Archiv der Kategorie: Kinder- und Jugendliteratur

Andreas Eschbach – Das Marsprojekt

Carl und Elinn Faggan, Ronald Penderton und Ariana DeJones sind die einzigen Kinder der Marssiedlung. Sie sind ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, der künstlichen Intelligenz AI-20 kleine Streiche zu spielen oder ihre Geheimnisse vor den Erwachsenen zu bewahren. Die kleine Siedlung von gut zweihundert Mitgliedern ist annähernd unabhängig von der Erde, nur gewisse Impfstoffe und Medikamente müssen regelmäßig eingeflogen werden. Die „Marskinder“ gelten auf der Erde als Berühmtheiten, auf dem Mars sind sie normale Kinder, die den Verwaltern von der Erde tierisch auf die Nerven gehen. Aber das ist nicht der Grund, warum die Siedlung geschlossen und damit die Erforschung des Mars beendet werden soll. Der Verwalter will unbedingt auf die Erde zurück, und dazu ist ihm jedes Mittel recht – auch wenn es so drastische Maßnahmen wie die Schließung der Siedlung sind. Er benutzt eine mächtige politische Strömung der Erde für seinen Antrag und argumentiert mit den laufenden Kosten der Siedlung. Nach einer Milchmädchenrechnung würde die Erdregierung fünf Milliarden Verrechnungspunkte sparen, und das ist in der momentanen Situation Grund genug, dem Antrag zu entsprechen.

Die Nachricht schlägt unter den Siedlern ein wie eine Bombe, doch die Kinder trifft es am härtesten. Sie haben die Erde nie erlebt, der Mars ist ihre Heimat. Und das Schlimmste: Unter der niedrigen Schwerkraft des Mars hat ein unbehandelter Geburtsdefekt an Elinns Lunge zu einer neuen Entwicklung geführt, wonach das Mädchen auf der Erde nicht mehr lebensfähig ist. Trotzdem soll die Schließung der Siedlung mit allen Mitteln durchgesetzt werden, und nur den Marskindern bietet sich eine winzige Chance, die Sache noch umzubiegen. Außerdem sind da noch die merkwürdigen Artefakte, bisher nur von Elinn gefunden, die daher fest an Marsianer glaubt …

Andreas Eschbach wurde 1959 in Ulm geboren, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitete als Softwareentwickler und gründete eine kleine EDV-Firma, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. 2001 erschien im Arena-Verlag mit „Das Marsprojekt“ sein erstes Jugendbuch. Durch Bestseller wie „Das Jesus-Video“, „Quest“ oder „Eine Billion Dollar“ bekannt geworden, erhielt er nun die Gelegenheit, zum Marsprojekt Fortsetzungen zu schreiben. Im März 2005 erschien mit „Das Marsprojekt – Die blauen Türme“ der zweite Band der Reihe.

Offensichtlich kann Eschbach auch Jugendromane schreiben, denn dass „Das Marsprojekt“ einer ist, erkennt man auf den ersten Seiten, als Elinn in Todesgefahr gerät und die künstliche Intelligenz des Stützpunkts „AI-20“ als erstes ihren Bruder verständigt, ehe sie auf seine Anweisung richtig Alarm schlägt. Die Kinder stehen im Vordergrund, werden im Zweifelsfall von der KI unterstützt und gegen die Erwachsenen verteidigt – was Eschbach so erklärt, dass eine künstliche Intelligenz durch ihre Lernfähigkeit einige Eigenarten entwickeln kann, wenn man sie nicht regelmäßig neu kalibriert. Und das wurde bei AI-20 seit der Installation nicht getan. Uns fällt natürlich sofort die Bezeichnung „AI“ für eine KI auf – Artificial Intelligence. Ob sich hinter der 20 mehr verbirgt, bleibt ungewiss.

Die Kinder sind so charakterisiert, dass sich junge Leser schnell mit ihnen identifizieren können, jedes hat eigene Fähigkeiten und Eigenarten. Der jüngste von ihnen, Ronny, scheint ständig mit Flugsimulatoren zu spielen und meint, fast jedes fliegende Objekt der Menschheit steuern zu können. Später stellt sich heraus, dass diese Simulatoren jene Programme sind, mit denen auch die Astronauten der Erde trainieren. Ronny ist also trotz seiner Jugend ein wahrer Flugkünstler. Elinn ist ein ruhiges, etwas träumerisches Mädchen, das von seinem verstorbenen Vater oft lange Geschichten über die Marsianer gehört hat und nun von ihrer Existenz überzeugt ist. Sie ist die einzige, die diese seltsamen Artefakte aus „verunreinigtem Silizium“ findet, denn sie sieht oft ein seltsames Leuchten, mit dem sie ihrer Meinung nach die Marsianer auf sich aufmerksam machen wollen. An dem Ursprung des Leuchtens liegt immer ein kleines Stück des anscheinend vulkanischen Stoffes, der aber merkwürdigerweise sonst nicht zu finden ist. Aber auf ein Kind hört man ja nicht.

Ariana ist die Tochter des Siedlungsarztes und etwas zickig. Sie redet immer davon, wie wenig los auf dem Mars doch ist und wie gern sie zurück zur Erde will, um endlich |Jungs| kennen zu lernen. Sie ist eine Art von Gegenpart zu Carl, der als Ältester oft mit Vorschlägen aufwartet, die durch ihr Misstrauen hinausgezögert und durchdacht werden. Carl ist für einen Marsgeborenen sehr fit und kräftig, denn er will auf der Erde studieren und bei der Erforschung des Sonnensystems mitwirken, und dazu braucht man eine Muskulatur, um unter Erdschwerkraft leben zu können. Trotzdem trifft es ihn nicht weniger hart, als die Siedlung geschlossen werden soll, denn der Mars ist für ihn die wahre Heimat und er macht sich natürlich Sorgen um seine Schwester Elinn, die in ihre Idee von den Marsianern vernarrt ist und wegen des Defekts an der Lunge den Mars nicht verlassen kann.

