Wolfgang Jeschke (Hrsg.) – Heyne Science Fiction Jahresband 2000

Best of Classic SF als Abschluss der Jahresband-Reihe

Ein wirklich lohnenswerter und umfangreicher Dank des Heyne-Verlags an seine Leser, dieser 2000er-Jahresband zum 40jährigen Jubiläum. Zehn Erzählungen preisgekrönter Autoren wie Robert Silverberg, Kim Stanley Robinson, George R. R. Martin oder Connie Willis warten auf die (Wieder-) Entdeckung: ein idealer Einstieg in das Genre. In diesen Olymp haben auch zwei weibliche Autoren Eingang gefunden, darunter die kürzlich verstorbene Ursula K. Le Guin.

Der Herausgeber

Wolfgang Jeschke, geboren 1936 in Tetschen, Tschechei, wuchs in Asperg bei Ludwigsburg auf und studierte Anglistik, Germanistik sowie Philosophie in München. Nach Verlagsredaktionsjobs wurde er 1969-1971 Herausgeber der Reihe „Science Fiction für Kenner“ im Lichtenberg Verlag, ab 1973 Mitherausgeber und ab 1977 alleiniger Herausgeber der bis 2001 einflussreichsten deutschen Science Fiction Reihe Deutschlands beim Heyne Verlag, München. Von 1977 bis 2001/02 gab er regelmäßig Anthologien – insgesamt über 400 – heraus, darunter die einzigen mit gesamteuropäischen Autoren.

Seit 1955 veröffentlicht er eigene Arbeiten, die in ganz Europa übersetzt und z.T. für den Rundfunk bearbeitet wurden. Er schrieb mehrere Hörspiele, darunter „Sibyllen im Herkules oder Instant Biester“ (1986). Seine erster Roman ist „Der letzte Tag der Schöpfung“ (1981) befasst sich wie viele seiner Erzählungen mit Zeitreise und der Möglichkeit eines alternativen Geschichtsverlaufs. Sehr empfehlenswert ist auch die Novelle „Osiris Land“ (1982 und 1986). Eine seiner Storysammlungen trägt den Titel „Schlechte Nachrichten aus dem Vatikan“. Er starb 2015.

DIE ERZÄHLUNGEN

1) Walter M. Miller: Bedingt menschlich (Conditionally Human, 1952)

Walter M. Miller ist als Autor von „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (HUGO 1957) bekannt, doch auch seine Novelle „Bedingt menschlich“ hat es in sich.

Die Welt leidet seit Jahren unter massiver Überbevölkerung, aller Lebensraum ist bebaut, und es gelten scharfe Beschränkung für die Fortpflanzung. Deshalb hat sich die Gentech-Firma Anthropos darauf verlegt, mit sprachlicher Intelligenz ausgestattete, genmanipulierte und vor allem geschlechtsneutralen Schimpansen, Katzen und Hunde zu produzieren, die vielen Besitzern als Partner- und Kindesersatz dienen.

Unser Held Terry Norris hat jedoch den harten Job, diese lieben Tierchen zu entsorgen – er betrachtet sich als besseren Hundefänger, sagt er zu seiner frisch angetrauten Frau Anne, die diese widernatürliche Tätigkeit missbilligt. Und zwar nicht nur aus dem Grund, dass sie selbst mit Terry keine eigenen Kinder bekommen darf – er ist nur Klasse C.

Dann aber ereignet sich der Delmont-Fall. Bei Anthropos hat eben dieser Mitarbeiter, Delmont, illegal intelligente Schimpansenweibchen (und wie man später entdeckt, auch Männchen) erzeugt, die noch intelligenter sind als die normalen und zudem länger leben. Die Gefahr besteht, dass sie sich fortpflanzen. Da dies um jeden Preis unterbunden werden soll, muss Terry Delmont-Neutroiden einfangen und in seinem Krematorium entsorgen. Wie Anne dazu steht, kann man sich denken

Dann jedoch entdeckt er bei einem Tierhändler das Schimpansenweibchen Peony, und ihre Intelligenz ist ebenso unübersehbar wie ihre Liebe zu O’Reilly, dem verwitweten Tierhändler. Indem er ein Auge zudrückt, nimmt er Peony mit. Anne stürzt sich liebevoll auf das anhängliche Tier und gibt ihm all ihre Liebe: endlich ein Mädchen!

Doch Terry muss sich entscheiden, ob er sich weiterhin als Charakterschwein betätigen und Peony töten will – oder ob er das ungerechte und unmenschliche System nicht von innen heraus unterwandern soll.

Mein Eindruck

Die Neutroiden in dieser Geschichte sind zwar innerhalb des Szenarios der Überbevölkerung ernstzunehmen – es gibt sogar Geburtsfeiern für ihre „Mütter“ -, doch in Wahrheit stehen sie für etwas anderes: für alle Lebewesen, über deren Menschlichkeit die Menschen streiten. So ist es durchaus möglich, dass ein Leser sich vorstellen kann, wie es wäre, wenn Nationalsozialisten und andere Rassenfanatiker die Juden, Zigeuner, Slawen usw. als „Untermenschen“ klassifizieren würden und damit begännen, sie allesamt auszurotten.

Dann befände sich ein Handlanger wie Terry Norris in der verzwickten Lage, auch reguläre Menschen, die nun „Untermenschen“ sind, zu fangen und zu töten, genau wie Gestapo, Schnittstellen und so weiter. Der Vorwand bei Terry ist die Überbevölkerung, bei den „Untermenschen“ die Rassereinheit. Die Wirkung ist die gleiche: Verfolgung und Ausrottung.

