Der einstige Bauernbursche Gwydion ist dank der fürsorglichen Anteilnahme seines neuen Weggefährten Ritter Humbert mittlerweile zum Knappen am Hofe geworden, ringt indes aber mit seinem Ehrgefühl. Die vorangegangenen Schlachten gegen die Sachsen und auch der Verrat des grausamen Mordred haben ihm ein ganz anderes Ritterbild vermittelt als jenes, das er sich in seiner Kindheit ausgemalt hat. Nach den Grausamkeiten, die er auf Camelot erlebt hat, zieht es Gwyn zurück in seine Heimat, wo er sich zumindest für kurze Zeit ein friedlicheres Leben erhofft. Auf dem Weg dorthin trifft er auf einen seltsamen, schwer kranken Einsiedler, der dem Jungen irgendwie vertraut erscheint. Erst später offenbart er sich als der einst verstoßene Ritter Lancelot, der vor mehr als 13 Jahren Opfer einer höflichen Intrige wurde und aufgrund einer Vergiftung dem Tod langsam aber sicher ins Auge blicken muss.
Gwyn befindet sich in einem Zwiespalt, denn einerseits würde er gerne in der Obhut seines Vaters Ruhe finden, andererseits sieht er sich auch in die Pflicht genommen, dem angeschlagenen Lancelot in seiner Not beizustehen. Auf Geheiß Merlins beschaffen Gwyn und Rowan dem Ritter, der einst auszog, um den heiligen Gral zu finden, einige Heilkräuter. Doch ihre Reise soll nicht ohne Folgen bleiben. Mordred ist ihnen dicht auf der Spur und hat es besonders auf Gwyn abgesehen; wie der nämlich bald realisieren muss, ist er ganz spezieller Herkunft und eventuell sogar die letzte Hoffnung für ganz Britannien.
_Meine Meinung_
Nach dem recht harten Ende des letzten Buches kehrt in „Die Macht des Grals“ zunächst einmal Ruhe ein; Gwyn ist geschafft und enttäuscht von den Vorgängen am Hofe Camelots und kann seine Erfolge gar nicht richtig genießen. Zu tief sitzt der Schmerz ob der jüngsten Geschehnisse und zu mysteriös erscheint ihm das Rätsel um seine Herkunft, als dass er seinem Knappendasein mit voller Konzentration gerecht werden könnte.
Mit der Heimreise verspricht er sich zunächst Ruhe, aber auch Klarheit über seinen Ursprung, denn nach wie vor nagt der Schmerz der Ungewissheit an ihm. Während Gwyn für eine längere Rast kaum Zeit findet, offenbart sich ihm schließlich auch Schritt für Schritt die Vergangenheit. Dabei muss er jedoch auch erfahren, dass sein geliebter Vater nicht der leibliche Erzeuger ist. Er war lediglich zum rechten Zeitpunkt am richtigen Ort, nämlich als seine Mutter Valeria, eine einst flüchtige Dame römischer Herkunft, einen Unterschlupf suchte und ihn fand. Die Bedeutung all dessen wird Gwydion aber erst klar, als er sich auf den Weg zur Festung von Goon Desert begibt, der Burg, in welcher der Heilige Gral der Legende nach aufbewahrt werden soll. Erst dort versteht er die Prophezeiung und seine Aufgabe im königlichen Ränkespiel; doch der Druck auf seinen Schultern ist urplötzlich unheimlich groß, und selbst der tapfere Gwyn hat seine Zweifel, ob er den Anforderungen gewachsen sein wird.
Im zweiten Teil der „Gwydion“-Saga arbeitet Peter Schwindt mit einem Schlag sehr viele bislang ungewisse Hintergründe um die jugendliche Titelfigur auf, hält jedoch die Spannung durch die Einführung neuer Geheimnisse konsequent auf einem hohen Niveau. Selbst wenn die Bestimmung Gwydions nunmehr klar ist, so liegt doch noch ein weiter Weg vor ihm, und schließlich muss er auch ständig um sein Leben fürchten, denn seine offensichtlichen Gegner werden immer zahlreicher. Doch während die Zukunft des jungen Knappen erst mal nur spekulativ zu betrachten ist, kann man über das hier Geschriebene zum wiederholten Male ein paar sehr positive Worte loswerden; der Autor versteht es einfach, immer neue Spannungskurven in den abenteuerlichen Plot einzufügen, und schafft durch die Schicksale, die Gwydion auf seinen Reisen erleiden muss, eine totale Identifikation mit der Hauptfigur. Weiterhin ist es ihm zum wiederholten Male sehr schön gelungen, seine Geschichte nah an die Artus-Sage anzulehnen, sich in entscheidenden Punkten aber auch wieder von ihr zu differenzieren. So funktioniert auch „Die Macht des Grals“ im weitesten Sinne als unabhängiger Roman innerhalb eines vertrauten Settings mit vielen bekannten alten Heroen.
Bereits in der Rezension zum ersten Band habe ich die Frage aufgeworfen, ob es überhaupt noch notwendig ist, weitere Bücher um die Artus-Sage zu schreiben, schließlich kann man mittlerweile auf einen Fundus zurückgreifen, dessen Quantität wohl ausreicht, um mehrere Bibliotheken auszufüllen. Schwindt beantwortet diese Frage jedoch auch mit seinem zweiten Buch aus der „Gwydion“-Reihe ganz eindeutig: Ja, solange das Ganze so erfinderisch erzählt, so liebevoll bearbeitet und so spannend dargestellt wird wie in diesem Fall, darf die Legende aus dem alten Britannien gerne weiter ausgeschlachtet werden! Eine weitere dicke Empfehlung meinerseits für diese herrlich schöne Serie!
Kinder empfinden, denken, fühlen und letztlich handeln ganz anders als Erwachsene. Die Welt mit Kinderaugen gesehen, ist nicht die gleiche wie aus unserer Perspektive. Im Erwachsenenalter vergessen wir leider viel zu oft, was Kinder wirklich berührt, wovor sie Angst haben, und dass eben die Wahrheit für beide Parteien grundsätzlich niemals die gleiche sein kann.
„Kinder an die Macht“ – eine Parole für den neuen Roman „Die Eisfestung“ des Autors Jonathan Stroud, die hier durchaus ihren Sinn ergibt. Handeln Kinder immer nach ihrem ganz eigenen Gerechtigkeitssinn, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein? Wann wird aus einem Spiel bittere und tragische Realität? Grenzen verschwimmen in einer Form von emotionaler Grauzone, vernebelt durch Empfindungen, Ängste und die Erfahrungen mit den Erwachsenen, die ohnehin nicht die Tragik der Situation verstehen können.
Ist dies wirklich so?
Viele Kinder- und Jugendbücher laden den Leser auf eine Reise durch die Zeit ein, an einem Ort, den sie früher mal gekannt haben, zu Erlebnissen und Empfindungen, die wir in die tiefsten Schubladen unseres Gedächtnisses verbannt haben. Dem englischen Autor Jonathan Stroud, der durch die Bartimäus-Triologie einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, gelingt dies unglaublich gut. Vorab sei zu sagen, dass der Roman aufwühlend geschrieben ist und uns wirklich dazu anleiten kann, darüber nachzudenken, wie verschieden Kinder und Erwachsene eine Situation wahrnehmen und ihr begegnen können.
_Die Geschichte_
An einem klirrenden, eiskalten Winternachmittag erkundigt die kleine Emily eine noch recht gut erhaltende Burgruine. Für Kinder ein fast schon magisch anziehender Ort voller vielversprechender Abenteuer und Gefahren, nicht nur für Emily. Dort trifft sie auf einige Kinder aus der Nachbarschaft, eine Schneeballschlacht entbrennt vor den Festungsanlagen und sie findet in Marcus und Simon zwei Verbündete, die ihr Schicksal teilen.
Marcus, ein charismatischer und aufgeweckter Junge, zieht die beiden Freunde in seinem Bann aus Geschichten rund um die alte Burg. Er erzählt von vielen Schlachten und Belagerungen, die vor dem Tor auf den Hängen der Anlage stattgefunden haben. Jetzt in der Winterzeit finden keine touristischen Besichtigungen der Ruine statt, nur ein städtischer Wächter schaut ab und an nach dem Rechten.
Emily und Simon sind eher vorsichtig und skeptisch, doch lassen sich sie sich von Marcus dazu überreden die verbotene Burg zu erkunden und gegebenenfalls zu erobern. Im ersten Eroberungsfeldzug werden die drei aber von dem Wächter erwischt und kurzerhand verjagt. Die erlittene Schmach möchten sie diese natürlich wieder wettmachen.
Angesteckt von der Idee, verabreden sich die drei Abenteurer für den nächsten Tag. Eine Kriegslist wird erdacht, eine Ausrüstung geplant und der Entschluss gefasst, die Burg in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu belagern und letztlich zu erobern. Ziel ist es, in dem alten Gemäuer eine Nacht zu verbringen.
Den drei Eroberern gelingt dieser tollkühner Plan, doch am anderen Morgen verschlafen Marcus, Simon und Emily. Das unschuldige Spiel wird zu einer dramatischen Situation für Marcus, denn dieser hat seinen Erzählungen nach zu urteilen nicht zu Unrecht Angst vor seinem gewalttätigen Vater.
Einige Tage vergehen, bis sich die drei Kinder zufällig wieder treffen. Marcus verbirgt sein Gesicht vor den Freunden, aber die grünen und blauen Flecken sind nicht zu übersehen. Marcus erzählt, dass dies sein Vater war, und er verschanzt sich mit seinen neu gefundenen Freunden auf der Burg. Aus diesem Nervenkitzel wird bitterer Ernst, als nicht nur der städtische Wächter, sondern auch die Polizei, die Feuerwehr und selbst die Sozialarbeiter als Belagerer vor den Burgmauern auftauchen.
Das übermütige Spiel schlägt plötzlich in einen eskalierenden Alptraum um.
_Kritik_
„Die Eisfestung“ wurde parallel zu dem Erfolgsroman „Bartimäus“ verfasst. Der subtile Psychothriller für Jugendliche – aber auch Erwachsene – ist ungemein atmosphärisch und fesselnd. Die Geschichte beginnt mit ersten Kämpfen und endet dramatisch in einer Belagerung.
Jonathan Stroud verbindet dabei Fantasie mit der Realität auf eindrucksvolle Art und Weise. Wie schon erwähnt, spielen hier die verschiedenen Sichtweisen der drei Kinder die Hauptrolle. Jeder von ihnen ausgestattet mit individuellen Eigenschaften, aber nicht durch eine langjährige Freundschaft verbunden, erzählen die Situationen in den verschiedenen Abschnitten immer aus einer völlig anderen Perspektive.
Die Wahrheit hat oftmals mehrere Gesichter und zeigt sich nicht immer auf dem ersten Blick. Feind- und Freundschaft, Verrat und Loyalität finden sich als Themen in der Geschichte immer wieder. Zwar entwickelt diese sich langsam, aber entstehen keine Längen, die den Lesefluus stoppen. Wer Bartimäus kennen und lieben gelernt hat, der sollte jedoch nicht erwarten, genau dieses Genre in „Die Eisfestung“ wiederzufinden. Viele werden den Humor und den Sarkasmus vermissen. Die hier vorliegende Story ist dafür nicht wirklichkeitsfremd. Nahezu beklemmend lässt sie uns innehalten und das Buch weglegen, um die geschilderte Situation in der Geschichte zu überdenken.
Vergleichen kann man die Romane rund um „Barti“ nicht mit diesem Psychothriller, wie der Leser nun festgestellt haben wird. Jonathan Stroud hat sich sorgfältig mit der Psyche von Kindern und Jugendlichen befasst, deswegen ist dieses Buch auch gut für die angehenden Erwachsene zu empfehlen, aber gerade Erwachsene werden sich nach der Lektüre Gedanken darüber machen, worüber und vor allem wie ihre Kinder wohl (nach-)denken. Genauso gut aber werden sie über ihr eigenes Verhalten nachdenken müssen, denn die Wahrheit hat auch immer zwei Gesichter – das der Kinder, die lernen, und das der Erwachsenen, die das Erlernte scheinbar fast vergessen haben.
_Der Autor_
Jonathan Stroud wurde 1970 in Bedford, England geboren. Seit er sieben Jahre alt war, schreibt er Geschichten. Zunächst arbeitete Stroud als Lektor, bis er sich dazu entschloss, eigene Kinderbücher zu veröffentlichen. Zusammen mit seiner Frau Gina und seiner Tochter Isabelle lebt und schreibt er in London. Die Jugendromane rund um den Dämon Bartimäus sicherten ihm einen Platz auf den Beststellerlisten und in den Herzen vieler Jugendlichen und Erwachsenen. Die Trilogie wird zurzeit von |Miramax| verfilmt.
|Originaltitel: The Last Siege, 2003
Originalverlag: Random House UK
Übersetzt von Bernadette Ott
Deutsche Erstausgabe
Ab 12 Jahren
Gebundenes Buch, 288 Seiten, 13,5 x 21,5 cm|
http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/
_Jonathan Stroud auf |Buchwurm.info|:_
[Bartimäus – Das Amulett von Samarkand 353
[Bartimäus – Das Auge des Golem 1613
[Drachenglut 3381
Band 1: „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“
Band 2: „Charlie Bone und die magische Zeitkugel“
Band 3: „Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange“
Band 4: „Charlie Bone und das Schloss der tausend Spiegel“
Mitten in der Nacht wird Charlie von einem Klacken am Fenster geweckt. Draußen sitzen die Flammen, die drei feuerfarbenen Katzen des roten Königs. Offenbar haben sie Charlie etwas Dringendes zu sagen, und mit Billys Hilfe erfährt er schließlich, dass sie eine Warnung vor einem Schatten überbringen. Charlie soll auf seine Mutter achten!
Band 1: „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“
Band 2: „Charlie Bone und die magische Zeitkugel“
Band 3: „Charlie Bone und das Geheimnis der blauen Schlange“
Ein neues Schuljahr hat begonnen. Und es wartet gleich als Erstes mit einer unangenehmen Überraschung auf: Manfred ist immer noch da, obwohl Charlie gehofft hatte, der unangenehme Aufsichtsschüler wäre nach seinem Schulabschluss studieren gegangen. Stattdessen ist er jetzt Hilfslehrer am Bloor! Auch Asa ist immer noch da – durchgefallen! Und als Ersatz für Zelda kam nicht nur ein frostiges Zwillingspärchen, sondern auch noch ein Junge namens Joshua, dem es mit Hilfe seiner Gabe gelingt, Tancred auf seine Seite zu ziehen. Jetzt ist das Gleichgewicht im Bloor ernstlich gestört.
Von den über 200 enthaltenen Märchen seien an dieser Stelle einige der bekanntesten unter ihnen vorgestellt:
Im „Froschkönig“ erhält eine junge Königstochter ihre verlorene Goldkugel von einem Frosch zurück. Als Dank soll sie ihn bei sich aufziehen, doch sie weist das Tier angeekelt zurück.
Das „Marienkind“ erzählt von einem Mädchen, das von der Jungfrau Maria aufgenommen wird und im Himmel lebt. Dort soll es auf keinen Fall die dreizehnte Tür öffnen, doch das Mädchen ist neugierig …
Im „Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ macht sich ein junger, naiver Mann auf, die Furcht kennen zu lernen, denn alle Welt scheint sich gruseln können, nur er nicht. Drei Nächte in einem Geisterschloss warten als Herausforderung auf ihn.
„Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ erzählt davon, wie ein hungriger Wolf mit einer List versucht, die jungen Geißlein, die allein zuhause geblieben sind, zu fressen.
„Brüderchen und Schwesterchen“ ist eine Verwandlungsgeschichte, in der ein Mädchen und sein als Reh verzauberter Bruder durch einen Wald irren.
„Rapunzel“ ist das Märchen vom gefangenen Mädchen, das in einen Turm eingesperrt ist.
„Hänsel und Gretel“ sind ein Geschwisterpaar, das im Wald ausgesetzt wird und im Haus einer bösen Hexe landet.
„Aschenputtel“ erzählt die Geschichte eines schönen, klugen Mädchens, das von seiner bösen Stiefmutter und deren garstigen Töchtern wie eine Putzmagd behandelt wird – bis sich eines Tages die Gelegenheit ergibt, auf den Ball des Prinzen zu gehen.
In „Frau Holle“ kommen zwei grundverschiedene Schwestern zu einer alten Frau, die aus ihren Federbetten den Schnee auf der Erde macht.
„Die sieben Raben“ sind verzauberte Brüder. Als ihre jüngere Schwester von ihrem Schicksal erfährt, macht sie sich auf, sie zu erlösen.
„Rotkäppchen“ ist das kleine Mädchen, das seiner kranken Großmutter Verpflegung bringen möchte und dabei im Wald einem Wolf begegnet.
„Tischchendeckdich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“ sind die magischen Dinge, die drei Brüder am Ende ihrer Lehre erhalten, und die zweien von ihnen zunächst nur Unglück bringen.
„Dornröschen“ ist die Geschichte von der schlafenden Prinzessin, über deren Schloss ein Fluch liegt.
In „König Drosselbart“ wird eine wählerische Königstochter, die ihre Freier verspottet, mit einem scheinbar armen Mann verheiratet.
Das „Schneewittchen“ ist ein schönes Mädchen, dessen eifersüchtige Stiefmutter ihm den Tod wünscht. Was für ein Glück, dass es die sieben guten Zwerge gibt, die sich ihrer annehmen.
„Der goldene Vogel“ stiehlt regelmäßig die goldenen Äpfel eines Baumes. Der Besitzer des Gartens schickt seine drei Söhne auf die gefahrenvolle Reise, den Vogel zu fangen.
