Reginald Hill – Das Fremdenhaus

Das geschieht:

Illthwaite ist ein kleines Dorf in der englischen Provinz Cumbria. Seit Jahrhunderten lebt hier eine nicht unbedingt harmonische doch verschworene Gemeinschaft, die es gewohnt ist, Probleme intern zu lösen und der Außenwelt die kalte Schulter zu zeigen. Dabei ist es im Verlauf der Zeit mehrfach zu definitiv illegalen Aktivitäten gekommen, auf die man zum Teil stolz ist, während man weniger schmeichelhafte Ereignisse sorgfältig geheim zu halten sucht.

Nun kommen gleich zwei Besucher von sehr weit her nach Illthwaite, wo sie Nachforschungen über ihre Familien bzw. einen bestimmten Kirchenmann anstellen möchten. Samantha Flood, eine Mathematik-Studentin, reist aus Australien an, weil sie feststellen möchte, wieso ihre Großmutter, die hier im Ort ansässig gewesen sein soll, vor mehr als vier Jahrzehnten und noch als Kind davongejagt wurde. Reginald Hill – Das Fremdenhaus weiterlesen

Jeanne Kalogridis – Leonardos Geheimnis

Die Mona Lisa, die zurzeit im Louvre in der französischen Hauptstadt Paris ausgestellt ist, ist wohl auch das bekannteste Werk Leonardo da Vincis. Immer noch ranken sich Theorien um das wohl berühmteste Gemälde der Welt. Das magische Lächeln der Porträtierten ist unergründlich, fast schon mystisch. Leonardo da Vincis Feingefühl für sanfte Übergänge in den Farbregionen ist meisterhaft und für diese Zeit einmalig. Genauso verhält es sich mit dem Spiel von Licht und Schatten, das sich durch die Kleidung der jungen dargestellten Frau zeigt.

Wer war diese junge Frau? Es gibt verschiedene Spekulationen. War das Modell gar keine lebende Person, sondern nur den Phantasien des Meisters entsprungen? Welche Rolle spielte diese geheimnisvolle Frau mit ihrem sanften aber doch scheinbar humorvollen Blick im Leben des Künstlers? Leonardo da Vinci hat dieses Gemälde bei seinem zweiten Aufenthalt in Florenz gemalt (1503 – 1506) – ist diese Frau eine sehr bekannte Dame des florentinischen Adels?! Da Vinci hat dieses Geheimnis mit ins Grab genommen, Abschriften oder Erklärungen existieren zwar zur Genüge vom genialen Meister, aber nichts davon erklärt die Figur der Mona Lisa.

Eines ist jedenfalls sicher: Das Lächeln der Mona Lisa nahm Leonardo da Vinci auf all seinen späteren Reisen mit. Eine stumme Geliebte, eine treue Gefährtin und ein Angelpunkt in seinem künstlerischen Schaffen, doch eine Frage stellt sich immer wieder: Wer war diese unergründliche Frau?

„Leonardos Geheimnis“ von Jeanne Kalogridis erzählt die Lebensgeschichte der Mona Lisa und von ihrem geheimnisvollen Bezug zum größten Genie seiner Zeit – Leonardo da Vinci.

_Die Geschichte_

Florenz im 15. Jahrhundert. Die Stadt wird regiert von der Familie Medici und ist dadurch ein wichtiger kultureller, wirtschaftlicher und politischer Standort geworden.

Ein Jahr vor der Geburt der Mona Lisa wird Giuliano di Medici Opfer einer Verschwörung der Familie der Pazzi. Ein Attentat bereitet seinem Leben ein vorzeitiges Ende. Lisa di Antonio Gherardini Giocondo, genannt Mona Lisa, bekommt zu ihrem zwölften Geburtstag ein Medaillon von ihrer Mutter geschenkt, auf dem ebendieser Mord dargestellt ist. Damit verändert sich das Leben der wohlbehüteten Tochter eines Florentiner Wollhändlers. Der Bruder des Ermordeten schwört Rache, denn ein Verschwörer und Mörder ist nach der Tat entkommen. Zeuge dieser Tat ist der inzwischen schon berühmte Künstler Leonardo da Vinci, den Mona Lisa schon seit ihrer Kindheit kennt.

In den folgenden Jahren begegnet sie da Vinci immer wieder und eine tiefe Freundschaft beginnt. Mona Lisa verliebt sich in einen Medici, den Neffen des toten Giuliano, und gerät mitten in die politischen Auseinandersetzungen. Sie erlebt die Verbannung der Familie aus Florenz, Krieg und Seuchen sowie den traurigen Tod ihres einzigen Kindes. Leonardo begleitet sie als treuer Freund durch die harten Zeiten.

Er arbeitet unablässig an ihrem Portrait, ein perfektes Abbild ihrer Person. Ein dunkles und großes Geheimnis vertraut er seinem Modell an. Nicht nur die Hintergründe des Mordes werden aufgeklärt, sondern dieses Geheimnis wird das Leben der Mona Lisa auf immer verändern.

_Kritik_

Die Autorin Jeanne Kalogrids geht einer der zahlreichen Theorie um die berühmte Gestalt Mona Lisas nach. Seit dem frühen 16. Jahrhunderts versuchen viele Kunstliebhaber, das berühmteste Lächeln der Welt zu analysieren. Ebenso verhält es sich mit der historischen Person der jungen Frau. Die Identität und die Umstände, unter denen sie gemalt wurde, bleiben ein Geheimnis.

Die wahrscheinlichste Kandidatin unter den Anwärterinnen auf die Person Mona Lisas ist wohl die Protagonistin dieses Buches, Lisa di Antonio Gheradini, Tochter eines wohlhabenden Seidenhändlers. Als junges Mädchen wird Lisa in den luxuriösen Haushalt der Medici eingeführt und lernt die mächtigste Familie Florenz kennen. In den politischen Verwirrungen und dem Niedergang der Familie verliebt sie sie in den jüngsten der drei Söhne des Familienoberhauptes Lorenzo de Medici, Giuliano. In der gleichen Zeit tritt auch Leonardo da Vinci in ihr Leben, der ein geförderter Wissenschaftler der kunstbegeisterten Familie ist.

Nach dem Tode Lorenzo de Medicis erlebt Lisa die Vertreibung seiner Nachkommen aus dem toskanischen Florenz. Leonardo da Vinci erhält kurz vor dem Tode seines Förderers Lorenzo de Medici den Auftrag, heimlich ein Portrait von Mona Lisa zu erschaffen …

Jeanne Kalogridis Roman lebt einzig und allein von seiner Perspektive und der ihrer Protagonistin Lisa de Gheradini. Ihre Entwicklung vom unschuldigen, naiven Mädchen zur starken und leidenschaftlichen Frau ist der rote Faden der Erzählung. Ihre Erlebnisse um und mit der Familie der Medici eröffnen dem Roman eine ungeahnte Tiefe. Inwieweit diese Person noch über eine historische Genauigkeit verfügt, sei dabei erst einmal dahingestellt. Mona Lisa ist eine der wenigen geschichtlichen Gestalten, deren Bildnis die meisten Leser vor Augen haben. Gleichzeitig ist über diese Figur zu wenig bekannt, und die Geheimnisse laden die Autorin geradezu ein, eine Theorie zu entwerfen.

So dicht, wie sie ihre Protagonistin beschreibt, lenkt sie die Aufmerksamkeit, die man den anderen Persönlichkeiten widmen sollte, leider ab. Viele Beschreibungen der Nebencharaktere fallen dadurch viel zu simpel und unglaubwürdig aus. Einzig und allein die erzählerische Gestalt Leonardo da Vincis ist interessant und vielseitig. Seine Loyalität und seine geheimnisumwitterte Persönlichkeit verleihen dem Roman eine spannungsvolle Struktur. Allerdings birgt der erste Teil von „Leonardos Geheimnis“ ziemliche Längen, da dieser nicht aus Lisas Sicht geschildert ist. Die Waage zwischen Lisas Entwicklung und der politischen Situation balanciert die Autorin jedoch geschickt aus.

Jeanne Kalogridis verleiht dem historischen Florenz zur Zeit der Renaissance ein vielfältiges Bild mitsamt der politischen und künstlerischen Aufgeschlossenheit und zugleich dem schon frühzeitigen religiösen Fanatismus. Die Autorin nimmt sich jedoch für einen historischen Roman allzu viele Freiheiten heraus und verfälscht damit die Genauigkeit der recherchierten Gegebenheiten. Historischen Quellen nach zu urteilen, gab beispielsweise nicht Lorenzo de Medici da Vinci den Auftrag, sondern dies geschah auf Wunsch ihres Ehemannes.

Zwar gibt die Autorin interessant die verschiedenen Legenden um die Identität der Mona Lisa wider und schafft damit das Sinnbild einer perfekten Frau, aber alles in allem gelingt es Kalogridis nicht, wahre Lesefreude zu wecken. Zu unglaubwürdig und schwammig sind ihre Theorien mit den Fakten verknüpft.

„Leonardos Geheimnis“ ist ein historischer Frauenroman mit wenig wirklich historischem Hintergrund. Für Leser, die einen unterhaltsamen Roman mit einer starken „Frau“ lesen möchten, ist dieser Roman zu empfehlen. Wer allerdings etwas über das Leben und Wirken Leonardo da Vincis erfahren möchte und sich auch für das Gemälde der Mona Lisa interessiert, dem ist hier eher abzuraten.

http://www.ullsteinbuchverlage.de/listhc/

Busiek, Kurt / Anderson, Brent Eric – Astro City 1: Der gefallene Engel

_Story_

Kiefer Square, ein hoffnungsloser, verruchter Ort, an dem sich das niederträchtige Gesindel von Astro City herumtreibt: Hier stammt er her, Carl Donewicz, besser bekannt als Steeljack, ein ehemaliger Ganove, der trotz seiner Begeisterung für die Riege der Superhelden einst die Fronten gewechselt und infolge seiner Jahre als Mitläufer eines Tages einen Jugendlichen im Bandenkrieg erschossen hat. Nach wie vor bedeckt der Schatten dieser schweren Sünde den mittlerweile langzeitinhaftierten Donewicz. Auch er war einst gefürchtet und schien mit seiner Stahlrüstung unverwundbar; doch die Jahre im Gefängnis haben ihn gezeichnet, und nun, wo der Tag der Entlassung bevorsteht, schwört er sich, niemals wieder in den Sumpf des Verbrechens abzutauchen.

Doch Kiefer Square zieht ihn bei der vergeblichen Suche nach einem stattlichen Leben wie ein Magnet an; er kehrt zurück in sein altes Viertel und gerät unwiderruflich an den zweifelhaften Donelly Ferguson. Dort erfährt er, dass derzeit ein unbekannter Gangster einen Schurken nach dem anderen ermordet, darunter auch ehemalige Kollegen Carls. Im Widerstreit mit seinem Gewissen entschließt sich Donewicz, zumindest den Versuch zu starten, diesem Grauen ein Ende zu machen und sich für seine alten Freunde, so unanständig sie auch immer gewesen sein mögen, einzusetzen. Doch damit gerät er auch wieder mit dem Gesetz in Konflikt, denn jeglicher Kontakt mit der dunklen Seite verstößt gegen die Auflagen. Doch Carl sieht die Gelegenheit, einmal im Leben etwas Wertvolles zu tun und zumindest einen Teil seiner währenden Schuld zu begleichen. Aber als hoffnungsloser Versager ohne jegliches Selbstvertrauen ist man in Astro City beinahe schutzlos ausgeliefert.

_Persönlicher Eindruck_

„Astro City“ ist in vielerlei Hinsicht einer der unkonventionellsten Comics, die der amerikanische Markt je hervorgebracht hat, und dies einzig und allein, weil das Schema Helden vs. Schurken hier auf ganz ungewöhnliche Weise durchbrochen, dennoch aber auf vergleichbarer Ebene ausgetragen wird. Autor Kurt Busiek hat vielmehr den Versuch unternommen, anhand einer schicksalhaften Geschichte das Portrait eines klassischen Verlierers nachzuzeichnen, eines Mannes, der stets auf der Gegenseite der gefeierten Persönlichkeiten gestanden hat, dabei aber eigentlich niemals Böses im Sinn hatte.

In diesem Sinne ist Steeljack alias Carl Donewicz zwar sicherlich kein gewöhnlicher Superschurke, doch da er sich beharrlich gegen das Gesetz gestellt hat, um seinem Leben überhaupt einen Sinn zu geben, gerät er ins Kreuzfeuer seiner einst verehrten Gesetzesvertreter und landet schließlich in der Abgeschiedenheit eines Spezialgefängnisses, dem er selbst mithilfe seiner Stahljacke nicht entfliehen kann. So weit, so gut. Diese Rahmenhandlung greift der Autor anschließend auf, um die Emotionen, die Donewicz beherrschen, zu analysieren und damit in gewissen Ansätzen die Wesenszüge eines klassischen Comic-Verbrechers aufzuzeigen. Nun mag Steeljacket aufgrund seiner pessimistischen Ausstrahlung und seiner spürbar depressiv gestörten Persönlichkeit kein üblicher Klassiker unter den Ganoven sein, doch an seinem Beispiel lässt sich die Motivation aller üblichen Schurken sehr gut ablesen. Blind folgen sie einem Scheinidealismus, lassen sich in ihrer persönlichen Misere leichtfertig von den günstig erscheinenden Angeboten, die ihren Überlebenstrieb bestärken, auf die falsche Seite ziehen und sind schließlich bereit, in ihrer als einzige oder letzte Aktion propagierten Scheinheiligkeitstat für einen Moment die Misere zu durchbrechen und ihrem Leben eine Kehrtwende zum Positiven hin zu verpassen.

Nun, Ziel dieser kurzen Übersicht soll sicher nicht sein, das bekannte Bild des Bösewichts in einem eindeutigen Profil wiederzugeben, sondern schematisch zu überblicken, womit sich Busiek im Wesentlichen in „Astro City“ beschäftigt. Nun geht es hier aber nicht nur um das ‚Was?‘, sondern ganz eindeutig um das ‚Wie?‘, und genau in dieser Sparte offenbart der Autor nun seine ganze, individuelle Klasse. Die Art und Weise, wie er diesen zerrissenen, von seiner stetigen Pein gefolterten Menschen bzw. Helden/Schurken namens Steeljacket beschreibt, grenzt sich von sämtlichen herkömmlichen Charakterzeichnungen in diesem Genre ab und resultiert in einem weitestgehend traurigen, bisweilen auch ergreifenden Gesamtbild. Die Krux ist derweil, dass man sich trotz ihres Versagerdaseins sofort mit der Hauptperson identifizieren kann; nicht etwa, weil sie so Mitleid erregend ist, sondern einfach nur, weil sie in der von außergewöhnlichen Figuren gesäumten Welt von „Astro City“ trotz aller vergangenen Schatten so menschlich erscheint. Er ist ein Niemand, ausgestoßen und verbannt, immer wieder unfair aufs Kreuz gelegt und insgesamt hilflos ausgeliefert. Er gibt gleich mehrfach die Hoffnung auf, verliert sämtlichen verbliebenen Idealismus und den Glauben an das, was ihm einst Kraft verliehen hat. Und zu guter (oder schlechter) Letzt kehrt er dann auch noch zurück in das Rattenloch, das ihm vor mehr als 20 Jahren den Verstand geraubt und ihn verraten hat, weil Leute wie er es nicht verdienen, eine Chance zur Anbiederung an die akzeptierte Gesellschaft zu bekommen. Frei von Klischees, überwiegend surrealistisch, bedrückend und beklemmend, eiskalt und doch emotional treibt die Atmosphäre der Handlung ein Spielchen mit dem Leser, der desto mehr Sympathie für Carl entwickelt, je tiefer er in seinen persönlichen Exitus eintaucht, führt ihm dabei aber auch Seite für Seite vor Augen, dass Stelljacks Lebensgeschichte ein Unikat in der heutigen Comicwelt ist. Eine besondere Ausgabe, ganz individuell und anders, so pessimistisch und gleichzeitig innovativ, so melancholisch und bewegend und permanent an die Grenzen stoßend.

