Brust, Steven – Teckla

_Action: Der Attentäter als Konterrevolutionär_

Die Bauern und Proleten proben den Aufstand. In ihrem Viertel Süd-Adhrilanka werden Barrikaden errichtet. Und Vlads Angetraute Cawti beteiligt sich an diesen Machenschaften. Kein Wunder, dass Vlads Nerven Trampolin spielen. Denn er weiß: Es wird Blut fließen. Die Frage ist nur: Wessen wird es sein?

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Dynastien aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Sie erlangen nach einer genau festgelegten Reihenfolge die Staatsmacht, um sie nach einer bestimmten Zeit wieder zu verlieren. Diese Abfolge des so genannten „Zyklus“, die in einer Art Merkvers (abgedruckt am Buchanfang) festgehalten ist, bestimmt das Schicksal der Welt. Dennoch versuchen die einzelnen Häuser, ihre Macht auszubauen.

Jedes Haus und jede Dynastie hat sich das Wappen und den Namen eines Tieres ihres Planeten zugelegt, und dessen Eigenschaften sind auf das Haus selbst übergegangen. (Liste siehe Schluss.) Der Jhereg-Clan, der Vlad Taltos aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht ein wenig außerhalb der Clan-Hierarchie. Dennoch: „Mit Ausnahme der Tecklas sind alle Häuser edel.“ (Brust)

Die kriegerischen Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

Im Viertel Süd-Adhrilanka proben die Tecklas und Ostländer den Aufstand. Tecklas sind in der Hierarchie der Stände auf Dragaera so etwas wie Bauern und Pächter, Ostländer sind meist Proletarier. Zwei Männer, Kelly und Franz, leiten den Aufstand und „indoktrinieren die Massen“, wie Karl Marx und Friedrich Engels so schön sagen würden. Ihre Sache, der Kampf um mehr Rechte, hat durchaus etwas für sich. Leider kommen sie damit etlichen Leuten in die Quere. Unter anderem auch der Unterwelt, dem Jhereg.

Einer der Unterweltbosse, Herth, lässt Franz umlegen. Zunächst wurde Vlad Taltos dieser Job angeboten, aber der lehnte ab. Einen Ostländer-Landsmann umlegen? Kommt nicht in Frage. Später erscheint ihm Franz als Geist. Ein Zauberer zu sein, hat auch seine Nachteile.

Ernst nimmt Vlad den ganzen Aufstand sowieso erst, als seine Frau Cawti sich den Aufständischen anschließt und ebenfalls zu agitieren beginnt. Er fürchtet um ihr Leben, wenn der Jhereg zuschlägt und obendrein das Imperium für Ruhe sorgen will, indem es seine Phönixwachen ins Viertel schickt, um Kelly festzunehmen. Kelly ist schlau und bricht keine blutige Revolution vom Zaun. Er wartet darauf, dass sich andere Städte seiner Bewegung anschließen. Etwas frustriert findet Vlad heraus, dass Cawti seine Bemühungen überhaupt nicht konstruktiv findet. Schließlich zieht sie aus.

Indem sich Vlad eingemischt hat, geriet er in die Schusslinie des Jhereg-Bosses Herth. Der ist ebenso ein Zauberer wie Vlad selbst und nimmt ihn schwer in die Mangel. Nur die Tecklas und Cawti befreien ihn. Diese Demütigung kann Vlad nicht auf sich sitzen lassen. Nachdem er sich bei seinem Großvater über die Geschichte der Aufstände in Adhrilanka erkundigt hat, fädelt er einen ebenso ausgetüftelten wie gewagten Plan ein, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.

Allerdings weiß er auch, dass Herth einen Attentäter auf ihn angesetzt hat.

_Mein Eindruck_

„Teckla“ ist wieder so ein Roman wie „Taltos“: Es braucht ziemlich lange, bis der Plot in die Gänge kommt. Nach einem viel versprechenden Auftakt von etwa 50 bis 70 Seiten beginnt der Plot nur noch um sich selbst zu kreisen. Das ist Vlads Aufklärungsphase und die Zeit des Waffenstillstands. Fast 130 Seiten Stillstand – mit einem kleinen Intermezzo in Herths Folterkammer – strapazieren den Geduldsfaden des Lesers bis zum Zerreißen. Endlich, um die Seite 200 herum, kristallisiert sich Vlads genialer Plan heraus, der denn auch zu einem guten Ende führt. Es bleiben nur wenige Leichen auf der Strecke.