Durch diesen erzählerischen Kniff gelingt es dem erstklassigen Autor Miller, einen Amerikaner zum KZ-Aufseher zu machen. Nur mit dem (scheinbaren?) Unterschied, dass sein KZ nicht Auschwitz heißt, sondern die Vereinigten Staaten. Richtig gut wird die Erzählung dadurch, dass wir von Terrys sich entwickelndem Konflikt minutiös auf dem Laufenden gehalten werden. Seine Auseinandersetzungen mit Anne, so schmerzhaft sie auch sein mögen, sind notwendig, um Terrys moralischen Konflikt aufzuzeigen. Sogar ein Geistlicher tritt auf – und bekommt kräftig sein Fett weg.

sind nämlich die illegal mit sprachlicher Intelligenz ausgestatteten, genmanipulierten Schimpansen, die vielen Besitzern als Partner- und Kindesersatz dienen. Doch der Protagonist hat den harten Job, diese lieben Tiere zu entsorgen – bis ihm seine Frau die Meinung geigt.

2) Robert Silverbergs: Thomas der Verkünder (Thomas the Proclaimer, 1972)

Die Erde steht still – oder ist es die Sonne? Jedenfalls findet am 6.6. seit knapp 24 Stunden keine Sonnenbewegung mehr statt, und das ist für viele Erdbewohner Anlass zur Sorge. Ja, manche sagen sogar schon das Ende der Welt voraus: spätestens am 1.1.2000. Doch Thomas der Verkünder beruhigt seine Anhänger, die sich versammelt haben, denn er glaubt an einen wohlwollenden Gott, und der werde schon dafür sorgen, dass die Sonne wieder aufgeht, zumindest in Nordamerika (denn auf der anderen Hemisphäre ist es ständig Tag). Einzige Voraussetzung: Alle sollen für die Wiederkehr der Sonne beten.

Sein Jünger und Pressesprecher Saul Kraft zweifelt dennoch, ob das klappt: Er ist eher so der Marketing-Typ. Doch siehe da! Genau 24 Stunden nach dem Beginn des Phänomens erhebt sich die Sonne wieder, wie es sich gehört. Was das zu bedeuten hat, darüber streiten sich nun alte und neue Religionen. Sekten schießen wie Pilze aus dem Boden.

Das Ereignis erzeugt eine Gegenbewegung zu Thomas und seinen Scharfsinnigen: die Apokalyptiker. Sie predigen, dass das Ende der Welt kurz bevorstehe (eben am 1.1.2000) und versetzen sich in Ekstase. Dass das Trinken des schmutzigen Wassers des Erie-Sees ungesund ist, hat sich zu ihnen noch nicht herumgesprochen. Cleveland am Ufer des Sees hat jedenfalls schon mal seine Polizei aufgeboten, um den Zugang zum Camp der Apokalyptiker abzusperren und nur Unbewaffnete hineinzulangen. Man weiß ja nie.

Mehrere bislang Ungläubige wie Bill Gifford wenden sich wegen des Wunders dem Glauben zu, andere wie Janice, die bisher den Worten der Kirche folgte, sieht sich von der ausbleibenden Antwort der Kleriker enttäuscht und stellt Thomas zur Rede. Doch der erweist sich auch nur als Mensch, ja er hat sich zuvor als Verbrecher geoutet. Nur Gott höchstpersönlich habe ihn auf diese Verkündungstour geschickt, behauptet er: vom Saulus zum Paulus.

Andere hinwiederum spalten sich von den Apokalyptikern ab und sind sich sicher, dass das Erscheinen des Antichristen bevorsteht. Folglich beten sie zu Satan, er möge sie verschonen. Doch Thomas will sich mit Bill Gifford zusammenschließen, was aber von Saul Kraft blockiert und verhindert wird. Deshalb lässt er Thomas proklamieren, ein Bad im Meer werde den Bund mit Gott dem Herrn erneuern. Nun setzt in den ganzen Vereinigten Staaten der große Marsch zum Meer ein.

Millionen Menschen fallen über die Ostküste her. Doch in weiser Voraussicht hat der Bürgermeister Atlantic City sperren lassen und die Stadt wird nun von der Nationalgarde beschützt. Der Strom der Menschen ergießt sich über die umliegenden Ortschaften, ungläubig beobachtet von einem achtzigjährigen Hausbesitzer, der um sein Domizil bangt. Völlig zu Recht, wie sich herausstellt. Das Bad der Gläubigen endet in einer verheerenden Katastrophe, vor allem für die Heimgesuchten. Doch dann erschallt Gottes Stimme aus dem Äther, im Radio, im Fernsehen, überall gleichzeitig…

Mein Eindruck

Was wäre, wenn in den USA ein Erlöser auftauchen würde? Könnten Theologen, Psychologie und Anthropologie ihn erkennen, geschweige denn mit ihm umgehen? Wäre es verwerflich, wenn viele an ihn (oder sie!) glaubten und ihm folgen würden? Und was würde dann mit denen geschehen, die zwischen Wissenschaft und Glauben schwanken?