Im „Allerleihrau“ flieht eine Tochter vor ihrem Vater und zieht sich, mit einem Fell berkleidet, in den Wald zurück, bis sie die Jäger des benachbarten Königs aufgreifen.
„Der Arme und der Reiche“ zeigt den lieben Gott als Wanderer, der Wünsche gewährt, die nicht immer klug genutzt werden.
„Schneeweißchen und Rosenrot“ sind zwei gutherzige Schwestern, die Freundschaft mit einem Bären schließen.
„Der gestiefelte Kater“ ist das scheinbar wertlose Erbe, das der jüngste Sohn von seinem Vater erhält, der ihm aber noch viel Glück bringen wird.
Insgesamt 207 Märchen versammeln sich in diesem Band, der die Ausgabe letzter Hand von 1857 noch um ein paar weitere Märchen aus früheren Ausgaben erweitert und mit zahlreichen Illustrationen versehen ist. Fast in jedem Haushalt befindet sich zumindest eine gekürzte Ausgabe dieser weltbekannten Märchen, die aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken sind.
Es war zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit ihrer Sammlung mündlich überlieferter Märchen begannen und sie anschließend bearbeiteten. Bei der Bearbeitung wurde vor allem auf gesellschaftliche Vorstellung und eine kindgerechte Darstellung Wert gelegt. Die Rezeption der Kinder- und Hausmärchen ist bis heute ungebrochen. Es existieren nicht nur zahlreiche Verfilmungen und Parodien, auch etliche Forscher haben sich nicht nur mit den literarischen, sondern auch mit den psychologischen Aspekten der Märchen befasst.
„Kinder brauchen Märchen“ lautet der Titel eines Werkes des Pädagogen Bruno Bettelheim, der damit in den Siebziger Jahre für den Märchenkonsum plädierte, da Märchen die Phantasie der Kinder anregen, Möglichkeiten zur Problemlösung aufzeigen, ihre Bedürfnisse ansprechen und durch einen glücklichen Ausgang versöhnen und ermutigen. Während andere Märchen, etwa die des kaum weniger bekannten Hans Christian Andersen, manchmal melancholisch enden, kann man bei den Gebrüdern Grimm auf einen positiven Schluss vertrauen, der den Schrecken, der zuvor ausgelöst worden sein mag, wieder zurücknimmt.
|Grundlegende Motive|
Kennzeichnend für alle Märchen dieser Ausgabe ist eine geradlinige, meist episodenhaft verlaufende Handlung mit vielen sich wiederholenden Motiven, dem Gebrauch starker Gegensätze, lehrreicher Aussagen und einem glücklichen Ausgang. Da die Gebrüder Grimm nicht als Erfinder fungierten, sondern auf bereits vorhandene Erzählungen zurückgriffen, tauchen viele bekannte Motive und Figuren aus älteren Werken und Kulturen wieder auf.
Den „gestiefelten Kater“ kennt man in der französischen Version von Charles Perrault, die Gestalt der „Frau Holle“ orientiert sich mutmaßlich an einer vorchristlichen Gottheit, „Der Arme und der Reiche“ greift eine Grundsituation aus Ovids Erzählung von „Philemon und Baucis“ auf, und die oft auftretenden sprechenden Tiere erinnern an die Fabel, die bereits die alten Römer kannten.
In vielen Märchen spielen die Religion und die Frömmigkeit eine große Rolle. Ganz offensichtlich wird das im „Marienkind“, das von der Mutter Gottes persönlich adoptiert und in den Himmel geholt wird, wo es mit den Englein spielen darf. Doch auch hier herrschen Gebote vor, die dem Mädchen untersagen, eine bestimmte Tür zu öffnen. Natürlich ist das Kind zu neugierig, schaut hinter die Tür und erblickt die Dreieinigkeit im Feuer – eine schwere Sünde, die sich noch verstärkt, da das Marienkind anschließend die Tat mehrmals leugnet. „Der Arme und der Reiche“ begegnen Gott selber, der, ebenfalls ein uraltes Motiv, als Wanderer auf Erden wandelt und die Gastfreundschaft der Menschen testet. Der hartherzige Reiche wird bestraft, der gutherzige Arme dagegen, der seine karge Habe mit dem scheinbar noch ärmeren Wanderer teilt, wird reich belohnt. Reich belohnt wird auch das Mädchen im Märchen von den „Sterntaler(n)“. Das Waisenkind gibt bereitwillig sein Essen und seine Kleidung weg, um anschließend dafür vergolten zu werden.
Eine große Rolle spielen Familienbande in den Märchen. Oft hat man es mit ausgesetzten oder flüchtenden Kindern zu tun. „Hänsel und Gretel“ werden ihrem Schicksal im Wald überlassen, „Brüderchen und Schwesterchen“ fliehen in einen ebensolchen, „Allerleihrau“ muss sich vor ihrem Vater dorthin retten. Das Motiv der bösen Stiefmutter ist eines der volkstümlich bekanntesten überhaupt. Interessanterweise wurde dieser Part in der ersten Version von „Schneewittchen“ mit ihrer leiblichen Mutter besetzt, doch es erschien gesellschaftlich versöhnlicher, dafür eine Stiefmutter zu wählen. Auch bei „Brüderchen und Schwesterchen“ taucht sie auf und nicht weniger missgünstig bei „Aschenputtel“, bei „Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein“ und im „Fundevogel“. Im Märchen von den „zwölf Brüder(n)“, den „sieben Raben“ und den „sechs Schwäne(n)“ sind starke Parallelen zu finden, sodass die Geschichten als Variationen voneinander gelten. Zentral ist hier vor allem das Motiv der einzigen Tochter, die ihre älteren Brüder erlöst. Aber auch Feindseligkeit unter Geschwister wird mehrfach thematisiert, etwa in „Der goldene Vogel“, „Der singende Knochen“, „Die drei Federn“, „Die Bienenkönigin“ und „Die Krähen“. „Der singende Knochen“ ist dabei eines der gewalttätigsten Märchen der Sammlung, da dort, ganz in biblischer Kain-und-Abel-Manier, der neidische Bruder den anderen erschlägt.
Sehr populär sind sprechende Tiere, die mal als Freund und Helfer und mal als böser Gegenpart auftreten können. Als Erstes kommt da vermutlich der Wolf in den Sinn, der „Rotkäppchen“ und die Großmutter fressen will und es in „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“ auf die Tierkinder abgesehen hat. In „Der goldene Vogel“ dagegen ist der Fuchs ein weiser Ratgeber, der einem etwas einfältigen jungen Mann immer wieder den Weg weist; „Die Gänsemagd“ erhält Unterstützung von ihrem Pferd Fallada und „Der Fischer und seine Frau“ bekommen vom gefangenen Butt Wünsche gewährt. Manche der Tiere sind verzaubert und verwandeln sich am Ende wieder in Menschen zurück, etwa im „Froschkönig“, in „Brüderchen und Schwesterchen“ oder in „Die sieben Raben“. Andere Geschichten sind Tiermärchen, die sich an Fabeln orientieren und in denen die Charakteristika der Tiere beleuchtet werden.
Eigen ist allen Märchen ein auffallender Dualismus, der mal stärker und mal schwächer zutage tritt. Die Figuren sind charakterlich gewöhnlich eindimensional und dabei überzeichnet. Kinder und junge Frauen werden gerne idealisiert; sie sind rein und voller Güte, die in ihrer Unschuld mit den bösen Gestalten kontrastieren. Die hinterlistigen Charaktere greifen nicht selten zum Äußersten und sind bereit zum Mord, um sich Vorteile zu sichern. Häufig wird auch mit farblichen Gegensätzen gespielt – der weiße Schnee, die schwarzen Raben, das rote Blut, die weißen Lilien treffen aufeinander. Vor allem in der neueren Forschung wird ein Fokus auf psychologische Deutungen gelegt. Auch wenn viele Ansichten stark überzeichnet scheinen, wird dadurch manchmal offenkundig, wie spielerisch und harmlos hier gravierende Konflikte eingeflochten werden.
Das trifft etwa auf „Allerleihrau“ zu, die fliehen muss, weil ihr verwitweter Vater in ihr das Ebenbild seiner verstorbenen Frau sieht und seine Tochter daher heiraten will. Die Inzestproblematik wird teilweise auch in „Brüderchen und Schwesterchen“ hineingelesen, da die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden immer wieder betont wird. Überhaupt befassen sich zahlreiche Interpretationen mit sexuellen Ansätzen, beispielsweise mit der Begründung eines Elektrakomplexes in „Schneewittchen“, wo das Mädchen emotional stark an den Vater gebunden ist, die sexuelle Heranreifung eines jungen Mädchens im „Froschkönig“, in der die Königstochter den verzauberten Prinzen mit ins Bett nehmen soll, was sie zunächst verschreckt, die Angst vor Sexualität in „Jorinde und Joringel“, wo die böse Hexe die Jungfrau Jorinde in eine Nachtigall verwandelt und ihren Freund Joringel in einen gelähmten Zustand versetzt. Märchen mit jungen Frauen im Mittelpunkt werden nicht selten emanzipatorisch gedeutet, etwa Allerleihraus Flucht und Erhebung aus der Demütigung und die Reifung des Mädchens in „Brüderchen und Schwesterchen“ vom kindlichen Wesen zur verheirateten Frau. Die Passivität eines schlafenden Dornröschens dagegen wird als Symbol für die nötigen Ruhe- und Rückzugsphasen während der Pubertät gesehen.
|Behutsame Modernisierung|
Bei der Modernisierung der Sprache dieser Ausgabe wurde sehr zurückhaltend vorgegangen, sodass man nicht befürchten muss, einen unpassenden Stil vorzufinden. Im Gegenteil, bei vielen Märchen dürfte dem Leser gar nicht auffallen, dass er eine erneuerte Ausgabe vor sich liegen hat. Der typische Märchenton der Gebrüder Grimm wurde beibehalten. Auffallend ist nur, dass die Dialektmärchen ins Hochdeutsche übersetzt wurden, um die Verständlichkeit zu verbessern.
Da viele der altertümlichen Ausdrücke erstens den Charme der Erzählungen ausmachen und zweitens teilweise gar keine moderne Entgegnung kennen, existiert im Anhang ein Register, das gleichzeitig Lexikon und Wörterbuch darstellt. Hier sind in Blau motivische Stichworte aufgeführt, die man in den jeweiligen Märchen findet, etwa Zahlen, Eigenschaften von Figuren oder Tiere. Sucht man nun ein Märchen über einen „Bettler“ oder eines, in dem ein „Fuchs“ auftaucht, kann man einfach nachschlagen und wird sofort fündig. In manchen Fällen sind auch Erklärungen beigefügt, etwa beim Stichwort „Kobalt“, das als „Erz, das beim Schmelzen kein Metall liefert“ definiert wird. In Grün sind die Titel der Märchen markiert und in Rot schließlich sind altmodische Ausdrücke und Wendungen geschrieben, die man beibehalten hat. Dazu gehört beispielsweise der Ausruf „Hott und har!“, mit dem man Pferde antrieb, der Kinder verwirren könnte.
Wie in allen anderen Märchenausgaben auch ist der Stil einfach und klar gehalten. Es kommen kaum lange Sätze vor, die Struktur ist überschaubar gestaltet und der Wortschatz ist in etwa dem eines Kindes angepasst. Viele formelhafte Wendungen wiederholen sich, etwa die Anfänge wie „Es war einmal …“ oder „In den alten Zeiten …“
|Schöne Illustrationen|
Die gelungene Bebilderung bildet das i-Tüpfelchen auf dieser Ausgabe. Über 400 Illustrationen der Künstlerin Charlotte Dematons schmücken die gut 500 Seiten in zarten Aquarellfarben in beeindruckendem Abwechslungsreichtum. Manchmal sind ganze Doppelseiten komplett mit Farben ausgefüllt und zeigen ein Gemälde, etwa eine stimmungsvoll ins Abendrot getauchte Waldlandschaft. Dabei sind die Farben jedoch immer zart genug, um den Text ohne Probleme lesbar zu lassen. An anderen Stellen finden sich ganzseitige Bilder ohne Text und wieder anderswo sind kleine Bilder, die ein paar Zentimeter Raum einnehmen, neben die Buchstaben gesetzt. Dabei wurde besonderen Wert darauf gelegt, dass die Illustrationen niemals den Ausgang der Geschichte vorwegnehmen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Darstellung der fliehenden Räuber in den „Bremer Stadtmusikanten“, wo darauf verzichtet wurde, die Tiere selber zu malen, wie sie die Räuber vertreiben.
|Kaum Schwächen|
Will man überhaupt etwas an diesem Werk kritisieren, fallen nur zwei Dinge ein: Zum einen ähneln sich die Märchen teilweise so stark, dass ein Übermaß an Konsum rasch zur Langeweile führen kann. Wer kein ausgesprochener Märchenfreund ist, tut gut daran, sich nur höchstens ein paar der Texte pro Tag zu Gemüte zu führen. Ansonsten läuft man Gefahr, sich an den immer wiederkehrenden Formulierungen und Ausgangssitationen und den klischeehaft-vereinfachten Darstellungen zu übersättigen.
Der andere Punkt betrifft speziell diese Ausgabe, die leider auf Informationen zu den Autoren verzichtet. Auch wenn fast jedem ihr Aussehen und ihre ungefähren Lebensdaten geläufig sind, wäre es schön gewesen, auf einer halben bis einer ganzen Seite ihre Biographie zusammenzufassen.
_Unterm Strich_ bleibt auf jeden Fall eine wunderbare Ausgabe der Grimm’schen Märchen mit hervorragenden Illustrationen und einem sehr hilfreichen Stichwort-Register zu einem günstigen Preis, der in jedem Haushalt einen Platz finden sollte. Wer schon immer mal eine Ausgabe kaufen wollte und sich nicht entscheiden konnte, findet hier eine sehr empfehlenswerte Version, die für Kinder wie Erwachsene gleichermaßen gut geeignet ist.
_Die Autoren_ Jacob und Wilhelm Grimm wurden 1785 und 1786 in Hanau geboren und lebten bis 1863 und 1859. Sie gehören zu den Begründern der deutschen Philologie und sind vor allem bekannt für ihre Herausgabe der Kinder- und Hausmärchen sowieso für das Wörterbuch der „Deutschen Grammatik“, in dem Jacob Grimm den Grundstein für die moderne Etymologie legte.
Tikkirej lebt unter einer Kuppel auf einem radioaktiv strahlenden Wüstenplaneten. Die Welt Karijer ist arm, in fast jeder Hinsicht. Und als seine Eltern ihre Arbeit verlieren und deshalb befürchten müssen, aus der Kuppel vertrieben zu werden, nehmen sie ihr gesetzliches Recht in Anspruch, sterben zu dürfen, und überschreiben ihre verbliebenen Nutzungsansprüche an den Lebenserhaltungssystemen ihrem Sohn.
Aber nachdem seine Eltern fort sind, hält Tikkirej nichts mehr auf diesem Planeten. Entgegen aller guten Ratschläge verdingt er sich als lebendes Modul für den Navigationsrechner auf einem Frachtraumschiff. Schließlich landet er auf Neu-Kuweit, einem erdähnlichen und deshalb ziemlich teuren Planeten. Dort trifft er auf Stasj, einen Raumschiffkapitän, der ihm anbietet, ihn ein wenig zu unterstützen, denn Tikkirej steht finanziell auf äußerst schwachen Beinen. Der Junge ahnt allerdings nicht, dass er damit Hals über Kopf in das Tauziehen zwischen Imperialer Regierung und Putschisten hineinschlittert …
Wer jetzt aus dem letzten Satz geschlossen haben sollte, dass es hier heiß zur Sache geht, der liegt ein Stück daneben. Dieses Buch ist nicht |Star Wars|. Hier gibt’s weder Raumschlachten noch -scharmützel, und auch sonst wird recht wenig geballert. Dafür dürfte sich die Mehrzahl der Leser durch die |Phagen|, einen besonderen Ritterorden, an die Jedi-Ritter erinnert fühlen – zumal die Phagen von ihren Gegnern abwertend |Dshedai| genannt werden, was man wohl als Anspielung verstehen darf. Im Gegensatz zu den Jedi besitzen die Phagen jedoch keine magischen Kräfte und erlangen ihre Fähigkeiten nicht allein durch die Ausbildung, sondern unter anderem auch durch spezielle Genetik. Phagen werden nicht einfach geboren, sie werden geschaffen. Der entscheidende Punkt dabei ist allerdings weniger die Tatsache an sich – auf Tikkirejs Planet war es offenbar üblich, Kinder sozusagen aus dem Katalog zu bestellen -, sondern die Auswahl der Eigenschaften: Einem Phagen ist es genetisch unmöglich, die legitime Regierung des Imperiums zu verraten oder nach größerer Macht für sich selbst zu streben. Keine Chance für Darth Vader …
Trotzdem ist das mit der Genetik – wie mit vielen anderen Errungenschaften auch – eine zweischneidige Angelegenheit. Der Gedanke, eine Person unsterblich zu erhalten, indem man sie über Generationen hinweg immer wieder neu klont, ist an sich schon erschreckend genug. Richtig unerträglich wird die Vorstellung in Lukianenkos Variante, wo der Klon auch noch das Bewusstsein seiner Matrize übernimmt. Man stelle sich vor, ein und derselbe Präsident für alle Ewigkeit … Horror pur! Aber noch steigerungsfähig: Ein derart Unsterblicher nimmt sich vor, eine bessere und sauberere Menschheit zu erschaffen …
Nein, Lukianenkos „Schlangenschwert“ ist kein Horrorroman. Aber Genmanipulation ist heute schon so weit fortgeschritten, dass es schlicht unwahrscheinlich ist, dass sie in der Zukunft keine große Rolle spielen sollte. Und es ist nahezu unvermeidlich, dass bei der Erwähnung dieses Themas in der Science-Fiction auch die Konsequenzen daraus auftauchen, mit all ihren erschreckenden Möglichkeiten. Das lässt sich genauso von der Gehirnwäsche sagen. Die hier verwendete Methode liegt hoffentlich noch in weiter Ferne. Ich zumindest legte keinen Wert darauf, einen Chip hinterm Ohr zu haben, der an mein Gehirn angeschlossen ist! Bei Lukianenko ist das nicht nur Standard, sondern regelrecht lebensnotwendig, zumindest, wenn man einen Beruf ausüben möchte.