Busiek hat sich etwas getraut, das im Fundus der Möglichkeiten der Comicgestaltung eigentlich als eine der offenkundigsten Alternativen zur klassischen Rollenverteilung zur Auswahl steht, aber aus unerfindlichen Gründen bislang nie verwirklicht wurde. Er hat das Schurkentum hinterfragt und seine Opfer zu wahren (Anti-)Helden geschliffen, die einem unerwartet ans Herz wachsen. Dank der präzisen Ausschöpfung aller verfügbaren menschlichen Wesenszügen ist ihm dabei eine sehr facettenreiche, umfassende Arbeit gelungen, die von der ersten Idee bis zur detailreichen Umsetzung reiflich durchdacht wurde. „Der gefallene Engel“ mit den Originalbänden 14-20 aus der Reihe „Astro City“ ist daher nicht nur eines der außergewöhnlichsten Comics in diesem Genre, sondern zweifelsohne eines der bislang ambitioniertesten Werke, das der internationale Markt bislang hergegeben hat. Wer sich jemals in der Welt von |Marvel|, |DC|, |Vertigo| oder |Wildstorm| aufgehalten hat, sollte alleine schon wegen des inhaltlichen Hintergrunds nicht lange zögern und diesen Meilenstein abgreifen!

http://www.paninicomics.de/?s=Wildstorm

Gloge, Andreas / Sassenberg, Volker – Gabriel Burns: Verehrung

Band 1: [„Die Grauen Engel“ 3892

Menschengenerationen sterben aus, ganze Bevölkerungen gehen zugrunde und einstige Hochkulturen werden Geschichte. Neue Zivilisationen entstehen, größer und mächtiger, und müssen eines Tages auch wieder zerbrechen. Nur etwas überdauert die Zeiten, überlebt die Epochen in anderer Gestalt zwar, doch ist stets allgegenwärtig: das Grauen, das die Menschen anzieht, sie das Fürchten lehrt und schließlich vernichtet.

1135 vor der aktuellen Zeitrechnung: Ein junger Priester opfert seine Schwester am Platz der Tränen, tief im Dschungel Südamerikas. Die Lehren der Priester der Schlange verlangen es so. Doch als der Mann in sein Dorf zurückkehrt, um seine Tat zu verkünden, wirkt es wie ausgestorben. Dort, wo vor wenigen Stunden noch emsiges Treiben herrschte, hat sich die Stille des Todes über den Ort gelegt. Hat er seine Schwester umsonst im Auftrag jener getötet, denen das Schicksal seines Dorfes gleichgültig ist?

Nach Antworten suchend, findet er einen kleinen Jungen, der am Fuße der nahen Tempelpyramide steht. In sein hart gezeichnetes Gesicht hat sich ein wissendes Lächeln geschlichen. Und er berichtet dem jungen Mann, dass er nun Letzter seines Volkes sei. Und nach seinem Tod würde sich die Prophezeiung endlich erfüllen.

_Vom Hörspiel zum Roman_

Mit „Verehrung“ liegt der zweite Roman vor, der vor dem Hintergrund des Gabriel-Burns-Universums angesiedelt ist. Gabriel Burns, das ist ein Hörspiel im Stil eines Mystery-Thrillers, der von der Konzeption her nah an den Verschwörungsgehalt von Akte X angelehnt wirkt, wenngleich die thematische Ausrichtung eine völlig andere ist. Produzent Volker Sassenberg, der sich durch |Point Whitmark| bereits einen Namen gemacht hat, hat |Gabriel Burns| zum einen durch die stellenweise brutale und blutige Erzählweise, zum anderen aber auch durch eine äußerst komplexe Metahandlung, die den Hintergrund der Serie umspannt, auf ein erwachsenes Publikum hin ausgerichtet. Die Folgen sind zwar in sich abgeschlossen, verfolgen jedoch einen Hauptstrang, dessen erste Phase mit Folge 22 abgeschlossen wurde. Ein Ende ist jedoch noch lange nicht in Sicht.

Während der erste Roman „Die Grauen Engel“ die Vorgeschichte erzählte und das Leben von Protagonist Steven Burns als erfolglosem Schriftsteller und Taxifahrer schilderte, spielt der zweite Roman „Verehrung“ zur selben Zeit wie die Hörspielreihe. „Verehrung“ schließt also nicht an die Geschehnisse des Romandebüts an, sondern greift einen Nebenplot auf, der irgendwo in die ersten 20 Folgen integriert werden kann. Da die Verknüpfungen zur Haupthandlung nur lose sind, lässt sich dieses Buch problemlos ohne großartiges Vorwissen lesen und bietet zugleich eine abgeschlossene Handlung. Natürlich nicht, wie es die Gabriel-Burns-kundige Hörerschaft bereits kennt, ohne einige Fragen offen zu lassen, die Spekulationen und Fortsetzungen aller Art erlauben. Doch wenn alle Fragen geklärt wären, wäre es ja auch kein Mystery-Thriller mehr.

_Inhalt_

Das Team um Steven Burns, Bakerman, Joyce Kramer und Larry Newman trifft sich im Fairmont Hotel, direkt gegenüber dem Flughafen von Vancouver gelegen. Bakerman, der Kopf der kleinen Gruppe, die sich mysteriöser Erscheinungen auf der ganzen Welt angenommen hat, präsentiert auf wie immer verschwörerische Weise seinen neuesten Auftrag. Es geht um Calakmul, eine Maya-Sieldung tief im mexikanischen Urwald, die 1931 entdeckt worden ist. Zurzeit arbeitet Bakermans Bekannte, eine gewisse Dr. Yolanda Fuentes, in der Ausgrabungsstätte (wobei das Verhältnis zwischen Bakerman und Fuentes mehr ist als bloß ein rein freundschaftliches).

Dass der Maya-Tempel gut verborgen und nur selten von Touristen aufgesucht wird, liegt nicht nur an dessen versteckter Lage: Viele Mythen ranken sich um diesen Ort, von denen einige grausame Opferungen und blutige Rituale beinhalten. Kein Ort, der für Touristenführungen prädestiniert ist. Und ein Ende der Verschwörungstheorien ist dabei noch nicht abzusehen, zumal ein Großteil der heutigen Ruinenstadt noch verborgen liegt und etlicher weiterer Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte bedarf, um vollständig freigelegt und erforscht zu werden.

Der Grund, warum die Forschungsleiterin Bakerman um Hilfe gebeten hat, ist jedoch anderswo zu suchen. In der letzten Woche sind vier Mitarbeiter bei den Ausgrabungsarbeiten verschwunden. Aber die Polizei zu kontaktieren, wäre zu riskant. Schließlich weisen die Funde von Skulpturen und Figuren, die bisher gemacht worden sind, auf eine Epoche hin, in der die Maya-Kultur noch gar nicht existiert haben kann. Viele Abbildungen weisen nämlich erschreckende Ähnlichkeiten mit Dinosauriern auf. Doch wie konnten die Ureinwohner, die vor 2500 Jahren diese Figuren anfertigten, Dinosaurier darstellen, die vor Millionen von Jahren ausgestorben sind? Und noch erschreckender, einige Funde weisen sogar Ähnlichkeiten mit Grauen Engeln auf, jenen Gestalten, die Burns und sein Team schon mehrfach mit den zehn fahlen Orten in Verbindung bringen konnten – weltweiten Plätzen, an denen das Böse in unsere Welt dringt.

Die Zeit drängt, und so reisen Burns und Bakerman nach Mexiko, um sich die Ausgrabungsstätte genauer anzusehen. Kramer und Newman hingegen werden von Bakerman beauftragt, eine dieser Grauen-Engel-Figuren nach Toronto zu Jean-Paul Legrand, einem Experten für alte Kulturen, zu bringen, damit dieser ihnen neue Hinweise geben kann, die zu einer Erklärung der seltsamen Zufälle führen.

Doch sowohl in Mexiko als auch Toronto trifft das Team auf eine Mauer aus Schweigen. Niemand will mehr als nötig über die Figur und die Zwischenfälle in dem Expeditionscamp berichten. Als die wahren Hintergründe endlich ans Licht kommen, ist es für Burns und Co. schon fast zu spät. Denn sie werden längst von den Nachfahren der untergegangene Maya-Kultur beschattet. Und diese sind nicht gewillt, ihr Geheimnis zu offenbaren, bei dem Steven Burns eine entscheidende Rolle spielen soll.

_Bewertung_

„Verehrung“ kommt als kurzweilige Zwischenepisode daher, die den Gabriel-Burns-Hauptplot um eine exotisch angehauchte Geschichte um die Geheimnisse eines Maya-Tempels erweitert. Im Gegensatz zum Romandebüt „Die Grauen Engel“ sind Autor Andreas Gloge und Gabriel-Burns-Erfinder Volker Sassenberg als Co-Autor dieses Mal für diejenigen Leser, die die Hörspielreihe nicht kennen, behutsamer vorgegangen. Denn trotz vieler Anspielungen lässt sich der Roman auch ohne Hintergrundwissen verständlich nachvollziehen und bietet eine solide, in sich abgeschlossene Handlung. Als hätten sie einen neuen Weg beschreiten wollen, präsentiert sich auch der Buchumschlag in leicht verändertem Layout. Nur schade, dass |Ullstein| sogar das Buch um rund einen Zentimeter länger gemacht hat und der Sammler bereits nach nur zwei Romanbänden kein einheitliches Bild im heimischen Bücherschrank vorfindet.

Ungeachtet dieser Ungereimtheiten präsentiert sich „Verehrung“ aber wesentlich ausgereifter als sein Vorgänger. Der Plot ist, wenn auch aufgrund der Kürze von nur 190 großzügig bedruckten Seiten nicht sonderlich tiefgründig, klar strukturiert und schlüssig aufgebaut. Die Spannung muss nicht aus schnellen Perspektivwechseln und abgespeckten Dialogen aufgebaut werden, sondern entfaltet sich durch die Geschichte selbst. Die beiden Erzählstränge werden ab der Mitte der Handlung zusammengeführt und laufen auf ein Finale zu, das jeden Gabriel-Burns-Fan zufriedenstellen wird. So viel sei verraten: Die Möglichkeiten, die ein alter Maya-Tempel und eine untergegangene Kultur bieten, werden gut genutzt und zu einem spektakulären Finale gebracht.

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Welch, Chris – Genesis – Story und Songs kompakt

Aus heutiger Sicht scheint die Geschichte von GENESIS eher unspektakulär zu sein. Keine ausufernden Exzesse, wenig Glanz und Glamour, null Eskapaden und nicht ein einziger nennenswerter Skandal. Selbst die Trennung von Original-Sänger Peter Gabriel und das Ende der Karriere mit Phil Collins am Mikro wurden einst als Tatsache hingenommen, aber eben nicht vor den klassischen Hintergründen hinterfragt. Dies mag sicherlich auch einer der wesentlichen Gründe sein, warum beinahe vier Dekaden nach dem Release des Debütalbums „From Genesis To Revelation“ gleich drei vollwertige Generationen vollkommen hinter dem jüngst ausgerufenen, eigentlich nicht mehr erwarteten Comeback stehen.

Als die Band am 7. November 2006 öffentlich die Rückkehr in der kommerziell wohl erfolgreichsten Triobesetzung verkündete, fühlten sich nicht nur diejenigen verzaubert, die bereits damals zu Zeiten von „Nursery Crime“, „Foxtrot“ und natürlich „The Lamb Lies Down On Broadway“ das Potenzial der Musiker erkannten, sondern sicher auch der Teil der Fangemeinde, der erst über die berüchtigten Videoclips zu ‚I Can’t Dance‘ und ‚Jesus He Knows Me‘ seine ersten Kontakte mit der Band knüpfte und sie seither innig liebt. Ein guter Zeitpunkt also, um die Karriere parallel zur hierzulande gerade beendeten Tournee Revue passieren zu lassen und die Karriere sowohl historisch als auch musikalisch genauer zu analysieren.

In der Reihe „Story und Songs kompakt“ erscheint daher dieser Tage treffenderweise auch eine Ausgabe zu den britischen Progressive-Rock-Pionieren, in der die gesamte Geschichte der Legende über knapp vier Dekaden Album für Album aufgearbeitet und die unheimlich innovative Entwicklung über diese lange Periode dokumentiert wird. Begonnen mit den ersten eher schlechten als rechten Erfolgen über das Trio Infernale, die Alben zwei bis vier, bis hin zum Ausstieg von Peter Gabriel, dem ein internes wie musikalisches Zerwürfnis infolge des von ihm entworfenen Konzeptalbums „The Lamb Lies Down On Broadway“ vorausgegangen war, lernt der Leser vor allem einiges zur heute nur noch von beinharten Proggies aufgesogenen Frühphase der Band, bevor dann der Schwenk zum Pop-Rock der Achtziger mit Phil Collins am Mikro und Platten wie „Abacab“ und „Invisible Touch“ folgt, dank derer die Band auch in den erfolgstechnisch mageren Zeiten der progressiven Musik locker bestehen konnte, ohne sich dabei in irgendeiner Weise anzubiedern. Dass die Band selbst mit eingängigen Hitproduktionen wie dem zu dieser Zeit stilistisch radikal erscheinenden ‚I Can’t Dance‘ innovative Weg beschritt, rechneten Fans ihr damals wie heute mit größtem Respekt an, was wiederum in der ungeheuren Nachfrage zum Comeback mündete, der Rutherford, Banks und Collins dieser Tage endgültig und gottlob Rechnung trugen.

Diese musikalische Chronik wird im vorliegenden Dokumentarwerk sehr gut nachgezeichnet. Fundiert, wenn insgesamt auch ein wenig unkritisch, werden die zahlreichen Highlights der langen Karriere hervorgehoben und selbst die Soloalben der Musiker einer genaueren Betrachtung unterzogen. Gleich ein Drittel des Buches gilt den von der Band unabhängig veröffentlichten Scheiben, unter denen sich sogar die Veröffentlichungen des einstweiligen Collins-Nachfolgers Ray Wilson befinden – und dies bis zum heutigen Zeitpunkt.