Die Novelle erinnert im Motiv stark an Silverbergs Roman „Tom O’Bedlam“ (Bedlam entspricht Bethlehem, bedeutet aber auch Irrenanstalt): Die Außerirdischen sind angekommen, doch sind sie des Teufels oder Gottes? Wie auch immer die öffentliche Meinung aussieht, der Job des Verkünders, des Messias, ist nicht ohne Tücken. Denn stets gibt es auch einen Judas…

Dass beim Thema des Second Coming vieles Bekannte aus dem Mittelalter auftaucht, dürfte kein Zufall sein – in kritischen Epochen der Geschichte wiederholen sich eben diese Phänomene. Das war auch vor dem Jahreswechsel zum Jahr 2000 weltweit zu beobachten: allerorten wurde der Weltuntergang verkündet. Wie sich herausstellt, hilft es nichts, den Bund mit Gott zu erneuern, oder Satan um Gnade anzuflehen oder sich auf die Seite der Vernunft zu schlagen. Alle Konfrontationen endet erst, wenn keiner mehr übrig ist, der an etwas anderes glaubt, als man selbst.

Das vorletzte Kapitel zitiert (möglicherwiese abgewandelt) aus der Offenbarung des Apostels Johannes, der sogenannten Apokalypse. Die folgt dann tatsächlich, aber es ist kein Weltuntergang…

3) Michael Bishop: Tod und Bestimmung unter den Asadi (Death & Designation Among the Asadi, 1973)

Der Anthropologe Egan Chaney entdeckt auf der fernen Dschungel- und Savannenwelt Bosk Veld in der Nähe der Sonne Deneb eine fremde Kultur, die weit mehr mit Schimpansen zu tun hat als mit dem Menschen. Seltsame und abstoßende Rituale können Chaney nicht von der Entdeckung einer Pagode abhalten, in der mehrere tausend „Augenbücher“ aufbewahrt sind, möglicherweise Relikte einer verschwundenen Kultur – die Asadi scheinen nicht in der Lage, diese Artefakte herzustellen. Nach dem Verschwinden Chaneys werden seine Aufzeichnungen durch Vermittlung seines Kollegen zu einem berühmten Buch auf der Erde.

Mein Eindruck

Michael Bishop spekuliert über das fremde theologische System der Asadi und macht sich Gedanken über dessen mögliche Auswirkungen. Dabei legt er eine bizarr anmutende Phantasie an den Tag, die immer wieder betroffen macht. So versteht er es, fremdes Denken und Handeln, das uns zunächst unbegreiflich erscheint, glaubhaft und packend darzustellen. Seine erzählerischen Mittel sind beträchtlich: Tagebücher, Dialoge wie in einem Bühnenstück und vieles mehr lassen uns das Geschehen unmittelbar miterleben, als wären wir in einer Live-Sendung.

Der Autor hat seine Novelle später zu dem Roman „Transfigurationen“ (ebenfalls bei Heyne) ausgebaut. Doch auch so ist die Story vom Forscher, der langsam die Eigenarten und Abgründe einer Alien-Zivilisation entdeckt, immer noch packend (und ganz schön gruselig).

4) Ursula K. Le Guin: Unermesslich wie ein Weltreich, langsamer gewachsen (1971)

Das Forschungsschiff Gum wird von der Liga der Welten ausgesandt, um in einem koscmischen Gebiet, das von den Hainish noch nicht besiedelt wurde, nach einer bestimmten grünen Welt zu suchen, Nr. 4470. Die zehn Besatzungsmitglieder sollen herausfinden, ob die Welt für die Ausbeutung oder Besiedlung geeignet ist. Um sie geeignet für diese zeitlich sehr umfangreiche Exkursion zu machen, weisen sie alle – Terraner wie Hainish, Cetianer wie Beldener – besondere Charaktermerkmale auf, die man unter anderen Umständen als „neurotisch“ bezeichnen würde, die ihnen aber helfen, die Einsamkeit zu überwinden, insbesondere nach der Heimkehr, wenn nach 250 Jahren keiner ihrer Verwandten mehr am Leben sein wird.

Schon auf dem nahezu lichtschnellen Hinflug verbünden sich die neun anderen Crewmitglieder gegen die Nummer 10, Mr. Osden, den einzigen Empathen an Bord. Sie nennen ihn ein Ekelpaket. Dazu gehört nicht viel Gehässigkeit, denn Osden tut alles, um diesen Eindruck noch zu bestätigen: Es ist seine Art, die Aggression, die man ihm entgegenbringt, zurückzuwerfen. Dass durch diese sich selbst verstärkende Feedbackspirale die Aggressionen nicht gerade abgebaut werden, versteht sich von selbst.

Kaum ist man nach der ersten Erkundung und Kartierung gelandet, schickt die Kommandantin Osden in den nahen Wald, und Osdens Entfernung löst bei allen sofortige Erleichterung aus. Die Emotionen können wieder frei strömen und Olleroo, die promiske Beldenerin, hat mit allen Sex. Doch dann bleiben eines Vormittags Osdens Meldungen aus. Als die Kommandantin mit einem Helfer nachschaut, finden sie Osdens Camp verlassen vor. Sie suchen im dichten Gebüsch und finden Bewusstlosen mit dem Gesicht im Dreck. Er wurde mit einem stumpfen Gegenstand fast der Schädel eingeschlagen. Kaum fasst sie ihn an, wird die Kommandantin von einer Welle der Angst und Panik erfasst, so dass sie fast ohnmächtig wird. Mit Müh und Not reißt sie sich am Riemen, so dass sie Osden mit ihrem Helder ins Flugboot schaffen kann.

Das, was Osden vor und in seiner Bewusstlosigkeit empathisch gefühlt hat, geht über das Vorstellungsvermögen so manchen Crewmitglieds hinaus: Könnte es sein, dass die Wurzeln, Bäume, Grashalme alle den Neuronen, Sensoren und Synapsen eines Gehirn entsprechen? Wenn ja, dann besteht die ganze Welt aus einem einzigen großen Organismus, der in der Lage ist, Gefühle zu empfangen und zu senden! Das Problem: Da es bislang das einzige Wesen in seinem Universum war, empfindet es Angst, wenn es dem Anderen, dem Fremden begegnet, und sendet diese Abwehrreaktion derart stark, dass, durch Osden verstärkt, alle Besatzungsmitglieder in Panik verfallen.