Der Roman hätte sich also actionmäßig auf 120 Seiten erzählen lassen: eine Novelle. Das war er vielleicht auch ursprünglich, denn es ist bekannte Praxis amerikanischer Autoren, zuerst eine Kurzfassung zu veröffentlichen – etwa für Anthologien und Taschenbuchmagazine – bevor sie sie zu einem Roman von wenigstens 300 Seiten ausbauen. Der Dumme ist jedoch der Leser: Er hat zwischen Auftakt und Finale eine Durststrecke zu überwinden. So auch in „Teckla“.

Thematisch gibt die Story durchaus etwas her: Vlads seriokomische „Behandlung“ des Phänomens der Revolution durch das Proletariat (genauer: ihre Vereitelung). Die Kritik der aristokratisch dominierten Stände-Hierarchie auf Dragaera. Das Zerreißen persönlicher und persönlichster Beziehungen wie etwa auch Vlads Ehe. Die historische Dimension der Aufstände, die bis in Vlads Familiengeschichte hineinreicht: Vlads Opa ist einmal Kampfgenosse Kellys gewesen.

Am interessantesten ist der Konflikt, in den Kellys Strategie Leute wie Vlad stürzt: Vlad muss sich entscheiden, auf welcher Seite er als a) Ostländer (Nicht-Dragaeraner), b) Jhereg und c) Edelmann und Hexer steht. Es gibt hierzu ein ausgezeichnetes Streitgespräch mit Kelly. Und es sieht nicht so aus, als würde Vlad dabei eine gute Figur machen.

Das alles hat durchaus etwas für sich, und der Autor schneidet das alles auch an. Er schafft es aber nicht, es in einen Spannungsbogen einzubinden, der den Leser bei der Stange hält. Vielleicht sind Revolutionen ja immer so langweilig, von nahem betrachtet. Erst als Vlad seinen Plan der Konterrevolution in die Tat umsetzt, ohne dem Leser allzu viel darüber zu verraten, kommt (wieder) Spannung auf.

_Unterm Strich_

Dramaturgisch gesehen ist dieser Schlussband der ersten Taltos-Trilogie der schwächste. An intellektuellem Gehalt ist er jedoch der ausgereifteste. Je nachdem, ob man nun auf Spannung Wert legt – wie ich etwa – oder auf die Aufarbeitung des Themas Revolution – finde ich auch nicht übel -, so wird man den Roman verwerfen oder willkommen heißen. Daher gibt es meinerseits entsprechende Abstriche beim Gesamteindruck. Begründung siehe oben.

Der Autor ist ungarischer Abstammung und stolz darauf. 1956 probten die Ungarn den Aufstand gegen die sowjetischen Besatzer ihres Landes. Bekanntlich scheiterten sie damit. Die Frage ist also berechtigt, ob Brust mit „Teckla“ dieses Ereignis für sich verarbeitet hat. Anders als in der Geschichte geht Kellys Aufstand unblutig – nun ja, relativ unblutig zu Ende.

Die Übertragung ist Olaf Schenk wieder einmal ganz ausgezeichnet gelungen. Er setzt auch den leicht schnoddrigen Ton und die halb ernst, halb ironisch gemeinten Bemerkungen und Äußerungen eins zu eins um. Das zeugt von hervorragendem Sprachgefühl.

_Autor und Werke_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

_Die Liste der siebzehn Tierarten des Zyklus_
(Angaben von Steven Brust):

DRAGONS – stehen für KRIEG. Große Reptilien, die kein Feuer speien. Zu erkennen an den Tentakeln, mit denen sie übersinnliche Eindrücke aufnehmen.

LYORNS – Stehen für TRADITION. Sehen wie mittelgroße Hunde mit goldenem Fell aus, nur haben sie mitten auf der Stirn ein Horn.

