Carol Higgins Clark ist ein Teil des schreibenden Mutter-Tochter-Duos Higgins Clark. Dass sie auch alleine erfolgreich sein kann, hat sie schon längst bewiesen. Mit „Alptraum in Weiß“ erscheint bereits der achte Band um die Privatdetektivin Regan Reilly, die in nächster Zeit eigentlich etwas anderes im Sinn hatte als zu ermitteln …
Regan Reilly steht kurz davor, ihren Verlobten Jack, Ermittler bei der New Yorker Polizei, zu heiraten. Doch leider kommt ihr etwas Unvorhergesehenes dazwischen: Ihr Brautkleid, das von den hippen Jungdesignern Alfred und Charisse geschneidert wurde, wurde gestohlen, zusammen mit zwei anderen Kleidern. Ein weiteres wurde zerrissen und blutbeschmiert zurückgelassen, die Designer wurden geknebelt und mussten zusehen, wie ihr Safe ausgeraubt wurde. Eine tragische Geschichte, bei der es glücklicherweise keine Verletzten gab – doch verärgerte Bräute sind beinahe genauso schlimm.
Die eine, Brianne, schäumt vor Wut und möchte die Täter am liebsten eigenhändig erwürgen, und Tracy droht, die Designer zu verklagen, doch die anderen beiden Frauen zeigen sich seltsam ungerührt. Regan beginnt mit der Suche nach den Verbrechern und konzentriert sich dabei auf die armen Aprilbräute. Ob sie einen Grund hätten, die eigene Hochzeit zu sabotieren, oder gibt es jemanden in ihrem Umfeld, der so etwas geplant haben könnte? Es stellt sich heraus, dass die zukünftigen Ehen nicht immer so fest sind, wie sie scheinen. Tracys Fast-Gatte kommt der Diebstahl ganz gelegen und er macht einen Rückzieher, während sich bei der Braut Shauna herausstellt, dass ihre Motive ganz anderer Natur sind … Gemeinsam mit Jack, der nebenbei noch eine Serie von Bankraubüberfällen zu lösen hat, kommt die clevere Regan den Tätern auf die Spur …
Der Titel des Buches erinnert weniger an einen Krimi als vielmehr an einschlägige Frauenlektüre. Diese Assoziation ist von der Wahrheit nicht besonders weit entfernt. Carol Higgins Clark hat keinen fesselnden Thriller geschrieben, sondern einen leicht verdaulichen Vorabendkrimi für das weibliche Geschlecht, ohne Leichen und ohne Action. Regans Privatleben drängt sich häufig sehr in den Vordergrund, und nicht alle Abschnitte haben auch immer einen direkten Bezug zum zu lösenden Kriminalfall. Diesen gestaltet die Autorin sehr einfach. Einen stufenweisen Spannungsaufbau gibt es nicht. Stattdessen werden während der Geschichte neue Handlungsstränge begonnen und es kommt zu teilweise nicht besonders realistischen Auflösungen einiger anderer Handlungsenden. Neben der Entführung der Brautkleider geht es um den Bankraub, ein Hochstaplerpärchen, lügende Verlobte und eine vermisste Frau, die zufällig die Freundin eines der Diebe ist. Möchte man die Handlung des Buches mit wenigen Adjektiven beschreiben, wären simpel, seicht und unrealistisch bestimmt darunter.
Trotzdem muss man der Autorin lassen, dass das, was sie erzählt, nett verpackt ist. Sie erschafft eine stimmige Atmosphäre, in der es manchmal amüsant zugeht, die aber nie bissig oder bösartig wirkt. Alle sind sehr freundlich, was dazu führt, dass einige der Figuren stereotyp wirken. Higgins Clark skizziert zwar Eigenschaften und Benehmen der Personen, geht aber selten in die Tiefe. Stattdessen greift sie an der einen oder anderen Stelle auf Klischees zurück, die sie aber ansprechend einzusetzen weiß. Es ist schwierig, der Autorin deswegen böse zu sein, weil die Figuren doch immer liebenswerte Züge aufweisen und so nett beschrieben werden, dass man sie irgendwie ein bisschen mögen muss. Sie sind einfach gestaltet, aber das hat den Vorteil, dass man sie leicht versteht und nicht viel Konzentration in sie investieren muss.
„Alptraum in Weiß“ ist trotz des Titels alles andere als furchteinflößend. Es handelt sich um eine nette kleine Geschichte, die weniger Krimi als vielmehr nette Frauenunterhaltung ist. Das, was passiert, ist zwar ganz amüsant, aber nicht unbedingt realistisch und sicherlich nicht für jeden etwas. Den einen wird das Buch zu seicht sein, die anderen werden es gerade wegen der Kürze und inhaltlichen Abgeschlossenheit lieben.
|Originaltitel: Hitched
Aus dem Englischen von Julia Walther
332 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-548-26948-1|
http://www.ullstein-taschenbuch.de
http://www.carolhigginsclark.com
Der Kinofilm „Der Baader-Meinhof-Komplex“ hat im Herbst 2008 für Furore gesorgt und lässt die 1960er Jahre lebendig werden. Anne Chaplet, ihres Zeichens eine der bekanntesten deutschen Krimiautorinnen, legt mit ihrem neuen Kriminalroman „Schrei nach Stille“ nach. Sie hat zwar nicht die RAF im Blickpunkt, setzt sich dafür aber mit dem Jahr 1968 und dem Sommer der Liebe auseinander.
Vierzig Jahre nach dem Sommer der Liebe hat sich in Klein-Roda, der Wahlheimat von Chaplets Helden Paul Bremer, nur wenig geändert. Es ist nach wie vor ruhig und beschaulich und ein bisschen verschlossen, als er von einer langen Reise mit seiner Freundin Anne zurückkehrt. Fremde mag man noch immer nicht besonders gerne in dem kleinen hessischen Dorf, wie Sophie Winter erfahren muss, die neu in eines der Häuser in der Siedlung eingezogen ist. Niemand möchte Kontakt mit der erfolgreichen Schriftstellerin haben, deren Debüt „Summer of Love“ auf Platz eins sämtlicher Bestsellerlisten stand und mittlerweile verfilmt wird.
Das findet sie selbst aber nicht besonders schade, denn sie hat genug damit zu tun, gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Der „Summer of Love“ ist nämlich nicht ohne Spuren an ihr vorbeigezogen. Ihre Vergangenheit ist enger mit Klein-Roda verbunden, als man glaubt. Außerdem hat sie mit Gedächtnislücken zu kämpfen und glaubt, verfolgt zu werden – von einer realen Person.
Tatsächlich scheint es, als ob es jemand auf sie abgesehen hätte. Es kommt immer wieder zu Zwischenfällen, unter anderem wird ihr Auto sabotiert. Paul Bremer, hilfsbereit wie immer, versucht sich um die Frau zu kümmern, auch wenn sie seine Hilfe abweist. Da erfährt er, dass vor vierzig Jahren in Klein-Roda eine junge Frau verschwunden ist, die nie gefunden wurde – und dass die Dorfbewohner bei dem Verschwinden des zugezogenen Mädchens keine geringe Rolle spielten … Ganz nach seiner Art beginnt Paul, in der Vergangenheit herumzustochern und bringt dabei einiges zutage …
Das Lob und die Preise, die Anne Chaplet bisher eingeheimst hat, kommen nicht von ungefähr. Bereits auf den ersten Seiten merkt der Leser, dass er es hier nicht mit einem einfachen, faden Krimi zu tun hat, sondern mit mehr. Der Erzählstil und die Personengestaltung, die bei anderen Autoren nur als Bewertungskriterium herangezogen werden, nehmen in ihrem Roman einen eigenen Platz neben der Handlung ein. „Schrei nach Stille“ ist nämlich ein ungewöhnlich vielschichtiger Krimi, der einen literarischen, bildreichen Stil mit einer spannenden Handlung und der ein oder anderen Persönlichkeitsstudie verbindet.
Die Handlung ist dabei die eine Sache. Sie besteht aus mehreren Strängen, die am Ende gekonnt ineinander übergehen, ohne dass dies zu weit hergeholt wirkte. Als übergreifendes Motto dient der Sommer ’68, und es ist bewundernswert, wie konsequent die Autorin dies durchhält. Neben der Perspektive von Paul Bremer, der Stammlesern bekannt sein wird, kommen unter anderem einige Dorfbewohner, Sophie Winter und der Frankfurter Polizist Giorgio DeLange zu Wort, und alle haben etwas über den Sommer der Liebe zu sagen. Was genau, das offenbart sich erst mit der Zeit. Anne Chaplet schafft es, die Spannung der Geschichte immer wieder zu steigern, und sorgt durch die Person der Sophie Winter dafür, noch ein bisschen Verwirrung zu stiften. Deren Gedächtnislücken und ihre Angst, verfolgt zu werden, bringen den Leser immer wieder auf eine falsche Fährte. Besonders am Anfang ist noch nicht ganz klar, ob sie nun verrückt ist oder ob die Dinge wirklich passieren, und dies sorgt dafür, dass man das Buch nicht so schnell aus den Händen legt.
Die Personen in „Schrei nach Stille“ sind so gut ausgearbeitet, dass jede von sich aus einen ganzen Roman fühlen könnte. Über Paul Bremer muss man nicht mehr viel sagen. Er ist, als Zugezogener, für die augenzwinkernd-kritische Betrachtung des Dorfes Klein-Roda zuständig und erfüllt diese Aufgabe wie immer mit Bravour. Bodenständig und stets hilfsbereit, manchmal nachdenklich präsentiert sich Chaplets Held auch bei seinem siebten Abenteuer sympathisch und neugierig wie immer. Die Figur der Sophie Winter dagegen wird als zerrissene, von ihrer Vergangenheit gequälte Frau dargestellt, deren Leben in Scherben liegt. Unpathetisch, aber unglaublich eindrücklich, stellenweise sogar bedrückend schildert die Autorin das Leben und die Gedanken der Frau, ohne zu dick aufzutragen oder den Fortgang der Geschichte zu stören.
Am überraschendsten ist allerdings Giorgio DeLange, Opernliebhaber, alleinerziehender Vater zweier pubertärer Töchter und Meister des inneren Monologs. Sarkastisch und manchmal beinahe schon bissig schildert er seinen Alltag als Schreibtischpolizist bei der Pressestelle der Frankfurter Polizei. Sein wachsames Auge erfasst dabei viele amüsante Details des Alltags, spöttelt über das Verhalten der halbwüchsigen Töchter und darüber, wie es ist, als Berater bei einem Film beteiligt zu sein. Dieser Film heißt im Übrigen „Summer of Love“ und sorgt dafür, dass DeLange die verschreckte Sophie Winter kennenlernt. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht DeLanges letzter Auftritt war, denn seine Kommentare sind wirklich köstlich!
Die dritte wichtige Komponente in diesem Buch ist der Schreibstil, der für einen Kriminalroman unglaublich lebendig und literarisch daherkommt. Die Autorin hält sich nicht an Genregrenzen auf. Man merkt, dass es ihr wichtiger ist, ein durch und durch gutes Buch schreiben anstatt ’nur‘ einen spannende Krimi abzuliefern. Das zeigt sich schon an ihren sorgfältigen Personenzeichnungen, die viel Raum einnehmen, und ist eben auch an ihrem Schreibstil erkennbar. Sie benutzt einen sehr großen, breit gefächerten Wortschatz, mit dem sie immer wieder Akzente setzt. Sie spielt mit Satzbau und rhetorischen Stilmitteln und versucht, die einzelnen Perspektiven auch stilistisch voneinander abzusetzen. Während Paul Bremers Abschnitte gemäß seinem Wesen eher nüchtern und abgeklärt, manchmal aber auch belustigt wirken, sind die der Sophie Winter geprägt durch ihre Verwirrtheit und ihre Ängste. Abgehackte Sätze, eingestreute Erinnerungen, die verschnörkelte, metaphernreiche Umschreibung von Sophies Gedanken sorgen häufig für Gänsehaut und auch dafür, dass der Leser versteht, was in Sophies Kopf vorgeht. DeLanges Perspektive dagegen fällt aus dem Rahmen, was anfangs befremdlich wirkt, dann aber schnell zu einem dicken Pluspunkt wird. Die Form des inneren Monologs ist in diesen kleinen Dosen sehr erfrischend und sorgt vor allem ob des humoristischen, bittersüßen Tonfalls für Abwechslung.
Was bleibt am Ende noch zu sagen zu „Schrei nach Stille“? Eigentlich nicht viel. Außer dass Anne Chaplet ruhig noch einen Deutschen Krimipreis erhalten sollte.
Das Timing hätte nicht passender sein können. Im November standen gerade in den Vereinigten Staaten die Präsidentschaftswahlen an. „Der blinde Tod“ von Ridley Pearson ist eine optimale Lektüre zum Thema – wenn auch aus einem anderen Blickwinkel. Die fiktive Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Shaler soll nämlich Opfer eines Anschlags werden, und den gilt es nun zu verhindern.
Walt Fleming ist ein junger Streifenpolizist auf der Suche nach einem abenteuerlichen Einsatz, als er Generalstaatsanwältin Elizabeth Shaler eines Abends knapp vor einem Anschlag rettet. Acht Jahre später ist Walt der Sheriff von Blane County und an dem Wochenende, an dem Elizabeth auf einer Versammlung ihre Kandidatur als Präsidentin bekanntgeben möchte, für deren Sicherheit zuständig.
Dem FBI ist nämlich zu Ohren gekommen, dass erneut ein Anschlag auf die Politikerin geplant ist. Das Security-Aufgebot ist entsprechend hoch, doch es mehren sich die Beweise, dass der Killer sich schon längst in Sun Valley befinden könnte. Der Leser, der den Ermittlern immer ein wenig voraus ist, weiß, dass dies eine Tatsache ist, denn er begleitet den Kriminellen Milav Trevalian auf Schritt und Tritt bei seinen Vorbereitungen für den Anschlag. Er weiß, dass Trevalians Plan vielleicht nicht glattgelaufen, der gute Mann aber kaum aufzuhalten ist. Seine Methoden sind zu gewieft und zu brutal …
Ridley Pearson wird auf der Buchrückseite von den Kollegen James Patterson und Lee Child enthusiastisch gefeiert. In dieses Loblied kann die Rezensentin nur bedingt einstimmen. Bereits der Einstieg in die Geschichte läuft nicht ohne Probleme ab. Trotz des Prologs, der erklärt, in welchem Verhältnis Walt zu Elizabeth Shaler steht, wird dem Leser nicht genug Hintergrundwissen zur Verfügung gestellt. Es ist schwierig zu durchschauen, wer die aufgeführten Personen sind, worin ihre Funktion besteht und auf wessen Seite sie stehen. Es werden zu viele Charaktere auf einmal eingeführt und das noch nicht einmal besonders sorgfältig. Dadurch hat man über weite Strecken richtiggehend Verständnisschwierigkeiten. Trotzdem hat „Der blinde Tod“ seine spannenden Momente. Diese finden sich vor allem dort, wo die Handlung ausbricht und nicht mehr stur dem Schema folgt, das ihr zugrunde zu liegen scheint.