Aber wie ließe sich diese negative Feedbackspirale durchbrechen, fragt die Kommandantin den auf einmal so kooperativen Osden. Osden muss an seinen eigenen Werdegang vom autistischen Kind-Empathen hin zum verantwortungsbewussten, aber abweisenden Erwachsenen denken, den sein Psychiater ihm ermöglicht hat. Vielleicht gelingt ihm so die Heilung dieser Beziehung: Er muss sich dem Anderen, dem Planetenbewusstsein, gänzlich hingeben, so dass es ihn nicht wieder abwehrt, sondern in sich aufnimmt…

Mein Eindruck

Der Titel der Erzählung von 1971 geht auf das Gedicht „To his coy mistress“ des englischen Barockdichters Andrew Marvell zurück: „Our vegetable love should grow / Vaster than empires, and more slow…“. Der zweite Vers lieferte auch den Originaltitel. Dabei spielt besonders das Wort „vegetable“ eine Schlüsselrolle: In der Geschicht ist damit wohl das pflanzliche Gehirn der Welt 4470 gemeint, die „vaster than empires“ erscheint, und doch langsamer ist.

Die Story ist im Hainish-Universum platziert, das die Autorin mit drei ersten Romanen sowie dem Kurzroman „Das Wort für Welt ist Wald“ (1972) schon eindrucksvoll entworfen und geschildert hatte, bevor sie mit „Die linke Hand der Dunkelheit“ einen preisgekrönten Roman veröffentlichte, der bis heute zu den SF-Klassikern gehört (siehe oben unter „Der König von Winter“).

Sowohl in „Unermesslich…“ als auch „Das Wort für Welt ist Welt“ schickt die Autorin Forschungsexpedition auf Welten, in denen Pflanzen die dominante Spezies darstellen. Doch wie können bewegliche Organismen wie Menschen und Hainish mit diesen Wesen koexistieren, lautet die Frage, wenn doch beide so unterschiedlich sind. Hier treffen Welten der Psychologie aufeinander. Doch wieder kommt Le Guins Philosophie zum Tragen, die dem fernöstlichen Taoismus nähersteht als der westlichen Dialektik: Gegensätze müssen aus These und Antithese nicht eine Synthese bilden, sondern lernen, in einer Balance zu koexistieren, ohne dass ein Kampf stattfindet. Man denke beispielsweise an das Paar Yin und Yang und die damit verbundenen Kräfte.

In der Geschichte gibt es jedoch einen mächtigen Störfaktor, der die Entstehung der Balance fast verhindert. Es handelt sich nicht etwa um Osden, sondern um Porlock, einen Hainish, der von einer Art Paranoia gepackt wird, als er auch nur den Gedanken an ein Weltgehirn aus Pflanzen fassen soll. Schließlich stirbt er in der Begegnung mit diesem Wesen vor Angst, während sich Osden dem Weltgehirn ergibt und Frieden findet. Die Autorin deutet damit an, dass diejenigen, die sich dem Tao-Prinzip nicht beugen, sondern in Furcht und Ablehnung verharren, schließlich geistig zerbrechen werden.

In „Das Wort für Welt ist Wald“ wendet sich das scheinbar so friedliche Tao-Prinzip in einen Widerstandskampf gegen jene terranischen Ausbeuter, die den Wald vernichten wollen. Die Novelle wurde als ein Gleichnis auf den Vietnamkrieg der USA gelesen. Folgerichtig erschien sie in Harlan Ellisons provokativer Anthologie „Again, Dangerous Visions“ (1972).

5) George R.R. Martin: Sandkönige (Sandkings, 1980)

Simon Kress lebt auf Baldur als schwerreicher Manager. Da unverheiratet, hält er sich stets ein paar Haustiere, die er sammelt. Nach seiner letzten Geschäftsreise, die etwas länger dauerte, sind fast alle Tiere eingegangen. Also sucht er in der Gegend des Raumhafens von Asgard nach Ersatz. Ein Laden, den er noch nie dort gesehen hat, bietet ihm Sandkönige an – „keine Insekten!“, schwört die Verkäuferin, Jalla Wo. Die kleinen Viecher, die in einem trockenen Terrarium Kolonien bilden, seien vielmehr Psi-begabt und bauten Burgen, die sie verteidigten, um ihre zweigeschlechtliche „Königin“ zu schützen. Außerdem haben die Sandkönige die Fähigkeit, ein Wesen zu verehren. Kress sieht die reizvollen Möglichkeiten und kauft die Tierchen.

In einem Becken seines Wohnzimmers lässt Kress ein großes Terrarium mit vier Burgen und jeweils einer Maw, einer Königin, einrichten und oben abdichten. Nach einer Weile zeigen sich die Mobilen der Weißen, Schwarzen und Roten, doch die Orangefarbenen tauchen erst mit Verspätung auf. Sofort beginnen sie, Burgen zu errichten. Durch Füttern nährt Kress sie, durch Nahrungsentzug zwingt er sie, die anderen „Stämme“ anzugreifen. Die Kriege sind überhaupt das Geilste an der ganzen Sache, findet er. Als er das Hologramm aktiviert, können die Sandkönige sein Konterfei am „Himmel“ sehen und verehren. Schon bald ziert es auch ihre Burgen.