Natürlich stellt sich gerade bei SF immer gern die Frage: Wäre das denn technisch überhaupt machbar? Für mein Teil muss ich sagen, dass ich Zeittunnel und Flüge mit Überlichtgeschwindigkeit für nicht machbar und den Transport lebender Menschen in tiefgefrorenem Zustand für höchst unwahrscheinlich halte. Auch dürfte eine Kapsel ohne Steuerung und Antrieb, die aufgrund ihres Anflugwinkels von einer planetaren Atmosphäre abprallt, meines Erachtens nicht einfach hochhüpfen und dann wieder runterfallen, sondern sie müsste ins All davontreiben. Andererseits gestehe ich, dass mir das bei einer solchen Geschichte ziemlich schnuppe ist. Ich bin nicht gerade versiert in diesem Genre und verstehe nicht genug von Technik, um die Möglichkeiten einer Landung in einer Kugel aus hyperstabilem Eis zu beurteilen, aber die Idee als solche fand ich interessant, ebenso wie den Entwurf der Plasmapeitschen, der Lieblingswaffen der Phagen.
Dafür sind mir andere Kleinigkeiten aufgefallen. So zum Beispiel das Argument, mit dem Elli Tikkirej zu dem Attentat auf den Werftbesitzer Bermann regelrecht erpresst. Ich empfand es als völlig unglaubwürdig, dass die Phagen Stasj bestrafen sollten, wenn Tikkirej diesen Auftrag verweigerte. Und eigentlich hätte ich erwartet, dass Tikkirej das ebenfalls auffällt. Aber gut, ein unsicherer Dreizehnjähriger will in einer solchen Situation wohl keinen Irrtum riskieren, vor allem, wenn es um einen Freund geht. Oder die Tatsache, dass die landende Eiskugel nicht ortbar war. Vielleicht wäre sie vor dem geröteten Himmel des Sonnenaufgangs nicht aufgefallen. Aber auf dem Planeten waren ja auch Aufklärungssonden unterwegs. Unwahrscheinlich, dass nicht einmal eine davon zwischen dem Sonnenaufgang und der Eiskugel unterwegs war und den Eindringling vor dem dunklen Nachthimmel bemerkte.
Am störendsten empfand ich aber einige massive sprachliche Schnitzer. Vor allem Zeitfehler sind mir begegnet, die ihre Ursache vielleicht in der Übersetzung aus dem Russischen haben könnten, die man aber durchaus hätte bereinigen können. Und auch Sätze wie „Der Klassenraum war für zwanzig Schüler groß“ sollten keinesfalls so stehen gelassen werden.
Alles in allem hat Lukianenko mit „Das Schlangenschwert“ einen interessanten und intelligenten Roman abgeliefert. Zwar entwickelt sich der Plot eher gemächlich, letztlich kam es der eigentlichen Thematik aber zugute, dass der Autor seine Geschichte nicht in Action ertränkt hat. Er lässt seinem Protagonisten viel Zeit zum Nachdenken und auch zu Gesprächen mit seinem Freund Lion. Und da Tikkirej aufgrund seiner Herkunft ein eher frühreifer und ernsthafter Junge ist, beschäftigen ihn auch seriöse Themen. Das rückt vor allem ethische Fragen in den Vordergrund, die auch in unserer Gesellschaft heiß diskutiert werden: Ist es erlaubt, in das Persönlichkeitsrecht von Menschen derart einzugreifen, dass man ihre eigenen Gedanken und Überzeugungen einfach überschreibt oder verändert, und sei es auch nur, um Gewalttaten oder andere Verbrechen zu verhindern? Ist es erlaubt, die Angehörigen einer Gruppe genetisch so zu verändern, dass ihr freier Wille zumindest teilweise eingeschränkt wird, und sei es auch nur, um das Überlaufen eines Anakin Skywalker zu verhindern? Zumindest auf eine dieser Fragen gibt Lukianenko eine eindeutige Antwort.
_Sergej Lukianenko_ studierte Medizin und arbeitete zunächst als Psychiater, schreibt aber bereits seit Anfang der Achtziger. Zunächst veröffentlichte er vor allem Kurzgeschichten. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit „Wächter der Nacht“; seither hat er eine ganze Liste von Zyklen und Romanen geschrieben und mehrere Preise erhalten. Derzeit ist sein neuester Roman „Spektrum“ bei |Heyne| erhältlich.
[„Wächter der Nacht“ 1766 (Rezension von Dr. Maike Keuntje)
[„Wächter der Nacht“ 1828 (Rezension von Dr. Michael Drewniok)
[„Wächter der Nacht“ 3028 (Hörbuchfassung, Rezension von Meike Schulte-Meyer)
[„Wächter des Tages“ 2390 (Rezension von Dr. Maike Keuntje)
[„Wächter des Zwielichts“ 2910 (Rezension von Dr. Maike Keuntje)
Jonathan Stroud gehört zurzeit für das Genre der fantastischen Jugendbücher zu den angesagtesten Schriftstellern Großbritanniens. Doch Stroud hat sich längst in ganz Europa und darüber hinaus einen Namen gemacht. Mit der [Bartimäus-Trilogie 353 hat er eine großartige Jugendbuchreihe abgeliefert, die zu Recht mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet und beim Lesepublikum begeistert aufgenommen wurde. Mit „Drachenglut“ hat Boje nun ein früheres Werk des Autors veröffentlicht, das in England bereits 1999 erschien ist.
Obwohl es auf dem Buchrücken als „Fantasy vom Feinsten“ angepriesen wird, sollte der Leser keinen Vergleich zu „Bartimäus“ ziehen, um nicht anschließend enttäuscht zu werden. „Drachenglut“ richtet sich zwar aufgrund der einfachen Sprache auch vorrangig an junge Leser, doch der Roman spielt im Gegensatz zu „Bartimäus“ in der realen Welt und weist nur einige wenige fantastisch-mystischen Elemente auf – auch wenn dies das optisch ansprechende Cover mit einem glühenden Drachenauge und der Klappentext auf dem Buchrücken aus verkaufstechnischen Gründen nicht unbedingt zu erkennen geben.
_Inhalt_
Tom Aubrey ist erst seit kurzem Pfarrer des kleinen Ortes Fordrace und schon jetzt mit seiner hektischen Art bei einigen der verschlafenen Gemeindemitgliedern nicht so gut angesehen. Er bringt neues Leben in die Gemeinde hinein und damit genau das, was die konservativen Dörfler am wenigsten wünschen. Die Startschwierigkeiten sind jedoch plötzlich alle vergessen, denn mit einem eigenartigen Fund ändert sich die Situation drastisch. Bauarbeiter, die das Fundament der Kirche ausbessern und die zum Teil maroden Wände stützen wollen, stoßen nämlich über einen im Erdreich vergrabenen Gegenstand. Nachdem der Pfarrer informiert und die Grube gesichert ist, stellt sich der Fund als riesiges Kreuz heraus, das mit feinen Reliefs versehen ist. Der eingravierten Symbolik nach könnte es aus der Keltenzeit stammen – lange bevor das Dorf gegründet wurde. Leider ist einer der Balken abgebrochen, so dass das Kreuz nicht vollständig geborgen werden kann.
Dennoch ist das Dorf Feuer und Flamme und alle Bewohner sind in Aufruhr. So etwas hat man hier lange nicht mehr erlebt. Die Presse stürzt sich gierig auf jede noch so kleinen Neuigkeit und Museumswärter reisen extra aus der Nachbarstadt an, um das Kreuz so schnell wie möglich untersuchen zu können. Tom fühlt sich in seinem Element und genießt es, sich vor der Gemeinde als fähiges Kirchenoberhaupt beweisen zu können.
Doch die Erfolgsmomente schwinden genauso schnell, wie sie gekommen sind. Nur einen Abend nach dem grandiosen Fund wird in der Kirche eingebrochen. Zunächst scheint nichts gestohlen, doch dann bemerkt Pfarrer Tom Aubrey, dass aus dem gegrabenen Loch ausgerechnet das fehlende Balkenstück entfernt wurde. Das kann kein Zufall sein, irgendjemand will nicht, dass die Bewohner mehr über die Funktion des Kreuzes in Erfahrung bringen kann. Vom Ehrgeiz gepackt, forscht der Pfarrer auf eigene Faust nach und gerät immer mehr hinter die Geheimnisse des keltischen Kreuzes.
Parallel zur Handlung um Tom wird die Perspektive auf eine weitere Person namens Michael gerichtet. Auch er wohnt wie Tom Aubrey in Fordrace. Zusammen mit seinem Bruder Stephen und seiner älteren Schwester Sarah, die im Übrigen eine Beziehung zu Tom pflegt, versucht er sein Leben ohne den schützenden Einfluss seiner Eltern zu arrangieren. Michael spaziert gerne zum Wirrin, einem Höhenrücken etwas abseits gelegen, um dort die Seele baumeln zu lassen und seinen Gedanken nachzuhängen. So auch an dem Tag, an dem das Kreuz ausgegraben wird. Dies hätte er besser nicht getan, denn was er nicht weiß, ist, dass unter dem Wirrin seit Jahrhunderten ein Drache schlummerte – der nun durch die Aushebung des Kreuzes erwacht. Zwar kann er sich noch nicht selbst erheben, aber er schickt Michael seine düsteren Träume und kann auf ihn eine Macht übertragen, die ihm besondere, äußerst machtvolle Fähigkeiten verleiht.
Michael ist zunächst völlig überfordert und kann seine Kräfte nicht richtig einordnen. Verstört kehrt er zu Stephen und Sarah zurück. Diese erkennen ihren Bruder nicht wieder. Sie vermuten sogar, dass er zu Drogen gegriffen hat. Doch Michael lässt Stephen schließlich in seine Augen blicken und zeigt ihm, was nun tief in seinem Inneren brodelt: die Macht des Drachen, die sich in seinen nun rötlich pulsierenden Pupillen widerspiegelt.
Die Fäden von Tom und Michael laufen schließlich beide zusammen und die vier Hauptcharaktere finden sich in einem Strudel der Ereignisse wieder, der ihnen alles abverlangt. Und nicht alle sind stark genug, um sich dem Angebot einiger düsterer Gesellen, den Drachen aus seinem Schlaf zu wecken, entgegenzustellen.
_Bewertung_
Schon nach der Lektüre der ersten Seiten wird klar, dass Jonathan Stroud mit „Drachenblut“ nicht an seinen „Bartimäus“-Erfolg anknüpfen kann. Natürlich lässt sich der vorliegende Roman nicht direkt mit seinem Bestseller vergleichen, da er ein völlig anderes Genre bedient und nur vereinzelt fantastische Motive eine Rolle spielen. Aber sowohl was die Gestaltung der Charaktere, des Plots als auch der Stilistik angeht, spielt der Roman in einer deutlich niedrigeren Liga. Dies sollte nicht heißen, dass „Drachenblut“ ein schlechtes Buch geworden wäre. Im Gegenteil, die Hauptfiguren sind sympathisch und werden miteinander in eine spannende Konstellation gesetzt. Zwar bleiben sie, nicht zuletzt durch die Kürze des Romans, insgesamt recht blass, ihre Motivationen sind allerdings stets nachvollziehbar. Auch die Geschichte vermag den Spannungsbogen bis zum Ende zu halten. Da im Laufe des Geschehens immer mehr Geheimnisse um die Symbolik und Bedeutung des Kreuzes gelüftet werden, die die Ereignisse in ein neues Licht rücken, fiebert der Leser mit Tom, Michael, Stephen und Sarah und ihren jeweiligen Interessen. Überraschungen und unerwartete Wendungen darf man nur wenige erwarten, und selbst diese sind meist vorhersehbar. Dafür gestaltet sich der Plot dann doch zu klassisch. Stroud beherrscht also sein Handwerk und hält den Leser bei der Stange; ihn faszinierend in seinen Bann zu schlagen, gelingt ihm aber nicht.
Als größter Minuspunkte muss dabei auch das Ende gewertet werden, das leider den geweckten Erwartungen nicht entsprechen kann, ein anderer finaler Ausgang wäre wünschenswerter gewesen.
_Fazit_
Wer seine Ansprüche nicht zu hoch ansetzt und keinen neuen „Bartimäus“ erwartet, wird mit „Drachenglut“ gut unterhalten. Der Roman erreicht auf keiner Ebene den Witz und Charme von Strouds Bestseller, sondern präsentiert sich lediglich als nette Unterhaltungsliteratur – nicht mehr und nicht weniger.
Das Buch ist solide geschrieben, die Übersetzung ins Deutsche ordentlich und für einen entspannten Lesenachmittag durchaus zu empfehlen. Eine Meisterleistung ist Stroud jedoch nicht geglückt. Zu bedenken gilt hier, dass es eben etliche Jahre vor seinem großen Wurf erschienen ist. Dass der Roman in Deutschand nachveröffentlicht worden ist, lässt sich unter dem Gesichtspunkt von Strouds wachsender Beliebtheit durchaus nachvollziehen – aber eher unter verkaufstechnischen als unter qualitativen Gründen.
Das Bergdorf Karlstein in der Schweiz zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die 14-jährige Hildi arbeitet als Dienstmädchen im Schloss des finsteren Grafen Karlstein. Sie nutzt jede sich bietende Gelegenheit, um ihre Mutter, die den nahe gelegenen Gasthof führt, zu besuchen. Der einzige Trost auf dem düsteren Anwesen mit seinem unsympathischen Herrn sind die Nichten des Grafen. Die 10-jährige Charlotte und die 13-jährige Lucy sind Waisen, die vor einem Jahr vom Grafen notgedrungen aufgenommen wurden. Hildi versteht sich gut mit den jungen Fräuleins, die am liebsten zu später Stunde Gruselgeschichten lesen.
Eines Abends belauscht Hildi zufällig ein Gespräch des Grafen. Der Inhalt ist furchtbar: Der Graf hat vor zehn Jahren einen Pakt mit dem Höllenfürsten Samiel geschlossen, der ihm zu Reichtum und Macht verhalf. In wenigen Tagen, in der Nacht vor Allerseelen, verlangt Samiel seine Bezahlung in Form einer Menschenseele. Der Graf plant, ihm seine beiden ahnungslosen Nichten in einer Jagdhütte auszuliefern. Hildi warnt die Fräuleins und verhilft ihnen zur Flucht, hinaus in die eisige Kälte des Waldes.
Von jetzt an schweben die drei Mädchen in großer Gefahr. Der Graf nimmt sofort die Suche auf, denn wenn er die Mädchen nicht rechtzeitig findet, wird Samiel ihn selber als Opfer holen. Während Hildi scheinbar ahnungslos zurückkehrt und insgeheim fieberhaft nach einem Ausweg sucht, kommen noch weitere Personen ins Spiel: Der verwegene Zauberer Doktor Cadaverezzi hält im Gasthof seine Vorstellung ab und wird in die Flucht der Mädchen verwickelt, ebenso wie Hildis Bruder Peter, der aus dem Gefängnis geflohen ist. Können die Mädchem dem windigen Zauberkünstler vertrauen? Schaffen sie es, dem Grafen zu entkommen? Und wessen Seele wird sich Samiel mit seiner Wilden Jagd holen …?
Ein Schauerroman für Kinder, an dem auch junggebliebene Erwachsene ihre Freude haben – mit diesen Worten lässt sich Philip Pullmans Frühwerk auf den Punkt bringen. Dieser kleine aber feine Roman verdankt seine Entstehung einem Theaterstück, das der Autor, damals noch als Lehrer tätig, mit sichtlichem Vergnügen für seine Schulgruppe schrieb und aufführen ließ.
|Zwischen Grusel und Parodie|
Es sind gar schaurige Elementen, die Philip Pullman auf den Plan ruft. Ein düsteres Schloss mit einem noch düstereren Hausherrn sorgt für eine unheilvolle Atmosphäre. Es ist ein kalter Oktober, Allerseelen steht vor der Tür und die abergläubische Bevölkerung fürchtet sich vor der Wilden Jagd des höllischen Samiel. Auch flüchtige Verbrecher, windige Scharlatane, kriecherische Diener, Gefangenschaft und Identitätsverwechslungen dürfen nicht fehlen, gehören sie doch in das typische Schema eines altmodischen Schauerromans. Dass junge Leser sich trotzdem nicht zu Tode gruseln und Erwachsene ihre hintergründige Freude erleben können, liegt an dem satirischen Einsatz all dieser Mittel. Fast jede Figur, insbesondere die Bösewichte, ist bis zur Karikatur überzeichnet und fordert den Leser zum Amüsieren heraus, allein schon durch die meist bewusst lächerlichen Namen. Da sind der abstoßende Graf, der in seiner ständigen Nervosität an den Fingernägeln knabbert, der unterwürfige Handlanger Schniefelwurst, der gleich mehrmals unerfreuliche Bekanntschaft mit eiskaltem Flusswasser machen muss, der tollpatschige Wachtmeister Snitch und sein nicht weniger ungeschickter Kollege Gendarm Winkelburg und die garstige Dienerin Frau Müller. Für frischen Wind sorgt der charismatische, wortgewandte und durch und durch zweifelhafte Schausteller Doktor Cadaverezzi, der nicht nur durch seinen komplizierten Namen, sondern auch durch seine fabelhaften Ausreden und seine Wendigkeit die Polizisten zur Verzweiflung bringt; sein gutmütiger und einfach gestrickter Gehilfe Max, der nur Augen für seine Dauerverlobte Eliza besitzt, und die energische Lehrerin Miss Augusta Davenport, die auch in den heikelsten Situationen die Handschrift ihres Zöglings Fräulein Lucy rügt.