Dementsprechend wird der 180 Seiten starke ‚Wälzer‘ dem Anspruch auf Komplettierung der Historie uneingeschränkt gerecht, wenngleich es sich – und auch das sagt der Titel – um eine sehr kompakte Abhandlung handelt. Aber um einen Überblick über das Schaffen der beliebten Superstars zu bekommen und besonders die wohl wichtigste Anfangsphase zu erfassen, ist dieses Werk gerade für den jüngeren Fan unentbehrlich und folgerichtig auch absolut empfehlenswert. Aufgewertet wird das Ganze schließlich noch mit einigen raren Bildern aus allen Schaffensphasen der Briten, die das Mysterium um diese Combo wohl am treffendsten erfassen. Gewöhnliche Menschen, aber unberechenbare Musiker!

http://www.bosworth.de/

Maria Hilz – Audie Murphy. Eine Bio- und Filmografie

Hilz Audie Murphy Cover kleinEin kurzes, dramatisches, tragisches Leben

Ein Leben als Kampf: 1924 wird Audie Murphy als Sohn armer Wanderarbeiter in Texas geboren. Er wächst in schwierigen Familienverhältnissen auf, muss schon früh auf eigenen Füßen stehen und dabei manchen Tiefschlag einstecken. Sobald er volljährig ist, tritt Murphy in die Armee ein. Der Zweite Weltkrieg führt ihn über Nordafrika nach Sizilien und – den zurückweichenden deutschen Truppen folgend – quer durch ganz Europa. Dabei entpuppt sich der blutjunge Mann als Paradesoldat, der immer wieder durch gewagte Erkundungsgänge, gefährliche Kommandounternehmen und tollkühne Attacken auffällt. Als der Krieg endet, ist Murphy der höchstdekorierte Angehörige der US-amerikanischen Streitkräfte und ein Nationalheld. Maria Hilz – Audie Murphy. Eine Bio- und Filmografie weiterlesen

Barclay, James – Zauberkrieg (Die Legenden des Raben 4)

|Die Chroniken des Raben|:
[„Zauberbann“ 892
[„Drachenschwur“ 909
[„Schattenpfad“ 1386
[„Himmelsriss“ 1815
[„Nachtkind“ 1982
[„Elfenmagier“ 2262

|Die Legenden des Raben|:
[„Schicksalswege“ 2598
[„Elfenjagd“ 3233
[„Schattenherz“ 3520

_Story_

Der Rabe entkommt dank mehrerer Schicksalswendungen den Katakomben von Xetesk und hinterlässt in den geheimen Räumen des Kollegs eine Spur der Verwüstung. Nichtsdestotrotz ist sich der Oberste Magier des dunklen Kollegs der baldigen Alleinherrschaft über Balaia sicher, da die Forschungen zur Dimensionsmagie derart fortgeschritten sind, dass man bereits in Kürze einen Spruch wirken kann. Die Generalprobe hinterlässt dabei ein Bild der Grausamkeit; mit einem Sturm werden die angreifenden Truppen aus Lystern und Dordover fast gänzlich ausgelöscht.

Siegessicher treibt Dystran seine Armeen nach Julatsa, um dort die Bergung des Herzens, des Kerns des julatsanischen Manas, zu verhindern und das Gleichgewicht zugunsten der xeteskianischen Magie zu verändern. Doch auch der Rabe reitet in seinem möglicherweise letzten Gefecht nach Julatsa, fest entschlossen, Ilkars letzten Wunsch zu erfüllen und das Kolleg neu zu beleben. Doch die Zeit verrinnt, denn Xetesk marschiert mit neuen magischen Waffen, und die Defensive Julatsas scheint völlig unvorbereitet. Und währenddessen ringt der Rabe außerdem noch mit dem Schicksal von Erienne, die der Kraft der Magie des Einen mehr und mehr unterworfen wird.

_Meine Meinung_

In einem seiner letzten Romane um den Bund des Raben entwirft James Barclay bereits ein Szenario, welches bis zur letzten Seite einem opulent ausgemalten Finale gleicht und einem solchen auch völlig würdig erscheint. Wieder einmal mischt der Autor rührende menschliche Emotionen mit den treffendsten Stilmitteln der modernen Fantasy und setzt einmal mehr auf die Aussagekraft eines mit magischen Waffen ausgetragenen Krieges. Anders jedoch als bei der letzten großen Schlacht in „Himmelsriss“ bekämpfen die Balaianer sich in diesem Fall gegenseitig.

Unter der Herrschaft Dystrans versucht vor allem Xetesk, endgültig die Vormachtstellung zu erlangen, und treibt die Forschungen um die Dimensionsmagie mit ungeheurem Tempo voran. Denser, einst selber im dunklen Kolleg tätig, ahnt bereits, welche Mächte sich in den Katakomben seiner ehemaligen Heimat regen, ist aber zu sehr mit dem Schicksal seiner Gattin Erienne beschäftigt, um die ersten Warnzeichen richtig zu deuten, so dass der ultimative Schlag unmittelbar bevorsteht, vom Raben aber nicht als solcher wahrgenommen wird.

Unterdessen planen auch die Kollegien in Lystern und Dordover, gemeinsam an die Macht zu gelangen, und machen nicht nur Jagd auf den Raben und Erienne, sondern versuchen derweil auch, Xetesk vorzeitig auszuschalten. Allerdings erahnen weder Heryst noch Vuldaroq, die beiden Anführer der Kollegien, die Pläne des jeweils anderen und bilden infolge dessen keine verschworene Gemeinschaft. Doch ihre Chancen stehen sowieso denkbar schlecht, denn ihre erste Angriffswelle, die noch stattfinden soll, als der Rabe in Xetesk für Chaos sorgt, endet in einer Katastrophe. Die Dimensionsmagier des dunklen Kollegs wirken den blauen Sturm und zerstören um die Mauern der Stadt herum alles und jeden, der die Gefahr nicht rechtzeitig erkennt.

Erst hier wird dem Raben bewusst, wie schlecht es bereits jetzt um Balaia steht. Sollte schließlich auch noch Julatsa erobert werden, käme das dem Untergang des gesamten Kontinents gleich. Aus dieser Motivation heraus und im Bestreben, Ilkars letzten Willen zu berücksichtigen, stürmen sie gemeinsam mit den Elfen nach Julatsa. Doch bereits auf dem Weg dorthin realisieren Denser, Hirad, Thraun, Darrick, der unbekannte Krieger und die gescholtene Erienne, dass ihre neue Aufgabe schier unmöglich erscheint – selbst für den kampferprobten, legendären Raben.

„Zauberkrieg“ ist bis dato sicherlich das spannendste und somit auch beste Buch in der Reihe der „Legenden des Raben“ und bringt darüber hinaus ganz klar auf den Punkt, warum Barclays Fantasy schlichtweg magisch ist. Die Art und Weise, wie er Schicksale beschreibt, ganz unerwartete Wendungen in die Handlung integriert, Situationen völlig aussichtslos erscheinen lässt und selbst die waghalsigsten Schlachtszenarien absolut glaubwürdig aufbaut, ist auf obersten Niveau gehalten und problemlos auf eine Stufe mit legendären Autoren wie Tolkien und Martin zu setzen. Hinzu kommt diese faszinierende Charakterisierung der einzelnen Protagonisten, die Darstellung ihrer gänzlich individuellen Motive und schlussendlich ihr gesamtes Handeln, welches jede(n) einzelne(n) von ihnen zu unvergleichlichen Identifikationsfiguren avancieren lässt, denen man auf jedem Pfad und auf jeder noch so gefährlichen Reise folgen möchte. Natürlich lassen sich auf diesem Wege Parallelen zu den Gefährten um den Ring nicht ausschließen, doch legt Barclay viel mehr Wert darauf, jeden einzelnen Charakter als ganz besonderes Unikat innerhalb dieser Serie auftreten zu lassen und eben nicht nur als Teil der Gruppe – in „Zauberkrieg“ phasenweise deutlicher denn je zuvor.

Dies evoziert andererseits jedoch auch einen Zustand des Bedauerns, was die Nachlese betrifft. Die Geschichte des Raben geht mit den nächsten beiden Büchern vorerst zu Ende und damit auch die Historie der meines Erachtens faszinierendsten, beeindruckendsten Fantasy-Kompanie, die auf diesem Gebiet ein Autor hervorgebracht hat. Mit „Zauberkrieg“ bekommt man bis hierhin noch einmal ein Gourmetstück des hochwertigen Epos‘ geboten, ein Buch, das mit allen elementaren Versatzstücken der gesamten Geschichte garniert wurde. Und einen Roman, der fesselt wie nur wenige andere Bücher in diesem Genre!

http://www.heyne.de

Dennis Foon – Die Rückkehr der Novakin (Das Vermächtnis von Longlight, Band 3)

Das Vermächtnis von Longlight:

Band 1: „Die Stunde des Sehers“
Band 2: „Die Stadt der vergessenen Kinder“

Roan hat sich endlich dafür entschieden, die Rettung seiner Schwester Stowe ihrem Lehrmeister Willum und Mabatan anzuvertrauen. Er selbst hat sich zu den Apsara aufgemacht, jenen Amazonen, zu denen auch Saints Gefährtin Kira gehört. Von dort aus will er die Bewohner des Flusslandes gegen Darius einen. Doch das ist leichter gesagt als getan: Die Hhroxhi oder Bluttrinker können sich nicht einigen, ob sie Roan unterstützen sollen oder nicht, der Streit droht das Volk zu spalten. Die Bewohner der Oase wollen zwar Darius stürzen, die Vernichtung des Staubs, die Roan anstrebt, aber unbedingt verhindern. Der größte Teil der Gouverneure, die die Metropolis mit Rohstoffen und Lebensmitteln versorgen, kann nicht für den Aufstand gewonnen werden, und Roans Sabotageakte werden durch eine geheimnisvolle neue Waffe sabotiert, die unbedingt ausgeschaltet werden muss, soll der Aufstand erfolg haben. Am schwersten jedoch fällt Roan die Zusammenarbeit mit den Brüdern …

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Carol Berg – Tor der Verwandlung (Rai-Kirah-Saga 1)

Seyonne ist seit sechzehn Jahren Sklave im derzhischen Kaiserreich. Nach all diesen Jahren des Elends und der Erniedrigung ist er ein gebrochener Mann, dessen einziges Ziel es ist, weitere Misshandlungen so gut wie möglich zu vermeiden. Doch dann wird er an den Kronprinzen verkauft, und schlagartig ändert sich alles! Nicht nur, dass dieser Fremdling das Feadnach in sich trägt, eine Art helles Licht und Zeichen dafür, dass er zu Großem bestimmt ist; Seyonne entdeckt, dass der Botschafter des benachbarten Volkes der Khelid von einem Dämon besessen ist. Und Seyonne ist der Einzige, der fähig ist, die Gefahr zu erkennen. Aber welcher adlige Derzhi hört schon auf einen Sklaven?

Die Handlungsträger

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Remes, Ilkka – Höllensturz

_Story_

Im nordfinnischen Provinzörtchen Pudasjärvi entdecken drei Wilderer die Leiche einer jungen Frau, der bereits kurze Zeit der Fund einer weiteren Toten folgen soll. Karri Vuorio, ein einstiger Großunternehmer, der sich der Wilderertruppe aus Abenteuerlust angeschlossen hatte, ist zutiefst entsetzt, handelt es sich bei den beiden Toten, Erja und Anne-Kristiine, doch um enge Freundinnen seiner Ehegattin Saara, einer Bibelforscherin, die jüngst in den Nahen Osten aufgebrochen ist, um ihre aktuellen Wissenschaften voranzubringen.

Die Kriminalkommissarin Johanna Vahtera wird mit dem Fall beauftragt und erfährt alsbald, dass sich die beiden Opfer, Saara und eine weitere junge Dame namens Lea, kürzlich in einem libanesischen Restaurant getroffen haben, kurz bevor die Vuorio nach Jordanien aufgebrochen ist. Vahtera nimmt Kontakt zu Lea auf und vereinbart ein Treffen in ihrem Haus, findet aber zum vereinbarten Zeitpunkt nur noch ihre Leiche auf.

Nun überschlagen sich die Ereignisse; der dreifache Mord erschüttert die gesamte Region, und als Karri schließlich noch erfährt, dass seine Frau von einer Gruppe islamischer Fundamentalisten entführt wurde, brechen in Pudasjärvi mehrere Welten zusammen. Haben die Morde etwas mit der Verbundenheit der Damen zur Glaubensgemeinschaft der Laestadianer zu tun? Besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen den Attentaten und der Entführung in Nahost? Und welche Rolle spielen die inzwischen hinzugestoßenen Israelis, die großes Interesse daran bekunden, Saara zu befreien? Karri reist entgegen aller Vernunft nach Amman und versucht mit dem europäischen Spezialagenten Timo Nortamo, seine Frau zu befreien. Doch derweil spitzt sich auch in Finnland die Lage zu …

_Persönlicher Eindruck_

Nach dem fantastischen Debüt auf dem deutschen Markt, „Ewige Nacht“, durfte man berechtigterweise mit sehr großen Erwartungen auf den neuen Remes-Thriller „Höllensturz“ vorausschauen, selbst wenn die teils religiösen Inhalte zunächst einmal oberflächlich Skepsis hervorriefen, schließlich scheint dieser Themenkreis derzeit immer mehr Buchautoren zu inspirieren. Allerdings zäumt der Finne das Pferd von hinten auf und macht den brisanten religiösen Hintergrund nicht zum Aufhänger seines neuen Romans, sondern fügt ihn nahtlos und kontinuierlich in seine atemberaubende Kriminalgeschichte ein, die aufgrund der Fülle von stetig neuen Informationen in Sachen Spannung niemals abreißt und letztendlich den Anspruch auf ein Meisterwerk, wie er damals bei „Ewige Nacht“ berechtigt gestellt werden durfte, auch völlig befriedigt.

Dabei benötigt „Höllensturz“ jedoch eine nicht gerade unbescheidene Anlaufzeit, bis sich die komplexen Schemen lösen und die Szenerie vom Leser halbwegs nachvollziehbar nachkonstruiert werden kann. Zunächst nämlich versucht man vergeblich, die wirren Zusammenhänge zwischen der Mordserie in Saara Vuorios Heimat mit der Entführung der Bibelforscherin zu finden und den recht losen Gedankenkonstrukten eine Verbindung zuzuweisen. Zu weit hergeholt scheinen die ersten Theorien im Bezug auf Terrorakt und Dreifachmord in der finnischen Provinz. Dementsprechend zügig gehen dann auch die Ermittlungen voran; der Mörder scheint schnell gefunden, seine Motive erscheinen transparent und der befürchtete Aufwand erweist sich für die Ermittler fast schon als haltlos, noch bevor die Medien überhaupt Kenntnis von der Existenz der Ratte, wie Vahtera den Mörder bezeichnet, nimmt.