Da er auf Status bedacht ist, lädt er seine Freunde und Bekannten zu einer Party ein, um seine Neuerwerbung stolz vorzuführen. Während einer sofort eine Wette abschließt, er könne ein Wesen auftreiben, das die Sandkönige fertigmacht, protestiert Kress‘ frühere Freundin Cath m’Lane gegen dieses perverse Hobby. Das liegt daran, dass Simon ihren kleinen, sehr geliebten Hund einst seinen „Haustieren“ vorwarf. Nicht nett, aber sehr lustig. Er gedenkt, noch einen draufzusetzen, um sich an ihr zu rächen.

Leider ist Simon Kress nicht nur ein Widerling, sondern auch Alkoholiker. Als Cath wieder bei ihm auftaucht, um sich dafür zu rächen, dass er einen weiteren kleinen ihrer Hunde den Sandkönigen vorgeworfen hat, kommt es zum Kampf. In dessen Verlauf stellt sich der verkaterte Simon so blöd an, dass das Terrarium zu Bruch geht – und die arme Cath von einem seiner Schwerter durchbohrt wird. Ups! Dumme Sache. Caths Gleiter ist rasch in einem Vulkan entsorgt, doch ihre Leiche erfordert andere Maßnahmen. Als er den Hunger der Maw der Weißen in seinem Kopf spürt, weiß Simon, was er zu tun hat…

Und das ist erst der Anfang…

Mein Eindruck

Die Story, die sich packend wie ein Drehbuch liest, ist seit ihrer Verfilmung für „Outer Limits“ allgemein bekannt. Dennoch ist sie immer noch spannend zu lesen, besonders wie sich schrittweise die Machtverhältnisse umkehren und die Maws das Kommando übernehmen. Kress bekommt Angst und ruft die Kammerjäger – ein weiteres Unheil beginnt.

Noch faszinierender ist vielleicht der Aspekt der „Verehrung“. Simon spielt bekanntlich Gott mit seinen Tierchen. Anhand ihrer Abbilder kann er den Grad ihrer Verehrung genau ablesen (falls er sich mal im Suff die Mühe macht). Aus dem ursprünglich freundlichen Lächeln wird zusehends ein grimmiges Grinsen, dann eine definitiv boshafte Fratze – das Inbild des Bösen. Wenn die Sandkönige also schließlich das Kommando übernehmen und Simon vertreiben, kommt dies einer Teufelsaustreibung gleich.

Doch es gibt noch eine Wendung. Die Verehrung erstreckt sich auch auf die fleischliche Ebene. Die Sandkönige, die zunächst wie Insekten in einer Kolonie gewirkt haben, mästen sich an den vielen Leichen, die Simon anschleppt, und beginnen sich zu verpuppen. Aus ihnen werden übermannsgroße vierarmige Zweibeiner, die ein bemerkenswertes Merkmal aufweisen: ihr Gesicht entspricht dem ihres Gottes. Als sie ihn schließlich erwischen, starrt er im Moment seines Todes in seine eigene Fratze…

Dies ist wahrscheinlich Martins beste Story überhaupt und es ist kein Wunder, dass sie mit Preisen überhäuft wurde. Sie ist seit ihrer Verfilmung für „Outer Limits“ allgemein bekannt. Dennoch ist es immer noch spannend zu lesen, wie sich ein Amateurforscher zum Gott seiner Alien-„Haustierchen“ aufschwingt und schließlich dafür mit seinem Leben bezahlt.

6) Connie Willis: Brandwache (Firewatch, 1982)

Bartholomew, ein zeitreisender Geschichtsstudent muss sich fürs Praktikum seine Informationen über die Brandwache der Londoner St.-Pauls-Kathedrale während der Bombenangriffe im Herbst des Jahres 1940 persönlich besorgen – ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, wie er schon bald zu seinem Leidwesen herausfindet. Dabei besteht die Gefahr nicht nur in den von deutschen Bombern abgeworfenen Brandbomben, sondern geht auch von einem Mann namens Langby aus.

Langby wird schon früh misstrauisch, als sich herausstellt, dass der Zeitreisende keine Ahnung von Katzen hat – es gibt sie in seiner Zeitebene einfach nicht mehr. Auch was die zahlreichen Abkürzungen wie etwa ZVD oder FFE bedeuten, scheint der Junge nicht zu wissen. Eines Tages beobachtet der Student, wie Langby sich mit einem Mann länger unterhält, der ihm eine Zeitung mit dem Titel „Der Arbeiter“ übergibt. Unseren Studenten beschleicht ein entsetzlicher Verdacht: Ist Langby etwa ein verkappter Nazispion? Fortan behält er Langby im Auge und kriegt infolgedessen kaum ein Auge zu, um auszuruhen.

Er lernt eine junge Frau kennen, die ausgebombt wurde und eine Anstellung sucht. Doch leider arbeiten in der Brandwache nur unbezahlte Freiwillige. Er freundet sich mit Enola an und gibt ihr Geld für Brandy – das sie leider nie zurückzahlt. Auch in den U-Bahnschächten, wie die Bevölkerung nachts vor den Bombenangriffen, ist Enola nicht zu finden. Wahrscheinlich ist auch sie aufs Land gezogen.

In einer dramatischen Bombennacht rettet der Student dem verdächtigen Langby, den er inzwischen als Kommunisten entlarvt hat, das Leben. Doch der Gerettete hält seinerseits den Studenten für einen Nazispion, denn er weiß einfach zuviel bzw. zuwenig und zeigt keinerlei Mitgefühl für die Leute, auf die es ankommt.

