Gloge, Andreas / Sassenberg, Volker – Gabriel Burns – Die, die nicht bluten (Folge 32) (Hörspiel)

_Story:_

Immer noch suchen Joyce Kramer und ihr Kollege Larry Newman in der ruinenartigen Fassade von Vancouver nach den zwei Horizonten, als sie ein Anruf von Steven Burns‘ Verleger Sonny Heseltine erreicht. Dieser verlangt nach dem gesuchten Schriftsteller, dessen Namen immer wieder über die Lippen seiner komatösen Tochter Jana geht, und von dem er sich eine Veränderung von Janas Zustand erhofft. Widerwillig begleitet Joyce Larry an den Lake Louise, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch schon bei ihrer Ankunft muss sich das zerstrittene Duo wundern: Heseltine sieht der Sache gelassener entgegen, als es die Situation eigentlich zulassen sollte. Er stützt sich darauf, dass die übrigen Gäste des Hotels, in denen er und seine Familie untergebracht sind, ebenfalls wieder aus dem Koma erwacht sind. Doch eben diese Leute verhalten sich merkwürdig und scheinen die Gegenwart ihrer Mitmenschen gar nicht richtig zu registrieren. Tamara Green, eine mysteriöse Ermittlerin, die im Zuge dessen ebenfalls auf den Plan kommt, scheint die Lösung parat zu haben. Ihrer Meinung nach handelt es sich beim Verhalten der Hotelgäste um eine Konsequenz aus Nahtoderfahrungen, die mit den Ereignissen in der direkten Umgebung in Verbindung stehen. Und schneller als erhofft werden Larry und Joyce selber mit diesen Begebenheiten konfrontiert …

_Sprecher:_

Erzähler – Jürgen Kluckert
Introerzähler – Hans Paetsch
Sonny Heseltine – Engelbert von Nordhausen
Kumar – Peter Köhler
Larry Newman – Björn Schalla
Joyce Kramer – Bianca Krahl
Jana Heseltine – Andrea Aust
Steven Burns – Bernd Vollbrecht
Mr. Frandan – Dirk Müller
Tamara Green – Kerstin Sanders-Dornseif
Nicolas Skelton – Tobias Kluckert
Bakerman – Ernst Meincke
Schmidt – Andreas Ksienzyk

Idee & Konzeption: Decision Products
Regie: Volker Sassenberg
Musik: Matthias Günthert & Volker Sassenberg
Drehbuch: Andreas Gloge & Decision Products
Tontechnik und Schnitt: Volker Sassenberg & Marc Sander
Illustration: Ingo Masjoshusmann
Grafik: Marion Mühlberg

_Persönlicher Eindruck:_

Es ist schon unglaublich, wie ähnlich und doch so verschieden zwei aufeinanderfolgende Episoden einer Hörspielserie sein können. War „Rand der Gezeiten“ als Quasi-Neuanfang noch ein sehr stiller, Dialog-lastiger Vortrag, der sich zudem dadurch auszeichnete, dass sein Gewicht auf den Schultern anderer Protagonisten getragen wurde, greift die blutige Action in „die, die nicht bluten“ massiver und erschreckender als bislang gewohnt um sich. Zwar wird die Story in erster Linie von ihrer sehr bedrückten Atmosphäre getragen, die sich in diesem Fall zu einem sehr großen Teil auf der beeindruckenden Performance von Erzähler Jürgen Kluckert gründet, doch gerade in der zweiten Hälfte der Haupthandlung werden diverse auditive Splatter-Szenen vorgeführt, die im Hinblick auf die eher stillen Ereignisse der vorherigen Episode irgendwie völlig realitätsfremd wirken – aber eben auch zu „Gabriel Burns“ gehören wie die Butter zum Brot.

Allerdings macht man nicht den Fehler, die Action aus der Hand zu geben und Folge Nr. 32 zu einem einzigen Blutrausch verkommen zu lassen. Dezent und subtil bauen Andreas Gloge und Volker Sassenberg in ihrer stimmungsreichen Inszenierung die Spannung auf, kreieren erschreckende Bilder und ein durch und durch beängstigendes Szenario, welches schließlich über eine kleine Eruption und mehrere Folgebeben zu jenem Grauen führt, welches die Serie nach und nach mit sich trägt, welches gleichzeitig aber selten so stark ausgeprägt war wie in „Die, die nicht bluten“.

Eine weitere Ursache für die Reduzierung der blutigen Action ist indes die Souveränität der beiden Hauptdarsteller, die auch abseits des eigentlichen Protagonisten einen prima Job abliefern, sich mit dieser Position offenbar sogar noch besser arrangieren als kurz zuvor. Vor allem Björn Schalla aka Larry Newman tritt unheimlich selbstbewusst auf und füllt seine Rolle mit jenem rebellischen Charakterzug aus, der in der gegebenen Situation angebracht scheint. Bianca Krahl als Joyce Kramer steht in Nichts nach und bestätigt die wiederholt überzeugende Leistung des gesamten Sprecherteams.

Zu Sound und Effekten braucht man schließlich wohl kaum mehr was zu sagen; das Folgenreich-Team hat die Zügel fest in der Hand und garantiert einmal mehr für ein packendes Hörspiel-Erlebnis vor einem teils recht bombastischen Hintergrund. Neben den Mitarbeitern des LAUSCH-Verlags gibt es derzeit wohl keine Produktionsfirma, die moderne Fantasy/Horror-Storys so mitreißend unterlegt wie diese Damen und Herren. Und da ist „Die, die nicht bluten“ ein weiteres, sehr gutes Beispiel.

Unterm Strich bleibt also eine weitere lohnenswerte Geschichte in der Neverending Story namens „Gabriel Burns“. Zwar wird der Zusammenhang zum vertrackten Hauptstrang nur marginal angerissen, doch gerade in den komplexesten Phasen der Serie freut man sich immer mal wwieder über einen straighteren Beitrag, der mit seinem kompakten Setting Zeit zum Verschnaufen gewährt. Und genau das geschieht in Folge 32, dem nächsten Schmuckstück der ewigen Reihe!

|Audio-CD mit 63 Minuten Spieldauer
ISBN-13: 978-3829122757|
[www.gabriel-burns.net]http://www.gabriel-burns.net
[www.folgenreich.de/gabrielburns]http://www.folgenreich.de/gabrielburns
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_Gabriel Burns bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Grauen Engel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3892
[„Verehrung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3960
[„Bereit (Folge 23)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4015
[„Der Erste der Zehn (Folge 24)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4038
[„… dem Winter folge der Herbst (Folge 25)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4051
[„R. (Folge 26)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4055
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[„Im Kreis des Vertrauens (Folge 28)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4711
[„Zwei Horizonte (Folge 29)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4889
[„Weiß (Folge 30)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5308
[„Rand der Gezeiten (Folge 31“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6616

Gloge, Andreas / Sassenberg, Volker – Gabriel Burns – Rand der Gezeiten (Folge 31) (Hörspiel)

_Story:_

Vancouver gehört offenkundig ebenfalls zu jenen zehn Städten, in denen die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen. Auf Befehl Bakermans begeben sich auch Larry Newman und Jocye Kramer in die kanadische Metropole, deren Leblosigkeit die beiden aus der Fassung bringt. Als sie an den Docks auf Bakermans Kollegen Schmidt treffen, nimmt ihr Besuch immer groteskere Züge an. Schmidt begleitet das Duo auf ein Schiff, von wo aus man auf den plötzlich wiederentdeckten Dampfer ‚Anchorage‘ trifft, der seit 1915 als verschollen gilt. Neugierig erkunden Newman, Kramer und Schmidt das Schiff – und werden Zeugen einiger merkwürdigen, beängstigenden Begebenheiten …

_Sprecher:_

Erzähler – Jürgen Kluckert
Introerzähler – Hans Paetsch
Schmidt – Andreas Ksienzyk
Bakerman – Ernst Meincke
Larry Newman – Björn Schalla
Joyce Kramer – Bianca Krahl
Maureen – Esther Münch
Everett Staunton – Gerald Paradies
weitere: Marei Hofmann & Jaqueline Bretländer

Idee & Konzeption: Decision Products
Regie: Volker Sassenberg
Musik: Matthias Günthert und Volker Sassenbeerg
Drehbuch: Andreas Gloge & Decision Products
Tontechnik und Schnitt: Volker Sassenberg & Marc Sander
Illustration: Ingo Masjoshusmann
Grafik: Marion Mühlberg

_Persönlicher Eindruck:_

Es ergibt eigentlich nicht viel Sinn, in eine solch komplexe Reihe wie die „Gabriel Burns“-Serie einzusteigen, nachdem die Rahmenhandlung bereits derart ausgeufert ist wie in den inzwischen schon 30 veröffentlichten Episoden. Dennoch gibt es ab und an die Möglichkeit, das Pferd von hinten aufzuzäumen und doch noch einen Einstieg zu finden, auch wenn er selbstredend nicht mehr allumfassend sein kann. Folge Nr. 31 gehört zu jenen raren Exemplaren, die quasi als Neuanfang innerhalb des verschachtelten Handlungsstrangs funktioniert, ohne dabei den Anspruch zu erheben, den gesamten Background schon zu kennen. Und auch wenn es letzten Endes empfehlenswert ist, „Gabriel Burns“ von der ersten Sekunde zu verfolgen: Nachzügler haben hier eine neue Chance!

Die Story in „Rand der Gezeiten“ ist derweil relativ zielstrebig aufgebaut, vertieft zwar hin und wieder mit einigen Randnotizen den Gesamtzusammenhang, kann aber inhaltlich durchaus für sich alleine stehen. Entscheidend hierfür ist unter anderem, dass Steven Burns als Hauptakteur gar nicht erst auftaucht und das Spielfeld seinen beiden Kollegen Kramer und Newman überlässt. Dies bedeutet für den eingefleischten Anhänger genügend Zeit, um kurz zu verschnaufen und die übergeordneten Stränge auf sich wirken zu lassen, aber eben auch eine kleine Stütze, um die neuen Handlungseinheiten logisch in den Hauptstrang einzufügen.

Die eigentliche Geschichte dieser Folge ist unterdessen mal wieder ein echtes Highlight, das nicht nur dank seiner gewaltigen Inszenierung hervorsticht. „Rand der Gezeiten“ hat unzählige überraschende Wendepunkte und gefällt mit drei waghalsigen Charakterzeichnungen, die an sich bereits spektakulär genug sind, die Folge zu den nennenswerten innerhalb der Serie zu erklären. Was dann an Bord der Schiffe passiert, unterstreicht gleich mehrere entscheidende Aspekte dieser Reihe: Die Mystery-Fraktion wird beispielsweise mit haufenweise frischem Futter versorgt, die Horror-Begeisterten dürfen sich indes über ein paar krasse Einschnitte freuen, und diejenigen, die einfach den Komplex mögen und ihnen gerne mit weiteren Schmankerln gefüttert sehen, dürfen sich über viele Querverweise freuen, die aber erst zu einem späteren Zeitpunkt an Bedeutung gewinnen werden. Zuletzt überzeugt aber vor allem die Atmosphäre, geschürt natürlich von den starken Effekten, der manchmal klaustrophobischen Gesamtstimmung und natürlich dem wiederholt packenden Soundtrack. Letztlich kommt die Spannung hinzu, die nicht nur innerhalb der Story dauerhaft präsent ist, sondern auch über den Cliffhanger in die Serienzukunft weist. Das ist Prickeln pur, minimalistisch erzählt, aber effektreich verkauft. Insofern wird „Gabriel Burns“ auch weiterhin nicht vorrangig diejenigen begeistern, denen die pure Action am bedeutsamsten ist. Vielmehr ist die Tiefe entscheidend, mit der die Serie vorgetragen wird – und das auch uneingeschränkt in dieser starken 31. Episode!

|Audio-CD mit 55 Minuten Spieldauer
ASIN: B001UNPQLO|
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_Gabriel Burns bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Grauen Engel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3892
[„Verehrung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3960
[„Bereit (Folge 23)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4015
[„Der Erste der Zehn (Folge 24)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4038
[„… dem Winter folge der Herbst (Folge 25)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4051
[„R. (Folge 26)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4055
[„Zwielicht (Folge 27)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4246
[„Im Kreis des Vertrauens (Folge 28)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4711
[„Zwei Horizonte (Folge 29)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4889
[„Weiß (Folge 30)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5308

McDermid, Val – Lied der Sirenen, Das

_Fesselnd: der verhängnisvolle Gesang der Sirene_

Vier Männer werden in Bradfield tot aufgefunden, alle vor ihrer Ermordung auf das Grausamste gefoltert und verstümmelt. Als der Profiler Tony Hill zum Ermittlungsteam von DCI Carol Jordan hinzugezogen wird, gerät er plötzlich selbst ins Visier des Wahnsinnigen und muss ein ganzes psychologisches Können aufbieten, um sein Leben zu retten.

Der Krimi gewann den Gold Dagger Award für den besten Kriminalroman des Jahres 1995.

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association.

„Tony Hill & Carol Jordan“-Reihe:
1) [„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
2) „Schlussblende“
3) „Ein kalter Strom“
4) „Tödliche Worte“

Weitere Romane:

5) [„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
6) [„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
7) [„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
8) „Ein Ort für die Ewigkeit“
9) [„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201

_Handlung_

Detective Inspector Carol Jordan steht neben Detective Sergeant Don Merrick im Regen und starrt auf die grausam verstümmelte Leiche eines Kollegen: Sie weiß es noch nicht, aber es handelt sich um Damian Connolly. Dies ist schon die vierte derart verstümmelte Männerleiche in Bradfield, und immer am Montag taucht alle acht Wochen so eine auf. Connolly wurde zwischen Müllcontainern hinter der Schwulenbar „Queen of Hearts“ gefunden. Gegenüber liegen Künstlerateliers. Hat keiner was gesehen?

Jordans Ermittlergruppe wird zum Versuchskaninchen für die Anwendung der Theorien von Profiler Tony Hill gemacht. Das schmeckt nicht jedem, aber Jordan ist bereit, es mit Hills Serientätertheorien zu versuchen. Vielleicht kommen sie ja damit weiter. Tom Cross hingegen hält nichts von Hills Methode, und das wird zu tragischen Konsequenzen führen.

Während Jordan und Hill die vier Fälle durchgehen, kommen sie einander näher, denn beide sind ledig. Als sie ihn einmal besucht, und eine Frau mit einer verführerischen Stimme auf seinen Anrufbeantworter spricht, ist sie peinlich berührt und will gehen, weil sie nicht in sein Privatleben eindringen will. Er wehrt ab, denn bei der Frau, mit der er Telefonsex hat, handle es sich um ein wissenschaftliches Projekt. Er sagt nicht, dass es für ihn auch eine Therapie seiner Erektionsprobleme darstellt. Das sagt er ihr erst, als alles vorüber ist.

Als Don Merrick in einer Sadomaso-Bar einen Typen ablehnt und von einem anderen angesprochen wird, wird dies zu einem Durchbruch. Fitnessstudiobetreiber Stevie behauptet, er habe alle vier Opfer gekannt; da sie alle nicht schwul waren, halte er die Morde für „Betriebsunfälle“. Na, so was. Ist er vielleicht der Schwulenkiller, den die Sensationspresse „Handy Andy“ getauft hat? Kaum hat Don mit Stevie das Lokal verlassen, um ihn aufs Revier zu nehmen, wird er jedoch von hinten niedergeschlagen.

Zum Glück sind Kollegen ganz in der Nähe, die sowohl den Angreifer als auch Stevie festnehmen. In der Vernehmung sieht es immer schlechter aus für Stevie, und die Durchsuchung seiner Wohnung fördert noch mehr belastendes Material zutage. Dabei wollte er der Polizei doch bloß helfen. Assistant Chief Constable Brandon lässt ihn frei, weil die Beweise nicht ausreichen.

Tom Cross ist schwer frustiert und wird sogar suspendiert. Er ist sicher, „Handy Andy“ erwischt zu haben und sagt dies auch gegenüber einer Sensationsreporterin: Eine Herausforderung an den wahren Killer, falls es ihn gibt. Nach einem Fluchtversuch kommt Stevie in U-Haft und wird dort vergewaltigt.

Eine fünfte Leiche taucht auf, die sich als Werk eines Trittbrettfahrers erweist. Die Lage in Bradfield gerät offenbar außer Kontrolle. Unterdessen sieht Stevie McConnell nur noch einen Ausweg, Jordan erzielt einen Durchbruch und Tony Hill erhält überraschenden Besuch von der verführerischen Frau am Telefon: Angelica will jetzt mehr als nur mit ihm reden …

_Mein Eindruck_

In diesem Krimi führt die bekannte britische Autorin das Gespann Carol Jordan und Tony Hill erstmals zusammen. Und die beiden erweisen sich als äußerst effektiv in ihrer Zusammenarbeit. Zudem kommen sie sich auch privat recht nahe, doch Tony Hill ist kein einfacher Charakter, er verbirgt etwas vor ihr. Nicht nur wird er als empfindsamer Mensch (wie wir alle) dargestellt, sondern auch noch mit einer verhängnisvollen Neigung: Telefonsex. Er ist keineswegs süchtig, doch was die Dame Angelica ihm bietet, ist zu gut, um es ablehnen zu können. Dass er bereits auf ihr „Lied der Sirenen“ hereingefallen ist, bemerkt er leider zu spät. Mehr darf nicht verraten werden.