Dies ist für Remes genau der richtige Zeitpunkt, um das thematisch brisante Puzzle kurz auseinanderzureißen und die vorerst falsch eingesetzten Teile mit unheimlichem Geschick richtig zusammenzusetzen. Mit Karris Aufbruch nach Nahost werden die Grenzen der Ermittlungen in Pudasjärvi gesprengt; und wie schon zuvor eröffnet der Autor seiner Geschichte plötzlich eine Tragweite, die abzuschätzen man später kaum noch wagt. Internationale Organisationen, verschiedene Terrororganisationen und dazu noch einige unberechenbare Elemente halten Einzug in die Story, und noch bevor einem bewusst wird, welch enormes Geflecht Remes insgesamt doch wieder gesponnen hat, befindet man sich inmitten eines durch und durch von Verschwörungen und Überraschungen gezeichneten Thrillers, dem es zwar bisweilen ein wenig an tatsächlichem Realitätsbezug fehlt (diverse Entwicklungen laufen definitiv zu optimal und idealistisch), welcher aber genau diesen unbeschreiblich hohen Gehalt an Spannung innehat, wie es in dieser Sparte nur ein Qualitätswerk aufweisen kann. Darüber hinaus sind die Charakterzeichnungen auch dieses Mal wieder brillant, getragen von einer durchaus heftigen Entwicklung und erstellt auf Profilen, die kaum professioneller ausgearbeitet sein könnten.

Mit anderen Worten: Ilkka Remes ist allen Anforderungen gerecht geworden, die ein Genre-Meisterwerk beansprucht, und hat dabei den Balanceakt zwischen religiösen Verschwörungen, politischen Außergewöhnlichkeiten und einer reinen Kriminalgeschichte geschickt und gekonnt vollzogen – ohne dabei auch nur im Ansatz in die Reihe der Dan-Brown-Epigonen abzudriften. „Höllensturz“ ist der nächste Auszug einer bis dato bemerkenswerten Schriftstellerkarriere und eines der größten Schmankerl der aktuellen Saison!

http://www.ilkka-remes.de/
http://www.dtv.de/

_Ilkka Remes auf |Buchwurm.info|:_

[„Ewige Nacht“ 2039
[„Das Hiroshima-Tor“ 2619
[„Blutglocke“ 3911

Tandefelt, Henrik – Ultramarin

Im Vorwort seines Buches „Ultramarin“ schreibt Henrik Tandefelt:

|“Ein Krimi enthält vor allem Sex und Gewalt. Die Sprache ist niveaulos, die Charaktere sind billig. Deshalb ist es nicht gesund, Krimis zu lesen!“| (Seite 6)

Inwiefern sich das verallgemeinern lässt, ist fraglich. Schließlich gibt es auch genug Autoren, die das Gegenteil beweisen. Henrik Tandefelt möchte auch zu diesen gezählt werden. In seinem zweiten Roman schickt er deswegen den sympathischen Ich-Erzähler aus seinem Debüt [„Lauf, Helin, lauf!“ 3912 ins Rennen. Allerdings verschlägt es den Fotografen Joseph Friedmann dieses Mal nach Helsinki anstatt nach Småland.

Seine Freundin, die Opernsängerin Bella, hat eine Gastrolle an der finnischen Nationaloper bekommen, und Josef, der nicht wirklich etwas zu tun hat, kümmert sich um den Haushalt und die Hunde. Der Frieden währt allerdings nicht lange. Lindström, der Polizist, der mit Josef dessen ersten „Fall“ gelöst hat, ruft an und macht ihn mit einem Freund, der bei der Polizei in Helsinki arbeitet, bekannt.

Josef schließt Freundschaft mit Olli Mustonen und besucht ihn gerne in seinem abgelegenen Ferienhaus. In der Nähe liegt ein verwaister Hof, auf dem vor fünf Jahren der griesgrämige Arzt Jens Bäck ermordet wurde. Seitdem fehlen drei Bilder des russischen Malers Ajvazovskij und Bäcks Gehilfe Dimitri. Die Ermittlungen verliefen damals im Sande, doch natürlich kennt Josefs Neugier keine Gnade. Er beginnt auf dem Hof und in Bäcks Leben herumzuschnüffeln. Bald findet er heraus, dass Bäck, anders als die Polizei glaubt, sehr wohl einen Sohn hat, der in Schweden lebt und behauptet, seinen Vater kaum zu kennen. Warum ist er aber dann auf vielen Fotos mit Bäck zu sehen? Das soll nicht die einzige Ungereimtheit bleiben …

Was die Kritik in seinem Vorwort angeht, hält Tandefelt Wort. Josef Friedmann ist ein äußerst sympathischer Charakter. Er erzählt aus der Ich-Perspektive im Präsens, was anfangs gewöhnungsbedürftig ist. Seine Wesenszüge sind klar gezeichnet, wirken aber etwas zu positiv. Es mangelt an wirklichen Macken, die den Protagonisten noch authentischer hätten dastehen lassen.

Die Geschichte konzentriert sich hauptsächlich auf Josefs Sicht, doch wie bei „Lauf, Helin, lauf!“ gibt es auch bei „Ultramarin“ eine zweite Perspektive. Während sie das letzte Mal aus der Sicht des menschlichen Opfers erzählte, begleitet sie dieses Mal die drei gestohlenen Gemälde und berichtet, jeweils aus dem Blickwinkel des momentanen Besitzers, wie sie immer weiter gegeben werden. Das ist auf jeden Fall ein geschickter Schachzug, auch wenn diese erfrischenden zweiten Perspektiven eher selten sind.

Als niveaulos kann man Tandefelts Schreibstil ebenfalls nicht bezeichnen. Er schreibt gehoben, aber dennoch einfach. Da aus der Ich-Perspektive erzählt wird, ist alles sehr subjektiv gefärbt, was kein Nachteil ist. Die persönliche Note macht es leicht, sich mit Josef Friedmann zu identifizieren, und seine lockere, humorvolle Art gefällt. Das Erzähltempus – Präsens – ist zwar, wie gesagt, etwas gewöhnungsbedürftig und hakt auch an einigen Stellen, alles in allem präsentiert sich „Ultramarin“ aber als runde Angelegenheit.

Einzig die Handlung dürfte dem Leser ein bisschen Kopfschmerzen bereiten. Tandefelt verlässt sich tatsächlich mehr auf die leisen Töne als auf Sex und Gewalt, aber so einen dichten, spannenden Plot wie bei seinem ersten Buch bekommt er dieses Mal nicht hin. Das liegt eventuell daran, dass es weniger Perspektiven und weniger aufzuklärende Fälle gibt.

Während sich „Lauf, Helin, lauf!“ durch eine mehrdimensionale Geschichte mit vielen losen Spannungsenden auszeichnete, ist „Ultramarin“ sehr einstrangig. An einigen Stellen plätschert die Story vor sich, und trotz des schönen Erzählstils finden sich einige Ausschweifungen. Tandefelt tendiert sehr stark dazu, präzise jeden einzelnen Handlungsschritt von Josef aufzuzählen. Mit der Zeit wird das mühsam, genau wie die Wiederholungen bei Josefs Ermittlungsarbeit. Man hat das Gefühl, als ob sein Leben daraus bestünde, Leute aufzutreiben, mit ihnen zu telefonieren und sie zu besuchen. Das führt dazu, dass die Handlung sich des Eindrucks einer leichten Konstruiertheit nicht erwehren kann.

Trotzdem gefällt Tandefelts Schreibstil nach wie vor. Wer die schwedische Krimischwermut satthat, wird an diesem Autor Gefallen finden, auch wenn „Ultramarin“ nicht an seinen Vorgänger heranreicht. Es bleibt aber zu hoffen, dass die sympathische Hauptfigur uns auch in weiteren Büchern beehrt. An der Art und Weise, wie Henrik Tandefelt seine Bücher schreibt, liegt es nämlich nicht. Es ist fast einzig und allein die Handlung, die in diesem Fall nicht ganz rund läuft.

http://www.dtv.de

Barclay, Linwood – Ohne ein Wort

Um „Ohne ein Wort“ von Linwood Barclay wird in den Medien derzeit ein ziemlicher Wirbel veranstaltet. |Ullstein| hat sogar eigens eine [Website]http://www.ohne-ein-wort.de ins Leben gerufen und bewirbt das Buch mit einem Filmtrailer.

So viel Tamtam ist man eher von Autoren der Größenordnung einer Joanne K. Rowling gewohnt. Dementsprechend hoch sind deshalb die Erwartungen an „Ohne ein Wort“. Ist Linwood Barclay wirklich der neue Stern am Thrillerhimmel, wie der Verlag suggeriert?

Eine Supernova ist es nicht gerade, die Barclay dem Leser beschert, aber immerhin auch kein schwarzes Loch. „Ohne ein Wort“ ist ein gemütliches Büchlein, das sich hauptsächlich durch seine Alltagsnähe auszeichnet.

Nun gut. Das, was Cynthia Archer, mittlerweile 39 und Ehefrau und Mutter einer achtjährigen Tochter, mit vierzehn Jahren erlebt hat, ist alles andere als alltäglich. Nach einem heftigen Streit mit ihren Eltern wacht sie am nächsten Morgen auf und muss feststellen, dass alle verschwunden sind. Das große Haus ist leer, ihre Eltern und der ältere Bruder Todd sind samt den Autos verschwunden. Gepackt haben sie nichts, auch einen Abschiedsbrief haben sie nicht hinterlassen. Was ist passiert? Wurden die Bigges ermordet? Wieso wurde Cynthia verschont?

25 Jahre später möchte Cynthia Licht ins Dunkle bringen und wagt einen verzweifelten Versuch. Mithilfe eines lokalen Fernsehsenders dreht sie eine Reportage über ihr Schicksal und hofft, dass die Zuschauer ihr weiterhelfen können. Anfangs passiert nichts, doch dann fühlt Cynthia sich plötzlich verfolgt, in ihr Haus wird eingebrochen und am Ende stirbt auch noch ihre geliebte Tante Tess, die sie aufgezogen hat. Wenig später findet die Polizei einen zweiten Toten, Denton Abagnall. Der Privatdetektiv sollte im Auftrag der Archers ermitteln, und das hat ihn das Leben gekostet. Doch anstatt den wahren Mörder zu suchen, der laut Cynthia von den Ereignissen vor 25 Jahren weiß, ermittelt die Polizei gegen die Familie. Da trifft ein anonymer Brief ein, der mit dem Verschwinden von Cynthias Eltern zu tun hat …

Anders als man es vielleicht erwartet, ist Cynthia nicht die Erzählerin dieser Geschichte. Ihr Mann Terry berichtet, wie das Wiederaufrollen des Verschwindens die Familie zerrüttet und ihren Alltag belastet. Terry ist ein sympathischer Ich-Erzähler, wenn auch nicht sonderlich interessant. Er verkörpert den netten, aber leicht langweiligen Lehrer, der es mit niemandem böse meint. Trotzdem ist er gut ausgearbeitet und wirkt dadurch, dass er so alltäglich ist, sehr authentisch.

Der Schreibstil, der Terry Archer begleitet, ist sehr stimmig gelungen. Barclay schreibt flüssig mit einem leichtfüßigen, nie bösen Humor. Sein Wortschatz ist gewählt, aber nicht zu sehr, und sein Satzbau ist klar. „Ohne ein Wort“ lässt sich sehr flüssig und angenehm lesen.

Bei den anderen Personen ist es ähnlich. Sie sind gut ausgearbeitet, aber es fehlt ihnen an Originalität. Sie wachsen dem Leser zwar ans Herz, aber wer auf der Suche nach etwas Neuem und Besonderem ist, wird bei „Ohne ein Wort“ nicht fündig. Insgesamt präsentiert sich das Buch mehr als Hausmannskost denn als echte Delikatesse.

Das merkt man auch der Handlung an, die recht konventionell aufgebaut ist. Alle Ereignisse, die darauf hindeuten, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, bleiben in einem Rahmen, der nur wenig Spannung zulässt. Das bedeutet nicht, dass die Story schlecht wäre. Im Gegenteil baut Barclay sein Buch logisch auf und steigert die Spannung schön zum Ende hin. Dennoch ist das Buch nicht so fesselnd wie manch anderer Psycho-Thriller. Dafür fehlen die wirklich ausgefallenen Ereignisse und weniger leicht durchschaubare Ungereimtheiten.

Was Barclay sich über das Buch hinweg aufbaut, hält er am Ende leider nicht ein. Die Auflösung des Falls ist nicht wirklich spektakulär, auch wenn sie überrascht. Trotzdem hätte es sich gelohnt, das Ende so zu gestalten, dass die Auflösung auch wirklich am Ende steht. An dieser Stelle verschießt Barclay sein Pulver ein wenig zu früh, auch wenn man seiner sauberen Handarbeit keinen Vorwurf machen kann.

Insgesamt ist „Ohne ein Wort“ ohne Frage ein Psycho-Thriller der besseren Sorte. Der Schreibstil ist gelungen und reißt mit, und die Personen sind sympathisch, wenn auch nicht gerade Originale. Barclays Art, auf Qualität statt auf Innovation zu setzen, rächt sich erst bei der Handlung. Der Aufbau ist konventionell und das Ende wenig spektakulär. Dadurch hat die Spannung wenig Gelegenheit, um sich wirklich gut zu präsentieren, verschwindet aber nie von der Bildfläche.

http://www.ullstein-taschenbuch.de

Hartung, Manuel J. – Uni-Roman, Der

Die Universitätslandschaft hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Die Einführung der Studienbeiträge von 500 Euro pro Semester in einigen Bundesländern und die Umstellung der alten Studiengänge auf Bachelor und Master-Fächer sind nur die sichtbarsten Veränderungen. Die digitale Archivierung kompletter Buchbestände, Kosteneinsparungen durch effizientere Energienutzung und das mit Protesten verbundene Zusammenlegen oder gar Streichen ganzer Fakultäten sind weitere Themen, welche die Professoren, die Angestellten und nicht zuletzt auch die Studenten beschäftigen. Doch was macht die heutige Studienzeit neben diesen Umwälzungen wirklich aus? Welche Erinnerungen, wenn der Student von heute in zwanzig Jahren an die schönste Zeit seines Lebens zurückdenkt, schießen ihm tatsächlich durch den Kopf? Wohl eher wilde Studentenpartys, die chaotischen Mitbewohner und überfüllte Hörsäle, in denen auch auf dem Boden kein Platz mehr zum Sitzen bleibt.

„Der Uni-Roman“ nennt sich das Buch, das Antworten auf diese und viele weitere Fragen geben will. Schon nach den ersten Seiten wird klar: Hier handelt es sich nicht um eine pseudo-wissenschaftliche Untersuchung, die außer hohlen Phrasen nur aufgeblähte Luft hinterlässt. Vielmehr wird das Uni-Leben so sarkastisch und bitterböse, aber zugleich treffend und witzig abgebildet, dass sich jeder Leser, der zumindest für einige Semester in einer Universität eingeschrieben war, sofort zwischen den Zeilen wiederfindet.

_Zum Autor_

„Der Uni-Roman“ ist Manuel J. Hartungs Debütroman, doch keineswegs sein erster Ausflug in die schreibende Zunft, denn er begann nach seinem Abitur eine beeindruckende Karriere. Nach der Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule wurde er jüngster Redakteur der |ZEIT|. Mit Jahrgang 1981 bei einer solch renommierten Zeitung zu arbeiten, zeugt von Talent. Kein Wunder, dass er während seines drauffolgenden Studiums (Geschichte, Psychologie und Jura) weiter journalistisch tätig war und Kolumnen über sein Studentenleben schrieb. „Der Uni-Roman“ entstand anhand der eigenen Erfahrungen an der Universität Bonn, während eines Auslandssemesters in Amerika.