Carl ist es auch, der die wohlprogrammierte KI zu irrationalen Handlungen bringt. Es ist eine philosophische Frage, die er ihr vorsetzt: Wenn die Siedlung geschlossen wird, wird auch AI-20 abgeschaltet. Was wäre, wenn es ein Aus für immer ist? Was bedeutet das für eine eigensinnige KI?

Der Roman ist auch für Erwachsene sehr schön zu lesen, gerade die sozialkritischen und philosophischen Fragen sind eher an sie gerichtet als an den jugendlichen Leser, für den diese Fragen aber eine Aufforderung zum Denken und Sich-Gedanken-Machen sind. Hintergründig und zurückhaltend, nicht mit moralisch erhobenem Zeigefinger, was ein Aspekt von Eschbachs Qualität ist: Er vermittelt seine Ansichten nicht plakativ, sondern versucht sie tröpfchenweise in das Bewusstsein des Lesers einzubringen.

An ein paar Stellen hat man das Gefühl, dass hier gekürzt werden musste; so wirken manchmal die Charakterisierungen der Kinder wie copy&paste-Übernahmen aus einem Datenblatt, oder die am Ende gedrängte Erzählung um die Aktivierung der „Blauen Türme“ … Vielleicht hat Eschbach hier aber auch schon auf einen Nachfolgeroman abgezielt. Und für die Marskinder hat er noch eine schockierende Überraschung parat: Der Sohn des irdischen Statthalters (ihres Gegenspielers) kommt zum Mars!
Insgesamt macht die Lektüre Spaß und Lust auf den zweiten Teil.

Taschenbuch, 304 Seiten

Der Autor vergibt: (3.5/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (9 Stimmen, Durchschnitt: 1,22 von 5)

 

Sedgwick, Marcus – Buch der toten Tage, Das

Boy, der Waisenjunge ohne Namen, assistiert seit vielen Jahren dem übellaunigen Illusionisten Valerian, in dessen Anwesen er eine winzige Kammer bewohnt und für den er auch außerhalb der Theaterarbeit rund um die Uhr im Dienst ist. Dessen missmutiges Temperament wird in letzter Zeit nur noch von seiner gedanklichen Abwesenheit und Unlust an der Bühnenarbeit übertroffen. Etwas bereitet dem alten Trickkünstler deutliche Sorgen, und da sein Herr eher jemand ist, der zum Frühstück rostige Eisennägel verspeisen könnte, muss der Quell dieses Übels etwas wahrhaft Schreckliches sein, mutmaßt Boy.

Als Valerian seinen vierzehnjährigen Leibsklaven – anders lässt es sich kaum betrachten – zwecks Informationsbeschaffung zu einem Agenten entsendet, dieser jedoch vor Boys Augen auf recht unheimliche Weise ermordet wird, beginnt einige wilde Aufregung in das triste und regengraue Dasein des Jungen Einzug zu halten oder besser gesagt über ihn hinwegzurollen. Auch der Theaterdirektor wird in der gleichen Nacht ums Leben gebracht und von Willow gefunden, einem Mädchen in Boys Alter, das des Jungen Schicksal in ähnlicher Weise als Bedienstete der exzentrischen Sängerin Madame Beauchance teilt. Willow und Boy geraten unter Mordverdacht und stante pede ins Gefängnis. Valerian befreit die beiden, verwendet dabei allerdings einen „Trick“, der in Boy den Verdacht aufkeimen lässt, dass die Magie des Alten wohl doch nicht nur aus Taschenspielereien besteht, sondern mehr dahinter steckt. Zudem: Warum sollte sein unangenehmer Herr und Meister ihn aus dieser misslichen Lage befreien, wo er sich doch sonst kein Deut um den Jungen scherrt? Etwas ist wohl faul im Staate Dänemark. Was sich da zusammenbraut, beunruhigt Valerian und damit Boy zutiefst, hat etwas mit dem Näherrücken der Silvesternacht zu tun, mit einem lang zurückliegenden dämonischen Pakt und mit dem mysteriösen „Buch der toten Tage“, hinter dem der Bühnenmagier ohne Rücksicht auf Verluste her ist.

So sind die vier Tage vor dem Jahreswechsel angefüllt mit einer wilden, atem- und schlaflosen Jagd nach diesem Buch. Friedhöfe, Verliese, Stadtwächter, ein verrückter Präparator, ein genialer Wissenschaftler und obskure Erfindungen, eine alte Kirche, vergessene Kanäle unter der Stadt und vielerlei Absonderliches mehr erwarten unsere Helden wider Willen in dem nun folgenden Abenteuer.

_Die Zeit der toten Tage_

Wintersonnenwende, Mittwinter, das Julfest, die Weihnachtszeit, Jahreswechsel – dieser Jahresabschnitt war in unserem Kulturraum bereits seit „heidnischen“ Zeiten von Tagen des Friedens, der Ruhe und der Familie geprägt. Alles fließt langsamer und befindet sich in einer Art von Zwischenstadium, von einem erwartungsvollen Zwielicht durchwirkt. Marcus Sedgwick beschreibt „die sonderbar stille Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr“ als „tote Tage – Tage, an denen die Türen zwischen unserer Welt und jener unsichtbaren, die gleich darunter liegt, geöffnet sind.“

Diese Stimmung und durchaus düstere Bilder waren für den früheren Buchhändler und Lektor, der nun seit 1994 Jugendromane verfasst und in England zu den Großen seiner Zunft zählt, der Ausgangspunkt für die gar abenteuerliche und gotisch-düstere Erzählung, die uns nun der |Hanser|-Verlag in deutscher Übersetzung angedeihen lässt. Inspiriert von Orten wie den Pariser und Krakauer Friedhöfen, Katakomben und Bolognas geheimnisvoller Kanalisation, entwirft Segwick das stimmungsvolle Bild einer fiktiven, organisch wirkenden Metropole, die zeitlich in einem Übergang zwischen Aberglaube und Magie auf der einen Seite und ersten Wissenschaften und Experimenten auf der anderen angesiedelt ist. Damit greift die gewählte Epoche die Ausgangsidee der toten Tage auch bildhaft auf. Alles bewegt sich in einem Zwischenraum, einem Übergang, ist zeitlos und schwer greifbar.

