Winterfeld, Daniela – geheime Name, Der

Fina hat es satt! Seit sie denken kann, ist sie mit ihrer Mutter auf der Flucht vor ihrem Vater. Noch nie hat sie es geschafft, auch nur ein halbes Jahr an ein und demselben Ort zu verbringen. Als ihr ihre Mutter eröffnet, dass sie schon wieder umziehen müssen, reißt Fina aus und fährt zu ihrer Großmutter… und damit direkt in die Höhle des Löwen!

Es ist nicht besonders neu, dass Märchen als Fantasy-Romane adaptiert werden. Tatsächlich bietet es sich geradezu an: Figuren, Magie und ein gelungener Plot… es ist bereits alles da. Es scheint, als müsse der Autor nicht mehr allzu viel tun, und bei dem wenigen könne auch nicht viel schief gehen. Dass es so einfach nicht ist, beweisen die vielen miserablen Literatur-Verfilmungen, die ebenfalls auf eine gute Vorlage zurückgreifen konnten, und trotzdem um Längen hinter dem Original zurückbleiben. Und auch unter den Romanadaptionen von Märchen finden sich Fehlgriffe. Seltsamerweise ist es dabei nicht unbedingt die Anpassung des Stoffes an das Jetzt, die die größten Probleme bereitet.

Daniela Winterfeld ist die Anpassung ihrer Rumpelstilzchen-Version sehr gut gelungen. Sie hat die Lebenssituation der armen Müllerstochter aus dem Märchen so in die Neuzeit überführt, dass die Handlungen und Motive sowohl der Müllerstochter als auch des Vaters zeitgemäß sind, ohne die Bedingungen für die richtige Entwicklung des Märchens zu untergraben. Alles ist sowohl in sich als auch zur Vorlage schlüssig. Obwohl ich die Tatsache, dass Finas Mutter tatsächlich eine Müllerstochter ist, fast schon ein wenig zu nah am Märchen fand. Denn das Märchen ist ja älter, es kommt in der Realität von Winterfelds Geschichte vor. Und die Geschichte beginnt ja schon damit, dass der Wicht, der das Kind einfordert, eben _nicht_ Rumpelstilzchen heißt! Deshalb hätte es mir fast besser gefallen, es wäre hier um die Tochter eines Heidebauern gegangen. Auch für Landwirte gibt es genug Möglichkeiten, in dieselbe Situation zu geraten, in die Finas Großvater geraten ist.

Aber das war im Grunde nur eine Kleinigkeit, die nicht wirklich störte. Denn die Autorin hat es zusätzlich zu der sauber ausgearbeiteten zeitlichen Verlagerung verstanden, ihrer Erzählung das Flair eines Märchens zu erhalten. Das liegt unter anderem auch an der geschickten Auswahl des Schauplatzes und seiner stimmungsvollen Beschreibung. Obwohl Moore heutzutage für Besucher erschlossen sind wie andere Naturräume – etwa Seengebiete oder Gebirgsalmen – verbinden wir mit ihnen noch immer gleichermaßen Geheimnisse wie unterschwellige Bedrohung, Überbleibsel aus der Zeit, als das Betreten von Mooren tatsächlich noch Lebensgefahr bedeutete.

In Daniela Winterfelds Roman existieren diese beiden Ebenen unmittelbar nebeneinander. Ihr Schauplatz ist ein Moor wie viele andere heute, mit angelegten Wanderwegen, auf denen Jogger und Hundebesitzer unterwegs sind. Gleichzeitig ist ihr Moor ein Ort der Geheimnisse und der Magie, und das nicht nur, weil er von Nebeln verhangen und mit schwarzen Tümpeln durchsetzt ist. Sondern vor allem, weil eine uralte Kreatur dort lebt, deren Aufgabe es ist, diesen Ort zu beschützen.

Vergangenheit und Gegenwart sind nur durch eine hauchdünne Linie voneinander getrennt, und nur mit Magie ist es möglich, diese Grenze zu überschreiten. Dabei ist es nicht so, als würde der Wechsel tatsächlich eine Zeitreise bedeuten. Es ist nur so, dass jenseits der Grenze die Zeit sozusagen stehengeblieben ist. Der Wicht, der dort wohnt, hat den Fortschritt der Zeit nicht mitgemacht. Warum sollte er auch? Er ist ein magisches Geschöpf, dem die Beweggründe der Menschen nichts bedeuten.

Tatsächlich ist dieser Wicht die interessanteste Figur des ganzen Buches, und das deshalb, weil er so widersprüchlich ist. Er ist der Wächter des Moores und des Waldes, derjenige, der dafür sorgen sollte, dass keines von beidem angetastet und zerstört wird. Aber er ist jähzornig und lässt seine Wut dann an der Natur aus, die er eigentlich beschützen sollte. Weil er von seinesgleichen abgeschnitten ist, ist er einsam, trotzdem misshandelt er Mora aufs Grausamste und verspielt damit die Möglichkeit, seine Einsamkeit zu mildern. Denn der Wicht hasst die Menschen, die immer mehr von seinem Reich vernichten. Fina dagegen scheint er nicht zu hassen, obwohl auch sie ein Mensch ist. Er legt sogar wert auf ihre Zuneigung, die für die Erfüllung des Zwecks, den er Fina zugedacht hat, eigentlich nicht nötig wäre.

