Woodall, Clive – Vogelherz

_Kampf um Vogelland_

Das Böse ist lautlos und kommt scheinbar aus dem Nichts. Es ist schwarz, verschlagen und schattengleich: Es sind Elstern, treue Diener ihres Führers Slyekin, der ganz Vogelland mit Tod und Verderben überziehen lässt. Die Singvögel sind fast vollständig ausgerottet, die Elstern beherrschen den Himmel über den Menschenstädten. Sie haben unter anderem dem Rotkehlchen Kirrick alles genommen, was es auf der Welt liebte. Doch es nimmt den aussichtslos erscheinenden Kampf auf, Vogelland vor dem völligen Untergang zu bewahren. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Der aus West-Irland stammende Autor Clive Woodall ist allein erziehender Vater und arbeitet als Supermarktangestellter irgendwo in der englischen Grafschaft Hertfordshire. „Vogelherz“ begann als Geschichte, die er abends seinen Söhnen erzählte. Zahlreiche englischen Verlage lehnten das Manuskript ab, bevor es zufällig in die Hände des Produzenten Frank Roddam gelangte. Der war so begeistert, dass er für „Vogelherz“ einen eigenen Verlag gründete und noch vor Erscheinen des Romans die Filmrechte in einem Millionen-Deal an Disney verkaufte. „Vogelherz“ erscheint in 20 Ländern. Der Autor arbeitet vorerst immer noch im Supermarkt, aber nur noch halbtags.

_Handlung_

Das Rotkehlchen Kirrick versteckt sich in einem Gebüsch und beobachtet wachsam den Himmel. Die Jäger sind ihm bereits dicht auf den Fersen: zwei Elstern, die mit ihrem schwarzen Schnabel tödliche Hiebe ausführen können. Von einem kleinen zarten Rotkehlchen würden sie nichts übrig lassen.

Kirrick ist, soweit er weiß, das letzte Rotkehlchen in ganz Vogelland. Seine Familie wurde von den Elstern ebenso ermordet wie fast alle anderen Singvögel. Die Elstern breiten sich und ihre finstere Macht immer mehr aus, spannen alle anderen Rabenvögel für ihre Zwecke ein, bis auch Amseln, Drosseln und selbst die verbreiteten Spatzen vertrieben oder ermordet sind. Den Menschen ist das gleichgültig, vielmehr sind Vögel für sie nur lästige Räuber, die ihnen das Saatgut aus der Ackerscholle stehlen.

Da Kirrick nichts mehr zu verlieren hat, beschließt er mit dem Mut der Verzweiflung, etwas gegen das Töten zu unternehmen. Sobald er den beiden Elstern um Haaresbreite entkommen ist, trifft er eine nette Haubentaucherin, die ihm vom Großen Rat der Vögel erzählt und ihm sagt, wo der Ratsälteste zu finden ist. Dieser weisen Eule namens Tomar klagt er sein Leid und kann ihn zum Verbündeten gewinnen.

|Die Mission|

Tomar schickt ihn auf eine scheinbar unmöglich zu erfüllende Mission. Auf drei schier endlosen Reisen muss Kirrick die Unterstützung der Falken, der Milane, der Adler des Nordens und der Seemöwen der Steilküste gewinnen. Doch wider Erwarten gewinnt Kirrick nicht nur deren Unterstützung, sondern auch die Liebe eines Rotkehlchenweibchens namens Portia, das ebenfalls schon dachte, das letzte Rotkehlchen auf der ganzen Welt zu sein.

|Die Jäger|

Dass die beiden ausgesandten Jäger nicht Kirrick, sondern ein Karnickel getötet haben, merkt aber ihr Hauptmann Traska nur zu schnell. Er lässt die beiden Unfähigen kurzerhand liquidieren. Alles andere hätte seine Autorität untergraben. Allerdings muss er sich nun selbst zum Rapport bei seinem Oberbefehlshaber begeben. Slyekin ist seinem Ziel, ganz Vogelland zu beherrschen, ein großes Stück nähergekommen. Er hat alle Elsternstämme unter sich vereint und die anderen Rabenvögel zur Hilfeleistung verpflichtet. Die Singvögel sind praktisch ausgerottet, und während sich die Falken und Milane heraushalten, leisten nur die Adler des Nordens Widerstand. Aber das kann Slykin im Grunde schnuppe sein, denn die Adler sind viel zu wenige, um zu zählen.