Dem Buch mangelt es außerdem an Menschlichkeit. Es ist schwierig, Zugang zu den einzelnen Personen zu finden. Nur bei wenigen spielen Emotionen überhaupt eine Rolle, zum Beispiel bei Walt, der mit der Scheidung von seiner Frau und deren neuen Flamme – ein Kollege von ihm – sowie mit seinem trinkenden Vater zu kämpfen hat. Die Einblicke in seine Seele sind jedoch so rar gestreut, dass sie kaum auffallen, und ihr Beitrag zum Buch gering bleibt. Im Endeffekt bleiben die einzelnen Charaktere dadurch sehr schemenhaft, und bei einigen fällt es schwer, sie voneinander zu unterscheiden.
Der Schreibstil hat es auch nicht unbedingt einfach. Pearson schreibt sehr reduziert. Viele Beschreibungen lässt er weg, weshalb das Verständnis erschwert wird. Er bringt wenig Leben in seine Worte, sondern erzählt die Geschichte nüchtern und beinahe ein wenig steif. Das macht den Zugang zu diesem Thriller nicht einfacher.
Ridley Pearsons Buch über einen geschickten Killer und seinen Gegenspieler, den eifrigen Sheriff Walt Fleming, hält leider nicht das, was eine solche Kombination verspricht. Die Handlung ist unübersichtlich und teilweise unverständlich, die Charaktere haben wenig Leben in sich und der Schreibstil ist unbeweglich und besitzt wenig Tiefgang. Es gibt eindeutig lesenswertere Bücher.
|Originaltitel: Killer Weekend
Aus dem Englischen von Joachim Honnef
316 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-404-15911-6|
http://www.bastei-luebbe.de
_Ridley Pearson bei |Buchwurm.info|:_
[„Die letzte Lüge“ 1602
[„Die einsamste Stunde“ 4273
Nach mittlerweile zwei Romanen hat Susan Hill rund um den Ermittler Simon Serrailler eine durchaus lesenwerte Krimireihe aufgebaut, die sich vor allem durch ihre ausgefeilte Figurenskizzierung aus der Masse des Genres heraushebt. Mit „Der Seele schwarzer Grund“ legt die Britin nun den dritten Serrailler-Krimi vor, der mehr oder minder nahtlos an die Handlung des Vorgängerbandes „Des Abends eisige Stille“ anschließt.
Der ungelöste Fall um das Verschwinden des achtjährigen David Angus belastet Simon Serrailer noch immer. Der Fall tritt auf der Stelle und Serrailler und sein Team kommen dem Täter kaum einen Schritt näher. Doch eines Tages bittet die Polizei von Yorkshire Simon um seine Hilfe. Die Kollegen vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden eines siebenjährigen Jungen und dem Fall David Angus.
Und endlich gibt es sogar tatsächlich eine greifbare Spur. Das Auto des Verdächtigen wurde gesehen. Simon nimmt zusammen mit den Kollegen aus dem Norden die Verfolgung auf. Es kommt zu einer dramatischen Verhaftung, bei der die Identität des Täters alle Beteiligten überrascht.
In Lafferton treibt derweil ein anderer Täter sein Unwesen. Reverend Jane Fitzroy, noch neu in der Gemeinde von Lafferton, gerät als Erste in seine Fänge …
Susan Hill schreibt keine Krimis von der Stange. Im Fokus steht bei ihr oft weniger das Verbrechen an sich, bzw. dessen Auflösung, sondern die Menschen, die davon betroffen sind. Sie lässt viele Figuren agieren, wechselt häufig die Perspektive und lässt viele Aspekte in die Handlung einfließen, die andere Autoren wohl als schmückendes Beiwerk empfinden und weitestgehend ignorieren würden.
Hill schreibt gegen die Gewohnheiten des Genres und fordert damit auch den Leser ganz anders als der Großteil anderer Krimiautoren. Schon in ihrem ersten Roman passierte der erste Mord erst nach weit über 100 Seiten, und so ist auch „Der Seele schwarzer Grund“ wieder einmal ein Krimi gegen die Lesegewohnheiten. Das eigentliche Verbrechen ist schon im vorherigen Roman passiert und der Täter ist schon nach etwa 90 Seiten dingfest gemacht.
Was folgt, ist mehr eine Auseinandersetzung mit den Folgen des Verbrechens, die nicht nur für die Ermittler mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Der Täter bleibt verschlossen, die Taten rätselhaft. Selten genug kommt es vor, dass auch die Aufarbeitung der Tat durch die Angehörigen des Täters ein Thema ist – Susan Hill nimmt sich dafür reichlich Zeit und lässt dessen Mutter daran fast zerbrechen.
Wie auch in den vorangegangen Romanen kehrt Susan Hill stets die menschliche Sicht der Dinge heraus. Und so hat sie in ihrem mittlerweile dritten Roman der Reihe schon erstaunlich plastische Figuren herausgearbeitet. Simon Serraillers Familie, insbesondere seine Schwester Cat, die mit Mann und Kindern in einem alten Bauernhaus lebt und neben Haushalt und Familie auch noch den Praxisalltag als Ärztin zu bewältigen hat, ist häufig ein Thema.
Bei Susan Hill ist alles miteinander vernetzt. Lafferton ist ein recht kleiner Ort, so dass Berührungspunkte zwischen den Protagonisten sich fast von selbst ergeben. Als neue Figur taucht in diesem Roman Reverend Jane Fitzroy auf, die auch mit im Zentrum des neuen Falls steht, der die Polizei von Lafferton auf Trab hält. So entstehen – der ursprüngliche Fall ist schließlich schon gelöst – dennoch immer wieder Spannungsmomente in einem ansonsten eher gemächlichen Plot. Hill setzt auf eine feine, psychologische Spannung. Actionreiche Situationen findet man bei ihr genauso selten wie blutrünstige Mordschilderungen.
Die Spannung ergibt sich aus dem Plot heraus, aus der Entwicklung der Figuren und ihren Verflechtungen und nicht aus der Menge an Blut, die vergossen wird. Hill ist sehr subtil und zeigt damit sehr schön, wie auch mit wenig Blutvergießen ein spannender Krimiplot entstehen kann, zu dem der Leser dank der ausgefeilten Figurenskizzierung eine tiefe Beziehung aufbaut.
Dennoch hat gerade dieser dritte Roman der Reihe auch so seine Schönheitsfehler. Simon Serrailler ist eine durchaus reizvolle Hauptfigur, bewegt sich in seiner persönlichen Entwicklung aber zunehmend in eine Sackgasse. Das schreit für den nächsten Band nach einem Befreiungsschlag, doch gestaltet Hill das Ende des Romans leider etwas zu flach und uninspiriert, als dass man gleich zum nächsten Band (den es sicherlich geben wird) greifen möchte. Die Geschichte wird nicht so richtig aufgelöst. Die losen Enden bleiben in der Luft hängen und vor allem mit Blick auf den zentralen Fall weiß der Leser am Ende eigentlich kaum mehr als schon zu Anfang des Romans.
Für meinen Geschmack ist es etwas zu schwammig, ein Buch, das eigentlich ein Nachklang des vorangegangen Buches (welches ja auch schon ein recht offenes Ende hatte) ist, in einem derartigen Schwebezustand zu beenden. So richtig zufrieden ist man auf diese Weise am Ende nicht, denn es ist eben einfach keine ganz runde Sache.
Dabei versteht Susan Hill ihr Handwerk eigentlich sehr gut. Sie weiß den Leser auch mit wenig greifbarer Handlung zu unterhalten, sie skizziert interessante Figuren und erzählt in einem lockeren Ton, der das Buch zu leichter und flotter Lektüre macht. Nur fällt eben diesmal der Schlussakkord am Ende etwas dissonant aus.
Bleiben unterm Strich gemischte Gefühle zurück. Susan Hill versteht sich darauf, eine feinsinnige psychologische Spannung zu erzeugen, und beweist auch mit ihrer gelungenen Figurenskizzierung, wie gut sie sich auf die leisen Töne des belletristischen Krimis versteht. Dennoch ist dieser Band der Serrailler-Reihe eine etwas unrunde Sache, die den Leser am Ende nicht ganz zufrieden zurücklässt. Zu vieles bleibt gerade auch mit Blick auf den zentralen Fall in der Schwebe. Dennoch kann man die Reihe an sich durchaus noch jedem ans Herz legen, für den Krimispannung sich nicht einfach nur in der Menge des vergossenen Blutes niederschlägt.
_Susan Hills Serrailler-Krimis in chronologischer Reihenfolge:_
Sidney Sheldon, der 2007 verstorbene, amerikanische Bestsellerautor, kam erst spät zur Schriftstellerei. Er begann als Drehbuchautor, unter anderem am Broadway, ist heute aber vermutlich eher durch seine Thriller bekannt. Einer davon, „Blutspur“, wurde bei |Ullstein| nun neu aufgelegt.
Auf den Schultern von Elizabeth Roffe lastet ein schweres Erbe, nachdem ihr Vater bei einer Bergtour ums Leben gekommen ist. Er war der Leiter des global agierenden Familienunternehmens für Pharmazeutika, das aufgrund seiner außergewöhnlichen Struktur schon oft Grund für Ärger geboten hat. Es handelt sich dabei nämlich um ein reines Familienunternehmen. Fremden ist es nur durch Heirat in die Familie möglich, eine Stimme und Aktienanteile zu erhalten, wobei man Letztere wiederum nicht veräußern darf. Dumm nur, dass sämtliche Mitglieder des Direktoriums, alles Mitglieder der Familie Roffe, Geldprobleme haben und nichts lieber täten, als die Anteile zu veräußern.
Sam Roffe war derjenige, der sich die ganze Zeit in seiner Funktion als Vorsitzender des Unternehmens dagegen sträubte, etwas an der alten Satzung zu verändern. Sein Tod kommt einigen Mitgliedern des Direktoriums daher nur recht, hoffen sie doch, nun endlich an Geld zu gelangen. Doch wider Erwarten entscheidet sich Elizabeth, die bislang nur wenig mit den Geschäften zu tun hatte, dagegen, das Erbe ihres Vaters abzutreten, und übernimmt selbst die Leitung des Unternehmens. Ihr Plan: Alles bleibt so, wie es ist, denn sie ahnt, dass irgendjemand im Direktorium darauf lauert, endlich die Aktien verkaufen zu können. Doch dieser Entschluss soll sich als lebensgefährlich für sie herausstellen …
„Blutspur“ verfügt über einen sehr ungewöhnlichen Aufbau für einen Thriller. Er orientiert sich nicht an der üblichen Spannungskurve, sondern beginnt, im Gegenteil, damit, die Situation der einzelnen Direktoriumsmitglieder in einzelnen Kapiteln darzustellen. Sheldon schlüpft dazu als Autor in vier Perspektiven in vier Städten und rekonstruiert eigenständige Hintergrundgeschichten, die mit der Handlung selbst nicht besonders viel zu tun haben. Im Anschluss berichtet er wiederum davon, wie Elisabeth im Schatten ihres Vaters erwachsen wird und ein Büchlein findet, in dem der Gründer des Familienunternehmens seinen Aufstieg beschreibt.
Und der Zusammenhang zur Geschichte? Nun, der ist in den meisten Fällen zwar gegeben, aber nicht immer. Anders als erwartet, stört dieses Drumherum aber nicht, da es erzählerisch sehr schön gestaltet wird. Dass das Buch erst wesentlich später in Gang kommt, fällt dank der schriftstellerischen Leistung kaum auf, auch wenn die eigentliche Krimihandlung recht kurz geraten ist. Die Suche nach dem Täter ist trotzdem spannend, da das umfassende Hintergrundwissen den Leser zu Verdächtigungen verführt. Wer letztendlich der Verdächtige ist, ist an keinem Punkt der Geschichte vorhersehbar, und das, obwohl die Anzahl von möglichen Tätern gering ist. Auch wenn es zuerst nicht so wirkt, aber tatsächlich schafft Sidney Sheldon es, mit wenigen Mitteln eine sehr spannende Mördersuche zu inszenieren, die den Leser in ihren Bann schlägt.
Die Personen sind aufgrund der umfassenden Einführung sehr gut ausgestaltet. Ihre Motive werden klar gemacht und ihre besonderen Charakterzüge gut hervorgehoben. Allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass der eine oder andere Charakter ein wenig zu sehr in bereits vorgefertigte Kerben schlägt. Da wäre der arme Ehemann, der unter einer sex- und herrschsüchtigen Gattin leidet, der blendend aussehende Skilehrer, der sich eine Erbin angelt, der unglückliche Reiche, der sich in ein liederliches Mädchen verliebt, dem das Landleben viel zu bieder ist – Sheldon verwendet an solchen Stellen Stereotype, die in der Masse, in der sie auftreten, einfach zu viel sind. Hinzu kommt, dass seine Charaktere sich ständig mit Sex beschäftigen – und zwar in allen erdenklichen Ausformungen. Davon ausgenommen sind eigentlich nur zwei: Elizabeth und Rhys Williams, die rechte Hand von Sam Roffe. Die beiden haben von allen auftretenden Personen am wenigsten Dreck am Stecken, so dass man in diesem Zusammenhang durchaus von den Guten und von den Bösen sprechen kann.
Zu den Guten gehört übrigens auch der Schreibstil von Sidney Sheldon. Leichtfüßig und elegant, eher belletristisch erzählt Sheldon und ermöglicht dadurch paradoxerweise, dass sich das Buch so spannend lesen lässt. Die vielen Nebensächlichkeiten werden dadurch anschaulich verpackt und mit der Haupthandlung verbunden, was an und für sich eine Meisterleistung ist. Ein anderer Schreibstil hätte das Buch sonst leicht zu einer Nullnummer werden lassen können.
Sidney Sheldon neu aufzulegen, ist demnach völlig gerechtfertigt. Der kunstvoll gewobene Plot sucht seinesgleichen und der Schreibstil erweist sich als leicht lesbar und wunderbar locker. Einziger Wermutstropfen sind die Klischees in der Figurenzeichnung, doch ansonsten ist „Blutspur“ ein Thriller, der mit jüngeren Veröffentlichungen ohne Probleme mithalten kann.
|Originaltitel: Bloodline
Aus dem Englischen von Martin Lewitt
445 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-548-26964-1|
http://www.ullstein-taschenbuch.de
Den meisten von euch wird Michael Rensen als stellvertretender Chefredakteur des |Rock Hard| bekannt sein. Er ist unbestritten einer der renommiertesten Musikjournalisten in Deutschland und hat dazu auch noch – ganz subjektiv – einen ziemlich guten Musikgeschmack. Doch Michael ist nicht nur Journalist, sondern auch Autor und legt jetzt mit „Zen, Drugs & Rock’n’Roll – Inspector Minster ermittelt“ seinen ersten Kriminalroman vor.