Abwechslung bringt auch die Erzählform hinein, da zwar hauptsächlich aus Hildis Perspektive berichet wird, zwischendurch aber auch andere Personen zu Wort kommen, wobei natürlich jedes Kapitel im Tonfall genau auf seinen Sprecher abgestimmt ist – etwa wenn der wenig schreibkundige Max seinen Bericht seiner Verlobten diktiert, die ihn offenbar währenddessen immer wieder von Abschweifungen abhalten muss. Gegen Ende spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu, und auch wenn man niemals einen schlimmen Ausgang befürchten muss, sorgt das Erscheinen des dämonischen Samiel dennoch für eine effektvolle Gänsehaut.
Es sind zwar junge Leser im Jugendalter, für die der Roman in erster Linie geschrieben ist, doch auch Erwachsene mit Sinn für Humor können die Geschichte mit bestem Gewissen genießen. Die Legenden der Wilden Jagd und vor allem der Freischütz und Samiel sind Kindern und Jugendlichen nicht unbedingt bekannt, sodass vorhandenes Hintergrundwissen belohnt wird und jeder Gruselfreund zumindest einen Blick in das Werk werfen sollte. Philip Pullman gelingt ein wunderbarer Ausgleich zwischen Spannung und Humor. Seine Figuren müssen schwierigste Hindernisse überwinden und geraten immer wieder in Lebensgefahr, doch auf fast jeder Seite wird der Leser gleichzeitig zum Amüsieren angeregt. Die Personen handeln teilweise mit einer hinreißenden Umständlichkeit oder denken in den unmöglichsten Situationen an unwichtige Dinge wie die Etikette. Manche Stellen sind von einer so niedlichen Naivität, dass man kaum weiß, ob man lachen oder den Kopf schütteln soll ob der Verhaltensweisen – und entscheidet sich meist für beides, etwa wenn die gefangene Charlotte in ihrem Zimmer aus lauter Einsamkeit Freundschaft schließt mit einem Perückenkopf aus Holz, dem sie ihr ganzes Leid erzählt. „Herr Holzkopf“, wie sie ihren neuen „Freund“ von nun an nennt, hört ihr „mit bewundernswerter Geduld zu“ und darf daher auch auf der Flucht natürlich nicht fehlen, auch wenn sich seine Mitnahme umständlich gestaltet.
|Bunte Vielfalt an Charakteren|
Der größte Sympathie- und Identifikationsträger ist natürlich die Haupterzählerin Hildi. Das junge Mädchen, das so harte Arbeit verrichten muss, schließt man bereits nach den ersten Seiten ins Herz. Auch die beiden Fräuleins Lucy und Charlotte entpuppen sich als liebenswerte Mädchen, wie Hildi nicht makellos, sondern eher bodenständig und emotional. Die Mädchen erlauben sich auf ihrer Flucht Schwächen und zeigen ihre Ängste, geraten in Fallen und machen Fehler – sie sind keine perfekten Heldinnen, sondern normale, verängstigte Mädchen, die mit allen Mitteln ihrem grausamen Onkel entkommen müssen und dabei teilweise an ihre Grenzen stoßen. Ein interessanter Charakter ist Hildis Bruder Peter. Der Achtzehnjährige ist ein begabter Schütze, der wegen Wilderei ins Gefängnis gesperrt wurde und nach seiner Flucht im Keller des Gasthofes untergetaucht ist. Hier wartet er auf das kommende Wettschießen, dessen Sieg ihm ein neues Leben einbringen könnte. Obwohl Peter die meiste Zeit der Handlung über nicht auf der Bildfläche präsent ist, bildet sein Schicksal unterschwellig eine weitere Spannungskomponente. Der Leser fragt sich automatisch nicht nur nach dem Ausgang des dramatischen Samiel-Paktes, sondern erhofft sich auch für Hildis Bruder eine positive Wendung. Für das liebenswerte Pärchen Max und Eliza drückt man die Daumen, dass es endlich mit der ersehnten Hochzeit klappen möge, und beim windigen Doktor Cadaverezzi ahnt man bereits sehr früh, dass er am Ende eine bedeutendere Rolle spielen wird als nur die des amüsanten Schaustellers.
|Keine echten Schwächen|
Auch bei strenger Betrachtung lassen sich nur wenige Aspekte des Romans bemängeln. Im parodistischen Sinne passend, aber für erfahrene Leser vielleicht etwas unbefriedigend ist der Schluss, der sehr viele Fäden zusammenlaufen lässt und wie in einem Märchen einen erhellenden Sinn ergibt. Dabei spielt der Zufall keine geringe Rolle und man fühlt sich an Trivialromane erinnert, in denen jeder Hauptcharakter mit einem persönlichen Happy-End belohnt wird. Da das Werk jedoch gerade auch dieses Genre aufs Korn nimmt, sind diese Entwicklungen nachvollziehbar und sollten mit einem Augenzwinkern gelesen werden. Ein wenig schade ist dagegen die knappe Abhandlung des Endes. Auf den letzten beiden Seiten werden die weiteren Verläufe der Schicksale zusammengefasst; dabei wird leider nicht auf Peter eingegangen, obwohl er keine geringe Rolle in der Handlung einnimmt und man gerne noch mehr über ihn erfahren hätte. Etwas gewöhnungsbedürftig ist auch die Zusammenstellung der verschiedenen Perspektiven. Es gelingt dem Autor zwar geschickt, sich der passenden Tonfälle zu bedienen, doch es fordert jeweils eine kleine Einlesezeit, bis man sich an den neuen Erzähler gewöhnt hat. Ein wenig zu effekthaschend erscheint auch der übertriebene Gebrauch von Cliffhangern – kaum dass ein Charakter sich in einer heiklen Lage befindet, wird zum nächsten Kapitel übergeblendet oder sogar von einer anderen Person weiterberichtet. Für den geringen Umfang von nicht einmal 250 Seiten ist das Buch überladen mit Motiven, Handlungssträngen und immer neuen Einfällen, die gut und gerne ein Epos füllen könnten und die auf dem gedrängten Raum das Wohlwollen des Lesers fordern. Dank der humorvollen und sich selbst nicht wirklich ernst nehmenden Umsetzung aber ist man bereit, dieses Übermaß zu akzeptieren und den Klamauk mit Vergnügen zu verfolgen.
_Als Fazit_ bleibt ein wunderbarer Kinder- und Jugendroman in der Tradition alter Schauerromane, der auch für Erwachsene perfekte Unterhaltung bietet. Auf gelungene Weise verbindet das Werk Humor mit Grusel, parodiert bekannte traditionelle Elemente des Schauerromans und hält die unheimlichen Elemente in einem kindgerechten Rahmen. Wer Spaß an märchenhaften Romanen hat und sich für romantisch-unheimliche Sagen interessiert, sollte an diesem Frühwerk des heutigen Bestseller-Autors auf keinen Fall vorübergehen.
_Der Autor_ Philip Pullman, geboren 1946 in Großbritannien, reiste in seiner Kindheit durch Simbabwe, Australien, London und Wales, studierte später Anglistik in Oxford und arbeitete als Lehrer. Der Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm mit seiner Trilogie „His Dark Materials“ (Der Goldene Kompass, Das Magische Messer, Das Bernsteinteleskop), einer Jugend-Fantasyreihe. Daneben verfasst er auch Kinder- und Bilderbücher und doziert nebenbei am Westminster College in Oxford. Weitere Werke von ihm sind u. a.: die Sally-Lockhart-Reihe, „Lila lässt die Funken fliegen“, „Ich war eine Ratte“ und „Das Eiserne Herz“.
Nach dem Erscheinen von Harry Potter in der Welt der Jugendromane geht dieser Trend nun weiter und etabliert das Genre der All-ages-Literatur. Das von mir vorgestellte Buch „Bartimäus – Das Amulett vom Samarkand“ des englischen Autors Jonathan Stroud gehört in dieses Fantasygenre und weiß zu begeistern:
_Die Story_
Bartimäus ist ein Dämon, ein Geist der mittleren Stufe, was die magische Welt angeht, 5000 Jahre alt, was für einen Dämon noch recht jung ist, und er hat wirklich ein gesundes Selbstbewusstsein. Bartimäus ist arrogant, selbstsicher und recht rücksichtslos, eben nicht gerade jemand, der wirkliche Minderwertigkeitskomplexe erkennen lässt. Er kannte die Pharaonin Nofretete und ihr magisches Fußkettchen, war mit König Salomo per Du und ist in seinen Jahren so ziemlich durch die Epochen gewandert, immer wieder beschworen von mächtigen Zaubern.
Nur Zauberer können Dämonen herbeirufen; sie selbst verfügen nicht über Zauberkräfte, sondern versklaven die Geister, um sich ihrer magischen Mächte zu bedienen. Für den egozentrischen Bartimäus ist es ein herber und sensibler Schlag, dass ausgerechnet ein kleiner Zauberlehrling, ein Junge namens Nathanael, ihn beschwört und er sich seinen Befehlen beugen muss. Da kann die Grabesstimme schon mal just verrutschen …
Der Zauberlehrling Nathanael befiehlt Bartimäus, dem Zauberer Simon Lovelace das Amulett von Samarkand zu stehlen, und das nur, weil dieser ihn ein wenig gedemütigt hat. Was Anfangs als kleiner Streich gedacht war, entwickelt sich im Britannischen Empire, denn dort spielt die Geschichte, zu einer wahren Regierungskrise und bietet Stoff für die eine oder andere Verschwörung. Auf einmal lauern überall Gefahren für Bartimäus und Nathanael: Auftragskiller, Dämonen und der Widerstand der gewöhnlichen Menschen (also die nicht magischen) gegen die Regierung Englands – jede Fraktion hat ihre eigenen Interessen.
Nathanael und Bartimäus erkennen, dass das mächtige Amulett eine wichtige Rolle zu spielen hat und dass Simon Lovelace, der als Zauberer für die Regierung arbeitet (die Regierung besteht nur aus Zauberern), über Leichen geht, und nicht nur über die von Zauberlehrlingen und egozentrischen Dämonen …
_Kritik_
Eine wunderbare Geschichte, rasant und eindrucksvoll. Jonathan Stroud hat als Hauptfigur ebenso wie Rowling einen Zauberlehrling gewählt, aber dieser hat mit Harry Potter auch im Entferntesten keine Ähnlichkeit. Im Gegenteil, Nathanael ist nicht der nette, moralische junge Mann, sondern immer nur auf seinen eigenen Vorteil und seine eigene Karriere bedacht.
Die Geschichte ist immer in der jeweiligen Ich-Form des Charakters geschrieben. Von Kapitel zu Kapitel geben sich Nathanael und Bartimäus die Klinke in die Hand. Temporeicher Witz, Sarkasmus und Ironie (ich verweise hier auf die Fußnoten) vor allem von Bartimäus zeichnen die Handlung aus. Seine Erklärungen und Erzählungen vergangener Zeiten aus dem Blickwinkel eines Jahrhunderte alten Dämons sind mehr als amüsant – ohne diese wäre das Buch eher Durchschnitt. Bartimäus ist nicht gut gesinnt, aber als Dämon auch nicht ungemein böse; ein vielschichtiger Charakter, der sich nicht nur in einer Richtung bewegt.
Der Zauberlehrling Nathanael ist ein schüchterner und ängstlicher Charakter, der aber trotzdem in den magischen Künsten nicht untalentiert ist. Er ist im Roman natürlich auch eine wichtige Person, obwohl er die zweite Geige spielt, was in den beiden nächsten Teilen hoffentlich auch nicht anders sein wird.
Die Handlung entwickelt sich vornehmlich dadurch weiter, dass die beiden Perspektiven von Bartimäus und Nathanael trotz aller Abhängigkeit voneinander Hand in Hand gehen. Die Spannung, die dadurch aufkommt, lässt keine Langweile zu und produziert eine gelunegene stilistische Abwechslung in der Literaturszene für junge und jung gebliebene Leser. Jonathan Stroud hat mit dem ersten Teil der bisherigen Trilogie eine Geschichte und Charaktere entwickelt, die wirklich originell sind und den Vergleich zum Harry-Potter-Boom nicht zu scheuen brauchen.
All das macht die Lektüre spannend und abwechslungsreich und bietet pures Lesevergnügen, das ich nur weiterempfehlen kann. Die Filmrechte sind auch schon verkauft worden – |Miramax| verfilmt die Trilogie derzeit.
_Der Autor_
Jonathan Stroud wurde 1970 in Bedford geboren. Er schreibt Geschichten, seit er sieben Jahre alt ist. Als Lektor für Kindersachbücher erschloss sich sein schriftstellerisches Talent, indem er anfangs Kinderbücher veröffentlichte. Nach kleinen Erfolgen beschloss er, Autor in größerem Stil zu werden. Zusammen mit seiner Frau Gina und seiner Tochter Isabelle lebt er in der Nähe von London.
Band 1: [„Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ 1992
Band 2: [„Charlie Bone und die magische Zeitkugel“ 2448
Was für ein Stress! Benjamin ist mit seinen Eltern nach Hongkong geflogen und hat seinen Hund Runnerbean ohne Vorwarnung bei Charlie deponiert. Dabei muss Charlie am Montag wieder ins Bloor … Und das ist längst nicht alles! Seine Großtanten haben ein Mädchen in Charlies Alter angeschleppt, sehr hübsch, aber auch sehr seltsam. Charlie traut dieser Belle keinen Schritt weit, und lästig ist sie obendrein! Als wäre das nicht schon genug, ist Charlies Onkel Paton verschwunden – „um etwas Schlimmes zu verhindern“, wie er in einer Nachricht geschrieben hat -, und als er zurückkommt, ist er ein Wrack, das seine Sonderbegabung verloren hat!
Kaum zurück im Bloor, findet Charlies Freundin Emma einen Brief, aus dem hervorgeht, dass der neue Kunstlehrer Mr. Boldova ans Bloor gekommen ist, um nach dem verschwundenen Ollie Sparks zu suchen, und sich deshalb in Gefahr befindet. Und dann muss Charlie auch noch feststellen, dass nach einem weiteren Besuch in Oma Bones Gemälde der dortige Hexenmeister Skarpo ihm offenbar aus dem Bild in die Gegenwart gefolgt ist und alles durcheinander bringt!
Wieder einmal hat Charlie die Hilfe all seiner Freunde nötig, um erneut Ordnung in das Chaos zu bringen und die Pläne der Darkwoods und Bloors zu vereiteln …
|Charakterreigen|
Die im letzten Band neu aufgetauchte Köchin ist tatsächlich noch da und eine wertvolle Verbündete für Charlie und seine Freunde.
Charlies Großonkel Henry, den Charlie im letzten Band mit so viel Mühe vor den Bloors gerettet hat, taucht erwartungsgemäß nicht mehr auf. Sein Platz wird von Ollie eingenommen, einem Jungen ohne Sonderbegabung, aber mit ausgeprägter Neugier. Eines Tages hat er seine Nase zu tief in die falsche Ecke gesteckt, und jetzt ist er unsichtbar. Zumindest fast, bis auf einen großen Zeh. Die Bloors behalten ihn als Versuchskaninchen, denn Ezekiel Bloor, Manfreds Großvater, wäre gern auch mal unsichtbar, allerdings erst, wenn er ein Mittel gefunden hat, danach auch wieder sichtbar zu werden. Bisher allerdings hat keiner seiner Versuche Ollie wieder zum Vorschein gebracht.
Deshalb ist Belle ans Bloor gekommen. In kürzester Zeit stellt sich heraus, wer dieses Mädchen wirklich ist, und was sie kann. Aber nicht einmal sie findet die Lösung des Geheimnisses, nach dem Ezekiel so verbissen sucht. Vielleicht liegt das daran, dass sie so sehr mit Charlie beschäftigt ist, beziehungsweise damit, ihn an der Durchkreuzung ihrer Pläne zu hindern. Mit der Zeit wird sie immer rachsüchtiger …
Mr. Boldova spielt in dieser ganzen Geschichte eher eine Nebenrolle. Seine Sonderbegabung ist zwar hübsch anzusehen, aber nicht unbedingt mächtig, und so wird er recht bald aus dem Verkehr gezogen.
