Williams, Tad – Otherland 1: Stadt der goldenen Schatten

Tad Williams, der bisher vor allem durch seine Fantasy-Romane auffiel, legte mit „Otherland“ seinen ersten Abstecher in den Bereich der Science-Fiction vor. Das Hörspiel ist das Nonplusultra der deutschen Hörspielproduktionen. Ob es sich lohnt?

|Der Autor|

Tad Williams, 1957 in San José geboren, hat sowohl mit dem Osten-Ard-Zyklus, seiner Antwort auf Tolkiens „Herr der Ringe“, als auch mit seinem Otherland-Zyklus Millionen von Lesern gewonnen. Davor schrieb er aber schon kleinere Werke wie etwa „Die Stimme der Finsternis“ und „Die Insel des Magiers“. Sein erster Bestseller hieß „Traumjäger und Goldpfote“. Sein Hauptwerk ist die vierbändige „Otherland“-Saga, sein neuester Roman trägt den Titel [„Der Blumenkrieg“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=539 Fast alle seine Bücher wurden bei |Klett-Cotta| verlegt. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von San Francisco.

_Die wichtigsten Sprecher / Produktion_

Sophie Rois spricht Renie Sulaweyo (s. u.)

Ulrich Matthes spricht Erzähler Nr. 4 (von 6)

Nina Hoss spricht Erzählerin Nr. 2

Sylvester Groth spricht Paul Jonas (s. u.)

Hans Peter Hallwachs spricht Erzähler Nr. 1

Ernst Jacobi spricht Patrick Sellars (s. u.)

Joachim Kerzel spricht Einsiedlerkrebs, den letzten Otherland-Rebellen

Matthias Habich spricht Osiris, den Chef der Bruderschaft, sowie den Alten Mann (s. u.)

Andreas Fröhlich: spricht den Nachrichtensprecher beim Undergroundsender „Newsfeed“.

Die meisten dieser Sprecher sind dem deutschen Publikum aus TV- und Kinofilmen bekannt, viele lediglich als Synchronsprecher, wie etwa Joachim Kerzel. Es würde zu weit führen, sie alle einzeln vorzustellen. An die 250 Sprechrollen sind zu besetzen gewesen, vierzehn der Sprecher werden im Booklet zum 3. Teil (CD 5+6) genauer vorgestellt. Dabei stellt man erfreut fest, dass auch die beiden jüngsten Sprecher, die erst 12 Jahre alt sind, eine angemessene Darstellung erhalten, die genauso umfangreich ist wie die der „alten Hasen“.

Produziert hat das gesamte Hörspiel von 24 Stunden Umfang der Hessische Rundfunk – gut angelegte GEZ-/Steuergelder, wie ich meine. Der Regisseur Walter Adler und der Komponist Pierre Oser sollen eingehender vorgestellt werden.

|Walter Adler|

… ist einer der bekanntesten Hörspielregisseure hierzulande. 1947 geboren, besuchte er die Schauspielschule in Bochum und arbeitete als Regieassistent beim Hörspiel des SWF Baden-Baden. Seit 1971 ist er freier Autor und Regisseur. Er hat am Schauspiel Frankfurt/M., Schauspiel Köln und dem Düsseldorfer Schauspielhaus Regie geführt und bis heute sage und schreibe über 200 Hörspiele inszeniert. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter 1976 mit dem traditionsreichen |Hörspielpreis der Kriegsblinden| für „Centropolis“. Mit dem Hessischen Rundfunk hat er 1995 den ersten Radiotag realisiert: eine 16-stündige Sendung von W. Kempowskis „Der Krieg geht zu Ende“. Adler lebt in Köln. In den Booklets sind mehrere Fotos von ihm abgedruckt.

Von |Pierre Oser|

… stammt die Musik zum „Otherland“-Hörspiel. Er lebt und arbeitet als Komponist, Musiker und Produzent in München. Der Schwerpunkt seines Schaffens liegt dabei in den Bereichen Spielfilm – v. a. auf Werken aus der Stummfilmzeit – sowie Dokumentar- und Experimentalfilm. Außerdem komponiert er Musik für Theaterstücke wie „Merlin“ von Tankred Dorst und war Gründer und Leiter des |Tympano Hörbuch|-Verlags in München. Gemeinsam mit Walter Adler realisierte er zahlreiche Hörspiele, u. a. „Radio Romance“ von Garrison Keillor (SDR/WDR 1998), „Esau“ von Philip Kerr (BR 1999), „Caruso singt nicht mehr“ von Anne Chaplet (BR 2003) und zuletzt [„20.000 Meilen unter den Meeren“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=518 von Jules Verne (MDR 2003).