_Tage ohne Atempause_

In dieser Umgebung lässt der Autor ein wahres Gewitter an Ereignissen auf den jungen (oder jung gebliebenen) Leser einprasseln, dass dieser aus dem Staunen nicht mehr herauskommen mag. Die Kapiteleinteilung ist kurz und knackig, die Szenenwechsel erfolgen rasch. Verschnaufpausen gibt es kaum; die Geschichte nimmt uns in sich auf und entlässt uns erst wieder in die Wirklichkeit, wenn das letzte Rätsel gelüftet und die finalen Gefahren überstanden sind. Segwick ist dabei keineswegs zimperlich – für einen jugendlichen Leser mag so manche Situation und Begebenheit für wahrhaft schlaflose Nächte sorgen. So ist auch die Erzählweise ernsthaft und unheimlich genug, den erwachsenen Leser ausreichend zu fesseln. Humorige Elemente sucht man dagegen vergebens.

_Was dabei auf der Strecke bleibt_

Angesichts des Erzähltempos und der handlungsorientierten Geschichte bleibt allerdings einiges auf der Strecke. Zunächst hält der Autor sich sehr zurück, was atmosphärische Beschreibungen und Eindrücke der Umgebung angeht. Das rechte Bild will sich nur aufbauen, wenn man mit Lokalitäten, wie sie oben erwähnt wurden, durch eigene oder filmische Erfahrungen etwas vertraut ist. Ob man so viel stimmungsvolle Kopfarbeit von einem jugendlichen Leserkreis bereits freiweg erwarten kann, ist vielleicht bezweifelbar. Auch die Charakterausarbeitungen beschränken sich auf ein Minimum. Genauere Vorstellungen bekommt man nur von Valerian und Boy, aber auch sie bleiben schablonenhaft; ziemlich im luftleeren Raum existiert dagegen bereits Willow, deren Wesenszüge und Motivationen weitgehend unklar bleiben. Irgendwann kommt es beispielsweise zu wohl kaum vermeidbaren romantischen Aufwallungen gegenüber Boy, aber warum das so ist, wird nicht nachvollziehbar. Willow liebt Boy mit einem Schlage über alles und würde ihr Leben für ihn geben, und das müssen wir so hinnehmen, scheint’s. In dieser Art gäbe es noch einiges bei Randfiguren zu erwähnen, doch will ich es hierbei belassen.

Bei der Gelegenheit sei auch noch ein Wort zur Übersetzung verloren. Diese wirkt stellenweise recht unbeholfen und lässt sprachliches Feingefühl vermissen. Ein vergleichender Blick ins Original gibt seitenweise Anlass, sich zu wundern. Regional gefärbte Wendungen irritieren zusätzlich. Zwei Beispiele dazu, herausgegriffen von Seite 108: „Es kam sie alle hart an.“, „Willow war es fast schlecht geworden …“. Unsicherheiten bei den neuen Rechtschreibregelungen kommen hinzu. (Bleiben wir auf Seite 108: „zurück führen“ wird auch nach der Reform „zurückführen“ geschrieben.) In der Summe wird der Lesegenuss durch diese Schwachpunkte durchaus spürbar getrübt.

_… und was vom Tage übrig blieb_

Detail- und Feinarbeiten darf man letztlich im „Buch der toten Tage“ nicht erwarten, dafür aber eine spannende und dramaturgisch geschickt aufgebaute Abenteuergeschichte mit unheimlicher und düsterer Grundstimmung. Das, was man in schöner Aufmachung zwischen den Buchdeckeln präsentiert bekommt, weiß bis auf die deutsche Bearbeitung zu gefallen, aber zu einem wirklich erinnerungswürdigen Leseerlebnis fehlen noch einige handwerkliche Ingredienzien, wie eine glaubhafte Charakterzeichnung oder stimmungsvoll ausgearbeitete Bilder, die nicht zu viel der Fantasiearbeit des Lesers überlassen. Dennoch: Das Reinschmökern in verregneter und frostiger Witterungslage lohnt allemal und verspricht ein kurzweiliges Lesevergnügen, wenn man die literarische Erwartungshaltung nicht zu hoch ansetzt.

Hennig von Lange, Alexa – Erste Liebe

Alexa Hennig von Lange legt mit „Erste Liebe“ die Fortsetzung ihres Erfolgsromans [„Ich habe einfach Glück“ 987 aus dem Jahr 2002 vor. Die 1973 geborene Hannoveranerin zählt seit der Veröffentlichung ihres Debüts „Relax“ (1997) zu den erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.
Desweiteren erschienen „Ich bin’s“, „Mai 3D“, [„Woher ich komme“ 962 und ihr aktuelles Kinder- und Jugendbuch „Mira reichts“.
Für „Ich habe einfach Glück“ erhielt sie den Jugendliteraturpreis 2002. „Erste Liebe“ erschien im September 2004.

Irgendwann in den 90ern trifft man Lelle und ihre chaotische Familie aus „Ich habe einfach Glück“ wieder. Inzwischen hat sich einiges getan, zwei Jahre sind vergangen, Lelle ist jetzt 17 und auf Rat ihrer Therapeutin von zu Hause weggezogen. Jetzt lebt sie in einem kleinen Zimmer, das sich an das Büro des Vaters anschließt.
Ihr erster Freund Arthur ist weg, der baut jetzt in Simbabwe Lehmhäuser und lächelt als groß kopiertes Foto von der Wand auf Lelle herab. Natürlich macht sie das etwas wehmütig, doch Lelle ist tapfer, so gibt sie sich zumindest, obwohl die Tränen des Öfteren mal hervorschießen. Aber es ist Besserung in Sicht: Auf der Party ihrer sonst langweiligen Freundin Tessi lernt sie den Rocker Marcel kennen und verliebt sich augenblicklich in ihn.