Carol hat von ihm den Tipp bekommen, dass der wahre Täter – und nicht etwa Stevie McConnell – etwas mit Computern und Kommunikationselektronik zu tun haben könnte. Zum Glück ist Carols Bruder Michael einschlägig vorbelastet und vermittelt entsprechende Kontakte. Es geht um ein interessantes Spiel namens 3D-Discovery, bei dem der Spieler die Köpfe der Figuren durch Fotos von realen Personen ersetzen kann. Cool, nicht wahr? Doch wenn diese Personen bereits getötete Opfer sind, erhält das Spiel seinen ganz eigenen, makaberen Charakter.

Die Autorin zeichnet sich durch ein besonders tiefes Verständnis für die Polizeiarbeit aus, wie sie schon mehrfach bewiesen hat. Diesmal zeigt sie, wie sich bestimmte Polizisten so in eine falsche Annahme verrennen und auf einen falschen Verdächtigen festlegen können, dass nicht nur die Arbeit der Cops behindert wird, sondern auch ein Unschuldiger zu Tode kommt. Die (sehr realistisch dargestellten) Schreie des vergewaltigten Stevie McConnell hätten verhindert werden können, wenn gewisse Cops nicht so stur gewesen wären – oder wenn der Druck der Öffentlichkeit geringer wäre.

Hier spielen die Medien eine ganz besondere Rolle. In ihrer Jagd nach einer heißen Story übt die Reporterin Penny Burgess nicht nur Druck auf die Polizeiführung aus, sondern interviewt auch die Leute mit der falschen Meinung. Sie scheut sich auch nicht, mit Cops ins Bett zu gehen. Dabei erfährt sie dann auch noch, wie die Polizeiführung die Presse an der Nase herumführt. Prächtig! Dass Penny Burgess davon nicht entzückt ist, kann man sich denken. Leider ist ihre Arbeit alles andere als konstruktiv bei der Auffindung des wahren Täters. Ja, perfiderweise gibt sie auch noch einem Trittbrettfahrer den nötigen Vorwand, um einen Mord einem anderen in die Schuhe zu schieben.

Die Handlung gipfelt in einer packenden Szene, in der Tony Hill alle seine kunstvolle Psychologie aufbieten muss, um seinen Hals zu retten. Denn Angelica ist eine Sirene, die wie in Homers Odyssee auf einer Insel lebt, die mit Knochen bedeckt ist …

_Unterm Strich_

Die Handlungsbeschreibung klingt nicht so, als ginge es hier um etwas Weltbewegendes, doch der Eindruck täuscht. Es geht um eine Art Justizirrtum, dem ein Unschuldiger zum Opfer fällt. Die Ermittlungen in der Randgruppe der Homosexuellen und Sadomasos fordert die Cops ganz besonders heraus, auch im physischen Einsatz. Mit einem sehr ungewöhnlichen Täter führt die Autorin nicht nur die Cops lange an der Nase herum.

Und in diesem Krimi führt die Autorin erstmals das erfolgreiche Ermittlergespann Tony Hill, seines Zeichens Profiler, und Carol Jordan, die taffe und aufstrebende Polizistin zusammen, nicht nur beruflich, sondern auch privat. Wenn ich mich nicht täusche, bekam „Tony Hill“ im britischen Fernsehen mit „Die Methode Hill“ eine eigene Fernsehserie, die auch bei uns erfolgreich im ZDF lief.

|Taschenbuch: 479 Seiten
Originaltitel: The Mermaids Singing (1995)
Aus dem Englischen von Manes H. Grünwald
ISBN-13: 978-3426624296|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

Marten, Helena – Porzellanmalerin, Die

_Inhalt_

Meißen, 1750: Die Eltern der 20-jährigen Friederike eröffnen ihrer Tochter, dass sie einen wohlhabenden Kaufmann heiraten soll, um die verschuldete Familie aus der Misere zu retten. Das klingt ja alles soweit ganz logisch, aber das Mädchen mag den Mann nicht und findet es unfair, dass ihre Eltern, die sich selbst eine Liebesheirat erlaubt hatten, sie zu einem solchen Schritt zwingen wollen.

Außerdem könnte sie, wäre sie erst einmal verheiratet, wohl kaum mehr ihrer heimlichen Leidenschaft nachgehen, der Porzellanmalerei. Ihr Bruder Georg ist Porzellanmaler, verbringt seine Zeit aber lieber auf angenehmere Art und Weise als mit feinen Pinseln und Figuren, darum hat er nichts dagegen, wenn seine Schwester ihm heimlich die Arbeit abnimmt. Er bekommt das Lob, sie die Erfahrung, und damit sind beide zufrieden. Das ginge natürlich in der arrangierten Ehe nicht mehr, und auch mit ihrer heimlichen Schwärmerei für einen Freund des Bruders, Caspar Ebersberg, wäre es dann vorbei.

Mit einem Mal aber ist es nicht nur die drohende Ehe, die Friederike bedrückt: Georg benimmt sich zunehmend seltsam, ihre beste Freundin behauptet, auf einmal in ihn verliebt zu sein, und plötzlich sieht Friederike sich völlig isoliert. Statt sich aber in ihr Schicksal und in die arrangierte Ehe zu fügen, tauscht sie ihre Röcke gegen Hosen und die Identität der Friederike gegen die des Friedrich Christian Rütgers. Als Mann verkleidet macht sie sich auf nach Höchst, um bei der Konkurrenz Arbeit zu finden – die Manufaktur hier ist jünger als die in Meißen, und erfahrene Porzellanmaler werden immer gesucht.

Allein der Weg ist jedoch schon abenteuerlich, und Friederike geht schmerzlich auf, dass sie trotz Hosen noch immer eine Frau ist. Um ihr das vor Augen zu führen, braucht es nur einen mysteriösen Italiener und einen hilfsbereiten Fremden. In Höchst schließlich holt sie die Vergangenheit ein, auf eine Art und Weise, die sie sich in ihren Träumen nicht hat ausmalen können, und dann fordert ihre wahre Natur unerbittlich einen Tribut für die lange Zeit der Unterdrückung …

_Kritk_

Die Beschreibungen des Berufs eines Porzellanmalers, der Feinheiten der Farbgewinnung und der Schwierigkeiten, das richtige Verfahren für die Nutzung von Brennöfen zu finden, sind interessant zu lesen und gut gelungen. Hier haben die beiden Autorinnen, die sich hinter dem Pseudonym Helena Marten verbergen, bei der Recherche sorgfältige Arbeit geleistet.

Stilistisch ist „Die Porzellanmalerin“ kein Wunderwerk, aber man eckt auch nicht gedanklich an, während man sich durch die Geschichte einer schönen jungen Frau liest, die in Männerkleidern vor einer arrangierten Heirat flieht, sich in ihrem Beruf behauptet und verschiedene historische Persönlichkeiten trifft.

Habt ihr das Gefühl, dass ihr die Handlung kennt? Bei mir läutete da so etwas. Natürlich muss man zu derartigen Unkonventionalitäten Zugriff nehmen, wenn man eine Protagonistin haben möchte, während man doch über eine Zeit schreibt, in der den wenigsten Frauen etwas Beschreibenswertes geschah. Nur wenn man schon auf so ausgetretenen Pfaden wandelt, dann muss der Rest des Werks schon sehr überzeugen, um den Gesamteindruck zu retten, und das tut er leider nicht. Zu viele Klischees sammeln sich hier zwischen den Buchdeckeln: Die jahrelang als Mann überzeugende Heldin ist in ihrer Frauenrolle natürlich eine total feminine Schönheit, harte Schicksalsschläge wechseln sich ab mit wilden Leidenschaften, die Bösewichte sind wirklich total niederträchtig und schurkisch, die bösen Weiber schrecklich lasterhaft, während es selbstredend auf der anderen Seite die beste Freundin der Welt gibt und die einzig wahre große Liebe. Und einen sehr schlecht erzogenen König, ja, den auch. Von großer Stringenz in der Charakterbildung der Heroine kann leider ebenfalls keine Rede sein.

_Fazit_

„Die Porzellanmalerin“ ist ein Buch, an das man achselzuckend zurückdenkt, vielleicht mit dem Gedanken: „ganz nett“. Aber es ist wirklich nur etwas für seichte Stunden, zum Abschalten, vielleicht wenn man verkatert ist oder so, denn wenn man mit dem Anspruch herangeht, überzeugende Charaktere vor einer informativen historischen Kulisse kennenzulernen, wird man hier doch zuverlässig enttäuscht.

|Gebundene Ausgabe: 624 Seiten
ISBN-13: 978-3453290617|
[www.randomhouse.de/diana]http://www.randomhouse.de/diana

Lossau, Jens / Schumacher, Jens – Orksammler, Der

_Inhalt_

Meister Hippolit und der Troll Jorge sind alles andere als begeistert: Nachdem sie eben erst ihren wohlverdienten Urlaub angetreten haben, werden sie schon wieder zum nächsten Fall abkommandiert. Diesmal geht es in ein Grenzgebiet des Reiches Sdoom, in dem ein Heerlager auf Verstärkung wartet. Die hier versammelten Teile der Gesamtarmee sind bunt gemischt; dass das nicht ohne Reibereien abgeht, versteht sich von selbst. Aber die systematische Dezimierung, die das orkische Berufsheer gerade erfährt, lässt sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf rassische Differenzen zurückführen: Beinahe Nacht für Nacht verschwindet einer der Soldaten, um später mit geöffnetem Brustkorb und fehlendem Herzen aufgefunden zu werden.

Die Angst schleicht durch die Reihen des Heeres, Gerüchte werden laut: Nur ein magisches Wesen kann derart kampfgestählte Krieger reihenweise hinwegraffen. Ob der mysteriöse Orksammler sich erhoben hat? War das nicht eigentlich nur eine Sagengestalt, mit der Orkmütter ihrem ungezogenen Nachwuchs Angst einjagten? Aber was könnte es sonst sein?

Ehe totale Panik im Heerlager ausbrechen und den anstehenden Krieg gefährden kann, reagiert die Regierung in Nophelet und schickt das beste Ermittlerteam des |Instituts für angewandte investigative Thaumaturgie| an den Tatort. Und so landen Hippolit und Jorge in der Steinwüste vor Torrlem, der düsteren Totenstadt des sdoomschen Reiches. Und hier, zwischen zahllosen Leichen und panischen Noch-Lebenden, zwischen Drohung, Lockung und neuen Freunden, entfaltet sich langsam ein Fall von Archaik, Verblendung und totaler Gewissenlosigkeit, der die beiden Ermittler auf eine harte Probe stellt und sie in eine Gefahr bringt, mit der sie beim besten Willen nicht haben rechnen können und auf die sie so nicht vorbereitet waren …

_Kritik_

Das |duo congeniale| der neuen deutschen Fantasy ist zurück. Das ist schon mal schön. Schöner aber ist noch, dass „Der Orksammler“ den „Elbenschlächter“ noch einmal toppt: Während man sich im ersten Band erstmal ein wenig tastend in der neuen Welt voranbewegte, findet man sich in Band Zwei bedeutend schneller zurecht, auch, wenn der Schauplatz ein anderer ist; statt mit der wimmelnden Metropole Nophelet muss man sich hier mit der Friedhofsstadt Torrlem vertraut machen. Das fällt aber leicht: Die Beschreibungen der Wüste von Torr und vor allem der düsteren Totenstadt sind eingängig und beeindruckend bedrückend gelungen, und wie gehabt lassen die beiden Autoren sich keine Chance entgehen, um alltägliche Ekelhaftigkeiten zu schildern. In Verbindung mit der sorgfältig ausgearbeiteten alternativen Realität Sdooms (historisch, geographisch, biologisch, politisch) entsteht dadurch ein facettenreiches Hintergrundbild aus düster-bunten Farben, vor dem die beiden Protagonisten agieren. Das Zusammenspiel des feingeistig-nervösen Hippolit, der immerzu mit den Beeinträchtigungen durch seinen schmächtigen Albinokörper zu kämpfen hat, und des meist gutgelaunten, versoffenen Haudraufs mit dem goldenen Herzen Jorge ist ganz besonders gelungen und bereitet zuverlässig Vergnügen. Dass die beiden als Kollegen quasi eine Symbiose eingehen müssen und sich trotz aller himmelweiter Unterschiede doch zugetan sind, lässt für die nächsten Bände das Beste hoffen.

Mit der noch jungen Reihe der Kriminalfantasy um Hippolit und Jorge vom IAIT haben Lossau und Schumacher sich kein geringeres Ziel gesetzt, als die Möglichkeiten, die ein so regelloses Gebiet wie die Fantasy bietet, tiefer auszuschöpfen, als das bisher geschehen ist. Hinter diesen Punkt auf der To-do-Liste können sie schon mal einen Haken setzen: Die ersten beiden Fälle des Ermittlerduos pusten schon kräftig den Staub aus den Fantasyregalen, brechen starre Traditionen auf und zwingen den Leser, altbekannte „Wirklichkeiten“ (was ja im Bereich der Fantasy eigentlich Quatsch ist, bei Licht betrachtet), aus neuen Blickwinkeln in Augenschein zu nehmen. Und das ist nicht nur eine philosophische Herangehensweise, sondern auch ganz schön interessant und gut gemacht.

_Fazit_

Dem gibt es nur mehr wenig hinzuzufügen. „Der Orksammler“ bekommt einen Doppeldaumen und ihr von mir den Tipp: Lesen, lachen, weiterverfolgen. Es lohnt sich, ehrlich!

|Broschiert: 360 Seiten
ISBN-13: 978-3802582585|
[www.egmont-lyx.de]http://www.egmont-lyx.de
[www.jenslossau.de]http://www.jenslossau.de
[www.jensschumacher.eu]http://www.jensschumacher.eu

_Jens Schumacher & Jens Lossau bei |Buchwurm.info|:_
[„Das Mahnkopff-Prinzip (Magic Edition, Band 4)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1957
[„Der Elbenschlächter“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6361

Clifford D. Simak – Planet zu verkaufen

simak-planet-cover-tt-113-kleinDiese außerirdische Invasion ist besonders tückisch, weil sie sich einer US-amerikanischen Ur-Tugend – der Gier nach dem schnellen Geld – bedient: Die Aliens kaufen den Planeten Erde und seine Bewohner buchstäblich auf. Als ihnen ein Journalist auf die Spur kommt, reagieren sie ungemütlich … – SF-Großmeister Simak variiert die bekannte Geschichte von der Invasion aus dem All ebenso einfallsreich wie witzig; sympathische Figuren und eine nostalgisch verklärte Handlungs-‚Gegenwart‘ runden diese gewaltarme und trotzdem spannende Geschichte unterhaltsam ab.
Clifford D. Simak – Planet zu verkaufen weiterlesen

Margie Orford – Todestanz

Inhalt

Dr. Clare Hart geht einem schwierigen Beruf nach: Sie sucht vermisste Kinder. Häufig genug findet sie sie, und fast immer sind sie bereits tot. Ihr Job hinterlässt seine Spuren, aufhören kann sie indes nicht: Südafrika ist ein hartes Pflaster, und nachdem sie weiß, was tagtäglich geschieht, kann sie die Augen vor dem Elend nicht mehr verschließen.

Ein anderer, der das Elend kennt, ist Riedwaan Faizal, Polizist und Ermittler in einer Eliteeinheit, die sich dem Kampf gegen die Bandenkriminalität verschrieben hat. Diesem Kampf ist seine Ehe zum Opfer gefallen – seine Frau hat sich von ihm scheiden lassen, und als sie ihm eines Tages verweigerte, seine Tochter Yasmin zu sehen, hat er das Mädchen aus Verzweiflung entführt. Wie dumm das tatsächlich war, stellt sich heraus, als Yasmin eines Abends nach dem Ballettunterricht spurlos verschwindet: Niemand glaubt daran, dass Riedwaan seine Tochter nicht irgendwo versteckt hat, um ihren bevorstehenden Umzug mit der Mutter nach Kanada zu verhindern.

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McDermid, Val – Erfinder des Todes, Die

_Der Autorenkiller: eine makabre Art von Literaturkritik?_

Eine Mordserie rafft einen bekannten Krimiautor Englands nach dem anderen dahin, pikanterweise nach genau jener Methode, die die Betroffenen zuvor in ihren Büchern so eloquent geschildert haben. Verwechselt der Täter etwa Dichtung und Wahrheit?
Profilerin Fiona Cameron bangt zunehmend um ihren Lebensgefährten, den Thrillerautor Kit Martin. Schon bald bewahrheiten sich ihre schlimmsten Alpträume. Und die Polizei ist natürlich wieder mal auf dem Holzweg …

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association.