Und der Titel macht deutlich, dass sich der Autor in durchaus bekannten Gewässern bewegt, spielt die Story doch im Rockbusiness. Als die legitimen Nachfolger von |Led Zeppelin|, namentlich |Flying Horses|, nach fünf Jahren Abstinenz von ihrer Heimat das legendäre Isle-Of-Wright-Open-Air headlinen, bricht ihr Sänger Will Hellhound nach den ersten Worten des Openers tot zusammen. Die Obduktion ergibt, dass Hellhound mit Zyanid vergiftet wurde. Dummerweise ist Will nicht nur prominenter Leadsänger einer großen Rockband, sondern auch noch Sohn eines Mitglieds des englischen Parlaments. Und sein Vater Sir Bickershead möchte natürlich, dass nur die Besten den Mord an seinem einst verschmähten Jungen aufklären. Inspektor Minster vom National Crime Squad wird auf den Fall angesetzt. Dummerweise hat Minster mit Rockmusik nichts am Hut, was die Ermittlungen nicht einfacher gestaltet.
Grundsätzlich ist Michael Rensen mit seinem Erstlingswerk ein guter Thriller gelungen, dessen Story einem nicht schon x-mal von anderen Autoren vorgesetzt wurde und deren Wendungen durchaus überraschen. Wer die Hinweise auf den Täter nicht aufmerksam registriert, dürfte selbst 20 Seiten vor Ende des Romans noch nicht wissen, wer der Bösewicht ist. Ein eindeutiges Indiz für eine ausgeklügelte Story und ausreichende Spannung.
Und doch gibt es einen Punkt, der mir an „Zen, Drugs & Rock ’n‘ Roll“ nicht gefällt: die handelnden Personen. An erster Stelle ist das die Hauptfigur Granpole Minster. Minster soll wahrscheinlich kauzig sein, ist mir aber viel zu sehr Gutmensch. Er ist Vegetarier, Antialkoholiker, Nichtraucher, zum Sex mit einem Groupie muss er im Schlaf quasi gezwungen werden und schämt sich danach in alle Ewigkeit, Drogen sind natürlich auch tabu und auch sonst ist er absolut ohne Sünde. Zu allem Überfluss ist er auch noch Buddhist und stammt aus gutsituiertem, blaublütigem Hause. Das ist mir in diesem Ausmaß einfach zu viel des Guten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ein paar echte Macken, Ecken & Kanten würden Minster sehr, sehr gut zu Gesicht stehen. So bleibt die Figur trotz detaillierter Beschreibungen von Zen-Meditationen viel zu blass, zu glatt, ja, langweilig.
Dieses Problem haftet auch einigen anderen Charakteren im Buch an. Der gutmütige, engagierte Dorfpolizist Teddy beherbergt gleich eine ganze Horde Klischees, was man so auch für die restlichen Bandmitglieder der |Flying Horses| und deren Crew sagen kann. Und auch Minsters Kollegen vom National Crime Squad haben allesamt nicht wirklich ein Profil. Schade eigentlich.
Dieses Manko wird zwar, wie oben schon angedeutet, durch die geschickten Wendungen in der Storyline wieder aufgefangen, sorgt aber dafür, dass „Zen, Drugs & Rock ’n‘ Roll“ nur das Prädikat „gut“ bekommt. Der zweite Roman „Zen & die Kunst einen Menschen zu töten“ ist bereits fertiggestellt und erscheint im nächsten Frühjahr. Ich bin sehr gespannt, ob Michael Rensen es dort schafft, den Figuren mehr Tiefe zu geben, denn dann kann ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen. Diese gibt es diesmal nur mit Abstrichen.
In Washington, der Hauptstadt der USA, trieb er 1985 sein Unwesen: der „Palindrom“-Mörder, der drei schwarze Teenager, deren Vornamen sich von vorn wie von hinten lesen ließen, vergewaltigte und ihnen in die Köpfe schoss. Gefasst werden konnte er nie, denn er tauchte spurlos unter; ein Fall, der Sergeant T. C. Cook, der damals mit den Ermittlungen betraut war, sehr nahe ging.
Mehr als zwei Jahrzehnte später liegt Asa Johnson mit einer Kugel im Schädel in einem Park in Washington. Ex-Cop Dan Holiday glaubt die Handschrift zu erkennen. Er tut sich mit dem längst pensionierten Cook zusammen, der dem „Palindrom“-Killer immer noch nachjagt. Dritter im Bund wird Gus Ramone, Holidays ehemaliger Partner, der im Polizeidienst geblieben und an den Ermittlungen im Mordfall Johnson beteiligt ist. Mit frischem Eifer und den Methoden des 21. Jahrhunderts beginnt das Trio aufs Neue mit der Fahndung.
Tim Labin ist der Mann, der nichts vergessen kann. Egal was er hört, sieht oder liest, jedes Ereignis wird in seinem Kopf wie auf einer Festplatte abgespeichert und ist jederzeit wieder abrufbar. Nur an eines erinnert sich Tim nicht: an die Nacht, in der seine Eltern ermordet wurden.
Gerade als Tim zum Schachweltmeister wird, ereilt ihn ein merkwürdiger Brief, der ein Zahlenrätsel enthält. Beinahe problemlos kann Tim das Rätsel lösen und entdeckt dabei, dass es sich um eines der drei Blätter der [Beale-Chiffre]http://de.wikipedia.org/wiki/Beale-Chiffre handelt; eines Rätsels, an dem sich Wissenschaftler und Historiker schon seit hundertzwanzig Jahren die Zähne ausbeißen. Kurz darauf nehmen ein Professor der Universität von Cambridge und die Computerspezialistin Jamila Jason zu ihm Kontakt auf und bitten ihn darum, nach England zu kommen und sich dort an die Entzifferung der anderen beiden Beale-Chiffren zu machen – denn Tim ist der einzige Mensch, der dazu in der Lage ist. Und Tim, der keine Herausforderung abschlagen kann, kommt dieser Bitte nach, ohne zu wissen, was ihn erwartet: Geheimnisse, Anschläge auf sein Leben, Intrigen und ein unsichtbarer Gegner, der sein ganz eigenes Spiel spielt …
_Eindrücke:_
Bei „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ handelt es sich ganz klar um einen Thriller, der aber in gewisser Weise doch phantastische Züge an sich hat. Zwar gibt es keine wirklich phantastischen Elemente, die diesen Roman zu einem Fantasybuch machen würden, doch die Begabung Tim Labins verleiht dem Roman einen geheimnisvollen, leicht übernatürlichen Touch.
Tim Labin erlitt in der Nacht, als seine Eltern ermordet wurden, einen epileptischen Anfall und war beinahe gestorben. Doch statt zu sterben, wurde er zu einem Savant, einem Menschen, der nichts vergessen kann. Egal ob er irgendetwas liest, sieht oder hört, er kann es nicht mehr vergessen. Er entwickelt schnell eine Vorliebe für Schach, lernt Fremdsprachen innerhalb von einer Woche perfekt und macht innerhalb kürzester Zeit seinen Doktortitel. Doch neben dieser Fähigkeit ist Tim nicht nur einsam, sondern leidet auch an einer Vielzahl verschiedener Phobien – vor allem Angst vor Körperkontakt und Klaustrophobie machen ihm sehr zu schaffen. Dadurch hat Ralf Isau nicht nur einen interessanten Protagonisten geschaffen, der einerseits besondere Fähigkeiten besitzt und andererseits viele Ängste in sich trägt, sondern gleichzeitig auch einen Charakter, der in sich stimmig ist, realistisch und in seiner Eigenart sympathisch wirkt.
Ein weniger interessanter, jedoch nicht minder sympathischer Charakter ist Jamila Jason. Neben Tim ist sie die zweite Hauptperson. Sie wird als überaus gut aussehend beschrieben und gehört zu einer geheimen Spionageagentur, welche sich NSA („Never Say Anything“) nennt. Dort wurde sie nicht nur darin unterwiesen, wie man selbst Lügendetektoren austrickst und wie man sich in andere Computer einhackt, sondern auch in sämtlichen Kampfsportarten. Nun wurde sie von der NSA nach Cambridge geschickt, um dort zusammen mit Tim die Beale-Chiffren zu entziffern. Sie folgt ihrem Chef aufs Wort, doch irgendwann beginnt auch sie an den guten Absichten ihres Bosses zu zweifeln. Jamila wirkt an einigen Stellen des Buches beinahe schon zu perfekt, vor allem neben Tim, was allerdings nicht arg stört.
Zusammen versuchen Tim und Jamila die Beale-Chiffren zu entziffern, und als es Tim gelingt, das zweite Blatt zu dechiffrieren, bricht das Chaos aus. Tim und Jamila werden verfolgt und angegriffen und Tim weiß schon bald nicht mehr, wer Freund und wer Feind ist. Auch der Leser kann sich dessen nie sicher sein, denn in „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ ist nicht immer alles so, wie es scheint. Zwar weiß der Leser meist mehr als die Charaktere, da man durch den Schreibstil die Absichten der verschiedenen Personen besser kennt, doch oft stellen sich manche Vermutungen später als falsch heraus. An sich bleibt das Buch also die ganze Zeit über spannend. Nur ein Detail war vorhersehbar, was das Ende betrifft und dieses dann in seiner Wirkung ein wenig abgeschwächt hat.
Das Buch ist in verschiedene Phasen eingeteilt, die allesamt dem Schachspiel entlehnt sind – von der Aufstellung bis hin zum Schachmatt. Zuerst wird im Prolog der Leser Zeuge der Nacht, in der Tims Eltern starben. Dann lernen wir Jamila kennen und ihre Arbeit bei der NSA, und erst später beginnt die eigentliche Geschichte, wenn der Leser auch Tim richtig kennen lernt, so wie er heute ist. Bis die Geschichte also richtig anfängt, dauert es eine Weile, was aber der Erzähltiefe zugute kommt. Der Vergleich mit dem Schach passt nicht nur gut zur Handlung, weil Tim der neue Schachweltmeister ist, sondern auch, weil die Geschichte genau wie bei einem Schachspiel verläuft. Tim „spielt“ praktisch gegen einen unsichtbaren Gegner, nur dass es sich bei den Figuren um echte Menschen handelt. Dieses Konzept verleiht dem Buch noch einen besonderen Touch.
Was den Schreibstil angeht, bin ich doch ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits hat mir der Schreibstil von Ralf Isau sehr gut gefallen. Es wird häufiger die Perspektive gewechselt, sodass der Leser auch ein bisschen mehr von den Hintergründen und den Plänen der anderen Charaktere erfährt, jedoch nie so viel, dass die Geschichte zu vorhersehbar wird. Gleichzeitig hat Ralf Isau auch einen angenehmen Sprachstil und arbeitet gerne mit Metaphern. Andererseits war das Buch stellenweise nicht ganz flüssig zu lesen, was unter anderem an ständig vorkommenden Ortsnamen oder englischen Fachbegriffen liegt. Das hat teilweise etwas gestört, auch wenn man die meiste Zeit doch recht schnell mit der Lektüre vorankam.
_Fazit:_
Alles in allem ist „Der Mann, der nichts vergessen konnte“ von Ralf Isau ein spannender Thriller, der zwar im Lesefluss das ein oder andere Manko aufweist, aber dennoch mit dem Protagonisten und der Idee an sich punkten kann.
_Der Autor:_
Ralf Isau wurde 1956 in Berlin geboren und arbeitete lange Zeit als Informatiker, bis er das Schreiben für sich entdeckte. Mit seinen Büchern „Der silberne Sinn“ und „Die Dunklen“ wurde Ralf Isau zu einem neuen Stern am Literaturhimmel, insbesondere was Thriller und Spannungsliteratur angeht. Und dabei sind Geschichten von Menschen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und die letzten Geheimnisse unserer modernen Welt sein Markenzeichen.
Mehr unter http://www.isau.de & http://www.piper-verlag.de
|459 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3-492-70141-9|
_Ralf Isau auf |Buchwurm.info|:_
[„Die Dunklen“ 4829
[„Das gespiegelte Herz“ 1807 (Die Chroniken von Mirad 1)
[„Der König im König“ 2399 (Die Chroniken von Mirad 2)
[„Das Wasser von Silmao“ 3014 (Die Chroniken von Mirad 3)
[„Das Jahrhundertkind“ 1357 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 1)
[„Der Wahrheitsfinder“ 1502 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 2)
[„Der weiße Wanderer“ 1506 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 3)
[„Der unsichtbare Freund“ 1535 (Der Kreis der Dämmerung, Teil 4)
[„Die geheime Bibliothek des Thaddäus Tillmann Trutz“ 1095 (Die Legenden von Phantásien)
[„Die Galerie der Lügen“ 4208
Alles sieht nach einem natürlichen Tod aus, als der leidenschaftliche Cineast Palmieri in sich zusammengesunken auf einem Sitz seines Stammkinos Minerva aufgefunden wird. Doch die Obduktion ergibt, dass dem reichen Geschäftsmann aus dem Hinterhalt Strychnin gespritzt und er das Opfer eines heimtückischen Mordes wurde.
Commissario Soneri nimmt die Spur des oder der vermeintlichen Attentäter auf und dringt in einen Sumpf aus Lügen und Intrigen vor. Palmieri war Mitglied im Club der Cineasten, einer Vereinigung von Hobby-Detektiven, die ihre Vorliebe für ältere Kriminalfilme als Berufung sahen und daher selber fiktive Fälle inszenierten – nun jedoch scheinbar einen mit Todesfolge. Da die offenkundigen Beteiligten sich in eisiges Schweigen hüllen, tappt der Commissario lange Zeit im Dunkeln. Er erfährt von Palmieris Geliebter Lora, die ebenfalls eine Affäre mit seinem Geschäftspartner und Konkurrenten Stork pflegte, blickt tiefer in die Verstrickungen des Clubs, macht Bekanntschaft mit dem Feinschmecker Costamagna, der ständig mit den Cineasten verkehrte, und sieht sich auch mit Pamieris labiler Mutter konfrontiert, die noch dazu von Soneris besserer Hälfte Angela in Rechtssachen verteidigt wird. Alle Wege verlaufen im Sande, bis Soneri sich schließlich darauf einlässt, das seltsame Spielchen des Detektiv-Clubs mitzuspielen.