_PERSONEN_

Im Folgenden liste ich die wichtigsten Figuren des Buches und Hörspiels auf. Die Informationen sind der Website www.tadwilliams.de entnommen. Nicht alle Figuren treten bereits in Band 1 auf, so etwa Olga Pirofsky.

Herr Sellars

Herr Patrick Sellars ist ein sonderbarer Mann in einem Rollstuhl. Er verlässt nie das Haus, aber er weiß mehr über Otherland als andere. Er erzählt Geschichten. Er isst Seife. Und er hält das Schicksal der Menschheit in seinen Händen.

Orlando

Orlando Gardiner ist der unbezwingbare Barbar „Thargor“, ein richtiger CONAN-Typ. Er ist ein schwerkranker Junge. Er ist der größte unter den Netboys, die je im VR gekämpft haben, aber in seinem Zimmer kann er kaum vom Bett zur Tür gehen. Und er wurde für ein Abenteuer auserwählt, das nur er allein bestehen kann – wenn er lange genug lebt. Im Netz ist sein treuer Gefährte „Pitlith“ alias Fredericks, über den er allerdings Überraschendes herausfindet.

Osiris

Osiris ist ein unglaublich reicher Mann, und er ist der älteste Mensch der Erde. Er verbirgt sich hinter der Gestalt des ägyptischen Gottes, und er ist der teuflische Schöpfer von Otherland. Er würde alles und jeden opfern, um sein Lebenswerk zu vollenden: das Gralsprojekt.

Jongleur

Felix Jongleur ist unermesslich reich und mächtig. So konnte er sich die besten Köpfe kaufen, die ihm die VR-Welt Otherland bauen. Dort wird er in einem neuen virtuellen Körper ewig leben können – so meint er. Er hat die Rechnung ohne Dread gemacht.

Dread

Dread, ein durchgeknallter Mörder, ist die rechte Hand Osiris‘. Er würde jeden töten, der Otherland, dem Gralsprojekt, schaden will. Am Ende von Teil 1 des Hörspiels schickt Osiris Dread mit einer geheimen Mission aus. Aber Dread hat eigene Pläne, von denen selbst sein Meister nichts weiß.

Olga Pirofsky (nicht in Teil 1)

Olga Pirofsky ist eine unscheinbare Person. Aber da gibt es jemanden, der ihr sehr nahe steht und der ihre Hilfe braucht. Dazu muss sie in Jongleurs streng bewachten Wohnturm eindringen. Nur Peter Sellars kennt ihr Geheimnis. Und der Andere.

Der Andere (nicht in Teil 1)

Der Andere ist die geheimnisvolle Macht im Zentrum des Gralsprojekts. Er ist verrückt, er ist mächtig, und nur Osiris kann ihn zähmen. Aber selbst er fürchtet seine monströse, seine unbegreifliche Gegenwart.

!Xabbu

!Xabbu ist der letzte noch lebende Buschmann, und er zieht in die Stadt, um die Geheimnisse der Zivilisation zu lernen. Diese führen ihn in eine noch fremdere, noch gefährlichere Welt, nach Otherland, wo Technik und alte Menschheitsträume zusammen etwas völlig Neues, etwas Furchteinflößendes hervorbringen. Er wird zu Renies wichtigstem Gefährten.

Paul Jonas

Paul Jonas – die Figur, der wir als erster begegnen – scheint ein gemeiner Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zu sein. In Wirklichkeit ist er mehr, viel mehr. Er besitzt ein Geheimnis, das die Welt retten kann, aber er hat es vergessen. Jemand verfolgt ihn durch die zahllosen Welten von Otherland. Er kämpft nicht nur ums Überleben, er muss auch herausfinden, wer er ist.

Renie Sulaweyo

Renie Sulaweyo ist Lehrerin in Südafrika. Als ihr kleiner Bruder Steven von einer unerklärlichen Krankheit heimgesucht wird, verändert sich ihr Leben, und sie gerät in eine Geschichte hinein, die bizarrer nicht denkbar ist. Alle Spuren dieses Geheimnisses führen zurück nach Otherland.

