Deutermann, P.T. – Am Abgrund

Der amerikanische Autor P.T. Deutermann war Captain der U.S. Navy und schreibt seit einigen Jahren erfolgreich Militär- und Actionthriller, die bei uns jedoch weitgehend unbekannt geblieben sind. Im Gegensatz zu den bekannten Genregrößen wie Clancy, Brown, Coonts und den Newcomern wie Harry und Cobb wird bei Deutermann jedoch selten der High-Tech-Krieg zelebriert und/oder die omnipotente Schlag- und Feuerkraft der amerikanischen Militärmacht glorifiziert. Seine Protagonisten sind zumeist demotivierte mittlere Dienstränge am Ende ihrer Karrieremöglichkeiten, die ihre Illusionen in den Schützengräben des militärischen Verwaltungsapparates verloren haben und an der Autorität und Kompetenz ihrer Vorgesetzten zweifeln. Mit ‚Am Abgrund’ legt Deutermann einen Thriller vor, in dem FBI und U.S. Army sowie die privatisierten amerikanischen Eisenbahnen den Hintergrund stellen.

Als eine große Eisenbahnbrücke über den Mississippi gesprengt wird, erhält Assistant Director (AD) und Leiter einer staats- und behördenübergreifenden Ermittlungsabteilung, Hush Hanson, vom FBI den Auftrag, den Fall gemeinsam mit seiner ihm neu zugeteilten Stellvertreterin Carolyn Lang aufzuklären.

Zur gleichen Zeit muss ein beschädigtes Transportflugzeug der Army auf dem Flugfeld eines Waffen- und Munitionsdepots notlanden, in dem zurzeit ein Bahntransport mit zur Entsorgung vorgesehenen chemischen Waffen zusammengestellt wird. Das Gelände wird in kürzester Zeit durch eine Einheit des Special Operations Command (SOC) zur Sperrzone erklärt, da die Ladung des Flugzeugs aus defekten russischen Torpedos mit atomaren Gefechtsköpfen besteht. Der bereits genehmigte und geplante Bahntransport der Chemiewaffen soll nun auf angebliche Anweisung höchster Stellen dazu benutzt werden, die Gefechtsköpfe zu einem Entsorgungslager zu transportieren, da ein Weitertransport per Flugzeug aus technischen Gründen nicht möglich ist.

Dazu muss aber der Mississippi überquert werden, der Attentäter macht jedoch nach der ersten gesprengten Brücke nicht halt und schaltet nacheinander weitere Übergänge durch Sabotageakte aus. Während die Ermittlungen des FBI nur mühsam voranschreiten, muss der Zug immer wieder umgeleitet werden und der Leiter des Transports stößt ständig auf bürokratische und technische Hindernisse. So entsteht ein dramatischer Wettlauf, bei dem sich unaufhaltsam alles auf den Showdown hinsteigert.

Der Roman lebt von den Konfliktsituationen der Beteiligten an den einzelnen Handlungssträngen. Da ist der FBI-Ermittler, der nur langsam herausfindet, dass dieser Fall entscheidend für seine weitere Karriere ist und seine intriganten Vorgesetzten ein übles Spiel mit ihm treiben. Der Attentäter, der aus Rache für ein persönliches Schicksal die Eisenbahngesellschaften zur Verantwortung ziehen will. Der Army Colonel, der sich in ständigem Streit mit der Transportmannschaft aus Karrieregründen eigenmächtig über Befehle hinwegsetzt und verantwortungslos die Zivilbevölkerung gefährdet.

Der Leser weiß schon sehr viel früher als die Ermittler, wer der Attentäter ist. Die Spannung entsteht auch weniger durch die Suche nach dem Täter, sondern aus der Frage, ob und wie dieser es schafft, weitere Brücken zu zerstören.

Zum Showdown hin wird die Handlung etwas zu vorhersehbar, wobei einzelne Aktionen dennoch für die eine oder andere Überraschung sorgen. Kleinere Kritikpunkte sind die etwas unverständlichen Beschreibungen der Brückenkonstruktionen sowie, für Freunde und Kenner des Genres, die gelegentlich vollkommen misslungenen Übersetzungen militärischer Fachbegriffe.

Ansonsten ist Deutermann ein spannender und atmosphärischer Thriller gelungen, schnörkellos und ohne Längen, der gut ausgewogen Actionszenen, militärisches, wirtschaftliches und polizeipolitisches Hintergrundwissen mit gut nachvollziehbaren und einfach geschilderten Psychogrammen der Protagonisten verbindet.

Zeitlmair, Hubert – Säulen von Atlantis, Die

Dass mit unserer Geschichtsdatierung, insbesondere der Zeit vor der Antike, so einiges nicht stimmen kann und unsere Vorstellungen vom Können und der Gesellschaft jener alten Zivilisationen zwingend korrigiert werden müssen, was auch immer wieder geschieht, ist offenkundig. Allzu viele Funde, zumal Schriftfunde und technisch meisterhafte Titanenbauten, lassen sich einfach nicht in das noch vor kurzem als schulwissenschaftliche Wahrheit verkaufte Konstrukt des etablierten, selbst beweihräuchernden Wissenschaftsbetriebes eingliedern. Das Korsett ist zu eng geworden und passt nicht mehr.

Mit dem bayrischen Privatgelehrten Dr. h.c. [Hubert Zeitlmair]http://www.maltadiscovery.com tritt ein weiterer Forscher den Feldzug gegen festgefahrenes Denken an, und erfreulicherweise begnügt er sich nicht damit, von anderen abzuschreiben und Ideen zu übernehmen, sondern ist selbst archäologisch vor Ort aktiv, um in diesem Fall in Zusammenarbeit mit befreundeten Wissenschaftlern und Fachexperten die Vorgeschichte Maltas zu erforschen. Mit diesen Forschungen hat er sich über Publikationen in Fachzeitschriften hinaus einen Namen gemacht, spätestens seit seiner Entdeckung des „Unterwassertempels“ Gebel Gol Bahar sowie der Auffindung und Übersetzung von Steintafelschriften. Wenn man sich die Frage stellt, wie ein solcher Tempelkomplex in diesen Wassertiefen liegen kann, ist man schon auf der richtigen Spur. Dabei sei angemerkt, dass man kürzlich – nach Studium mythischer Texte – auch eine Stadt in den Wassern vor Indien fand, außerdem künstliche Monumentalstrukturen vor der Küste Japans, um nur zwei Beispiele zu nennen. Das dürfte so manchen Historiker ins Grübeln bringen.