Interessant ist dagegen, wie Billy sich entwickelt. Der einsame Junge, der sich für das Versprechen, adoptiert zu werden, als Spitzel hat kaufen lassen, ist längst schwer enttäuscht vom alten Ezekiel, da der sein Versprechen nicht mal andeutungsweise wahr gemacht hat. Als ihm auch noch Mr. Boldovas Ratte Rembrandt, mit der sich Billy nach dem Verschwinden des Lehrers angefreundet hat, weggenommen werden soll, beschließt er, sich auf Charlies Seite zu schlagen und ihm zu helfen.
|Blaue Boas und Zauberstäbe|
Denn der Handlungsgeber für diesen Band ist eine blaue Boa. Einst hat sie dem roten König gehört, wurde dann jedoch von dessen ältestem Sohn gestohlen und misshandelt, bis sie bösartig wurde. Eine Tochter des roten Königs hatte Mitleid mit dem Tier und versuchte, es zu retten, was ihr aber nicht gelang. Sie konnte lediglich den Tod, den die Schlange brachte, in Unsichtbarkeit abschwächen. Nun soll Billy mit der Schlange reden und herausfinden, ob sie Ollie auch wieder sichtbar machen kann …
Ausgeweitet wurde auch die Bedeutung des Zauberstabes, den Charlie im letzten Band dem Zauberer Skarpo auf Oma Bones Gemälde stibitzt hat. Onkel Paton hat ihn mitgenommen, als er verschwand, und bei seiner Rückkehr war der Zauberstab verkohlt, die silberne Spitze geschmolzen. Als Charlie ihn in die Hand nimmt, regeneriert der Stab sich auf wunderbare Weise wieder. Skarpo, den Charlie in der Hoffnung auf ein Heilmittel für Onkel Paton nochmals aufsucht, will den Stab aber erstaunlicherweise nicht wiederhaben. Er behauptet, er gehöre Charlie!
|Insgesamt|
Der dritte Band der Charlie-Bone-Serie hat mir bisher am besten gefallen. Zwar hat die Autorin zu dem Rätsel um Charlies Vater und auch zu dem um Billys Eltern immer noch kein weiteres Wort verloren – wobei erwachsene Leser zumindest die Lösung des ersteren längst ahnen -, dennoch hat sie eine interessante Geschichte erzählt. Das mag zum einen daran liegen, dass diesmal so viele Dinge gleichzeitig geschehen. Charlie hat nicht nur Belle im Nacken, die seine Rettungsversuche für Ollie sabotiert, er muss auch ein Heilmittel für Onkel Paton finden und einen durchgedrehten Hexenmeister aus dem Mittelalter wieder einfangen. Dies und der gewohnt zügige Erzählstil der Autorin machen den Handlungsverlauf turbulent und abwechslungsreich. Aber auch die Ideen dieses Bandes, die blaue Boa oder auch die verzauberte Kleidung, haben mir gut gefallen. Das Buch war unterhaltsam und gelegentlich auch amüsant. Und ich werde gerne auch das nächste lesen. Die Andeutung, dass Charlie nicht nur vom Roten König, sondern auch noch von walisischen Zauberern abstammt, eröffnet eine Menge Möglichkeiten für die Handlung der folgenden Bände, ebenso wie Belles Vater, der diesmal zwar nur am Rande auftaucht, aber Paton mit schrecklichen Drohungen überhäuft hat, sollte er Belle etwas antun.
Charlie Bone ist für Erwachsene eine nette Lektüre für zwischendurch, für Kinder spannend, ideenreich und empfehlenswert.
_Jenny Nimmo_ arbeitete unter anderem als Schauspielerin, Lehrerin und im Kinderprogramm der BBC. Geschichten erzählte sie schon als Kind, Bücher schreibt sie seit Mitte der Siebziger. Unter anderem stammt der Zyklus |Snow Spider| aus ihrer Feder, sowie „Im Garten der Gespenster“, „Der Ring der Rinaldi“ und „Das Gewächshaus des Schreckens“. „Charlie Bone und das Geheimnis der sprechenden Bilder“ ist der erste Band des Zyklus |Die Kinder des roten Königs|, und hat sie auch in Deutschland bekannt gemacht. Der neueste Band der Charlie-Bone-Reihe mit dem Titel „Charlie Bone and the Wilderness Wolf“ soll im Juni dieses Jahres auf Englisch erscheinen.
Peter Pan gehört zu den absoluten Klassikern der Kinderliteratur. Die Geschichte von dem Jungen, der nicht erwachsen werden wollte und jeden Tag in Nimmerland die tollsten Abenteuer erlebt, beflügelt immer wieder aufs Neue die Phantasie von Kindern und Erwachsenen.
Die Stiftung des Kinderkrankenhauses Great Ormond Street Hospital Children’s Charity, dem Sir James Matthiew Barrie die Rechte an Peter Pan vermacht hat, hat anlässlich des 70. Todestages von Sir Barrie einen Wettbewerb für eine Fortsetzung ausgerufen. Unter 200 Autoren wurde Geraldine McCaughrean ausgewählt, diese Fortsetzung zu schreiben. Das Ergebnis war „Peter Pan in Scarlett“, das im Oktober letzten Jahres in 31 Länder gleichzeitig erschien, in Deutschland unter dem Titel „Peter Pan und der Rote Pirat“.
_Zur Autorin:_
Geraldine McCaughrean wurde 1951 in Enfield geboren und wuchs in London auf. Nach einem Lehramtsstudium arbeitete sie zunächst als Redakteurin für einen Zeitschriftenverlag, ehe sie sich als freiberufliche Autorin selbstständig machte. Seither hat sie mehr als hundert Bücher für Jugendliche und Erwachsene geschrieben und eine ganze Liste an Preisen erhalten, von denen mir die meisten unbekannt sind. Unter den internationalen Auszeichnungen fand ich dann den Deutschen Jugendliteraturpreis, den sie 2004 für „Der Drachenflieger“ erhielt.
_Zum Vorgänger:_
Die Figur des Peter Pan tauchte erstmals 1902 in dem Buch „The little white bird“ auf. Hier wird erzählt, wie Peter sein Zuhause verlässt, weil er nicht erwachsen werden will, und einige Zeit in Kensington Gardens bei den Feen lebt. 1904 folgte das Theaterstück „Peter Pan, or the boy who wouldn’t grow up“, das wir heute unter dem Titel „Peter Pan“ kennen.
Peter verlässt immer wieder seine Insel Nimmerland, um am Fenster der Darlings den Geschichten zu lauschen, die die Mutter ihren Kinder Wendy, John und Michael vor dem Einschlafen erzählt. Eines Abends wird er von der Neufundländerhündin Nana, die als Kindermädchen fungiert, erwischt und verscheucht. Dabei verliert er seinen Schatten. Als die Eltern eines Abends bei Nachbarn eingeladen sind, nutzt Peter die Gelegenheit, seinen Schatten zurückzubekommen, und nimmt auch gleich noch Wendy und ihre Brüder mit ins Nimmerland. Den Kindern gefällt es dort sehr, gleichzeitig merkt jedoch Wendy, dass sie anfangen, ihr Zuhause zu vergessen, obwohl sie den Jungen immer wieder davon erzählt. Deshalb kehren sie schließlich nach vielen Abenteuern nach Hause zurück, und auch die verlorenen Jungen bleiben bei den Darlings.
_Zur Fortsetzung:_
Jahre sind vergangen. Wendy ist verheiratet und hat eine Tochter namens Jane. John ist ebenfalls verheiratet und hat Kinder. Tootles ist inzwischen Richter und hat eine Tochter, Curly ist Arzt, Slightly hat eine Adlige geheiratet und lebt jetzt als Gentleman … Nicht, dass sie Nimmerland vergessen hätten. Aber das alles ist ja schon soooo lange her …
Eines Tages jedoch ist alles plötzlich wieder ganz nah! Alle fangen sie an zu träumen: Sie träumen vom Nimmerland, und wenn sie erwachen, finden sie entsprechende Hinterlassenschaften in ihren Betten: Seeräubersäbel, Köcher mit Pfeilen, Wecker und Seifenblasen. Eines Tages schließlich ist Tootles der Meinung, es müsse etwas geschehen, letztlich jedoch ist es Wendy, die der Sache auf den Grund geht und erklärt, was zu tun sei.
So machen die Herren sich auf höchst ungewöhnliche Art und Weise auf, nach Nimmerland zurückzukehren und dort nach dem Rechten zu sehen. Das scheint ziemlich notwendig, denn als sie dort ankommen, hat Nimmerland sich stark verändert. Und nicht nur das: Peter ist offenbar überhaupt nicht begeistert, dass sie wieder da sind. Und dann ist da noch dieser eigenartige Ribello, der nur aus einem Haufen zerflusender Wolle zu bestehen scheint und lauter wilde Tiere um sich hat, die er im Zirkus auftreten lässt.
Als die Kinder beim Spielen an der Lagune von einem Feuer eingeschlossen werden, kommt gerade Hooks alte Jolly Roger in die Bucht getrieben. Die Kinder nutzen die Gelegenheit und flüchten vor dem Feuer hinaus aufs Meer. Bei der Erforschung des Schiffes findet Peter eine Schatzkarte, und sofort ist klar: es wird auf Schatzsuche gegangen. – Allerdings: eine Schatzsuche der üblichen Art scheint das nicht zu werden …
_Mein Eindruck:_
Um es gleich vorweg zu sagen: Ich konnte mich mit dieser Fortsetzung nicht wirklich anfreunden.
James Barries Nimmerland ist ein Land der Kinderträume, wo sie all die Abenteuer erleben können, die es in ihrer eigenen Welt nicht gibt, und wo sie all das dürfen, was zu Hause nicht erlaubt ist. Das schließt natürlich Gegenspieler ein wie die Piraten und zunächst auch die Indianer, die erst nach Tigerlilis Rettung zu Freunden werden. Es ist aber gleichzeitig auch ein Ort der Unverdorbenheit und Schönheit. Obwohl Kinder an die Schönheit der Natur normalerweise keinen bewussten Gedanken verschwenden, würde sich keines eine hässliche oder finstere Insel für seine Abenteuer ausdenken.
Barries Peter Pan ist die verkörperte Kindheit, überschwänglich, unbeschwert und gedankenlos, ohne jedes Verständnis für Gefahr oder Leid. Denn da er ein ewiges Kind ist, ist ihm so etwas wie Erfahrung völlig fremd. Er lebt vollständig im Jetzt, was in der Vergangenheit war, vergisst er bald wieder. Gleichzeitig ist er auch ein ziemlicher Angeber, hat im Grunde aber ein gutes Herz.
McCaughreans Nimmerland fehlt dieses Flair des Unverdorbenen vollkommen. Dass es im ewig sommerlichen Nimmerland plötzlich Herbst ist, stört nicht besonders. Aber die Lagune ist ein schmieriger, dunkler Pfuhl, gesäumt von Gerippen toter Nixen. Ein Sturm reißt den Baum um, auf dem seit Wendys Heimkehr ihr Häuschen steht. Die ganze Insel atmet Verfall und Siechtum.
Auch Peter ist nicht mehr der alte. Er ist schnippisch und unfreundlich, gibt zum Beispiel den zurückgekehrten Freunden die Schuld daran, dass sein Haus abgestürzt ist, und bezeichnet die alte Wohnung unter der Erde, in der sie früher alle zusammen gewohnt haben, als „sein Haus“. Kurz, er ist richtig miesepetrig! Er, die Identifikationsfigur aller Kinder, die sich bisher hauptsächlich durch Freude, Mut und Fantasie ausgezeichnet hat!
Barries Nimmerland spiegelt ein kindliches Paradies wider, McCaughreans Nimmerland den Trend der modernen Fantasy, immer eine finstere Bedrohung zur Basis des Geschehens zu machen. Ein Ausdruck der Überreizung, der mir auch bei einem Kommentar zu den „Kindern aus Bullerbü“ begegnet ist, die jemand als langweilig bezeichnete, weil die heile Welt ja gar nicht bedroht sei und deshalb ja eigentlich gar nichts abginge. Im Zeitalter der Superlative genügen einfache Piraten nicht mehr für den gewünschten Kick.
Abgesehen davon ist es auch in diesem Fall einer Fortsetzung nicht gelungen, nahtlos an das Original anzuschließen. Mir scheint, diesen Punkt nehmen die meisten Autoren, die solche Fortsetzungen von Klassikern schreiben, etwas zu leicht.
Das fängt schon damit an, dass ein Ersatz für Hook gefunden werden musste, damit Peter Pan wieder einen Gegenspieler hat. Dieser Part wurde mit Ribello besetzt. Nur: Wie ist er als Erwachsener ins Nimmerland gekommen? Die Begründung, Indianer und Piraten wären ja auch Erwachsene und trotzdem in Nimmerland, zieht nicht. Im Original wird ganz deutlich, dass Wendy und ihre Brüder bei der Ankunft in Nimmerland Plätze wiedererkennen, die sie sich in ihren Spielen vorgestellt haben. Die Piraten und Indianer sind da, weil sie zum Spiel gehörten.
Das Gesetz, dass Erwachsene nicht nach Nimmerland kommen können, wurde auch noch an anderer Stelle aufgeweicht. So besagt Hooks Lebensgeschichte – die im Grunde zu Barries Andeutungen über den Kapitän recht gut passt – Hook sei von zu Hause ausgerissen und nach Nimmerland gekommen, weil seine Mutter ihn am Tag der Sportwettkämpfe aus Eton weggeholt habe. Wer in Eton zur Schule geht, ist mindestens dreizehn Jahre alt, also eigentlich schon zu groß, um Nimmerland zu erreichen. Und dann erst all die erwachsenen Frauen, die im Labyrinth der Reue nach ihren verlorenen Kindern suchen …
Trotzdem hat die Autorin letztlich dafür gesorgt, dass die Frage um Ribellos Anwesenheit sich anderweitig erklärt. Dass sie dafür einen Toten quasi wiederbeleben beziehungsweise auf Umwegen eine Erklärung für sein Nicht-Tot-Sein konstruieren musste, hat sie offenbar nicht gestört.
Umständlich auch die Sache mit Peters Verwandlung, nachdem er Hooks Piratenrock angezogen hat. Im Grunde wurde das alles gut beschrieben, gewundert hat mich nur, dass Peter sozusagen als Wünschelrute benutzt wurde. Indem er immer mehr Hook ähnlich wurde, führte er Ribello zu Hooks Schatz. Dabei hätte Ribello doch nur den Rock selbst überstreifen müssen …
Des Weiteren schneidet Ribello den Kindern beim Ersteigen der Nimmerspitze die Schatten ab. Später wird er zugeben, er habe das getan, um sie am Fliegen zu hindern, denn ohne Schatten könnten sie trotz Feenstaub und schöner Gedanken nicht fliegen. – Ich frage mich nur, wie Peter es dann im Original geschafft hat, zu Wendy ins Zimmer zu fliegen, um seinen verlorenen Schatten zurückzuholen!
Am auffälligsten war aber auch hier wieder die Veränderung an Peter, und zwar die Veränderungen, die bereits vor seinem ersten Anprobieren von Hooks Rock vorhanden waren: Er, der laut Original bereits innerhalb eines Jahres nach Wendys Heimkehr sowohl Hook als auch Tinkerbell vergessen hatte, erinnert sich bei der Ankunft der „Alten Jungs“ in seinem Baumhaus an Tinkerbell und Nana! An Wendy erinnert er sich dafür nicht, obwohl er laut Original erst ihre Tochter Jane und später ihre Enkelin Margaret als seine Mutter ins Nimmerland holte. Seine Manieren sind nicht mehr vorhanden, weil er laut diesem Buch ja keine Mutter hatte, um welche zu erlernen, während er im Original durchaus Manieren hatte, abgeschaut von den Feen.
Sehr schön fand ich dagegen die Bilder zwischen den einzelnen Kapiteln in Form von Scherenschnitten. Auch das Lektorat war angenehm fehlerfrei.
_Resümee:_
Mit der Wahl von Geraldine McCaughrean als Autorin der Fortsetzung zu Peter Pan wurde – zumindest laut Klappentext – der Anspruch der Stiftung deutlich, „ein anspruchsvolles literarisches Werk zu schaffen, das selbst einmal zum Klassiker avancieren wird.“ Also, nach meinem Dafürhalten wird das Buch diesem Anspruch nicht gerecht. Entgegen der Aussage des Klappentextes habe ich im Gegenteil den ursprünglichen Zauber Nimmerlands ziemlich vermisst. Der Fortsetzung fehlt jegliche Leichtigkeit und Fröhlichkeit, die Barries Geschichte auszeichnet, stattdessen wirkt sie düster und muffelig.
Dabei waren die Ideen nicht unbedingt alle schlecht. Vor allem die Idee des „Kleider machen Leute“, nach der jeder sich zu demjenigen verändert, dessen Kleider er trägt, hat mir im Grunde gut gefallen, und das nicht nur, weil sich daraus so witzige Details ergaben wie jenes, dass Tootles plötzlich ein Mädchen ist. Sie waren nur nicht konsequent durchdacht. So hätten zum Beispiel die Jungs, die ebenfalls in Piratensachen geschlüpft waren, zu den jeweiligen Piraten werden müssen.
Was ebenfalls fehlt, ist das Happy-End, das eigentlich unbedingt zu einem Abenteuer kindlicher Fantasie gehört. Obwohl Peter Pan am Ende wieder er selbst ist – mit den genannten Einschränkungen außerhalb vom Einfluss des Rocks -, und das Nimmerland sich am Ende wieder regeneriert – auf welche Weise eigentlich? – kann man nicht sagen, dass die Kinder die Schlacht wirklich gewonnen hätten. Nicht nur, weil Ribello entgegen Wendys Erwartung nicht gestorben ist. Es fehlt der triumphale Abschluss, wie er im Original dadurch gegeben war, dass Hook letztlich vom Krokodil gefressen wurde.