TIASSAS – stehen für Beschleunigung und INSPIRATION. Große Panther mit fledermausartigen Flügeln.

HAWKS – stehen für NEUGIERDE. Alles vom Hühnerhabicht bis zum Adler.

DZURS – stehen für HELDENTUM. Große schwarze Tiger.

ISSOLAS – stehen für Etikette und ÜBERRASCHUNG. Leicht storchenhaft, nur dunkler und mit spitzerem Schnabel.

TSALMOTHS – bekannt für Unvorhersagbarkeit und AUSDAUER. Baumbewohnende Schildkröten.

VALLISTAS – stehen für AUFBAU und ABRISS. Amphibische Kreaturen, die an Strömen und Teichen leben.

JHEREGS – stehen für KORRUPTION. Kleine giftige Flugreptilien, die sich von Aas ernähren.

IORICHS – stehen für Gerechtigkeit und STRAFE. Große, langsame Flussreptilien, Pflanzenfresser. Gedächtnis wie ein Nashorn und Elefant, sehr nachtragend.

CHREOTHAS – stehen für die FALLE. Große fuchsartige Tiere, die mit Hilfe ihres Speichels Netze bauen, die stark genug sind, um Dzurs und manchmal auch einen Dragon zu verstricken.

YENDIS – stehen für HEIMTÜCKE und Irreführung. In Wüsten lebende Sandschlangen. Ihr Biss ist so leicht, dass kaum ein Tier bzw. Mensch ihn bemerkt, bis das Opfer wenige Minuten bis eine Stunde später zusammenbricht.

ORCAS – Unternehmensgeist und die gewalttätige Seite des Geschäftemachens.

TECKLAS – stehen für FEIGHEIT und Fruchtbarkeit. Kleine Feldmäuse aus den Salzmarschen.

JHEGAALAS – stehen für METAMORPHOSE. Leben in Sümpfen, erst als Eier, dann als Motten und schließlich als große Kröten.

ATHYRAS – das Haus der MAGIE. Eulenartige Vögel. Senden telepathische Signale aus, die ihre Beute anlocken oder Menschen in Furcht versetzen.

PHÖNIX – steht für Dekadenz und WIEDERGEBURT.

„Mit Ausnahme der Tecklas sind alle Häuser edel.“

Bishop, Michael – Graph Geigers Blues

_Des Kulturkritikers schlimmster Albtraum_

Xavier Thaxton ist ein vermögender Kulturkritiker bei einer Zeitung in der aufstrebenden Südstaaten-Stadt Salonika, der Metropole von Oconee, einem vom Autor erfundenen US-Staat. Xavier steht auf deutsche Klassikmusik und zitiert Nietzsche aus dem Effeff. Im Gegensatz zu seinen Redaktionskollegen verabscheut er Baseball, Comics und Popkultur, also die amerikanischen Vergnügungen. Kein Wunder, dass Xavier machmal schief angesehen wird. Als er seinen pubertierenden Neffen Mkhail, genannt El Mick, bei sich aufnimmt, wird sein Geschmacksempfinden auf eine harte Probe gestellt: El Mick steht auf Punk, Comics und zerfetzte Jeans.

Doch dann begeht er einen Fehler. Um Nietzsches Natur nah zu sein, badet er in einem einsamen, klar erscheinenden Bergsee. Wie sich später herausstellt, lagerten auf dessen Grund radioaktive Abfälle. Schon nach wenigen Monaten verändert sich Xaviers Gesundheitszustand auf dramatische Weise, und seine ebenso vermögende, doch weniger geschmackvolle Geliebte Bari, eine Designerin, beginnt sich ernsthaft Sorgen um Xavier zu machen, denn Xavier leidet unter dem, was er das „Philistersyndrom“ zu nennen beginnt: Bei guter Kultur wird ihm speiübel. Nur noch in den Niederungen der Kultur fühlt er sich behaglich, seinen Neffen an der Seite.