_Persönlicher Eindruck_
Mit seinem dritten Kriminalroman kehrt Valerio Varesi wieder ein Stück weit zum verzwickten Fall seiner Debüt-Veröffentlichung zurück, die seinerzeit nicht nur von der außerordentlich prickelnden Atmosphäre lebte, sondern auch inhaltlich ein sehr ansprechendes Rätsel aufbot, dessen subtiler Nervenkitzel in der nachfolgenden Publikation „Die Pension in der Via Saffi“ nicht mehr vergleichbar erreicht wurde. Begünstigt wird dies in „Lichtspiele“ vordergründig durch ein ziemlich hohes Erzähltempo, welches sich in einer Reihe sehr rasanter Wendungen darstellt und zudem den Grad der Komplexität steigert, da Soneri in vielen Kapiteln nur so zwischen den Szenarien hin und her flitzt. Dadurch bewirkt das eigentliche Rätsel noch einen viel größeren Reiz auf den Leser, da dieser häufig mit losen Infos zurückgelassen wird und viele Details zunächst nicht näher bearbeitet werden. Dieses probate Mittel nutzt Varesi im Laufe von Soneris Ermittlungen kontinuierlich, um die Spannung anzuheizen, was ihm abgesehen von einigen kleinen Ungereimtheiten in der Mitte des Buches auch fabelhaft gelingt.
Die Geschichte selber ist sowohl auf den Hintergrund als auch auf den Verlauf der Handlung bezogen unheimlich interessant. Varesi kreiert einen Mythos um einen Club leidenschaftlicher Cineasten, denen ihr Hobby spürbar über den Kopf gewachsen ist, und verwandelt auch deren Umfeld in einen nebulösen Charakterhaufen, in dem keine Figur mehr über ihre Rolle preisgibt als zur gegebenen Zeit unbedingt nötig. Gerade hier zeigt der Autor seine wahre Stärke, lässt seine Leser bei dessen gedanklichen Ermittlungen immer wieder gerne ins offene Messer laufen und krempelt den Plot derart um, dass bis zu den letzten Seiten kein konkreter Verdacht innerhalb der Story Bestätigung findet. Oder anders gesagt: Hier entsteht in einem ganz besonderen Ambiente eine Geschichte, die ihren Zweck als Krimi kaum effektiver erfüllen könnte.
Hinzu kommen schließlich die vielen angenehmen Begleiterscheinungen der italienischen Kultur, die einen nicht zu unterschätzenden Anteil an der fesselnden Erzählatmosphäre haben. Da wäre zuallererst das hitzige Beziehungsgeflecht des Commissarios und seiner stets gereizten Angetrauten Angela, die sich wie auch schon in den vorangegangenen Büchern trotz ihrer ständigen Wortduelle und verbaler Verfehlungen prima ergänzen. Zwei typische Italiener, wie man meinen mag, ohne dass Varesi hierbei Formen des Klischees überstrapazieren würde. Dann wäre da die Passion für den kulinarischen Bereich, diesmal zur Schau gestellt in Soneris Besuchen beim Antiquar Costamagna, der stets den passenden Käse zum roten Jahrgangstropfen bereithält. Und schließlich ist natürlich die düster-romantische Atmosphäre zu erwähnen, die der neblige Schauplatz Parma in Varesis neuer Erzählung präsentiert. Auch bei den Rahmenelementen der Handlung ergänzen sich viele Puzzleteile zu einem perfekten Setting, welches schlussendlich die Basis für Varesis bislang wohl besten Roman liefert.
Ungewöhnliche Themen in einem ungewöhnlichen Szenario: „Lichtspiele“ ist ein meisterhafter Kriminalroman, der einerseits ganz in der bisherigen Tradition des Autors steht, aufgrund der komplexen Verstrickungen von Charakteren und Ereignissen jedoch den Anspruch an einen Varesi-Titel noch einmal heraufsetzt. Liebhaber des Autors und südländischer Kriminal-Kost im Allgemeinen werden mit diesem sehr kurzweiligen Schmuckstück bestens bedient!
|Originaltitel: Il cineclub del mistero
Deutsch von Karin Rother
283 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-499-23951-9|
http://www.rowohlt.de
_Mehr von Valerio Varesi auf |Buchwurm.info|:_
[„Der Nebelfluss“ 1587
[„Die Pension in der Via Saffi“ 3001
Nach dreißig Jahren hat Captain Jack Stang genug vom Polizeidienst. Die Zeiten haben sich geändert und ihn, der sich einen Namen als rabiater „Shooter“ machte und nie daran glauben mochte, dass Gangster auch Menschen sind, definitiv zurückgelassen. Sein altes Revier wird abgerissen, Stang fühlt sich entwurzelt, als Tierarzt Dr. Thomas Price ihn aufsucht und mit einer seltsamen Geschichte zwei Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückwirft.
Einst war Jack Stang unsterblich verliebt in die junge EDV-Spezialistin Bettie Brice. In ihrem Job musste sie eines Tages zufällig auf etwas gestoßen sein, das sie definitiv nicht sehen sollte, denn die Mafia entführte sie. Die Befreiung scheiterte, Bettie schien in dem Fluss ertrunken zu sein, in den der Wagen der Kidnapper während der Verfolgungsjagd stürzte. Doch Prices Vater zog sie flussabwärts aus dem Wasser – ohne Gedächtnis und blind. Aus der Presse erfuhr er von Betties Status als Zielobjekt der Mafia. Er adoptierte die junge Frau, stattete sie mit einem reichen Erbe aus und siedelte sie in Florida und damit weit vom Schuss an. In der Seniorenwohnanlage Sunset Lodge, in der hauptsächlich pensionierte Polizeibeamte leben, führt sie seither ein behütetes Leben.
Nun ist Price senior gestorben. In seinem Testament hat er verfügt, dass Stang an seine Stelle treten und auf Bettie aufpassen soll. Die alte Liebe flackert wieder auf, obwohl Bettie sich an ihren Jack nicht erinnert. Doch auch die Mafia ist immer noch auf der Hut, Betties Todesurteil weiterhin gültig. Stang muss noch einmal aktiv werden, um einem unglaublichen Komplott auf die Schliche zu kommen, das ein ihm wohlbekannter Schurke eingefädelt hat. Der Gegner schläft nicht, aber Jack Stang ist entschlossen, sich sein spätes Glück mit Bettie zu bewahren – um jeden Preis …
_Der Tod ist keineswegs das Ende_
Wenn alte und womöglich erfolgreiche Schriftsteller das Zeitliche segnen, wird der Nachlass intensiv gesiebt. Es geht nicht um versteckte Goldmünzen, sondern um wesentlich Lukrativeres: Wohl jeder Autor hat mindestens eine Schublade, in der er Texte hortet, die er nie fertigstellte oder mit denen er so unzufrieden war, dass sie unveröffentlicht blieben. Hat er sich nicht früh genug von diesen Manuskripten trennen können, muss er sich auf Wolke Sieben tüchtig ärgern, denn solches Material kommt unweigerlich zur Veröffentlichung.
Mickey Spillane starb als sehr alter und vermögender Mann. Allerdings blieb er weder körperlich noch geistig von den Malaisen des Alters verschont. Seine Arbeitsweise hatte sich schon früher gravierend geändert; was er einst nach eigener Auskunft in wenigen Tagen geschrieben bzw. in die Maschine gehackt hatte, schritt nun langsam voran, wurde vielfach überarbeitet und blieb oft doch Stückwerk.
Seit mindestens zehn Jahren arbeitete Spillane an „Dead Street“, und die Idee ist sogar noch älter, wie Max Allan Collins in seinem Nachwort berichtet. Als Spillane im Juli 2006 starb, lagen acht von elf Kapiteln und Notizen für den Schluss vor. Der Schriftsteller hatte Collins gebeten fertigzustellen, was er selbst nicht mehr abschließen konnte. Das betraf übrigens nicht nur „Das Ende der Straße“. In den nächsten Jahren wird Spillane deshalb auf dem Buchmarkt mit ‚Neutiteln‘ präsenter denn je sein.
_Ein Cop ist ein Cop ist ein Cop ist ein …_
„Das Ende der Straße“ ist der erste der ‚postumen‘ Spillane-Romane. Erzählt wird eine ebenso simple wie solide Geschichte: Ein alter Cop stößt auf einen offenen Fall und muss noch einmal alle Register seines Könnens ziehen. Das schließt Spillane-typisch kriminalistische Erfahrung und kurzentschlossene Gewalt gleichrangig ein.
Jack Stang (1923-1996) hieß ein Polizist, mit dem Spillane eng befreundet und der in den 1950er Jahren einer Karriere als Schauspieler nicht abgeneigt war. Der Autor sah im Freund die ideale Verkörperung seiner Bestseller-Figur Mike Hammer, doch Stang kam in Hollywood nicht an. Mit „Das Ende der Straße“ setzte ihm Spillane ein kleines Denkmal. ‚Sein‘ Jack Stang ist ein Relikt aus der Vergangenheit – gerade heraus, wenig diplomatisch, der Rächer stets dicht unter der Oberfläche des Gesetzeshüters. Mit Mike Hammer teilt Stang die Liebe zum alten Automatik-Colt des Kalibers 45; keine raffinierte, sondern eine effektive Waffe, deren brutale Wirkung Spillane mit der ihm eigenen Wortgewalt (Achtung: doppeldeutig!) zu schildern weiß.
Dabei ist „Das Ende der Straße“ kein Roman, der in Brutalitäten schwelgt. Über dem Geschehen hängt stattdessen ein Hauch von Abschied und Resignation. Die Zeiten ändern sich, doch das Neue kann erst kommen, wenn das Alte endgültig abgewickelt ist. In der „toten Straße“, die Jack Stang gen Florida verlässt, treiben sich noch einige Gespenster der Vergangenheit herum. Erst wenn er die vertrieben hat, kann Stang mit Bettie ein neues Leben beginnen.
Zu viel Vergangenheit oder zu viel Drama?
Vielleicht hätte Spillane sogar ein wenig heftiger auf die Tube drücken sollen. Seine Geschichte kommt erst richtig in Fahrt, als die Fetzen zu fliegen beginnen. Bis es so weit ist, irritieren den Leser des 21. Jahrhunderts diverse Anachronismen, die „Das Ende der Straße“ als Produkt einer vergangenen Ära outen.
Der Plot ist höchstens unter dem Prädikat „Trash-Crime“ goutierbar. Das von Spillane entworfene Komplott um Mafiosi und Terroristen ist lächerlich; würde das organisierte Verbrechen so wirr und umständlich arbeiten, hätte es sich ohne Einmischung durch die Polizei oder die Bundesbehörden selbst erledigt. In diesem Punkt ist sich Spillane treu geblieben: Realistisch waren seine Krimis nie. Wenigstens die wütenden bzw. unkontrollierten Attacken gegen Kommunisten, Liberale, Feministen und andere Weicheier erspart Spillane dieses Mal sich und seinen Lesern; sie machen Platz für fast altersmilde Klagen über den kriminellen Wahnsinn des globalen Terrors, die womöglich von Collins eingefügt wurden.
Auch Betties Schicksal ist reiner Pulp, den der Leser nur unter Ausschaltung des Logiksektors verkraftet. Alte Liebe mag nicht rosten, doch sie kommt besser nicht so theatralisch oder sentimental daher wie in diesem Fall. Kein Auftritt vergeht ohne schmalzige Oden an Betties unverwelkte Schönheit, obwohl der Leser definitiv begriffen hat, dass Captain Stang unsterblich verliebt ist.
_Profi am Werk_
Zu den abstrusen gesellen sich erfreulicherweise gelungene Einfälle. Bizarr aber unterhaltsam ist Spillanes Schöpfung einer Rentnerstadt, die hauptsächlich von Ex-Polizisten bevölkert wird. Sie setzen ihren Dienst wie gewohnt fort und sind dabei besser bewaffnet als manche militärische Kampfeinheit. Sunset Lodge wirkt wie eine Karikatur, doch Spillane gestaltete die Siedlung nach einem realen Vorbild, das ihn sehr faszinierte. Fast direkt gegenüber platziert er eine entsprechende Siedlung, die von ‚pensionierten‘ Mafiosi bevölkert ist. Diese Konstruktion stellt man sich in der Realität lieber nicht vor, obwohl es auch dafür Vorbilder gibt.
Wie hätte Spillane das Finale gestaltet? Collins inszeniert es als Verbeugung vor dem Altmeister der offenen Gewalt, der für seine freiherzigen Schilderungen unverhohlener Selbstjustiz garstig kritisiert wurde. Captain Stang lässt die 45er sprechen und schafft das Böse zumindest aus seiner Welt. Ein wenig ungelenk muss Collins den absurden Plot um geraubtes Uran noch einmal aufgreifen; er bleibt klugerweise vage, denn dieser Anachronismus lässt sich nicht damit aus der Welt schaffen, indem der Verfasser Stang eifrig sein Handy benutzen und nach verschollenen Disketten – es sind tatsächlich noch Floppy-Disks … – fahnden lässt.
Obwohl Collins Mickey Spillane direkt neben Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Agatha Christie (!) stellt und viele lobende oder besser ehrfürchtige Worte über den verstorbenen Freund und Lehrmeister verliert, ist „Das Ende der Straße“ kein Abschied auf der Höhe eines literarischen Gipfels. Diesen Roman konnte auch Collins nicht in der Gegenwart erden. Er lässt aber anklingen, was Spillane für das Genre in den 1950er und 60er Jahren bedeutet haben muss, und kündet von einer gewissen schriftstellerischen Weiterentwicklung (die Spillane vermutlich entrüstet abgestritten hätte, weil sie seinem raubauzigen Image widersprach). Außerdem ist er lesbar. Wirklich gut ist er nicht. Seinen eigentlichen Zweck wird er jedoch erfüllen und wie alle Spillane-Werke gutes Geld einbringen.
_Der Autor_
Frank Morrison „Mickey“ Spillane, geboren am 9. März 1918 in Brooklyn, New York: ein Selfmademan nach US-Geschmack, aus kleinen Verhältnissen stammend, in 1001 miesen, unterbezahlten Jobs malochend, doch mit dem amerikanischen Traum im Herzen und nach allen Mühen den gerechten Lohn – Geld, Ruhm, Geld, Anerkennung und Geld – einstreichend.
Vorab stand ein Intermezzo im II. Weltkrieg, in dem Spillane angeblich als Fluglehrer und aktiver Kampfflieger tätig war; die Beweislage ist freilich dünn. Eine Beschäftigung als Comic-Zeichner ist dagegen belegt. 1946 ins Zivilleben zurückgekehrt, machte sich Spillane voller Elan an den Durchbruch. Er berücksichtige alles, was gegen den zeitgenössischen Sittenkodex verstieß, und schrieb in neun Tagen „I The Jury“ (1947, dt. „Ich, der Richter“), das erste Abenteuer des raubeinigen Privatdetektivs Mike Hammer, dessen Name Programm war. Der erhoffte Aufruhr war genauso heftig wie der Verkaufserfolg. Spillane ließ seinem Erstling weitere Hammer-Brachialwerke folgen und wurde ein reicher Mann.