In ihrer Familie ist noch alles beim Alten, die ältere Schwester Gotsch ist eifersüchtig auf Lelle, weil die das Zimmer bekommen hat und nicht sie. Sie wechselt auch immer noch ihre Liebschaften wie ihre Unterwäsche und mit Selbstmord droht sie auch noch, wenn sie sich wie so oft ungerecht behandelt und ungeliebt fühlt. Der Vater geht Konfrontationen nach wie vor aus dem Weg und wenn sich das nicht verhindern lässt, bekommt er einen cholerischen Anfall. Die Mutter versucht vergeblich, das Ganze zusammenzuhalten, scheint sich in der Zukunft aber schon ohne ihren Berni zu sehen. Die Konfrontation scheint sie anders als in „Ich habe einfach Glück“ jedenfalls nicht mehr zu scheuen.

„Erste Liebe“ ist ein Buch, das zu Beginn vor allem von zwei Dingen lebt: Zum einen die Soap-Frage: Wie ging es nach „Ich habe einfach Glück“ weiter?, und zum anderen durch die gewohnt flüssige, leichte und authentische Jugendsprache, mit der die Autorin ihren Charakteren Leben einhaucht. Die sind dem Leser auch inzwischen ans Herz gewachsen, da „Erste Liebe“ die Trilogie („Lelle“, „Ich habe einfach Glück“) um Lelle vorerst abschließt. Demzufolge kennt der Leser die Protagonistin schon sehr gut, was bei der Entwicklung der Story natürlich viel Zeit spart. Trotzdem macht Hennig von Lange den Einstieg für Leser, die die ersten beiden Teile nicht kennen, leicht: Lelle gewährt ab und an Einblicke in ihre Vergangenheit, indem sie von einschneidenden Erlebnissen ihrer Jugend berichtet oder Beispiele für das Fehlverhalten ihrer Familie anführt. Für den mit dem Stoff vertrauten Leser kommen diese Punkte alles andere als ungelegen, frischen sie die Erinnerung doch noch mal auf und nehmen dabei kaum Platz weg.

Trotzdem hat der Roman auch seine Schwächen, die vor allem in der Handlung liegen, in der Lelle den Leser, den sie in ihrer lockeren Art mit „Leute“ auch anspricht, hineinzuziehen versucht. Die Familienproblematik ist aus den vorhergehenden Romanen schon bestens bekannt und gibt nicht mehr so viel Neues her. Zur Geschichte kommen lediglich zwei neue Aspekte hinzu: Zum einen das langsame Abnabeln von der immer präsenten Familie, der Anfang vom Abschied der Kindheit. Da Lelle nun aber doch noch täglich von ihren Eltern umgeben ist und sie mit 17 noch gar nicht so alt ist, kommen diese Aspekte etwas zu kurz. Aber da ist ja noch die „Erste Liebe“ oder vielmehr die zweite, Marcel. Der bringt einen völlig neuen Punkt mit in Lelles Leben: Den ersten Sex und den daraus folgenden inneren Konflikt, da sie ja eigentlich noch mit Arthur zusammen ist.

Leider hält sich Alexa Hennig von Lange mit diesen Dingen ebenfalls nicht lange auf und so ist nach drei Tagen Erzählzeit der Roman nach 158 Seiten beendet und wirkt dadurch viel zu flüchtig, was durch die lockere Erzählsprache nur begünstigt wird. Trotzdem bleibt „Erste Liebe“ ein sehr unterhaltsamer Roman, der den Zauber der Jugend für kurze Zeit aufleben lässt.

Hennig von Lange, Alexa – Ich habe einfach Glück

Alexa ist Hannoveranin, im Jahre 1973 geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1997, die Rede ist vom Bestseller „Relax“. Danach folgten die mehr oder weniger guten Romane „Mai 3D“ und „Ich bin’s“. „Ich habe einfach Glück“ erschien 2002 und wurde mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
Wir kennen Alexa aber auch aus dem TV. So moderierte sie eine lange Zeit die Kindersendung „Bim Bam Bino“ und tauchte schon einige Male bei Harald Schmidt auf. Wer diese Auftritte gesehen hat, wird Alexa kennen, da es mit ihr doch sehr lustig und skandalös zuging.
Mittlerweile ist Alexa übrigens mit Autor Joachim Bessing verheiratet und Mutter zweier Kinder.

_Über Magersucht, Sexentzug und Neurosen_

Alexa Hennig von Lange nimmt uns in „Ich habe einfach Glück“ mit in eine deutsche Vorstadtidylle. Wir lernen eine nach außen hin völlig normale und intakte Familie kennen. Protagonistin und Ich- Erzählerin ist die 15 Jahre junge Lelle. Ihre Schwester ist Gotsch, steht nach Aussage ihrer kleinen Schwester „auf rumbumsen“ und grenzt sich weitgehend aus der Familie aus. Sie fühlt sich ungeliebt, zertrümmert gerne mal ihre Geige und droht der Familie mit Selbstmord. Außerdem hasst sie ihren Vater, der sich geschickt aus allem raushält und nach der Arbeit schnell im Keller verschwindet, um Schuhe zu putzen. Die Mutter macht in dieser neurotischen Familie keine Ausnahme. Sie hat panische Angst vor Bakterien, zwingt ihre Kinder sich umzuziehen, wenn sie von draußen ins Haus kommen, da die Kleidung von Bakterien verseucht sein könnte. Auch sonst hat sie größtenteils Angst. Angst, dass sich Gotsch umbringt oder einfach abhaut, was sie schön öfters getan hat, oder sie verfolgt Lelle bis an die Klotür aus Angst, deren Magersucht könnte zur Brechsucht werden. Seit Kurzem verspürt sie auch immer ein Stechen in der linken Brust, in der Hoffnung, die Kinder würden weniger anstrengend sein, wenn sie mit Herzinfarkt droht.
Einen Handlungsstrang in diesem Minenfeld zu kreieren, ist nicht schwer, und so bringt Hennig von Lange den von den von Eltern als „Stricher“ bezeichneten jugendlichen Nachbarn Arthur mit ins Spiel und lässt Gotsch ohne Nachricht verschwinden. Lelle nimmt die Suche gemeinsam mit ihrem Schwarm Arthur auf.

