Jilliane Hoffman – Cupido

Eine Staatsanwältin in Miami erkennt in einem Verhafteten denjenigen Mann wieder, der sie zwölf Jahre zuvor brutal vergewaltigt und verstümmelt hatte. Sie benutzt ihre gegenwärtige Position, um sich an dem Serienkiller zu rächen. Dabei übersieht sie leider ein paar Kleinigkeiten.

Die Autorin

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren Kindern in Fort Lauderdale. „Cupido“ ist ihr erster Roman. Noch bevor das Buch erschienen war, hatte das Filmstudio Warner bereits die Filmrechte für 3,5 Millionen Dollar gekauft. (Verlagsinfo)

Die Sprecherin

Iris Böhm spielte nach ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schuspielkunst „Ernst Busch“ an verschiedenen Theatern. Sie war u. a. in „Tatort“, „Zwei Asse und ein König“ und „Eine Hand schmiert die andere“ zu sehen. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Rolle als Kommissarin in der RTL-Serie „Die Sitte“. Iris Böhm lebt in Berlin. (Verlagsinfo)

Handlung

Der 1. Akt des Dramas spielt in New York City im August 1988. Chloe Joanna Larson ist erst vierundzwanzig, steht aber schon kurz vor ihrem Anwaltsexamen. Die ehrgeizige Blondine schmiedet bereits Zukunftspläne mit Michael Decker, einem Makler, mit dem sie seit zwei Jahren befreundet ist. An diesem Abend hat er sie ins Theater eingeladen. Sie erwartet, dass er ihr einen Antrag macht und sich mit ihr verlobt. Nichts dergleichen passiert: Sie erhält zum zweijährigen Jubiläum lediglich einen schönen Anhänger (der später noch wichtig wird). Vor Enttäuschung und aus Verärgerung über Michaels egozentrisches Verhalten geht sie allein ins Bett.

Was sich als schwerer Fehler erweist. Ein Mann, der sie schon seit langem beobachtet und jedes noch so winzige Detail ihres Lebens – ja, sogar ihren Kosenamen „Beanie“ – kennt, nutzt die Gunst der Stunde, dringt bei ihr ein, fesselt sie an ihr Bett und vergeht sich dann stundenlang an der Wehrlosen. Da er eine Clownsmaske aus Latex trägt, kann sie ihn später nicht identifizieren. Sie merkt sich aber seine körperlichen Merkmale und prägt sich seine Stimme ein. Er hat eine gezackte Narbe am Unterarm.

Als sie im Hospital aus ihrer tiefen Ohnmacht erwacht, hat ihr der Arzt die Gebärmutter operativ entfernen müssen, um den Blutverlust zu stoppen, den die schweren Verletzungen verursacht haben. Der Vergewaltiger hat sie mit scharfen Objekten im Unterleib verletzt und ihr die Haut zerschnitten. Sie wird niemals Kinder bekommen können. Frustriert muss sie zudem einsehen, dass ihre Täterbeschreibung nutzlos ist: Der Maskierte ist nicht zu finden.

Er hat ihr ein so tief sitzendes seelisches Trauma beigebracht, dass sie nicht in der Lage ist, ihr Studium abzuschließen. Selbst ein harmloser Job als Telefonistin ruft bei ihr Panikattacken hervor. Michael Decker betrachtet schon bald ihre Beziehung als beendet, sie zieht in einen gesicherten Wohnblock, doch gegen die Furcht in ihrer Seele hilft das nichts. Sie zieht weiter, raus aus New York.

2. Akt: zwölf Jahre später, Mitte September 2000

In der Metropole Floridas, Miami, hat die Polizei eine umfangreiche Mordserie aufgedeckt. Special Agent Dominic Falconetti vom Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zählt bislang elf Opfer. Alles junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahre alt. Alle wurden nach sexuellem Missbrauch auf grausame Weise getötet, mitsamt der Entfernung des Herzens. Was ihn jedoch stört, ist die Art und Weise, wie die gefundenen Leichen geradezu drapiert wurden, als wolle der Killer, dass die Polizei sie so finde und sein „Kunstwerk“ bewundere. Später kommt er darauf, dass alle Fundorte etwas mit der Polizei zu tun haben. Die Polizei findet keinerlei biologische Spuren, die Aufschluss auf den Mörder geben könnten. Sie tappt im Dunkeln, doch die Medien haben einen Namen für den Killer: „Cupido“.

Falconettis Boss ist C. J. Townsend, die Staatsanwältin im FDLE. Als er von Cupidos Festnahme erfährt, verständigt er sie natürlich. Eine Verkehrsstreife – Victor Chavez – hat einen gewissen William Rupert Bantling festgenommen, weil er in dessen Jaguar die Leiche einer jungen Frau fand, die der Beschreibung nach Anna Prado ist, die nur einen Tag zuvor verschwunden war.