Christabel

Christabel Sorensen ist ein achtjähriges Mädchen, das in einem Militärlager aufwächst, wo sie zufällig auf ein Geheimnis stößt. Ein Geheimnis, das nicht nur ihr Leben verändern soll, sondern das aller Menschen der Erde. Mr. Sellars, dieser seltsam verunstaltete Mensch, ist ihr bester Freund, denn er kennt tolle Geschichten. Christabel spielt gerne „Otterland“.

Beezle

Beezle, der spinnenbeinige Agent Orlando Gardiners, ist eine Such-Software. Er spricht wie ein New Yorker Taxifahrer und kennt alle Tricks im VR. Ohne ihn hätten sie den Zugang zu Otherland nie gefunden.

_Handlung_

50 Jahre in der Zukunft schaut die Welt auch nicht viel anders aus als heute, sieht man einmal davon ab, dass ein Teil der Menschheit einen großen Teil seiner Zeit in virtuellen Welten verbringt. Ein großer Teil der Menschheit? Nein, nur die, die es sich leisten können, natürlich, also etwa zehn Millionen. Wie gesagt, viel hat sich nicht geändert. Nicht jeder Bereich des weltumspannenden Datennetzes steht jedem Benutzer offen, nur wer das virtuelle Äquivalent eines teuren Anzugs trägt und die Online-Gebühren bezahlen kann, wird überhaupt erst in die besseren Gegenden eingelassen. Einen der wichtigsten Zugänge bieten die Filialen von Mister J, der auch als Mr. Jongleur bekannt ist (s. o.).

Renie (kurz für ‚Irene‘) Sulaweyo ist nicht so privilegiert, obwohl sie an einer südafrikanischen Hochschule den Umgang mit der virtuellen Realität lehrt. Als ihr kleiner Bruder während eines Ausflugs in für ihn eigentlich gesperrte Bereiche der Datenwelt aus unerklärlichen Gründen ins Koma fällt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als auf unkonventionelle Hilfsmittel zurückzugreifen, um nach einer Rettung für ihn zu suchen. Ihr Schüler, der Buschmann !Xabbu, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Südafrikas, hilft ihr dabei. Seine legendenhaften Geschichten aus der Kalahari liefern ihr einen wichtigen Hinweis. Bei ihrer Suche haben sie die Vision einer fabelhaften goldenen Stadt, die für kurze Zeit in der virtuellen Realität erscheint. Diese Vision erscheint nicht nur ihnen, sondern auch anderen Menschen, die ebenfalls versuchen, das Rätsel der goldenen Stadt zu lösen.

Unterdessen teilen immer mehr Kinder das Schicksal von Renies Bruder Steven. Womit wir bei der Weltverschwörung wären, dem zentralen Bösewicht und Kern der Handlung. OTHERLAND – ein multidimensionales Universum, ein gigantisches Simulationsnetzwerk, errichtet von den fähigsten Köpfen des 21. Jahrhunderts und das am besten gehütete Geheimnis der Welt. Eine mächtige Organisation der rücksichtslosesten und reichsten Männer der Welt, die sich selbst die Gralsbruderschaft nennen, hat es geplant, um ihre eigene Unsterblichkeit zu erreichen – und dafür benötigen sie unter anderem die Kinder, die realiter im Koma liegen, deren Geist aber in Otherland gefangen ist.

Otherlands virtuelle Welten wirken dermaßen realistisch, dass Benutzer sie praktisch nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden können – es sei denn, ein Benutzer entscheidet sich dagegen. Die Ziele der Verschwörung werden nicht explizit benannt, aber der Leser kann es sich leicht zusammenreimen: uneingeschränkte Macht und Unsterblichkeit, das Übliche eben. Den Weltuntergang planen sie ebenfalls.

Immer mehr Kinder werden Opfer Otherlands, und ein Grüppchen Abenteurer findet sich zusammen, das dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Zu ihnen gehören neben Renie und !Xabbu auch Orlando alias Thargor und sein Gefährte Pitlith. Am wichtigsten sind aber wohl Paul Jonas und sein Begleiter, der Junge Gally. Denn die Gralsbruderschaft hat Paul in Otherland „eingespeist“, kann ihn aber nun nicht mehr finden -diese potenzielle Bedrohung möchte sie ausschalten, koste es, was es wolle.