Worauf es Slyekin wirklich ankommt, ist der Ältestenrat von Vogelland. Durch List, Tücke und brutale Gewalt lässt er ein Mitglied nach dem anderen entführen und in sein Hauptquartier schaffen. Sie sollen ihm alle am Tag des großen Festes, wenn er sich zum König von Vogelland krönen lässt, seine Zehen küssen!

Traska putzt er erst gehörig herunter, dann schickt er ihn auf zwei Geheimmissionen: 1) Kirrick muss gefunden und getötet werden, und 2) soll Traska den Ratsältesten Tomar festnehmen und herschaffen. Denn Slyekin war einst selbst ein Adept des Rates und kennt alle seine Geheimnisse. Wie wunderbar, dass er schon bald an den früheren hochnäsigen Lehrmeistern seine Rache vollziehen kann!

|Wunder dringend gesucht|

Während Traska von der armen Haubentaucherin, die Kirrick half, kaum etwas übrig lässt und eine andere Elster brutal vergewaltigt, um Kirricks Spur folgen zu können, scheint eben dieses Rotkehlchen an der Aufgabe, die Tomar ihm gestellt hat, zu scheitern: Die Falken und Milane wollen nichts von ihm wissen, und die Möwen stehen nur auf Fische.

_Mein Eindruck_

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Meine Inhaltsangabe betrifft also gerade mal das erste Drittel der ersten Hälfte des Buches. Der erste Teil ist wirklich ein fetziger Thriller, der es mit „Unten am Fluss“ von Richard Adams locker aufnehmen kann. Die Story folgt einem klassischen Muster und strebt einem geschickt vorbereiteten Finale zu: der Schlacht um Vogelland. Man kann sie sich wie die „Schlacht der Fünf Armeen“ in Tolkiens „Hobbit“ vorstellen. Hier enden aber schon die Parallelen, denn Bilbo Beutlin ist mit einer ganzen Schar Gefährten unterwegs, doch Kirrick, der Held, hat nur Portia und ein paar Ratgeber – das war’s.

|Zweiter Teil|

Der zweite Teil des Buch bildet die Fortsetzung, die sich in zwei oder sogar drei Handlungsstränge gabelt. Als Traska seinerzeit eine unschuldige Elster vergewaltigte, zeugte er einen Sohn, den seine Mutter zu ihrer Rache benutzte: Venga (von „revenge“, Rache). Während Traska eine zweite Schreckensherrschaft errichtet, sucht Venga nach ihm. Unterdessen versuchen Portia und ein Gefährte im Land jenseits des Meeres nach Vögeln, die das von allen Singvögeln leer gefegte Vogelland wieder besuchen und besiedeln sollen. Was aus Kirrick geworden ist, soll hier nicht verraten werden, um die Spannung nicht zu zerstören.

|Englische Tierabenteuer|

Der erste Teil hat mir ausnehmend gut gefallen, denn Tierabenteuer können die naturverbundenen Engländer ausgezeichnet erzählen, sei es nun Richard Adams, Garry Kilworth – oder eben ein Supermarktverkäufer. Wie der Autor ausgerechnet auf Elstern als die neuen Nazis gekommen ist, bleibt sein Geheimnis, aber wenn man sich in unserer Natur ein wenig umschaut, ist auffällig, dass vor allem Krähen und Elstern unterwegs sind, darüber schwebt dann vielleicht noch ein Mäusebussard. Elstern sind im Unterschied zu Krähen ziemlich vorwitzige Vögel, die auch nicht vor einem Besuch im Vorgarten zurückschrecken. Die „diebische Elster“ ist nicht umsonst eine stehende Redewendung. Dass das Gehirn von Vögeln viel leistungsfähiger ist als man bisher annahm, hat sich erst vor kurzem herausgestellt.