_Inhalt_

Obwohl als Abbild des Studentenlebens konzipiert, durchzieht den Roman ein roter Faden, der die einzelnen Abschnitte zusammenhält. Markus ist Politikstudent, Erstsemestler an der Uni Bonn und, wie jeder Frischling, völlig ahnungs- und orientierungslos. Doch seine Mitbewohner können oder wollen ihn nicht durch den Uni-Dschungel begleiten. Maja, die Streberin der Wohngemeinschaft, ist auf Exkursion und leider für mehrere Tage ausgeflogen. Paul, der sportliche Typ, entrinnt den Problemen lieber und dreht seine Runden am Rhein, um sich fit zu halten. Und Rudi, Markus dritter Mitbewohner, studiert zwar wie er Politik, hat jedoch eine Party hinter sich und das Bedürfnis nach Sex und Schlaf. Durchaus in dieser Reihenfolge, denn eine Bekanntschaft des Abends hat er mit auf sein Zimmer genommen.

Markus bleibt also nichts anderes übrig, als sich alleine durchzukämpfen. Glücklicherweise nicht allzu lange, denn die Uni wimmelt nur so von Studenten, denen es nicht besser geht. Schließlich ist die Orientierungslosigkeit nicht nur ein Phänomen der Erstsemestler, auch wenn diese im höheren Semester eher als Planlosigkeit aufzufassen ist.

Sein erster Tag führt Markus in das Institut für Politik und politische Philosophie, um sich in das Seminar des Privatdozententen Dr. Wolfgang Krepp M. A. (Emmmm-Aahaah) einzuschreiben. Obwohl er gut zwei Stunden vor Anmeldungsbeginn beim Geschäftszimmer eintrifft, hat sich bereits eine wartende Studentenkolonne in den stickigen Gängen eingefunden. Als Nummer 37 muss er sich auf die bereits inoffiziell herumgehende Liste setzen, doch die Höchstteilnehmerzahl ist auf 30 begrenzt. Krepp erscheint zwei Stunden später pünktlich, setzt in seiner Güte die Teilnehmerzahl auf 35 und vertröstet die übrigen Studenten auf sein anderes Seminar oder auf nächstes Semester.

Markus beschließt, es für das andere Proseminar zu Internationalen Beziehungen noch einmal zu probieren, dann aber fünf Stunden vorher, auch wenn er dafür gegen vier Uhr in der Nacht aufstehen und in der Kälte vor dem zu dieser Zeit noch geschlossenen Institut ausharren muss. Zum Glück nicht allein, denn Anna, eine Kommilitonin aus dem dritten Semester, die er bei Krepps erster Anmeldestunde kennengelernt hat, will es ihm gleichtun. Und er lernt in den ersten Tagen nicht nur Anna, sondern eine Vielzahl weiterer Studenten kennen, die die gesamte Bandbreite der universitären Klischees bedienen. Da sind Scheitel, der mit seinem gelackten Äußeren wie der Oberguru einer Burschenschaft daherkommt, Chekka aus dem 21. Semester, der lässig und locker, aber gleichwohl völlig verplant und desillusioniert anmutet, und Hannes, der als 17-Jähriger sein Abi mit eins Komma null gemacht hat und sich nun für den Verein Latein sprechender Menschen stark macht. Aufgestylte Juristinnen, die sich auf Freundesfang nach einem frisch gekürten Doktoranten begeben, um nicht doch noch zu Ende studieren zu müssen, und kuttentragende Metaller, die ihre Liebe zu |Manowar| auch auf dem Campus kundtun, runden das illustre Bild ab.

Doch das Uni-Leben bringt nicht nur Spaß, sondern auch Probleme. Denn als sich Markus immer mehr zu seiner Kommilitonin Anna hingezogen fühlt, mit der er einen Großteil seiner Freizeit verbringt, und erfahren muss, dass sie bereits eine Fernbeziehung zu einem Freiburger führt, sucht er seinen Trost bei der fakultätsbekannten Jasmin, die mit jedem Jungen schon was hatte. Dumm nur, dass Anna ihn beim Knutschen mit Jasmin auf einer Party erwischt und Markus danach aus dem Weg geht.

_Bewertung_

Manuel J. Hartung gelingt es, spitzzüngig und treffend die deutsche Universitätslandschaft zu beschreiben. Aus Sicht des Durchschnittsstudenten Markus erlebt der Leser das Chaos eines Erstsemestlers und sein Aufeinandertreffen mit universitären Sitten und Bräuchen mit, die, ironisch dargestellt und stellenweise ins Absurde gezogen, immer wieder zu einem Schmunzeln anregen. Nicht vorrangig durch die Gags, an denen es im Roman wahrlich nicht mangelt, sondern durch die zynische Art, wie Hartung das Uni-Leben in Worte fasst. Jeder Student wird sich in den Situationen wiederfinden und an langweilige Vorlesungen, schlecht vorbereitete Professoren und heruntergeleierte Referate erinnern. Aber nicht nur die Institution Uni und ihre Professoren bekommen ihr Fett weg. Hartung lässt es sich nicht nehmen, selbstkritisch seine Studentenzeit zu reflektieren und die Eigenarten dieses wissbegierigen Grüppchens zu analysieren. Er thematisiert die fehlende Entscheidungsfähigkeit der Studenten, die ihr Studium nur als Chance sehen, die Wahl für ihre berufliche Zukunft um fünf Jahre nach hinten zu schieben, und stellt sich die Frage, wieso sie den Stoff ihrer Professoren unkritisch in sich aufsaugen, keine Widerworte geben und stillschweigend hinnehmen, dass sie für die Anmeldungen in Seminare bis zu fünfstündige Wartezeiten in Kauf nehmen.

Doch Hartung hütet sich, den moralischen Zeigefinger zu heben, sondern präsentiert seinen Roman als unterhaltsame Lektüre, aus der jeder so viel ziehen kann, wie er möchte. Unpassend erscheint nur die Liebesgeschichte, die ab der zweiten Hälfte des Romans die Handlung bestimmt und das universitäre Leben, auch wenn sie sich vor deren Kulisse präsentiert, in den Hintergrund drängt. Dennoch, „Der Uni-Roman“ ist ein großartiges Abbild der deutschen Uni-Landschaft geworden, das seinem polemischen Titel keineswegs gerecht wird und jedem empfohlen werden kann, der sein Studium einmal aus einer anderen Sicht betrachten oder noch einmal an die Institution Uni zurückkehren möchte.

http://www.piper-verlag.de/

Sapkowski, Andrzej – letzte Wunsch, Der (Geralt-Saga, Vorgeschichten 1)

_Die Geralt-Saga:_

Vorgeschichte: _1_ [Der letzte Wunsch 3939
Vorgeschichte: _2_ [Das Schwert der Vorsehung 5327

_Roman 1_: [Das Erbe der Elfen 5334
_Roman 2_: [Die Zeit der Verachtung 5751

Geralt von Riva ist ein Hexer. Einer jener mühsam herangezogenen Mutanten, die mittels ihrer Fähigkeiten in Kampf und Magie Jagd auf gefährliche Ungeheuer machen. Und als sei diese Jagd nicht schon anstrengend genug, muss er sich auch noch mit der äußerst mäßigen Begeisterung seiner Mitmenschen herumschlagen. Vielerorts werden nicht ganz menschlichen Leuten wie ihm Hass und Verachtung entgegengebracht, anderswo wiederum hat man sich mit den Monstern der Umgebung gewissermaßen arrangiert. Und die Mächtigen scheinen bei der Erteilung ihrer Aufträge regelmäßig zu vergessen, dass unliebsame Personen nicht automatisch zu den gefährlichen Monstern zählen …

_Andrzej Sapkowskis Protagonist_ ist ein ungewöhnlicher Kerl.

Geralt nimmt seinen Beruf sehr ernst. So ernst, dass er nicht nur die Menschen von der Bedrohung durch Ungeheuer befreit, sondern möglichst auch die Ungeheuer selbst, falls sich das machen lässt. Trotzdem hat er einen ziemlich schlechten Ruf, und das kommt nicht nur daher, dass er sich immer wieder mit den Mächtigen anlegt. Obwohl er noch relativ jung zu sein scheint, wirkt er leicht verbittert und müde, weniger im Kampf mit den Monstern als im Umgang mit den Menschen, denen er begegnet. Unterschwellig hat man den Eindruck, dass Geralt seine Arbeit und die damit verbundene Ablehnung zum Halse raushängt. Doch die Gelegenheit, etwas anderes zu werden, lässt er ungenutzt verstreichen.

Vielleicht resultiert diese Widersprüchlichkeit aus der knappen Erzählweise. Geralt hat so gut wie keine Vergangenheit. Über seine Ausbildung fallen ein paar vage Andeutungen, über die Zeit davor erfährt der Leser gar nichts. Möglicherweise sind diese Informationen im nicht übersetzten ersten Band enthalten. Andererseits verleiht dieser Mangel an Vorleben Geralt ein gewisse Etwas, eine Art geheimnisvolle Aura, die durch seine kühle, wortkarge Art noch unterstrichen wird. Und um das Maß voll zu machen, haftet ihm offenbar ein Schatten an, ein bedrohliches Schicksal, das auf ihn wartet.

Das klingt jetzt vielleicht alles ziemlich dick aufgetragen. Aber Sapkowski hat das gesamte Buch einzig und allein an der Figur des Geralt aufgehängt. Also muss diese auch einiges hergeben. Und das tut sie. Sie ist fähig genug, um als Held aufzutreten, aber nicht perfekt. Das ein düsteres Geheimnis mit ihr verbunden ist, macht sie interessant und außergewöhnlich, sie bleibt aber in ihrem Denken und Fühlen jederzeit menschlich.

Noch bemerkenswerter als die Hauptperson ist der _Handlungsverlauf_.

Die Geschichte besteht zum größten Teil aus Rückblenden. Der Teil der Ereignisse, der zum Zeitpunkt der eigentlichen Erzählung spielt, ist mit „die Stimme der Vernunft“ überschrieben und erstaunlich dünn. Dabei dient er durchaus nicht nur dazu, die einzelnen Kapitel der Rückblenden miteinander zu verbinden. Offenbar hat Geralt – abgesehen von diversen Herrschern und Fürsten, die er verärgert hat – auch ein paar ernst zu nehmende Feinde. Die Zusammenhänge zwischen dem dunklen Schatten seines Schicksals und diesen Feinden, und ob auch seine Vergangenheit damit zusammenhängt, ist bisher nicht klar. Was diese Dinge angeht, hält Sapkowski sich stark zurück. Offenbar soll dieser Erzählstrang den roten Faden für die folgenden Bände bilden, weshalb der Autor nicht zu viel verraten wollte.

Ungleich ausführlicher sind dafür die Rückblenden ausgefallen, und sie bilden eine recht bunte Mischung. Hier kommt so ziemlich alles vor: Inzest, Rache, Vertreibung, Verwünschung, Diebstahl und Dämonenbeschwörung. Die gelegentlichen Ähnlichkeiten mit der Märchenwelt der [Brüder Grimm 3456 ist gewollt. Im Gegensatz zu Cecilia Dart-Thornton (|Die Feenland-Chroniken|) begnügt Sapkowski sich jedoch nicht damit, sie einfach zu rezitieren, nein, er baut sie unmittelbar in seinen Kontext ein, und das auf eine saloppe Art und Weise, die ich sehr amüsant fand. Und das sind nicht die einzigen Anspielungen, die sich hier finden.

Gewürzt wurde dieser Cocktail mit einer Prise trockenen Humors und einer gehörigen Portion Action – schließlich wird hier gegen Monster gekämpft, da geht es ziemlich zur Sache, allerdings bei weitem nicht so blutig oder eklig, wie man bei dieser Thematik befürchten könnte.

_Insgesamt_ eine sehr abwechslungsreiche Sache. Viele überraschende Wendungen sorgen dafür, dass keine der diversen Monsterjagden gleich abläuft. Der knappe Erzählstil lässt weder detaillierte Beschreibungen der Umgebung noch intensive Charakterzeichnungen zu – Sapkowskis Charakterzeichnung bezieht ihre Faszination mehr aus dem interessanten Entwurf als aus der Intensität der Darstellung -, kommt dafür aber der Action zugute. Die Intelligenz und Anpassungsfähigkeit des Protagonisten verhindert, dass die ganze Sache in pures Hauen und Stechen abgleitet. Und die Grundhandlung bietet einige Geheimnisse und Rivalitäten und macht neugierig, sowohl auf den Rest der Serie. Wer also eine Vorliebe für ein schnelles Erzähltempo, Schwertkämpfe, Raufereien und dunkle Geheimnisse hat, ist hier richtig.

_Andrzej Sapkowski_ ist Literaturkritiker und Schriftsteller und nebenbei Polens bekanntester Fantasy-Autor. „Der letzte Wunsch“ ist der zweite Band seines Hexer-Zyklus, der trotz großen Erfolgs bisher nicht vollständig ins Deutsche übersetzt wurde. Sinnigerweise fehlt – wie oben bereits angedeutet – ausgerechnet der erste Band! Dafür diente der Zyklus als Grundlage für einen Kinofilm und eine Fernsehserie sowie für das polnische Rollenspiel |Wiedźmin|. Auch ein Computerspiel ist in Arbeit.

Nach der Trilogie um Geralt den Hexer hat Andrzej Sapkowski einen weiteren Fantasy-Zyklus geschrieben, der auf Deutsch überhaupt nicht erhältlich ist. Erst die |Narrenturm|-Trilogie um die Abenteuer des jungen Medicus Reinmar von Bielau scheint es komplett in die deutschen Buchläden zu schaffen. Der letzte Band „Lux Perpetua“ ist für Dezember dieses Jahres avisiert.

http://www.der-hexer.de
http://hexer.wikia.com
http://www.dtv.de
http://www.sapkowski.pl
http://www.thewitcher.com

_Andrzej Sapkowski auf |Buchwurm.info|:_

[„Das Schwert der Vorsehung“ 5327 (Geralt-Saga, Band 2)
[„Das Erbe der Elfen“ 5334 (Geralt-Saga, 1. Roman)
[„Narrenturm“ 1884
[„Gottesstreiter“ 3367
[„Lux perpetua“ 4568

McCall Smith, Alexander – verschmähten Schriften des Professor von Igelfeld, Die

Einen Platz in der Reihe der skurrilsten Romantitel hat Alexander McCall Smith mit seinem aktuellen Werk „Die verschmähten Schriften des Professor von Igelfeld“ in jedem Fall verdient. Der Inhalt steht dem Titel in Sachen Skurrilität im Grunde in nichts nach. Wir Deutschen dürfen es mal wieder über uns ergehen lassen, dass ein Brite sich über uns lustig macht. Wie gut, dass McCall Smith wenigstens Schotte ist und nicht Engländer …

Doch so schlimm zieht McCall Smith auch schon wieder nicht über deutsche Gepflogenheiten her. Objekt seine Spottes ist eben in erster Linie besagter Professor von Igelfeld, und der hat sich den Spott ob seiner Verschrobenheit redlich verdient.