Malta ist ein ganz außergewöhnlicher Ort – und dies über den schon oberflächlich merklichen Rahmen hinaus, wie der Autor in seinem Buch aufzeigt. Doch bereits die neutralen Fakten machen diese eher unwirtliche Mittelmeerinsel – es gibt dort nicht einmal Grundwasser – zu einem erstaunlichen Zentrum der Altertumsforschung. So gibt es hier auf vergleichsweise engem Raum 25 bislang entdeckte Tempelkomplexe, die in ihrer Struktur einzigartig erscheinen; überdies etliche unterirdische, ebenso ungewöhnliche Tempelanlagen. Allerdings ist es eher zweifelhaft, dass es sich hier um „Tempel“ handelt. Die Fachwelt schmeißt bei allzu alten Strukturen gern sofort mit „Ritualplatz“, „Altar“, „Opferstein“ und „Tempel“ um sich, damit das Bild vom primitiven, vorkulturellen Menschen (mit extrem viel Langeweile zum Errichten monströser Megalithbauten?) wieder passt. Ganz Malta ist außerdem praktisch durchlöchert wie ein Schweizer Käse und mit Tunnelsystemen, Höhlenkomplexen und Tempelstrukturen (wirklich „Tempel“?) durchzogen. Das ist im Hinblick auf die Größe, Lage und Unwirtlichkeit der Insel geradezu bemerkenswert. Ungewöhnlich wirken diese und andere Details allerdings nur unter eingefahrenem Blickwinkel und wenn man die zeitlichen Abläufe aus den Schulbüchern unreflektiert abnickt. Zeitlmair macht sich daran, diesen zu weiten und Horizonte des Denkens zu eröffnen, um für den richtigen Über – und Durchblick zu sorgen.

Dabei bedient er sich auf den gut 300 Seiten Paperback einer zumeist recht lockeren Sprache, die gelegentlich schon zum Schmunzeln anregt. Insbesondere der ersten Hälfte des Buches kommt zugute, dass in bester Tagebuchmanier auf Entdeckungsreise gegangen und mit prosaischen Einschüben gearbeitet wird, was dem Lesefluss sehr zuträglich ist und „Die Säulen von Atlantis“ vom Einstieg bis zum hinteren Teil geradezu zum Nägelkauen spannend macht. Zeitlmair erspart dem Leser allzu viel parallele Literaturrecherche, indem er einführende Exkurse zu geologischen, erdgeschichtlichen, astronomischen und linguistischen Themen, die notwendigerweise herangezogen werden müssen, in den Entdeckungsbericht und seine geschlussfolgerten Theorien einbezieht. Interessant ist neben der Betrachtung überlieferter „Heiliger Bücher“ wie den Bibeltexten die Nutzung alter Schriften, die sich auf Stein im Altsanskrit nicht nur auf Malta finden lassen, sondern mit absolut identischen inhaltlichen Bezügen praktisch rund um die Welt; hier wäre sogar Raum für weitere Recherchen und Verbindungen. Auch um esoterisch-mythologische Bezüge kommt er nicht herum bei diesem Thema; hierbei ist es interessant zu erfahren, dass seine Forschung zunächst gar nichts mit dem Atlantismythos zu tun hatte und schon gar nicht mit spiritistischen Elementen, die während der Untersuchungen zum Vorschein kamen und sich einfach so ergaben.
Zum Letztgenannten fiel mir eine Parallele ein, die mit der erst im 20. Jahrhundert erfolgten Entdeckung und Freilegung der Abtei von Glastonburry zu tun hat, was den Entdecker schlagartig und über mehrere Jahrzehnte zum berühmten Archäologieexperten adelte – bis er irgendwann preisgab, diese Entdeckung mit Hilfe präziser Angaben zur Lokalisierung, zum Aufbau und zu vielfältigen, sich später bestätigenden Details über die Abtei durch ein spiritistisches Medium gemacht zu haben. Fortan war er Amt und Würden los und beschied ein verhöhntes Restdasein bis zu seinem Tode, der Großartigkeit seiner Entdeckung zum Trotze, die man in einem Atemzug mit der Entdeckung Trojas nennen darf. Doch dies nur als Randbemerkung. Es lebe „die neue Inquisition“.

Zurück zu Zeitlmair: Zwar erliegt er notgedrungen dem gleichen „Fehler“, den er seinen Fachkollegen ankreidet, indem er für seine schlüssigen und konsistenten Theorien bestimmte Vorannahmen machen muss, aber ohne diese Schwachpunkte ist es leider nicht möglich, Theorien zu konstruieren. Zeitlmair schließt da für meinen Geschmack etwas zu schnell auf „offensichtliches“ und „eindeutiges“, vielleicht ohne zu merken, dass auch hier Erwartungshaltung und bereits vorgefasste Grundthesen hineinspielen. Dessen ungeachtet bietet der Autor hier das bislang schlüssigste und von Nachweisen und Querverbindungen geradezu strotzende Theoriegebäude zum Themenkomplex einer atlantischen, vorsintflutlichen Hochkultur, und die Sachlage erscheint auch mir recht evident, insbesondere, wenn man bereits Gelesenes und Entdecktes in den so entfalteten Gesamtzusammenhang einordnet. Das Buch bringt so einige Glöckchen im Kopf zum Klingeln und könnte die Basis für einen kompletten theoretischen Überbau zur Atlantisforschung darstellen. Trotz aller Querbezüge sind nämlich bei weitem noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, weltweite Parallelen aufzudecken und in Bezug zueinander zu stellen. Doch das wäre eher die Arbeit für eine umfassende Enzyklopädie. Allemal sind die dargelegten Fakten und Schlüsse sinniger als die verkrampften Märchenkonstrukte der etablierten Wissenschaft, die allerlei lustige Flachheiten ersinnt, um unpassende Funde und Texte passend zu verwursten.