_Macht das Lesen dieses Buches glücklich?_

Alexa Hennig von Lange schildert hier eine eigentlich brisante Situation aus den Augen eines 15-jährigen Mädchens. Natürlich passiert das in der Sprache der Jugend, völlig unverblümt und zum Teil auch unreflektiert. Deshalb könnte dem einen oder anderen der Sinn des Romans abhanden kommen und dieser einfach als Unterhaltungslektüre abgetan werden. Hinter dem Ganzen verbirgt sich natürlich ein tieferer Sinn. So verhindert Lelle durch ihre Essstörung das Frauwerden, abgemagert ist sie, der körperliche Reifeprozess verzögert. Zudem äußert sie öfters den Wunsch, so dünn zu werden, dass sie einfach verschwindet. Sicherlich um dem Kontrollzwang der überführsorglichen Mutter zu entkommen. Die läuft dem Kind ständig hinterher und liegt ihm mit den Worten „Iss was, sonst fällst du noch tot um!“ ständig in den Ohren. Sie setzt sich mit dem Kind nicht normal auseinander, sucht kein richtiges Gespräch. Der Vater bekommt davon natürlich nichts mit, wenn er nach der Arbeit gleich in den Keller flüchtet, „Mama“ beschwert sich darüber natürlich: „Papa will nicht mehr mit mir Kuscheln“. Man macht sich Gedanken, was die anderen aus der Nachbarschaft über sie denken, der Schein muss gewahrt werden. So ist es geradezu ironisch, dass der Schwarm von Lelle, Arthur, als Asi und Chaot abgetan wird. Sind es doch die Verhältnisse in der eigenen Familie, die chaotisch sind. Völlig zerstört ist da Verhältnis zwischen Gotsch, die sich schon völlig von der Familie entfremdet hat und in Wutausbrüchen auch gerne mal was kaputtschlägt. Mit ihrem Vater hat sie gar nichts am Hut. In einem Brief wollte sie ihm die Meinung sagen, der hat den Brief ungeöffnet weggeschmissen. Dies ist bezeichnend, es finden keine anständigen Gespräche statt, immer nur sehr oberflächlich. Mit dem Vater gibt es keine Kommunikation, die Mutter nervt die Kinder mit ihren Neurosen und den Bemühungen, nach außen hin als heile Familie zu wirken.
Eigentlich ist das alles doch ziemlich tragisch, trotzdem ist die Komik allgegenwärtig, und so ist die Lektüre von „Ich habe einfach Glück“ herrlich unterhaltsam, lustig, aber auch spannend. Seinen Zweck erfüllt der Roman, wenn man am Ende feststellt, dass alle Familien ihren ganz eigenen Knall haben und alles gut ist, solange sich alle lieb haben.

Stroud, Jonathan – Bartimäus – Das Amulett von Samarkand

In einer Welt, in der Zauberer die Regierung bilden und ein zwei Klassensystem regelt, wer zu der privilegierten magischen Schicht gehört, wächst der junge Nathanael auf und wird – wie es sich gehört – von einem Magier als Lehrling aufgenommen. Bald merkt der Junge, dass sein Talent weitaus größer ist als sein altbackener vorsichtiger Lehrmeister vermutet, ja sogar, dass er in jungen Jahren schon seinem Meister voraus ist. Heimlich studiert er die verbotenen Werke und alle Versuche des Meisters, ihn durch Angst und Drohungen einzuschüchtern, scheitern kläglich. Der spießige und kleinbürgerliche Zaubermeister ist ein Beamter von niedrigem Stand, der sich bei den hohen Tieren der Regierung einschmeicheln will und mehr durch Gefälligkeiten und Kriecherei Karriere macht als durch magisches Talent. Das wird dem Jungen spätestens klar, als ein besonders fieser hochrangiger Besucher sich über ihn lustig macht. Blind vor Wut und Enttäuschung will er sich rächen, beschwört ein paar nervige Kleinstdämonen, doch die sind keine Gegner für den fiesen Magier. Der wiederum ist extrem sauer und fährt mit dem Kind Schlitten, während sein Meister zuschaut. Nun ist der Hass in dem Zauberlehrling geboren und der Racheplan steht schnell fest. Doch dazu braucht es einen etwas mächtigeren Dämon. Flugs macht Nathanael sich daran und beschwört den Dschinn Bartimäus.

Bartimäus hätte natürlich vieles lieber getan als einem rotznäsigen Lümmel von Zauberlehrling zu Diensten zu sein. Mit allen Mitteln versucht er sich der Beschwörung zu erwehren, doch zwecklos. Er muss gehorchen. Dabei ist die Aufgabe alles andere als einfach. Doch Bartimäus ist zwar nicht der mächtigste Dämon, dafür einer der listigsten. Und so gelingt es ihm auch, den Plan des Jungen auszuführen. Aber wenn der Dämon glaubt, damit hätte es sich auch, dann irrt er sich. Denn ohne es zu wissen, hat sein Beschwörer einen Plan der finstersten Sorte aufgedeckt und die mächtigen Magier, die dahinter stehen, sind ziemlich sauer. Und so stecken Bartimäus und Nathanael in echten Schwierigkeiten.

Der Roman gehört zu einer kleinen Reihe von Büchern, die als Debüt des Schriftstellers Jonathan Stroud in den Staaten Furore gemacht haben. Bereits kurz nach dem Erscheinen wurde das erste Buch für 20 Länder lizenziert. Dabei ist jedoch die Nähe zu einer anderen Erfolgsserie wohl eher von Bedeutung als eine ungeheure schriftstellerische Leistung, die ich hier nur bedingt feststellen kann.