Im Übrigen stellt sich mir auch hier wieder die Frage, ob es wirklich dieser Fortsetzung bedurft hätte. Wie in fast allen Fällen hat sich auch hier die Hoffnung nicht erfüllt, etwas Besonderes zu wiederholen. Wenn das so einfach wäre, wären diese besonderen Dinge ja nicht so besonders. Manches lässt sich einfach nicht wiederholen, und es trotzdem zu versuchen, trübt nur den Zauber, den das Besondere bis dahin durch seine Einzigartigkeit besessen hat. Ich glaube nicht, dass die Stiftung Sir Barrie mit dieser Fortsetzung einen Gefallen getan hat. Zumal er selbst seine Geschichte eigentlich endgültig beendet hat, nicht nur mit Hooks Tod, sondern auch mit einem eigenen Ausblick in die Zukunft: |“Wenn Margaret erwachsen ist, wird sie auch eine Tochter haben, die dann wieder Peters Mutter wird, und so wird es immer und immer weitergehen, solange Kinder fröhlich, unschuldig und herzlos sind.“|
Der königliche Hofstaat ist in hellem Aufruhr – ein wertvolles Medaillon scheint spurlos verschwunden. Dem Scharfsinn der Küchenmagd Elin ist es zu verdanken, dass das Schmuckstück schließlich wieder gefunden wird. Königin Kristina ist beeindruckt von dem jungen Mädchen und beschließt kurzerhand, sie in den engen Kreis ihrer Vertrauten aufzunehmen. Für Elin eröffnet sich eine neue Welt, eine Welt des Glanzes und der Intrigen, eine Welt, die sie zugleich fasziniert und befremdet …
_Königin und Bauernmagd_
Elin ist eine ganz gewöhnliche Magd, bis sie auf die Herrscherin ihres Landes trifft. Unter der Führung von Kristina von Schweden entwickelt sie sich zu einer gebildeten und eigenwilligen jungen Frau – zum Spiegel der Königin. Doch Elin hat ihren eigenen Willen und löst sich aus der Bevormundung der faszinierenden Frau.
Autorin Nina Blazon erzählt in ihrem farbenprächtigen Jugendroman „Der Spiegel der Königin“ von einer berührenden Freundschaft und zwei außergewöhnlichen Frauen.
Elin, ein kluges und eigenwilliges Mädchen, lässt sich nichts gefallen, weder von frechen Köchinnen noch von eingebildeten jungen Grafen. Und dabei hat sie als uneheliches „Hurenkind“ eigentlich gar nichts zu sagen. Auf einem der königlichen Landgüter erweckt ihr Gerechtigkeitssinn und Dickkopf das Interesse von Kristina, der Königin von Schweden (1626 – 1689). Kristina ist eine ungewöhnliche Königin: Sie betreibt eine starke Friedenspolitik nach dem 30-jährigen Krieg und stellt sich damit gegen die Wünsche ihrer männlichen Berater. Naturwissenschaften und Philosophie sind ihre Leidenschaft, und heiraten will sie schon gar nicht.
In dieses Umfeld nimmt sie Elin mit und bildet sie zu ihrer Gesellschafterin aus. Dabei macht sich Elin nichts aus Putz und gutem Benehmen. Sie möchte viel lieber reiten lernen, lesen und schreiben und sich in fremden Sprachen auskennen – wie die junge unkonventionelle Königin. Zwischen den Frauen entwickelt sich eine symbiotische Beziehung, die durch Elins Selbständigkeit und ihre Liebe zu einem französischen Grafen zur Zerreißprobe für die Freundschaft wird.
_Rezension_
Nina Blazon gewann mit ihrem Fantasy-Roman [„Im Bann des Fluchträgers“ 2350 im Jahre 2003 den „Wolfgang-Hohlbein-Preis“, der im Wiener |Carl Ueberreuter|-Verlag ausgeschrieben wird.
„Der Spiegel der Königin“ ist nun ihr erster historischen Roman, der sich mit drei Jahren (1647-1650) des Lebens zweier starker Frauen beschäftigt, die trotz gesellschaftlicher Grenzen doch so viel gemein haben.
Da ist zum einen die schwedische Königin Kristina und zum anderen Elin, eine Waise mit höchst fraglicher Herkunft, die als Magd in der Küche des Bischofs von Uppsala arbeitet, wo ihr oft der Wind rau entgegenbläst. Doch Elin ist aufsässig und lässt sich so schnell nicht einschüchtern und unterkriegen. Dadurch wird Kristina auf sie aufmerksam, und Elin wird von der unkonventionellen Regentin mit auf deren Schloss in Stockholm genommen. Das Leben dort und die damit verbundenen Veränderungen – auch ihrer Stellung – nutzt Elin dazu, Lesen und Schreiben zu lernen. Von der Königin wird sie darüber hinaus dazu verdonnert, reiten zu lernen und an der Jagd teilzunehmen. Auf einer dieser rettet Elin dann auch das Leben der Königin und zwischen diesen von der Herkunft so unterschiedlichen, aber charakterlich teilweise so ähnlichen beiden jungen Frauen erwächst eine Art Freundschaft. Dies erlaubt Elin, die im gewissen Sinne zum Spiegel der Königin wird, einen Einblick in Königin Kristinas politischem Engagement rund um den Westfälischen Frieden, sie erlebt aber auch ihren Kampf gegen Widerständler und ihren heiratswilligen Cousin. Doch auch Elin selbst erfährt einschneidende Erlebnisse durch ihre Begegnung mit dem Philosophen René Descartes und dem französischen Adligen Henri de Valoncourt, zu dem sie in Liebe entbrennt …
Nina Blazon gelingt es, einen historisch fundierten, spannenden Roman rund um eine Frauenfreundschaft aus dem 17. Jahrhundert mit starken, lebendigen Charakteren und einem Einblick in das höfische Leben vorzulegen, den ich jedem wärmstens empfehlen kann, der sich gut unterhalten möchte, dabei aber eine Handlung erwartet, die in die Tiefe geht.
„Der Spiegel der Königin“ ist Nina Blazoins erster Roman für |Ravensburger|. Man kann nur hoffen, dass es nicht ihr letzter ist!
Auch die Aufmachung des Titels weiß zu überzeugen. Das Hardcover ist ansehnlich, der Satz (bis auf die Seiten 243-246, auf denen sich der Blocksatz „verabschiedet“ hat) und die Schriftgröße sind augenfreundlich, das Lektorat leistete gute Arbeit – Leserherz, was willst du mehr?
… liegt in einem schönen Querformat in der Größe DIN A4 vor, versehen mit einem Umschlag aus stabilem Hartkarton.
Die Übersetzung des Textes in die deutsche Sprache nahm Mirjam Pressler vor. An dieser Übersetzung gibt es nichts auszusetzen.
Das Bilderbuch orientiert sich an Kindern von 5 bis 6 Jahren und ist ein schönes Vorlesebuch, aber auch ein gutes Buch für erste eigene Leseversuche, wenn das ABC von den kleinen Schülerinnen und Schülern bereits ein wenig beherrscht wird.
Alle Jahre wieder greift der Buchhandel in der Weihnachtszeit auf Bücher zurück, die eher als Fanartikel denn als „echtes“ Buch durchgehen würden. Harry Potter hatte schon seine Fanartikel, dieses Jahr ist der Nachfolgehype „Artemis Fowl“ an der Reihe …
„Artemis Fowl – Die Akte“ ist ein 175-seitiges Büchlein mit zwei neuen Kurzgeschichten über Artemis und seine Freunde bzw. Feinde, Interviews mit den Hauptcharakteren und dem Autor Eoin Colfer, das gnomische Alphabet, Steckbriefe der verschiedenen Wesen, Rätsel und ein paar Bildchen zur Ausrüstung der ZUP, der zentralen Untergrundpolizei der Elfen.
Herzstück des Buches sind natürlich die beiden neuen Kurzgeschichten, die auch ohne Vorwissen von den „echten“ Büchern über Artemis Fowl gelesen und verstanden werden können. Die erste, „Blaue Spinnen“, handelt davon, wie die Gegenspielerin des zwölfjährigen Meisterdiebs Artemis, die Elfe Holly Short, als erste Frau die Aufnahmeprüfung zur Aufklärungseinheit der ZUP besteht. Natürlich verläuft selbige nicht reibungslos, denn der aus dem Untergrund vertriebene Bruder des ruppigen, nicht gerade frauenfreundlichen Commanders Julius Roots schaltet sich ein, um sich an seinem Bruder zu rächen. Kann Holly die Situation retten, obwohl sie noch in ihren Kinderschuhen steckt?
Die zweite Geschichte, „Der siebte Zwerg“, handelt davon, wie Artemis Fowl das Diadem der Lady Fei Fei stiehlt und zudem seine Verbindungen zum Meisterdieb-Zwerg Mulch Diggums aufbaut.
Während die erste Geschichte durchaus Spannung zu vermitteln weiß, ist zweite doch ein wenig flach. Insgesamt wendet Colfer einen sehr gerafften Stil an, so dass viele Kleinigkeiten, wie sie in den Romanbüchern vorkommen und dort schön erläutert werden, keinen Platz haben. Dadurch wirken die Geschichten ein wenig lieblos, auch wenn Colfer nach wie vor starke Charaktere wie den amüsanten Julius Roots verwendet und auch mit den knallhart humorvollen Dialogen nicht spart.
Und inwieweit die „Interviews“ mit den Hauptcharakteren nötig gewesen wären, bleibt offen, denn sie muten recht lahm und brav an, dafür, dass die Charaktere in den Geschichten oft so frech sind. Im Gegenteil kann man kaum Unterschiede in den Antworten der Figuren herausfiltern, so dass die Interviews eigentlich getrost weggelassen hätten werden können.
Die Steckbriefe zu den einzelnen Wesen oder die farbigen Illustrationen der technisch sehr ausgefeilten Ausrüstung der ZUP dagegen sind ein netter Service. Man erfährt zwar nichts wesentlich Neues, aber die Dinge sind nett zusammengefasst.
Gleiches gilt für das gnomische Alphabet und die Rätsel, die liebevoll illustriert sind und den jüngeren Lesern sicherlich viel Freude bereiten werden.
Überhaupt ist dieses Büchlein wohl eher etwas für die jüngeren Leser, die noch wirklich in die Welt eines Artemis Fowl eintauchen und darin leben. Denn „Die Akte“ bringt wenig Neues, und das Neue, welches das Buch bringt, ist nicht so reizvoll, als dass ein Erwachsener es unbedingt haben müsste. Trotzdem wird dieses Buch wohl seinen Platz unter dem Weihnachtsbaum gefunden haben – warum auch nicht? Eine nette Geschenkidee für das Kind, den Enkel, den Neffen oder die Nichte ist es allemal.
|Siehe ergänzend dazu unsere [Rezension 3135 der Lesung von Rufus Beck.|
_Jugendgerechte und spannende Unterhaltung: Wer hat den geliebten Hund gestohlen?_
Klaus von Wiese wurde in München geboren und wuchs im Rheinland auf. Er lebt mittlerweile im Bergischen Land und es zieht ihn immer wieder in die Eifel. Am liebsten schreibt er Kinderbücher und lässt seine jugendlichen Helden in der Eifel Abenteuer erleben.
In seiner beim Hillesheimer |KBV| erscheinenden Serie erleben Teens der Eifelgang erstmals Abenteuer, wie in dem aktuellen Jugendroman „Die Spürnasen vom Stachelsberg“. Die Fortsetzung soll im Frühjahr 2007 ebenfalls beim |KBV| erscheinen.
Als Inas geliebter Großvater Schnauz stirbt, trauert das junge Mädchen. Ihre Eltern spüren den Kummer und schenken dem Mädchen einen Hund. Begeistert ist die E.I.F.E.L.-Gang, deren Name sich aus diesen Buchstaben zusammensetzt. Ela, Ina, Fio, Ede und Lo erfahren davon und begleiten Ina zu einem Tierheim.
Ina verliebt sich sofort in ein kleines Hundewelpen und nennt es Bess. Traurig stellt sie fest, dass sie sich noch ein wenig gedulden muss, denn die Hundebabys müssen noch von ihrer Mama gesäugt werden. Dann ist der Schrecken groß! Ein Unbekannter hat die Welpen entführt, und sie sind in höchster Gefahr, denn sie brauchen noch ihre Hundemama. Die E.I.F.E.L.-Gang nimmt die Spur auf, um die Welpen zu retten.
Klaus von Wieses Jugendroman ist charmant und liebevoll umgesetzt. Ein wahres Drama um entführte Hundebwelpen berührt jedes Herz, aber sein Stil ist nicht kitschig und rührselig. Sehr gelungen ist die Entscheidung, den jugendlichen Leser anzusprechen, und erstaunlich ist, dass der für „Kids“ gedachte Roman auch Erwachsene ansprechen kann.
Ohne mahnend zu sein, legt der Autor Wert darauf, die große Verantwortung für ein Haustier hervorzuheben. Hintergrund ist, dass oft ein vermeintlich ersehntes Haustier bald lästig wird und dann im Tierheim landet. Da wird es das junge Welpen bei Ina von der E.I.F.E.L.-Gang besser haben.
Der Krimi für Kinder und Jugendliche richtet sich an Leser ab 9 Jahren.
Der achtjährige Anton hat ein ganz besonderes Hobby: Vampire! Nichts ist ihm lieber als Vampirfilme zu sehen oder Vampirgeschichten zu lesen. Nur einem echten Vampir ist er noch nicht begegnet – denn die gibt es ja schließlich nicht. Oder etwa doch?
An einem Samstagabend ist Anton mal wieder allein zu Hause. Seine Eltern sind ausgegangen und Anton freut sich auf einen Gruselfilm im Fernsehen – als er plötzlich einen Schatten auf seinem Fensterbrett entdeckt. Anton glaubt seinen Augen nicht zu trauen, denn vor ihm sitzt ein leibhaftiger Vampir. Aber es ist kein Vampir wie aus seinen Büchern. Nein, der kleine Vampir ist selber noch ein Kind, wenn auch schon über 150 Jahre alt. Rüdiger von Schlotterstein heißt er, und anstatt Anton zu beißen, möchte er sich lieber mit ihm unterhalten. An diesem Abend schließt Anton die ungewöhnlichste Freundschaft, die er sich denken kann. Und das bleibt nicht ohne Folgen:
Zum einen gibt es da das Vampirgesetz, das es strengstens untersagt, mit Menschen freundschaftlichen Kontakt zu haben. Rüdiger muss also höllisch aufpassen, dass keiner der erwachsenen Vampire von ihrer Freundschaft erfährt. Doch schon bald lernt Anton weitere Mitglieder aus Rüdigers Familie kennen, die allesamt in einer unterirdischen Gruft auf dem städtischen Friedhof „leben“. Sein älterer Bruder Lumpi ist ein unheimlicher Zeitgenosse, ein launenhafter Teenager-Vampir, dem Anton lieber nicht alleine im Dunkeln begegnen will. Ganz anders steht es mit Rüdigers kleiner Schwester Anna, die noch keine Vampirzähne hat und statt Blut nur Milch trinkt. Scheu, freundlich und zugleich ausgesprochen mutig, wie sie ist, schließt Anton das Vampirmädchen sofort in sein Herz. Und umgekehrt verliebt sich Anna augenblicklich in Anton – und hilft ihm einige Male aus der Patsche. Denn Anton muss die Erfahrung machen, dass es alles andere als leicht ist, mit Vampiren befreundet zu sein …
Ein anderes Problem sind Antons Eltern, die nicht an Vampire glauben und das Hobby ihres Sohnes eher argwöhnisch betrachten. Irgendwann lassen sich die heimlichen Besuche seiner Freunde nicht mehr verbergen und sie bestehen darauf, Anna und Rüdiger kennen zu lernen. Natürlich hat Anton furchtbare Angst, dass sie bemerken, um wen es sich dabei wirklich handelt …
Und zu guter Letzt gibt es da noch den Friedhofswärter Geiermeier. Er glaubt nicht nur an Vampire, sondern er macht auch noch Jagd auf sie. Onkel Theodor fiel ihm einst zum Opfer und auch die restlichen Vampire will er finden, um ihnen den Garaus zu machen.
Trotz aller Turbulenzen und Gefahren ist diese Freundschaft für Anton das Beste, was ihm passieren konnte. Gemeinsam mit Rüdiger und seiner Schwester Anna stolpert er von einem Abenteuer ins nächste. Langeweile ist ab jetzt ein Fremdwort …
_Freundschaft mit Biss_
„Der kleine Vampir“ ist schon jetzt, fast dreißig Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes, ein Klassiker der modernen Kinderbuchliteratur. Trotz des unheimlichen Themas sind die Geschichten um Anton und Rüdiger nicht zum Fürchten, sondern zeigen vielmehr auf liebevolle Weise, wie man trotz aller Hindernisse eine Freundschaft miteinander führt.
Darüber hinaus sind der Autorin mit den Gestalten des Rüdiger von Schlotterstein und seiner Schwester Anna zwei absolut Vampir-untypische Charaktere gelungen, an denen selbst ängstliche Kinder Gefallen finden werden. Obwohl er selber ein Geschöpf der Nacht ist, ist Rüdiger nämlich gar nicht so mutig, wie er sich vor allem Anton gegenüber immer gibt. Der kleine Vampir ist kein grausames Monster, sondern eigentlich selbst noch ein Kind, dem manchmal mulmig zumute ist. Sogar im Dunkeln fürchtet er sich sich ab und zu – sympathischer kann man einen Vampir kaum darstellen. Aber Rüdiger ist auch mit allerlei Ecken und Kanten ausgestattet und keine stereotype Heldenfigur. Im Gegenteil: Der kleine Vampir ist oft launisch und leicht eingeschnappt, er ist unzuverlässig und sorgt häufig durch seine Unachtsamkeit dafür, dass Anton in Schwierigkeiten kommt. Das ist kein Wunder, denn die Vampire leben in ständiger Gefahr und unter unwirtlichen Bedingungen; für Mitgefühl ist in ihrem Dasein nicht viel Platz, sodass Rüdiger daran gewöhnt ist, seinen Willen durchzusetzen. In der Freundschaft mit Anton erfährt er aber, dass er manchmal auch nachgeben und ebenfalls einen Teil dazu beitragen muss, damit das gute Verhältnis zwischen ihnen erhalten bleibt.