Professor Moritz-Maria von Igelfeld ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der romanischen Philologie. Er ist der vielgepriesene Autor des über 1000-seitigen Standardwerks „Portugiesische unregelmäßige Verben“ – ein Werk, das in der Philologie an sich und in der Wissenschaft ganz allgemein seinesgleichen sucht. Dennoch führt Professor von Igelfeld ein akademisches Schattendasein. So unübertroffen sein Werk auch sein mag, es ist in mindestens gleichem Umfang auch unverkäuflich. Und so kämpft von Igelfeld mit dem unermüdlichen Eifer eines Don Quijote um Anerkennung und Wertschätzung.

Mit einem zielsicheren Gespür für Fettnäpfchen und einem nicht immer ganz so fein ausgeprägten Sinn für den Umgang mit anderen Menschen, kämpft er gegen die Bedeutungslosigkeit seines eigenen Schaffens und nicht zuletzt gegen die Intrigen, die sein Regensburger Kollege Detlef Amadeus Unterholzer stets zu spinnen scheint. Von Igelfeld ist eine Ausgeburt deutscher Tugenden und akademischer Werte, stets darum bemüht, dass ihm die Ehre zuteil wird, die er verdient zu haben glaubt.

Alexander McCall Smith skizziert das wissenschaftliche Wirken und Leben des Professor von Igelfeld in insgesamt fünfzehn Episoden. Die englische Originalausgabe erschien 2003 in drei einzelnen Bänden, die für die deutsche Ausgabe zu einem Buch zusammengefasst wurden.

„Die verschmähten Schriften des Professor von Igelfeld“ ist ein durchweg humoristisches Werk, das vor allem auf den ersten Blick schwierig in einen zeitlichen Kontext einzuordnen ist. Von Igelfeld und seine beiden Kollegen Florianus Prinzel und Detlef Amadeus Unterholzer haben selbstverständlich in Heidelberg studiert, und so bekommen die Geschichten einen Anstrich von deutschem Studententum und Burschenschaften. Man ordnet das Ganze im ersten Moment irgendwo in Richtung 19. Jahrhundert ein und hat das Gefühl, McCall Smith hätte sich von Mark Twains „Bummel durch Europa“ inspirieren lassen hat, in dem Mark Twain mit einem Augenzwinkern die Erlebnisse seiner Deutschlandreise schildert, die ihn unter anderem in Heidelberger Studentenkreise geführt hat.

Umso überraschter ist man, wenn man dann im weiteren Verlauf auf immer mehr Anzeichen stößt, die belegen, dass von Igelfeld eine Figur der Gegenwart sein soll. Das verleiht dem ganzen Buch eine recht eigenartige Note, denn von Igelfelds ganze Art und Weise, sein hölzernes Benehmen, sein ständiges Schielen auf Ansehen und Ehre passen doch ins 19. Jahrhundert sehr viel besser als in die heutige Zeit. Und obwohl es ja gerade diese Züge seiner Persönlichkeit sind, welche die Lektüre würzen (allem voran seine chronische Überschätzung der eigenen Bedeutung für den Fortbestand von Kultur und Wissenschaft), so wirkt dieser Gegensatz doch etwas unstimmig.

Dennoch hat man gerade zu Beginn der Lektüre durchaus so manchen Anlass nicht nur zu schmunzeln, sondern herzhaft zu lachen. McCall Smith hat durchaus ein Händchen für die humoristische Betrachtung seiner Figuren und zieht so manche Begebenheit durch von Igelfelds sonderbare Eigenarten so herrlich ins Lächerliche, dass man wirklich seinen Spaß hat.

Sehr amüsant liest sich beispielsweise eine Episode um ein Duell, das von Igelfeld für seinen unsportlichen Kommilitonen Florianus Prinzel mit hartgesottenen Burschenschaftlern organisiert, in dem Glauben, Prinzel sei der geborene Athlet. Auch von Igelfelds Erlebnisse als vermeintlicher Veterinärmediziner und Dachshund-Experte in Amerika lesen sich sehr unterhaltsam, ebenso wie die Geschehnisse während mehrerer Arbeitsaufenthalte in Italien. Von Igelfeld hat ein Talent dafür, sich selbst in die unmöglichsten Situationen zu manövrieren, und zu beobachten, wie er immer wieder versucht, einen möglichst ehrenvollen Abgang zu machen, ist schon sehr komisch.

Dennoch schlägt man das Buch am Ende mit gemischten Gefühlen zu. Von Igelfelds steife, hölzerne Art ist zwar ganz lustig, lässt sich aber auch nicht als endloses Gagfeuerwerk strapazieren. Hat man anfangs noch seine helle Freude an der Absurdität der Figur von Igelfeld an sich und dem Augenzwinkern, mit dem McCall Smith ihn beschreibt, so zieht sich die Lektüre im Laufe der Zeit doch immer mehr in die Länge. Es gibt zwar immer noch Stellen, über die man herzhaft lachen kann, doch tendenziell wird es zum Ende hin dünner. Der Humor nutzt sich ab und man kommt gerade im dritten Teil des Buches zum unausweichlichen Schluss, dass die Figur des Moritz-Maria von Igelfeld allein eben doch nicht genug hergibt, um damit 447 Seiten zu füllen. Hätte der dritte Buchteil komplett gefehlt, ich hätte ihn keine Sekunde vermisst.

Unterm Strich sind „Die verschmähten Schriften des Professor von Igelfeld“ ein nicht ganz ungetrübtes Lesevergnügen. Zwar versteht Alexander McCall Smith sich auf eine gewitzte, augenzwinkernde Erzählweise mit einer teils wirklich herrlich absurden Note, dennoch nutzt sich der Humor mit der Zeit etwas ab. Weniger wäre hier mehr gewesen, denn hätte McCall Smith sich auf etwa die Hälfte der Episoden beschränkt, hätte man von vorne bis hinten genüsslich durchlachen können.

So ist die Lektüre eben doch nicht von Anfang bis Ende unterhaltsam, und zum Ende hin macht sich etwas Unmut breit. Ebenso nimmt man McCall Smith auch in zunehmenden Maße die Unstimmigkeit zwischen den dem 19. Jahrhundert entliehenen Figuren und dem Umfeld der modernen Welt krumm. Solange man viel zu lachen hat und durchweg gut unterhalten wird, stört man sich an solchen Aspekten nicht so leicht, hat man aber Zeit, sich um solche Dinge den Kopf zu zerbrechen, weil der Plot müde vor sich hinplätschert, wird ein kleiner Makel schnell zum Störfaktor.

http://www.blessing-verlag.de/

Briggs, Patricia – Drachenzauber

Ein Unglück kommt selten allein, sagt man. Das scheint auch für Ereignisse zu gelten, die auf harmlosere Art bemerkenswert sind. Auf jeden Fall lässt sich nicht leugnen, dass Wardwicks jüngere Schwester Ciarra gerade an jenem Tag in den Abwasserkanal von Burg Hurog geflüchtet und Wardwick auf der Suche nach ihr auf die Höhle mit den Drachenknochen und den jungen Oreg gestoßen ist, an dem sein Vater Fenwick den tödlichen Reitunfall hatte.

Nun ist Wardwick also Hurogmeten, der Herr von Burg Hurog, das heißt, er wird es sein, sobald er volljährig ist. Aber er hat kaum Zeit, das Erbe seines Vaters anzutreten. Nur wenige Tage nach der Beerdigung taucht eine entflohene Sklavin in Hurog auf, und natürlich dauert es nicht lange, bis auch ihre Verfolger vor der Tür stehen und sie zurückfordern. Als Wardwick sich weigert, die Frau herauszugeben, kommt es zum Eklat …

Charaktere

Wardwick, genannt Ward, ist idealistisch, ehrenhaft, stur und eine ausgeprägte Beschützernatur. Das macht ihn für nahezu alle, die sich um ihn sorgen, geradezu unerträglich. Er ist aber auch einfühlsam und intelligent, was zu zeigen er bisher mit großem Erfolg vermieden hat, um nicht von seinem Vater als Rivale empfunden und umgebracht zu werden. Seine hervorragend vorgetäuschte Dummheit bringt ihn allerdings auch in gehörige Schwierigkeiten, denn der Hochkönig hat eine Neigung, unliebsame Personen ins Asyl, eine Art Irrenanstalt, sperren zu lassen, und Wards Scharade bietet den dafür denkbar besten Vorwand.

Vorerst ist allerdings nicht der Hochkönig Jakoven sein Problem, sondern Kariarn, der König von Volsag. Er sammelt magische Artefakte, um seine Macht zu vergrößern, und giert deshalb nach den Drachenknochen in der Höhle unter Burg Hurog. Kariarn ist nicht unbedingt größenwahnsinnig. Wenn man sich ihm nicht widersetzt, kann er geradezu kumpelhaft sein. Das ändert aber nichts daran, dass er absolut skrupellos ist.

Jakoven dagegen ist nicht nur skrupellos und machthungrig, er ist auch grausam und tückisch. Während Kariarns Anhänger ihm aus freiem Willen folgen, benutzt Jakoven Magie, Folter und Erpressung, um sich die Menschen gefügig zu machen, wobei seine Erpressung nicht die geradlinige Art Kariarns hat, der seine Gegenüber vor die einfache Wahl stellt: Gehorsam oder Tod. Jakovens Angriff kommt immer von hinten!

Angenehm an Patricia Briggs Charakterbeschreibung ist, dass alle ihre Figuren relativ durchschnittlich geblieben sind. Beide Bösewichte sind menschlichen Grenzen unterworfen. Sie können ihre Gegner nicht durch schiere Übermacht niederwalzen, wie es die bösen, machtgierigen Zauberer in der High Fantasy gerne tun, und sind deshalb gezwungen zu taktieren und sich gewissen politischen Gegebenheiten zu beugen.

Wardwick ist zwar der vollkommene Typus eines Helden, aber auch er ist ein gewöhnlicher Mensch und beschützt die Seinen nicht, weil ein Held prinzipiell die Welt vor dem Untergang rettet, sondern weil er an den Leuten hängt, eine persönliche Bindung zu ihnen hat. Dies und die Tatsache, dass die Autorin den Hinweis auf Wards Heldentum selbst immer wieder augenzwinkernd anbringt, schüttelt jeden Gedanken an Klischee ab.

Das gilt auch für die Handlung. Der Eindruck vom Tsunami-Effekt, von der nur durch ein Wunder aufzuhaltenden, absoluten, alles vernichtenden Katastrophe, die das Gros der Fantasy so gern bemüht, fehlt hier völlig. Es sind kleinere Widrigkeiten, mit denen Ward sich herumschlagen muss, aber deshalb nicht weniger folgenreich für die Bevölkerung. Auch hier werden zwei Tyrannen gestürzt, allerdings nicht durch einen Akt überbordender Selbstaufopferung. Zugegeben, Zähigkeit gehörte durchaus zu den Eigenschaften, die nötig waren, um mit den beiden Antagonisten fertig zu werden, doch es hielt sich innerhalb der Grenzen dessen, was ein Mensch leisten kann.

Die Handlung bleibt dadurch näher am Leser. Ward ist niemand, zu dem man mit offenem Munde aufsieht, seine Geschichte keine, der man mit weit aufgerissenen Augen folgt. Diese Geschichte könnte auch einem von uns passieren. Vorausgesetzt natürlich, es gäbe ein paar nette Zutaten in unserer Welt.

Eine davon sind Drachen. Zu meiner Überraschung hielten sich diese mythischen Wesen allerdings sehr im Hintergrund. Der hauptsächlich vorkommende Drache ist Oreg, Wards Zauberer. Da Oreg aber hauptsächlich in menschlicher Gestalt unterwegs ist, neigt der Leser dazu, in ihm weniger den Drachen als den Zauberer zu sehen. Was der Faszination dieser Figur allerdings keinen Abbruch tut.

Eine weitere sind die Zwerge, die allerdings auch eher selten auftauchen. Der Hauptvertreter dieses Volkes ist Axiel, der aber wie Oreg ein Mischling ist und deshalb so menschlich wirkt, dass man seine Herkunft die meiste Zeit über vergisst.

Und dann ist da natürlich noch die Magie als solche. Angenehm ist auch hier wieder, dass selbst Oreg, mit dem kaum ein anderer Zauberer mithalten kann, nicht über unbegrenzte Fähigkeiten verfügt, sowohl im Hinblick auf die Menge der magischen Kraft, die ihm zur Verfügung steht, als auch bezüglich dessen, was er damit bewirken kann.

Mit anderen Worten, Patricia Briggs hat hier einen Roman abgeliefert, dem zwar das bombastische Weltuntergangspanorama fehlt, der aber genug Geheimnisse, Ränke, Verrat, List und Gegenlist bietet, um zu keiner Zeit Langeweile aufkommen zu lassen, dessen Charakterzeichnung wohltuend frei von Übersteigerung und Klischee bleibt, und der trotz dieser vornehmen Zurückhaltung dennoch genug Ideen bietet, um den Hauch von märchenhaftem Zauber zu entfalten, der Fantasy auszeichnet. Es hat Spaß gemacht, dieses Buch zu lesen.

Noch eine positive Überraschung jenseits der Erzählkunst der Autorin bescherte dem Leser der Verlag. Zur Abwechslung wurde hier mal nicht zerstückelt – wobei man der Gerechtigkeit halber feststellen muss, dass |Heyne| nicht zu dieser Unart neigt -, sondern es wurden zwei Romane in einem Buch zusammengefasst. Die Leistungen des Lektorats waren dafür nicht ganz von der gewohnt hohen Qualität. Gelegentlich stolperte ich doch über Fehler, die nicht immer nur als einfache Tippfehler durchgehen.

Patricia Briggs schreibt bereits seit fünfzehn Jahren Bücher. Neben Einzelromanen wie „When Demons Walk“ oder „The Hob’s Bargain“ schrieb sie eine Reihe von Mehrteilern – wie die |Sianim|-Serie oder die |Raven|-Duologie – und wirkte in Anthologien mit, darunter „Silver Birch, Blood Moon“ und „On The Prowl“, das im August dieses Jahres auf Englisch erscheint. Einige ihrer Bücher sind bereits wieder |out of print|. Auf Deutsch ist bisher nur „Drachenzauber“, das die beiden Hurog-Bände beinhaltet, erhältlich. Der erste Band der Mercedes-Thompson-Serie „Ruf des Mondes“ soll im November dieses Jahres in die Buchläden kommen.

Taschenbuch 800 Seiten

Originaltitel: „Dragonblood“ und „Dragonbones“

Deutsch von Regina Winter

ISBN-13: 978-3453523098

http://www.heyne.de
http://www.hurog.com/

Napier, Bill – 77. Grad, Der

Als mäßig erfolgreicher Antiquar und Fachmann für historische Karten fristet Harry Blake sein bescheidenes Einkommen. Für den reichen Sir Toby Tebbit soll er ein verschlüsseltes Tagebuch auf seine Echtheit überprüfen, das diesem angeblich ein Verwandter im fernen Jamaica vererbte. Blake schlägt ein, doch der scheinbare Routineauftrag entpuppt sich als Spießrutenlauf: Noch hat er keinen genauen Blick auf das Werk werfen können, da tritt schon eine erste Unbekannte drohend an ihn heran und fordert die Herausgabe. Blake weigert sich selbstverständlich und informiert Sir Toby, der sich etwas zu offensichtlich unwissend gibt. Weitere und immer bedrohlicher werdende Attacken erschrecken Blake, der das Tagebuch übersetzt und herausfindet, wieso es für seine Gegner von solchem Wert ist.