Aufgelockert wird dieses unentbehrliche Buch, das im Oktober 2002 in der zweiten Auflage erschien, durch 95 Fotos und (teils ausgezeichnete) Skizzen sowie ein umfangreiches Quellenverzeichnis, das Lust auf weitere Leserecherche macht – wenn man schon nicht selbst vor Ort das Staunen lernen darf. So leset und staunet und vor allem – lernet! Der Geist ist frei.

Aus dem Inhalt:

• Prolog
• Einleitung
• Beschreibung
• Der unendliche Anfang
• Eine festgefahrene Lehrmeinung
• Viel Stein auf kleinstem Raum
• Mnajdra – ein Kalender in Stein
• Die Suche beginnt
• Ausflug ins Eiszeitalter
• Enuma Elisch, das Epos der Schöpfung
• Unterbrechung auf amerikanisch
• Die Spur wird heiß
• Die Botschaften der Spirits
• Die Gedanken verdichten sich – Der Tempel unter Wasser
• Gebel Gol Bahar
• Die 25 Tempelsteinkreise – „Observatorien“?
• Die Funktion der Himmelmechanik
• Die Präzession – Das große Geheimnis der Zeitmessung
• Wenn die Nibiru angeflogen kommt
• Der Planet X oder der X. Planet
• Die Schrift
• Hagar Qim und das Sonnenrad
• Das terrestrische Gitternetz und die Tempel-Steinkreise
• Ein Labyrinth – Bergbau und Kupfererz
• Das Hypogäum
• Riesen – Giganten, die erste intelligente Rasse der Menschheit
• Der Cornerstone
• Fazit
• Epilog
• Abbildungsverzeichnis
• Quellenregister

Margaret Weis & Tracy Hickman – Himmelsstürmer (Die Vergessenen Reiche 1)

Manchmal merkt man, dass man alt wird. Mit einer Tasse heißer Schokolade bewaffnet, setze ich mich gemütlich an eine Besprechung der Saga „Die Vergessenen Reiche“ und recherchiere ein wenig zu aktuellen Informationen dazu, nur um festzustellen, dass es zehn (!) Jahre her ist, seit ich mir meine Paperback-Version der sieben Bände zulegte und es inzwischen – natürlich – eine Taschenbuchversion dazu gibt, die zudem nur zwei Drittel dessen kostet, was ich dazumal dafür hinlegte. Gut, der leidlich zerfledderte Zustand der Bücher hätte mir eigentlich Hinweis genug sein sollen. Das habe ich gerade gebraucht, wo bleibt mein Rollstuhl? Aber dennoch: Auf geht’s! Mir nach!

Margaret Weis & Tracy Hickman – Himmelsstürmer (Die Vergessenen Reiche 1) weiterlesen

Sachmann, Hans-Werner – Operation Sigiburg

Diejenigen, die Schulwissen für gesichert halten und alternative Erklärungsansätze als zu belächelnde Spinnerei erkannt haben, mögen an dieser Stelle direkt das Lesen dieses Textes beenden – es erspart ihnen Kopfschmerzen und unnötige Denkanstrengung. Für alle anderen gibt es im Folgenden hoffentlich Interessantes und Ungewöhnliches und gerade daher Lesenswertes zu entdecken.

„Operation Sigiburg“ – Unter diesem Titel erschien kürzlich ein inzwischen mehr als zwanzig Jahre alter Aufsatz von Hans-Werner Sachmann in neuem Gewand. Da der Schrift Vorworte von Erich von Däniken und Walter-Jörg Langbein vorangestellt sind – den beiden wohl bekanntesten deutschsprachigen Autoren alternativer Geschichtsforschung und der Prä-Astronautik –, nimmt es nicht Wunder, dass wir es hier mit Material zu tun haben, das seltsame Vorgänge, die sich in Legenden überlieferten, kritisch beleuchtet, offizielle Erklärungsversuche anzweifelt und letztlich Schlüsse zieht, die Einflüsse außerirdischer oder zumindest entgegen dem Geschichtsbild ungewöhnlich hoch entwickelter Kulturen ins Spiel bringen. Dabei wandert Sachmann nicht in ferne Gefilde und Vergangenheiten, sondern befasst sich mit deutscher Geschichte, die im Vergleich zu beispielsweise Dänikens Hauptbetätigungsfeld noch gar nicht so lange zurück liegt.

Es geht in diesem mit zahlreichen Schwarzweißfotos und Skizzen angereicherten Heft um den größten aller deutschen Herrscher, der wie aus dem Nichts ein geeintes und machtvolles Imperium aus dem Boden stampfte – um Karl den Großen und sein historisches Umfeld. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf den Überlieferungen und Legenden, die sich um die Schlacht zwischen Franken und Sachsen um das Jahr 776 an der Sigiburg, dem heutigen Dortmund-Hohensyburg, ranken. Dazu wird verstaubtes Archivmaterial ausgegraben, letztlich Ergebnis mehrjähriger Forschung und Suche, und in ähnlicher Weise beleuchtet, wie dies mit heiligen Schriften wie der Bibel oder den altindischen Sammlungen bereits getan wird. Es ist schließlich kein großer gedanklicher Schritt und nicht weniger sinnvoll, von „Engelserscheinungen“, „göttlichem Feuer“, „Elohim“, „Seraphim“, „Himmelswagen“ und „fliegenden Rossen“, die Feuerfeile verschießen, auf technische Hilfsmittel einer hoch entwickelten Kultur zu schließen und den religiösen Charakter dieser Legenden, dem Kargo-Kult folgend, auf das Wirken außen stehender, aber durchaus realer Mächte zu erweitern. Welche recht erstaunlichen Zusammenhänge sich unter Annahme dieser – wissenschaftlich nicht a priori ablehnbaren – Prämissen ergeben, wird jedem Interessierten im Bereich von Paläo-SETI vertraut sein. Umso wunderbarer, mit diesen Forschungen zur Abwechslung auf eigenem Terrain und in unmittelbarer Historie zu verbleiben – und umso angreifbarer als These. Allerdings ist seit Erscheinen der Abhandlung niemand auf diesen Kreuzzug wider den Geschichtsfrevel gezogen; vermutlich deshalb, weil es sich durchaus um einen legitimen Erklärungsansatz handelt, der gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer Veröffentlichungen aus dieser Perspektive konsistent ist und zunächst als These seine Berechtigung hat.