|Der letzte Mohikaner|

Dass ein Einzelner gegen den Tyrannen antritt, ist ja nun nicht gerade die allerneueste Geschichte. Aber dass dieser letzte Mohikaner auf die Unterstützung von Bundesgenossen hoffen kann, ist offenbar keineswegs selbstverständlich. (Hier könnte man müßige politische Parallelen ziehen, aber das überlasse ich kompetenteren Leuten, die spekulieren wollen.)

„One for sorrow, two for joy“, heißt der Originaltitel. Um wirklich Auftrieb zu erhalten, ist die Liebe erforderlich. Portia ist Kirrick anfangs nur eine hilfreiche Gefährtin, doch daraus wird durch die gemeinsam überstandenen Gefahren mehr. Sie wird seine Frau und später Mutter von Kirricks Kindern, die nach seinem Tod den Kampf um Vogelland fortführt.

|Design|

Die duale Einheit aus Frau und Mann, aus Kämpfer und Gefährte wird im Buch-Design wiederholt und bekräftigt. Auf dem Cover und dem eingelegten Lesezeichen sind auf der Vorderseite jeweils ein schwarzer Flügel und auf der Rückseite ein weißer Flügel abgebildet – das erinnert an die Farben der Elster. Auf der Umschlagrückseite sind die zwei Flügel zusammengesetzt zu sehen: Erst jetzt kann das Paar einen Vogel durch die Luft tragen. Mich erinnert dieses Schwarzweiß-Design an das chinesische Yin-Yang-Symbol, das unter anderem auch die Einheit des Männlichen und Weiblichen symbolisiert.

|Schwächen|

Dass das Buchmanuskript von allen Verlagen abgelehnt wurde, liegt höchstwahrscheinlich an den ein oder zwei Vergewaltigungsszenen. So etwas möchte man den Kids offenbar nicht zumuten. Diese Haltung befindet sich im Widerspruch zur englischen Realität, in der auch junge Mädchen (und Jungs) zu Opfer von Vergewaltigung und Schlimmerem werden. Allerdings kann man sich solche brutalen Akte in einem Harry-Potter-Roman nicht vorstellen. Deshalb gehen die Verlage lieber auf Nummer Sicher, um sich den Erfolg nicht zu verbauen. Ob der familienbewusste Filmkonzern Disney eine Vergewaltigung im geplanten Filmprojekt zu zeigen wagt, möchte ich doch stark bezweifeln.

Zur Übersetzung brauche ich nicht viel zu sagen, denn sie schlichtweg makellos. Über den einen oder anderen Druckfehler kann man getrost hinwegsehen.

_Unterm Strich_

Das Tierabenteuer „Vogelherz“ eignet sich meiner Meinung nach erst ab 15 Jahren, denn all die Grausamkeiten, die hier von den brutalen Elstern begangen werden, würde ich nie einem jüngeren Kind zumuten wollen. Aber Kinder ab diesem Alter dürften sich vor allem auf die spannenden Abenteuer Kirricks und seiner Gefährtin Portia konzentrieren und sich damit bestens unterhalten fühlen. Der zweite Teil fällt ein wenig dagegen ab und ist mit seiner komplizierteren Struktur etwas anspruchsvoller. Aber ich hatte nicht das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden, indem ich das Buch las. Es ist halt immer schön, wenn Tyrannen verlieren und untergehen – gerade dann, wenn sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht wähnen. Sauron und Gandalf lassen schön grüßen.

|Originaltitel: One for sorrow, two for joy, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Anja Schünemann|

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