„Tony Hill & Carol Jordan“-Reihe:
1) [„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
2) „Schlussblende“
3) „Ein kalter Strom“
4) „Tödliche Worte“

Weitere Romane:

5) [„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
6) [„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
7) [„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
8) „Ein Ort für die Ewigkeit“
9) [„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201

_Handlung_

Fiona Cameron ist Profilerin und hat als Täterpsychologin mit ihren Tipps der Metropolitan Police schon so manchen Serientäter finden helfen. Seit ihr kleine Schwester Leslie vor Jahren ermordet wurde, ohne dass man den Täter aufspüren konnte, lastet ein dunkler Schatten – ihre Dämonen – auf Fionas Seele. Die Tätigkeit als Profilerin verschafft ihr Erlösung. Bislang hat sie hervorragend mit Steve Preston zusammengearbeitet, doch seit dem letzten Fall gehen sie getrennte Wege.

Als der „Hampstead-Heath-Mörder“ soll Francis Blake in diesem Londoner Park Susan Blanchett, Mutter von Zwillingen, vergewaltigt und ermordet haben. Allerdings wird Blake vor dem Gericht Old Bailey freigesprochen. Der Grund: Die Polizei, also Preston, habe unlautere Ermittlungsmethoden eingesetzt. Blake, der acht Monate lang in Haft war, fordert Entschädigung für die Zerstörung seines Lebens. Kann man ihm nicht verdenken, deshalb wird er überwacht. Er wird später noch wichtig.

Während Steve Preston also immer noch den wahren Mörder Susan Blanchetts und anderer Vergewaltigungsopfer sucht, beunruhigt Fiona Cameron eine andere Serie von Morden. In Edinburgh wurde der schwule Krimiautor Drew Shand ermordet aufgefunden. Seltsamer folgte der Tathergang fast genau jenem Szenario, das Shand in seinem Serienkiller-Roman „Copycat“ gezeichnet hatte – die Morde Jack the Rippers. Dieser Mord erschüttert Fionas Lebensgefährten: Kit Martin ist selbst Krimiautor und war Shands Kumpel. Erst Fionas Besorgnis um ihn führt ihm die Möglichkeit vor Augen, selbst zum Ziel des Killers zu werden.

Als sowohl er als auch seine Kollegin Georgia lester einen Drohbrief erhalten, ist Fiona verständlicherweise alarmiert. Angeblich sollen die beiden Arbeiten kopiert haben – Blödsinn. Im Internet findet sie die Site „Murder behind the headlines“ (Mord hinter den Schlagzeilen) und stößt auf weitere Informationen. Weniger später wird die Autorin Jane Elias tot aufgefunden – ermordet nach einem Schema aus ihrem Roman „Death on arrival“.

Als auch Georgia vermisst wird, schaltet Fiona Chefinspektorin Duvall von der Metropolitan Police ein. Doch die springt auf einen Typen an, der ihre Pressekonferenz massiv stört, indem er sich als Urheber der Mordserie an Krimiautoren denunziert. Dieser Charles Radford lenkt die Duvall derartig ab, dass sie wichtige Hinweise in andere Richtung missachtet. Steve Preston ist es mit Hilfe einer von Fiona empfohlenen Profilerin, Terry Fowler, gelungen, einen Verdächtigen, einzukreisen: Gerard Coyle könnte der wahre „Hampstead-Heath-Mörder“ sein.

Die Lage spitzt sich dramatisch zu, als Fiona in Edinburgh weilt: Ihr Geliebter Kit Martin wird entführt und soll nach dem Schema aus seinem Roman „The blood painter“ in einem Ferienhaus sterben: Der Täter will ihm das Blut so lange abnehmen und damit die Wände bemalen, bis das Opfer stirbt. Als Fiona die Gefahr erkennt, in der Kit schwebt, ist es schon fast zu spät.

Kann sie noch rechtzeitig zu Kit gelangen, um seinen Tod zu verhindern? Und wer verbirgt sich hinter seinem Entführer?

_Mein Eindruck_

„Die Erfinder des Todes“ ist ein wirklich ausgefuchst clever konstruierter Thriller, der aber einem bekannten Strickmuster folgt. Man führe den Leser auf eine Fährte, die sich zunächst als Irrweg erweist. Dann stelle man eine zweite, scheinbar separate Serie von Taten in den Vordergrund, der von Fährte Nummer 1 ablenkt. Irgendwann werden sich die beiden Handlungsstränge derartig negativ stören, dass der Leser wirklich mit der Hauptfigur – in diesem Fall Fiona – zu zweifeln beginnt, ob das alles noch gut ausgehen kann. An diesem Punkt lasse man der Action sämtliche Zügel schießen, bis es einen oder besser noch zwei Showdowns geben kann.

Val McDermid folgt dem vielfach erprobten Strickmuster auf sehr erfolgreiche Weise. Allerdings ist ihr Anliegen ein ganz anderes, als irgendwelche blutigen Morde bis ins Detail zu schildern, zu sezieren und aufzuklären, wie das etwa Thomas Harris („Das Schweigen der Lämmer“) gemacht hat.

Denn diesmal geraten die Krimiautoren als „Erfinder des Todes“ selbst in die Schusslinie. Und die letzten Absätze, in denen Fiona Resümee zieht, machen klar, warum der Täter die Autoren auf dem Kieker hat. Sie machen die Profiler zu allmächtigen Halbgöttern, die zu allem fähig sind. Und wenn sie dann bizarrste Serienmorde aufklären, glauben die Leser – und später die Kino- und TV-Zuschauer der Verfilmungen – sogar noch, dass die Morde nicht so schlimm sein können: Es gibt ja Leute, die sie aufklären und die Täter der Gerechtigkeit zuführen können.

Der Autorenkiller übt eine makabre Art von Literaturkritik: Er demonstriert den Autoren am eigenen Leibe, wie es sich anfühlt, selbst à la livre ermordet zu werden. Das hat einen gewissen ironischen Charme. Aber es verdeckt das ernsthafte Anliegen der Autorin, die Leser aufzurütteln, zwischen erfundenen und realen Morden und Polizisten bzw. Profilern zu unterscheiden. Man kann ihr zum Vorwurf machen, sie setze selbst die kritisierten Methoden ein. Das haut aber nicht hin, denn weder schildert sie die Greueltaten noch werden diese schon verfilmt.

_Unterm Strich_

„Die Erfinder des Todes“ ist ein ungewöhnlich spannendes Krimiwerk. Geschrieben von einer Kennerin sowohl der Polizeiarbeit wie auch der Krimischreibergemeinde, weiß das Buch sowohl zu unterhalten als auch aufzuklären. Und der actionreiche Showdown in den schottischen Bergen schadet auch nicht. Ich kann das Buch jedem Krimi- und natürlich jedem McDermid-Fan wärmstens empfehlen.

|Taschenbuch: 540 Seiten
Originaltitel: Killing the Shadows (2000)
Aus dem US-Englischen von Doris Styron
ISBN-13: 978-3426622476|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

McDermid, Val – Schlussblende

_Die Methode Hill: vorhersehbar, aber spannend & beklemmend_

Es gibt nichts Schrecklicheres, als die Wahrheit zu kennen, und niemand hört zu. Die junge Polizistin Shaz Bowman ist Mitglied eines Elite-Polizeiteams, das das Verschwinden von 30 Mädchen aufklären soll. Als sie einen berühmten TV-Star verdächtigt, wird sie ausgelacht – und wenig später ermordet. Für den Profiler Tony Hill beginnt ein persönlicher Rachefeldzug, bei dem nicht klar ist, wer Jäger und wer Gejagter ist.

_Die Autorin_

Die 1955 geborene Val McDermid wuchs in Kirkcaldy, einem schottischen Bergbaugebiet nahe St. Andrews, auf und studierte dann Englisch in Oxford. Nach Jahren als Literaturdozentin und als Journalistin bei namhaften englischen Zeitungen lebt sie heute als freie Schriftstellerin in Manchester und an der Nordseeküste. Sie gilt als eine der interessantesten neuen britischen Autorinnen im Spannungsgenre – und ist außerdem Krimikritikerin. Ihre Bücher erscheinen weltweit in 20 Sprachen. Für „Das Lied der Sirenen“ erhielt sie 1995 den Gold Dagger Award der britischen Crime Writers‘ Association.

„Tony Hill & Carol Jordan“-Reihe:
1) [„Das Lied der Sirenen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1498
2) _“Schlussblende“_
3) „Ein kalter Strom“
4) „Tödliche Worte“

Weitere Romane:

5) [„Echo einer Winternacht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=703
6) [„Die Erfinder des Todes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2602
7) [„Das Moor des Vergessens“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6607
8) „Ein Ort für die Ewigkeit“
9) [„Nacht unter Tag“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6201

_Handlung_

Die Polizistin Carol Jordan und ihr Exfreund, der Profiler Tony Hill, gehen wieder getrennte Wege. Carol leitet eine Polizeidienststelle im ländlichen Seaford, West Yorkshire, als dort eine Serie von Brandstiftungen erfolgt und „die Neue“ ganz schlecht dastehen lässt. Sie wird sowieso von ihren Kollegen kritisch beäugt. Ihr Förderer und Mentor, Polizeichef John Brandon, empfiehlt ihr, einen Profiler hinzuzuziehen, doch beim Gedanken an eine Wiederbegegnung mit Tony sträubt sich alles in ihr. Sie setzt vorerst auf Überwachung und Beschattung, doch als dabei eine Polizistin vom Brandstifter getötet wird, regt sich ihr Gewissen, und sie gibt sich selbst die Schuld.

|Der Profiler|

Unterdessen kommt Tony Hill mit seinem Lehrkurs „Profiling von Serientätern“ ganz gut voran. Er ist jetzt einer Sondereinheit zugeteilt. Die Polizisten in seinem Kurs sind jung und ehrgeizig, jedenfalls die meisten. Er ahnt nicht, dass Sharon „Shaz“ Bowman in ihn verliebt ist und herausgefunden hat, dass er in Bradfield selbst zum Opfer eines Sexualmörders geworden ist (siehe „Das Lied der Sirenen“). Er gibt den Kursteilnehmern eine knifflige Aufgabe aus dem echten Leben.

Carols Besuch überrascht ihn positiv, doch er lädt sie gleich dazu ein, als kompetente Frau vom Fach an dem Kurs teilzunehmen und die Leistungen zu beurteilen. Leon Jackson, einer der Teilnehmer, liefert keine besonders überzeugende Analyse ab, doch Shaz Bowman tritt mit einer überzeugenden Analyse auf: Sieben Teenagermädchen wurden in den letzten sechs Jahren ermordet, die alle Ähnlichkeiten aufweisen, so etwa in ihrem sozialen Umfeld und in ihrem Aussehen. Hinzukommt ein bemerkenswerter externer Faktor: Sie alle besuchten kurz zuvor eine der Wohltätigkeitsveranstaltungen des ehemaligen Spitzensportlers Jacko Vance.

Leon und Co. finden diesen Verdacht absurd. Seine Frau hätte doch was merken müssen oder? Na, also. Vergessen wir’s. Aber Shaz vergisst nicht. Vielmehr ruft sie Chris Devine an, eine Freundin, die schon mal mit Jacko Vance zu tun hatte und dessen Sekretärin Betsy kennt: Chris und Betsy sind lesbisch. Als Shaz die Telefonnummer von Vance erbittet, warnt Chris sie vor möglichen Folgen.

Am Montag darauf will Simon McNeal, Shaz‘ Freund, Tony Hill sprechen: Er sorgt sich um Shaz. Sie ist nicht zu vereinbarten Dates gekommen. Sie fahren zusammen zu Shaz‘ Wohnung und entdecken eine grausam zugerichtete Leiche. Der toten Shaz fehlen die Augen und die Ohren. Auf ihrem Bauch liegt ein Computerausdruck: Er zeigt die drei weisen Affen, die nicht sehen, nichts hören und nichts sagen. Eine deutliche Warnung!

|Die Gefangene|

Unterdessen hockt Donna Doyle, eine junge Schülerin aus Northumberland, wimmernd vor Angst in einer finsteren Zelle. Sie tadelt sich selbst, dass sie ins Auto dieses Mannes gestiegen ist, angetan mit ihrem besten Kleid. Aber was er dann in seiner Werkstatt mit ihr getan hat … Ihr zerquetschter Unterarm beginnt sich zu entzünden. Sie hat Hunger und Durst. Wird sie jemand rechtzeitig finden?

_Mein Eindruck_

Der Fall führt Tony Hill und seine Schüler auf die Spur eines Serienmörders, der sich hinter seiner Fassade eines prominenten TV-Stars und Exspitzensportlers verschanzt. Kein Wunder, dass sich unterbelichtete Superintendents wie der Schotte McCormack – wunderbar borniert dargestellt von Detelf Bierstedt – nicht an den Promi rantraut, und wenn überhaupt, lässt er sich gleich einwickeln. Er hat vielmehr die Klasse von Tony Hill auf dem Kieker, und nur weil er Hill nichts anhaben kann – Hill ist kein Cop – lässt er ihn (vorerst) laufen. Stattdessen gibt er eine Fahndung nach Shaz Bowmans Freund Simon raus. McCormick ist ein typischer Aktionist: Solange es so aussieht, als täte er was, ist alles in Ordnung, auch wenn es das Falsche ist.

Der Fall führt aber auch Tony Hill und Carol Jordan erneut zusammen, und das auf eine unerwartet romantische Weise. Sie stellen erstaunt fest, dass sie nicht nur einiges füreinander übrighaben, sondern dass sie sich gegenseitig in der Bewältigung der Arbeit helfen können. Schließlich führt dann die letzte heiße Spur zum Versteck des Mörders, und dieses liegt, wie es der Zufall und die Autorin wollen, beinahe im Zuständigkeitsbereich von Carol Jordan.

Die Spannung steigt bis zum Finale, denn nicht nur fragt sich der Leser, ob die Hilfe für Donna Doyle noch rechtzeitig eintrifft, sondern auch, ob die drei Jungprofiler Simon, Leon und Kaye vom Mörder überrascht werden, als sie dessen Versteck betreten, um Donna zu suchen!

_Unterm Strich_

Diese Story, die vor 13 Jahren veröffentlicht wurde, ist sicher eine prima Vorlage für eine Folge in der „Tony Hill“-TV-Serie und funktioniert hinsichtlich aller Abläufe ziemlich glaubwürdig und glatt. Das Problem ist nur, dass der Ausgang schon lange vorher feststeht: Der Mörder, dem wir seine Lügen nicht abnehmen, wird gefasst, soviel ist klar.

Natürlich müssen alle Beteiligten erhebliche Widerstände, mitunter auch aus den eigenen Reihen (McCormack), überwinden, um zum Ziel zu gelangen. Doch dieses Ziel steht von vornherein fest und wird meiner Ansicht nach auch allzu rasch erreicht. Doch wer spannende Unterhaltung sucht und denkt: „In der Kürze liegt die Würze“, der wird mit „Schlussblende“ ausgezeichnet bedient.

|Taschenbuch: 480 Seiten
Originaltitel: The Wire in the Blood (1997)
Aus dem Englischen von Klaus Fröba
ISBN-13: 978-3426502488|
[www.droemer-knaur.de]http://www.droemer-knaur.de

Janesch, Sabine – Katzenberge

_Wenn man bedenkt_, wie viele Geschichten der Krieg zu erzählen hat, kann einem alleine schon beim Blick auf die vielen Einzelschicksale der Vertriebenen und plötzlich Heimatlosen regelrecht schwindelig werden. Vor allem im heutigen Polen wimmelt es von Nachzüglerfamilien, deren Ursprung nicht in ihrer jetzigen Heimat, ja manches Mal sogar völlig unbekannt ist. Dieses Thema hat Sabine Janesch offenkundig fasziniert und bewegt. Und die Nachwuchsautorin, die als Mittzwanziger definitiv das Zeug dazu hat, schon relativ bald als Shooting Star auf dem hiesigen Literaturmarkt zu landen, weiß definitiv, wovon sie spricht – bzw. wovon die vielen Inspiratoren reden, die mit ihren Geschichten Janeschs Phantasie zum Leben erweckt und ihr eine ganz außergewöhnliche, auf perfide Art und Weise gestaltete, mitreißende Geschichte entlockt haben.

Das bereits von Günter Grass in den höchsten Tönen gelobte Talent erzählt von der jungen, unscheinbaren Redakteurin Nele Leibert, die in ihrem Berliner Büro, nicht ganz überraschend, vom Tod ihres Großvaters erfährt. Leibert, die von der Aura des Verstorbenen stets beeindruckt und berührt war, lässt sich daher nicht lange bitten und tritt die Reise nach Schlesien an – wohlgemerkt ohne ihren emotionslosen Gatten Carsten, der die Herkunft seiner Frau immerzu missachtet hat und auch auf dieser Reise keine Rolle spielen möchte. Mit Ach und Krach stürzt Nele noch zur Beerdigungsgesellschaft und wird sich ein letztes Mal darüber im Klaren, was für ein geschätzter Mann Stanislaw Janeczko zu Lebzeiten gewesen ist.