Und so wird neben oben erwähnter Legende aus der Zeit Karls des Großen noch das Wirken des heiligen Reinold, Schutzpatron von Dortmund, betrachtet und in einen Zusammenhang gebracht, der mich sehr stark an bereits bekannte Muster und Berichte in andren Kulturen erinnerte. Zudem werden Parallelen zu einer Vielzahl von Front-Berichten aus der Zeit des Ersten Weltkrieges gezogen, was ich besonders interessant finde. Eingebettet in diese parallelen Muster erhalten die Darstellungen Sachmanns ein Fundament, das weitere Überlegungen und Zusammenhangsdarstellungen in dieser Richtung motiviert und zu einer neuen Betrachtungsweise anregt, die ich jedem, dem die klaffenden Löcher und Wunden im Schulwissenschaftskörper nicht entgangen sind, nur wünschen kann und somit sei diese Schrift eben jenen zur Lektüre empfohlen – es lohnt sich, liest sich in einem Zuge interessant und spannend von der ersten bis zur letzten Seite und bietet, dank eines historischen Überblickes, auch für Amateurhistoriker mit der Fähigkeit zur Abstandsbetrachtung genug Material von Interesse. Auf die näheren Inhalte und aufgezeigten Schlüsse möchte ich nicht eingehen, um dem Leser die Spannung zu erhalten.
Einziger Wehrmutstropfen ist die kurz gefasste Bündigkeit, die weitere Lektüre zu derlei Erklärungsmodellen bei weiterem Interesse notwendig macht, da sonst einige Schlüsse etwas voreilig erscheinen, im Zusammenhang mit andren Veröffentlichungen dazu aber vollständiger werden. Mir persönlich widerstrebt der sofortige Schluss auf außerirdische Einflüsse etwas, da durchaus auch andre Möglichkeiten in Betracht kämen, wie zum Beispiel unbekannte und verschollene Hochkulturen oder gar menschliche Evolutionszweige, vielleicht auch im Verborgenen agierende Gruppen großen Wissens – es wäre nicht das erste Mal, dass man plötzlich Völker ungeahnten Entwicklungsstandes entdeckt; so alt sind unsere Erkenntnisse über einige bekannte Völker dieser Kategorie auch noch nicht. Nichtsdestotrotz werden die zweifelhaften Erklärungen der „Fachwelt“ hinterfragt, die Unstimmigkeiten aufgezeigt – und die letztendlichen Schlüsse sollte jeder Leser für sich selbst ziehen.

Aus dem Inhalt:

• Vorwort von Erich von Däniken
• Über den Autor und sein Thema (von Walter-Jörg Langbein)
• Einleitung 2002
• Einleitung 1981
• Historisches
• Die Legende
• Analyse und Deutung der „Sigiburg-Sachsenschlacht-Legende“
• Reinold
• Quellennachweis

Bestellmöglichkeit direkt über den [Ancient-Mail-Verlag]http://www.ancientmail.de

Speit, Andreas (Hrsg.) – Ästhetische Mobilmachung – Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien

Neben der klaren rassistischen und faschistischen Musikkultur – wie dem Neo-Nazi-Skinhead-Rock – hat sich in den letzten Jahren etwas etabliert, das nicht einzuordnen zu sein scheint. Die Gothics (vormals Gruftibewegung genannt) gerieten sehr schnell aus dem Fahrwasser der Satanistenvorwürfe in den Bereich der rechtsradikalen Mythen. Vor allem der Neofolk-Bereich ist davon betroffen, denn gerade die romantischen Lagerfeuerklänge und ihre Bezüge zur Naturreligion und Mystik geben Anlass, darüber Vermutungen anzustellen und zu recherchieren. Innerhalb der Gothic-Szene entstand schon vor Jahren die Gruftie-gegen-Rechts-Bewegung, die das alles sehr genau im Auge behält. Nun hat sich eine Reihe von Autoren aus dem Antifa-Bereich die Mühe gemacht und zeigt diese ganzen Verstrickungen schonungslos auf.

In einer recht netten Weise wird zuerst versucht, dem Leser den Durchblick zu verschaffen über die Entwicklung innerhalb des völlig unüberschaubaren Gewirrs der modernen Musik der schwarzen Szene. Dies sorgt auch für Überraschungen beim Lesen, woher das alles eigentlich kommt und seine Wurzeln hat. Der Autor hat viel entdeckt und sehr genau nachgedacht, aber er vergisst dabei, dass das nur eine sehr individuelle unter vielen möglichen Sichtweisen ist. Dennoch ein interessanter Einstieg.

