Winterson, Jeanette – Verlangen

Zwei Menschen wachsen in der Ära Napoleons auf und finden zueinander am unwahrscheinlichsten Ort: in den Schützengräben vor Moskau, wo die Grande Armée des Korsen lagert, hungert und friert. Doch die Lady hat ein Geheimnis, denn sie kommt aus Venedig, einer Stadt, in der fast alles möglich ist …

_Die Autorin_

Die 1959 in England geborene Jeanette Winterson wurde von einer Familie von Pfingst-Evangelisten aufgezogen. Ihre Bestimmung war es eigentlich, Missionarin zu werden. Stattdessen verließ sie ihr Zuhause, um verschiedene Tätigkeiten auszuüben, bevor sie sich für ein Englisch-Studium an der Uni Oxford einschrieb. Sie arbeitete im Theater, bevor sie ihren ersten Roman „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ veröffentlichte, der den angesehenen Whitbread-Literaturpreis für den besten Debütroman gewann. Auch „Verlangen / The Passion“ errang eine Auszeichnung. Seither hat sie folgende Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht:

– Das Geschlecht der Kirsche
– Das Schwesteruniversum
– Das Powerbook
– Auf den Körper geschrieben
– Kunst und Lügen
– Lighthousekeeping

_Handlung_

|Teil 1: Der Kaiser|

Man schreibt das Jahr 1804. Henri, das französische Landei, hat sich den Soldaten in Napoleons Armee angeschlossen. Im Lager bei Boulogne an der Kanalküste hilft er aber meist nur in der Küche und trägt dem Feldherrn Bonaparte das Essen auf. Der General plant die Invasion Englands, doch irgendwie kommt es nicht dazu. Er ist mehr mit dem Werben um eine gewisse Josephine Beauharnais beschäftigt, als sich um die Invasionsarmee zu kümmern.

Henri verehrt den General ebenso wie seine Mutter, und als sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen – und etlicher unterworfener Länder – erklärt, sind beide völlig aus dem Häuschen. Derweil lungern die Soldaten der Invasionsarmee vor sich hin. Sie vertreiben sich die Zeit hauptsächlich mit Saufen und Herumhuren, wovon es einige drastische Szenen zu erzählen gäbe. Immerhin hält wenigstens einer ein Auge auf die Engländer: der irische Priester Patrick, der Henri eine nette Geschichte über irische Kobolde zu erzählen weiß.

|Teil 2: Die Pikdame|

Venedig im Jahre 1804. Die Lagunenstadt ist von den Franzosen besetzt, nachdem Bonaparte Oberitalien usw. erobert hat. Hier lebt die junge Frau Villanelle, die mit einem Gondoliere verheiratet ist, der sie aber verlassen hat. Ihr Geheimnis: Zwischen ihren Zehen befinden sich Schwimmhäute. So was kommt vor, sagt sie. Aber sie sagt auch: Ich erzähl euch Geschichten, vertraut mir. Ob sie wohl auf dem Wasser laufen kann? Die Bettler munkeln davon. Doch Venedig ist voller Geschichten.

Während sich die Einwohner und Besatzer im Casino vergnügen, legt sie ihnen die Karten, verkleidet als junger Mann. Eine schöne Dame zieht die Pikdame, das Symbol Venedigs und ein Zeichen des Glücks. Sie streicht dem „jungen Mann“ über die Wange, eine Leidenschaft entfachend, die zwischen Täuschung und Sehnsucht gefangen ist. Vorerst bleibt es daher bei heißen Küssen, während der Gatte der Dame auf Reisen ist. Mehr wird daraus, als die Dame erklärt, sie wisse längst, dass Villanelle kein Mann sei. Passion – Leidenschaft, das ist der Zustand zwischen Furcht und Sex, sagt Villanelle. Und verliert die Dame an deren Ehemann. Es ist der Neujahrstag 1805.

|Teil 3: Der Null-Winter|

Henri ist inzwischen in Russland angekommen, auf Bonapartes unglückseligem Winterfeldzug nach Moskau im Jahr 1812. Die russische Armee stellt sich Bonaparte nicht, sondern weicht immer weiter ins Land zurück, wobei sie die Dörfer niederbrennt, um dem Feind weder Unterkunft noch Verpflegung zu hinterlassen. Schon bald geht der Herbst in den Null-Winter über, auf den die Soldaten in keinster Weise vorbereitet sind. Sogar die Stadt Moskau, die Bonaparte demütigen wollte, um sich am Zaren zu rächen, wird von ihren eigenen Bewohnern niedergebrannt. Henri hasst den einst bewunderten Mann.

