William Hope Hodgson – Tropischer Schrecken (Gruselkabinett Folge 154)

Monsterkampf auf hoher See

In tropischen Gewässern anno 1899: Ein fehlender Deckel auf einem Fass voller Salzfleisch löst an Bord der Viermast-Bark „Glen Doon“ eine tödliche Kettenreaktion aus, deren Ausmaß die gesamte Besatzung auslöschen könnte… (Verlagsinfo)

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Der Autor

Der Brite William Hope Hodgson (1877-1918) fuhr selbst 1891 bis 1899 in der Handelsmarine zur See, bevor er 1904 mit „The Goddess of Death“ seine erste, recht schwache Mystery-Erzählung veröffentlichte. Schon bald zog er Nutzen aus seinen Erlebnissen auf See. Diese Erzählungen schaffen eine Atmosphäre aus der Einsamkeit eines Schiffes auf hoher See und der Fremdartigkeit dessen, was unter den Wellen liegen mag.

Seine wirkungsvollsten Erzählungen drehen sich um die Verwandlung von Menschen und Dingen in andere Wesen, so etwa unter dem Einflusses eines Pilzes in „The Voice in the Night“ (1907) sowie in „The Derelict“ (1912), in der sich ein Schiffswrack in ein lebendiges Wesen verwandelt.

Neben vielen weiteren Erzählungen schuf Hodgson zwei große Romane: „The House on the Borderland“ (1908), das von H.G. Wells‘ Roman „Die Zeitmaschine“ (1895) beeinflusst wurde, sowie „The Night Land: A Love Tale“ (1912), das eine Queste auf einer Sterbenden Erde schildert.

Unter seinen zahlreichen kommerziellen Stories befinden sich zwei Serien für Magazine: „Carnacki the Ghost-Finder“ (gesammelt 1913) sollte an „John Silence“ (1908) von Algernon Blackwood anknüpfen, und die Serie um Captain Gault weist überhaupt keine übernatürlichen Elemente auf.

„Hodgsons Werk überbrückt die Kluft zwischen den übernatürlichen Schrecken des 19. Jahrhunderts und den wissenschaftlichen Wundern des zwanzigsten, wobei es demonstriert, dass beide gleichermaßen Schrecknisse der Bestürzung und Verwirrung hervorzubringen vermögen“, schreibt die „Encyclopedia of Fantasy“ (meine Übersetzung).

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Rollen und ihre Sprecher:

Tom Thompson: Christian Stark
Joky: Dirk Petrick
Cpt. William Norton: Thomas Balou Martin
Matrose: Marc Gruppe
Ausguck: Gerhard Fehn
Zimmermann: Joachim Tennstedt
Segelmacher: Detlef Bierstedt
2. Maat: Peter Weis
Morgan: Valentin Stroh
Hilferufender Matrose: Helmut Zierl
Tom Briggs: Rainer Gerlach

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio, bei Advertunes und in den Planet Earth Studios statt. Die Illustration trug Ertugrul Edirne bei.

Handlung

Tom Thompson fährt 1899 auf der Viermastbark „Glen Doon“ vom australischen Melbourne nach London, als sein stolzes Schiff in eine Flaute gerät und 130 tage vor London im Indischen Ozean vor sich hin dümpelt. Zusammen mit dem Jungmatrosen Joky teilt er sich die sogenannte Hundewache zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens. Doch beide haben nicht richtig aufgepasst, denn der Deckel auf einem Fass Salzfleisch sitzt nicht. Dieser leckere Duft lockt ein Seeungeheuer an.

Entsetzt starren die beiden Matrosen auf eine riesige Seeschlange, die brüllend ihren riesigen Leib mittschiffs über das Deck legt, bevor sie sich über das Fass mit Fleisch hermacht. Das riesige Schiff neigt sich auf die Seite! Kaum hat sich die Bestie sattgefressen, kommt ein weiterer Matrose an Deck, doch jeder Warnruf kommt zu spät: Er wird als Nachspeise verschluckt. Die Matrosen im Ausguck an der Mastspitze warnen die übrige Besatzung. Der zweite Maat schafft es, unter Deck zu entkommen.