Schon bald begleitet er seinen Neffen zur Premiere neuer Comic-Figuren. Hier begegnet er seiner künftigen Verkörperung: Graph Geiger, der Kämpfer gegen Verbrecher und Umweltsünder, angetan mit schimmerndem Cape und Kapuze. Xavier besorgt sich die Glitzerkluft, und schon geht’s ihm besser. Es geht ihm so gut, dass er einen Mordanschlag überlebt. Sein Aufstieg als heldenhafte Geiger-Inkarnation ist nicht aufzuhalten.

Doch alles hat einmal ein Ende. Und so entwickelt sich die Geschichte sowohl zu einem Krimi – wer ist für das Verklappen von Atommüll in Bergseen verantwortlich – und zur Rührstory: Xavier schenkt sein schützendes Cape einem Rauschgiftopfer, das danach gesundet. Doch Xavier als Jesusverschnitt hat keine Chance: Binnen weniger Tage verfällt er und siecht dahin.

Xaviers Geschichte ist eine schwarze Komödie, eine Satire reinsten Wassers. Daran lässt Michael Bishop, der Autor des preisgekrönten Baseball-&-Frankenstein-Romans „Brüchige Siege“, keinen Zweifel aufkommen. Folglich sollte man die seltsamen Begebenheiten darin nicht allzu ernst nehmen, doch leider bleibt dem Leser stellenweise durchaus das Lachen im Halse stecken.

Sehr ironisch ist die gegenläufige Entwicklung von Xavier und El Mick. Xavier steigt in die Niederungen hinab und wird dafür mit Heldenstatus belohnt. Mikhail gibt seinen Nihilismus und Anarchismus auf und legt dafür einen guten Schulabschluss hin, findet am Ende sogar seinen gestorbenen Onkel einen „guten Kerl“. Das Dreieck komplettiert die undurchsichtige Bari, die Xavier zunächst verlässt, weil er sich auf seinen Heldentum etwas einbildet, dann aber zurückkehrt und ihn gar am Ende heiratet, als er seinem Beinahe-Mörder verzeiht und abzukratzen beginnt. Bari bietet also eine moralische Zensur der besonderen Sorte.

Diese Geschichte ist eines John Irving durchaus würdig. Bishop erzählt gebildet von den menschlich-allzumenschlichen Seiten seiner Figuren und Settings. Es ist geradezu eine Lust, seinen witzigen Formulierungen zu folgen: Sie tilgen durch ihre Ironie jeden Ansatz zu Klischeehaftigkeit und Rührseligkeit einer Seifenoper. Der deutsche Übersetzer bringt diesen Ton kongenial ins Deutsche herüber.

|Originaltitel: Count Geigers Blues, 1992
Aus dem US-Englischen übertragen von Michael Windgassen|

DBC Pierre – Jesus von Texas

Eigentlich hätte DBC Pierre ein Buch wie „Jesus von Texas“ gar nicht nötig gehabt. Wozu sich Geschichten ausdenken, wenn man eine Vita wie dieser Mann hat? Angeschossen, hoch verschuldet, ehemals drogen- und spielsüchtig, nach einem Unfall mit chirurgisch wiederhergestelltem Gesicht und Stationen als Filmemacher, Schatzjäger, Schmuggler und Grafiker. Zweifelsohne hätte eine Autobiographie hier ihren Reiz. Doch auch „Jesus von Texas“ hat seinen Reiz und dafür hat der Autor nicht ohne Grund 2003 den Booker-Preis verliehen bekommen.

_Shit happened_

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Hearn, Lian – Glanz des Mondes, Der (Der Clan der Otori Band 3)

Da ist er nun auch schon, der letzte Band um den Otori-Krieger Takeo von Lian Hearn. Nach dem beeindruckenden ersten Buch „Das Schwert in der Stille“ und dem ebenbürtigen, spannungsvollen Nachfolger [„Der Pfad im Schnee“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=968 findet die dramatische Fantasy-Geschichte aus dem mittelalterlichen Asien hier ihr Ende, und wie schon bei den Vorgänger-Bänden lässt Hearn die Tragik der gesamten Handlung auch dieses Mal nicht außen vor. Im Gegenteil; es geht um ein finales Gefecht, um die entscheidende Schlacht, aber auch um die große, endlich vereinte Liebe mit all ihren Emotionen, aber eben auch mit all ihrer Trauer.