In den anderen Kapiteln des Buches geht es dann aber richtig zur Sache, denn es gilt ja, die Rechtsradikalität nachzuweisen, die von der eigentlich unpolitischen Szene viel zu unreflektiert toleriert würde. Festzumachen ist das im Grunde nur an der besonderen Ästhetik, die auch im Faschismus zum Tragen kam. Es wird nicht toleriert, dass das alles Stilmittel des künstlerischen Ausdrucks sein könnten und was bei Gruppen wie KISS mit ihren SS-Runen im Namenszug, bei Hakenkreuz-T-Shirts der SEX PISTOLS, selbst in den Anfängen des Industrial noch als Protestausdruck durchging, findet hier nun keinerlei Verständnis mehr. Denn wenn genau nachgeschaut wird, entdecken die Antifa zu viele Zusammenhänge, die nicht so einfach unbeachtet bleiben können. Interessant ist, dass grundlegend von den angeprangerten Bands allesamt diese Vorwürfe dementiert werden, was aber keinerlei Beachtung findet. Das “Who is Who” in der Szene scheint zu gewichtig und die Art und Weise, wie das verpackt wird, ähnelt frappierend den ganzen Verschwörungstheoriebüchern, die eigentlich meist dem rechten Lager zugeschrieben werden.

Zwischen der Arbeit von links und rechts gibt es anscheinend keine wirklich grundlegenden Unterschiede mehr. Aber so etwas zu behaupten, sähe in den Augen der Autoren sicherlich auch schon sehr nach rechtsradikalen Ansichten aus, denn das ist eine Aussage, wie sie die “Neue Rechte” in ihrem Kulturverständnis nicht anders verwendet.
Einwandfrei als Nazis ausgemacht werden dann vor allem wieder Death in June und deren Neofolkfamilie – Kollaborateure genannt – Sol In Victus, Current 93, Ostara etc. und vor allem auch die in den letzten Jahren dazu gekommenen deutschen Bands wie Orplid, Forseti und andere. Als Hauptorgan der rechten Musikszene wird das in Dresden erscheinende “Zinnober” (vormals Sigill) und das damit verbundene “Eis und Licht”-Label ausgemacht und ausführlichst behandelt. Immerhin sind im Buch auch die Stellungnahmen dieser ausgemachten “Bösewichte” relativ unzensiert enthalten und in diesen wird auch klar, dass sich von Politik, sei es von rechts wie von links, eindeutig distanziert wird.

Aber: alles was da so behauptet wird, wird halt nicht geglaubt. Punkt. Die Beweisführung geschieht über Vernetzung und Nennung von Namen und Personen und das sollte nach Ansicht der Antifa doch wohl reichen. Wie man an den vielen Dementis der Angeprangerten sieht, nützt aber solche Kommunikation gar nichts, denn gleichgültig, wie man sich erklärt, die Autoren sind festgefahren und lassen sich von ihren Ansichten nicht abbringen. Sicherlich gibt es einige wirklich “braune Schafe” in der Szene, aber es sind zu viele, die zu “blauäugig” dem rechten Lager und der rechten Esoterik zugeordnet werden, bei denen das – sogar mehrheitlich – einfach nicht zutrifft. Ebenso ausführlich wie Death in June und Sigill in ihren jeweils eigenen Kapiteln sind auch CD-Compilations ausführlich dargestellt mit Coverbeschreibungen, mystischen konservativen Hintergründen, Songtexten und natürlich dem Background der einzelnen Bands. Ein einziges Kapitel im Buch – “Synergie-Effekte” – hat dagegen Niveau und dort werden die vermuteten Pläne und Konzeptionen der “Neuen Rechten” gesellschaftspolitisch genauestens untersucht. Das hat was und ist bedenkenswert. Aber auch dort steht die vorgefasste Meinung fest. Z.B. kann Stefan Ulbrich vom Arun-Verlag ausführlich seine Position zur “Rechten” darstellen und sich abgrenzen mit seinem Kulturverständnis gegenüber einer morbiden ewiggestrigen und menschenverachtenden Stoßrichtung, und offensichtlich ist das was er sagt, in keinem Sinne dem zuzurechnen, was auch nur in irgendeiner Weise dem entspricht, was man gemeinhin unter rechtsradikal einordnen kann. Wer allerdings mal in seiner Jugend der “Wiking-Jugend” angehörte und auch noch in der “Jungen Freiheit” schrieb – ungeachtet welchen Tenor das hatte – kann viel erzählen, bis die Sonne untergeht. Abgeschlossen wird das Buch mit der “Neuen Deutschen Härte” wie sie von Rammstein, Joachim Witt und Co. vertreten werden. Selbst, sich als Wähler der Grünen und PDS zu outen wie im Falle Witt nützt dann nichts mehr. Faschist ist eben Faschist – ungeachtet was man eigentlich im Leben so tut.

Bücher wie dieses sollten dennoch gelesen werden, es ist wichtig, sich damit auseinander zu setzen und auch immer zu hinterfragen, was dran sein könnte. Aber dabei auch offen bleiben können und bereit sein, seine vorgefertigte Ansicht zu ändern. Dem mangelt es angesichts des scheinbar so überwältigenden Faktenmaterials. Bedenklich ist die Wirkung solcher Bücher allerdings auch, denn sie schaffen Feindbilder und Bedrohungen. Ein gewalttätiger Faschismus wird den geschilderten Musikern nicht mal unterstellt, aber bei manchen Lesern solcher Bücher herrscht eine Gewaltbereitschaft, die ängstigend ist. So kam es in diesem Jahr von Seiten der Antifa und durch die “Aufklärung” der Grufti-gegen-Rechts-Sektion auf dem jährlichen Gothic-Festival zu Pfingsten in Leipzig erstmals zu Vorfällen, die viel mehr dem Nazi-Faschismus entsprechen als umgekehrt behauptet wird. Wahllos wurden einzelne private Konzertbesucher von Neofolk-Veranstaltungen auf ihrem Nachhauseweg abgegriffen und zusammengeschlagen. Einige davon mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Das ist eine gefährliche Entwicklung, der genauso mit Information und Aufklärung begegnet werden muss, wie es diese vermeintliche “Antifa” seit Jahren tut. Es reicht nicht, einfach wegzuschauen und abwinkend festzustellen, dass diese unverbesserlich wären.