Herr Sellars, ein merkwürdiger Gefangener und Christabels Freund (s. o.), ist ihr unsichtbarer Beschützer. Aber plötzlich sind sie selbst Gefangene, dazu verurteilt, im Netzwerk von Otherland umherzuirren, ständig bedroht von tödlichen Gefahren, unfähig, die virtuelle Welt zu verlassen.

Sie haben nur eine Chance: Sie müssen ins Zentrum von Otherland vordringen.

_Mein Eindruck_

Bleibt Williams zu Beginn noch recht konservativ und plausibel, was die technischen Möglichkeiten seiner Zukunftswelt angeht, begibt er sich zunehmend auf das Gebiet der Fantasy. Eine böse, außerweltliche Kraft steckt im Kern der Bruderschaft, und von den verschiedenen virtuellen Welten, durch die seine Charaktere stolpern, wirkt eine phantastischer als die andere.

Das beginnt bereits im Prolog. Paul Jonas, kurz vorm Durchdrehen in seinem Schützengraben, klettert einen Baum hinauf, der sich als Jacks Bohnenranke entpuppt, die ihn bis über die Wolken führt. Dort entdeckt er eine weiße Linie, die ihn zu einem Schloss geleitet, in dem eine buntgefiederte Vogelfrau in einem Käfig gefangen ist. Sie wird bewacht vom bösen Riesen, der hier der Alte Mann genannt wird. Dieser verschlingt Paul, der plötzlich ganz woanders landet, unter anderem in Alices Wunderland. War’s ein Traum? Aber nein: Paul hat eine kleine grüne Feder mitgebracht …

Mit diesen Fantasien, Märchen und anderen Fabulationen ist der Autor offensichtlich in seinem Element, und das Buch wird an diesen Stellen auch deutlich spannender und unterhaltsamer als beispielsweise auf den ersten paar hundert Seiten, in denen Renie dem Buschman !Xabbu, und damit gleichzeitig dem Leser, ein paar Lektionen darüber erteilt, wie Tad Williams‘ Vorstellungen von Virtueller Realität funktionieren. Hier erzählt uns der Autor wenig Neues über ein Thema, das in der Science-Fiction ja schon des Öfteren und häufig besser behandelt wurde. Zwar zeigt er später, dass er durchaus einige nette Einfälle hat, aber die Vorbereitungsphase gerät deutlich langweiliger als nötig. Immerhin ist diese Phase im Hörspiel auf kaum wahrnehmbare Minuten herausgekürzt – die Realität des Internet hat die Vision bereits eingeholt und somit kann die VR-Technik als bekannt vorausgesetzt werden. (Lediglich ein paar Details wie implantierte Sensoren stehen noch auf der Agenda der Forschung.)

Die Charaktere sind Williams‘ Stärke, sie haben sehr menschliche Schwächen und Bedürfnisse, und gerade der Kontrast zwischen dem spirituellen und naturverbundenen !Xabbu und Renie, die ganz praxisnah versucht, einfach nur ihre Familie durch- und ihren Bruder zurückzubringen, zeigt dies deutlich. Leider sind die Protagonisten auf mindestens vier getrennte Handlungsstränge verteilt, die alle um die Aufmerksamkeit des Lesers kämpfen. Andererseits sorgt dies für dauernde Abwechslung. „Otherland“ ist kein Hörspiel, das man bereits beim ersten Hören erfasst.

„Otherland: Stadt der goldenen Schatten“ ist der erste Teil einer Tetralogie. Da mag es kaum überraschen, dass am Ende des ersten Bandes ein ganzes Knäuel von unaufgelösten Handlungsfäden übrig bleibt. Überraschen könnte es aber, dass auch sonst kaum etwas passiert ist. Während die Figurenpaare versuchen, zum Kern der Verschwörung vorzudringen, bleiben sie leider meist Spielball des Geschehens. Nur selten bietet sich ihnen eine neue Einsicht oder gar die Möglichkeit zu handeln, beispielsweise dann, als sie den Einsiedlerkrebs aufspüren können: Er ist der letzte überlebende Programmierer von „Otherland“ und hat sich eine Freizone im Netz aufgebaut.

Immerhin, am Ende des Hörspiels kommen fast alle Figuren zusammen und stellen fest, dass sie gemeinsame Ziele haben. Aber das war’s dann auch schon, die Kernhandlung ist kaum ein Stück weiter vorangetrieben worden, und der Hörer fragt sich, worauf das wohl alles hinauslaufen wird.

