in ihrer Filmografie später sorgfältig aussparte.

Autor

Dennis Wheatley wurde am 8. Januar 1897 als Sohn eines Weinhändlers in London geboren. Seinem Vater (und Großvater) folgte er früh ins Familiengeschäft. In den 1920er Jahren entstanden erste Kurzgeschichten. Wheatley war weniger Literat als schnell schreibender Geschichtenerzähler, ein Talent, das sehr hilfreich war, als er 1932 im Zuge der Weltwirtschaftskrise Bankrott ging.

Ende des Jahrzehnts galt Wheatley als Bestsellerautor, der aus seiner profunden Kenntnis der älteren Genreklassiker Kapital schlagen konnte. In rascher Folge erschienen Thriller, „True-Crime“-Storys, Abenteuer- und Gruselgeschichten. Diese Karriere wurde ab 1941 durch den II. Weltkrieg unterbrochen; Wheatley war im Planungsstab aktiv. Ab 1945 kehrte er an den Schreibtisch zurück. In den 1960er Jahren verkaufte er jährlich etwa 1 Mio. Exemplare seiner zahlreichen Romane. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich seine Romane, die sich um Schwarze Magie und Satanismus rankten; „The Devil Rides Out“ und „To the Devil – a Daughter“ wurden 1968 bzw. 1976 verfilmt.

Bis zuletzt blieb Wheatley schriftstellerisch tätig. Im Alter von 80 Jahren erlag er am 10. November 1977 einem Leberleiden. Schnell verschwanden seine Bücher vom Markt. Die Zeit für überpatriotische, ungebrochene ‚weiße‘ Helden, von denen der Autor nie lassen wollte, im Kampf gegen schwarze, braune, gelbe Unholde (oder emanzipierte Frauen) war vorüber. Nur einige Werke konnten sich behaupten, denn unbestritten ist Wheatleys Talent für Stimmungen und spannende Storys.

(Über Leben und Werk von Dennis Wheatley informieren gleich mehrere Websites, von denen diese als inhalts- und linkreicher Einstieg genannt sei.)

Gebunden: 206 Seiten
Originaltitel: Uncharted Seas (London : Gainsborough Press 1938)
Übersetzung: Rosemarie Hundertmarck

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