Tom und Joky ergreifen die günstige Gelegenheit beim Schopf und eilen unter ein Schutzgitter, das das Halbdeck schützt. Was für ein Glück, denken sie: Hier gibt es nämlich Wasser sowie Zwieback bis zum Abwinken. So schlafen bis zum Mittag. Pech gehabt: Das Monster liegt immer noch quer überm Deck! Da donnert eine Kanone los: Die anderen matrosen, die bestimmt großen Durst haben – es herrschen tropische Temperaturen – wollen das Ungeheuer mit Artillerie verjagen. Doch es nützt nichts; das Monster scheint unverwundbar zu sein. Und es stinkt wie die Pest.

Erst viele Stunden später, als Joky als Beute auserkoren wird, rafft sich Tom auf, sich mithilfe einer Axt zur Wehr zu setzen. Er hackt auf das tobende, brüllende Ungeheuer ein, bevor er in eine Ohnmacht sinkt…

Am 24. Juni 1899 sichtet die „Hispaniola“ eine übel zugerichtete Viermastbark, an deren Bug der Name „Glen Doon“ steht. Kapitän William Norton nimmt seinen langjährigen Maat Tom Briggs, der ihn zu dem unheimlich daliegenden Schiff rudert. Schon von weitem ist der elende Gestank von verwesendem Fleisch, das unter der heißen Sonne herumliegt, wahrzunehmen. Was werden sie wohl an Deck vorfinden, fragt sich Briggs…

Mein Eindruck

Die „Glen Doon“ ist anno 1899 ihr eigenes Fossil. Der Teeclipper segelt um die halbe Welt, um Waren – wie etwa Schafswolle oder Gold – nach London zu bringen, dem Mutterland und Zentrum des britischen Empire. Fossil ist sie, weil es schon seit 1865 Dampfschiffe gibt, die ohne Windkraft über den Atlantik flitzen. Der einzige Vorteil des Clippers besteht darin, dass diese Dampfer die elend lange Strecke über den Indischen Ozean und um das Kap der Guten Hoffnung herum noch nicht bewältigen können. Dabei gibt es doch schon den Suez-Kanal und den britischen Hafen von Aden sowie die indische Küste. Alles Umwege, dachte sich wohl der Reeder oder Charterer des Clippers, und unnötige Hafengebühren.

Wie auch immer: Da ist die Flaute und da kommt das Seeungeheuer. Das Drama des Überlebens wird von dem Hörspiel actionreich und soundgewaltig in Szene gesetzt. Natürlich fragt sich auch Kapitän Norton nach dem Grund für die Verwüstung des Schiffes. Als er den Bericht Tom Thompsons erhält, zweifelt er jedoch nicht an der Richtigkeit der Angaben des Matrosen. Das war für mich das Erstaunlichste an der Geschichte: Seeungeheuer? Ja, klar gibt’s die! Fast tut es einem leid, dass mit den Segelschiffen auch das Seemannsgarn verschwunden ist. Denn das wird nur gesponnen, wenn die Überfahrt sehr lange dauert – oder die Flaute unerträglich wird.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Der Kontrast zwischen den beiden zentralen Figuren Tom Thompson und Joky wird deutlich herausgearbeitet, damit keine Verwechslungsgefahr besteht. Joky ist der junge ängstliche Matrose, der wohl zum ersten Mal zur See fährt. Angesichts des Monsters macht er sich fast in die Hosen. Dirk Petrick lässt seinen Smutje so richtig ängstlich und sterbenselend klingen.

Demgegenüber tritt Tom Thompson als der erfahrene Seebär auf, ohne jedoch den Macker arrogant rauszuhängen. Ihm liegt wirklich etwas am Wohl des Jungen. Das ist auch der Grund für seine Wut, als das Monster dem Jungen den Garaus macht. Christian Stark spielt sozusagen die moralische Autorität in diesem dynamischen Duo. Zugleich ist er aber auch ein Mauerschauer wie im griechischen Drama: Er muss mitansehen, wie seine Kameraden einer nach dem anderen dem Monster zum Opfer fallen.

Kapitän Norton und Maat Briggs müssen integre Seeleute sein, denn an ihnen hängt die Glaubwürdigkeit dieses Berichts. Eines Berichts, den ein angeblich geistig gesunder Matrose namens Tom Thompson geschrieben hat. Wenn sie das verwüstete Deck der „Glen Doon“ betreten, müssen wir uns auf jedes ihrer Worte verlassen können. Entsprechend gespannt der Zuhörer, wie sie das Schiff beschreiben. Das ist klasse gemacht. Ob sie Thompson finden, darf hier nicht verraten werden.