„Otherland“ ist sicherlich nicht „Der Herr der Ringe“ des 21. Jahrhunderts – dazu ist es nicht bahnbrechend genug, und Cyberpunk-Science-Fiction à la Gibson ist es auch nicht, dazu sind die Charaktere zu stark in Gute und Böse polarisiert und die Geschichte mit zu vielen Fantasy-Elementen durchsetzt. Es ist wahrscheinlich mehr, denn es vereint all diese Richtungen in einem Amalgam der Erzähltraditionen. Könnte man das Universum der Literatur in einem „Otherland“ abbilden, so würden die Williams’schen Figuren durch etliche Länder dieses Universums ihren Weg suchen. Wohl dem, der eine Karte davon hat.

|Die Sprecher / Produktion|

Der Prolog weckt den Zuhörer gewissermaßen auf, reißt ihn heraus aus seinem Alltagstrott, hinein in die wüste und verwüstete Welt der Schützengräben: Granaten heulen heran und explodieren, Maschinengewehre rattern, ein Verwundeter brüllt und schreit seine Schmerzen in die Welt – es ist das pure Chaos. Mittendrin versucht der Gefreite Paul Jonas, so etwas wie Verstand zu behalten, doch als ein Unbekannter mit einer blütenweißen Zigarette auftaucht, will ihm das nicht mehr so recht gelingen … Nur der ewige Regen bleibt konstant.

SCHNITT. Ein Geräusch wie aus „The Matrix“ begleitet den abrupten Übergang zur ersten |Newsfeed|-Verlautbarung. Newsfeed ist ein Undergroundsender, der subversive Nachrichten verbreitet (gesprochen von A. Fröhlich). Es ist der Nachfolger zu all jenen verückten Weisen, die in den Science-Fiction-Romanen der sechziger und frühen siebziger Jahren auftauchten, etwa in John Brunners „Morgenwelt“-Klassiker. Newsfeed enthüllt die kalte, nackte und definitiv verrückte Wahrheit über den Planeten Erde 40 Jahre in der Zukunft, vom Jahre 1999 aus gesehen. Leider nähern wir uns dieser Vision mit affenartiger Geschwindigkeit und haben sie stellenweise schon fast erreicht.

SCHNITT. Eine Straßenszene vor der Technischen Hochschule, an der Renie lehrt. Ein Bombenanschlag hat heulende Sirenen und Schreie von Verwundeten auf den Plan gerufen, Renie irrt umher, dann steht unvermittelt der sanfte !Xabbu vor ihr. SCHNITT. Viel, viel später begeben sie sich auf der Suche nach Renies Bruder in eine von Mister J’s Spielhöllen. Hier wird VR real, hier wird’s Gestalt, wie Goethe sagt. Die Achterbahnfahrt beginnt, mit sehr seltsamen, aber interessanten Soundkulissen.

Es ist anzunehmen, dass alle diese Geräusche von Pierre Oser synthetisiert oder gesampelt und anschließend quasi zu einer Soundwelt komponiert wurden. Diese Welt ändert sich je nach Szene und Setting, also mal von Zukunftswelt, dann zu Schützengraben und weiter zu Thargors Fantasy-Ambiente. Die Frage ist, ob die Geräuschkulisse jeweils stimmig ist. Wir wollen ja keine MATRIX-Effekte in einer CONAN-Welt, oder? (Wäre aber ganz witzig.) Doch keine Bange – ich konnte keinerlei Patzer feststellen.

|Die Sprecher|

Es wäre relativ sinnlos, die Leistung einzelner Sprecher herausheben zu wollen. Das würde bedeuten, die Leistung anderer Sprecher abzuwerten, obwohl sie ebenso ihr Scherflein dazu beigetragen haben. Die Versuchung ist groß, prominente Sprecher herauszuheben, so etwa Joachim Kerzel oder Andreas Fröhlich (s. o.). Es ist angebrachter, die Leistung der jüngsten Mitglieder der Sprecherriege hervorzuheben. Die Sprecher des Jungen Gally, Till Werner, und des Mädchens Christabel Sorensen, Nora Hickler, sowie von Cho-Cho, Philip Heilmann-Ramirez, standen meist zum ersten Mal vor einem Mikrofon. Ich hätte an ihrer Stelle vor lauter Bammel keinen Ton herausgebracht, aber sie schaffen es bravourös, ihrer jeweiligen Figur Leben einzuhauchen.

|Die Hörerfahrung|

Zunächst war ich vom ersten Hören des kompletten Hörspiels völlig erschlagen. Kopfweh ist noch eine der milderen Folgen der vollen Dosis von 334 Minuten „Otherland“ („nur“ fünfeinhalb Stunden). Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich mir die Mühe gemacht habe, die einzelnen Szenen auch in der Originalausgabe zu finden. Das kann ja nicht gut gehen.