Die Festnahme Cupidos erregt das Interesse der internationalen Medien. Sie alle fallen über C. J. Townsend her, die die Ermittlungen der Cupido-SOKO leitet und die Anklageerhebung leiten soll, damit dem Killer der Prozess gemacht wird. Innerhalb der Staatsanwaltschaft Miamis gehört sie der Elite an und ist entsprechend exponiert. Schon bald wird ihr dieser Druck zu viel. Dabei hat der Fall noch gar nicht richtig angefangen.

C. J. Townsend ist keine andere als Chloe Joanna Larson. Als sie während der ersten Justizanhörung die gezackte Narbe an Bantlings Unterarm erblickt und seine Stimme hört, weiß sie, wie vom Donner gerührt, dass dies der Mann ist, der sie vor zwölf Jahren stundenlang vergewaltigte und ihr Leben zerstörte. Nach einer heftigen körperlichen Reaktion überlegt sie auf der Damentoilette, ob sie den Fall nicht sofort abgeben soll. Sie ist eindeutig befangen. Wenn herauskommt, dass eine Verbindung zwischen Bantling und Larson besteht und sie den Fall dennoch weiterverfolgt, verliert sie ihre Zulassung zur Anwaltskammer und kann wieder ganz unten anfangen.

C. J. lässt es darauf ankommen, selbst wenn Falconetti ahnt, dass sie etwas verschweigt. Doch die Chance, sich für das, was Bantling ihr seinerzeit angetan hat, zu rächen, wird nicht so schnell wiederkommen. Sie diskutiert ihr Dilemma mit ihrem forensischen Psychiater Dr. Gregory Chambers, dem sie seit zehn Jahren ihr Innerstes anvertraut. Was sie sagt, unterliegt der Schweigepflicht, solange es um keine Pläne zu Straftaten geht. Bantlings Festnahme bietet ihr die Chance, endlich ihr Leben in den Griff zu bekommen und die Schatten der Vergangenheit zu verbannen.

Zunächst lässt sich alles sehr gut an, und die von der Cupido-SOKO gelieferten Hinweise und Indizien veranlassen C. J., Anklage gegen William Bantling wegen Mordes an Anna Prado zu erheben (nicht wegen der anderen zehn Frauen, denn zu diesen Fällen fehlen die Bindeglieder). Sie plädiert auf die Todesstrafe.

Da bittet Bantling sie um eine Unterredung im Beisein seiner Verteidigerin. Endlich hat er sein früheres Opfer wiedererkannt und konfrontiert sie damit, dass auch sie ihn wiedererkannt habe und sich nun lediglich an ihm rächen wolle. Was er C. J. zu sagen hat, bringt sie an den Rand eines Nervenzusammenbruchs: „Du hast gut geschmeckt, Beanie“ …

Mein Eindruck

Der zentrale Konflikt, aus dem dieser Thriller seine Spannung und Relevanz bezieht, ist recht einfach zu beschreiben: Darf eine Vertreterin der Justiz Gesetze und Vorschriften brechen, um eine persönliche Rache zu vollziehen? Die Antwort sollte objektv gesehen eindeutig ausfallen: nein. Doch selbst dann, wenn es der Autorin gelingt, in uns so großes Mitgefühl hervorzurufen, dass wir der Staatsanwältin dieses unredliche Verhalten durchgehen lassen, wie können wir sicher sein, dass ihre Rache den Richtigen trifft? Dass die Gerechtigkeit den gewünschten Lauf nimmt und Schlimmeres verhindert wird? Dass die Mordserie Cupidos mit der Hinrichtung Bantlings ein Ende haben wird?

Ob dies der Fall ist oder nicht, darf ich an dieser Stelle nicht verraten. Das ist für die Erörterung des Konfliktes, in dem C. J. steht, auch nicht besonders relevant. (Natürlich aber für die Aufklärung und Beendigung der Mordserie.) Von Bedeutung ist vielmehr, ob Privatjustiz einen Platz hat in der institutionellen Justiz. Das sollte nicht der Fall sein, aber die Autorin spielt den Fall dennoch durch. Vermutlich kann dies durchaus vorkommen, und wie man in John Grishams Romanen nachlesen kann, werden Anwälte usw. laufend dafür eingesetzt, um Privatinteressen durchzusetzen, wobei die Justiz missbraucht wird. Nur sind im Fall Chloe Larson die Motive sehr persönlicher statt finanzieller oder wirtschaftlicher Natur.