Berthold Röth
für die [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Eremor, Frater – Im Kraftstrom des Satan-Set – Der Pfad der dunklen Einweihung

Eremor verbindet hier Set und Satan und zeigt eine Tradition voller archaischer Bezüge einerseits und visionärer Möglichkeiten andererseits.

Als größte Schwäche erschien mir zuerst die geringe Systematik, die Kapitel bauen nicht linear aufeinander auf – dass hier der Pfad der dunklen Einweihung beschrieben wird, ist nicht immer deutlich. Doch beim Lesen wird der Vorteil dieses Aufbaus bald deutlich: die Kapitel sind für sich verständlich, man kann überall einsteigen und je nachdem, welches Thema nach welchem gelesen wird, ergeben sich immer neue Zusammenhänge. Das regt das eigene Nach- und Weiterdenken weit mehr an als jeder noch so gute, festgelegte Themenaufbau. Die Kapitel sind Puzzlestücke, die dem Leser Vorschläge machen. Du kannst sie annehmen oder nicht, wie Du willst.
Eremor betont, dass er seinen Weg, seine Perspektive zeigt. Jeder solle selbst entscheiden, was und wie weit er übernehmen kann. „Im Kraftstrom des Satan-Set“ ist nach gängigem Verständnis kein Arbeitsbuch, mehr eine Erzählung, eine zusammenhängende und doch nicht abgeschlossene Sicht der Welt – was m.E. viel mehr ist. Das große Bild, das hier entworfen wird, ist kurzgefasst dies:

– Satan (bzw. der dunkle Weg) wird zurückgeführt auf Set. Der Setianismus ist die ursprüngliche dunkle Seite der Spiritualität; dunkel (unterdrückt, gefährlich scheinend), da hier auch die weniger liebsamen Seiten von Welt und Mensch gezeigt werden. Doch genau dadurch werden sie vollständiger erfasst.
– Das „Missverständnis Satan“, die Diskreditierung dieses Aspekts, ist die verschreckte Gegenreaktion auf die grenzenlosen Möglichkeiten des Menschen. „Der Teufel wurde erschaffen, um die Macht Weniger über die Vielen zu konsolidieren. Und seine Großmutter ist die vedische Religion.“
– In dieser Spannbreite kann jeder selbst wissen, wo ein sinnvoller Weg liegt.

Eremor gelingt es überzeugend und anschaulich, Satanismus um Äonen von der christlichen Deutung abzuheben. Und das, nicht einmalig doch immer wieder wichtig, weil’s schnell vergessen wird, versetzt den Leser in die Lage, sich nicht als Gegensatz zum alten Äon an diesem messen zu müssen, sondern seine Bezugspunkte frei wählen zu können. Mit dem Zentralgedanken – Setianismus als Grundmuster eines lebendigen Selbst- und Weltverständnisses – hat der Autor einen ‚weltanschaulichen‘ Hintergrund für freie Entscheidungen entworfen.

„Ohne die unter Okkultisten übliche nebulöse Geheimniskrämerei stellt der Autor klare, den Bedürfnissen der heutigen Zeit angemessene Methoden zur dunklen Einweihung in die uralten Mysterien des Satan-Set vor. Es ist das setianische Prinzip der Einweihung durch das Leben, des gezielten Werdens. In diesem einzigartigen Arbeitsbuch zum magisch- rituellen Gebrauch wird erstmals mit verbreiteten Vorurteilen über schwarze Sexualmagie und Satanismus aufgeräumt. Zahlreiche Rituale öffnen im Zusammenspiel mit einer umfassenden Darstellung satanischer Philosophie und seltenen ägyptischen Quellentexten weit die Pforten der Nacht. Dieses Buch birgt Religionskritik, ohne polemisch zu werden, … einen Überblick über satanische Philosophie, ohne dogmatisch zu werden, es birgt einen großen Praxisteil, ohne den Leser mit unendlichen Ritualvorschlägen zu überfordern …“ (Klappentext)
Außerdem hat Eremor einen erquickenden, teils schwarzen (wie sonst) Humor.

Knut Gierdahl
Chefredakteur der [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Ergänzung durch den Lektor:

Ein etwas irritierender Punkt ist eine unkritische Übernahme des Mythos‘ LaVey, dessen größtenteils selbst gebaute Biographie im Anfangsteil des Buches Verwendung findet. Das war aber auch die einzige offensichtliche Schwäche, die mir beim Lesen entgegen sprang.
Zudem erscheint das Werk in einer edel gebundenen Ausgabe mit Lesebändchen und sehr stilvoller Illustrierung; so macht das Lesen doppelt Freude. In jedem Falle eine der empfehlenswertesten Veröffentlichungen zum Themenkomplex von Setianismus, linkshändigem Pfad und dunkler Einweihung.

Andreas J.

Baecker, Dirk / Krieg, Peter / Simon, Fritz B. (Hrsg.) – Terror im System – Der 11. September 2001 und die Folgen

„Terror im System“ zeigt, wie und aus welchen Gründen der Westen weiterhin seine eigene Rolle beim Anschlag vom 11. September verdrängt. Durch den 11.9. zerplatzte der westliche Traum von Frieden und Sicherheit und es wurde deutlich, dass Terror gerade für die Länder der „Ersten Welt“ eine Gefahr darstellt, die nicht gebannt werden kann (höchstens eingedämmt). Wie kam es zu diesem Konflikt? Worin besteht er? Wie könnte er wirklich gelöst werden oder zumindest reguliert? Die Autoren des Sammelbandes legen erstmals eine systemische Analyse des Terrors als globalem Phänomen vor.

Gemeinsam ist allen Autoren (es sind insgesamt zwölf) der systemtheoretische Hintergrund bei der Erörterung verschiedenster Aspekte globalen Terrors; angefangen bei der Frage, was Terror(ismus) ist, über politische Aspekte und Auswirkungen auf die Weltpolitik, Djihad und Menschenrechte, die „ewige Gerechtigkeit“, bis hin zum Schock für die Gesellschaft und die Rolle der Medien (die nicht nur eine abbildende ist). Das Buch ist auch ohne Vorwissen über Systemtheorie für interessierte Laien gut verständlich und kein trockener Stoff.