Seine Schwester Anna ist eine besonders süße Figur. Auch Anna ist leicht eingeschnappt, allerdings nicht aus Arroganz, sondern weil sie in Anton verliebt ist und sich jede Kritik sehr zu Herzen nimmt. Anton mag die kleine Anna außerordentlich gern, doch von Liebe mag er nicht reden. Was sich zwischen den beiden abspielt, spiegelt das typische Verhältnis von Kindern in dem Alter zueinander wider: Anton ist ein noch recht stoffeliger Junge, der mit Mädchen normalerweise nichts anfangen kann, während Anna sehr gefühlvoll ist und Schwärmereien entwickelt. Dass Anna jedoch anders ist als die Mädchen in seiner Klasse, beeindruckt Anton immer wieder. Sie ist nicht nur körperlich viel zäher und stärker, als sie aussieht, sie ist auch äußerst mutig und geht bereitwillig Risiken ein, um Anton oder auch ihren Bruder zu schützen.
Anton schließlich ist die ideale Identifikationsfigur für Kinder in seinem Alter. Er ist ein Einzelkind, dessen Eltern beide berufstätig sind und der sich daher viel mit seinem Hobby, den Vampiren, beschäftigt. Viele Kinder werden seine Begeisterung für alles Unheimliche nachvollziehen können, und der Gedanke, einen Vampir als Freund zu haben, ist verlockend und aufregend zugleich. Das gilt natürlich vor allem für das Fliegen mit dem Vampirumhang, das Anton bald schon fast so gut wie ein Vampir beherrscht. Seine neuen Freunde bringen bisher ungeahnte Spannung in sein Leben, machen es allerdings auch wesentlich komplizierter, denn es besteht ständig die Gefahr, dass Antons Eltern hinter die ungewöhnliche Freundschaft kommen. Rüdiger und Anna müssen ihn heimlich besuchen und auch Anton muss verbergen, dass er sich manche Nacht aus dem Fenster schleicht. Immer wieder bangt der Leser mit ihnen, ob jemand hinter ihr Geheimnis stößt, seien es nun die älteren Vampire oder Antons Eltern.
|Lerneffekt für Kinder|
Kinder werden durch die Bücher vom kleinen Vampir nicht nur sehr gut unterhalten, sondern lernen dabei auch noch auf spielerische Art, welche Probleme in Freundschaften auftauchen und wie man sie beseitigt, auch wenn man völlig unterschiedlich ist. Der Autorin gelingt auf unterschwellige Art ein Plädoyer für die Toleranz zur Andersartigkeit, ohne jemals mit dem erhobenen Zeigefinger zu agieren. Die Freundschaft zwischen dem Menschenkind und den Vampiren ist kein Selbstgänger, sondern erfordert Einsatz und Diplomatie. Antons Vorstellungen von Vampiren beschränken sich auf die Bücher und Filme, die er kennt, die aber natürlich nicht in allen Punkten die Realität treffen. Mehr als einmal gelangt er an einen Punkt, an dem er sich über Rüdiger ärgert, vor allem über seine Unzuverlässigkeit und darüber, dass der keine Vampir sich meistens dann aus dem Staub macht, wenn die Situation unangenehm wird. Einerseits liegt das an seinem Charakter, andererseits aber auch an seinen Lebensumständen, die gar nicht mit dem bequemen Leben von Anton zu vergleichen sind. In den Episoden mit Anna wird die erste Liebe thematisiert, zwar immer nur am Rande und so zuckersüß und harmlos, dass es für Grundschulkinder angemessen ist, aber dennoch lehrreich. Der unerfahrene Anton muss mit Eifersucht und Launenhaftigkeit seiner Vampirfreundin kämpfen, die stets befürchtet, dass er die Mädchen in seiner Klasse hübscher findet als sie – kein Wunder, denn auch wenn Anna für eine Vampirin sehr ansehnlich ist, trägt sie doch zerlumpte Kleidung und riecht streng nach Moder. Auch kann sie es nicht leiden, wenn sich Anton lieber mit Rüdiger trifft, zumal sie genau weiß, dass ihr Bruder sich nie so sehr um Anton bemüht wie sie.
Die Geschichte ist sehr flüssig und mit einfachen Worten geschrieben, ohne dabei in zu kindliche Sprache zu verfallen. So ist das Buch durchaus noch für ältere Leser als die primäre Zielgruppe im Grundschulalter interessant.
|Nur winzige Schwächen|
Mängel gibt es im Grunde keine. Hin und wieder kann man sich daran stören, dass Antons Eltern manchmal sehr naiv sind und es manchmal ein paar Zufälle zu viel sind, die ihm und seinen Vampirfreunden behilflich sind, denn die Ausreden, die Anton erfindet, sind meistens nicht sonderlich überzeugend. Es ist fraglich, ob reale Eltern sich so leicht hereinlegen lassen würden, wie es Herrn und Frau Bohnsack geschieht. Auch Anton selber ist ab und zu etwas begriffsstutzig und wirkt, von seiner Vampirleidenschaft abgesehen, etwas langweilig und bieder. Andererseits ist diese Variante sicher besser als ein strahlender Held ohne Kanten – und gerade dass Anton kaum gute Freunde besitzt, außer seinen Vampiren, macht ihn als Hauptfigur interessant. Etwas zu selbstverständlich wird gehandhabt, dass Antons Eltern fast jeden Samstag ausgehen. Obwohl Anton erst die vierte Klasse besucht, wird er ohne Aufsicht gelassen und kann sich später ganze Nächte davonschleichen, ohne dass seine Eltern davon erfahren.
_Fazit:_ Für Kinder ist es die perfekte Lektüre zur spannenden Unterhaltung und zum angenehmen Gruseln, ohne Alpträume befürchten zu müssen. Für Erwachsene besitzt der kleine Vampir Kultcharakter. Wer ihn als Kind gelesen hat, wird ihn immer wieder gerne zur Hand nehmen.
_Die Autorin_ Angela Sommer-Bodenburg wurde 1948 bei Hamburg geboren und lebt seit 1992 in Kalifornien. Bisher sind über 40 Bücher von ihr erschienen, darunter Romane, Kurzgeschichten, Gedichte und Bilderbücher. Ihre Werke wurden in 27 Sprachen übersetzt.
Weitere Gruselbücher von ihr neben der Reihe um den kleinen Vampir sind z. B. „Die Moorgeister“ und „Wenn du dich gruseln willst“. Eine weitere, sehr erfolgreiche Buchserie ist die Reihe um den sprechenden Bernhardiner „Schokolowski“.
Sie wollen dieses Leben nicht, aber der Tod spuckt sie wieder aus: Nach dem Sprung von der Brücke landen Michelle, Maike und Tobias in einer entseelten Zwischenwelt, in der ihre Ängste Gestalt angenommen haben.
Und sie sind nicht allein!
Gespenstische Begleiter und mysteriöse Heilige führen sie von einer Entscheidung zur nächsten. Terminal, der große Verteilerbahnhof, wird für jeden zum Wendepunkt.
_Rezension_
Die Erfolgsautorin Barbara Büchner liefert hier unter dem Pseudonym Julia Conrad den ersten Band der |Terminal|-Trilogie ab.
„Terminal“ ist ein intelligenter und moderner Fantasyroman für Jugendliche. Aber nicht nur für sie, sondern auch für deren Eltern oder babysittende Freundinnen, denen das, was die Autorin offen anspricht, aber auch das, was zwischen den Zeilen schwingt, zu denken geben sollte: Nehmen wir die Menschen in unserem Umfeld wahr? Schenken wir ihnen genug Zeit? Genug Liebe? Schätzen und respektieren wir sie um ihrer Selbst willen? So wie sie sind – oder pressen wir sie in Schubladen und leben nebeneinander her?
Da ist Michelle Feilmann,16, die von ihrer Mutter immer eine |langweilige Suse| geschimpft wird und sich in Groll und Selbstmitleid ergeht. Daher halten die Freunde sie für eine neurotische Zicke. Darüber hinaus eilt ihr der Ruf voraus, die Schuld immer nur bei den anderen zu suchen und die Augen vor ihrer eigenen Trägheit zu verschließen. Dabei fürchtet sich Michelle leicht und hat ständig Angst, etwas falsch zu machen. Die zweite im Bunde ist Maike Perlinger, 17, die sich Unmengen von Leberkäse, Semmeln, Fritten und Bier einverleibt und darüber jammert, dass sie |trotz aller Diäten| immer dicker würde, und die Michelle für total prollig hält. Und da wäre noch Tobias Welden-Bogerstein, 16, ein affiger, leicht reizbarer Schickimicki.
Gemeinsam springen sie von einer Brücke, um frustriert aus dem Leben zu scheiden. Sven Langner, 18, wird bei dem Versuch, Michelle am Sprung zu hindern, mit hinabgezogen. Sie alle landen in einer Zwischenwelt – der Stadt, die |Terminal| heißt – und bleiben nicht lange alleine, denn auch andere – teilweise schuldbeladene – Selbstmörder gesellen sich zu ihnen.
Keine Geringere als Jeanne d’Arc nimmt die am Leben Verzweifelten unter ihre Fittiche und soll sie und jene, die noch zu ihnen stoßen, an den Feurigen Brunnen führen, damit Michelle und ihre Begleiter von dem |Wasser des Lebens| trinken. Es geht durch bizarre Spiegelwelten, das Reich der Finsterwürmer und andere Unwegsamkeiten … Werden Michelle und ihre Freunde den Feurigen Brunnen erreichen? Und was geschieht, wenn sie vom Wasser des Lebens trinken?
„Terminal“ ist mehr als ein reiner Unterhaltungsroman. Wieder einmal verquickt die Autorin mit Leichtigkeit historische Elemente mit (teils nicht mehr gelebten) Wertigkeiten – ohne mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen. Die Handlung führt uns die Grenzgestalten der Gesellschaft näher, hält uns vielleicht sogar einen Spiegel durch sie vor. Daher ist „Terminal“ nicht nur ein Roman mit pädagogischem Wert für jugendliche Leser, sondern auch für deren Vorbilder (oder die, die es sein sollten).
Band 1 weist zudem ein gelungenes Ende mit Fortsetzungspotenzial auf, wie es sich für den Auftaktband einer Trilogie gehört.
_Fazit:_ Empfehlenswerter Roman mit erzieherischem Nährwert, der dennoch nicht schulmeisternd daherkommt. Ein Satz hat mir besonders gut gefallen: „Das Gespräch von Mensch zu Mensch ist immer noch das Beste“ (anstelle nur in die Glotze zu schauen). Das sollten sich wieder mehr Menschen auf die Fahne schreiben, denn Sprachlosigkeit ist das immer größer werdende Manko unserer Gesellschaft.
Mit „Flyte“ läutet Angie Sage die nächste Runde ihrer Reihe um die Geschichte des jungen Septimus Heap ein. Die Geschichte des lange verschollen geglaubten siebten Sohn eine siebten Sohnes (und als solcher mit besonderen magischen Fähigkeiten gesegnet), die in in [„Septimus Heap – Magyk“ 1856 ihren Anfang nahm, wird nun im zweiten Band der Trilogie fortgeführt.
Mit dem hoffnungsvollen Nachwuchsmagier Septimus hat Angie Sage eine Fantasy-Figur erschaffen, die neben Harry Potter und Co. ihre Daseinsberechtigung hat. Septimus braucht sich kaum hinter seinem bekannteren Kollegen zu verstecken, wenngleich die Septimus-Heap-Romane ihre Zielgruppe enger fassen. Sie sind noch in wesentlich stärkerem Umfang wirkliche Kinder- und Jugendbücher, als dies bei Kollege Potter der Fall ist.
Seit den Geschehnissen in „Magyk“ ist ein gutes Jahr vergangen. Septimus ist mittlerweile seit einem Jahr im Zaubererturm bei der Außergewöhnlichen Zauberin Marcia Overstrand als Lehrling angestellt und hat viel gelernt. Jenna ist zusammen mit der Familie Heap in den Palast gezogen, wo nach dem Ende des bösen Zauberers DomDaniel und des Obersten Wächters wieder beschauliche Ruhe eingekehrt ist. Das Leben der Familie und der jungen Prinzessin Jenna verläuft in geregelten Bahnen, bis eines Tages der seit einem Jahr verschwundene älteste Heap-Sohn Simon auftaucht und das ruhige Leben aufmischt.
Kurzerhand entführt er Jenna und flieht mit ihr in seine Höhle jenseits der Schieferbrüche. Dort hat Simon sein Lager in einer alten Landwurmhöhle aufgeschlagen, zusammen mit den Gebeinen von DomDaniel, die nicht so ganz hundertprozentig tot zu sein scheinen. Simon will den Zauberer zurück in die Welt der Lebenden holen und dann bei ihm in die Lehre gehen. Dafür will er DomDaniel bei der Wiederherstellung seiner früheren Macht loyal zur Seite stehen und dazu gehört auch die Entführung von Jenna.
Wird es DomDaniel gelingen, die Macht über die Burg wieder an sich zu reißen und als Oberster Zauberer in den Zaubererturm einzuziehen? Septimus macht sich auf, Jenna zu suchen und nach Hause zu bringen. Aber reichen seine magischen Fähigkeiten schon aus, um gegen Simon und DomDaniel etwas ausrichten zu können?
Der Beginn der Geschichte spielt sich wie im Vorgängerband nahezu komplett innerhalb der Burgmauern ab. Wieder einmal beschwört Sage eine Welt herauf, die an das späte Mittelalter erinnert, gewürzt mit einer saftigen Prise Magie. Überall in Sages Welt gibt es kleine magische Gimmicks, die das Leben erleichtern und die der Handlung eine gewisse humorvolle Note verleihen. Sage versteht es, der Geschichte auch lustige Züge zu verleihen, die den Lesespaß gerade für Kinder enorm erhöhen dürften.
Die ersten düsteren Züge der Handlung treten mit dem Auftauchen von Simon in Erscheinung. Simon hegt eine starken Groll, zum einen gegen seinen „neuen“ Bruder Septimus, der die Lehrstelle bei Marcia Overstrand bekommen hat, die er selbst sich doch immer gewünscht hat, und zum anderen gegen Jenna, die sich auf einmal als Prinzessin entpuppte. Die Entführung von Jenna gelingt zunächst, wenngleich Jenna gerissen genug ist, einen erfolgversprechenden Ausbruch zu wagen (der wiederum seine komischen Züge hat, weil er recht ungewöhnlich vonstatten geht).
Doch damit fängt die Geschichte erst an und Simon lässt nichts unversucht, Jenna so schnell wie möglich zurück in seine Gewalt zu bringen. Der Beginn eines Katz-und-Maus-Spiels, das fortan den Plot bestimmt und noch für reichlich Spannung sorgt. Spannende Lektüre ist somit garantiert. Simon hat schon einiges an magischen Fertigkeiten erlangt und er ist als Gegner für Septimus, der versucht, Jenna im weiteren Verlauf zu beschützen, ein wirklich harter Brocken. Septimus kann froh sein, dass sein Bruder Nicko ihm zur Seite steht, und auch Wolfsjunge, der zusammen mit einigen von Septimus‘ Brüdern im Wald lebt und Septimus, Nicko und Jenna begleitet, erweist sich als hilfreicher Gefährte.
Spannung, Magie, Humor, Freundschaft – Sages Geschichte enthält viele Elemente, die eine vielversprechende Mischung abgeben. Manches Problem der Protagonisten löst sich für den erwachsenen Leser sicherlich ein bisschen zu leicht. Kinder dürfte dieser Aspekt indes wohl wenig stören. Sages Welt ist recht einfach gestrickt. Die Figuren lassen sich ganz leicht in Gut und Böse einteilen, Grauzonen gibt es dabei nicht so recht. Sages Romanwelt ist halt durch und durch kindgerecht angelegt.
So verwundert es auch nicht, dass die Bösen, um besiegt werden zu können, manchmal schon eine recht trottelige Figur abgeben müssen. Manchmal wirkt Simon wie der letzte Depp und stellt sich einfach nur ungeschickt an, obwohl er schon über recht ausgefeilte magische Fähigkeiten verfügt. Auch Marcia Overstrand macht in diesem Band eine eher schlechte Figur. Auch sie wirkt irgendwie zu tollpatschig (gemessen daran, dass sie immerhin die mächtigste und wichtigste Zauberin im Land ist). Sie wird stellenweise ein wenig zur Witzfigur degradiert, was ihr in ihrer Rolle als Septimus‘ Mentorin nicht unbedingt gut bekommt.
Ein weiterer Nachteil ergibt sich daraus, dass „Flyte“ der Mittelband einer fortgesetzten Serie ist. So ist die Handlung alles andere als abgeschlossen, wobei manches für meinen Geschmack etwas zu offen bleibt. Zumindest ein Erzählstrang wirkt unschön abgebrochen, ansonsten schafft Sage mit „Flyte“ eine ganz ordentliche Ausgangsposition für den nächsten Band der Reihe. Insgesamt ist ihr das im ersten Teil aber besser gelungen, da sie dort gleichzeitig den ersten Handlungsblock abgeschlossen und die Grundlagen für den zweiten Band geschaffen hat. So bleibt die Lektüre am Ende doch ein wenig unbefriedigend.