Nur Henri geht es noch einigermaßen gut, weil er in der Küche des Generals arbeitet. Doch seine Freunde Domino und Patrick haben es nicht so gut getroffen. Er beschließt zu desertieren. Domino lehnt es als Wahnsinn ab, Henri zu begleiten, doch Patrick, der irische Ex-Priester mit dem fern-sehenden Auge, hat nichts dagegen. Und zu ihrem Glück kommt noch jemand mit: Villanelle.

Wie hat es sie nur nach Moskau verschlagen? In einem Unterstand auf dem langen Fluchtweg nach Venedig erzählt sie ihnen davon. Es ist eine Geschichte in der Geschichte. Jedenfalls wurde sie in Venedig, der Stadt der Verkleidungen und Intrigen, von ihrem Ehemann, den sie bestohlen hatte, an Bonapartes General Murat verkauft, für eine stattliche Summe. Sie sollte den Offizieren jederzeit zur Verfügung stehen. Als sich die Gelegenheit bot, ihnen zu entkommen, zögerte sie nicht und schloss sich Henri an.

Der hat sich in die Schöne verliebt und würde sie am liebsten heiraten. Doch Villanelle hat wohl andere Pläne …

|Teil 4: Der Fels|

Wie jeder weiß, haben die Feinde des Korsen den abgesetzten Kaiser auf ein einsames Eiland mitten in der Wasserwüste verbannt. Henri ergeht es beinahe genauso. Nachdem er in einen Mord an dem Koch, den er im 1. Teil kennen gelernt hatte, verwickelt worden ist, hat man ihn zur Verbannung in ein Irrenhaus verurteilt. Und dieses liegt auf einer einsamen Insel in der Bucht von Venedig. Dort besuchen ihn die Geister der Vergangenheit …

_Mein Eindruck_

Der vierteilige Roman, Wintersons dritter, lässt sich sehr gut als Beispiel für Magischen Realismus beschreiben. Das Setting der Handlung ist durchweg in der Geschichte und den Ereignissen der Napoleonischen Ara festzumachen, sowohl an der Kanalküste und in Moskau als auch in den zwei Venedig-Kapiteln. Aber das phantastische Element dringt mit der geheimnisvollen Figur der Villanelle ein. Als Tochter eines Bootsführers weisen ihre Füße Schwimmhäute auf. Ob sie damit wirklich auf dem Wasser gehen kann, wie sie behauptet? Henri wird es herausfinden.

Venedig selbst ist ein magischer Ort. Die Lagunenstadt ist ein Labyrinth aus Kanälen, an deren Rändern alle möglichen Wesen leben oder besser: vegetieren. Villanelle kennt diese Wesen seit ihrer Kindheit – und auch deren persönliche Geschichten, so etwa die der uralten Frau in Lumpen, die einstmals eine reiche Gräfin war. Aufstieg und Fall liegen ebenso eng beieinander wie Wahrheit und Täuschung. Nicht umsonst feiert man hier regelmäßig Karneval und treibt allerlei Mummenschanz. Im Kasino, in dem Villanelle als Wahrsagerin arbeitet, liegen Vergnügen und Unglück eng beieinander. Karten wie die Pik-Dame, das Symbol Venedigs, verheißen Glück – auch in der Liebe.

|Passion: Leidenschaft, Leidensgesichte|

Deshalb ist der Roman auch eine wunderschöne Variation auf das Motiv der Liebesgeschichte. Liebe, Passion – was in der Übersetzung nicht ganz korrekt mit „Verlangen“ gleichgesetzt wird – und natürlich damit einhergehenden Obsessionen. Passion, also Leidenschaft, das sei der Zustand zwischen Furcht und Sex, weiß Villanelle. Und sie könne leicht in Obsession umschlagen, wenn diese Liebe enttäuscht werde. Das ist der Fall mit Henris Liebe zu Napoleon, der seine große Armee in den Untergang geschickt hat.