C. J. macht sich schuldig: „Nur kleine Opfer für einen höheren Zweck“, sagt sie sich. Doch wir sind auf ihrer Seite, auf der des Opfers eines grauenvollen Verbrechens. Machen wir uns deshalb ebenfalls schuldig, zumindest in moralisch-ethischer Hinsicht? Wenn ja, dann ergeht es uns kein bisschen besser als C. J. selbst, die in der Folge ihrer – vorerst unentdeckten – Vergehen von einer Hiobsbotschaft nach der anderen überrascht wird, bis die Katastrophe komplett ist. Wovor sie sich nun am meisten fürchtet, ist die Vorstellung, dass Bantling aufgrund des Versagens der Strafverfolgungsbehörden freikommt und sich noch einmal an ihr vergehen wird …

Die Sprecherin

Iris Böhm verfügt über starke Nerven und eine kräftige, geübte Stimme. Sie versagt auch nicht an den furchterregendsten Stellen dieses an grausigen Details überreichen Thrillers. Durch Modulation der Lautstärke – zwischen Flüstern und Schreien – und der Tonhöhe gelingt es ihr, die Seelenlage der jeweiligen Figur, egal ob Mann oder Frau, ziemlich genau auszudrücken. Die deutliche Hervorhebung einzelner Wörter verhilft zu einem genauen Verständnis des Gesagten. Gerade in der Vergewaltigungsszene ist das Begreifen des Schreckens weniger eine Sache des Erzählens, sondern eine des genauen Verstehens der Bedeutung des gesprochenen Wortes. Und so können auch Andeutungen ausreichen, um die Ausmaße des Grauens zu beschreiben, das Chloe Larson erleidet.

Bei einem spannenden Stoff wie diesem darf die Präsentation keinesfalls den Inhalt überdecken oder beeinträchtigen, sondern muss dahinter verschwinden. Das gelingt Böhm in 99 Prozent aller Fälle, bis auf wenige, unwichtige Fehler. Doch ist Böhms Vortrag nicht etwa theatralisch, um auf die Tränendrüse zu drücken. Denn auch das würde man ihre heutzutage nicht mehr verzeihen. Theatralik ist ein Stilmittel, um Betroffenheit zu vermitteln, wie es noch vor fünfzig oder sechzig Jahren nicht unüblich war. Das Finale, das Böhm mit intensiver Stimme vorliest, jagt einem trotz fehlender Theatralik – oder gerade deswegen – kalte Schauer über den Rücken.

Kleine Fehler unterlaufen, wie vielen ihrer im Englischen weniger versierten Kollegen, auch ihr. „Butch“ beispielsweise wird keineswegs mit einem ‚a‘ ausgesprochen, sondern mit einem ‚u‘. Und der wissenschaftliche Fachausdruck „Nuklei“ ist der Plural von „Nukleus“, wird also nicht ’nuklai“, sondern ’nukle-i‘ ausgesprochen. Dies sind winzige Fehler, aus denen man der Sprecherin keinen Strick drehen sollte.

Unterm Strich

Natürlich erinnert der Plot an etliche Vorbilder aus der Serienkillerliteratur der USA, so etwa an die Hannibal-Lecter-Romane von Thomas Harris. Um sie zu übertreffen, musste die Autorin sozusagen die Dosis an Horror steigern, die sie ihrem Publikum verabreicht. Die Morde sind weitaus grausamer als so manches bei Harris, und die Vergewaltigung Chloes mit ungewöhnlicher Detailliertheit geschildert (nicht im Hörbuch!).

Doch es gibt einen Unterschied zwischen diesem körperlich manifestierten Horror und dem Grauen, das sich durch rein psychische Interaktion ausbreitet. Leider darf ich darüber nur Andeutungen machen, will ich nicht die Spannung zerstören. Doch der Schluss meiner Inhaltsangabe gibt auf das wahre Grauen, das Chloe Larson im Fall Cupido erleben wird, nur einen leichten Vorgeschmack …

Dafür gibt es nur ein Heilmittel: tiefe, innige, Schutz bietende Liebe. Special Agent Dominic Falconetti ist der Mann, um C.J.s seelische Wunden zu heilen, obwohl sie es ihm dabei keineswegs leicht macht. Natürlich nutzt die Autorin es gnadenlos aus, als sich C. J. bereits in Sicherheit wähnt. Dann erst lässt sie sozusagen das Fallbeil herabsausen. Die Autorin ist eben ein Profi, die die Regel für gute Schriftsteller zu beherzigen weiß: „kill your darlings“. Der Leser oder Hörer sollte sich, anders als die Heldin, nie zu sehr in Sicherheit wiegen. Bis zum Schluss.

Und daher funktioniert auch das Hörbuch noch dann, wenn es stark gekürzt worden ist. Die Spannung, die der rote Faden erzeugt, bleibt bis zum Schluss erhalten. Dafür verzichtet der Hörer gerne auf Beschreibungen von Wohngegenden in Miami, von Ermittlungsmethoden, von Marotten schräger Vögel usw. Wer aufmerksam zuhört, bekommt diese Dinge durchaus mit. Und wer sie sich visuell vorstellen kann, erlebt sozusagen Kino im Kopf.

Wer mehr will, sollte das Buch lesen (erschienen bei Rowohlt/Wunderlich). Er sei jedoch gewarnt: Der „bodycount“ in diesem Killer-Thriller ist ziemlich hoch. Und das ist kein Clowns-Witz.

Umfang: 360 Minuten auf 5 CDs
Hörbuch Hamburg

(Visited 1 times, 1 visits today)