_Story:_

Endlich sind Takeo und Kaede vereint und können ihre lang anhaltende Liebe mit ihrer Hochzeit besiegeln. Doch in den Genuss ihres Familienglücks kommen sie nur für kurze Zeit, denn der Clan, der gegen diese Vermählung war, lässt ihnen keine ruhige Minute. Die Otori-Lords erkennen den Herrschaftsanspruch des jungen Kriegers nicht an und bereiten sich daher auf den Kampf gegen den Träger des legendären Schwertes Jato vor. Takeo stellt sich diesem Kampf und versammelt seine zahlreichen Anhänger um sich. Verbündet ziehen die Männer in den Kampf: für Gerechtigkeit, für Frieden im Land der Lords, für das Ende der Schreckensherrschaft des Clans und schlussendlich für den inneren Seelenfrieden, für die Liebe ihres Anführers zu der hübschen Gemahlin Kaede.

Doch bevor es überhaupt zur endgültigen Schlacht kommen kann, müssen die Krieger auf ihrem Weg in das von Feinden belagerte Land der verstorbenen Lady Maruyama einige harte Prüfungen bestehen und sich gegen die am Wegesrand lauernden Gefahren durchsetzen. Stets muss Takeo sich vor seinen Gegnern fürchten, denn die Schergen des Clans wollen nur eines: seinen sofortigen Tod und das Ende seines Freiheitskampfes.

Die Liebe zwischen Kaede und Takeo wird dabei erneut auf eine harte Probe gestellt, denn ihre Wege trennen sich sehr bald wieder. Doch ihre feste Entschlossenheit, ihr Mut, sich gegen das Böse durchzusetzen und damit auch für das gleiche Ziel zu kämpfen, bleibt ihr dauernder Antrieb, sich ihrer Verpflichtung zu stellen. Und nur so kann Takeos Prophezeihung, dass sich das Land unter ihm von Meer zu Meer in Frieden erstrecken wird, in Erfüllung gehen. Doch bis dahin haben der junge Kämpfer und seine Gattin noch einen langen, steinigen Weg zu bewältigen …

_Eindrücke:_

Wie nicht anders zu erwarten war, so ist auch „Der Glanz des Mondes“ ein unheimlich faszinierendes Werk geworden und in diesem Maße dann auch ein mehr als würdiger Abschluss dieser Trilogie. Trotzdem kann es im direkten Vergleich zu den beiden anderen Bänden nicht ganz mithalten, weil Hearn in diesem letzten, düstersten Teil nicht so ausschmückend und weitschweifig erzählt, wie man dies bislang gewohnt war. Es passiert in kürzester Zeit eine ganze Menge, und besonders im mittleren Teil des Buches, wo Hearn das Erzähltempo mächtig anzieht, fehlt ein wenig diese stille Romantik des ersten Teils, die ich aus heutiger Sicht immer noch am meisten bewundere.

Nichtsdestotrotz ist auch die Geschichte des dritten Buches einfach nur toll. Lian Hearn glänzt durch eine weit reichende Phantasie, Ideenreichtum im Bezug auf die verschiedenen Wendungen innerhalb der Handlung und einen erneut wunderschönen, wenngleich auch nicht mehr so detailverliebten Stil, der besonders den heimlichen Romantikern unter den Lesern sehr zusagen sollte.

Das Schöne dabei ist letztendlich, dass man nie so richtig ahnt, wie die Geschichte letztlich enden könnte, denn dort wo man zunächst denkt, die Auflösung des Ganzen zu kennen, ändert sich urplötzlich der Handlungsstrang und man steht wieder |tabula rasa| da. So bleibt das Buch immerfort auf dem Höhepunkt, und in dem Moment, in dem die finale Klimax abklingt, hat man auch schon die letzte Seite erreicht. Ist das nicht eine traumhafte Bestätigung für die Verfasserin?