Es erzählt von den Erlebnissen des James Ogelvie, eines Schotten, der 1585 – zur Zeit der anglikanisch-protestantischen Königin Elisabeth I. – mit dem berühmten Seefahrer Sir Walter Raleigh auf eine Reise in die Karibik geht. Ziel ist es, den „Längengrad Gottes“ zu finden und dort eine Kolonie zu gründen. Doch der (katholische) Feind schläft nicht. Mörder gehen auf dem Schiff um und wollen das Unternehmen sabotieren. Sie führen heimlich eine christliche Reliquie von unerhörter Kraft mit sich, die besagte Kolonie im Namen von Maria Stuart, Elisabeths Erzkonkurrentin und Rivalin um den Thron, zu einem Zentrum der katholischen Bewegung umwerten soll.

In der Gegenwart wird Sir Toby umgebracht. Der entsetzte Blake setzt sich mit dessen Tochter Debbie in Kontakt und sucht die Unterstützung der Historikerin Zola Khan. Gemeinsam bemüht man sich das Rätsel der Ogelvie-Aufzeichnungen zu lüften, bevor dem mysteriösen Gegner dies gelingt. In der Vergangenheit wie in der Gegenwart hören die Gewalttaten nicht auf, sodass sowohl der junge James als auch Harry, Zola und Debbie in Lebensgefahr geraten …

Vorab ein Wort der (Ent-)Warnung: „Ein packender Mysterythriller für die Fans von Scott McBain und Dan Brown“, dröhnt die Werbetrommel auf dem Backcover. Man beachte die Reihenfolge: Dan Brown kennt und liest bekanntlich jede/r, und Scott McBain ist einer seiner (sogar noch) minderbegabteren Nachahmer, der seine Trash-Thriller hierzulande recht erfolgreich im |Knaur|-Verlag (Aha!) veröffentlicht; möge das Publikum den Hieb mit dem Zaunpfahl verstehen und auch Bill Napier durch reichliche Buchkäufe würdigen …

Aber Napier verdient den Vergleich mit gleich zwei tonfüßigen Bestseller-Fabrikanten nicht. Sein Werk kann für sich selbst stehen. Wer’s mag (oder braucht), darf die Schubladen „Literatur“ und „Unterhaltung“ aufziehen: „Der 77. Grad“ gehört in Letztere. Als solche kann dieser Roman nicht nur gut mithalten in der Flut der meist grässlichen Copy-Thriller um biblische & historische Mysterien, sondern schwimmt sogar an der Oberfläche auf.

Das Rätsel des 77. Grads wird bereits recht früh gelüftet – eine gute Entscheidung, denn vermutlich hätte es ins Finale verlegt die meisten Leser irritiert und unzufrieden aus der Geschichte entlassen. Ohne an dieser Stelle Entscheidendes zu verraten, darf immerhin erwähnt werden, dass es um den Streit zwischen katholischer und anglikanisch-protestantischer Kirche geht, der zu den prägenden Ereignissen des 16. Jahrhunderts gehört. Die Intensität dieses Kampfes, der zugleich hochpolitisch war und mehrfach in Kriege ausartete, lässt sich heute vom historischen Laien schwer nachvollziehen. Doch damals war diese Auseinandersetzung eine Grundsatzfrage, deren Entscheidung unzählige Menschen das Leben kostete.

Nur in diese Welt passt ein kompliziertes Komplott, wie es Autor Napier entwirft. Es geht um Kartografie, Kalender, Kolonien. Realpolitik und Religion finden eng miteinander verknüpft statt. Aus heutiger Sicht wirkt das wie gesagt abstrakt. Napier gleicht dies aus, indem er zusätzlich eine christliche Super-Reliquie ins Geschehen bringt, die auch im 21. Jahrhundert enorme Begehrlichkeiten wecken kann. So schafft er eine einleuchtende Verbindung zwischen den beiden im Wechsel geschilderten Handlungsebenen: Quasi parallel kommen James Ogelvie 1585 und Harry Blake & Co. in der Gegenwart dem Mysterium auf die Spur – ein geschickter Kunstgriff, der die Spannung verdoppelt – und einen „modernen“ Thriller immer wieder mit dem Historienroman kreuzt: zwei beliebte Genres in nur einem Roman!

Die rasante Handlung folgt recht ausgefahrenen Pfaden. Im Ausknobeln eines Plots ist der Verfasser eindeutig besser. Vor allem jener Strang, der im 21. Jahrhundert spielt, gleicht den Schnitzeljagden, die heute in allen Unterhaltungsmedien zum Thema „Rätsel und Schätze der Vergangenheit“ stattfinden. Napiers Jamaica ist beispielsweise eine karibisch knallige Rastafari-Insel, auf der lässige Lebensfreude und schonungslose Gewalt nahtlos ineinander übergehen.

Es ist objektiv schwer zu entscheiden, wie eine originellere Handlung aussehen könnte, da wir nie mit einer solchen konfrontiert werden. Immerhin ist Napier Routinier genug, den Spannungsbogen nicht abreißen zu lassen, während er immer wieder in die Vergangenheit zurückkehrt, die er mit Einfallsreichtum und Fachwissen zu beleben weiß.

Bill Napier mag es klassisch: Sein „Held“ ist ein Jedermann, der zwar über gewisse intellektuelle Fähigkeiten, nicht jedoch über (körperliche) Kräfte gebietet, die ihn über den Durchschnitt erheben bzw. ihm helfen, sich gegen seine skrupellosen, brutalen, schwer bewaffneten Feinde durchzusetzen. Harry Blake – schon der Namen symbolisiert Alltäglichkeit – ist ein beruflich und privat wenig erfolgreicher Antiquar, also ein weltfremder und schwächlicher Zeitgenosse, wie ihn das Klischee für Romane wie diesen fordert.

„Klischee“ ist ein wichtiges Wort, denn Blake trifft auf Böslinge, die wohl nur in der Märchenwelt des „77. Grades“ Angst und Schrecken verbreiten können, mimen sie doch so drastisch die chronischen Möchtegern-Weltherrscher, dass es schon wieder lächerlich wirkt. Da haben wir also den irrsinnig-fanatischen Superschurken, dem selbstverständlich eine ebenso schöne wie zutiefst verdorbene weibliche Schönheit (die hier auch noch auf den Namen „Cassandra“ hört) zur Seite steht. Sie und diverse vertierte Helfershelfer gieren förmlich danach zu foltern und zu morden; alle orientieren sich in Wort und Tat an den kindischen James-Bond-Thrillern der Vor-„Casino-Royale“-Ära. Wie es diesen Knallchargen gelingt, einen weltweit aktiven Geheimbund zu gründen und zu führen, ist das wahre Rätsel dieser Geschichte …

Auch im Spiegel stimmt das Bild: Wie es sich gehört, kann sich Harry auf einen kleinen Kreis ergebener Helfer stützen, zu denen erwartungsgemäß eine hübsche, tatkräftige (Reihenfolge beachten!) Frau gehört. Hier sind es derer sogar zwei, denn neben die tatkräftige Fachfrau Zola Khan (was für ein Name!) tritt – als Identifikationsfigur für jüngere Leser? – die erst süße 19 Jahre zählende Anbeißmaus Debbie; keine der guten Ideen des Verfassers.

Siehe da, irgendwann lässt Napier plötzlich durchblicken, dass Harry nicht immer ein Antiquar gewesen ist. Düster fallen Namen von Orten, die Großbritanniens Einsätze in diversen Kriegen der näheren Vergangenheit dokumentieren, an denen Harry anscheinend als Soldat teilgenommen hat. So wirkt es einleuchtender, wenn er den Schurken, die ihn ständig überfallen, Saures geben kann.

Wesentlich „lebensechter“ wirken die Figuren des Ogelvie-Handlungsstrangs. Der Verfasser profitiert hier von der Tatsache, dass er Personen schildert, deren Äußerungen und Verhalten schwer oder gar nicht nachgeprüft werden können: Wer kennt sich als Leser so genau im Jahre 1585 aus, dass ihm (oder ihr) Verstöße gegen die historische Realität bewusst werden? Dem besser mit der Materie vertrauten Kritiker fällt jedenfalls auf, dass sich auch die Bewohner der Vergangenheit primär so verhalten, wie es uns Lehrfilmen wie „Fluch der Karibik“ oder „Master and Commander“ nahebrachten. Zumindest der fiktiven Vergangenheit steht das Klischee jedoch besser als der Realität. Oder anders ausgedrückt: Dieses Garn ist dick genug, dass wir alle unser Lieblingsfädchen daraus zupfen können.

William Napier wurde 1940 im schottischen Perth geboren. Er wuchs im Städtchen Strathaven im Westen auf, studierte an der Universität zu Glasgow und verließ sie mit einem Doktortitel in Astronomie, bevor er für ein Jahr am Royal Holloway College in Surrey lehrte. Er übernahm dann einen Posten am Royal Observatory in Edinburgh, den er 25 Jahre innehatte, bis er 1992 in den vorzeitigen Ruhestand trat. Nach einem kurzen Gastspiel als Dozent in Oxford ging Napier als Astronom ans Observatorium in Armagh, wo er noch heute tätig ist.

Erst in Armagh begann Napier sich ernsthaft als Unterhaltungsschriftsteller zu versuchen. Der Science-Thriller „Nemesis“, der sich um den drohenden Einschlag eines Riesenmeteoriten auf die Erde dreht, brachte ihm auf Anhieb den Durchbruch. Den sicheren Boden der Astronomie verließ Napier 2000 mit seinem Thriller „Revelation“ (dt. [„Die Offenbarung“). 3387 Noch ein Stück weiter ging er mit „The Lure“, in dem er die Konsequenzen einer klassischen „Begegnung der Dritten Art“ beschreibt.

2003 sprang Napier auf den Dan-Brown-Express auf und trug seinen Teil zur aktuellen Bestseller-Verschwörungstheorie bei, nach der die christliche Kirche seit zwei Jahrtausenden mit Hilfe vorzeitlicher Super-Hightech, albinotischer Meuchelmörder oder maskierter Außerirdischer klammheimlich die Welt regiert & die Menschheit für dumm verkauft. „Shattered Icon“ (dt. „Der 77. Grad“) war einfalls- und erfolgreich genug, um vom Originalverlag mit einer ebenso werbeträchtigen wie marktschreierischen aber witzigen Website begleitet zu werden: http://www.splinteredicon.com.

http://www.droemer-knaur.de

Somper, Justin – Vampiraten 1: Der Fluch des Ozeans

Grace und Connor haben gerade ihren Vater und ihr Zuhause verloren. Jetzt haben sie die Wahl zwischen einem trostlosen Waisenhaus und einem reichen, aber verlogenen Bankiersehepaar. Da ihnen keines von beidem behagt, ziehen sie es vor, sich auf dem Boot ihres Vaters davonzumachen. Doch kaum haben sie den schützenden Hafen verlassen, bricht ein Sturm los und zertrümmert das Boot.

Die beiden haben Glück im Unglück: Sie werden gerettet. Allerdings jeweils von einem anderen Schiff.

Connor ist bei den Piraten gelandet und fühlt sich dort bald recht wohl. Grace dagegen findet sich auf einem Schiff voller Vampire wieder. Es dauert nicht lange, da gerät sie in Schwierigkeiten …

_Die Charaktere_

Connors herausragendste Eigenschaft ist seine sportliche Begabung, er ist kräftig und durchtrainiert. Aber segeln kann er offenbar nicht, und vom Wetter hat er auch nicht viel Ahnung. Dafür beweist er eine gewisse Hartnäckigkeit, aufzugeben ist nicht seine Sache. Abgesehen davon scheint er noch eine besondere Begabung zu haben, die sich vorerst am besten mit einem siebten Sinn umschreiben lässt: Er kann die Stimme seines toten Vaters hören und bis zu einem gewissen Grad Grace und ihre Umgebung wahrnehmen. Woher diese Begabung kommt und was genau es damit auf sich hat, bleibt noch unklar.

Grace ist diejenige mit Köpfchen, zumindest wird sie am Anfang als sehr intelligent und kenntnisreich beschrieben. Sie ist bei weitem nicht so sportlich wie ihr Bruder, aber auf ihre Weise genauso zäh. Ihr Angst zu machen, ist keine leichte Sache, und Resignation liegt ihr genauso wenig wie ihrem Bruder. Übernatürliche Fähigkeiten zeigt sie bisher keine. Und segeln kann sie offenbar genauso wenig wie ihr Bruder.

Mehr gibt es über die beiden vorerst nicht zu sagen. Die Charakterzeichnung bleibt ziemlich blass und flach. Die Vergangenheit der beiden fehlt völlig, wahrscheinlich, um der gewissen Aura des Geheimnisvollen willen. Das funktioniert sogar ein wenig. Abgesehen davon aber bleibt auch die Gegenwart recht unpersönlich und fad. Die beiden scheinen – von Connors sportlichen Aktivitäten abgesehen – keine Hobbys zu haben. Sie vermissen zwar ihren Vater, fragen aber nie nach ihrer Mutter. Die Schulden ihres Vaters haben sie zwar ihr Zuhause gekostet, aber offenbar keinerlei Träume oder Zukunftspläne zunichte gemacht. Das Einzige, woraus diese beiden zu bestehen scheinen, sind ihre äußerst enge Bindung zueinander und das alte Shanty über die Vampiraten, das sie von ihrem Vater gelernt haben und ständig zum Besten geben. Das ist nicht gerade viel, womit der Leser sich identifizieren könnte.

_Auch die Handlung_ fand ich nicht unbedingt mitreißend:

Die Piraten auf der |Diablo| sind erstaunlich gemütliche Gesellen. Zwar gibt es Spannungen zwischen dem Kapitän und seinem ersten Offizier, die sind aber vorerst noch recht harmloser Natur. Bösewichter scheint es auf diesem Schiff keine zu geben; eine erstaunliche Tatsache, wenn man bedenkt, dass man es eigentlich mit Verbrechern zu tun hat. Nicht, dass Justin Somper aus seinen Seeräubern edle Ritter nach dem Vorbild eines Robin Hood gemacht hätte, das nicht. Aber diese Mannschaft, allen voran der Kapitän, wirkt, als ob sie nichts ernst nähme. Keiner von ihnen will reich werden oder etwas rächen oder gar seine Mordlust befriedigen. Das Einzige, worum es zu gehen scheint, ist, möglichst viel Spaß zu haben!

Konfliktstoff bietet da vorerst nur die Tatsache, dass die Piraten der Weltmeere sich dieselben offenbar in Einflusszonen aufgeteilt haben. Der Kapitän der |Diablo| findet das allerdings höchst albern und wildert ohne Rücksicht in fremden Gewässern, was die anderen Kapitäne und ihre Besatzungen ziemlich wütend macht. Das klingt fast ein wenig nach organisiertem Verbrechen, wo die einzelnen Paten ebenfalls ihre Sphären streng gegen Übergriffe von anderen schützen. Leider ist die Ausarbeitung in dieser Hinsicht bisher nicht über Andeutungen hinausgekommen.