Dass sich der Student Bartholomew grundlegend geändert und seine Objektivität völlig eingebüßt hat, zeigt sich bei der Prüfung, die ihm sein Doktorvater Dunworthy auferlegt: Zahlen, nichts als Zahlen. Da dreht Bartholomew vollends durch…

Mein Eindruck

Mit dieser feinen, bewegenden Novelle erweiterte die Autorin ihr Universum um die Oxford-Historiker Prof. Dunworthys und Lady Shrapnels. „Die Jahre des schwarzen Todes“, ihr vielfach ausgezeichneter Roman, grenzt direkt an die Handlung dieser Novelle an: Die Studentin Kivrin, Bartholomews Zimmergenossin, soll ins Pestjahr 1349 geschickt werden. Ebenfalls in diesem Universum spielt der Roman “ Die Farbe des Alls“ und weitere Romane, die „Brandwache“ erneut aufgreifen.

Bartholomew ist ein Forscher wider Willen, doch er schlägt sich wacker. Seine Erlebnisse sind voll Horror, wenn die Bomben fallen, aber auch Romantik lässt nicht auf sich warten: Enola braucht ihn wirklich. Leider verhält er sich ziemlich linkisch, entwickelt sich aber rasch weiter, so dass es vielleicht noch zu einem Happy End kommt. Dass er in seine eigene Zeit zurückkehren muss, darf er ihr nicht sagen.

Zeitreisen hat etliche Tücken, und die wichtigste ist das mangelnde Wissen über die Zielzeit. Die Autorin hat sich eine spezielle Methode ausdenken müssen, um ihren Zeitforscher Bartholomew mit Informationen über seine Zielzeit zu versorgen. Es geschieht mithilfe einer Art Telepathie. Er bekommt quasi Uploads aus der Zukunft.

Die deutsche Übersetzung hat nicht ganz astrein. Was die Londoner als „The Blitz“ bezeichnen, lässt sich keinesfalls mit dem etablierten Begriff „Blitzkrieg“ übersetzen. Letzterer bezeichnet nämlich ein ganzen Feldzug.

7) Bruce Sterling: Zikadenkönigin (Cicada Queen, 1983)

Hans Landau hat sich zwei Jahre lang bemüht, als Former in die Polycarbon-Clique der Mechanisierer aufgenommen zu werden. Die Polycarbons haben ein Abkommen mit der Zikadenkönigin, einer Investiererin der Aliens, die sich im Exil auf einer Raumstation befindet. Weil ein Geschenk für die Zikadenkönigin die richtige Eintrittskarte in die Clique darstellt, hat Hans für eine Menge Geld einen künstlichen Edelstein anfertigen lassen – von Eisho Zaibatsu, einem japanischen Unternehmen. Er selbst ist ein Former, der Flechten züchtet, damit sie den Mars terraformen. Diese Terraformung, glaubt Hans, ist das große Zukunftsprojekt der Menschheit.

Das Geschenk erzielt die gewünschte Wirkung: Wellspring, der philosophische Vordenker der Polycarbons, beglückwünscht Hans, sein Mechanisierer-Kollege Kulagin erledigt die Initiation und Valery Korstadt, eine Formerin, beglückt Hans mit dem Versprechen einer Liebesnacht. Was könnte besser sein? Allerdings stoßen sie in dem ausgewählten Separee-Raum auf eine unschöne Überraschung: einen Selbstmörder. Es scheint sich um einen Kontrolleur der Mechanisierer zu handeln, der der Königin nahesteht. Valery macht das Blut, das in der Schwerelosigkeit dieses Zimmers schwebt, erst recht an…

Dieser grausige Fund spricht als Gerücht herum, und Hans bekommt Besuche aum laufenden Band. Erst von Valerys Freundin, einer Mechanisiererin, die nicht auf Körperhygiene achtet. Hans ist froh, sie wieder los zu sein, dann taucht Kulagin persönlich auf. Er äußert einen unglaublichen Verdacht: Dass hinter dem Selbstmord in Wahrheit Wellspring steckt. Der „geborene“ Mensch Wellspring könnte so etwas wie der großen Strippenzieher sein. Will er etwa die Alien-Königin loswerden? Das würde das Aus für den moralischen Freiraum bedeuten, den die Raumstation Zarina-Kluster bislang genossen hat.

Nach einem vereitelten Anschlag auf Landau wird er vor den Ratgeber der Königin geschleppt. Dieser stellt ihm einige harte Fragen und hat eine Bitte. Endlich erkennt Landau, was Wellspring eingefädelt hat, als er ihn, Landau, dazu anregte, einen künstlichen Edelstein mit ganz bestimmten Flechten zu vermischen. Diese Flechten haben die Königin angegriffen und sie zum Verlassen des Zarina-Klusters gezwungen, allerdings nicht ohne gewisse Vorkehrungen Wellsprings.

Als Wellspring das Gerücht streut, die Königin sei fort, beginnt Chaos im Zarina-Kluster auszubrechen. Alle Ratten verlassen das sinkende Schiff, alte Rechnungen werden beglichen. Nun muss Hans Landau schauen, wie er diesen Zusammenbruch überleben kann. Er entscheidet sich für eine radikale Lösung…

Mein Eindruck

„Zikadenkönigin“ ist mit rund 60 Seiten eine lange Erzählung und unter den Mechanisierer/Former-Geschichten die komplexeste. Kern des Geschehens ist das Bestreben, den Mars bewohnbar zu machen. Können die Aliens dabei helfen? Die verfeindeten Lager der Mechanisierer und Former können sich auf keine gemeinsame Strategie einigen.