Doch Leibert weiß ebenso um die Verbitterung, die er jahrelang mit sich getragen hat. Der Hass wendet sich vor allem gegen die deutschen und russischen Besatzer, die ihm seinerzeit die Heimat, damit auch auf noch bitterere Art seine Familie und schließlich auch seinen Stolz genommen haben. Auch wenn es Nele zunächst nicht leicht fällt, den Anlass zu Nutzen und auf Bitten ihrer Tante in der Vergangenheit zu stöbern: Gerade nach seinem Tod soll das Vermächtnis des alten Janeczko ein letztes Mal geehrt werden, so wie es bis dato nie geschehen ist.

Doch aller Anfang ist schwer, wie Leibert alsbald erfahren muss. Die Spurensuche erweist sich als schwierig, da sie sich nur auf den Erzählungen ihres begrabenen Großvaters stützen, sie vor allem jedoch in der ostpolnischen Heimat Janeczkos auf einige Widersprüche stößt. Doch das Puzzle, woher er kam, wer er vor seiner Zeit in Schlesien tatsächlich war, warum seine Familie ihn verstieß und welche Rolle sein Bruder dabei spielte, setzt sich nach und nach zusammen. Und weckt neben einigen nostalgischen Erinnerungen auch ein grausames Bild jener Zeit und jener Menschen, die unmittelbar für Janeczkos Werdegang verantwortlich waren.

_Sabine Janesch ist_ eine fabelhafte Erzählerin. Punkt! Man lässt sich von ihrer betören, mit simpel-philosophischen Texten verwöhnen, spürt ihre Leidenschaft für die einfachen, aber effizienten Gedankensprünge und lässt sich schließlich immer häufiger dazu verleiten, sich in den düsteren, mithin sehr emotionalen Text fallenzulassen. Dabei ist die Geschichte so unkonventionell und ungewöhnlich, beinhaltet nicht einmal einen klar herausgearbeiteten Spannungsbogen und droht so manches Mal, auf der Stelle zu treten und vor sich hin zu plätschern. Doch für derartige Fehltritte gibt Janesch letzten Endes dann doch nicht den erforderlichen Raum. Stattdessen erzählt sie einerseits aus der Vergangenheit und Sicht des Großvaters, andererseits aber auch von der suchenden Nele und lässt die beiden Stränge mit einigen unglaublichen Wendungen miteinander verschmelzen. Herausragend sind hierbei nicht etwa irgendwelche spektakulären Einheiten, sondern schlichtweg der Hang dazu, einfache Leute aus einer ebenbürtig einfachen Sicht einzufangen – und das ist über die Gesamtdistanz schlichtweg fantastisch gelungen.

Der Rahmen bleibt schließlich auch ein ungewohnter. Hört man ansonsten oftmals von den Flüchtigen und ihren existenziellen Nöten, beschreibt die Autorin von „Katzenberge“ die Geschichte eines Mannes und seiner Familie, wie sie auf schlesischem Boden neues, ebenfalls zurückgelassenes Land entdeckt und sich dort zwangsweise ansiedelt. Und genau in diesem Faktum schwingt besagte Verbitterung mit; allein deswegen, weil der Ursprung aufgegeben werden musste, aber auch weil der Geist der Besatzer, hier als Dämon symbolisch personifiziert, ein Leben lang die Verfolgung antritt und den neuen Bewohnern des Hofes keine Ruhe gönnt.

Es sind Sagen und Märchen aus der Vergangenheit, die hier ebenfalls Einzug halten, verknüpft mit einem authentischen Gesellschaftsbild aus einer ländlich-rückständigen Region, in der selbst die Ankunft einer Deutschen (und das ist Nele letzten Endes ja) ein geradezu bedeutsames Ereignis ist. Und das scheint ehrlich, in diesem Bereich – und auch das gibt es ja zuhauf – alles andere als sensationslüstern oder mit dem Drang versehen, möglichst krasse Schicksale ins Auge zu fassen, was „Katzenberge“ zu einem unspektakulär-aufregenden, vor allem aber aufwühlenden Buch macht, welches schließlich aber nur ein Ziel verfolgt: Eine Geschichte zu erzählen. Und diese sollte man lesen, da sie es wert ist, gelesen zu werden!

|Hardcover: 277 Seiten
ISBN-13: 978-3351033194|
[www.aufbau-verlag.de]http://www.aufbau-verlag.de

Dobyns, Jay – Falscher Engel – Mein Höllentrip als Undercover-Agent bei den Hells Angels

Was genau mag in Jay Dobins vorgegangen sein, als sein Arbeitgeber ihm die lukrative, aber eben auch gefährliche Mission offerierte, als Undercover-Agent die Hells Angels zu unterwandern und dem Arizona-Ableger neben Mord, Waffen- und Drogenschmuggel sowie Bandenkriminalität nachzuweisen, dass die Mitglieder zum größten Teil mehr Dreck am Stecken haben als so mancher gesuchter Schwerverbrecher? Dobyns, der in seinem Polizistendasein schon manchen lebensbedrohlichen Auftrag gemeistert hatte und dabei auch schon mehrfach verwundet wurde, wird es aus heutiger Sicht vielleicht nicht mehr ganz genau wiedergeben können. Doch eines, das betont er in diesem Zusammenhang sehr deutlich, weiß er genau: Er hätte diesen Auftrag jederzeit und in jeder Situation wieder angenommen – sei es wegen der speziellen Lebenserfahrung, die er ihm beschert hat, oder einfach nur des persönlichen Erfolgs halber, den die Operation “Black Biscuit“ mit sich gebracht hat. Dobyns hat über seine Mission Zeugnis abgelegt, die Enttäuschungen und Fortschritte festgehalten und vor allem für sich selber analysiert, was der Job und “Black Biscuit“ an Konsequenzen und Spätfolgen nach sich gezogen hat. Und der Mann teilt sein Wissen nun, einerseits weil die Geschichte schon fast unglaublich (weil eben real) anmutet, andererseits aber auch, um sich das von der Seele zu schreiben, was ihn seither prägt wie wohl keine andere Erfahrung in seinem nicht mehr ganz so jungen Leben.

_Wir schreiben das Jahr 2002_,als Slats, ein renommierter Ermittler und ein gebrandmarktes Technik-Genie, an Dobyns herantritt und ihn an den Fall heranführt. Die ATF möchte gezielter gegen die sich häufende Bandenkriminalität in den ansässigen Bikerverbänden ermitteln und vor allem die Drahtzieher an den Pranger stellen. Die Sache ist groß, richtig groß, vielleicht sogar zu groß, als dass sie für eine kleine Einsatztruppe wie das Team, das von nun an unter dem Banner “Black Bisscuit“ operieren soll, geschaffen ist. Dennoch ist Dobyns überzeugt, den Job übernehmen zu können und ein Schauspiel zu inszenieren, das in diesem Ausmaß wohl einmalig bleibt und bleiben wird.

Unter seinem neuen Spitznamen Bird macht er sich in Arizona schnell einen Namen als Waffenschieber und Geldeintreiber – und baut seinen Status dabei ausschließlich auf Gerüchten und Lügen auf. Die lokalen Schlägerbanden und Bikertruppen werden schnell auf Dobyns und seine Mitstreiter aufmerksam, was dieser wiederum nutzt, um einen weitestgehend unbekannten Verband zu missbrauchen und die eigentlich in Mexiko ansässigen Solo Angeles in Arizona zu etablieren. Mit einer Menge Selbstbewusstsein, weiteren, kunstvoll aufgebauten Lügen und einer Menge Einfühlungsvermögen für all die Gaunereien, die von den jeweiligen Verbandsgrößen bzw. den Vorsitzenden der einzelnen Hells-Angels-Charters begangen werden, schafft er tatsächlich sehr schnell das, was zunächst nur eine vage Hoffnung war: Akzeptanz für einen eigenen Motorradclub zu finden und sein Standing Schritt für Schritt auszubauen. Dobyns wird zu einem wichtigen Ansprechpartner, hängt mit den wichtigsten Leuten der Angels-Szene ab, besucht Partys, beteiligt sich an bedeutenden Besprechungen und arbeitet sich in der lokalen Hierarchie immer weiter hoch – bis ihm schließlich gar nichts anderes mehr übrig bleibt, als die Offerte, als Anwärter bei den Hells Angels einzusteigen, anzunehmen.

_“Falscher Engel“ schildert_ diesen denkwürdigen, natürlich auch zweifelhaften Aufstieg mit all seinen Gefahren und den möglichen Risiken für Jay und seine Familie. Doch die Geschichte, die der Agent erzählt, hat weitaus mehr zu bieten, als einen oberflächlichen Bericht über die Infiltration der öffentlich bekannten Gangstervereinigung auf zwei Rädern. Vielmehr rechnet Dobyns auch mit sich selber ab und stellt seine Persönlichkeitsentwicklung zur Diskussion, die in den zwei Jahren der verdeckten Ermittlungen im Wespennest der Rocker einige beängstigend krassen Verlauf genommen hat. Spielt Dobyns alias Bird zunächst nur das Tough-Guy-Image, welches notwendig ist, um die Toleranz der Biker zu genießen, wird er immer mehr eins mit seiner Rolle und weiß irgendwann nicht mehr zwischen der eigentlichen Realität und der Scheinwahrheit als Mitglied der Motorradgang zu unterscheiden. Die Besuche in seiner Heimat werden seltener, die Abkanzlung von seiner Familie nimmt derweil immer gravierendere Formen an, was schließlich solch unwirkliche Formen annimmt, dass der Autor von „Falscher Engel“ irgendwann an einen Punkt angelangt, an dem er sogar bereit ist, sein bürgerliches Leben aufzugeben, um sich ganz seiner Aufgabe zu widmen – oder vielleicht sofort ganz zu den Hells Angels überzutreten.

Das Buch zeigt daher vor allem den bemerkenswerten Lebenswandel, die Persönlichkeitsveränderung, aber eben auch all das, was die Hells Angels und ihren ständigen Konflikt mit dem gesetzt ausmacht. Dobyns geht stark ins Detail und beschreibt anhand von Fakten, was sich tatsächlich im Untergrund abspielt, wer die Drahtzieher sind, aber auch welchen Weg man gehen muss, um endlich den entsprechenden Aufnäher auf seine Kutte nähen zu dürfen. Er gebärdet sich als absoluter Outlaw, lügt sich hierbei an den Rand des eigenen Verderbens und setzt alles auf eine Karte, damit die Mission Erfolg haben kann. Und gerade jene Faktoren, die in der Draufsicht wie die Sage eines Machos und Möchtegernhelden erscheinen, sind letztendlich so leidenschaftlich aufbereitet und auch in der schriftlichen Performance (und Übersetzung) so überzeugend dargeboten, dass einen die Erlebnisse, die Dobyns von nun an auch mit der übrigen Welt teilt, kaum mehr loslassen. Unbegreiflich ist lediglich, dass der gute Mann noch keinem Attentat zum Opfer gefallen ist. Denn nach all diesen Offenbarungen sollte der Herr zu denjenigen Persönlichkeiten gehören, deren Kopfgeld astronomische Summen annimmt – doch dieses Risiko, und wenn es eines seiner letzten im Falle „Black Biscuit“ sein sollte, ist er eingegangen um ein fast schon romanartiges, spannendes und aufregendes Buch zu verfassen, welches das Prädikat ‚lesenswert‘ wahrscheinlich mehr verdient als nahezu alle Künstler- und Starbiografien, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Und die Ursache liegt auf der Hand: Hier wurde nichts beschönigt oder nachgebessert, sondern lediglich das festgehalten, was (erschreckenderweise) tatsächlich geschehen ist!

_Mehr zum Thema_ findet man im Übrigen in einer DMAX-Reportage, die den Fall noch einmal neu aufrollt und den Protagonisten noch einmal persönlich in den Fokus rückt. Diverse Online-Videoportale bieten hier einen Einblick, der die bewegenden Eindrücke von „Falscher Engel““ nur noch weiter verstärkt.

|Hardcover: 400 Seiten
ISBN-13: 978-3868830262|
[www.rivaverlag.de]http://www.rivaverlag.de

Lawrence Goldstone – Anatomie der Täuschung

Ein junger Arzt gerät im Philadelphia des späten 19. Jahrhunderts in eine Verschwörung krimineller Mediziner und gesellschaftlicher Honoratioren sowie beim Versuch, die Wahrheit aufzudecken, in Lebensgefahr … – Kenntnisreiche und erzählerisch dichte, aber allzu breit angelegte, nicht immer geglückte Mischung aus Historien-Roman und Krimi; vor allem medizinhistorische Exkurse stoppen den Handlungsfluss, der erst wieder in Gang gebracht muss, was dem Verfasser in der Regel gelingt. Lawrence Goldstone – Anatomie der Täuschung weiterlesen

Langreuter, Jutta – Käpt’n Sharky und der Riesenkrake

Jutta Langreuter bringt ans Tageslicht, was ihren Kindern als Gute-Nacht-Geschichten gefällt: Käpt’n Sharky, „der Schrecken der Meere“, zieht mittlerweile in sein fünftes Abenteuer bei |Coppenrath|. Dass nebenher eine überbordende Vermarktung Sharkys als Produkt in allen Bereichen des kindlichen Lebens stattfindet, muss da nicht erstaunen. Neben Fahrrädern, Essgeschirr und Badetüchern werden die Figuren auch vertont und auf CD gepresst, und mit Dirk Bach hat Sharky selbst einen prominenten (Für-)Sprecher gefunden.

_Durch ein Gewitter_ kämpft sich Sharkys kleines Piratenschiff. Ein Blitz erhellt nicht allzu weit entfernt die bleichen Konturen eines Geisterschiffes, das halb gesunken auf einem Riff zu liegen scheint. Während die Ratte vor Angst fast erstickt, erkennt Sharky das Schiff als uraltes, sagenumwobenes Schiff, das schon viele Piraten zu bergen und plündern versuchten – ohne Erfolg.

Im Morgengrauen hat sich das Gewitter gelegt und die kleinen Piraten erblicken das Wrack bei Tageslicht – eine Chance, die sich Sharky nicht entgehen lassen will: Mit Taucherbrillen bewaffnet, dringen er und sein Freund Michi in das Schiff vor. Dort stoßen sie wirklich auf einen unglaublichen Schatz – und auf eine übermenschliche Gefahr …

_Schon der Anfang_ ist düsterer als bisher üblich, denn wo sonst ein strahlend blauer Himmel und Urlaubsstimmung dominierten, dräut jetzt ein Unwetter. Mit dem Auftauchen des Geisterschiffes geht es allerdings wieder ruhiger zu. Die Gefahren, denen Michi und Sharky ausgesetzt sind, machen bei der Lektüre einen eher harmlosen Eindruck, obwohl Kinder natürlich vor dem drohenden gigantischen Kraken mit seinen Fangarmen bibbern. Doch mit Sharkys Dreistigkeit wird auch hier eine friedliche Lösung gefunden, diesmal sogar ohne Konfrontation mit dem Erzrivalen, dem Alten Bill, oder seinem ewig unterlegenen Verfolger, dem königlichen Admiral. Was dem Buch etwas an Humor nimmt, zumindest aus erwachsener Sicht.

Beim Vorlesen ist jetzt der Erwachsene gefragt, der Geschichte Charakter zu verleihen. Wer bisher nur die Hörspiele kannte, wird hier Schwierigkeiten haben, die verwöhnten Kinder zu fesseln und zufriedenzustellen. Auch machen das Buch und der Text den Eindruck, dass für die Vertonung zusätzliche Textelemente eingefügt werden, denn insgesamt macht das Buch doche einen sehr einfachen Eindruck.

Möglicherweise gewinnt die Geschichte jedoch durch die hervorragenden Leistungen der Sprecher im Hörspiel an Qualität. Diese Doppelvermarktung bietet dem Vorleser zum einen einen Anhaltspunkt, wie die Geschichte vorgetragen werden will, andererseits macht sie es sowohl den Eltern als auch den Kindern nicht leicht, mit dem Buch und der Vorlesequalität zufrieden zu sein.