Das wichtigste ist m.E., dass durch die systemische Betrachtungsweise neue Standpunkte zum Terrorismus möglich sind: eine kritische Position zum Terror und Kritik an den Vergeltungsmaßnahmen der cowboymäßig agierenden Weltmacht USA. Oder keines von beidem. Je nachdem. Nachdem Bushs Slogan „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ zum Paradigma erhoben wurde, war Kritik egal welcher Art zugleich eine Kampfansage an die gesamte westliche Welt. Durch dieses Buch wird Terrorismus als Teil des (Welt-)Gesellschafts-Ganzen verständlich. Es stellen sich Fragen nach wechselseitigen Bedingtheiten und Folgen, die zuvor verschleiert wurden. Nach Ansicht von Simon z.B. ist es schädlich, einen Krieg gegen den Terrorismus zu führen. Begründung: „Kriege sind Systeme, die sich durch die gegenseitigen Grausamkeiten der Kontrahenten die Gründe für ihre Fortsetzung selbst liefern.“

Ein Jahr ist vergangen, seit am 11. September 2001 die Doppeltürme des New Yorker Wold-Trade-Centers in sich zusammensackten. In nachdenklicher Distanz zum damaligen Geschehen versucht dieses Buch, das zunächst Unfassbare fassbar zu machen. Es zeigt sich, dass der Westen noch(?) nicht gelernt hat, seine eigene Rolle in den globalen Zusammenhängen dieses Anschlages angemessen zu bewerten und die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Dafür liefert der Band Hinweise und Ansätze für ein angemessenes Verständnis.
Ziel des Bandes sei es, so Baecker, „die Ambivalenz jedes Urteils, also auch des Urteils gegen den Krieg, herauszuarbeiten, um auf diese Art und Weise Material zur Reflexion möglicher Beobachtungen zu beschaffen und so überhaupt erst einmal Mut zur Beobachtung (und nicht zum wie immer erschrockenen Augenverschließen) zu machen.“
Diese bewusste Vieldeutigkeit drückt sich in unterschiedlichen Bewertungen der Autoren aus: Der französische Philosoph Alain Badiou liefert eine Begriffs-Analyse von Terrorismus: „Es ist bemerkenswert, wie es dazu kommen konnte, dass das Wort ‚Terrorismus‘, das eindeutig eine bestimmte Form der Ausübung der Staatsgewalt charakterisiert, nach und nach genau das Gegenteil bezeichnete (…)“, wundert sich der Autor. Am Ende seiner semantischen Entwicklung sei „Terrorismus“ heute im Grunde eine propagandistische Vokabel. „Sie enthebt aller vernünftigen Untersuchung der politischen Situationen, ihrer Ursachen und Konsequenzen.“

Insgesamt kein Buch mit glatten schnellen Antworten, dafür mit vielen Fragen für Selbst-Denker.

Knut Gierdahl
Chefredakteur der [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Berzin, Alexander – Kalachakra – Das Rad der Zeit. Geschichte, Wesen und Praxis der bedeutendsten tantrischen Initiation

Der heute in Berlin lebende Amerikaner Berzin lebte 30 Jahre bei den sich im indischen Exil befindlichen Tibetern und studierte alle vier tibetischen Schulen. Er ist ein enger Vertrauter des Dalai Lama. Er gilt als wichtigster westlicher Experte der Kalachakra-Initiation und da diese im Herbst 2002 durch den Dalai Lama in Graz in einer spirituellen Massenveranstaltung übertragen wurde, wagte sich der Barth-Verlag an die Übersetzung des bereits fünf Jahre zuvor in den USA erschienenen Buches.

Kalachakra bedeutet die Fähigkeit, mit allen Situationen zu jeder Zeit umgehen zu können. Dies gelingt dem Autor in einfacher Weise – aber einzigartig umfassend – darzustellen. Für diejenigen, die wissen wollen, ob Kalachakra ein für sie begehbares System sein könnte, ist das Buch Pflichtlektüre. Kalachakra steht in engem Zusammenhang mit dem geheimnisvollen Shambhala-Reich, aber das Ziel von Kalachakra ist es nicht, Shambhala zu erreichen.
Eine Kalachakra-Initiation ist auch nicht dazu gedacht, Menschen zum Buddhismus zu bekehren, sondern gemäß den Idealen ihrer eigenen Religion zu leben und sich in Brüder- und Schwesternschaften mit anderen zu vereinigen, die dies ebenfalls tun. So unübersehbar dieses System in seiner Komplexität auch scheint, empfiehlt es sich für jeden, der die schon erwähnte Fähigkeit erwerben möchte, mit allen Situationen umgehen zu können, und das zu jeder Zeit und in jedem Umfang. Besonders wir westliche Menschen brauchen solche Systeme.
In unserer modernen Gesellschaft führen viele ein fragmentarisches Leben. Wir fühlen uns entfremdet von vitalen Komponenten, wie z.B. unserem Körper, unseren Gefühlen, unserer Kreativität oder unseren Eltern. Es ist schwierig, alles im Gleichgewicht zu halten und es zu integrieren. Es ist so, als ob wir viele Leben gleichzeitig führen würden – ein öffentliches und ein privates, ein Büroleben, ein Familienleben, dazu ein soziales, intellektuelles, spirituelles, ein Sport-, Vereins-, Ferien-, Muße- und ein politisches Leben. Die Situation wird sogar noch komplizierter, wenn es zu Scheidungen und Wiederverheiratungen gekommen ist.