Üblicherweise verzichtet ein Kritiker auf einen Vergleich. Doch da der Vertrieb des Buches sich daran orientiert und zugleich eine Menge tatsächlicher Parallelen existieren, muss man den Roman in Bezug zu der Reihe „Harry Potter“ sehen. Vertrieblich ist „Bartimäus“ sicherlich das Buch, welches überhaupt als Nachfolger des Fantasy-Jugend-Bestsellers gesehen werden kann. Wir haben England als Lokation, einen jungen Zauberlehrling und fiese Magier als Gegner. Das war es allerdings auch. Einem Vertrieb mag das reichen, doch einem Kritiker nicht.

„Bartimäus“ ist ein rundum eigenständiges Buch, das nicht nur besser geschrieben, sondern auch tiefgehender als der erste |Harry Potter|-Band ist. In dem Buch findet man alles, was ein spannendes Werk ausmacht und zudem noch eine Menge Gesellschaftskritik und Nachdenkenswertes. Der Autor nutzt die Außensicht des Dämons auf die Welt der Menschen, um kritisches Gedankengut zu verbreiten. Während die „Muggles“ bei Roawling als Menschen zweiter Klasse liebevoll akzeptiert werden, bricht der Dämon Bartimäus eine Lanze für die magisch Unbegabten. Nathanael argumentiert wie ein kleiner Rassist für das faschistische Regime der Magier über die Menschheit. Durchgehend schildert der Roman aus zwei abwechselnden Perspektiven nicht nur das Abenteuer, sondern auch die alternative Welt. So wird dem Leser nicht nur die Sicht des überzeugten Zauberlehrlings beigebracht, man erhält zusätzlich noch die fast wortwörtliche Vogelperspektive des Dämons.

Faszinierend ist dabei noch der schriftstellerische Kniff, in zwei unterschiedlichen Zeitebenen zu beginnen, die sich passend zum Spannungshöhepunkt treffen. Ab dieser Eskalationsstufe nimmt der Roman dermaßen an Fahrt auf, dass ein Weglegen des Buches zur Qual wird.

„Bartimäus“ ist sicherlich kein literarisch wertvolles Vollkornbrötchen, sondern eher ein luftig leichtes Weißbrot; schnell konsumiert mit mangelndem Sättigungsgefühl. Dementsprechend bekommt man Hunger nach mehr und glücklicherweise liefern Autor und Verlag noch weiteres Lesefutter. Wer sich nicht vor der Sucht nach spannenden Büchern fürchtet, der sollte hier zugreifen.

_Jens Peter Kleinau (jpk)_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Unterstützung und Genehmigung von [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht, dem großen deutschsprachigen Onlinemagazin für Fantasy, Science-Fiction, Horror und Rollenspiele.|

Schwindt, Peter – Justin Time – Zeitsprung

Die Eltern von Justin Time verschwanden vor einigen Jahren bei einem Zeitreiseexperiment spurlos, als Justin noch klein war. Als der Junge in den Sommerferien des Jahres 2385 im Internat die Einladung seines Onkels erhält, ihn zu besuchen, ist Justin sehr froh, denn bis dato hatte sein Onkel ihn nie eingeladen und die Ferien allein im Internat waren immer langweilig gewesen.

Doch bei seinem Onkel angekommen, stellt Justin fest, dass dieser ihn scheinbar gar nicht eingeladen hat. Im Gegenteil ist der Onkel damit beschäftigt, eine eigene Zeitreiseagentur aufzubauen. Gerade hat er den ersten Reisenden in die Vergangenheit geschickt, als alles schief zu gehen scheint. Der Reisende kommt in der falschen Zeit und am falschen Ort an, verursacht dort zudem noch einen verhängnisvollen Unfall, der Charles Darwin, den Entdecker der Evolutionstheorie, töten würde, bevor dieser seine Schriften veröffentlichen konnte.

Leider reicht die Energie nur dazu aus, eine leichtgewichtige und schmächtige Person in die Vergangenheit zu schicken, um den Fehler zu korrigieren. Da Justin als einziger diese Kriterien erfüllt, reist er zurück in die Zeit, um die Abweichung zu beheben …

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das vorliegende Buch ist der größte Schwachsinn, der dem Rezensenten in den letzten Jahren unter die Augen gekommen ist (was bei meinem hohen jährlichen „Leseaufkommen“ wirklich etwas heißen will!).

Die Geschichte wimmelt vor Peinlichkeiten, Löchern und Unmöglichkeiten. Am Ende der Geschichte bedankt sich Autor Peter Schwindt bei allen Leuten, die sich durch die verschiedenen Manuskriptfassungen gekämpft hatten. Leider scheint niemand mit auch nur leidlicher Kompetenz unter den Lektoren gewesen zu sein und der Leser fragt sich händeringend, wie dem renommierten Loewe-Verlag ein dermaßen missratenes Machwerk unterkommen konnte.

Dabei hat der Verlag sich offensichtlich Mühe gegeben, hat dem Buch für die Presse noch ein kleines Extramäppchen beigefügt, in der, zwar wenig umfassend, aber doch leidlich kenntnisreich, über Zeitreisetheorien oder literarische bzw. filmische Vorlagen referiert wird.

Dies verschlimmert die unsägliche Tat der Veröffentlichung eines dermaßen unausgegorenen Werkes aber nur noch, kann man entschuldigend für den Verlag deshalb nicht anführen, man habe von der Zeitreisethematik nie irgendwelche Ahnung gehabt.

„Justin Time – Zeitsprung“ zeigt dagegen auf, dass oberflächlicher Konsum einiger Fernsehserien (der Autor ist Jahrgang 1964 und berichtet, durch „Star Trek“, „The Avengers“ und ähnliche Fernsehserien sozialisiert worden zu sein) nicht reicht, um sich auch nur ansatzweise kompetent zu zeigen bei einem dermaßen komplexen Thema, wie es Zeitparadoxa darstellen.

Der Verdruß beginnt schon mit der Ausgangslage von Justins erstem Zeitabenteuer. Dass der Autor hier eine fadenscheinige Begründung heranzieht, warum ausgerechnet der Junge reisen muss, mag man dem unbedarften Peter Schwindt noch nachsehen. Auch die blödsinnigen Namen der Protagonisten (heißt doch der Held und seine Familie ausgerechnet „Zeit“ mit Nachnamen, der Name selbst ist ein Wortspielchen zu „just in time“ und der Assistent hört auf den sinnreichen Namen Rupert Bontempi!) sind wohl eher Geschmackssache.