_Das Besondere an Käpt’n Sharky_ kommt in diesem Buch nicht heraus. Man sollte dafür eher zur Hörspielfassung greifen.

|Gebundene Ausgabe: 32 Seiten
Illustrationen: Silvio Neuendorf
ISBN-13: 978-3815798416|
[www.coppenrath.de]http://www.coppenrath.de

_|Käpt’n Sharky| bei |Buchwurm.info|:_
[„Abenteuer in der Felsenhöhle (Käpt’n Sharky 4) (Hörspiel)“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6280

S. A. Steeman – Die schlafende Stadt

Kriminalinspektor Malaise stolpert in ein flämisches Städtchen und dort in ein mysteriöses Familien- und Morddrama, das trotz seiner Ermittlungen weitere Opfer fordert … – Formal wie inhaltlich ein vom Zahn der Zeit tüchtig angeknabberter Krimi, dessen hübsch bizarrer Plot durch die klischeehafte Zeichnung der Figuren und eine mehr als sieben Jahrzehnte alte und hölzerne Übersetzung stark beeinträchtigt wird.
S. A. Steeman – Die schlafende Stadt weiterlesen

Festa, Frank (Hg.) – Necrophobia III – Zart wie Babyhaut

_|Necrophobia|:_

Band 1: [„Meister der Angst“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1724
Band 2: [„Die graue Madonna“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5320
Band 3: _“Zart wie Babyhaut“_

19 Gruselgeschichten aus 83 Jahren, davon 17 deutsche Erstveröffentlichungen: Das lange Warten auf die dritte „Necrophobia“-Sammlung hat sich gelohnt. Klassischer Horror wechselt mit modernen Schrecken, für Abwechslung ist gesorgt; Mittelmaß kommt vor, doch echte Ausfälle, verursacht durch um Jungmädchen buhlende Vampire oder deutsche ‚Nachwuchstalente‘, bleiben aus: Ein fesselnder Streifzug durch ein ungemein lebendiges Genre:

– F. Paul Wilson [*1946]: |“Zart wie Babyhaut“| („Foct“, 1991), S. 7-20: Wenn sich ihr die Chance bietet, ins modische Spitzenfeld vorzustoßen, wird für manche Frau die Frage nach der Herkunft des verarbeiteten Materials nebensächlich …

– David Case [*1937]: |“Unter Wölfen“| („Among the Wolves“, 1971), S. 21-88: In der Wildnis wurde er geprüft und für stark befunden; nun testet er ähnlich unbarmherzig seine Mitmenschen in der Stadt auf ihre Lebenstauglichkeit …

– Brett McBean [*1978]: |“Genie eines kranken Geistes“| („The Genius of a Sick Mind“, 2000), S. 89-101: Simon und Sherry geraten in die Falle eines moralfreien Psychopathen, der sie mit schauerlichen ‚Aufgaben‘ konfrontiert, deren Bestehen ihr Leben sichert – vielleicht …

– Walter de la Mare [1873-1956]: |“Der Spiegel“| („The Looking-Glass“, 1923), S. 103-115: Für die vom Leben enttäuschte Alice verschwimmen Realität und Illusion, bis schließlich die Grenze zum Jenseits fällt …

– Brian Lumley [*1937]: |“Fruchtkörper“| („Fruiting Bodies“, 1988), S. 117-152: Von einer fernen Insel geriet ein Pilz an einen einsamen Abschnitt der englischen Küste, wo er ein unheimliches Eigenleben entwickelt …

– Mary E. Counselman [1911-1995]: |“Die drei markierten Pennys“| („The Three Marked Pennies“, 1934), S. 153-163: Sie bringen Glück oder den Tod – und manchmal beides gleichzeitig …

– Frederick Cowles [1900-1949]: |“Das Haus der Tänzerin“| („The House of the Dancer“, 1938), S. 165-179: Sie war die hübscheste Frau ihrer Zeit – und eine böse Hexe, die lustvoll ihr Treiben nach dem Tod fortsetzt …

– Karl Edward Wagner [1945-1994]: |“Das Bildnis des Jonathan Collins“| („The Picture of Jonathan Collins“, 1995), S. 181-204: Eigentlich hieß Dorian Gray Jonathan Collins, und sein Bildnis war kein Gemälde, doch sonst stimmt die Geschichte …

– Simon Clark [*1958]: |“Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“| („Limits of Darkness“, 2006), S. 205-229: Eine Schatzsuche in Afrika entwickelt sich zu einer Reise ins Herz der menschlichen Finsternis …

– Robert Bloch [1917-1994]: |“Das Geheimnis der Gruft“| („The Secret in the Tomb“, 1935), S. 231-240: Wie sein verschwundener Vater macht sich auch der Sohn auf den Weg, dem verrufenen Ahnen das Geheimnis des ewigen Lebens zu entlocken …

– Greg F. Gifune [*1963]: |“Vollendete Vergangenheit“| („Past Tense“, 2005), S. 241-258: Manche Vampire saugen Blut, andere zapfen ihren Opfern Lebenszeit ab …

– Manuel Komroff [1890-1974]: |“Du willst also nicht reden!“| („So You Won’t Talk“, 1935), S. 259-268: Ein besessener Polizist bricht ein Verhör auch beim Tod des Hauptverdächtigen nicht ab …

– Fritz Leiber [1910-1992]: |“Der Phantommörder“| („The Phantom Slayer“, 1942), S. 269-291: Das zunächst willkommene Erbe des Onkels entwickelt ein mörderisches Eigenleben …

– Chet Williamson [*1948]: |“Ameisen“| („Ants“, 1987), S. 293-297: Ein streitsüchtiger Fiesling legt sich mit den Falschen an …

– Graham Masterton [*1946]: |“Der Junge von Ballyhooly“| („The Ballyhooly Boy“, 1999), S. 299-327: Ein von seinen Schulkameraden geschurigelter Junge übt als Geist erbarmungslos Rache …

– Jeffrey Thomas [*1957]: |“Die Keller-Götter“| („The Cellar Gods“, 1999), S. 329-350: Die geliebte Frau kann ihre obskure Herkunft auf Dauer nicht unterdrücken …

– Mort Castle [*1946]: |“Nimm meine Hand, mein Sohn“| („If You Take My Hand, My Son“, 1987), S. 351-364: Daddy war ein verlogener Dreckskerl im Leben, und der Tod konnte ihn nicht ändern …

– Carlton Mellick III [*1977]: |“Porno im August“| („Porno in August“, 2002), S. 365-387: Dreharbeiten zu einem Sexfilm gehen in einen grotesken Albtraum über …

– F. Paul Wilson [*1946]: |“Weich“| („Soft“, 1984), S. 389-406: Wie lebt man mit einer Seuche, die alle Knochen zur Auflösung bringt …?

– Ein letztes Flüstern des Herausgebers, S. 407-410

_Andere Zeiten, andere Schrecken?_

Lange hat es gedauert bis zum Erscheinen dieses dritten Bandes der „Necrophobia“-Reihe – lange genug, um als Freund der grausigen & guten Kurzgeschichte unruhig zu werden, zumal der Festa-Verlag zwischenzeitlich in ökonomische Turbulenzen geriet. Aber der Sturm hat sich gelegt, und Verleger Frank Festa hält das Steuer wieder fest genug in der Hand, um erneut bisher unbekannt Genre-Gewässer zu befahren. Er setzt dabei nicht nur auf Romane, sondern bietet auch der Kurzgeschichte eine Nische. Nach der Lektüre von „Necrophobia III“ fragt sich der Leser umso konsternierter, wieso diese nach Ansicht der ‚großen‘ Verlagshäuser angeblich kein Publikum mehr findet, denn wie sonst kann sich der Horror bunter und palettenbreiter darstellen als in seiner kurzen Form?

Zwischen 1923 und 2006 erschienen die 19 hier gesammelten Storys. Schon die chronologische Spanne sorgt für Abwechslung, denn sowohl die Auslegung als auch die Darstellung von Furcht unterlag in diesen Jahrzehnten deutlichen Veränderungen: Walter de la Mare und Carlton Mellick III teilen zwar die metaphorische Beschäftigung mit dem Phantastischen, doch inhaltlich könnte die Kluft zwischen diesen beiden Autoren kaum größer sein.

Aber auch die Werke der zeitgleich schreibenden Autoren lassen sich nur schwer unter einen Hut bringen; „Necrophobia III“ soll ja gerade die Vielfalt des Horrors belegen. Dieser ist vielschichtig („Unter Wölfen“), trivial („Das Geheimnis der Gruft“) oder beides („Der Phantommörder“), klassisch („Fruchtkörper“), einfach nur angestaubt („Das Haus der Tänzerin“), ein wenig experimentell („Nimm meine Hand, mein Sohn“), betont drastisch („Das Bildnis des Jonathan Collins“), schwarzhumorig („Ameisen“), auf den Schlussgag getrimmt („Zart wie Babyhaut“) oder bitterernst („Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“).

|Entdeckungen und Andeutungen|

Die erfreuliche Bandbreite der präsentierten Storys und ihre Zahl verhindert eine Besprechung, die jeder Geschichte gerecht werden könnte. Der Leser wird sich unterschiedlich zwischen den Urteilspolen „sehr gut“ und „gefällt gar nicht“ bewegen. Der Rezensent kann deshalb an dieser Stelle nur auf hoffentlich allgemein interessierende Einzelheiten eingehen.

Mit „Fruchtkörper“ legt Brian Lumley nicht nur eine unheimliche Story, sondern auch eine Hommage an einen britischen Großmeister der Gespenstergeschichte vor. Im November 1907 veröffentlichte das |“Blue Book Magazine“| William Hope Hodgsons (1877-1918) „A Voice in the Night“ (dt. „Stimme in der Nacht“), eine intensive Studie ‚biologischen‘ Grauens am Beispiel zweier Schiffbrüchiger, die auf einer Insel stranden, deren Gestade von einem monströsen Wucherpilz befallen sind, der auch auf menschlicher Haut gedeiht. Gerade in der Finalszene beschwört Lumley die daraus resultierenden Schrecken ähnlich intensiv herauf wie Hodgson. Obwohl der moderne Autor sich in der Beschreibung der Effekte keinerlei Zurückhaltung auferlegen müsste, bleibt Lumley erfreulich zurückhaltend.

Jeffrey Thomas ergänzt das „Cthulhu“-Mosaik um ein interessantes Steinchen. Mit „Die Keller-Götter“ beweist er anschaulich, dass der Mythos, den H. P. Lovecraft (1890-1937) schuf und der bereits zu seinen Lebzeiten von faszinierten Autorenkollegen mit- und ausgestaltet wurde, durchaus gegenwartstauglich ist.

Simon Clark vergreift sich unerschrocken an einem literarischen Meisterwerk. „Die außergewöhnlichen Grenzen der Finsternis“ stellt eine Fortsetzung und Variation der Novelle „Heart of Darkness“ (1899, dt. „Herz der Finsternis“) dar, in der Joseph Conrad (1857-1924) den charakterlich schlichten Afrika-Reisenden Marlow auf den Handelsagenten Kurtz als verkörperte Ausgeburt der menschlichen Bosheit treffen und an dieser Erfahrung gleichzeitig reifen und zerbrechen lässt. Gelernt hat Marlow seine Lektion offensichtlich nicht, denn Clark lässt ihn ein zweites Mal in den Dschungel des Kongo = in die Abgründe der Seele zurückkehren, wobei die Lektion dieses Mal noch um einiges deutlicher und drastischer ausfällt.

Dies trifft erst recht auf Karl Edward Wagner zu, der mit „Das Bildnis des Jonathan Collins“ dem einzigen Roman von Oscar Wilde (1854-1900) – „The Picture of Dorian Gray“ (1890/91, dt. „Das Bildnis des Dorian Gray“) – einen Bärendienst erweist; Wagner kopiert die ursprüngliche Handlung, deren Finale deshalb von vornherein feststeht. Der Schluss kann deshalb nicht überraschen, während die quasi-pornografischen Sequenzen weder schockieren noch das Geschehen überzeugend illustrieren, sondern nur langweilen.

|Horror heimlich oder aggressiv|

Die in „Necrophobia III“ gesammelten Geschichten bestätigen und widerlegen gleichzeitig die vor allem von der Kritik gern geäußerte Meinung, dass die Phantastik dort am nachdrücklichsten wirkt, wo sie der Realität so dicht verhaftet bleibt, dass sich das Übernatürliche nur schemenhaft oder scheinbar manifestiert. Um diese Wirkung erzielen zu können, bedarf es eines wirklich guten Schriftstellers. Walter de la Mare gelingt es, in „Der Spiegel“ seinen Lesern ein stetig und ständig wachsendes Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens zu vermitteln.

Während de la Mare dabei die Wirklichkeit niemals gänzlich aus den Augen verliert, gibt Carlton Mellick III in „Porno im August“ sie auf, ohne den Übergang seinem Publikum deutlich zu machen: Quasi dokumentarisch beschreibt er eine Welt, deren Gesetze den handelnden Figuren ebenso fremd bleiben wie dem Leser. Mellick verstößt vorsätzlich gegen jene zwar nicht niedergeschriebene aber von der Mehrheit der Grusel-Freunde eingeforderte Regel, nach der das Grauen einer stringenten Handlung folgen und den Schrecken in einem gruseligen Höhepunkt kulminieren soll.

Solche regelkonformen Geschichten beinhaltet „Necrophobia“ natürlich auch. Sie können, aber sie müssen keineswegs ’schlechter‘ sein als der ‚literarische‘ Horror. Während Frederick Cowles, ein noch sehr jugendlicher Robert Bloch oder Manuel Komroff an den vordergründigen Grusel der „Pulp“-Ära erinnern, verbinden Mary E. Counselman, Fritz Leiber, Mort Castle, Graham Masterton oder F. Paul Wilson (vor allem in „Weich“) den plakativen Horror mit dem Schrecken, den er dem Menschen beschert – ein Schrecken, der über einen blutreichen Tod hinausgeht. David Case treibt diese Kombination auf die Spitze. Brett McBean produziert dagegen nur heiße Luft.

Das gesammelte Grauen kommt auch dieses Mal ohne deutsche Beiträge aus – oder muss ohne sie auskommen, da sie die strengen Qualitätsvorgaben des Herausgebers nicht erfüllen konnten. (Ob ein Chet Williamson allerdings eine Alternative ist …) Sie gedeihen anderenorts prächtig, sodass man sie hier nicht vermisst. Als Buch bietet „Necrophobia III“ nicht nur inhaltlich Lektüre-Vergnügen. Die Storys sind gut übersetzt, das gedruckte Werk ist zwar ein Taschenbuch, liegt aber trotzdem schwer und sauber gebunden in der Hand, und das Cover entstammt keinem Bildstock, sondern ist gezeichnet und wurde passend zum morbiden Inhalt ausgesucht. Solche Details weiß der Leser zu schätzen, und er merkt sich, wo seine Ansprüche befriedigt werden!

|Taschenbuch: 410 Seiten|
Originalausgabe
Übersetzung: Alexander Amberg (1), Andreas Diesel (1), Doris Hummel (3), Sigrid Langhaeuser (8), Sandra Pohley (3)
ISBN-13: 978-3-86552-077-7|
[www.festa-verlag.de]http://www.festa-verlag.de

Moreland, Brian – Schattenkrieger

_Story:_

Sean Chambers ahnt nicht, welches düstere Geheimnis das Tagebuch seines Großvaters birgt, welches er im Auftrag des World-War-II-Kriegsveteranen Jack Chambers an den hoch dekorierten General Briggs zu übergeben gedenkt. Als er hierbei auf den alternden Rabbi Goldstein trifft, wird ihm erst bewusst, welchen Fehler er begehen hiermit würde – und welche Gräuel sein Großvater seinerzeit miterleben musste.

Jack Chambers führte zum Ende des Zweiten Weltkrieges den Zug der ‚Glücklichen Sieben‘ durch den Hürtgenwald, um dort die Ortschaft Richelskaul als strategisch wichtigen Punkt von den Nazis zu befreien. Als jedoch Captain Murdock im Scharmützel umkommt und seinem Lieutenant einen Davidsstern in die Hand drückt, der offenbar von größerer Bedeutung ist, wendet sich das Blatt für die amerikanischen Besatzer. Chambers ahnt jedoch noch nicht, mit welcher Nazi-Wunderwaffe er und seine sechs Mitstreiter es in den nächsten Stunden zu tun bekommen. Und auch als eine Nachhut das Camp erreicht, die von Chambers‘ verhasstem Ex-Kollege Fallon befehligt wird, kann Jack die anstehende Gefahr noch nicht einschätzen – bis er schließlich leibhaftig von der Mission Eisensarg erfährt, in deren Zuge einige unmenschliche Gestalten die Amerikaner angreifen. Und sich selbst von unendlichen Maschinengewehrsalven nicht auslöschen lassen …

_Persönlicher Eindruck:_

Geschichten um das Thema „World War II“ sind im Fantasy-Bereich in letzter Zeit relativ populär, zumal hier auch immer wieder eine Verbindung zwischen der eigentlichen Brisanz von Holocaust, allgemeinen Kriegsgefechten und der gesellschaftlichen Brutalität sowie den okkultistischen Forschungen des SS-Oberregimes hergestellt wird. Ähnlich verhält es sich auch in Brian Morelands aktuellem Roman „Schattenkrieger“, der das Okkulte zum Leitmotiv einer relativ gewaltsamen, durch und durch fiktiven Story erklärt, dabei aber offenkundig vergisst, dass es nicht nur die bloßen Effekte bestimmter Schlagwörter und Ereignisse sind, die einem Roman zu seiner endgültigen Spannung und Faszination verhelfen.