Deshalb hat offenbar Wellspring, ein undurchsichtiger Strippenzieher, eine alternative Strategie in Gang gesetzt, um die nötige Veränderung herbeizuführen. Indem Landau diesen Plan durchschauen lernt, kann er ihn übernehmen und modifizieren. Während der Zarina-Kluster zusammenbricht, nähert sich nämlich aus dem Asteroidengürtel einer von mehreren Eis-Asteroiden der Marsoberfläche, um dringend nötiges Wasser zu spenden. (Ob das auf einer Welt ohne Atmosphäre sinnvoll ist, sei mal dahingestellt.) In diesem Eisteroiden eingesperrt entdeckt Landau das größte Geheimnis, das Wellspring hinterlassen hat…

Immer wieder taucht der Name eines Philosophen namens Prigogine auf. Dessen Theorie von Komplexität und Entwicklung bestimmt nicht nur das Geschehen, sondern auch dessen Erklärung und Entwicklung, soweit es Landau durchschaut. So ist es etwa nötig, beim Sprung von der dritten auf die vierte Ebene der Komplexität des Lebens (der Mensch bzw. das Leben an sich verlässt seine Heimatwelt) einen Katalysator ins Spiel zu bringen. Wie dies geschieht, ist faszinierend, aber nicht immer einfach zu verstehen.

8) Kim Stanley Robinson: Flucht aus Katmandu (1986)

Unter den vielen Träumern, Aussteigern und Idealisten, die in den Achtzigern in Nepal strandeten, finden sich auch die zwei Helden des Episodenromans: George Fergusson und Fred Fredericks, die sich als Trekking-Führer ihren Lebensunterhalt in Nepal verdienen. In vier Abenteuern lässt uns der Autor an ihren Abenteuern teilhaben.

In der grandios-verrückten Novelle „Flucht aus Katmandu“ retten die beiden Abenteurer einen leibhaftigen Yeti davor, in einem Privatzoo als Versuchskaninchen zu enden. Sie geben ihn als USA-Tourist, dem US-Präsident Jimmy Carter die Hand schüttelt (er ist das Felsgesicht auf dem Titelgemälde), aus und schmuggeln ihn außer Landes.

Die Novelle ist ein echter Action-Knaller und von Anfang bis Ende irre komisch.

9) Ian McDonald: Van Goghs unvollendetes Porträt des Königs der Schmerzen (Unfinished Portrait of the King of Pain by Vincent Van Gogh, 1988)

Vincent ist um 1888 aus dem kühlen Flandern in die Provence gekommen, um in Arles eine Künstlerkolonie zu gründen. Jeden zweiten Tag schreibt er seinem Bruder Theo, doch endlich Paul Gauguin, der in der Bretagne weilt, zu bewegen, ebenfalls nach Arles zu kommen. Doch Paul bleibt aus, und Vincent, der die Nächte durchzecht, bis das Café schließt, verändert sich. Die Sonne des Südens ist mittlerweile sein Gott, und er bekniet Theo, ihm mehr Gelb zu schicken.

Doch eines Tages begegnet er dem König der Schmerzen. Mitten in der Provence steht am Ufer des Meers der Ewigkeit ein Baum, der gleichzeitig blüht und Früchte trägt, der zugleich grün wie im Frühjahr und braun wie im Herbst ist. Darunter liegt ein Mann, der sagt, sein Name sei Jean-Michel Rey, ein Mechaniker, von seiner Arbeitsstelle von den Hohen und Strahlenden der Zukunft hinweggeholt, um als ihr Agent zu dienen: als König der Schmerzen. Und er, Vincent, sei auserwählt, sein Porträt zu malen.

Der König, so erfährt der ungläubige Vincent, gebiete durch die allmächtigen Maschinen der Zukunft über jede Zeit. Die Aufgabe der Maschinen sei es, den Schmerz aus der Welt zu entfernen, ihn zu unterdrücken und ihn durch Frieden, Unversehrtheit und Zufriedenheit zu ersetzen. Im nächsten Stadium seiner Beziehung zu Vincent macht der König der Schmerzen seinem Porträtisten zum Lohn ein Geschenk: Schmerzfreiheit.

Fortan ist Vincents Leben unbeschwert und nur noch der Feier der Farben gewidmet. Doch dann trifft Paul Gauguin im düsteren Oktober ein, und was Vincent offenbar, erfüllt ihn mit Grauen. Denn Paul versteht die Natur und Größe des Geschenks nicht. Vincent schneidet sich als Beweis das untere Drittel seines Ohrs ab, was Paul nur noch mehr verängstigt, so dass er alsbald Reißaus nimmt. Vincent wird eingewiesen, darf aber weiterhin malen.

Erst in der zweiten Anstalt wird er verstanden. Dr. Gachet ist selbst ein etwas verschrobener Charakter und verfolgt eigene Theorien: Was soll die Kunst, was darf sie, was nicht? Und dergleichen. Ihm eröffnet Vincent die Existenz des Königs der Schmerzen. Gachet verurteilt diese elende Kreatur, denn sie wisse nichts vom Menschsein. Falls Vincent ihr noch einmal begegne, solle er ihr Bescheid stoßen, was von ihr zu halten sei. Fortan bewaffnet sich Vincent mit einem Gewehr.