Für einige Jahre hielt er sich schriftstellerisch zurück, fuhr Autorennen, arbeitete als Zirkusartist und gründete eine Filmgesellschaft. Hier gönnte er sich den Spaß, Mike Hammer in dem B-Movie „The Girls Hunters“ (1963, dt. „Der Killer wird gekillt“ / „Die Mädchenjäger“) höchstpersönlich zu mimen. In den 1960er und 70er Jahren wurde Spillane wieder aktiver. Mit dem Geheimdienst-Söldner „Tiger Man“ schuf er sogar einen noch grobschlächtigeren Charakter als Mike Hammer. Aber die Kritik verschweigt gern, dass Spillane auch als Jugendbuch-Autor hervortrat. Für „The Day the Sea Rolled Back“ wurde er 1979 gar mit einem „Junior Literary Guild Award“ ausgezeichnet.
1971 hatte Spillane die Hammer-Serie beendet, sie aber 1989 unter dem erhofften Mediendonner wieder aufleben lassen. Natürlich war Hammers große Zeit längst vorüber; Brutalität und Menschenverachtung gehörten inzwischen zum normalen Unterhaltungsgeschäft. Aber der böse Bube erwies sich als zäh, kehrte 1996 in „Black Alley“ (dt. [„Tod mit Zinsen“) 657 noch einmal zurück und überlebte sogar Spillanes Tod am 17. Juli 2006: In „The Goliath Bone“ räumte er 2008 noch einmal kräftig in der Verbrecherwelt auf.
|Originaltitel: Dead Street
Übersetzung von Lisa Kuppler
222 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-86789-049-6|
http://www.rotbuch.de
Die drei Freunde Slim, Rusty und Dwight sind ganz aus dem Häuschen, als eine reisende Vampirshow ihren Auftritt in der Nähe ihres Heimatstädtchens ankündigt. Endlich ergibt sich die einmalige Chance, einen leibhaftigen Vampir aus der Nähe zu sehen. Sogar eine Vampirin, die betörend und faszinierend schön sein soll. Doch es gibt zwei wesentliche Probleme: Die Show beginnt erst um Mitternacht und für Minderjährige ist der Zutritt verboten. Die Freunde sind fest entschlossen, sich davon nicht abhalten zu lassen, und machen sich gegen Mittag bereits auf den Weg zu der abgelegenen Lichtung, wo die Show stattfinden soll. Ab hier beginnt für das Mädchen und die zwei Jungs ein Alptraum, der um Mitternacht, bei der Vampirshow, seinen grausigen Höhepunkt erreichen soll …
_Meine Meinung:_
„Die Show“ gehört zu den letzten Veröffentlichungen des Autors, der im Februar 2001 verstarb und zu den erfolgreichsten amerikanischen Autoren zeitgenössischer Horror-Literatur zählt. Seine Bücher sind hart, brutal und stecken doch voller hintergründigem Humor. Dabei beginnt „Die Show“ recht harmlos, wie ein Jugendabenteuer der frühen sechziger Jahre.
Slim, Rusty und Dwight sind drei Teenager an der Schwelle zum Erwachsenwerden und wollen einmal in ihrem Leben einen richtigen Vampir sehen. Dwight erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive und zieht den Leser bereits nach den ersten Seiten in die schwül-heiße Atmosphäre eines Spätsommertages, der für die Teenager in einem Desaster enden soll.
Laymon besaß einen wundervoll prägnanten, flüssigen Schreibstil und ein Talent dafür, wirklichkeitsnahe Dialoge zu schreiben. Seine Protagonisten sind völlig normale Jugendliche, die ihrer Abenteuerlust frönen. Allerdings muss man in den Büchern des Autors damit rechnen, dass hinter jeder Ecke ein Psychopath lauert, und so versteht sich von selbst, dass die Story nicht so glimpflich abläuft, wie man zuweilen annehmen möchte. Ansonsten wäre das Buch sicherlich nicht in der Reihe |Heyne Hardcore| erschienen.
Die titelgebende Vampirshow spielt die ersten 400 Seiten eher eine sekundäre Rolle, was dem Lesespaß indes keinen Abbruch tut. Im Gegenteil, denn Laymon entwirft ein unheimlich spannendes, kurzweiliges Szenario, in dem Slim, Dwight und Rusty von einem Fettnäpfchen ins Nächste tappen und langsam ahnen, dass die Leute von der reisenden Vampirshow vermutlich nicht ganz so harmlos sind wie anfangs angenommen. Gekonnt spielt Richard Laymon mit den Gefühlen des Lesers und schickt ihn auf eine Achterbahnfahrt der Emotionen, bangend zwischen Momenten haarsträubender Spannung und Erleichterung. Dabei lässt der Verfasser die Bombe sprichwörtlich am Ende platzen und haut dem Leser ein Finale um die Ohren, das für wahre Adrenalinschübe sorgt.
Auf die Dauer ein wenig ermüdend sind die häufigen hormonell bedingten sexuellen Gedankenspiele des Protagonisten, die man nur dadurch entschuldigen kann, dass dieser gerade mal sechzehn Jahre alt ist. Was Laymon hier präsentiert, ist allerdings kein reinrassiger Vampir-Schocker, sondern ein kompromissloser Psychothriller, der den Leser einmal mehr in die Abgründe menschlicher Seelen entführt. Was die Existenz der Blutsaugerin betrifft, so überlässt es der Autor dem Leser zu urteilen, wer oder was sich hinter der geheimnisvollen Valeria verbirgt. Und diese Entdeckungstour sollte sich kein Liebhaber gut geschriebener Thrillerkost entgehen lassen.
In Sachen Aufmachung sind die Bücher der Reihe |Heyne Hardcore| unübertroffen. Auch bei dem vorliegenden Buch überzeugen die hervorragende Papierqualität, ein gefälliger Satzspiegel und eine einfallsreiches Illustration den Käufer. Das Motiv zeigt ein lädiertes Werbeplakat der Vampir-Show mit dem englischen Originaltitel des Romans. Titel und Logo wurden leicht erhaben gedruckt und machen aus dem Band ein edel gestaltetes Taschenbuch.
_Fazit:_
„Die Show“ ist ein Pageturner, der in einem Zeitraum von gut 27 Stunden spielt und ein packendes Szenario entwirft, das den Leser erst wieder loslässt, wenn er das unerträglich spannende Finale endlich hinter sich gelassen hat. Rasant, subtil, authentisch und zum Schluss einfach „hardcore“.
_Der Autor:_
Richard Laymon wurde 1947 in Chicago geboren und studierte in Kalifornien englische Literatur. Er arbeitete als Lehrer, Bibliothekar und Zeitschriftenredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete und zu einem der bestverkauften Spannungsautoren aller Zeiten wurde. 2001 gestorben, gilt Laymon heute in den USA und Großbritannien als Horror-Kultautor, der von Schriftstellerkollegen wie Stephen King und Dean Koontz hoch geschätzt wird.
|Originaltitel: The Travelling Vampire Show
Originalverlag: International Scripts / Schlück
Übersetzt von Thomas A. Merk
Ausgezeichnet mit dem Bram Stoker Award
Taschenbuch, 528 Seiten
ISBN-13: 978-3-453-67512-4|
http://www.heyne-hardcore.de
http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm
http://www.heyne.de
Der amerikanische Autor James Sallis wurde für seinen Thriller „Driver“ gerade mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet. Der Münchner Verlag |Liebeskind| veröffentlicht nun einen weiteren, deutlich älteren Roman des Autors. „Deine Augen hat der Tod“ erschien bereits 1997 als amerikanische Originalausgabe, also deutlich vor „Driver“. Die Frage, die bleibt, ist, ob Sallis damals auch schon so gut schrieb, dass das Ergebnis eine solche Auszeichnung rechtfertigt.
Hauptperson der Geschichte ist David, ein ehemaliger Geheimagent, der sich zur Ruhe gesetzt hat und ein friedvolles Leben mit seiner Freundin Gabrielle verbringt. Eines schönen Morgens erhält er einen Anruf seines ehemaligen Arbeitgebers, der ihn darum bittet, einen Agenten namens Luc Planchat zu eliminieren.
Planchat gehörte zum selben Ausbildungsjahrgang wie David und hat sich ebenfalls von der Agentur losgesagt. Trotzdem wurde er weiter beobachtet, und es scheint, als ob es in Planchats Leben ein paar Unregelmäßigkeiten gibt. Mysteriöse Mordfälle werden ihm in die Schuhe geschoben, und da Planchat zu den Besten gehörte, ist es nur schwer möglich, ihn aufzutreiben. Nur einer kann das: David. Obwohl er lieber weiterhin in Ruhe leben möchte, macht er sich auf den Weg. Er durchquert halb Amerika auf der Suche nach einem Phantom und kommt dabei immer wieder in heikle Situationen. Er weiß, er wird verfolgt, aber genau das wollte er erreichen …
„Deine Augen hat der Tod“ ist ein sehr komplexer Roman. Obwohl die Handlung ein wenig wie ein Roadmovie anmutet – und die Geschichte auch Züge davon aufweist -, handelt es sich letztendlich eher um die Charakterstudie eines Mannes, der von seiner Vergangenheit verfolgt wird und anstatt dagegen anzukämpfen eher resigniert wirkt. Auf noch nicht mal zweihundert Seiten packt der Autor neben dieser Charakterstudie außerdem eine überaus komplexe Handlung sowie Davids persönliche Gedanken und Erinnerungen – eigentlich Stoff für ein Buch, das mindestens doppelt so dick ist, und genau das ist des Pudels Kern.
Sallis reduziert alles, was die Geschichte ausmacht, auf das Nötigste. Beschreibungen von Situationen sind selten, die Schauplätze werden zumeist nur umrissen. Während Letzteres keinen wirklich störenden Effekt hat, sondern aufgrund seiner Intensität Lob verdient, ist Ersteres an mehr als einer Stelle störend. Um es ganz ehrlich zu sagen: „Deine Augen hat der Tod“ verlangt seinem Leser einiges ab. Durch die Kürze fehlt häufig Hintergrundwissen, das man sich nicht immer in ganzem Umfang erschließen kann, was wiederum dazu führt, dass einige Ereignisse unverständlich bleiben. Sie können nicht dem Handlungskontext zugewiesen werden, manchmal bleibt sogar unklar, was denn nun überhaupt passiert ist und wer die Beteiligten – neben David – waren. Bei manchen Autoren mag so etwas wie ein geschickter Schachzug aussehen, aber in diesem Fall gelingt es Sallis nicht, das Verhältnis zwischen vermittelten und zurückgehaltenen Informationen ausgewogen zu gestalten. Selbst nach erneuter Lektüre bleiben einige Fragen offen, und das ist nicht unbedingt der Königsweg, um einen Leser bei Stange zu halten.
Der Verzicht auf den Ballast hat allerdings auch eine positive Folge. Das Buch wird spannend, die Handlung schreitet flott voran und enthält keine Längen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass das Geschehen häufig zu komplex ist für jemanden, der sich mit dem Procedere bei einer solchen Agentur wie Davids nicht auskennt. Einige Handlungen Davids wirken auf den ersten Blick seltsam. Er denkt nun mal immer noch wie ein Agent. Leider breitet Sallis viel zu wenig aus, was diese Denke ausmacht, so dass auch hier Fragezeichen zurückbleiben. Dass das Buch trotzdem einigermaßen verständlich und vor allem gut lesbar bleibt, ist vor allem Sallis‘ Schreibstil zu danken, gegen den man nun wirklich nichts einwenden kann.
Der Autor schreibt mit seinen 64 Jahren Lebenserfahrung sehr gewandt und – wenn man bedenkt, wie kurz er sich hält – geradezu virtuos. Sein Stil hat etwas ganz Eigenes, wenn man sich erst mal an die Einsilbigkeit, die vielen Sprachbilder und die Chiffriertheit gewöhnt hat. Er schöpft aus einem sehr großen Wortschatz und findet stets die treffenden Bezeichnungen, um mit wenigen Worten ein Bild vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen. Ähnlich verhält es sich mit der Hauptperson. Das Wissen über David zieht der Leser hauptsächlich aus dem, was der ehemalige Agent denkt. Seine Gedanken werden, ähnlich einem inneren Monolog, auf den Buchseiten ausgebreitet. So etwas kann natürlich auch leicht danebengehen, aber Sallis‘ wortkarger, jedoch intensiver Stil sorgt dafür, dass David sehr viel Tiefe und Authentizität erlangt.
„Deine Augen hat der Tod“ ist eine zwiespältige Angelegenheit. Die Handlung ist sehr komplex, das Verständnis stellenweise mühsam zu erarbeiten. Auf der Habenseite steht allerdings ein Schreibstil, der unglaublich ganzheitlich, intelligent und ausgefeilt wirkt. Ob man das Buch letztendlich lesen will, ist sicherlich Geschmacksache. Wer ein Fan von undurchsichtigen Handlungen ist, wird sich hier wohlfühlen. Wer dagegen leicht verständliche, aber spannende Krimiliteratur bevorzugt, der sollte sich lieber nicht auf dieses Experiment einlassen.
|Originaltitel: Death will have your Eyes
Aus dem Englischen von Bernd W. Holzrichter
Gebunden, 192 Seiten
ISBN-13: 978-3-935890-56-4|
http://www.liebeskind.de
Das Szenario ist klassisch: ein Ort, abgeschnitten von der Außenwelt, an dem Menschen der Willkür eines unheimlichen Mörders ausgeliefert sind. Hier müssen sie irgendwie mit der Gefahr fertig werden, zumindest bis von Außen Verstärkung eintrifft.
Genau dieser klassischen Rezeptur bedient sich auch Sebastian Fitzek in seinem aktuellen Roman „Der Seelenbrecher“. Der von der Außenwelt abgeschnittene Ort ist in diesem Fall eine psychiatrische Luxusklinik, und der unheimliche Mörder ist der titelstiftende Seelenbrecher.
Der Seelenbrecher ist ein perfider Psychopath. Drei junge Frauen sind ihm bereits zum Opfer gefallen. Sie alle verschwanden für eine Woche und kehrten psychisch völlig gebrochen wieder zurück. Alle drei Frauen wirkten nach ihrem Wiederauftauchen, als wären sie in ihrem eigenen Körper begraben. Niemand dringt mehr zu ihnen durch, sie nehmen nichts mehr wahr. Eine starb gar an den Folgen.
Südafrika ist auf der Weltkarte der Kriminalliteratur bislang nicht besonders stark vertreten. Einer, der sich darum bemüht, dies zu ändern, ist Deon Meyer. Mit „Weißer Schatten“ legt er einen Roman über einen weißen Südafrikaner mit unsauberer Vergangenheit vor, der als Bodyguard Staatsmänner und Privatleute auf Südafrikas Straßen beschützt.