Mora ist das Kind, mit dem Finas Mutter den Wicht betrogen hat, um ihr eigenes Kind zu schützen. Er legt ein Verhalten an den Tag, das für viele misshandelte Kinder typisch ist: da der Wicht seine einzige Bezugsperson ist, betrachtet Mora ihn als seine Familie, er will ihm gefallen und seine Liebe gewinnen. Gleichzeitig hasst er ihn für die Grausamkeiten, die er ihm antut, was dafür sorgt, dass er sich zumindest im Kleinen gelegentlich widersetzt. Mora ist mutiger und stärker, als er selbst glaubt.

Fina wiederum ist ziemlich emotional und eine Romantikerin. Die Geheimnisse ihrer Mutter fasst sie als Verrat und persönliche Kränkung auf, und sie verliebt sich Hals über Kopf in den wilden Waldjungen.

Dass es zu Fina so wenig zu sagen gibt, ist ein wenig schade. Immerhin ist das, was diese Figur ausmacht, sehr lebendig, nachvollziehbar und glaubwürdig geschildert, was auch für Mora gilt. Und die Manipulation des Wichtes sorgt dafür, dass die Liebesgeschichte der beiden nicht ins Klischee abrutscht. Dennoch ist der Wicht der heimliche Held dieser Geschichte, auch wenn die Sympathien des Lesers den beiden Jugendlichen gehören.

Während Mora und Fina also ihre gegenseitige Zuneigung entdecken und in diesem Zusammenhang mit einigen Missverständnissen zu kämpfen haben, wächst allmählich der Druck durch den Wicht, der endlich seine Braut für sich haben will. Zwar ist er in gewisser Weise sehr mächtig, seine Macht unterliegt jedoch gewissen Regeln. Mora kennt diese Einschränkungen und weiß sie zu nutzen, ist aber nicht in der Lage, die Macht des Wichts wirklich zu brechen. Der Leser erlebt daher mit, wie Fina und Mora immer mehr in die Bredouille geraten.

Umso abrupter empfand ich den Punkt, an dem der stetig steigende Spannungsbogen auf einmal unterbrochen wird – für eine Reise nach München. Zwar liefert dieser Abstecher eine Menge Antworten auf eine Menge Fragen. Zu diesem Zeitpunkt wichtig ist allerdings nur die Information, dass der Wicht in der Lage ist, Finas Mutter und alle, die sie liebt, zu manipulieren. Möglicherweise hätte es eine andere Möglichkeit gegeben, Fina diese Information zukommen zu lassen, ohne den Leser aus der entrückten und gleichzeitig gefährlichen Situation, in die er gerade so schön vertieft war, herauszureißen. Das hätte ich begrüßt, aber zumindest ist die Unterbrechung kurz, sodass man rasch wieder zurückfindet. Die Spannung steigt dann bis zum Showdown noch ein wenig an, um sich dann auf erstaunlich einfache Weise aufzulösen.

Um es kurz zu machen, „Der geheime Name“ gehört zu den gelungenen Versuchen einer Märchenadaption, trotz der Kleinigkeit mit der Müllerstochter, obwohl mir Finas Großmutter in jeglicher Hinsicht erstaunlich unbesorgt erschien, und trotz des logischen Knackses, dass Fina so problemlos die Kreditkarten ihrer Mutter benutzen konnte (Unterschrift? PIN?). Nach dem vielversprechenden Prolog hat es ein wenig gedauert, aber als Fina dann bei ihrer Großmutter ankam, nahm die Sache Fahrt auf und löste das Versprechen des Prologes mühelos ein. Tatsächlich hat die Geschichte mich gänzlich gefangen genommen. Als ich die Lektüre wegen eines Termins für kurze Zeit unterbrechen musste, war ich ziemlich ungehalten. Besonders gelungen fand ich den Bösewicht. Selten habe ich einen Antagonisten erlebt, der so viel Profil, so viel Persönlichkeit besaß. Aber auch der Schauplatz war so stimmungsvoll ausgearbeitet, dass man problemlos völlig darin versinken konnte.

Die meisten Männer werden der ausführlichen Liebesgeschichte wegen wohl nicht viel mit dem Buch anfangen können. Auch wer unbedingt Action oder ausgiebige Verwicklungen braucht, oder auch Wert legt auf mindestens zwei Lacher pro Seite, der ist hier falsch. Allen anderen kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen.

Daniela Winterfeld stammt aus Nordrhein-Westfahlen, studierte Literaturwissenschaften, Psychologie und Geschichte. Schon in ihrer Jugend schrieb sie Kurzgeschichten für Literaturzeitungen. „Der geheime Name“, ihr erster Roman für Erwachsene, erschien unter Pseudonym. Zuvor hatte die Autorin unter ihrem bürgerlichen Namen Daniela Ohms bereits zwei Jugendbücher veröffentlicht, „Harpyenblut“ und „Insel der Nyx“. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet, zusätzlich zum Schreiben, in einer Literaturagentur.

Taschenbuch 524 Seiten
ISBN-13: 978-3-426-51127-5

http://daniela-ohms.de/
http://www.droemer-knaur.de/home

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