Natürlich muss man die ersten beiden Otori-Bücher gelesen haben, um die Geschichte in ganzem Umfang zu verstehen, aber wenn dies bereits geschehen ist, wird man sich schnell in diesem Buch zurechtfinden und sich erneut in die Geschichte um Takeo und Kaede verlieben. Trotz ein paar hektischer Momente ist auch „Der Glanz des Mondes“ ein Traum von einem Buch und im Dreierpack mit den anderen beiden Bänden mein persönlicher Lesetipp im Bereich der nicht-standesgemäßen Fantasy.

Als Letztes noch ein kurzer Hinweis für diejenigen, die bereits länger vom Otori-Fieber gepackt wurden: Derzeit wird der erste Teil der Reihe in den Staaten verfilmt. Die Geschichte ist also doch noch nicht zu Ende …

http://www.otori.de/

Brown, Dan – Meteor

Ein neuer NASA-Satellit hat unter dem Eis der Arktis ein großes Objekt entdeckt. Rachel Sexton und andere Zivilisten werden auf Bitten des US-Präsidenten eingeflogen, um die Echtheit des Fundes zu bestätigen. Sie finden heraus, dass es sich bei dem großen Felsbrocken a) um einen Meteoriten handelt und b) dass darin außerirdische Lebensformen als Fossilien eingeschlossen wurden. Die Begeisterung der Wissenschaftler ist ebenso so groß wie bei den NASA-Mitarbeitern. Der Präsident wird mit dieser Sensation sowohl die NASA retten als auch seinen Wahlkampf gewinnen.

Doch als der riesige Felsen gehoben ist und die Sektkorken knallen, macht einer der Wissnschaftler in dem nun offenen Schacht im Gletscher eine sehr beunruhigende Entdeckung. Doch keine Sorge, Mister President – der Mann befindet sich bereits im Visier einer gut bewaffneten Truppe, die dafür sorgt, dass es keine unliebsamen Überraschungen gibt.

_Der Autor_

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er freier Schriftsteller wurde. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen, was sich in seinen Romanen widerspiegelt. Davon sind inzwischen vier erschienen: „Diabolus“, „Meteor“, „Illuminati“ und „Sakrileg“.

Er lebt mit seiner Frau in Neuengland und schreibt derzeit an einem Thriller über die Freimaurer in Washington, D.C., wo noch heute in der Nähe der Stadt ein Freimaurer-Monument steht, das ich mal besucht habe – sehr geheimnisvoll. Die Freimaurer sind auch auf dem Dollarschein verewigt, denn der erste US-Präsident George Washington war eines ihrer Mitglieder.

|Dan Brown bei Buchwurm.info:|
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=110
[Illuminati]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=687 (Hörbuch)
[Sakrileg]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184
[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1064
[Diabolus]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1115 (Hörbuch)

_Handlung_

PROLOG.

Der kanadische Geologe Charles Brophy hätte sich nicht träumen lassen, dass ihn in der endlosen Leere der arktischen Eiswüste bewaffnete Männer gefangen nehmen, an Bord eines Flugzeugs entführen und ihn dann mitsamt seines Hundegespanns aus ebendiesem Flieger stoßen würden …

HAUPTHANDLUNG.

Rachel Sexton ist die Tochter des wichtigsten Wettbewerbers bei den US-Präsidentschaftswahlen. Senator Sedgewick Sexton (er liebt die Alliteration) jedoch ist ein egoistischer Rabenvater, der bei seinem Rennen um die Präsidentschaft über Leichen geht. Er ist der schärfste Gegner der NASA, die seiner Ansicht nur Steuergelder verschleudert, die man dringend für Schulen benötigt. Seine Tochter geht ihm vorsichtshalber lieber aus dem Weg.

Rachels Ersatzvater ist William Pickering, der Direktor des National Reconnaissance Office (NRO), einer weltweit tätigen Regierungsbehörde, die sich der Sicherung der nationalen Sicherheit durch Informationsbeschaffung und -auswertung widmet. Rachel ist eine seiner intelligentesten Mitarbeiterinnen, und er ist ein aufrechter Streiter für die Gerechtigkeit und das Wohl der Nation. Denkt sie.