Eines Tages bekommt Lemmer den Auftrag von Emma Le Roux, sie auf einer Reise zum Kruger-Nationalpark zu begleiten und auf sie aufzupassen. Vor kurzem hat es einen Überfall auf sie gegeben, doch die Polizei nimmt die Sorgen der jungen Frau nicht sonderlich ernst. Emma glaubt, dass der Überfall damit zusammenhängt, dass ihr Bruder, der vor Jahren spurlos verschwand, wieder aufgetaucht ist. Sie glaubt, ihn in den Nachrichten erkannt zu haben, wo er wegen des Mordes an Geierwilderern gesucht wird.
Gemeinsam mit Lemmer macht sie sich auf den Weg, um Jacobus‘ Spuren zu verfolgen, und schnell wird klar, dass der Überfall auf sie ernst genommen werden sollte. Am Abend findet sich in ihrem neuen Appartement eine hochgiftige schwarze Mamba, die Lemmer nur im letzten Augenblick beseitigen kann. Es scheint, als seien die beiden auf eine Sache gestoßen, die jemand nicht aufgedeckt haben möchte. Gemeinsam ermitteln sie weiter und finden dabei heraus, dass Jacobus möglicherweise tatsächlich am Leben ist.
Leicht ist die Suche nach ihm aber nicht. Inspector Jack Phatudi stellt sich quer und hilft den beiden nicht, sondern schickt ihnen sogar seine Männer hinterher. Als die beiden gerade unterwegs zu ihrem Quartier sind, gelangen sie in einen Hinterhalt, bei dem Emma ernsthaft verletzt wird. Lemmer, der während ihrer Reise so etwas wie Gefühle für Emma entdeckt hat, schwört, die Täter aufzuspüren und zu eliminieren – und den verschollen geglaubten Jacobus zu finden.
Man muss außenpolitisch nicht besonders bewandert zu sein, um zu wissen, dass Afrika ein Land ist, das sich mit Deutschland nicht so leicht vergleichen lässt. Recht und Ordnung werden dort anders definiert als hierzulande, und dementsprechend ist Lemmers Tätigkeit eine berechtigte. Der Autor, der seine Karriere als Journalist begann, schafft es, die Zustände, die in Südafrika herrschen, gut zu skizzieren und auch historisch wichtige Ereignisse anzureißen, ohne ins Schwafeln zu geraten. Trotzdem sind die politischen und privaten Machtspiele, denen man während der Lektüre immer wieder begegnet, nicht einfach zu durchschauen. Dadurch und durch die unübersichtliche Anzahl von Personen gerät das Buch immer wieder ins Stocken. Obwohl eigentlich spannend, fällt es manchmal schwer, bei der Stange zu bleiben. An einigen Stellen zieht sich die Geschichte unnötig in die Länge, ist an und für sich aber gut lesbar.
Die Figur des Lemmers ist ausgereift, doch Meyer erfindet das Rad bei seiner Charakterskizzierung nicht neu. Schweigsame Männer in gefährlichen Jobs, die nach einem Ausrutscher in ihrer Vergangenheit zu mehr oder minder tugendhaften Geläuterten wurden, gibt es beileibe genug. Es ist schade, dass Meyer diesem Stereotyp keine eigene Note verleiht. Auch die anderen Personen wirken oberflächlich, da der Autor zu selten ins Detail geht. Passend zum nüchternen Schreibstil spielen Emotionen keine große Rolle in der Geschichte und dementsprechend wenig Tiefe weisen die Personen auf.
Der Schreibstil ist, wie bereits erwähnt, eher trocken und sachlich. Das ist allerdings ein geschickter Schachzug, denn es wird aus der Ich-Perspektive Lemmers erzählt, und dieser ist selbst kein Mann der großen Worte. Dementsprechend flüssig und zusammenpassend wirken Hauptperson und Schreibstil. Hinzu kommt, dass Meyer insgesamt sehr versiert und sicher schreibt. Er weiß genau, was er erzählen möchte, und fasst dies in einfache, leicht verständliche Worte. Abschweifungen und unnötigen Ballast lässt der Autor von vornherein weg. Abgesehen von ein paar dramaturgischen Schleifen ist das Buch daher angenehm abgespeckt, auch wenn ab und an mehr Tiefe nicht geschadet hätte.
Deon Meyer hat mit „Weißer Schatten“ einen soliden Thriller geschrieben, der vor einer für den europäischen Leser exotischen Kulisse spielt. Abstriche muss man vor allem bei der etwas langsamen Handlung und den wenig ausgearbeiteten Charakteren machen, während der Schreibstil sowohl die Stimmung der Geschichte als auch die Ansichten der erzählenden Hauptperson gut vermittelt.
|Originaltitel: Invisible
Aus dem Englischen von Ulrich Hoffmann
Hardcover, 421 Seiten
ISBN-13: 978-3-352-00759-0|
http://www.aufbau-verlagsgruppe.de
http://www.deonmeyer.com
Polina Daschkowa gehört zu den bekanntesten russischen Autorinnen in Deutschland, und mit schöner Regelmäßigkeit erscheint ein neuer Roman von ihr auf dem hiesigen Büchermarkt. „Das Haus der bösen Mädchen“ ist 2008 an der Reihe, obwohl der Roman im Original schon vor acht Jahren erschienen ist.
Ermittler Ilja Borodin hat es mit einem verzwickten Fall zu tun. Die Spielzeugdesignerin Lilja wird in ihrer Wohnung erstochen aufgefunden, und die Täterin ist der Polizei sozusagen vors Auto gelaufen: Ljussja ist die Nichte der Verstorbenen und behauptet standhaft, ihre Tante umgebracht zu haben. Viel kann man auf ihre Worte jedoch nicht geben, denn Ljussja ist debil. Borodins Vorgesetzter ist deshalb davon überzeugt, dass dieser Fall gelöst wäre, doch Borodin glaubt nicht daran. Das wäre wirklich zu einfach. Außerdem wurde ein Wollkorb aus der Wohnung der Toten gestohlen und wird bei einer Obdachlosen gefunden. Wenig später stirbt auch diese. Das kann kein Zufall sein.
Borodin beginnt in alle Richtungen zu ermitteln. Er sucht nach dem unauffindbaren Kinderheim, in dem Ljussja untergebracht war, sowie nach ihrem unbekannten Vater und gerät dabei schnell in Kreise, aus denen er seine Nase lieber heraushalten sollte …
Ein Daschkowa ist ein Daschkowa. Um das Wichtigste vorwegzunehmen: Die Autorin liefert mit „Das Haus der bösen Mädchen“ nichts ab, was man in dieser Form nicht von ihr erwartet hätte. Es ist ihr Glück, dass die Daschkowa-Standardware anderen Büchern immer noch weit voraus ist. Was diesen Krimi ebenso wie ihre anderen auszeichnet, ist eine dichte, komplexe Handlung. Sie überfordert den Leser an der einen oder anderen Stelle vielleicht, aber alles Ungewisse wird sich im späteren Verlauf klären. Dadurch entsteht sehr viel Spannung, denn die Autorin beweist großes Geschick bei der Zusammenführung der verschiedenen Handlungsstränge. Wer es gerne verworren und spannend mag, mit einem Hauch Moskauer Unterwelt gewürzt, wird in diesem Roman gut bedient.
Eine weitere Spezialität, die Polina Daschkowas literarisches Schaffen auszeichnet, ist ihr Auge fürs Detail. Sie verwendet Kleinigkeiten, um ihre Personen möglichst lebendig und interessant zu schildern. Dazu benutzt sie eine amüsante Sprache, die häufig mit einem Augenzwinkern arbeitet und die Charaktere fast schon komödiantisch darstellt. Jede einzelne Figur ist gut ausgearbeitet und überrascht durch passende und ungewöhnliche Charakterzüge.
Dadurch, dass Borodins Perspektive nicht die einzige ist, erhält man Einblicke in sehr unterschiedliche Biografien und Alltagserlebnisse. Es kommt keine Langeweile auf, denn bevor man sich versehen hat, hat Daschkowa eine weitere Person eingeführt, deren Rolle im Geschehen erst mit der Zeit deutlich wird. Die kleinen Geschichten rund um ihre Personen enthalten auch viel Unwichtiges, aber sie sind sehr schön zu lesen und erklären das Verhalten und die Taten der Charaktere. Zudem erfährt der deutsche Leser, der vielleicht nicht so viel Ahnung von Russland hat, einiges über den Alltag dieses Landes, was häufig amüsant, genauso oft aber auch erschreckend ist. Das Positive daran ist, dass Polina Daschkowas persönliche Meinung dabei nicht zum Tragen zu kommen scheint. Sie wird nie sozialkritisch oder wertend, sondern, wie es ihre Art ist, betrachtet das Ganze eher mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie verklärt es nicht, beschimpft es aber auch nicht, sondern nimmt es vielmehr ein wenig auf die Schippe.
In der Summe ist „Das Haus der bösen Mädchen“ ein weiterer guter Roman in Daschkowas Bibliografie. Fans werden ihn lieben, und wer die Autorin noch nicht kennt, kann sie durch diesen Roman gut kennenlernen. Obwohl er vor einigen ihrer anderen Werke im Original erschienen ist, kann er sich sehr wohl mit diesen messen, und das ist der einzige Ansatzpunkt für Kritik: Auch wenn Polina Daschkowa es schafft, jede ihrer Geschichten eigenständig wirken zu lassen, ähneln sich die Krimis untereinander schon alleine wegen ihres Aufbaus. Der verworrene Kriminalfall, der Stück für Stück entwirrt werden muss, erscheint beinahe in jedem ihrer Werke – allerdings auf so hohem Niveau und so spannend präsentiert, dass man gern darüber hinwegsehen kann.
|Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Gebunden, 391 Seiten
ISBN-13: 978-3-351-03241-8|
http://www.aufbau-verlagsgruppe.de
_Polina Daschkowa bei |Buchwurm.info|:_
[„Für Nikita“ 807
[„Keiner wird weinen“ 4224
[„Der falsche Engel“ 4359
Terroristen stehlen radioaktives Material aus einem Krankenhaus und ermorden einen Arzt. Nicht nur die Mordkommission, sondern auch diverse Bundesbehörden machen sich an die Aufklärung und verursachen vor allem ein heilloses Durcheinander, das dem Gegner gefährlich viel Zeit lässt, die Polizist Harry Bosch im Alleingang einholen muss … – ‚Normale‘ Polizeiarbeit trifft auf moderne Terroristen-Hysterie: Beide Aspekte weiß der Verfasser zu einem spannenden Roman zu verschmelzen, der trotz seines geringen Umfangs zu den besseren der Bosch-Reihe zählt. Michael Connelly – Kalter Tod [Harry Bosch 13] weiterlesen →
Am 30. Juni 1908 kam es in der Region Tunguska im Mittelsibirischen Bergland zu einer verehrenden Explosion. Das zerstörte Gebiet hatte eine Größe von ca. 2200 Quadratkilometern, rund 60 Millionen Bäume wurden umgeknickt. Noch in 500 Kilometern Entfernung wurde von einem hellen Feuerschein berichtet, ebenso berichteten die wenigen Zeugen – Passagiere der Transsibirischen Eisenbahn – von einer Druckwelle mitsamt Erschütterungen und Donner. Aufgrund der Abgeschiedenheit des Territoriums konnte das Gebiet erst 1927 von einer Expedition aufgesucht und erforscht werden. Erschwerend kam hinzu, dass es erst 1938 möglich war, Luftaufnahmen zu machen, die auch Jahre später noch Zeugnis der Katastrophe geben konnten.
Auch jetzt noch, 100 Jahre später, ist es unserer modernen Wissenschaft und ihren technologischen Mitteln nicht zweifelsfrei möglich aufzuklären, was damals wirklich passiert ist, welche Explosion mit einer Sprengkraft von zehn bis 15 Megatonnen TNT einen ganzen Landstrich förmlich ausradieren konnte. Verschiedene namhafte Wissenschaftler verfassten in den letzten Jahrzehnten ebenso viele verschiedene Theorien dazu. War es ein Meteorit, der aus den Tiefen des Alls auf die Erde stürzte? War es ein Vulkanausbruch über einem gigantischen Erdgasfeld oder gar zwei havarierende extraterrestrische Raumschiffe? Jede einzelne Theorie wird wissenschaftlich mit Indizien unterstützt, doch beweisbar ist sind diese im Detail bislang nicht.
Vielleicht war es auch ein geheimes Projekt, die sogenannte „Zar-Bombe“, das höllisch eskaliert ist?! Die Verwüstung, sollte es wirklich eine Bombe gewesen sein, entspricht in etwa der Sprengkraft von 50 Megatonnen TNT, also der mehr als tausendfachen Sprengkraft der über Hiroshima abgeworfenen Atombombe „Little Boy“.
Was auch immer diese Zerstörung verursacht hat, das Ereignis gibt Wissenschaftlern und zahlreichen Verschwörungstheoretikern Raum für waghalsige Theorien, und auch in Literatur und Film findet sich dieses Thema ab und an wieder. Die Autorin Martina André, die auch schon [„Das Rätsel der Templer“ 4654 und „Die Gegenpäpstin“ verfasste, behandelt in ihrem neuen Roman „Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska“ diese Katastrophe in der Taiga Sibiriens.
Neben diesem rätselhaften Ereignis spielen die sibirischen Schamanen, wie der Titel des Buches bereits verrät, eine zentrale Rolle und bilden den entscheidenden Übergang zweier Epochen, in denen der Grund und die Auswirkungen der Katastrophe spannend und unterhaltsam geschildert werden.
_Inhalt_
Der 22. Januar des Jahres 1905, der sogenannte „Blutsonntag“, soll das Leben von Leonard Schenkendorff, einem deutschen Studenten, der in Sankt Petersburg am Polytechnischen Institut lernt, vollständig verändern. An diesem schicksalhaften Tag wird es in der Innenstadt der russischen Metropole eine Demonstration der Industriearbeiter geben, die gegen Zensur, unmenschliche Arbeitsbedingungen und für die religiöse Toleranz eintreten wollen. Leonard, der sich mit seiner jungen Freundin Katja auf dem Weg zum Winterpalast des Zaren befindet, ahnt schon, dass diese Demonstration eskalieren wird. Zu viele Menschen ballen sich in der klirrenden Kälte wütend und enttäuscht zu einem gefährlichen Mob. Erwartet wird dieser schon von der staatlichen Polizei und Kosaken, die scheinbar nur darauf hoffen, die Kundgebung mit brutaler Gewalt beenden zu können, ganz gleich, wie viele Frauen und auch Kinder sich friedlich der Menge angeschlossen haben mögen. Alles deutet auf eine Revolution hin.