Das gilt auch für Cheng Li, den ersten Offizier der |Diablo|. Cheng Li hat an der Piratenakademie studiert und redet ständig von einer neuen Art von Piratentum, das die Welt der Piraterie revolutionieren wird. Wie genau das allerdings aussehen soll, wird nicht genauer erläutert.

Ein wenig mehr zur Sache geht es da auf dem Schiff der Vampire. Wobei diese Mannschaft sich nicht als Vampire bezeichnet, sondern als Vampiraten. Eine nette Wortschöpfung. Ich fragte mich allerdings, warum sie sich so nennen, denn in all der Zeit, die Grace bei ihnen verbringt, haben sie offenbar kein einziges Schiff überfallen. Die Piraten der |Diablo|, die von Connor das Shanty über eben diese Vampiraten gehört haben, wissen nichts von einem solchen Schiff und halten es für eine Legende, was sicher nicht so wäre, wenn die Vampiraten entsprechend aktiv wären.

Genau genommen handelt es sich also doch um ganz gewöhnliche Vampire, die sich auf diesem Schiff vor den Nachstellungen durch den Rest der Welt in Sicherheit gebracht haben. Der Kapitän ist ein sehr kultivierter Mann, so kultiviert, dass er sogar ohne Blutsaugen auskommt. Er hat sehr zivilisierte Regeln aufgestellt, aber natürlich gibt es da einen Quertreiber, der sich nur äußerst ungern daran hält. Der Kapitän verspricht Grace Schutz. Warum er sie aber nicht einfach in der Nähe des nächst besten Hafens an Land setzt, was wahrscheinlich der beste Schutz wäre, wird nicht erklärt.

Um die Sache etwas spannender und geheimnisvoller zu machen, hat der Autor diese Details natürlich zunächst einmal nicht verraten. Stattdessen muss Grace einen Teil davon ihrem Bewacher/Beschützer Lorcan Furey mühsam aus der Nase ziehen und den Rest selbst herausfinden. Trotz des Shantys und der Klugheit, die ihr zu Anfang zugeschrieben wurde, hat sie dafür erstaunlich lange gebraucht. Ein Knacks in der Logik, der eine Steigerung der Spannung oder Dramatik sofort wieder untergräbt.
Erst als der Quertreiber unter den Vampiren, Sidorio, meutert, wird die Sache interessanter …

_Insgesamt betrachtet_, wirkt dieser erste Band der |Vampiraten|-Serie wie eine ellenlange Einleitung. Das versuchte Attentat auf den Kapitän der |Diablo| und der erste Kampfeinsatz Connors, die ein wenig Schwung in die Geschichte brachten, liefen so glatt und waren so schnell erledigt, dass es für den Aufbau eines echten Spannungsbogens nicht gereicht hat. Zwar deuten die vielen vagen Hinweise in der Geschichte – Connors ungewöhnliche Begabung, das seltsame Verhalten des Vampiratenkapitäns in Bezug auf Grace, Cheng Lis Andeutungen – sowie der Unmut der anderen Piratenkapitäne und Sidorios Ankunft an Land die Entstehung von ein paar größeren Verwicklungen an, die Auswirkungen werden allerdings erst dem nächsten Band zugute kommen.

Nun handelt es sich hier um ein Kinderbuch, und natürlich erwartet man in einem solchen Fall weder Ströme von Blutvergießen noch echten Grusel. Immerhin sollen die jungen Leser nach dem Ende des Buches noch einschlafen können. Aber auch davon abgesehen kann die Geschichte mit dem „Fluch der Karibik“, mit dem sie verglichen wird, nicht mithalten. Auch wenn der Kapitän der |Diablo| zugegebenermaßen ein sympatischer Kerl ist, kann er mit Käpt’n Sparrow nicht wirklich konkurrieren. Der Handlung fehlt es – zumindest in diesem ersten Band der |Vampiraten| – an Erzähltempo und turbulenten Wendungen, um dem Vergleich mit dem Filmvorbild standhalten zu können. Bisher zumindest sind die |Vampiraten| kein „Fluch der Karibik“ für Kinder.

Aber das kann sich ja noch ändern. Eigentlich hat Justin Somper genug Konfliktpunkte und Geheimnisse angelegt, um im nächsten Band für einige Bewegung im Handlungsverlauf zu sorgen und den Leser mit unerwarteten Erkenntnissen zu überraschen. Falls es ihm zusätzlich gelingt, seinen Figuren, vor allem den beiden Hauptpersonen, noch etwas mehr persönliches Profil zu geben, könnte sich dieser Zyklus vielleicht noch berappeln.

Justin Somper ist Hobbyschwertkämpfer und war in mehreren Verlagen als Kinderbuchlektor und PR-Manager tätig, ehe er selbst anfing zu schreiben. Die |Vampiraten|-Serie ist inzwischen bis Band vier gediehen. Auf Deutsch erschien Band zwei im Juni dieses Jahres, die Folgebände sollen ab Februar 2008 erhältlich sein.

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Stackpole, Michael A. – Zum Helden geboren

Unüberwindbar mutet die Bannmauer für jeden an, der zum ersten Mal vor ihr steht. Ein magischer Wall zum Schutz des Imperiums. Denn während das imperiale Reich die alles einnehmende Ordnung verkörpert, ein System, das nach strikt geordneten Bahnen und Regeln verläuft, für deren Einhaltung seine Bewahrer bis in den Tod gehen, fließt hinter der Mauer das ungezügelte Chaos. Wer die Mauer von der imperialen Seite betrachtet, kann nicht anders, als sie als ein Meisterwerk zu bezeichnen, das die Stärke und Einheit des Imperiums symbolisiert. Auf der anderen Seite jedoch, wo das Chaos herrscht, wirkt sie bedrohlich und einengend – als die Umzäunung eines Gefängnisses, dem es zu entkommen gilt.

Viele Dämonen sind an der Mauer gescheitert und umgekommen, als sie versucht haben, diese zu durchdringen. Doch die Chaosmächte geben nicht eher auf, bis sie die Wände der Ordnung eingerissen haben. Immerhin haben sie einen bedeutsamen Vorteil auf ihrer Seite: Ihre wilde, ungeordnete Taktik entspringt einem Geist, in den sich die imperialen Kräfte niemals hineindenken können.

Und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Schwachstelle der Bannmauer überwunden ist. Vraska, ein Brutkind aus den Lenden eines legendären Dämonenfürsten, überlebt den Vorstoß eines Tages. Als erster Dämon betritt er die Welt der Menschen und will sie fürchten lehren für all die Jahre hinter der dem Wall.

_Zum Autor_

Michael A. Stackpole hatte sich mit Romanen für die |Star Wars|- und |Mechwarrior|-Buchreihen einen Namen gemacht, bevor er mit |Düsterer Ruhm| eine eigene Fantasysaga kreierte. Mit „Zum Helden geboren“ legt er ein Einzelwerk vor, das in keiner der früheren Welten spielt, durch die Verknüpfung von düsterer Endzeit mit klassischen |Sword and Sorcery|-Elementen jedoch wie ein Mix aus den bisher bekannten Settings daherkommt. „Zum Helden geboren“ erschien bereits 2002 im |Heyne|-Verlag, fünf Jahre nach der amerikanischen Ausgabe, und ist nun bei |Piper| mit neuem Cover wiederveröffentlicht worden.

_Inhalt_

Lachlan, ein junger Mann, der von allen nur Locke genannt wird, wächst in einem kleinen Ort namens Felsenschnell in der Provinz Garik auf. Zusammen mit seinen zwei Brüdern wird er von seinem Großvater Audin aufgezogen und zum Krieger ausgebildet. Sein Großvater ist hart, doch immer fair und handelt im besten Gewissen, seine Jungs zu starken Persönlichkeiten zu machen. Er soll eines Tages durch die Lande ziehen und die dämonischen Bedrohungen bekämpfen – so, wie es auch Lockes Vater Cardew einst getan hat. Bei einer Mission durch die Chaoslande kam dieser jedoch nie zurück und hinterließ seine Söhne in der Obhut des Großvaters. Obwohl das genaue Verbleiben Cardews bis zum heutigen Tag ungeklärt geblieben ist und niemand genau weiß, welch Schicksal ihm im Chaos zuteil wurde, gehen alle von seinem Tod aus. Bis auf Locke, den, obwohl er seinen Vater nie persönlich kennen gelernt hat, die Hoffnung antreibt, seinen Vater eines Tages doch noch lebend zu finden.

Die Hoffnung, nicht zuletzt aber auch seine List und sein Geschick sind es, die es Locke ermöglichen, einen Wettkampf gegen seine körperlich überlegenen Brüder zu gewinnen. Sein Großvater Audin hat den Wettbewerb veranstaltet, um den Besten von ihnen in seinem Namen in die Hauptstadt Herakopolis zu schicken. Dort veranstaltet der Imperator ein großes Fest, auf dem Locke seine Großmutter Evadne begleiten und Audin vertreten soll.

Der Abschied fällt Locke schwer, doch als er seine Heimat verlassen und sich einer vorbeiziehenden Karawane angeschlossen hat, beginnt er, aus dem Schatten seines Großvaters zu treten und sich all jene Fertigkeiten anzueignen, die ihn Audin nicht lehren konnte. Auf der Karawane lernt er den rauen, aber ehrlichen Roarke kennen, der ihm viel von der Welt und den Dämonen erzählen kann. Und das Chaos ist auf der Reise bereits viel gegenwärtiger, denn einige weitere Gefährten, die schon in den Chaoslanden gekämpft haben, weisen Entstellung auf, die sich in aus der Haut wachsenden Stacheln oder Fangzähnen manifestiert haben. Trotz der offensichtlichen Gefahren, die das Chaos birgt, treibt Locke immer mehr der Wunsch, selbst zur Bannmauer aufzubrechen und auf der anderen Seite nach seinem Vater zu suchen. Zu dem Zeitpunkt weiß er allerdings noch nicht, dass er diesem Wunsch bereits sehr viel näher ist.

Schließlich trifft Locke in der Hauptstadt ein, in der er seine Großmutter besucht und sich mit ihren Bediensteten, vor allem der lebensfrohen Marija, anfreundet. Während diese ihm Stadt zeigt, erfährt Locke, dass ein dem Chaos nahestehender Mann samt seiner Familie grauenvoll ermordet, ausgeweidet und anschließend verspeist worden ist. Zudem erfährt er, dass ein Dämon von einer Gruppe Krieger nach Herakopolis verfolgt worden ist, dort jedoch untertauchen konnte. Das Geflecht zieht sich allmählich zusammen. Doch noch immer ist nicht klar, ob es sich tatsächlich um einen Dämonen handelt, denn die Bannmauer gilt weiterhin für Dämonen als unpassierbar.

Als letztendlich auf dem großen Fest des Imperators mitten im Eröffnungstanz ein bösartiger Zauberer erscheint und das Chaos verbreitet, und kurze Zeit später auch der Dämon auftaucht, ist Locke sich seines Ziels gewiss: Er will in die Chaoslande gehen und dort das Übel an der Wurzel bekämpfen. Nicht nur für sich, nicht nur für seinen Vater, sondern für die ganze Menschheit. Denn er ist zum Helden geboren.

_Bewertung_

„Zum Helden geboren“ fängt verheißungsvoll an. Ein junger Mann, der sich unter seinen älteren Brüdern benachteiligt fühlt, bekommt durch den Sieg eines von seinem Großvater ausgerufenen Wettstreits die Chance, seine Familie auf dem Fest des Imperators zu vertreten und die Welt kennenzulernen. Ebenso wie Locke, jener besagte junge Mann, lernt auch der Leser die Welt Schritt für Schritt kennen. Zunächst nur das Dorf, dann auf der Reise in die Hauptstadt die Verstrickungen um das Chaos, die durch die Geschichten der Karawanen-Reisenden vor dem geistigen Auge Kontur gewinnen, und schließlich die Hauptstadt selbst, die sich als farbenfroher Gegensatz zur Einöde und tristen Kargheit des übrigen Landes präsentiert.

Doch während die Handlung weiter in der Hauptstadt verläuft und sich nur gemächlich, und zwar viel zu gemächlich entfaltet, beginnt die düstere, zunächst gelungen anmutende Fassade der Welt zu bröckeln, die letztendlich doch nur eine leicht abgewandelte Variante des ausgelutschten Gut-gegen-Böse-Schemas in Form von Imperium und Chaos darstellt. Stackpole gelingt es nicht mehr, den Leser mitzureißen, und kann die Erwartungen, die er durch die drohenden Konflikte der ersten Seiten aufbaut, nicht mehr einhalten. Die Geschichte flacht zu einem Einheitsplot ab, der jegliche überraschenden Wendungen verliert und ab dem Fest des Imperators in der Mitte des Romans zielgerichtet auf das bereits zu erahnende Finale zusteuert.

Anstatt die Spannung zu halten, die den Leser durch die Augen des Protagonisten Locke in Form von Geschichten über die Welt jenseits Felsenschnells und dem Chaos an den Roman zu fesseln beginnt, verliert sich der Autor in Nebensächlichkeiten und merkt erst viel zu spät, dass er wieder auf die Haupthandlung zusteuern muss. Während ihm dies nach 250 Seiten bewusst wird, mag der ein oder andere Leser schon abgesprungen sein. Derjenige, der weiterliest, erfährt tatsächlich eine Steigerung. Allerdings nur eine kleine, die keine bewegenden Plotwendungen mehr enthält und ein Ende abliefert, das den Roman entsprechend abschließt, aber nicht befriedigt.

„Zum Helden geboren“ hätte deutlich mehr Potenzial gehabt, denn Stackpole kann allein durch mitreißende Dialoge Stimmung aufbauen. Er braucht keine seitenlangen Landschaftsbeschreibungen, um die Welt entstehen zu lassen. Der schwache Plot lässt jedoch die guten Ansätze verblassen und den Roman im Mittelmaß versinken.

http://www.piper-verlag.de/boulevard/

_Michael A. Stackpole auf |Buchwurm.info|:_

[„Das verlorene Land“ 1036 (Saga der neuen Welt 1)
[„Der Kampf um die alte Welt“ 2238 (Saga der neuen Welt 2
[„Geisterkrieg“ 145 (Mechwarrior Dark Age 1)
[„Der große Kreuzzug“ 748 (Düsterer Ruhm 6)
[„Der Weg des Richters“ 1047
[„Es war einmal ein Held“ 1672
Star Wars Sonderband 34 – X-Wing Rogue Squadron: [„Die Thronerbin“ 3338

Mignon G. Eberhart – Während der Kranke schlief

Im einsamen Haus lauern verfeindete Verwandte auf den Tod des reichen Familienoberhaupts, bis die Anwesenden sich gegenseitig zu dezimieren beginnen. Eine Krankenschwester betätigt sich als Privatdetektivin und kommt des Rätsels Lösung dabei zu nahe … – Atmosphärisch dichter „Whodunit“ mit wirklich allen Elementen dieses Genres, deren Autorin nach vielen falschen Fährten und Rätselraten den Täter aus dem Kreis der sämtlich verdächtigen Figuren herausfiltert.
Mignon G. Eberhart – Während der Kranke schlief weiterlesen