Absoluter und eindeutiger Unfug ist dagegen die Entsendung eines grenzdebilen Touristen in die Vergangenheit, ohne die Methode vorher ausreichend getestet zu haben und ohne Absicherungen gegen Manipulationen in der Zeitlinie getroffen zu haben. Zum Schreien dämlich wird es dann jedoch, als der trottelige Tourist Charles Darwin durch eine unbedachte Tat tötet. Dies wird auf völlig unerklärliche Weise in der Zukunft registriert, woraufhin man sofort korrigierend eingreifen kann. Wie soll dies funktionieren, Herr Schwindt? Wenn jemand in der Vergangenheit etwas Gravierendes verändert, würden alle Protagonisten mit dieser veränderten Vergangenheit aufwachsen, ohne diese Abweichung auch nur entfernt registrieren zu können! Genau dies schildert z. B. der SF-Autor R. A. Lafferty in seiner genialen Kurzgeschichte „Thus we frustrate Charlemagne“ (dt. „So frustrieren wir Karl den Großen“), in der mehrfach Änderungen der Zeitlinie vorgenommen werden, die Protagonisten aber immer wieder von Neuem der festen Überzeugung sind, sie seien die ersten, die diesen Versuch unternähmen.

In dem SF-TV-Film „Zeitreise in die Katastrophe“ bedient man sich deshalb eines Zeitabschirmfeldes, welches zumindest scheinbar einige Leute in einem zukünftigen Bunker sich an die ursprüngliche Vergangenheit erinnern lässt, so dass man bei Abweichungen in der Zeitlinie rekorrigierend in der Vergangenheit eingreifen kann. In diesem Film (der inhaltlich verdammt an das vorliegende Buch erinnert, jedoch eindeutig niveauvoller ausfällt!) ist es eine kriminelle Organisation in der Zukunft, die illegal Zeitreisen zu berühmten Katastrophenvorfällen anbietet und die durch ihr Einwirken die Zeitlinie schließlich irreparabel beschädigt.

Doch was hat sich der Autor Peter Schwindt in seiner dürftigen Hervorbringung zurechtgebastelt: Ein unerprobter, aber staatlich genehmigter Zeittourist der völlig unbedarften Art, der in der Vergangenheit wütet wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, ohne dass die Änderungen sofort wirksam werden.

Welch merkwürdige surreale Zeittheorie mag im Kopf des Autors dabei herumspuken? Herr Schwindt, geben Sie es zu, Sie haben keine Ahnung! Denn der frühe Tod Charles Darwins würde alle Protagonisten mit dem Wissen aufwachsen lassen, dass ein anderer zu einem späteren Zeitpunkt die Evolutionstheorie begründet hat! Der Name Charles Darwin wäre einfach aus den Gechichtsbüchern getilgt gewesen, weil er nämlich nie drin war, und niemand würde sich mehr an ihn erinnern, vor allem nicht Ihr schlauer Protagonist und seine Helfer!

Auch über die Eigenschaft der Zeitmaschine, die Zeitreisenden nicht nur zeitlich, sondern offensichtlich auch örtlich zu versetzen (landen der Tourist und Justin doch irgendwo im Atlantik auf einem Expeditionsschiff, der Touri dabei sensationell viele Meter über dem Boden im Krähennest, einfach so!), verliert der Autor weder eine Silbe noch einen einzigen Gedanken.

Nebenbei führt der Autor zudem die Motivation der Protagonisten aus, sich an Zeitreisen zu beteiligen. Dabei ist dann Folgendes zu lesen (S. 54 unten): „Wenn er ehrlich war, konnte er verstehen, warum seine Eltern an diesem Projekt gearbeitet hatten. Die Welt des Jahres 2385 war alles andere als ein spannender Ort. Die Luft war sauber und roch nach Veilchen. Naturkatastrophen hatte die Wissenschaft seit der Erfindung des Terraforming einfach abgeschafft. Innerhalb weniger Minuten konnte man an jeden Ort der Welt reisen. Die Meere waren restlos erforscht, der Weltraum erobert. (sic!) Kurz: Es gab keine Überraschungen mehr, die die Menschen aus ihrer betulichen Ruhe reißen konnten …“

Wie, Herr Schwindt? Der Weltraum ist erobert? Vollständig? All die Milliarden und Abermilliarden Sonnensysteme, welche alleine in unserer Milchstraße zu finden sind, und zudem alle Abermilliarden von fremden Galaxien auch? Haben Sie überhaupt auch nur annähernd eine Vorstellung davon, wie groß das Universum wirklich ist (was natürlich kein Mensch je wirklich begreifen kann!)? Keine Überraschungen mehr? In welcher hohlen Luftblase seines Kopfes lebt der Autor eigentlich? Peinlicher geht es aber wirklich gar nicht mehr!!!

Abgesehen von diesen gravierenden, völlig irreparablen und katastrophalen formalen Fehlern überzeugt das Buch auch bezüglich der Charakterisierungen nicht. Die Figur des Justin Time ist so flach wie eine Briefmarke, nicht einmal sein Alter teilt der Autor dem Leser einigermaßen nachvollziehbar mit (man erfährt nur, er sei seit sieben Jahren im gymnasialen Internat; ist er damit in der siebten Klasse oder in der elften nach vier Jahren Grundschule?).

Auch sonst bleiben die Protagonisten und deren Umgebung blass.

Justin, obwohl als Sohn zweier berühmter Forscher und als Gymnasiast doch hoffentlich wenigstens durchschnittlich intelligent, entblödet sich zudem nicht, kaum bei Charles Darwin angekommen, mit diesem dessen berühmte Theorie zu diskutieren. Was wenn dieser die Evolutionstheorie noch gar nicht richtig entwickelt gehabt hätte zu dieser Zeit? Oder weiß Justin aus dem Kopf genau, wann dies der Fall war? Was wenn Justins Eingriff erst die berühmte Theorie erschaffen würde? Wer wäre dann deren wahrer Schöpfer gewesen? Wer hätte den genialen Gedanken dann wirklich zuerst gehabt?