Tatsächlich begegnet er dem König der Schmerzen 1891 ein letztes Mal. Es war abzusehen gewesen, denn die schwarzen Vögel versammelten sich über den korngelben Feldern wie schwarze Mäntel aus Schmerz. Als Vincent sie malt, nähert sich die Figur des Königs auf dem roten Weg, der sich durch Felder schlängelt. Da er Herr der Zeit ist und es geschrieben steht, weiß der König der Schmerzen von Vincent bevorstehendem Tod – aber nicht von seinem eigenen. Als der rechte Moment gekommen ist, holt Vincent sein Gewehr hervor, zielt und feuert…

Mein Eindruck

Geradezu surreal und metaphysisch wird es in dieser Künstlernovelle, die 1988, genau hundert Jahre nach der Ankunft Vincents in Arles, veröffentlicht wurde. Hier bietet der Autor eine Erklärung für die grauenerregenden letzten Bilder des Malers: die unheilvollen Krähen über dem Kornfeld, die delirösen Sternenlichter im Nachthimmel.

Science Fiction ist dies, weil eine künftige Weltregierung vorgestellt wird, in der intelligente Maschinen, die in jedem Menschen einen kleinen Ableger besitzen, die Menschheit steuern. Es ist ein Vision, die George Orwell nicht schlimmer hätte zeichnen können, denn die Menschen hören auf, menschlich zu sein und verhalten sich maschinenhaft. Das erkennt sogar Dr. Gachet in seiner Weisheit.

Wer sich nun fragt, wer dieser ominöse „König der Schmerzen“ sein soll, der findet die Antwort alsbald in Vincent selbst. Drei Tage nach dem Schuss erliegt der Schwerverletzte seinen Wunden. Und es wird wahr, was der König ihm prophezeite: Zu Lebzeiten verkaufte der Maler nur ein einziges Bild (Theo jubiliert schreibend), aber im Nachleben erzielten seine Bilder höchste Preise.

10) Lucius Shepard: Der Pfad des Jaguars“ (1985)

Esteban ist vierfacher Vater und mit der einst schönen Incarnación verheiratet. An seinem Nachnamen „Caax“ ist er leicht als Indianer zu erkennen, und das bereitet ihm eine Menge Probleme: In der modernen hispanischen Gesellschaft von Puerto Morada auf Yucatán wird er verachtet und ausgenutzt. So etwa von dem Krämer Onofrio: Estebans Frau hat bei dem Händler einen Fernseher auf Pump gekauft und will die Raten nicht zahlen. Jetzt muss Esteban den Kopf dafür hinhalten.

Onofrio lehnt es ab, den Fernseher zurückzunehmen, sondern verlangt von Esteban, einen Jaguar zu töten, der schon sieben Jägern zum Verhängnis geworden ist, ein echter Killer. Esteban hat von dem Jaguar gehört – bis vor vier Jahren war es sein Beruf, Jaguare zu jagen und sie mit seiner speziellen Methode zu erlegen. Bevor er ja sagt, treibt er den Preis gehörig hoch. Als er Incarnacíon die bezahlte Rechnung vorlegt, verzieht sie keine Miene. Vielleicht hofft sie bereits, nach seinem Tod könne sie eine bessere Partie machen als einen Indio. Onofrios Sohn Raimundo wirft Esteban bereits hasserfüllte Blicke zu…

Estebans Vater hat ihn eindringlich davor gewarnt, sich mit schwarzen Jaguaren anzulegen. Diese bezögen ihre magische Kraft vom Mond und würden jeden Jäger überlisten. Doch Esteban macht sich trotzdem auf den Weg nach Barrio Carolina, eine seit 1947 von der United Fruit Company verlassene Siedlung, die sich nun Onofrio unter den Nagel reißen will. Jaguare würden hier nur stören.

Doch neben Jaguarspuren taucht auch eine schöne junge Frau auf, die sich Miranda nennt und wie Esteban dem Stamm der Patuca angehört. Sie ist so betörend, dass der Jager ihr seine Jagdmethode erklärt. Sie warnt ihn, den Jaguar in Ruhe zu lassen. Nach ihrem Verschwinden wird ihm klar, dass sie eine Todesbotin sein muss. Noch ahnt er nicht, dass der Jaguar und die Frau ein und dasselbe sind. Sie bietet ihm an, ihr ins Reich der Götter zu folgen, denn hier halte ihn nichts mehr.

Als er neun Tage mit ihr verbracht hat, tauchen Onofrio und Raimundo auf, um sich nach seinem Erfolg zu erkundigen. Doch das Treffen endet mit einem Toten und damit, dass Onofrio die Soldaten – allesamt Patucas – holen wird. Die Lage wird für Esteban und den Jaguar immer unhaltbarer…

Mein Eindruck

Shepard versteht es meisterhaft, die mittelamerikanische Szenerie des Dschungels und die Charaktere zum Leben zu erwecken. Dabei verschränkt er die profane Welt des spanischen Honduras mit der magischen der Patuca-Indios, bis es zum entscheidenden Konflikt kommt, in dem Esteban die finale Wahl treffen muss. Was ihm dabei hilft, ist die tiefe Einsicht in die magische, unerklärliche Seite des Lebens.

Unterm Strich

Alle zehn Erzählungen sind Juwelen des Genres, hoch im literarischen Niveau und im geistigen Anspruch an den Leser. Dies ist kein Fast Food, sondern ein Sammlerstück zum Immerwiederlesen. Ich habe jedenfalls sowohl Spaß an „Flucht aus Katmandu“ als auch Mühe mit „Vincent van Gogh“ gehabt. Aber für rund 9 Euro würde man heute solch ein Schatzkästlein phantastischer Prosa nicht mehr angeboten bekommen. Das Einzige, was fehlt, sind Illustrationen. Aber sie hätten den Preis noch erhöht.

Taschenbuch: 715 Seiten
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern.
ISBN-13: 9783453161887

www.heyne.de

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