Kalachakra befähigt, mit all diesen Elementen harmonisch eine ganze Person zu sein. Im Buch wird die Geschichte und der Hintergrund des Kalachakra erklärt, welches überraschende Bezüge zum gegenwärtigen Zeitgeschehen zutage bringt und ziemlich umfassend die vielen dabei zu leistenden Gelübde erklärt, gedeutet und kommentiert. Nach dieser umfangreichen Klärung, ob man sich überhaupt in der Lage sieht, sich auf’s Kalachakra einzulassen, folgt die Darstellung der praktischen Verpflichtung, d.h. der täglichen Arbeit. Auch wird der eigentliche Initiationsritus detailliert beschrieben.

Berthold Röth
für die [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Gebhardt, Lisette – Japans neue Spiritualität

New Age im Land der aufgehenden Sonne.

Dies ist das wohl umfassendste und bestrecherchierte Buch zur japanischen Spiritualität und Religion der Gegenwart.
Japan? Das Fuji-Honda-Sony-Land, in dem die Angestellten in ihrer Firma wohnen? Nein, es wird eine Kultur vorgestellt, die auf ganz andere Weise vertraut und exotisch ist. Japan hat in viel kürzerer Zeit als die westeuropäischen Staaten die Entwicklung vom Nationalstaat zur internationalen Wirtschaftsmacht vollzogen und daraus resultieren die meisten Fragen, Probleme, Spannungen und Selbstfindungsansätze, um die es in “Japans neuer Spiritualität” geht.
Was mir zuerst auffiel: die Autorin liefert einen äußerst detaillierten, facettenreichen, widersprüchlichen Überblick der spirituellen Ansätze im heutigen Japan. Dadurch wird dieser Überblick viel mehr zum Abbild der tatsächlichen Situation, als o.g. Klischeevorstellung.

Ziel des Buches ist es, “Texte der japanischen Gegenwartsliteratur vorzustellen, die Religion und Religiöses/’Spirituelles‘ thematisieren. Zum anderen versucht [es], diese Texte im Umfeld einer ’neuen spirituellen Kultur‘ zu lokalisieren.” Besonders wichtig:
1. Eine wissenschaftliche Perspektive auf das Phänomen NewAge dürfte ungewohnt sein, da hierzulande das moralisierende Geschwafel der Amtskirchen jegliches Forschungsinteresse ad absurdum führt. Wenn man aber die Wechselwirkung von ‘spirituellen’ Fragen, Gesellschaft und dem Streben nach erlebbarer Religion unvoreingenommen beobachtet, sieht man Anderes als beim Versuch, ein Feindbild zu bestätigen.
2. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, möglichen Zukünften oder neuen Paradigmen sind komplexe Zusammenhänge. Diese können wir besser erkennen, wenn wir uns auf Entdeckungsreise ins fremde Japan begeben. Denn was uns selbstverständlich ist, sehen wir im Kontrast zum fremden Anderen.

Das Buch ist gespickt mit Quellenangaben, was das Lesen teils etwas erschwert. Buchbesprechungen, Artikel, öffentliche Diskussionen, zentrale Begriffe oder Biografien schnell vertiefen zu können, ist andererseits auch lohnenswert. Das Spektrum reicht von ‘Freaks’ über die AUM-Shinrikyo bis zu Künstlern und Schriftstellern – was ahnen lässt, dass das Intereesse an japanischer Spiritualität (was immer das genau sein mag) enorm ist.

Knut Gierdahl
Chefredakteur der [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de

Hertel, Peter – Schleichende Übernahme – Josemaría Escrivá, sein Opus Dei und die Macht im Vatikan

Peter Hertel beschreibt das ‚Opus Dei‘, das ‚Werk Gottes‘. Dessen Geschichte ist die Geschichte der erfolgreichsten kirchlichen Organisation der letzten Jahrhunderte. Angetreten mit dem Ziel einer Rekatholisierung der katholischen Mutterkirche, kann man viele Parallelen zur Gegenreformation und den Jesuiten ziehen. Dennoch kennen viele selbst nach 80 Jahren das Opus Dei nicht, nicht als fundamentale Hauptkraft der Papstkirche, die die Richtung des Vatikans bestimmt.

Das Buch liefert viele Fakten, darunter kaum bekannte Kircheninterna; es verschont aber mit Verschwörungstheorien, denen andere Autoren bei so einem Thema allzu leicht erliegen. Es zeigt das Opus Dei als internationale Organisation: wirtschaftlich als Multikonzern mit Milliardenumsätzen, politisch als gewissenlos und erzkonservativ. Der elitäre Selbstanspruch und die politisch kluge Führung machen den ‚Newcomer‘ Opus Dei überaus erfolgreich in den Hierarchien der katholischen Kirche.

Die Kirche in der heutigen Zeit passt sich immer mehr der Gesellschaft an, wird offener, toleranter, damit aber auch gesichtslos und kontingent. Der Ordensgründer Escrivá wollte diese Tendenz umkehren – die wahre Kirche soll sich auf ihre Wurzeln berufen und wieder die Gesellschaft formen. Die erneuerte katholische Kirche hat begriffen, dass sie sich durch Kompromisse schwächt und lenkt dagegen. Sie steht unter anderem vor dem Problem, dass sie – selbst längst ein internationales Wirtschaftsunternehmen – sich gegen die Allmacht des Kapitals behaupten muss. Und sie will ein Weltbild verbreiten, das trotz mittelalterlicher Simplizität irgendwie heute lebenstauglich sein soll.

|“Das unverschmutzte Opus Dei solle als Werk Gottes die nach dem letzten Konzil verschmutzte Kirche reinigen und zur Tradition zurückführen. Weil der Papst nicht nur vom Heiligen Geist inspiriert sei, müsse Opus Dei auch diese Lücke füllen.“| (Klappentext)

Ein unbedingt empfehlenswertes Buch für alle, die unsere Zeit und den bedingungslosen Kampf um die Seelen der Menschen besser verstehen wollen. Die katholische Kirche mag tot sein – umfallen wird sie so bald nicht.

_Knut Gierdahl_
Chefredakteur der [AHA-Zeitschrift]http://www.aha-zeitschrift.de