Im Falle von „Schattenkrieger“ ist der Spannungsaufbau sowie die eigentliche Struktur nämlich von der Pike auf problematisch. Nach den etwas verwirrenden ersten Kapiteln, die sich mit der Übergabe des Tagebuchs beschäftigen, erlaubt der Autor einen 400-seitigen Rückblick in die Endphase des Zweiten Weltkriegs, die mit vielen Gefechten und kleinen emotionalen Beiträgen, aber eben auch mit allerhand Klischees gefüllt und schließlich in eine ungewollte Selbstpersiflage verwandelt werden. Vor allem die Tatsache, dass Moreland versucht, die Fehde zwischen Chambers und seinem plötzlich auftauchenden Erzfeind Fallon immer wieder aufzuwärmen, ist irgendwann so ermüdend, dass man gar nicht mehr weiß, warum man dem Autor hier überhaupt noch folgt. Aber auch die klischeehaften Charakteristika seiner Protagonisten sind irgendwann ausgereizt. Der König von Vegas und seine Pokerkarten, der junge Krieger mit seinem Baseball, der nächste Soldat mit seinem Comic-Tick; es ist sicher nett, die amerikanische Kultur hier irgendwie einzubauen. Aber bei einem Titel wie „Schattenkrieger“ erwartet man mit Berechtigung etwas mehr als literarisches Bubblegum-Kino mit effektschürender Nazi-Thematik.

Insofern wird das Ganze unfreiwillig komisch, wenn plötzlich die ersten Golems durchs Bild rennen, die okkulten Hintergründe rückwirkend aufgedeckt werden und Geschichten von Verrat und Hinterlist die Story füllen. Kaum eine Passage wirkt dabei nicht am Reißbrett konstruiert, kaum eine Wendung erscheint natürlich. Vielleicht ist das Lese-Erlebnis daher auch eher mit einem zweitklassigen Horror-Streifen zu vergleichen, zu dem „Schattenkrieger“ womöglich ein prima Drehbuch abgeben würde. Doch das sollte nicht der Anspruch eines solchen Romans sein. Moreland holt weit genug aus, um die zahlreichen Elemente unter einen Hut bekommen zu können und einen schlüssigen Plot zu erstellen. Stattdessen bevorzugt er aber holpriges Stückwerk, dessen einziger Spannungsfaktor darin besteht, die oftmals unglaublich lahmen Ideen in den Vordergrund zu stellen. Doch selbst das ist auf Dauer (selbstredend) ermüdend und macht „Schattenkrieger“ zu einem der schwächsten Beiträge des ansonsten so qualitätsbewussten Otherworld-Verlags.

|Hardcover: 461 Seiten
Originaltitel: Shadows in the Mist
ISBN-13: 978-3800095179|
[http://www.otherworld-verlag.com]http://www.otherworld-verlag.com

Price, Susan – Erbe der Krone, Der (Elfling 1)

_Der |Elfling|-Zyklus:_

Band 1: _“Der Erbe der Krone“_
Band 2: [„Das Heer der Toten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6591

_Einfallsreich: Action-Fantasy aus England_

Elfling ist von unmenschlicher Schönheit und zieht alle in seinen Bann, denn seine Mutter war eine Elfenfrau. Doch er ist auch der Sohn eines englischen Königs, und jetzt hat Elflings sterbender Vater ihn zu seinem Erben bestimmt. Doch Elfling hat Brüder, die als legitime Kinder des Königs bei Hofe aufgewachsen sind. Kein dreckiges Elfenbalg wird sie ihres Geburtsrechtes berauben! Sie glauben, mit ihm leichtes Spiel zu haben, doch er hat eine Verbündete, eine Kriegsmaid aus der Schar von Wodens Walküren. Und mit ihr ist er bereit, sein Recht einzufordern. (abgewandelte Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Susan Price hat in Großbritannien 50 Bücher, meist für jüngere Leser, veröffentlicht. Sie wurde v. a. bekannt durch ihren Roman „Die Starckarm-Saga“, der den renommierten Guardian Children’s Fiction Award erhielt und für die Carnegie Medal nominiert wurde.

_Handlung_

Der im Sterben liegende König Eadmund bestimmt auf mit seinem letzten Atemzug seinen unehelichen Sohn Elfling zum Nachfolger. Nicht nur sein Bruder Athelric ist erstaunt, sondern noch viel mehr seine drei ehelichen Söhne Unwin, Hunting und Wulfweard. Der christliche Mönch Vater Fillan fürchtet, dass der christliche Glaube, zu dem er die tote Königin und ihre drei Söhne bekehrt hat, unter einem Elfenherrscher dem Untergang geweiht ist. Und noch unheilvoller scheint ihm, dass sich die Könige dieses Reiches als Söhne Wodens, des obersten nordischen Gottes, betrachten – Heiden!

Während Athelric, nunmehr der Vornehmste unter den 1200 Adligen des Angelsachsen-Reiches, dem Ältestenrat die Verfügung des gestorbenen Königs mitteilt, schmieden Eadmunds Söhne ein Komplott gegen diesen unliebsamen Konkurrenten. Gezeugt mit einer dahergelaufenen Elfenfrau, pah, so ein DING! Niemals darf es den Thron besteigen. Als Ersten bestimmt Unwin, der hünenhafte Älteste, Hunting dazu, Elfling den Garaus zu machen. Man sagt, der Bastard lebe als Heiler in Hornsdale.

|Hornsdale|

Elfling wird nicht ohne Grund als Heiler betrachtet und von vielen Menschen aus nah und fern auf seinem bescheidenen Bauernhof besucht. So auch heute. Die leibeigene Magd Ebba, die in Elfling verknallt ist und mit ihm ab und zu das Lager teilt, beobachtet, wie ein vornehmer Kaufmann aus dem dänischen Danelaw anreist, um seine angeblich unfruchtbarer Frau heilen zu lassen. Die Hausverwalterin Hild stößt ihm schnell Bescheid, dass ihr Herr auf den Feldern arbeite.

Das Warten im Dreck und unter den Flöhen des Hofes zerrt schwer an Kaufmann Morac Sweynssens Nerven, und deshalb ist er ungehalten, als der Herr des Hauses endlich eintrifft. Als Reaktion wirft Elfling sämtliche Kissen und Decken Moracs um ein Haar ins Feuer. Nur Hild gelingt es, die Wogen zu glätten, sodass Morac klein beigibt. Am nächsten Morgen umarmt der Hausherr Moracs Gattin und verkündet, sie sei ihrem Gatten stets treu gewesen. Will heißen: nicht sie ist schuld, dass der Kindersegen ausblieb, sondern ihr Gatte! Der wutentbrannte Kaufmann wird jedoch von Elflings magischem Blick in die Schranken gewiesen. Der Elfling beschließt, auf die Jagd zu gehen. Morac ist er ein Rätsel.

Ebbas hört weitere Reiter ankommen: Bewaffnete eines hohen Fürsten, den wertvollen Rüstungen nach zu urteilen. Doch als ihr Anführer, kein anderer als Hunting, den Hausherrn nicht vorfindet, lässt er vorsichtshalber alle Augenzeugen niedermetzeln. Nur Ebba entgeht dem Massaker durch eine List. Dann legt sich Hunting auf die Lauer.

|Die Walküre|

Elfling hat die Nacht im Freien verbracht. Ein unnennbarer Schmerz am vorigen Tag hat ihm gesagt, dass etwas sehr Schlimmes passiert sein muss. Geht es ihn etwas an, fragt er sich. Möglicherweise, aber andererseits sind die Menschen nicht so wie er. Als er die Gestalt in Rüstung und Umhang neben sich erblickt, als er erwacht, glaubt er zunächst, einen Soldaten vor sich zu haben. Doch sie ist eine Frau. Ein sechster Sinn sagt ihm, dass sie ein höheres Wesen ist und behandelt sie mit größter Ehrerbietung.

Daran tut er gut, denn es handelt sich um eine Walküre, ein Schildmaid Wodens, die in der Schlacht die Gefallenen zur Halle ihres Herrn bringt. Aber wie Elfling herausfindet, ist die Walküre noch wesentlich mehr: Sie entfacht die Schlacht selbst! Und deshalb führt sie ihren Schützling zu seinem Bauernhof zurück und zeigt ihm, was vorgefallen ist. Will er sich nicht an seinem Bruder rächen? Und ob!

Schon bald stößt die Walküre auf dem Dach seines Haupthauses einen markerschütternden Schrei aus, der selbst Tote geweckt hätte. Die aufgescheuchten Krieger Huntings rennen in ihr Verderben, als Elfling sie mit Pfeilen niederstreckt. Doch wie soll er gegen den schwerbewaffneten Königssohn wehren, ohne Rüstung und ohne Schwert und Schild? Auch dafür hat die Walküre bereits einen Plan parat …

_Mein Eindruck_

Ich habe das Buch in nur wenigen Stunden gelesen, denn die Autorin (die mir bis dato unbekannt war) wartet mit einigen kuriosen Einfällen auf. Dass der Erbe der Krone im Abseits, also quasi im Exil, lebt, kennen wir ja schon von Aragorn hr. Aber dass er so mir nichts, dir nichts Hilfe von einer echten Walküre bekommt, wäre mir neu. Walküren tauchen nämlich üblicherweise erst während der Schlacht auf, nicht davor.

|Die Walküre|

Daher hat Jarnseaxa, die Walküre Eisenschwert, eher die Funktion, die in der griechischen Antike einer Göttin zukamen. Als da wären: Den Helden zu beschützen, zu erziehen, auszubilden und, sofern er alle gestellten Aufgaben besteht (und überlebt), zu lieben. Außerdem verhilft sie ihm zu einer Geheimwaffe, dem ehernen Schwert „Wodens Versprechen“, das leider, wie der Gott selbst, verräterische Eigenschaften aufweist: Einmal gezogen, muss es Blut trinken, und wenn es das seines Trägers wäre. Diese Waffe erinnert stark an Elrics schwarzes Schwert Sturmbringer, das Seelen trinkt.

All dies geschieht im Mittelteil des Buches und macht diesen recht kurzweilig, denn die Walküre ist wahrhaftig unberechenbar – eine starke Frauenfigur, wie man sie in amerikanischer Fantasy, die bei uns überwiegt, leider nur selten findet. Zum Glück ist die Autorin Engländerin und kennt sich mit ihren nordischen und altenglischen Quellen offenbar bestens aus.

|Seelenwanderung|

Ein weiteres interessantes Element ist die Seelenwanderung in die Anderswelt. Bekanntlich betrachteten die nordischen Völker – und somit offenbar auch die Sachsen und Dänen im Buch – die Welt der Menschen als die Mittelerde. Daneben gab es noch acht weitere Welten, so etwa die der Götter (Asen), Risen und natürlich die Unterwelt von Hel. Sie werden im Anhang zu Joanne Harris‘ Roman „Feuervolk / Der leuchtende Stein“ genau beschrieben.

Wie auch immer: Es gibt Mittel und Wege, dass ein sterblicher Mensch dorthin gelangen kann. Zumindest mit seiner Seele. Dieses Wagnis unternimmt Wilfweard, der jüngste der drei Königsöhne, denn aus Ebbas Bericht über das Massaker auf Elflings Bauernhof weiß inzwischen das gesamte Königreich von den mysteriösen und blutigen Vorgängen dort. Und dass sie den Prinzen die Rache Elflings androht, macht Ebbas Schicksal nicht unbedingt leichter.

Bevor es also dazu kommt, macht sich Wulfweard auf den Weg. Die Priesterinnen Eostras singen die Runenlieder, die seine Seele entbinden und auf den Weg schicken. In der Anderswelt tritt er dann tatsächlich Elfling gegenüber, doch gegen dessen verzaubertes Schwert hat er eigentlich keine Chance. Oder doch? Der Kampfverlauf ist voller überraschender Wendungen, denn Elfling will seinen Bruder gar nicht töten. Er will einen Bruder, keinen Feind.

|Der Schreiende Stein|

Ein weiteres originelles Element ist der Schreiende Stein. Dieser Fels mit der Mulde in Form eines Fußes dient dazu, den wahren König auf mystische Weise zu prüfen. Die Götter müssen ihren Segen dazugeben, den erwählten König auf den Thron zu heben. Einen solchen Stein gibt es in Schottland, den Stone of Scone. Er zählt zu den schottischen Nationalheiligtümern und in den alten Sagen und Legenden zu den Artefakten der Götter (neben Schwertern, Speeren, Kesseln usw.).

Natürlich ist genau der Moment, wenn der gewählte König Athelric seinen Fuß auf den Stein setzt, von entscheidender Bedeutung. Und deshalb erscheint genau in diesem Moment auch der Widersacher, der ihm den Thron streitig macht: Aber ist Elfling wirklich der wahre König, fragen sich Adlige und versammeltes Volk? Oder ist er nicht vielmehr der Teufel in Person, wie Unwin und seine Christen glauben? Der folgende Handlungsverlauf soll es erweisen. Mehr darf nicht verraten werden.

_Übersetzung _

Auf Seite 141 heißt es: „eine Schar kräftiger Mann“. Es müsste entweder „Mannen“ oder Männer“ heißen. Ich würde Letzteres vorziehen, denn „Mannen“ sagt man nur noch ironisch. Ansonsten finden sich hier und da vereinzelte Druckfehler, aber nur sehr wenige.

_Unterm Strich_

Ich habe das Buch in nur wenigen Stunden gelesen. Es enthält originelle Elemente, unterhält den männlichen Leser durch Spannung und Action, die Leserin aber durch faszinierende Frauenfiguren, so etwa die Walküre und die junge Prophetin Ebba. Das Alltagsleben der Menschen ist detailliert eingefangen, sodass wir uns in die Szenen direkt hineinversetzen können.

Die hier geschilderten politischen Verhältnisse unter den Sachsen Mittelenglands stimmen mit den überlieferten Chroniken überein, die ein England nach dem fünften Jahrhundert und vor dem neunten Jahrhundert beschreiben, das von Sachsen und Dänen besiedelt worden ist. Deshalb ist es ein wenig kurios, wenn der Verlag ausgerechnet Ornamente der von den Sachsen verdrängten Kelten verwendet.

|Schwächen und Anforderungen|

Zwar werden die meisten Frauenfiguren gut charakterisiert, nicht jedoch alle Männer. Zwar kann man sich den Helden Elfling und seinen Widersacher Unwin gut vorstellen, aber Hunting und Wulfweard sind praktisch unbeschriebene Blätter, ebenso ihr Onkel Athelric. Dieses Defizit wird hoffentlich im Folgeband ausgeglichen, wenn Unwin und Elfling aufeinandertreffen.

Der Leser bekommt die nordische Mythologie kommentarlos vorgesetzt, das heißt, sie wird bereits als bekannt vorausgesetzt. Ständig werden die sächsischen Hauptgötter Woden (Obergott), Eostra (Fruchtbarkeitsgöttin, daher Oster-Fest), Thunor (Thor, Donar) sowie Ing (= Baldur) angerufen und erwähnt. Dass es kein Glossar dafür gibt, macht aber nichts. Denn es kommt nur darauf an, welche Eigenschaften die Menschen diesen Gottheiten zuweisen. Und daraus ergibt sich deren Charakteristik und Funktion.

Woden beispielsweise ist nicht zu trauen: Er ist ein einäugiger Verräter, der Krieger begünstigt und sie mit seinen Geschenken, wie etwa Zauberschwertern, verrät, um sie zu sich zu holen. (Woden ist bis heute im Wort „Wednes-day“ verewigt. Und „Thurs-day“ ist Thors Tag. Tues-day ist Tius Tag. Fri-Day ist der Tag von Freyr oder Freya.)

Aufgrund dieser Anforderungen und des hohen Gewaltgehalts würde ich das Buch ab 14 Jahren empfehlen.

|Taschenbuch: 224 Seiten
Originaltitel: Elfgift (1995)
Aus dem Englischen von Edda Petri
ISBN-13: 978-3404206247|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

Price, Susan – Heer der Toten, Das (Elfling 2)

_Der |Elfling|-Zyklus:_

Band 1: [„Der Erbe der Krone“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6590
Band 2: _“Das Heer der Toten“_

_Wg. „Blutadler“: Craig Russell, mach Platz!_

Elfling ist von unmenschlicher Schönheit und zieht alle in seinen Bann, denn seine Mutter war eine Elfenfrau. Doch er ist auch der Sohn eines englischen Königs, und jetzt hat Elflings sterbender Vater ihn zu seinem Erben bestimmt. Doch Elfling hat Brüder, die als legitime Kinder des Königs bei Hofe aufgewachsen sind. Kein dreckiges Elfenbalg wird sie ihres Geburtsrechtes berauben! Sie glauben, mit ihm leichtes Spiel zu haben, doch er hat eine Verbündete, eine Kriegsmaid aus der Schar von Wodens Walküren.

In Band 1 hat Elfling die Krone errungen, doch der wichtigste Widersacher ist entkommen; Unwin, der älteste der legitimen Söhne von König Eamund. Nun hebt dieser im Schutz der christlichen Kirche unter Waliser, Sachsen und Dänen ein Heer aus, um sein Erbe zurückzuerobern. Er hat der Teufelsbrut Elfling einen grausamen Tod geschworen. Und er ist sogar bereit, den heiligen Frieden des Julfestes zu brechen, um seinen Schwur zu erfüllen … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Die Autorin_

Susan Price, hat in Großbritannien 50 Bücher, meist für jüngere Leser, veröffentlicht. Sie wurde v.a. bekannt durch ihren Roman „Die Starckarm-Saga“ (The Sterckarm Handshake, 1998), der den renommierten Guardian Children’s Fiction Award erhielt und für die Carnegie Medal nominiert wurde. Mit „The Ghost Drum“ errang sie dann die begehrte Carnegie Medal. Sie lebt in den westlichen Midlands.