Als der Bruder Katjas, ein bekannter gewaltbereiter Radikaler, eine deutsche Waffenfabrik stürmt, um an Schusswaffen zu gelangen, eskaliert die Situation. Katja erschießt einen Polizisten, und Leonard, der seinen alten jüdischen Vermieter vor der wütenden Menge verteidigt, wird zu Unrecht festgenommen und für den Tod des alten Mannes verantwortlich gemacht.
In dem berüchtigsten Gefängnis Petersburgs werden Leonard und Katja gefoltert und misshandelt. Ein schneller Prozess folgt, ein ebenso schnelles wie kompromissloses Urteil wird ausgesprochen. Tod durch Erschießen erwartet die beiden jungen Menschen, doch Leonard wird von einem Geheimdienstbeamten vor die Wahl gestellt, sich und Katja dem Todesurteil zu ergeben oder aber in ein Arbeitslager in Sibirien deportiert zu werden.
Das Schicksal von Katja liegt in Leonards Händen, einen Ausweg gibt es nicht; vielleicht, so denkt er, kann er das „Tal ohne Wiederkehr“ überleben. In diesem Lager sollen er und andere Schwerverbrecher und Verräter für den Zaren an einem Geheimprojekt arbeiten, um Russland wieder eine größere politische und vor allem militärische Machtstellung zu ermöglichen.
Auf dem Weg in die Taiga werden einige der Häftlinge und ihre Wächter durch einen Unfall schwer verletzt. In diesem unzivilisierten Gelände fernab von Medizin und Versorgung kommt die einzige Hilfe von der Urbevölkerung. Ein Schamane – Zauberer und Medizinmann, der die Geheimnisse der Natur und ihrer Geister kennt – hilft den Verletzten, die nur staunend und ungläubig auf das sehen, was vor ihren eigenen Augen geschehen ist.
Das Leben im Arbeitslager ist für Leonard und andere Studenten, die unter ähnlichen Umständen verhaftet und verurteilt wurden, verhältnismäßig human. Die jungen Leute, die für ihr Überleben und in der Hoffnung, freigelassen zu werden, an einer Waffe bauen, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellen soll, benötigen wenig später erneut die Hilfe der unheimlichen Schamanen, um das Experiment vervollständigen zu können, aber sie ahnen nicht, dass diese Entscheidung ein tödlicher Fehler sein wird.
Einhundert Jahre später: Die junge deutsche Wissenschaftlerin Dr. Veronika Vandenberg soll mit ihrem Professor und einem Team von Geologen und anderen Wissenschaftlern unter der Aufsicht und Hilfe von russischen Kollegen das Gebiet rund um den Fluss Tunguska erforschen, um Beweise für einen Meteoriteneinschlag zu finden.
Als die deutsche Delegation von Berlin-Schönefeld aufbricht und Stunden später in der steinigen Tunguska ankommt, erwarten die kleine Expedition zahlreiche Überraschungen. Finanziert wird das Forschungsunternehmen von einem neureichen russischen Geschäftsmann, der sein Geld durch das Fördern von Erdgas verdient. Aalglatt und korrupt in seinem Auftreten, weckt er nicht im mindesten Sympathie bei der deutschen Gruppe von Forschern. Auch seine gedungenen Söldner stärken das Vertrauen nicht, weder bei den deutschen noch bei den russischen Kollegen aus dieser Region, die außer ein paar Ureinwohnern, den Ewenken, noch immer nicht dichter besiedelt ist als vor knapp hundert Jahren.
Als Dr. Viktoria Vandenberg und ihre Kollegen bei einem Tauchgang in dem nahegelegenen See, der die Einschlagstelle des Meteoriten gewesen sein soll, eine merkwürdige Stange bergen wollen, entweicht eine Gasblase und zieht Viktoria mit unglaublicher Gewalt, die eine Flutwelle auslöst, mit sich.
Die junge Frau wird von einem Einsiedler mehr tot als lebendig geborgen. Der ehemalige Soldat mit dem Namen Leonid, der in der Taiga aufgewachsen ist und wie sein Onkel schamanistische Kräfte besitz, wirkt eindrucks- und geheimnisvoll auf die junge Forscherin. Viktoria verliebt sich in den Nachfahren eines mächtigen Schamanen, und dieser ahnt, dass sein eigenes Schicksal mit dem Rätsel von Tunguska unlösbar verbunden ist.
_Kritik_
Die Autorin Martina André verbindet in ihrem Roman „Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguksa“ gekonnt Fiktion und Fakten. Ihr neuer Roman ist spannend, abwechslungsreich und inhaltlich sehr gründlich recherchiert.
Erzählt wird die Handlung über zwei Zeitebenen: die der Revolution um 1905, in der das Schicksal des jungen Leonards untrennbar mit der Katastrophe von Tunguska verbunden ist, und jene der Gegenwart, einhundert Jahre später, in der die wissenschaftliche Delegation die Ursache dieser vernichtenden Kraft erforschen will. Abwechselnd werden beide Geschichten parallel zueinander immer weiter ausgebaut, ohne dabei vorab dem Leser mehr zu verraten als unbedingt nötig, was der Spannung nur zuträglich ist.
Dieser Spannungsbogen baut sich von den ersten Seiten an konstant weiter auf. Allerdings ist die Handlung im Jahre 1905 atmosphärisch dichter, dafür ist die Gegenwart umso reicher an Actioninhalten. Dies ist wohl von der Autorin so gewollt und auch in sich logisch für die Entwicklung der Geschichte.
Interessant und packend wird der Beginn des „Blutsonntags“ dargestellt, einhergehend mit der Verhaftung der beiden Protagonisten Leonard und Katja, die auch später in der Handlung noch eine Rolle spielen werden. Dabei kann man als Leser beinahe spüren, wie die Gewaltbereitschaft ansteigt und letztlich ausbricht. Die Deportation und das Leben in der Gefangenschaft eines russischen Arbeitslagers sind rührend und dramatisch beschrieben. Wie auch immer die Bedingungen wirklich in solchen Arbeitslagern gewesen sein mögen – Martina André versteht es ausgezeichnet, die Ängste und den Schrecken der jungen Menschen dort einzufangen und bildlich darzustellen.
Mit viel Sinn fürs Detail erschafft die Autorin rund um die Protagonisten eine Welt, in der Gewalt, Angst und Verzweiflung ebenso ihren Platz und Stellenwert haben wie Mut, Selbstaufgabe und Liebe. Auch erotische Elemente haben ihren Platz in „Schamanenfeuer“ gefunden, was im Zusammenspiel mit den romantischen Inhalten besonders Leserinnen in ihren Bann schlagen wird. So wie Dr. Viktoria Vandenberg als starke und intelligente Frau der Moderne erscheint, ist der geheimnisvolle Einsiedler Leonid als männlicher Archetyp konzipiert. Während sie den modernen wissenschaftlichen Part übernimmt, stellen die Schamanen in der Handlung das mystische Element dar, die große Unbekannte, die Religion und Naturwissenschaften ‚geistreich‘ kombiniert.
Als schriftstellerische Freiheit lässt André ihre Schamanen aktive Zauberei ausüben und mystische Kräfte benutzen. Belegt ist allerdings, dass es Schamanen in den Regionen Sibiriens und der Mongolei gab und in geringer Zahl noch immer gibt. Das Wirken dieser Medizinmänner als sozialer und religiöser Randgruppe wurde von russischen Regimen und den Zaren nicht gerne gesehen, aber dennoch ersetzten sie die modernen Ärzte oftmals bei körperlichen und seelischen Krankheiten.
Romane, die im Ansatz ein wissenschaftliches Thema präsentieren, sind keine einfache Sache, und der Autor setzt sich mit seinen Ansichten stets kontroversen Meinungen und Kommentaren aus. Beiden Seiten gerecht zu werden, gelingt der Autorin hier ohne große Schwierigkeiten. Für manchen Leser wirkt der Schamanismus im Buch zwar eher wie fauler Zauber, der mit psychischen Tricks die Wahrnehmung der Zuschauer manipuliert, doch wird man solcherlei religiös durchsetzte Naturmedizin, wissenschaftlich ohnehin kaum analysieren können.
Martina André hat sich wie immer die allergrößte Mühe gegeben, ihre Handlung sauber mit Recherchen zu unterstützen und realitätsnah zu beschreiben, in diesem Fall insbesondere die Entwicklung einer auf Wasserstoff basierenden Waffe, an der Leonard von Schenkendorff zusammen mit anderen internierten Wissenschaftlern arbeitet. Wie auch eingangs schon angemerkt, wird die Ebene der Vergangenheit dichter und attraktiver erzählt. Auch sind dort die Protagonisten mit ihrer Charakterisierung vielfältiger und komplexer entworfen als ihre ‚Nachfahren‘. Doch auch dieser Eindruck ist eine Frage der der Perspektive einzelner Leser. Die Figuren der Gegenwart, die eher den aktiveren Part innehaben, sind solide und klarer umrissen konzipiert, dafür aber wechseln sie – sprachbildlich und wörtlich – doch oftmals die Lager, was der Handlung an Abwechslung und Wendungen sehr gut tut.
Augenzwinkernd beschreibt die Autorin am Rande einzelne Passagen aus der jüngeren und älteren Geschichte Russlands. Der Tschetschenienkrieg findet ebenso Beachtung wie beispielsweise das korrupte Verhalten einzelner Geschäftsleute, was allerdings weniger belehrend als vielmehr schelmisch und mit ironischem Humor präsentiert wird.
_Fazit_
„Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska“ von Martina André ist wie ihre anderen Romane ausgesprochen empfehlenswert. Mit unterhaltsamer Spannung und gut recherchiertem Hintergrund versehen, ist es ein Vergnügen, diesen Roman zu lesen. Sollte an manchen Stellen allerdings der Leser skeptisch werden, gerade in jenen Kapiteln, in denen die Schamanen ihre Kräfte zeigen, so sollte man diese Vorgänge als Teil der hier präsentierten Geschichte hinnehmen. Genauso interessant und vielschichtig wird das zentrale Thema rund um die Katastrophe von Tunguska bearbeitet, die auch heute noch offene Fragen für Forschung und Wissenschaft bereithält. Auch hier lohnt es sich, selbst näher zu recherchieren.
_Die Autorin_
Martina André wurde 1961 in Bonn geboren. Sie ist Beamtin im Bundesministerium des Inneren und schreibt Action-Romane im mythisch-mystischen Bereich. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Nähe von Koblenz.
007 – die Kennung für den wohl bekanntesten fiktiven Geheimagenten in Literatur und Film. Der britische Schriftsteller Ian Fleming ist der Vater des Agenten mit der „Lizenz zum Töten“, und dieser Geheimdienstler hat schon längst einen Kultstatus erreicht und ist zu einer popkulturellen Ikone ganzer Generationen geworden.
Anders als in den Filmen ist der literarische James Bond ein „normaler“ Mensch, verletzbar, kein Übermensch, mit vielen Schatten auf seiner Seele, ab und an verzweifelt, er ist ironisch, sarkastisch und teils auch verbittert, was dieser Figur eine gewisse Tiefe in der Charakterisierung ermöglicht.
1964 verstarb Ian Fleming in der Grafschaft Kent. Er schrieb zwölf James-Bond-Romane und neun Kurzgeschichten. Interessant ist, dass Ian Fleming im Zweiten Weltkrieg bei der britischen Marine im Nachrichtendienst tätig und somit faktisch selbst ein Spion war.
Jetzt ist „James Bond“ zurück: Der von der Erbengemeinschaft Flemings dafür berufene Autor Sebastian Faulks hat den ersten neuen Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ veröffentlicht.
_Inhalt_
James Bond ist sowohl psychisch als auch physisch angeschlagen, und „M“ verurteilt den Agenten zu einer dreimonatigen Pause. In diesem Urlaub soll Bond zu Kräften kommen und sich Gedanken über seine Zukunft machen; zu vieles hat er schon erlebt und gesehen, viel mehr, als einem Menschen zumutbar wäre, und seine körperlichen Narben sind nicht die einzigen Spuren, die ihn zweifeln und grübeln lassen.
Doch „M“ ruft James Bond wieder zurück, um einen gefährlichen Auftrag zu übernehmen: Der hochgebildete, charismatische Dr. Julius Gorner hat vor, das britische Königreich mit Drogen zu überschwemmen, um die schon von sich aus instabile und gefährliche politische Lage inmitten des Kalten Krieges weiter zu gefährden.
James Bond verfolgt Gorner durch den Orient bis nach Russland; die Jagd endet, wo sie begann: in der französischen Metropole Paris. Auf dieser Schnitzeljagd wird er wie immer unterstützt von einer schönen, bezaubernden Frau mit eindrucksvollen Eigenschaften und erhält tatkräftige Hilfe durch Rene Mathis und seinen verkrüppelten Kollegen und CIA-Agenten Felix Leiter.
_Kritik_
Sebastian Faulks schreibt zwar als Stimme von Ian Fleming, er ist es jedoch nicht. Das Rezept ist zwar das gleiche geblieben, aber der Geschmack ein wenig fade. Inmitten eines Szenarios der 60er Jahre bedient sich Faulks legitimer Mittel, um James Bond so zu konzipieren, wie Fleming ihn geschaffen hatte. Diese Basis des Romans ist leicht erkennbar und führt zu aus heutiger Sicht eher beschmunzelnswerten Anachronismen. Die Geschichte ist für heutige Leser eher nostalgisch und nicht mehr zeitgemäß; die 60er Jahre und der damalige Kalte Krieg sind schon lange Geschichte, und wenn man dann von schlechten Funkübertragungen lesen muss oder der Suche nach einer Telefonzelle, vom Nichtvorhandensein neuer und uns vertrauter Medien ganz zu schweigen, so wirkt das Gelesene allzu irreal und in der Zeit verloren.
Historische Momente werden auch in „Der Tod ist nur der Anfang“ integriert: Vietnam, der Kalte Krieg, die Spannungen zwischen West und Ost. Die üblichen Klischees weichen nicht von denen eines beliebigen vorhergehenden James-Bond-Romans ab. Sicherlich passt das in die Handlung und zur Erwartungshaltung treuer Flemming-Leser, aber die Story wirkt dadurch noch vorhersehbarer, als sie ohnehin schon ist. Etwas individueller hätte die Geschichte schon sein können; denke ich da beispielsweise an den letzten Film „Casino Royale“ zurück, so nenne ich das wohl eine gelungene Adaption der Thematik.
Dr. Julius Gorner ist der traditionelle Bösewicht. Wie so viele Kontrahenten, weist er ein körperliches Manko auf, aber sein Intellekt ist maßlos durch- und übertrieben. Auch hier fehlt nicht der tödliche Handlanger und Diener der Bond verletzen, foltern und verprügeln darf. Hinzu kommen noch die haarsträubenden Nebenhandlungen, die völlig überflüssig zu sein scheinen. Nun, vielleicht war es notwendig, verschiedene Actioneinlagen einzubauen, um der Handlung ein wenig Spannung beizumengen. Die Logik bleibt dabei jedoch gänzlich auf der Strecke und überlässt überflüssig brutalen Morden die Arena.