Wie sieht das Endstadium der Obsession aus? Henri entzieht sich ihr in einem Irrenhaus, mit den Geistern der Vergangenheit und einer fernen Villanelle, die ab und zu mit ihrer ebenso rothaarigen Tochter, Henris Kind, vorbeirudert. Denn „Passion“ bedeutet im Englischen auch „Leidensgeschichte“. Und wenn man genau hinsieht, geht es nicht um irgendeine „passion“, sondern um „The passion“, eine ganz bestimmte Leidenschaft und Leidensgeschichte. Diese muss jeder Leser im Buch für sich selbst suchen. Denn die „Passion Christi“ wird wohl kaum gemeint sein.

|Die Poesie der Sprache|

Das hervorstechendste Merkmal des Romans ist seine poetische Sprache. Dass hier auch reale Ereignisse auf realistische Weise geschildert werden, ist eher die Ausnahme. Vielmehr entstehen durch die Sprache die Gedanken und Empfindungen der Figuren vor unserem Bewusstsein und lassen einen psychologischen Kosmos zu Leben erwachen, der für diese Figur, Zeit und Epoche einzigartig und unwiederholbar ist.

Die Wirklichkeit ist dadurch viel tiefer beschrieben und erfahrbar als in einem durchweg „realistischen“ Roman. Symbole wie die Pikdame können eine große Bedeutung annehmen und Menschen zu Handlungen veranlassen, die sie sonst unterlassen hätten. Die geschilderte Wirklichkeit kann den Boden der Empirie verlassen: Wer hat schon mal jemanden auf dem Wasser gehen sehen? Oder jemanden mit Schwimmhäuten an den Füßen?

Wenn aber in dieser Welt seltsame und ungewöhnliche Dinge möglich sind, so sind auch Orte und Zeiten mit weitaus mehr Potenzial aufgeladen. Dies gilt insbesondere für Venedig. Es ist eine Welt für sich. Aber Villanelle findet sich in seinen Labyrinthen zurecht, weil sie einer anderen Art von Landkarte folgt, wenn sie die Kanäle befährt. Diese Landkarte ist verinnerlicht und Teil ihres Selbst und so ist auch die Stadt Teil von ihr – und umgekehrt. Als Henri erstmals in Venedig ausgeht, verirrt er sich sofort hoffnungslos. Er ist der Außenseiter.

|Beispiel: Das verlorene Herz|

Villanelle hat ihr Herz verloren. Es muss irgendwo in der Stadt sein, in einem bestimmten Palazzo, und Henri soll es holen. Er hat es ihr versprochen, als er sie in Moskau kennen lernte. Was nun passiert, ist die realistische Darstellung eines symbolischen Vorgangs. Henri findet tatsächlich das Herz, sicher verwahrt in einem Krug, und bringt es seiner Liebsten zurück, die es sich einverleibt. Und ja: Vorher konnte er keinen Herzschlag feststellen, jetzt aber schon. Ist es nicht wundervoll!

In der Tat ist das ebenso wundervoll wie magisch-poetisch. Aber andere Leute wie etwa Schurken haben auch ein Herz, noch dazu ein schwarzes, wie Henri alsbald feststellen muss … Die Autorin schrammt hier hart an der Allegorie vorbei, bleibt aber noch in den weiten Gewässern des Symbolismus. Die Welt ist so viel reicher und schöner, wenn sie tiefer und höher ist als die realistisch wahrgenommene Welt.

_Die Übersetzung_

Mal von dem völlig unpassenden Titelbild abgesehen, so fand ich auch die Übersetzung nicht überzeugend. Über Entsprechungen wie passion = Verlangen kann man sich des Langen und Breiten streiten. Aber wenn Zeilen und Absatzabstände fehlen, hört der Spaß auf.

Gleich am Anfang, auf Seite 17, fehlt ein Satz: „I dropped down beside her.“ Klingt nicht nach viel, aber was, wenn das nicht die einzige Auslassung ist?