Geräusche

Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Wellenrauschen, Wind, Seemöwen (nachts?!), entzündete Streichhölzer , Kanonenschüsse – all diese Samples setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln.

Wie schon in Hodgsons anderen Seeabenteuern – der Mann war ja zur See gefahren – klingen alle Details korrekt, bis auf eine Sache: das Monster. Hierfür mussten sich die Toningenieure echt etwas Neues einfallen lassen. Schlangen pflegen ja höchstens mal zu zischen – dieses Monster brüllt wie ein Drache! Smaug lässt schön grüßen.

Die Musik

Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Hier steigert sich die Spannung sehr dezent von Szene zu Szene. Am besten zu hören ist die Musik im furios gestalteten Outro, mit dem das Drama ausklingt.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt die Szene, in der die Titelfigur die Spezialmixtur in eine Injektionsspritze füllt, um sie der im Hintergrund liegenden Leiche zu injizieren. Dort wartet schon sein Komplize.

Im Booklet sind die zahlreichen Titel des GRUSELKABINETTS bis Frühjahr 2020 verzeichnet. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf.

Ab Herbst 2019:

150: Lovecraft: Herbert West, der Wieder-Erwecker
151: Ewers: Die Topharbraut
152: England: Das Ding
153: Storm: Bulemanns Haus
154: Hodgson: Tropischer Schrecken
155: E. & H. Heron: Flaxman Low – Der Geist von Baelbrow

Ab Frühjahr 2020

156: O. Preußler: Krabat
157: Bierce: Das Auge des Panthers
158: A. Machen: Das innerste Licht
159: Hauff: Das kalte Herz
160: Denn das Blut ist das Leben
161: Heimflug

Unterm Strich

„Tropischer Schrecken“ ist die Geschichte einer Heimsuchung. Es ist die Metapher für die Schrecken, die der Ozean für diejenigen Seeleute bereithält, die sehr lange Strecken fahren müssen. Man denke beispielsweise an den Film „Master and Commander“, dem ein Roman von O’Brien zugrundeliegt. Ständig werden ganze Ozeane überwunden, doch in den schier unendlichen Weiten warten sowohl Wunder – wie etwa Inseln voll seltsamer Tiere – als auch Schrecken, wie etwa riesige Wale.

Angesichts dieser Herausforderungen müssen sich die Männer beweisen und zeigen, aus welchem Holz sie geschnitzt sind. Der Frischling Joky wird erstmals auf eine solche Probe gestellt: Wird er dem Schrecken des Seeungeheuers standhalten? Es sieht nicht so aus. Er wird untergehen, ahnen wir bereits vom ersten Augenblick an. Die Frage, die für Spannung sorgt, ist nur der Zeitpunkt. Tom Thompson hingegen ist das genaue Gegenteil von Joky: erfahren, erprobt, einfallsreich – und schließlich wütend.

Der Überlebenskampf der beiden Matrosen wird packend, dramatisch und schließlich tragisch inszeniert, säuberlich aufgeteilt auf einzelne, kompakte Action-Einheiten, die den Zuhörer weder über- noch unterfordern. Ständige Action wirkt genauso ermüdend wie fehlende Action langweilt. Geschickt lässt die Dramaturgie den Ausgang des Monsterkampfes offen, so dass der zweite Akt mit einer unheimlichen Stimmung aufwarten darf: Was werden Norton und Briggs an Bord der „Glen Doon“ vorfinden?

Das Hörspiel

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen. Die Atmosphäre, die von Sounds und Musik erzeugt wird, ist in erster Linie actionreich, der zweite Akt – mit Norton und Briggs – eher unheimlich.

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für gruselige Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars Malkovich und Clooney vermitteln das richtige Kino-Feeling. Joachim Tennstedt ist die deutsche Stimme von John Malkovich und Detlef Bierstedt die von George Clooney. Sie sind leider kaum zu hören, so schmal ist ihr Part. Der Regisseur Marc Gruppe hat sich selbst ebenfalls als „Matrose“ verewigt.

Titania Medien, 2019;
Länge: über 45 Minuten
9783785780541
3785780540
CD: über 45 Minuten
ISBN-13: 9783785780541

www.titania-medien.de

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