Leshem, Markus – Wien blutet

Man denke sich einen [Fiaker.]http://de.wikipedia.org/wiki/Fiaker Dann denke man sich den Stephansdom. Und für die Stimmung denke man sich schlussendlich noch einen Strauss-Walzer seiner Wahl (aus naheliegenden Gründen wäre „Wiener Blut“ zu empfehlen). Während man dann Wasser für eine Wiener Melange kocht und anfängt, mit dem Fuß zu wippen, stürmt eine ganze Horde Vampire, Werwölfe und andere finstere Gesellen die Bühne und macht sich reichlich breit. Klingt nach einer spannenden Mischung? Dann sollte man vielleicht Markus Leshems Debütroman „Wien blutet“ zur Hand nehmen.

_Überblick_

Rossoit Tessier ist ein alter Vampir mit einer ziemlich umfangreichen [Entourage,]http://de.wikipedia.org/wiki/Entourage denn er hat die Angewohnheit, in jeder Stadt, die er besucht, einen Menschen zum Vampir zu machen. In seiner neuen Heimat Wien hat er sich die junge Musikerin Silvia ausgesucht. Doch als er ihr den „Kuss“ gibt, setzt er eine Kettenreaktion in Gang, die ihm bald über den Kopf wachsen wird. Denn auch wenn Silvia nicht einmal das erste Drittel des Romans überleben wird, wechseln doch ihr Freund Ralph und dessen Kumpel Benny ins Lager der Vampire und verkomplizieren Rossoits ursprünglichen Plan zusehends.

Eigentlich ist Rossoit nämlich nach Wien gekommen, um dem Dämon Phiomet zu helfen, wieder körperliche Form anzunehmen. Während der Dämonenkriege vor hundert Jahren wurde Phiomet vernichtet. Aber wie das bei Dämonen so ist, hat er nicht wirklich das Zeitliche gesegnet: Mit ein wenig Einsatz von Rossoit und einem kleinen Ritual in einer bestimmten Nacht ließe sich Phiomet wiedererwecken. Und dann könnte er die ganze Stadt mit Dunkelheit überziehen.

Diese Aussicht gefällt wiederum Cedric nicht, einem rund 500 Jahre alten Vampir, der schon seit langem in Wien lebt und seine schützende Hand über die Stadt hält. Zusammen mit einer Gruppe von Freunden, die ebenfalls interessante übernatürliche Talente vorzuweisen haben, macht sich Cedric also daran, Rossoits Plan zu verhindern.

_Eindrücke_

„Wien blutet“ ist der erste Teil einer Trilogie und gleichzeitig der Debütroman des österreichischen Schriftstellers Markus Leshem. Er bevölkert Wien mit einer illustren Gemeinschaft übernatürlicher Wesen, die dem Leser Altbekanntes, aber vielleicht auch Neues bieten. Da wären natürlich die Vampire, die offensichtlich – zumindest teilweise – eine Art Gegengesellschaft im Untergrund Wiens aufgebaut haben. Da wären die Werwölfe, die in „Wien blutet“ zunächst nur am Rande auftauchen, auch wenn das Ende des Romans den Schluss zulässt, dass ihr Part im zweiten Teil größer ausfallen wird. Da gibt es Zeitreisende und Schattengänger und zwischen all dem den einzigen menschlichen Charakter von Gewicht, nämlich die Polizistin Samira.

Es ist dem Roman anzumerken, dass er anfing, Formen anzunehmen, als der Autor einer Rollenspielgruppe beitrat. Leshem halst sich ein ganzes Arsenal an Charakteren auf, die von Zeit zu Zeit die Geschichte zu erdrücken drohen. Zumindest ist es unmöglich, auf 300 Seiten jedem der vielen Charaktere gerecht zu werden. Viele werden nur angerissen und bleiben blasse Statisten, die zwar die Geschichte bevölkern, selbst dafür aber kaum Geschichte vorzuweisen haben. Gerade darüber, was einen Charakter antreibt, erfährt man meistens wenig. Warum beispielsweise entschließt sich Rossoits Gespielin Julie dazu, ihren Meister zu verraten und auf die Seite der Guten zu wechseln? Die Frage wird nie wirklich geklärt und lässt den Leser somit leicht verwirrt und verunsichert zurück.

Es gibt allerdings auch wirklich gelungene Figuren. Da wäre zum Beispiel Lucian, ein geheimnisvoller Schattengänger, der chamäleonartig die Farbe seiner Umwelt annehmen kann und mit seiner Schnelligkeit, Kraft und Wendigkeit anderen Charakteren mit schöner Regelmäßigkeit das Leben rettet. Lucian hat ein loses Mundwerk, ist immer zur rechten Zeit am rechten Ort und erscheint als erfrischender Prellbock zwischen dem theatralischen Rossoit und dem bieder-gutmütigen Cedric.