Immerhin wurde mir sehr schnell klar, dass gigantische Mengen von Text in der Endfassung des Hörspiels fehlen. Dass aber wichtige Sätze praktisch wortwörtlich übernommen wurden. Und dass die Abfolge der Szenen umgestellt wurde.

Über all diese dramaturgischen Maßnahmen ließe sich endlos streiten. Im Endeffekt bleibt aber nur die Frage: Hat es sich gelohnt, diese Änderungen vorzunehmen? Ganz ehrlich: Das Ergebnis klang richtig, weil dadurch nämlich die Aufmerksamkeit ebenso wie das Verständnisvermögen des Hörers unterstützt wurde. Allerdings ist es ratsam, nach jeder CD, die etwa 50-55 Minuten dauert, eine kleine Pause einzulegen (sonst bestraft einen das Kopfweh). Der Informationsgehalt des Hörspiels – Text, Musik, Geräusche, Szenenwechsel – ist nämlich so hoch, dass die Aufmerksamkeit ständig gefordert ist. Mit der Zeit kann das ganz schön ermüden.

_Unterm Strich_

Auch wenn „Otherland: Die Stadt der goldenen Schatten“ inhaltlich sicherlich nicht schlecht ist, so habe ich persönlich zu ähnlichen Themen schon sowohl Spannenderes als auch Originelleres gelesen und gehört. Was vor allem beeindruckt, sind die Dimensionen des Hörspielprojektes, das Walter Adler unternommen hat. Aber ich darf mich nicht von Dimensionen – die Zahlen findet man auf den einschlägigen Webseiten des Buchhandels und des Verlags – beeindrucken lassen, denn schließlich geht es in erster Linie um die Qualität des Ergebnisses.

Diese Qualität erschließt sich, wie angedeutet, erst nach mehrmaligem Anhören des Ganzen. Aber schon beim ersten Mal sind eine Reihe zauberhafter Szenen im Gedächtnis haften geblieben, so etwa der Aufstieg ins Wolkenschloss des Alten Mannes, wo Paul Jonas auf die Vogelfrau stößt, die ihm viel, viel später in anderer Gestalt wieder erscheint. Denn es scheint das Prinzip der Permutation zu gelten: Eine Geschichte lässt sich in vielerlei Form erzählen, und die in ihr transportierten Figuren können in anderen Geschichten wieder auftauchen. So als gäbe es einen begrenzten Fundus, aus dem der Autor schöpfen könne, um verschiedene Gemälde daraus zu malen und sie miteinander zu verknüpfen (so ähnlich wie Roman und Hörspiel sich zueinander verhalten, wobei jede Form anderen Gesetzen gehorcht).

Walter Adler hat den berühmten roten Faden für vier verschiedene Handlungsstränge mit radikalen Kürzungen herausgearbeitet. Dadurch fällt es dem Hörer leichter, den vier Geschichten zu folgen: Orlando & Fredericks; Renie & !Xabbu, Christabel & Mr. Sellars sowie Paul & Gally. Dazwischen sind wieder Szenen der Gralsbruderschaft sowie der Newsfeed geschaltet. Doch folgt man Renie und !Xabbu, so ergibt sich ein Krimi, der genügend Spannung liefert, um den Hörer durch die gesamte Handlung voranzutragen. Die anderen Geschichten sind mal humorvoll, mal dienen sie der Erkenntnis, wieder andere sind so absurd-komisch wie „Alice im Wunderland“. Allerdings bleiben am abrupten Schluss viele Fragen offen – ein klassischer Cliffhanger. Denn dies ist nur das erste Viertel des gesamten Kunstwerks.

Die Ausstrahlung beginnt am 10. Oktober 2004 auf YouFM beziehungsweise HR2, also beim Hessischen Rundfunk. Viel Spaß!

Animierte Verlags-Homepage zum „Otherland“-Hörspiel:
http://www.hoerverlag.de/ws/otherland__ws/ws__otherland.htm
Mehr Infos: http://www.otherland.hr-online.de & http://www.hoerverlag.de

|Umfang: 334 Minuten auf 6 CDs|