Schön ist dagegen wieder einmal die Aufmachung des Buches. War schon der erste Band sehr liebevoll gestaltet, so steht der zweite Band dem in nichts nach. Liebevoll skizzierte Figuren am Kapitelanfang zeigen die Protagonisten und verleihen der Geschichte mehr Atmosphäre.
Sages Schreibstil ist leicht verständlich und eingängig, aber stets auch etwas gewitzt. Für Kinder dürfte hier der Lesespaß garantiert sein und ich bin mir sicher, dass mir die Septimus-Heap-Reihe zu meinen Kindertagen auf jeden Fall reichlich Freude bereitet hätte.
Alles in allem ist „Septimus Heap – Flyte“ eine schöne Fantasygeschichte für Kinder, die anders als die letzten Harry-Potter-Bände auch wirklich kindgerecht ist. Das schränkt natürlich auch den Lesespaß der erwachsenen Leserschaft ein, aber das kann man einem Kinderbuch wohl kaum zum Vorwurf machen. Abgesehen davon, dass einer der Erzählstränge am Ende unschön abgebrochen und die ehrwürdige Marcia Overstrand in manchen Situationen ein wenig zu sehr als Witzfigur strapaziert wird, macht das Buch einen größtenteils guten Eindruck. Die Geschichte ist phantasievoll erzählt, hat eine humorvolle Note und sympathische Figuren. Kinder dürften daran in jedem Fall ihre wahre Freude haben.
Website zum Buch: [www.septimusheap.de]http://www.septimusheap.de
Es ist mittlerweile kein ganz so ungewöhnliches Szenario mehr, das Suzanne Weyn in ihrem Roman „Bar Code Tattoo“ heraufbeschwört. Bargeld ist Schnee von gestern, auch Kreditkarten sind schon lange out. Der Mensch der Zukunft braucht im Jahre 2025 nichts andere mehr als ein paar Striche auf dem Handgelenk – ein Strichcode-Tattoo. Als Zahlungsmittel erleichtert es den Alltag und dank gespeicherter Führerschein-, Ausweis- und Versicherungsdaten braucht man keine Papiere mehr mit sich umherzutragen. Das ist enorm praktisch, möchte man meinen, doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite offenbart ein ganz anderes Bild – das der totalen Überwachung.
In dieser Welt wächst die junge Kayla auf. Sie ist gerade siebzehn geworden, Zeit, sich wie alle anderen tätowieren zu lassen. Doch Kayla ist unschlüssig. Sie hegt Zweifel daran, dass das Tattoo wirklich so harmlos ist, wie ihr alle eintrichtern wollen. Was steckt hinter der Behauptung von Kaylas Mutter, dass das Tattoo Schuld daran ist, dass ihr Vater sich vor kurzem das Leben genommen hat? Auch die Familie ihrer Freundin trifft ein hartes Schicksal, anscheinend auch wegen des Tattoos.
Kayla will die Wahrheit herausfinden, bevor sie sich selbst tätowieren lässt. In der Schule schließt sie Freundschaft mit einigen Jugendlichen, die sich in der Bürgerrechtsbewegung engagieren, und erfährt so manches über das Tattoo, das sie in dem Glauben bestärkt, dass die Regierung das Tattoo nicht zum Wohle der Allgemeinheit eingeführt hat. Offenbar geht es dabei um das Erfassen des Gen-Codes der Menschen und darum, bestimmte Menschen aufgrund genetischer Eigenschaften auszusortieren. Für Kayla und ihre Freunde steht fest, sie müssen sich dem entgegenstellen …
Was Suzanne Weyn in ihrem Roman skizziert, ist ein Zukunftsszenario, das durchaus vorstellbar erscheint. Schon heute sind die meisten Menschen bereit, ihre Bürgerrechte zum Wohle ihrer Sicherheit (egal ob einer tatsächlichen oder einer vorgegaukelten) zum Fenster rauszuwerfen. Dank gespeicherter Daten auf diversen Kunden- und Kreditkarten ist der gläserne Bürger ein Stück mehr Realität geworden. Bequemlichkeit und Sicherheit sind bei den Befürwortern gern gesehene Argumente und die Warnrufe von Verbraucherschützern und Bürgerrechtlern werden gerne abgewunken.
Suzanne Weyn setzt die gegenwärtige Entwicklung konsequent fort und zeigt, wohin das Ganze führen kann. Der Bar Code am Handgelenk dient vorgeblich dem Komfort und der Sicherheit. Niemand kann mehr Kreditkarten und Ausweispapiere stehlen und man hat immer alles parat, was man braucht. Doch der Strichcode macht den Menschen auch verwundbar. Alle sensiblen Daten befinden sich in einem einzigen Code, alles wird zentral erfasst, und man mag sich gar nicht ausmalen, was passieren könnte, wenn diese Daten in die falschen Hände geraten.
Ebenso ermuntert das leicht zugängliche Vorhandensein sämtlicher Daten dazu, sie auch zu nutzen und damit in die Persönlichkeitsrechte des Menschen einzugreifen. Der Blick auf die genetischen Eigenschaften vor Abschluss einer Versicherung oder beim Einstieg in den Job sind nur zwei bescheidene Beispiele.
Mit genau diesen Dingen setzt auch Kayla sich auseinander. Sie lebt in einer durch und durch globalisierten Welt. Die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft sind so weit entwickelt, dass sich niemand mehr Mühe gibt, sie zu verbergen. Der „Präsident“ der Vereinigten Staaten steht gleichzeitig dem alles beherrschenden Konzern „Global 1“ vor. Die Interessen des Staates sind nichts anderes als die Interessen eines riesigen globalen Konzerns.
In dieser Welt hat Kayla so einiges durchzustehen. Erst verliert sie ihren Vater, worauf ihre Mutter in zunehmendem Maße dem Alkohol zuspricht und die Tochter vernachlässigt, die sich dann selbst um einen Job bemüht, um den Lebensunterhalt der beiden zu bestreiten. Dann verliert sie ihre Freundin, die, wirtschaftlich ruiniert, mit ihren Eltern zu weit entfernt wohnenden Verwandten ziehen muss.
All diese Schicksalsschläge treffen Kayla mit atemberaubender Geschwindigkeit und weitere folgen im Laufe der Geschichte. Es ist fast zu viel, als dass ein siebzehnjähriges Mädchen allein damit fertig werden könnte, und so mag man Kayla es auch nicht so ganz abnehmen, wie stark sie selbst dabei bleibt. Kaylas emotionales Innenleben ist wie ein Betonklotz, der zwar einige Risse bekommt, aber im Wesentlichen kaum zu erschüttern zu sein scheint. Hier wünscht man sich als Leser etwas mehr Tiefe in der Figurenbetrachtung.
Natürlich muss man Weyn zugute halten, dass „Bar Code Tattoo“ ein Jugendbuch ist, dennoch erscheint die Figurenskizzierung etwas zu oberflächlich für meinen Geschmack. Das Bild wäre einfach vollständiger, würde Weyn das Innenleben ihrer Hauptfigur etwas stärker vertiefen. Auch Dreizehnjährige sollten keine Probleme damit haben, das dann nachvollziehen zu können.
Eine weitere Schwäche offenbart sich mit Blick auf die Romankonstruktion. Das Szenario entwickelt sie ganz hervorragend, da gibt es gar keinen Zweifel, der Aufbau der Geschichte hadert aber hier und da ein wenig mit der Glaubwürdigkeit. Die Entlarvung eines Verräters (den wir hier selbstverständlich nicht namentlich nennen wollen) erfolgt, auch gemessen an einem Jugendbuch, etwas zu plump.
Ebenso erscheint es etwas unglaubwürdig, in welcher Weise sich im weiteren Verlauf der Geschichte die Wege der Protagonisten immer wieder auf sonderbare Weise kreuzen. Räumlich längst voneinander getrennt und über den Nordosten der USA verstreut, treffen sie sich urplötzlich mitten im Wald wieder – und es kommt nicht nur einmal vor, dass der Faktor Zufall auf diese Weise etwas überstrapaziert wird.
So wirkt der Plot stellenweise leider ein wenig mit der Brechstange konstruiert, was in Anbetracht des eigentlich so gelungen entworfenen Szenarios wirklich schade ist. Gerade im Bereich der Utopien habe ich im Jugendbuchsektor schon Bücher gelesen, deren Umsetzung besser ist (z. B. [„Das Skorpionenhaus“ 1737 von Nancy Farmer). Es liegt also nicht einfach nur an der höheren Erwartungshaltung, die man als Erwachsener hat.
Der Verlag empfiehlt das Buch ab 13 Jahren, und das erscheint mir auch angemessen. Die Thematik ist in jedem Fall wichtig und sie ist so aufbereitet, dass sie Kindern dieser Altersklasse gut zugänglich sein dürfte. Weyn skizziert ihr Szenario so, dass es leicht verständlich ist. Sie packt das Thema jugendtauglich an, auch wenn sie zum Ende hin eine seltsam mystisch angehauchte Richtung einschlägt, die etwas sonderbar erscheint, weil Weyns Erklärungen auch nicht ausreichen, das Ganze wirklich schlüssig erscheinen zu lassen. Zumindest lässt sich das Ganze argumentativ sehr leicht aushebeln.
Bleibt am Ende ein etwas gemischter Eindruck zu „Bar Code Tattoo“ zurück. Einerseits eine wirklich wichtige Thematik, die gerade auch bei Kindern und Jugendlichen, die heute aufwachsen und für die Kredit- und Kundenkarte eine alltägliche Selbstverständlichkeit sind, ein schöner Anlass ist, diese Dinge auch mal kritisch zu hinterfragen. Weyn entwirft ein durchaus glaubhaftes Szenario, schlägt aber dabei zum Ende hin eine etwas fragwürdige Richtung ein und kann auch mit der Romankonstruktion und der Figurenskizzierung nicht hundertprozentig überzeugen. Wichtige Lektüre ja, aber eben leider in der Romanumsetzung auch mit einigen Schwächen.
Man kommt nicht umhin. Beinahe jedes Fantasybuch, das nach Harry Potter kam, wird mit dem Helden von Joanne K. Rowling verglichen. Die Engländerin hat die Messlatte hoch gelegt und 2001 schickte sich Eoin Colfer an, diese mit den Fingerspitzen zu berühren.
Sein Buch „Artemis Fowl“ wurde zumeist in einem Atemzug mit Harry Potter genannt, obwohl inhaltlich sehr starke Unterschiede bestehen. Artemis Fowl, der Held der Geschichte, ist nämlich keineswegs ein Zauberlehrling, sondern ein hochintelligenter Zwölfjähriger, der aus einer Familie von Kriminellen abstammt. Auch der jüngste Spross der Fowls hat sich zum Meisterdieb aufgeschwungen, und da er immer noch ein Kind ist, trotz seiner Altklugheit und Gerissenheit, glaubt er fest an das Märchen, dass jede Fee ein Goldtöpfchen in ihrer Behausung hat. Und er glaubt an die unterirdischen Wesen, auch wenn es lange dauert, bis er endlich die Spur einer Fee in Ho-Chi-Minh-Stadt findet. Er reist mit seinem deutlich älteren Bodyguard Butler, der ihm nicht von der Seite weicht, dorthin und schafft es, ihr das Goldene Buch abzupressen, in dem sämtliche Regeln und das Wissen über die Unterirdischen enthalten sind.
Mit dessen Hilfe gelingt es ihm, eine Elfe gefangen zu nehmen, mit deren Hilfe wiederum er die Elfen erpressen will, ihm etwas von ihrem Feengold abzugeben. Doch er hat nicht mit Holly Short, der Geisel und erstem weiblichem Officer der Aufklärungseinheit der Zentralen Untergrund-Polizei, gerechnet, denn diese hat nicht vor, kampflos aufzugeben …
Zentrale Untergrund-Polizei? Richtig gelesen. Elfen und Feen in rosa Rüschenkleidern und mit goldenen Zauberstäben kommen in Colfers Unterirdischen-Welt nicht vor. Stattdessen gibt es Straßen mit dem allmorgendlichen Stau, wenn die Unterirdischen zur Arbeit fliegen. Es gibt Fußgängerzonen im Höhlensystem und technikgewiefte Zentauren, die das gesamte Areal überwachen. Und es gibt die Zentrale Untergrund-Polizei, kurz ZUP, die für Ordnung unter der Erde sorgt und verhindert, dass die Menschen von der Existenz der Unterirdischen erfahren.
Stellenweise erinnert Colfers Welt dezent an die Bank |Gringotts|, aber insgesamt hat der Autor eine sehr eigenständige und sauber gezeichnete Welt ausgetüfftelt, die immer wieder durch ihren Erfindungsreichtum überrascht. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Elfenflügel motorbetrieben sind und es sogar verschiedene Modelle gibt?
Die gleiche Liebe zum Detail wendet Colfer für die Charaktere auf. Sie alle haben eine Hintergrundgeschichte und ihre Eigenheiten. Butler, Artemis‘ Leibwächter, zum Beispiel gehört zur Familie der Butlers, die schon seit Ewigkeiten im Dienst der Familie Fowl steht. Die Behauptung, dass man munkelt, dass das Synonym für Diener auf ebendiese Familie zurückgeht, ist mit einem Augenzwinkern versehen, was man sehr oft in dem Buch findet. Der gute alte englische Humor eben.
Holly Short, um ein weiteres Beispiel zu nennen, ist der erste weibliche Officer der Aufklärungseinheit und somit den sexistischen Angriffen ihres Vorgesetzten Root schutzlos ausgesetzt. Bei Root zeigt sich eine weitere Stärke Colfers. Er weiß zu verhindern, dass seine Charaktere wie lieblose, schwarz-weiße Stereotype wirken, indem er sie mit einem Herz versieht. Natürlich entspricht der Charakter des frauenverachtenden Chefs schon ein wenig dem Klischee, aber Colfer zieht dieses Klischee nicht bis zum Ende durch, sondern erlaubt Root, sich zu verändern. Und so wächst ihm Holly während ihrer Geiselnahme immer mehr ans Herz und letztendlich kommt er nicht umhin, sie zu loben.
Besonderes Augenmerk gilt natürlich dem Helden, Artemis Fowl, der schon aufgrund des Alters Harry Potter zu seiner Konkurrenz zählt. Er wohnt, anders als Harry, jedoch auf der anderen Seite des Gesetzes, und nur weil er noch ein halbes Kind ist, bedeutet das nicht automatisch, dass er nicht gerissen und ziemlich kaltblütig sein könnte. Manchmal beschleicht den Leser natürlich der leise Verdacht, dass der Junge ein wenig zu erwachsen geraten ist, an und für sich hebt sich das aber auf. Zudem hat auch Artemis ein Herz. Er sorgt sich um seine Mutter, die seit dem Verschwinden seines Vaters ein wenig verrückt und einer der Gründe ist, warum er an das Elfengold kommen möchte.
Wenn in einem Buch der Protagonist „der erste artübergreifende Dieb“ (Seite 108) ist, spielt die Geschichte dementsprechend in einem Milieu, in dem mit viel technischem Equipment und Action gehandelt wird. Es ist Colfer gutzuschreiben, dass er es schafft, bei all dem technischen Schnickschnack, den er Artemis zur Verfügung stellt, trotzdem noch auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Das eine oder andere Super-Hightech-aberleiderunrealistische-Handy hat schon so einige Autoren den Kopf gekostet, und auch wenn Colfer es manchmal ein wenig zu viel werden lässt, hält sich diese prekäre Angelegenheit noch im Rahmen.
Die Handlung an und für sich ist spannend gestaltet, hat aber in der Mitte so ihre Längen, während der Leser sehnsüchtig auf den Showdown wartet. Selbiger wird schön ausgestaltet und mit einer überraschenden Wendung versehen, so dass das Buch zu einem gebührenden Abschluss kommt. Allerdings wäre es an einigen Stellen nicht schlecht gewesen, die Action ein wenig zurückzufahren. Sie ist schuld daran, dass der Plot an einigen Stellen auszufransen zu droht.
Trotz dieser wenigen Mängel lässt sich das Buch sehr schön lesen, was dem tollen Schreibstil zu verdanken ist, der ebenfalls einige wenige Parallelen zu Rowling ziehen lässt. Sollte man das überhaupt machen? An und für sich ist der Humor, der „Artemis Fowl“ zugrunde liegt, dieser typisch englische, sehr trockene Humor, und Rowling und Colfer sind nicht die Einzigen, die ihn verwenden. Das lockert das Buch angenehm auf, genau wie der Einsatz von witzigen Metaphern („… genauso aussichtslos wie der [Versuch], eine Kartoffel in einen Fingerhut zu zwängen.“ (Seite 116) und die Hinwendung zum Leser, der humorvoll gesiezt wird.
„Artemis Fowl“ weist sicherlich einige Berührpunkte zu Harry Potter auf, aber Harry Potter weist sicherlich auch einige Berührpunkte zu Büchern auf, die vor ihm geschrieben wurden. Fakt ist, dass Eoin Colfer diese ständigen Vergleiche nicht nötig hat, denn er kann locker mit Rowling mithalten. Sein Schreibstil entfaltet ebenfalls einen mitziehenden Charme, seine Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet und seine Geschichte ist mit Hintergründen, Spannung und einer nachvollziehbaren Handlung aufgepolstert. Der eine oder andere Wehmutstropfen lässt sich nicht verhindern, doch ansonsten spielt Colfer in der Oberliga der Kinderfantasybücher, die sich auch Erwachsene zu Gemüte führen können.
http://www.artemis-fowl.de/
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