Serien:

|Ghost World|
1. „The Ghost Drum“ (1987)
2. „Ghost Song“ (1992)
3. „Ghost Dance“ (1993)

|Olly Spellmaker|
„Olly Spellmaker and the Hairy Horror“ (2004)
„Olly Spellmaker and the Sulky Smudge“ (2004)
„Elf Alert!“ (2005)

|Odin-Trilogie|
1. „Odin’s Voice“ (2005)
2. „Odin’s Queen“ (2006)
3. „Odin’s Son“ (2007)

_Handlung_

Elfling, der uneheliche Sohn von König Eamund, hat nach dessen Tod trotz allen Widerstands die Krone gewonnen – die Krone eines Elfengeborenen. Eine Walküre hat ihm erheblich dabei geholfen, den Widerstand der drei legitimen Königssöhne Unwin, Hunting und Wulfweard zu überwinden. Dabei tötete er Hunting, bekehrte Wulfweard und vertrieb Unwin ins dänische Exil.

Doch um das Leben des schwer verwundeten Wulfweard jat Elfling ein folgenreiches Opfer gebracht: Er hat seinem Liebes- und Kampfbund mit der Walküre entsagt und sich in die Hände Wodens, des Obergottes gegeben. Denn Woden hat bereits die Seele Wulfweards für sich beansprucht. Als Elfling auf Unwins Anwesen eintrifft und es für sich beansprucht, kann Wulfweard hier genesen. Die Hausherrin und Unwins Ehefrau, die Königstochter Kendidra, pflegt den Prinzen zusammen mit Elfling gesund. Sie ist erstaunt, dass der neue König sie und ihre Kinder am Leben lässt. Und er scheint wirklich nicht der Unmensch oder Teufel zu sein, als den ihn ihr Mann hingestellt hat. Nur ihr Sohn Godwin lehnt die „Elfenbrut“ von vornherein ab. Er wünscht sich seinen Vater zurück.

|Unwin Eamundssohn|

Und Woden, der nichts anbrennen lässt, kümmert sich bereits um Unwins Rückkehr. Schließlich hat Woden Aussicht auf viele Seelen von Kriegern, die er nach Walhalla rufen kann. In der Gestalt eines einäugigen Harfners begibt er sich an König Loverns nordsächsischen und vor allem christlichen Thron. Hier wartet Unwin auf seine Gelegenheit.

Sie scheint endlich gekommen zu sein, als der dänische Jarl Ingvald, der Bruder der dänischen Geisel Ingvi, überlegt, ob sich in diesem Land Beute machen ließe. Ingvald ist jedoch extrem vorsichtig, auch in seinen Tributzahlungen an Lovern. Doch kaum hat Woden seine Harfe erklingen lassen und sein Lied gesungen, als alle Herzen wie betäubt zur Schlacht streben. Und König Lovern, so scheint es, gibt frohgemut seinen Segen zum Kriegszug Unwins. Hinterher wundert sich der König allerdings, ob er all dies selbst gesagt hat …

|Die Insel|

Unwin brandschatzt und verwüstet Elflings Land, bis er nach Kingsborough gelangt, eine Stadt, die dem König selbst Pacht zahlt – daher ihr Name. Auch hier massakriert er sämtliche Männer und plündert die Vorräte. Es ist hier, wo Elflings Angebot eines Waffenstillstands ihn erreicht. Auf einer Flussinsel handeln Unwin, die Dänen und Elflings Sachsen die Bedingungen des Waffenstillstands aus, den Elflings unbedingt braucht, damit seine Männer die Ernte einbringen können. Tun sie dies nicht, droht eine Hungersnot. Er lässt sich neben der Geldforderung auf eine ungewöhnliche Bedingung Unwins ein: Dass er am Julfest in Julburg am Grab seiner Mutter Ealdfrith, einer Heiligen, beten darf. Elfling willigt ein. Der Harfner sieht es zusammen mit seiner Begleiterin, der wahnsinnigen Ebba, mit Genugtuung.

|Das Julfest|

Invi und Ingvald erkennen mit Entsetzen, dass Unwin ein für sie bislang unvorstellbares Verbrechen begehen will: den heiligen Frieden des Julfestes durch Waffengewalt zu brechen und den König zu ermorden. Er fühlt sich nicht an die Schwüre, die er einem Heiden gegenüber geleistet hat, nicht gebunden. Doch die beiden Dänen haben Unwin den Treueid geleistet und müssen nun mitmachen, ob sie wollen oder nicht.

Der Harfner Woden und Ebba, die wahnsinnige Prophetin, haben mitgeholfen, dass sich die Tore der Halle, in der Kendridas Leute das Julfest feiern wollen, unter dem Ansturm von Unwins Kriegerns öffnen. Woden hat Elflings Wachen in den Schlaf gesungen. Nun hofft er auf reiche Beute unter den Kriegern der nichtsahnenden Sachsen. Die Bluternte ist mehr als reichlich. Doch wo ist der König?

|Das Gräberfeld|

Es ist eine klirrend kalte Dezembernacht, als sich Elfling und Wulfweard, sein Bruder, der wie sein Zwilling aussieht, auf dem Gräberfeld hinter Unwins Brug einfinden. Sie entkleiden sich, um die ehrenvollen Toten zu ehren, wie es zu Jul bei den Sachsen Brauch ist. Nackt tanzen sie den Schwerterkampf, damit ihr Blut die Toten nähre.

Doch diesmal ist alles anders. Das gaffende Volk wird unversehens von hinten angegriffen und niedergemacht. Selbst vor dem Onkel des Königs macht Unwins Hass keinen Halt. Am Schluss stehen Elfling und Wulfweard, zwei nackte Männer, gegen einen ganzen Trupp Krieger. Was können sie schon ausrichten? Und doch wagt es Unwin nicht, sie selbst anzugreifen, wie die beiden Dänen verächtlich bemerken. Unwin hat geschworen, Elfling durch den Blutadler sterben zu lassen, doch selbst Hand anzulegen, dafür ist er sich zu fein. Auch hier muss Woden mit seiner Zauberharfe auftreten und Elfling mit den Runen der Macht bezwingen.

So kommt es, dass die beiden letzten Überlebenden des Gräberfeldes lebend gefangengenommen werden. Doch dies ist noch längst nicht das Ende vom Lied …

_Mein Eindruck_

Dieser Roman ist völlig anders aufgebaut als sein Vorgänger. Wo dort eine episodische Darstellung vorherrscht, bei der der Blickwinkel hin und her springt sowie zwischen den Episoden erhebliche Zeitunterschiede sichtbar werden, gibt es hier eine homogene Entwicklung. Das führt zu zwei Wirkungen: Die Katastrophe entfaltet eine viel stärkere Wucht, aber wir müssen lange darauf warten und geduldig sein.

|Frauenperspektive|

Wie zuvor sehen wir das Geschehen häufig aus der Perspektive von Frauen. Die „verrückte“ Prophetin Ebba, die Elfling liebend verehrt und daran verzweifelt, tritt auch hier wieder auf und begleitet den Gott Woden, der als Harfner auftritt, bei dessen magischem Treiben. Die Gegenfigur ist Unwins Frau Kendrida, die sich nach dem Verlust ihres geflohenen Mannes um Leib und Leben nicht nur ihrer selbst, sondern vor allem ihrer Kinder sorgt. Wir folgen ihrem Schicksal durch die ganze Geschichte hindurch, und es ist wahrlich kein leichtes Schicksal, das Woden und Unwin für sie vorgesehen haben. Unwin will alles Heidnische mit Stumpf und Stiel ausrotten. Weil Kendrida am Glauben ihrer Ahnen festhält, schwebt sie in Gefahr.

|Hauptfiguren|

Neben diesen langsamen Entwicklungen ist es unerlässlich, die Wandlungen der Hauptfiguren zu verstehen. Elfling hat seiner Walküre entsagt und sich in die Hand Wodens gegeben, um auf diese Weise Wulfweards Seele vor Walhalla retten zu können. Wulfweards Körper, durch Elflings Heilkunst am Leben gehalten, genest mit Hilfe der wiedergewonnenen Seele. Wir müssen verstehen, warum Elfling so viel für einen Bruder riskiert, den er nie zuvor gesehen hat: Er will einen Seelengefährten, der ihm in der Not beisteht. Dieser Wunsch setzt aber auch das sagenhafte Bild der Zwillingsbrüder Wodens um, die einander schützen. In der Stunde der Not zeigt sich, dass Elfling völlig im Recht ist.

Dieser Roman hält am heiligen Julfest Szenen größten Frevels ebenso wie größter Brutalität bereit. Das Massaker an den Bewohnern Julburgs ist schon schlimm genug, aber dann muss Elfling auch noch den Tod durch den Blutadler erleiden. Beim Blutadler werden die Rippen gebrochen und die Lungen auf den Rücken gezerrt, als wären sie Flügel. Das Opfer stirbt qualvoll. Elfling widerfährt dieses Schicksal, und er sieht dabei aus wie Woden selbst, der neun Tage an der Weltenesche hing.

Doch dann folgt wie bei Woden auch Elflings Wiederauferstehung. Wodens göttliche Magie beherrscht nämlich nicht nur das Leben, sondern auch den Tod. Als Elfling an der Spitze eines Heeres der Toten aus dem Gräberfeld und an Wulfweards Seite vor Unwin erscheint, scheint die Welt den Atem anzuhalten …

|Jesus vs. Woden|

Die Parallelen zur christlichen Mythologie vom Opfertods des Gottessohns und seiner Wiederauferstehung sind unübersehbar. Auch Elfling weiß wie Jehoschua von Nazareth, dass die Stunde und Weise seines Todes vorbestimmt ist und es ihm nichts nützt, sich dagegen zu wehren. Der Leser fragt sich unwillkürlich, ob sich Wodens oder Christie „Magie“ als stärker erweisen wird, wenn es darum geht, den Glauben der Sachsen festzulegen. Die Autorin hat sich dafür entschieden, dass Christi Verfechter Unwin nicht nur ein Frevler, sondern ein blutiger Verbrecher ist, der ganz besonders gegen Frauen und Kinder keine Gnade walten lässt – ganz im Gegensatz zu Elfling etwa.

|Todesmagie|

Dem Anhang ist zu entnehmen, dass Wodens Runenmagie, die Elfling wiedererweckt, in der Lieder-Edda zu finden ist. Aber die Erweckugn der Toten, die Wodenssohn Elfling vornimmt, ist Folkmusic-Freunden recht bekannt: Es ist das alte englische Volkslied von John Barleycorn (wie es z. B. die Gruppe TRAFFIC so schön interpretierte). John Barleycorn ist der Gerstenmann, und er wird natürlich zur Gerstensaft, also Alkohol verarbeitet. Als in John Barleycorn ist eine ältere Gottheit verewigt, nämlich Ing, der sächsische Gott der Fruchtbarkeit und der Jahreszeiten. Und an Jul, seinem Feiertag, kehren die Toten zurück – diesmal buchstäblich …

_Die Übersetzung _

Der Übersetzer hat nun gewechselt. War es zuvor Edda Petri, heißt er nun Marco Bülles. Das macht die Sache nicht besser. Bülles hat Probleme mit den alten Vergangenheitsformen von Verben wie „erschallen“. Auf Seite 96 schreibt er deshalb „erschall“ statt „erscholl“ und auf Seite 208 „verborg“ statt „verbarg“.

Auf Seite 130 lässt er ein Wort weg, vermutlich erschien es ihm überflüssig. „Er (…) nur hier, um seinen Vater zu sehen.“ Es ist anzunehmen, dass das fehlende Wort „war“ lautet.

Offensichtlich unbekannte, weil längst in Vergessenheit geratene Ortsbezeichnungen werden nicht erklärt. „Miklagard“ auf Seite 133 etwa war der Wikingername für Konstantinopel. Solche Dinge hätten in die Anmerkungen aufgenommen werden sollen.

_Unterm Strich_

Der Folgeband schließt die Duologie um den Elfling ab. Der Aufbau ist völlig anders als der des ersten Bandes, organischer und harmonischer. Deshalb mag so mancher Actionfreund das langsame Tempo des ersten Drittels bedauern, und so erging es auch mir. Doch die Wende im zweiten Drittel wird sorgfältig vorbereitet und wirkt deshalb sowohl wuchtiger als auch nachhaltiger. Gewalt, Blut und Empörung mischen sich in der Eroberung von Julsburg. Das Finale bildet dann den Ausgleich zu diesem negativen Tiefpunkt im Schicksal der Titelfigur: Der Gerechtigkeit wird mit Hilfe der Götter zum Recht verholfen.

Viele kleine Glanzpunkte machen diesen Roman sogar noch besser als seinen Vorgänger. Allerdings verlangen die metaphysischen Szenen, die uns die Autorin hier präsentiert, eine Offenheit des Geistes, zumal gegenüber der nordischen Mythologie und Religion. Hier ist der Obergott Woden kein Herrscher jenseits der Wolken, sondern ein aktiv Mitwirkender und Lenkender, der nicht nur seinen Schützling erst umbringt, sondern ihn dann auch noch wiederbelebt und zurück in die Welt schickt. Die Parallelen zum Christentum sind unübersehbar, die Botschaft ebenfalls: Wenn ihr schon einen Erlöser finden wollt, dann braucht ihr nicht nach Palästina fahren, um ihn zu suchen – es gab ihn schon lange in Skandinavien und Germanien (denn dort kamen die Sachsen her).

Im finalen Duell zwischen Unwin und Elfling stehen sich auch zwei Religionen gegenüber. Leider schneidet der christliche Vertreter nicht nur nach Punkten viel schlechter ab als sein „heidnischer“ Kontrahent: Unwin verliert wortwörtlich den Kopf. Solche Details wie abgeschlagene Köpfe und der gefürchtete Blutadler – denn wir aus Craig Russells gelichnamigem Thriller kennen – machen die Lektüre erst ab 14 Jahren geeignet.

|Taschenbuch: 304 Seiten
Originaltitel: Elfking (1995)
Aus dem Englischen von Marcel Bülles
ISBN-13: 978-3404206254|
[www.luebbe.de]http://www.luebbe.de

Banscherus, Jürgen – Geheimnis von Nr. 7, Das (Jimmi Nightwalker 3)

_Die „Jimmi Nightwalker“-Serie:_

01 – [„Das Rätsel der schwarzen Herren“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6214
02 – „Der Verrat“
03 – _“Das Geheimnis von Nr. 7″_
04 – „Das unheimliche Schiff“

_Astronomische Rätsel an Bord geheimnisvoller Schiffe_

Als JoJo und seine Freunde Murat und Mai Lyn einen merkwürdigen Jungen namens Jimmi kennenlernen, steht ihr Leben plötzlich Kopf. Der grauhaarige Junge weiß weder, wer er ist, noch woher er kommt. Woher stammt er bloß? Eine Spur führt die Freunde nach Hamburg, wo sie auf alte Bekannte treffen: die Kakamura-Brüder (aus Band 1)! Nur mit einem Trick gelingt es ihnen, ihre geheimnisvollen Verfolger abzuhängen, um weiter nach dem roten Schiff zu suchen, das auf Jimmis Karte verzeichnet ist. Doch kaum haben sie es entdeckt und sind an Bord gegangen, schnappt die Falle zu … (Verlagsinfo)

Vom Hersteller empfohlenes Alter: 8 – 9 Jahre.

_Der Autor_

Jürgen Banscherus, geb. 1949, arbeitete nach geistes- und sozialwissenschaftlichem Studium als Journalist, Lektor und Dozent in der Erwachsenenbildung. Er ist Mitglied im PEN und Vorsitzender der Jury beim Bundesentscheid des Vorlesewettbewerbs. Seit mehr als 20 Jahren schreibt er erfolgreich für Kinder und Jugendliche. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und sind in 19 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau und seiner Familie im Ruhrgebiet.

_Handlung_

JoJo, Murat und Mai Lyn vom Geheimen Buchklub haben in Jimmi einen neuen Freund gefunden. Er ist grauhaarig und hat das Gedächtnis verloren, und das findet auch JoJos 90-jährige Uroma etwas merkwürdig. Noch seltsamer, weiß JoJo, sind jedoch die Brüder Kakamura, die ganz in Schwarz gekleidet sind und sie verfolgen. Was wollen sie bloß von Jimmi, fragt sich JoJo. Schon einmal haben er und seine Freunde den Finsterlingen ein Schnippchen geschlagen. Danach mussten sie Jimmi gegen die Hammer-Boys verteidigen.

Diesmal hat Jimmi eine Zeichnung angefertigt, auf der ein rotes Schiff zu sehen ist. Aber wo ist es zu finden? Als sie genauer hinsehen, entdecken sie das Autokennzeichen HH darauf: Hamburg. Dort sollen sie hin? OK, aber erst nachdem sie Uromas köstliche Brathühnchen gefuttert haben. Köstlich!