Apropos Cedric: Für diese zentrale Figur hat sich Leshem einen besonderen Kniff einfallen lassen. In kurzen Einschüben zwischen den Kapiteln entführt er den Leser in Cedrics Vergangenheit und zeigt bruchstückhaft dessen ersten Zusammenstoß mit dem Übernatürlichen. Damit schlägt er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits erfährt man mehr über Cedric und darf in dessen Vergangenheit eintauchen. Und auf der anderen Seite zeigen diese Szenen den Ursprung einer jahrhundertealten Fehde, der wohl im zweiten Band eine Rolle spielen wird.

Ebenfalls gelungen ist Samira, eine Polizistin, die vor einigen Jahren zufällig auf die Welt der Vampire gestoßen ist und sie nun offensichtlich nicht mehr verlassen kann. Sie ist Kettenraucherin, Einzelgängerin und auch ein bisschen schießwütig. Sie hat permanent schlechte Laune, trägt aber dennoch das Herz am rechten Fleck. Man muss einfach mögen, wie sie mit ihrem alten |Ford| (der den Roman leider nicht überleben wird) durch Wien zuckelt, um Rossoit auf die Spur zu kommen. In „Wien blutet“ ist sie noch ein Nebencharakter, doch lässt sich Leshem für den zweiten Teil alle Türen offen. Es scheint, als wäre ihre Geschichte noch nicht erzählt, also heißt es Daumen drücken, dass Samira im zweiten Roman einen größeren Teil der Action bestreiten darf. Dass sie das kann, beweist die Waffensammlung in ihrem Handschuhfach.

Ebenso gelungen ist Phiomet selbst, der böse Dämon. Man könnte zwar einwenden, dass er ja kaum vorkommt, doch gerade seine Abwesenheit schürt die Neugierde des Lesers. Phiomet ist der Strippenzieher im Hintergrund, der verzweifelt darauf wartet, dass ein Handlanger (in diesem Fall Rossoit) ihn wiedererweckt. Was der Menschheit dann blüht, wird nur angerissen, jedoch ist klar, dass die Zukunft nicht rosig aussieht. Indem Leshem Phiomet nur spärlich auftauchen lässt, erhält er die Spannung und spart sich gleichzeitig noch genug Zündstoff für den zweiten Band auf.

Schade ist allerdings, dass Wien selbst ein bisschen zu kurz kommt. Die Ausgangsidee ist schließlich wunderbar! Bei Vampirromanen denkt man in erster Linie an Frankreich (Paris ist schließlich ein echter Moloch für Untote), Amerika (Anne Rice, anyone?) und natürlich Rumänien (von wo aus die Vampirplage bekanntermaßen ihren literarischen Lauf nahm). Die Handlung eines Vampirromans nach Wien zu verlegen, ist vielversprechend. Die Stadt atmet Geschichte und bietet viel Atmosphäre; sie ist also eigentlich wie gemacht für den Unterschlupf eines Vampirs. Leider werden die Möglichkeiten des Settings nicht genutzt, als Leser „sieht“ man nur wenig von Wien. Wären der Stephansdom, die Mariahilfer Straße, das AKH und die Ringstraße nicht namentlich genannt, so könnte die Handlung auch in jeder anderen Stadt spielen. Man ist versucht, sich mehr Sachertorte, Kaffee und Schmäh zu wünschen, doch das wäre wohl etwas zu viel des Klischees. Aber ein bisschen mehr Lokalkolorit hätte „Wien blutet“ auf jeden Fall vertragen können.

_Insgesamt_

„Wien blutet“ hadert mit einigen Kinderkrankheiten, zeigt als Debütroman aber durchaus Potenzial. Leshem beweist, dass es ihm an Geschichten nicht mangelt. Nun muss er nur noch lernen, nicht alle auf einmal erzählen zu wollen. „Wien blutet“ will zu viel auf einmal; die durchaus geradlinige Story (Bösewicht will Dämon erwecken und die Guten wollen ihn aufhalten) wird von zu vielen Charakteren bevölkert, welche die Angelegenheit unnötig verkomplizieren und von der eigentlichen Handlung ablenken. Leshem müsste mindestens die doppelte Seitenzahl investieren, um seinem Fundus an Figuren wirklich gerecht werden zu können. An erzählerischem Talent soll es dabei nicht mangeln, der Roman liest sich durchaus flüssig und besonders die Actionszenen sind gut gelungen. Markus Leshem bringt die Handlung von „Wien blutet“ zu einem schlüssigen Ende, hat aber gleichzeitig noch genug in der Hinterhand, um den Leser auf Band zwei neugierig zu machen. Mal sehen, welche Haken seine Charaktere dann schlagen werden!

http://www.wien-blutet.at
http://leshem.loopart.at/

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