Was auf Seite 209 gemacht wurde, ist hingegen viel ärgerlicher für den Leser. Weil an keiner Stelle von einem Über-Erzähler gesagt wird, wer gerade spricht, in Teil 4 aber sowohl Villanelle als auch Henri in der Ich-Form sprechen, ist es umso wichtiger für den Leser, feststellen zu können, wo ein Abschnitt aufhört und ein anderer anfängt. Und genau an der wichtigsten Stelle, nämlich dem Wechsel der Sprecher, fehlt eine Leerzeile zwischen zwei Absätzen.

Die Wirkung: Der Leser meint, er habe es noch mit dem gleichen Sprecher zu tun, gerät aber zunehmends in Verwirrung, weil dieser nun Dinge äußert, die einem ganz anderen Sprecher zuzuordnen wäre. Der Leser wird sich sehr schwer tun, genau diejenige Stelle zu finden, an der der Sprecher wechselt. Die Folge sind Frust und Ärger. Hier hilft nur, sich daran zu erinnern, dass es wahrscheinlich nicht Villanelle, sondern Henri ist, der ein französisches Zitat anführt: „Apres moi, le déluge“ (nach mir die Sintflut).

_Unterm Strich_

Dies ist ein Roman, den man am besten im Original liest. Denn das Wichtigste an seiner Wirkung wird nur durch die besondere Sprache hervorgerufen, ein Element, das in der deutschen Übersetzung nur unzureichend wiedergegeben wurde (und dazu noch mit den oben genannten Fehlern). Die Sprache errichtet einen Kosmos des Erlebens und der Bedeutungsschichten, zwar nur mit kurzen Sätzen und relativ kurzen Abschnitten, doch ihre Wirkung ist hypnotisch im poetischen Gebrauch der Wörter.

Wer versucht, den Roman als Unterhaltung zu lesen, wird schon nach wenigen Seiten scheitern. Denn jeder einzelne Satz will beachtet und ausgekostet sein, ebenso wie die Zeilen eines Gedichts. Und wie sollte dies ergiebiger sein als mit dem Original? In der Übersetzung geht der Übersetzer immer Kompromisse ein, die Möglichkeiten der Bedeutung ausschließen.

Die Handlung könnte sicherlich spannender erzählt werden, doch darum geht es der Autorin nicht. Sie ist stärker daran interessiert, eine Spannung aus dem Meer der Möglichkeiten, die sich aus der Psychologie der beiden Hauptfiguren ergeben, zu generieren. Welche Entscheidungen treffen die beiden? Wohin wird es sie verschlagen, und werden sie dort eine Zukunft haben oder nicht?

Die dritte Hauptfigur ist natürlich der große Korse. Nur vor seinem übermächtigen Schatten als Folie und Kulisse ist das Schicksal von Henri und Villanelle aufführbar. Dies wird wiederholt so gegenübergestellt: Wo der Korse gerade Linien und klare Gesetze durchsetzen will, dort steht ihm in Venedig das genaue Gegenteil entgegen. Venedig ist die Welt der Magie und Poesie: eine „lebendige Stadt“, keine Planung auf dem Reißbrett. Venedig ist auch die Stadt, wo sich lesbische Liebe realisieren lässt, während in Paris nur eine kühle Ehe zwischen Napoleon und Josephine herrscht – und in der Armee nur Hurerei. Während wir uns in den letzten Jahren mit Planermegacities wie Paris oder Berlin abfinden mussten, sehnen wir uns wieder zum kreativen Mikrokosmos à la Venedig zurück.

Ist der Roman also eine rückwärts gewandte Utopie, in der sich die Autorin, eine bekennende Lesbierin, eine Idealwelt zusammenträumte? Das Buch ist nach dem Gesagten eine Um- und Neubewertung nicht nur des Anfangs der Moderne, die mit dem Korsen begann, sondern auch eine Standortbestimmung der Gegenwart, erblickt durch einen Spiegel aus der Vergangenheit. Der Spiegel besteht vor allem aus dem sprachlichen Kosmos, den die Autorin erbaut. Und das ist eine fabelhafte Leistung, ermöglicht durch magischen Realismus.

|Originaltitel: The Passion, 1987
Aus dem Englischen übersetzt von Bettina Runge|