Es ist vor allem Murats türkischem Onkel und seinen Taschengeldspenden zu verdanken, dass sie sich die Fahrkarten nach Hamburg leisten können. Doch auch im ICE sind die Kakamuras sehr sonderbar. Im Hafen von Hamburg-Harburg finden sie kein rotes Schiff, sondern bloß Containerschiffe. Ein alter Seebär mit Zöpfen fragt sie, was sie suchen. Er nennt sich Winnetou und ist schon 82 Jahre alt. Sie zeigen ihm die Zeichnung mit dem roten Schiff darauf. Das müsse im Alten Hafen sein, meint er – und ist so freundlich, sie hinzuführen.

Da springt Jimmi auf einmal ins dreckige Hafenwasser! Er hat das Schiff erspäht! Mit einem geliehenen Motorbott fischen sie ihn wieder aus dem schmutzigen Nass und fahren ihn hin. Das rote Schiff heißt WEGA und scheint völlig verlassen zu. Niemand antwortet auf ihre Rufe. Sie gehen einfach an Bord, was den alten Seebären maßlos empört. „Das ist ja wie Hausfriedensbruch!“ schimpft er.

Aber das ist noch gar nichts gegen den Fund, den sie an Bord machen. Das Schiff hat keinen Motor, aber dafür in jeder Kajüte einen schwarzen Klotz. Was hat es damit wohl auf sich, fragt sich JoJo und fasst den Klotz in Kabine Nr. 7 an. Ein Gefühl unendlicher Traurigkeit überkommt ihn, genauso Murat, der den Klotz ebenfalls berührt. In jeder Kajüte ist ein Bild vom Sternbild Leier aufgehängt, dessen Hauptstern bekanntlich die WEGA ist. Aber wie heißt der Nachbarstern, der der durch eine Linie mit der WEGA verbunden ist?

Murat begibt sich in den Laderaum, und da liegt auch so ein schwarzer Klotz. Seltsamerweise ist nur der geheimnisvolle Jimmi in der Lage, den Klotz emporzuheben. Und dabei war doch Winnetou mal Meister im Schwergewichtheben! Plötzlich wird die Leiter aus dem Laderaum emporgezogen und die Luke geschlossen. Warum funktionieren ihre Handys auf einmal nicht?! Kurze Zeit später legt das Schiff ab – mit unbekanntem Ziel!

_Mein Eindruck_

Ich habe das Buch in nur einer Stunde gelesen. Nicht nur, weil es flott erzählt und spannend geschrieben ist, sondern auch, weil die Schrifttype wirklich groß ist und so nur wenig Text auf die Seite passt. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von Zeichnungen Thilo Krapps, die unsere Helden zeigen. Die Seiten können also nur so vorüberrauschen. Bevor es zum Finale kommt, kann man praktisch keine Pause einlegen.

Die Geschichte ist für acht- bis neunjährige Jungs und Mädchen geschrieben, und zwar so, dass diese alles verstehen. Ein wenig erinnert der Plot auch an „Momo“, und zwar ähneln die Herren in Schwarz ein wenig den grauen Männern von der Zeitkontrolle. Vor solchen Finsterlingen ist die alsbaldige Verdünnisierung angesagt, das versteht sich von selbst.

Das größte Rätsel ist allerdings Jimmi selbst. Er scheint unter Gedächtnisverlust zu leiden, denn er weiß nicht, wie er auf die Erde kam. Von wo? Das ist die Preisfrage. Und er kam obendrein nackt! Kein Wunder, dass er nicht dran denken will … So viele Rätsel, die es zu lösen gilt, sorgen, das ist klar, für jede Menge Folgebände in dieser neuen Serie. Die Nähe zu den „Drei ???“ und der „Ferienbande“ liegt nahe.

Gut finde ich allerdings, dass diese brandneue Reihe ganz im 21. Jahrhundert spielt und nicht auf Ursprüngen aus den sechziger und siebziger Jahren basiert. Ein durchschnittlicher Jugendlicher wie JoJo ist also standardmäßig mit Mobiltelefon, MP3-Player und Kaugummis ausgerüstet. Jimmi weist nichts davon auf, was ihn schon mal bemitleidenswert macht. Genau deshalb muss man ihm helfen.

Zur Aktualität gehört auch der Multikulti-Hintergrund, vor dem der Geheime Buchclub existiert: Murats Vater ist offenbar Türke, wenn auch ziemlich wohlhabend, und Mai Lyns Eltern sind Boat People: Vietnamesen, die mit einem Boot aus ihrer Heimat flüchteten. Inzwischen sind sie in Deutschland erfolgreiche Leiter einer Großwäscherei. Hartz IV ist demnach also kein Thema. Daraus ergeben sich einige Unterschiede auch zu Amelie Frieds Kinderbuchserie „Taco & Kaninchen“ (siehe meinen Bericht dazu), die in einer Stadt in einem Problem-Viertel spielt.

JoJos Umgebung ist etwas idyllischer, denn er wohnt in einem schönen Haus mit Garten. Und seine Uroma bemuttert ihn, was die Frage aufwirft, wo eigentlich Oma und seine Eltern abgeblieben sind. Diese Frage wurde vielleicht im zweiten Band beantwortet, den ich nicht gelesen habe.

_Unterm Strich_

Auch wenn sich der Plot dieser neuen Serie wohlbekannter Kniffe wie Amnesie, astronomischer Rätsel und anonymer Finsterlinge bedient, so halten die Geheimnisse doch das Interesse an der Geschichte wach. Diesmal tritt ein Rätsel auf, das eher an Sciencefiction denken lässt: die schwarzen Klötze an Bord des roten Schiffes WEGA. Sie haben sonderbare Eigenschaften. Kommen sie nicht von unserer Welt, sondern wie der Meteorit, der in Band 2 gefunden wurde, von einer anderen? Wer weiß schon, wohin die WEGA fährt – oder fliegt?

Keine Frage gibt diese Geschichte Stoff für viele weitere Bände her, wie man hoffen darf. Jedes Buch lässt sich von erfahrenen Lesern wie mir in etwa einer Stunde lesen, eignet sich aber auch gut zum Lesenlernen – dank der großen Schrift. Druckfehler fand ich keine.

|Hardcover: 112 Seiten
Illustriert von Thilo Krapp
ISBN-13: 978-3570135785|
[www.randomhouse.de/cbjugendbuch]http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch
[www.juergen-banscherus.de]http://www.juergen-banscherus.de

Horin, Niki – Entdeckungsreise zum Südpol

_Vom Leser zum Entdecker: Die Eroberung des Südpols_

„Die größten Antarktis-Expeditionen … Robert Scott, Ernest Shackleton und Roald Amundsen hatten ein gemeinsames Ziel: den bisher unerforschten Südpol zu erreichen. Ihr atemberaubender Wettlauf durch das ewige Eis und ihre gefährlichen Expeditionen machten sie zu legendären Helden.

Faszinierende Fotos, topographische Karten und Originaldokumente laden alle angehenden Polarforscher dazu ein, die berühmten Entdecker auf ihren abenteuerlichen Reisen durch die Antarktis zu begleiten.“ (Verlagsinfo)

Über die Verfasserin ist im Buch leider nichts zu erfahren, aber sie meldet sich mit einer Anmerkung zu Wort. Darin lässt sie sich über die Bezeichnungen der Expeditionen ab 1901 aus: Sie werden alle nach den Schiffen der Teilnehmer benannt.

_Inhalte_

Das Buch ist wie ein Bilderbuch aufgebaut: möglichst wenig Text, möglichst viele Bilder – aber auch Dokumente und Aufstellbilder. Schon der Innenumschlag birgt zwei Broschüren, die den Leser über die Antarktis-Forschung von 1820 (Entdeckung) bis 1901 (Discovery-Expedition) und über die am Südpol lauernden Gefahren aufklären.

Die Nationale Antarktis-Expedition, die die „Discovery“ einsetzt, wird im Hafen verabschiedet. Robert F. Scott nimmt den erst 27-jährigen Ernest Shackleton mit. Ein Büchlein beschreibt den Veranstalter und die zwei Expeditionsleiter.

Die „Discovery“ in der Antarktis: erstes Aufstellbild. Es zeigt einen riesigen Eisberg mit Pinguinen, davor Robben, gesehen von Bord aus.

1907 sticht Shackleton mit der „Nimrod“ auf seiner ersten eigenen Expedition in See. Die Expedition erreicht als Erste den magnetischen Südpol, man besteigt den Vulkan Mt. Erebus. Zu diesem Vulkan gibt es ein sehr schönes Ausziehbild. Zieht man an der seitlichen Lasche, enthüllt man einen eruptierenden Vulkan!

Für diesen Triumph schlägt der König den Forscher zum Ritter. Shackleton schreibt sein erstes Werk. Dies spornt Robert F. Scott an, es ein zweites Mal zu wagen. Im Winter 1911 legt er die Depots an, die ihn zum geographischen Südpol führen sollen. Erste Fotos von dieser Unternehmung sowie ein Telegramm aus Melbourne.

Der Zweikampf mit Roald Amundsen beginnt, der schon seit Anfang 1911 vor Ort ist. Wie bekannt, siegt Amundsen in diesem Wettlauf, und Scott, sowie seine Begleiter verhungern und erfrieren im Eis. Hier gibt es das zweite Aufstellbild: ein Schlittenhundegespann der Norweger.

Shackletons dritte Expedition beginnt am 5.12.1914: das Abenteuer mit der „Endurance“, trotz des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs. Ziel ist die erste Durchquerung des Südkontinents mit Passieren des geographischen Südpols. Es soll anders kommen!

Schon bald ist die ENDURANCE vom Packeis eingeschlossen, die Vorräte gehen zur Neige, und die Forscher müssen jagen gehen. Fotograf Frank Hurley beginnt seine einzigartigen Aufnahmen zu machen, die seinen Ruhm und den Shackletons begründen werden. Schon bald muss die Besatzung das Schiff verlassen, weil es zerquetscht wird.

|“Leben auf dem Treibeis“|: Die Besatzung hat sich auf dem Treibeis ein Camp geschaffen, in dem es sich überleben lässt. Aber nicht für immer. Deshalb fällt der Beschluss, dass die Schiffbrüchigen zur Elefanteninsel aufbrechen. Auch hier gibt es ein Ausziehbild. Zieht man an der seitlichen Lasche, kann man ein Boot fahren lassen.

|“Ein verwegener Plan“|: Nach 497 Tagen im Eis erreichen die Männer erstmals wieder Land! Sie fallen auf die Knie und küssen den kalten Kies. Doch hier kann nicht das Ende der Expedition sein, oder? Neun, Shackleton und seine besten Männer wollen weiter, um ein rettendes Schiff zu Hilfe zu holen. Aber nicht irgendwo, sondern 1300 Kilometer entfernt auf Süd-Georgien. Dort gibt es die Walfängerstation Stromness. 1300 Kilometer durch die rauheste See der Welt – in einer sieben Meter langen Nussschale! Am 16. April 1916 erklärt der Leiter seinen Entschluss, wenige Tage später sticht er in See. Ein Himmelfahrtskommando?

|“Eine mutige Mission“|: Am 2. Mai 1916 erwischt eine gigantische Riesenwelle – siehe das dritte Aufstellbild – das Langboot, das um ein Haar kentert und untergeht. Wie durch ein Wunder überleben alle und können weitersegeln. 30 km vor dem Ziel gerät die „James Caird“ in einen Hurrikan, der das Boot neun Stunden lang beutelt. Mit der Landung sind 16 Tage Todeskampf zu Ende. Am 10. Mai gibt es in einer Höhle Möweneintopf.

Aber sie sind am falschen Ende von Süd-Georgien gelandet und müssen die Insel überqueren. In einem gewagt konstruierten Schlitten aus dicken Seilen (!) schlittern Shackleton, Worsley und Crean die Gletscherhänge hinunter – siehe die Karte in einer Einstecktasche. An Schlaf ist drei tage lang nicht zu denken. Am 29. Mai hören sie die Dampfpfeife eines Schiffes. Endlich in Stromness, endlich am Ziel!

Doch Shackleton, dessen Haar vor Sorge schon grau wird, sorgt sich um seine Leute auf der Elefanteninsel. Nach Verhandlungen mit der Regierung in Chile fährt er mit dem Dampfer „Yelcho“ zur Elefanteninsel, die er am 30. August 1916 erreicht. Dort haben alle 22 Mann die fünf Monate als Schiffbrüchige überlebt.

|Hinterer Innenumschlag|: Karte der Antarktis mit eingebauter Drehscheibe. Dreht man daran, werden im Ausschnitt mehrere Expeditionsangaben sichtbar, inklusive Fotos des jeweiligen Leiters. Die gegenüberliegende Seite berichtet von Entdeckungen für die Wissenschaft und vom Tod Shackletons, der bei den Vorbereitungen zu einer weiteren Expedition am 5. Januar 1922 verstarb.

_Mein Eindruck_

Die Machart dieses Buches folgt dem von Büchern über Piraten und Legenden wie Bob Dylan oder John Lennon. Es verbindet die visuelle Darstellung mit dokumentarischem Ansatz, der sich in den Faksimiles von alten Dokumenten wie etwa Broschüren oder Fotoalben zeigt. Auf diese Weise wird dem jungen Leser Historie nicht nur per Text und Bild vermittelt.

Die Präsentation der Geschichte der Antarktis-Expeditionen verläuft vom Allgemeinen zum Besonderen, das heißt von der Naturbeschreibung über die Ausrüstung und Anfänge der Erforschung bis hin zu den drei Expeditionen, auf die es ankommt: Erst Scott und Shackleton zusammen auf der „Discovery“, dann Shackleton auf der „Nimrod“, darauf 1912/13 Scott vs. Amundsen, schließlich Shackleton auf der „Endurance“.

Das Übergewicht, das auf der Darstellung Shackletons liegt, setzt sich auch in der zweiten Buchhälfte fort. Woher die Dominanz dieses Forschers rührt, wird nicht begründet. Vielleicht lag der Autorin entsprechend viel Material vor. Oder Shackleton eignet sich als Held weitaus besser als Robert Falcon Scott, der in der Antarktis ums Leben kam, weil er der Technik zu sehr vertraute.

Wie auch immer, an Dramatik ist die Expedition der „Endurance“ nicht mehr zu überbieten, und die Darstellung unternimmt alles, um dieses Drama in Szene zu setzen. (Es wurde inzwischen erfolgreich mit Kenneth Brannagh als Shackleton verfilmt.) Die Aufstellbilder verstärken für den jungen Leser noch die Dimension der Gefahren: die Riesenwelle etwa. Auch die Wunder des sechsten Kontinents werden sichtbar, so etwa ein Vulkan wie der Mt. Erebus.

Aufgrund der Dokumente, die es zu öffnen, und der Aufstellbilder, die es aufzuklappen gibt, wird der junge Leser selbst zum Entdecker. Und das ist genau die Aufgabe dieses Buches: Lernen durch Entdecken. Die Unterhaltung kommt durch das Drama und die Spannung ebenfalls nicht zu kurz.

_Die Übersetzung _

In Shackletons Todesmeldung auf der letzten Innenseite verbirgt sich der einzige Datenfehler, den ich im Buch entdecken konnte: Wenn Shackleton im September 1921 mit der QUEST aufbricht, wieso stirbt er dann im „Januar 1920“? Ist er ein Zeitreisender? Mitnichten. Es handelt sich einfach um einen doofen Tippfehler in der Bildunterschrift. Nobody’s perfect.

_Unterm Strich_

Der junge Leser, dem dieses schöne Buch geschenkt wird, kann hierin vieles entdecken und beim Entdecken zugleich lernen, wie die Bedingungen in der Antarktis sind und welche Expedition sie überwunden hat. Die Helden tragen leider nur englische Namen wie Shackleton und Scott, denn der Norweger Roald Amundsen, der den geographischen Südpol zuerst erreichte, wie nur am Rande erwähnt. Offenbar ist er kein Heldenmaterial, ebenso wenig wie Scott.

Deshalb widmet das Buch dem siegreichen Forscher Shackleton die ganze zweite Hälfte. Die Geschichte von der ums Haar scheiternden Fahrt der „Endurance“ bestens fotografiert von Frank Hurley, ist denn auch ein exemplarischer Triumph des Menschen, seiner Willenskraft und Opferbereitschaft. Wer könnte ein größerer Held sein, scheint das Buch zu fragen.

Durch Aufstellbilder, doppelseitige Gemälde und Faksimiles alter Dokumente wirkt das Buch sowohl visuell als auch haptisch. Entdeckungen lassen sich mit Laschen von Einsteckbildern machen, so etwa vom Vulkan Mt. Erebus. Allerdings bleibt die Dokumentation im historischen Bereich und geht nicht auf die Moderne ein, die ja völlig unromantisch zu sein scheint.

|Hardcover: 30 Seiten
Originaltitel: The Search for the South Pole (2009)
Aus dem Australischen Englisch von Cornelia Panzacchi
ISBN-13: 978-3-570-13811-3|
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