Weder Justin noch sein Schöpfer verschwenden auch nur einen Gedanken daran. Kann man da von zumindest durchschnittlicher Intelligenz beim Protagonisten sprechen? Doch sicherlich nicht!

Der Auftakt einer neuen Serie soll das vorliegende Buch sein, doch leider ist nichts als grober Unfug daraus geworden, hanebüchener Quatsch.

Und dies, obwohl gerade der Loewe-Verlag in den letzten Jahren durch hervorragende Veröffentlichungen auf dem Gebiet der Phantastik auf sich aufmerksam gemacht hat (z. B. zwei tolle Trilogien von Kai Meyer und Nancy Farmers hervorragenden SF-Roman „Das Skorpionenhaus“).

Wie konnte den Lektoren dort nur dieser Lapsus unterlaufen? Man wünscht dem Verlag den Mut, diesen Rohrkrepierer möglichst schnell wieder vom Markt zu nehmen und einzustampfen, die restlichen Folgen der Serie unter beschämtem Schweigen zu begraben, um sich damit nicht vollständig der Lächerlichkeit preiszugeben und sich auf Werke zu konzentrieren, die nicht komplett alogisch, an den Haaren herbeigezogen und unreflektiert sind, wie dies leider bei „Justin Time – Zeitsprung“ der Fall ist.

_Gunther Barnewald_ ©2004

Buchholz, Tonny Vos-Dahmen von – Vom Rentierjäger zum Raubritter

„Vom Rentierjäger zum Raubritter“ beschäftigt sich mit dem Teil der menschlichen Geschichte, die sich von 9000 vor bis 1600 nach Christus abgespielt hat. Also, wie der Titel schon sagt, von der Zeit der Rentierjäger bis zu der der Raubritter. Dabei handelt es sich aber keineswegs um ein trockenes Geschichtsbuch, in dem man keine zwei Seiten am Stück lesen kann, sondern um 15 spannende Geschichten.

Diese Erzählungen orientieren sich meistens an Funden aus der jeweiligen Epoche. So lässt die Autorin Tonny Vos-Dahmen von Buchholz die mögliche Vergangenheit eines Steins, in den ein tanzendes Mädchen eingraviert wurde, wieder lebendig werden, indem sie eine Menge Fantasie und Spannung hinzugibt: Vor den Augen des Lesers lässt sie die vergangene Landschaft wieder auferstehen, in der einst die Rentierjäger lebten und arbeiteten. Sie berichtet von einem Jäger namens Orf, der in ein Mädchen von einer anderen Horde verliebt ist. Aber leider ist es für die beiden nicht so einfach, ein Paar zu werden, denn der Vater von Ena möchte aber lieber Rangi, das erfolgreiche Oberhaupt des Nachbarstammes, als seinen Schwiegersohn sehen. Eines Abends treffen sich Orf und Ena heimlich im Wald, wo sie einander die Treue versprechen und Orf als Zeichen dafür ein Bildnis von Ena in seinen Druckstein ritzt. Als Ena erfährt, dass sie von ihrem Vater an Rangi versprochen worden ist, beschließt sie, sich zu verstecken und zu warten, bis ihre Horde nach der Rentierjagd, die fast ein halbes Jahr dauert, wieder zurückkehren würde. Sie muss nun alleine versuchen zu überleben, damit sie ihr Versprechen an Orf halten kann. Denn Rangi würde bestimmt nicht so lange warten, wenn er nicht einmal wüsste, ob sie noch am Leben ist, sondern sich eine andere zur Frau nehmen. Ena schaffte es auch tatsächlich, den Winter zu überstehen und kann endlich mit ihrem geliebten Orf zusammen sein.

Doch hier liegt auch leider schon der Haken, der ansonsten gelungenen Geschichte: Wenn man am Ende angelangt ist verspürt man immer noch diesen innerlicher Drang weiterzulesen, was aber nicht möglich ist, weil da nichts weiter über Orf, Ena und die anderen Mitglieder der Rentierjägerhorden steht.
Dieses Problem zieht sich durch das ganze Buch, da eigentlich jede der Geschichten zu schnell aufhört. Sei es die Geschichte vom Eichengott, von den heiligen Beilen oder dem Altar für die Göttin Nehalennia – jede einzelne hätte locker ein ganzes Buch füllen können und wäre immer noch spannend gewesen. Als nützlich, aber leider noch weiter spannungshemmend, erweisen sich die historischen Quellenangaben und Museumsempfehlungen, die nach jeder einzelnen Geschichte folgen. Hier wird immer darauf verwiesen, welcher historische Fund der jeweiligen Erzählung zu Grunde liegt und wo man diesen oder ähnliche Dinge finden kann. Dennoch eignet sich dieses Buch eher zur Unterhaltung als zur historischen Bildung, da ja nur wenige Ausschnitte aus der Geschichte angesprochen werden. Außerdem geht es in den Erzählungen mehr um die Lebensweisen des ‚kleinen Mannes‘ und der ‚kleinen Frau‘, weshalb die sonst in der Geschichte relevanten Könige und Jahreszahlen – glücklicherweise – ausgespart werden.

Zu erwähnen ist noch, dass „Vom Rentierjäger zum Raubritter“ den niederländischen Jugendliteraturpreis „Silberner Griffel“ erhalten hat, was aber nicht bedeutet, dass das Buch nur von Jugendlichen gelesen werden kann. Die Sprache ist zwar so gewählt, dass sie auch für die Jüngeren verständlich ist, artet aber noch lange nicht in naives Kindergeplapper aus, weshalb das Buch auch noch für ‚große‘ Abenteurer geeignet ist.

Fazit also: Ein gutes, spannendes und einfach geschriebenes Buch, aus dem aber noch viel mehr hätte werden können.