Ein Duell zwischen Bond und Gorner gibt es selbstverständlich auch; diesmal ist die Waffe aber kein vergoldeter Colt, sondern ein Tennisschläger, und der Schauplatz ist nicht die Karibik oder der Pokertisch, sondern ein Tennisplatz. Dieses Match gehört allerdings zum Spannendsten, was die Handlung überhaupt zu bieten hat.
Die charakterliche Tiefe der Protagonisten lässt indes zu wünschen übrig, und ihre Motivationen sind überhaupt nicht nachvollziehbar. Derlei Einsprengsel helfen der Handlung nur dabei, inhaltliche Lücken zu schließen, um langsam und angeschlagen dem Ende der Geschichte entgegenzuhumpeln.
_Fazit_
Sebastian Faulks hat seinen Standard-Leitfaden für einen typischen James-Bond-Roman ganz nach Lehrbuch umgesetzt. Nach langem Hin und Her wird der Mythos James Bond mit dem Ergebnis dieser Arbeit nicht weiterentwickelt und stellt keine literarische Bereicherung dar. „Der Tod ist nur der Anfang“ wirkt letztendlich seelenlos. Sebastian Faulks Motivation, in die Fußstapfen eines Ian Fleming zu treten, mag in den Augen der Erbengemeinschaft erfolgreich umgesetzt worden sein, doch bedarf es mehr Mut und Individualismus, um den Mythos modern und zeitgemäß fortzusetzen und neu aufzubauen. „Der Tod ist nur der Anfang“ dagegen ist so unterkühlt wie ein Martini, und der Leser fühlt sich eher geschüttelt als gerührt.
_Der Autor_
Sebastian Faulks wurde 1953 in Newbury geboren. Er studierte Literatur und Geschichte in Cambridge und arbeitete danach als Journalist. Seit 1991 ist er freier Schriftsteller. 1995 wurde er bei den |British Book Awards| zum Autor des Jahres gewählt und zählt seitdem zu den angesehensten britischen Autoren. Zu seinen Werken zählen das verfilmte „Die Liebe der Charlotte Gray“, „Das Narrenalphabet“ und „Die Traumtänzer“. 2006 beauftragten ihn die Erben Ian Flemings, eine offizielle Fortsetzung der James-Bond-Reihe zu schreiben. Sebastian Faulks lebt mit seiner Familie in London.
|Originaltitel: Devil May Care
Übersetzung: Jürgen Bürger
351 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-453-26602-5|
http://www.heyne.de
_Mehr James Bond auf |Buchwurm.info|:_
[„Casino Royale“ 1748
[„Moonraker“ 1830
[„Leben und sterben lassen“ 2035
Babys, Babys, Babys … Wendy Morgan hat ein Buch geschrieben, das sich von vorne bis hinten um genau dieses Thema dreht. Das Besondere dabei: Es ist weder ein Schwangerschaftsratgeber noch ein Frauenroman. Es handelt sich um einen Thriller, auch wenn das auf den ersten Blick vielleicht etwas merkwürdig erscheint.
Im Mittelpunkt steht Peyton Somerset, eine erfolgreiche Karrierefrau aus Manhattan. Um endlich ein Kind zu kriegen, lässt sie sich mittels Samenspende befruchten und beschließt, ihr Baby ganz alleine auszutragen und großzuziehen, denn einen Mann gibt es nicht in ihrem Leben. Jedenfalls bis sie Tom Reilly trifft, dessen Interesse an ihr beinahe schon unheimlich ist. Manchmal hat sie sogar das Gefühl, er würde sie verfolgen, aber sie schiebt es auf ihre Schwangerschaftshormone.
Überhaupt bringt ihr Zustand ihr Leben ganz schön durcheinander. Sie hat Probleme auf der Arbeit und mit den üblichen Schwierigkeiten einer Schwangerschaft zu kämpfen. Allerdings lassen sich auch schöne Seiten daran entdecken. Peyton schließt sich einer Selbsthilfegruppe lediger Mütter an, wo sie in der schwangeren Allison und der Hebamme Rita gute Freundinnen findet.
Eines Tages jedoch verschwindet Allison spurlos. Niemand weiß, was mit ihr ist. Peyton macht sich natürlich riesige Sorgen. Dann verschwindet auch noch Wanda, ein weiteres Mitglied der Gruppe, und Peyton macht sich nicht mehr nur Sorgen, sondern ist geradezu alarmiert. Hat man es vielleicht auch auf sie abgesehen? Plötzlich sieht sie überall Verdächtige und distanziert sich stark von Fremden. Dabei bemerkt sie nicht, dass das Böse ihr viel näher ist, als sie glaubt …
Zugegeben, auf den ersten Seiten glaubt man wirklich, man hätte es mit einer weiteren rosafarbenen Geschichte über eine Karrieretussi aus New York zu tun, die auf der Suche nach Mr. Perfect in einige Verwicklungen und Fettnäpfchen gerät. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen nun mal Frauen und das Kinderkriegen, weshalb es vermutlich kaum zu vermeiden ist, dass solche Parallelen auftauchen. Allerdings zeigt Wendy Morgan sehr schnell, dass sie mehr kann. Sie greift auf eine recht große Anzahl von Perspektiven zurück, wobei häufig nicht ganz klar ist, welche Rolle die einzelnen Personen im Geschehen spielen, und manchmal auch nicht, wer sie überhaupt wirklich sind. Einige der Personen scheinen etwas zu verbergen haben, andere benehmen sich auffällig.
„Schlafe sanft und ewiglich“ ist kein Krimi, der vor Actionszenen und Blut sprüht. Es ist eher so, dass durch das erzählerische Talent der Autorin eine gewisse, subtile Spannung entsteht, die immer wieder neue Fragen aufwirft. Wer in Peytons Umkreis ist ein möglicher Verdächtiger? Welche Rolle spielt die merkwürdige Adoptionsagentur, mit der einige Charaktere in der Geschichte zu tun haben? Auch wenn Morgan keine nervenzerreißende, aufwühlende Handlung präsentiert, weiß sie den Leser doch bei der Stange zu halten. Dass sie dabei interessante Details über Schwangerschaft und viele, gut beobachtete Details einflechtet, ist ein weiterer Pluspunkt für das Buch.
Trotz der vielen Perspektiven wirkt der Roman nicht überladen. Das hängt zum einen damit zusammen, dass Peyton die Person ist, auf die Morgan immer wieder zurückkommt. Sie steht zwar nicht völlig im Vordergrund, ist aber eine Konstante, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite begleitet. Peyton ist, obwohl sie stellenweise doch ein bisschen dem entsprechenden Klischee ähnelt, eine sehr sympathische Figur mit wachem Verstand. Sie ist mit ganzem Herzen bei ihrer Schwangerschaft dabei und macht sich eine Menge Gedanken darüber, die häufig durch ihre Tiefe oder Ausgefallenheit überraschen. Wendy Morgan, selbst Mutter zweier Kinder, weiß worüber sie schreibt und transportiert dieses Mutterwissen gut in ihrer Protagonistin. Überhaupt ist Peyton gut ausgearbeitet. Sie besitzt erkennbare Charakterzüge und eine ausgefeilte Vergangenheit, welche die Autorin immer wieder einfließen lässt. Der andere Grund, warum das Buch nicht überladen wirkt, ist die Ausarbeitung der Nebenfiguren, die ebenfalls sehr gelungen ist. Der Autorin gelingt es, bereits beim ersten Einsatz eines bestimmten Erzählstranges die Personen so prägnant und farbig darzustellen, dass sie dem Leser im Gedächtnis bleiben. Das ist an und für sich eine große Leistung, wenn man bedenkt, dass ihr Personenkreis nicht unbedingt klein ist.
Der Schreibstil wird sehr stark durch die Personen geprägt. Je nachdem, aus wessen Sicht gerade erzählt wird, verändert sich Morgans Tonfall ein wenig. Peyton ist eine beschwingte, fröhliche Frau, während andere Charaktere nüchtern, deprimiert, verängstigt oder skrupellos sind und auch so dargestellt werden. Die Autorin schafft es vorbildlich, diese Stimmungen in Worte zu gießen, wobei ihr gehobener, flüssiger Schreibstil alles gekonnt zu einem Roman verbindet.
„Schlafe sanft und ewiglich“ ist sicherlich kein Buch für jedermann. Das hängt aber wenig mit der Qualität zusammen, denn an und für sich ist der Thriller nichts weiter als ein spannendes Stück gut erzählter Literatur. Wer allerdings auf das Thema Schwangerschaft und Babys allergisch reagiert, der sollte die Finger von Wendy Morgans Werk lassen. Über 400 Seiten über Babys, werdende Mütter und Frauenärzte sind – trotz der souveränen Handlung – kein Pappenstiel für jemanden, dem diese Themen nicht zusagen.
|Originaltitel: Lullaby and Goodnight
Übersetzt von Martin Hillebrand
413 Seiten, Taschenbuch
ISBN-13: 978-3-404-15896-6|
http://www.bastei-luebbe.de
_Wendy Morgan bei |Buchwurm.info|:_
[„Von schwarzem Herzen“ 2674
Alicia Giménez-Bartlett gehört zu den Schriftstellerinnen, die ihren Büchern einen unverkennbaren Stempel aufdrücken, wie das auch ihre französische Kollegin Fred Vargas und einige der skandinavischen Krimiautoren tun. Sieben Bücher gibt es bereits mit dem ungleichen und höchst amüsanten Ermittlerpaar Petra Delicado und Fermín Garzón. „Stimme des Blutes“ ist wider Erwarten kein neuer Fall der beiden, sondern ein Sammelband mit vier Kurzgeschichten.
An Kriminalkurzgeschichten haben sich schon zahllose Autoren vor Alicia Giménez-Bartlett versucht. Das Problem dabei ist, dass sowohl die Kürze als auch die Handlung stimmen müssen und der Leser bei seinen geliebten Ermittlern aber nichts vermissen möchte. Die spanische Bestsellerautorin schlägt sich dabei mit ihrem Versuch ziemlich gut. Ihre Kurzgeschichten haben diesen Titel auch verdient, denn sie versuchen nicht, einen verworrenen, groß angelegten Kriminalfall auf wenige Seiten zu quetschen, sondern widmen sich mit voller Absicht sehr einfachen Fällen und der kompakt gehaltenen Suche nach Täter und Motiv.
Tiefer auf den Inhalt einzugehen, würde daher an dieser Stelle kein besonders stimmiges Bild von diesem Sammelband geben. Giménez-Bartlett lässt ihre Ermittler in sehr unterschiedliche Settings eintauchen, so viel sei gesagt. Neben dem Mord an einem arroganten Bodybuilder in einem Fitnessstudio ermitteln sie in einem Bordell, in dem vier Prostituierte umgebracht wurden. Außerdem kommen ein zwielichtiger Litauer und ein Lehrer zu Tode, wobei Petra Delicado bei Letzterem bedauert, dass es ausgerechnet ein Lateinlehrer und kein anderer war, weil die westliche Kultur dadurch noch ein wenig ärmer wird.
Die Autorin geht bei ihren vier Geschichten stets nach dem gleichen Aufbau vor: Am Anfang gibt es einen Toten, der eindeutig nicht auf natürlichem Weg verstorben ist, und eine Reihe von Tatverdächtigen. Die Ermittlung des Mörders erfolgt nun weniger über Actionszenen und tausend mögliche Spuren, sondern über die Kopfarbeit der Ermittler und die Verhöre der Verdächtigen.
Tatsächlich ähneln die vier Geschichtlein eher einem erzählten Bericht von Petra Delicado. Wie gewohnt in der ersten Person erzählt sie von den Ermittlungen und klingt dabei, als säße sie dem Publikum direkt gegenüber und würde einen kleinen Schwank aus ihrem Arbeitsleben erzählen. Dementsprechend skelettiert sind die Beiträge im vorliegenden Band. Weder das Privatleben der Ermittler noch irgendwelche äußeren Umstände spielen eine Rolle; die Autorin konzentriert sich auf die bloße Darstellung des jeweiligen Kriminalfalls. Wegen dessen Einfachheit passt die Kürze der Geschichte sehr gut. Die knapp 20 bis 60 Seiten, die eine Geschichte umfasst, sind spannend und konzentrieren sich nur auf das Kernproblem. Auflockerung erfahren sie dabei durch das Zusammenspiel von Inspectora und Subinspector.
Die beiden Hauptfiguren werden, genau wie die Nebencharaktere, mit wenigen, deutlichen Strichen skizziert. Langwierige Personeneinführungen finden keinen Platz, aber wer bereits andere Bücher von Giménez-Bartlett kennt, der wird sich in den Geschichten sofort zurechtfinden. Für Einsteiger bietet das Buch zwar gute Unterhaltung, aber sie werden einige Zusammenhänge nicht verstehen – und verpassen vor allem den Humor, der in „Stimme des Blutes“ natürlich auch etwas kürzertreten muss als sonst. Trotzdem blitzt der rabenschwarze Witz der Autorin immer wieder durch, vor allem in den fantastischen Dialogen zwischen Delicado und Garzón.
Diese Geplänkel gehören ebenso wie in den Langfassungen zu den Highlights des Erzählbandes und lockern die Geschichten unheimlich auf. Wie gewohnt schreibt Giménez-Bartlett zackig, mit Schmiss und unwiderstehlichem Charme. Sie präsentiert sich sprachgewandt und beweist, dass sie auch auf wenigen Seiten ein kleines Feuerwerk entfachen kann, um den Leser an die Geschichte zu binden. Tatsächlich fällt es vor allem dank des Humors schwer, das Buch aus der Hand zu legen, da man sehnsüchtig auf die nächste gelungene Pointe aus dem Munde der Ermittler wartet.
Viele sind daran bereits gescheitert, aber Alicia Giménez-Bartlett meistert den Kurzgeschichtensammelband souverän. Kleine, niedliche Kriminalfälle mit einem übersichtlichen Personenkreis, die sich auf das Finden des Täters konzentrieren – die Spanierin nimmt den Begriff „Kurzgeschichte“ ernst und fasst sich kurz. Der funkensprühende Humor der Ermittler und die geschickten Personenzeichnungen dürfen sich nach wie vor austoben und sorgen dafür, dass der Leser die vier kleinen Geschichten lieben wird.
|Originaltitel der Geschichten: Muerte en el Gimnasio, El Caso del Lituano, La Voz de la Sangre, Muerte en el Liceo
Zuerst erschienen in „El Mundo“
Aus dem Spanischen von Sybille Martin
Taschenbuch, 156 Seiten|
http://www.blt.de
_Alicia Giménez-Bartlett bei |Buchwurm.info|:_
[„Das süße Lied des Todes“ 3815
[„Boten der Finsternis“ 4203
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