Während Rachel an Bord eines militärischen Düsenjets Richtung Nordpol jagt, fragt sie sich ernsthaft, warum sie sich nur vom US-Präsident Zach Herney hat breitschlagen lassen, auf diese Wahnsinnsmission zu gehen. Die F-16 landet mitten auf einem Gletscher bei Ellesmere Island, und – hol’s der Teufel! – der leibhaftige Administrator der Raumfahrtbehörde NASA holt sie ab. Nicht ganz freiwillig: Der Präsident hat ihn dazu gezwungen. Schließlich ist Rachel die Tochter seines schärfsten Kritikers.

Nach einem Spießrutenlaufen der Begrüßungen darf Rachel endlich einen Blick auf das werfen, worum es ihr am Ende der Welt eigentlich geht. Unter 65 Metern Gletschereis liegt ein Felsblock, der angeblich vor rund 300 Jahren als Meterorit aus den Weiten des Alls und hier auf die Erde stürzte. Was ihr die anderen zivilen Wissenschaftler – Eis-, Stein-, Ozean- und Erdgeschichtsforscher – berichten, ist ziemlich unglaublich. In dem Meteoriten sind Fossilien einer außeridischen Spezies eingeschlossen. E.T. ist eine Laus.

Die Eisforscherin Norah leitet die Hebung des Felsens aus dem Eis, denn sie ist auf eine geniale Idee gekommen, wie dies zu bewerkstelligen ist. Man erhitzt den Brocken per Laserstrahl, bis das Eis darüber schmilzt und zieht dann kräftig nach oben. Dauert zwar ein Weilchen, aber es funktioniert. Schon bald kann der Ozeanforscher Michael Tolland, durch seine Dokuserie ein Fernsehstar, seine Kameras darauf richten.

Jetzt schlägt Rachels Stunde. Ihre Aufgabe ist es, die Beweise zusammenzufügen und der versammelten Belegschaft des Weißen Hauses klarzumachen, dass es sich tatsächlich um einen Stein von den Sternen mit einer fremden Lebensform handelt. Tollands Doku dient nur als Illustration. Gesagt, getan. Und wenige Stunden später wird der Präsident der Nation diesen enormen Fund verkünden. Die NASA hat ihre Existenzberechtigung: Ihr neuer Polarbeobachtungssatellit war es, der den Felsen gefunden hat. Senator Sexton hätte ausgespielt. Herneys Wiederwahl wäre gesichert.

Was aber Rachel und ihre zivilen Kollegen zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Sie alle werden scharf von jener Truppe bewaffneter Männer beobachtet, die auch den kanadischen Geologen eliminiert hat. Und als sich der Paläontologe über das Leuchten von Plankton in dem freigelegten Eisschacht wundert (was hat Salzwasserplankton in Süßwasser zu suchen?), ist es an der Zeit, dass das Spezialkommando dafür sorgt, dass die kommende Botschaft des Präsidenten in keiner Weise gefährdet wird.

Aber damit fangen die Probleme für Rachel natürlich erst an.

_Mein Eindruck_

Dieser Thriller ist schon ein verdammt clever erzähltes Stück Spannungsliteratur, und die kurzen Kapitelchen lassen den Leser durch deren reichlich eingesetzten Cliffhanger-Schluss rasch weiterblättern. Vordergründig geht es in der Story darum, wer der nächste US-Präsident wird: der Amtsinhaber Herney oder sein Herausforderer Sexton. Und in der Tat spielt sich im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Organisationen eine abwechslungsreiche Hälfte der Handlung ab. Gabrielle Ashe, die junge engagierte Wahlhelferin Sextons, sieht sich bald mitten in einem Minenfeld, das zur Kampfzone geworden ist. Hier wird auf beiden Seiten mit harten Bandagen gekämpft. Willkommen in Washington, D.C.!

Aber das ist, wie gesagt, eben nur die eine Hälfte der Handlung. Die andere Hälfte fokussiert sich auf das Geschehen um Rachel und ihre Wissenschaftskollegen. Sie decken die ungeheuerliche Täuschung auf, die der Meteorit darstellt – und werden doch selbst laufend hinters Licht geführt. Und selbst dann, wenn der Leser meint, er habe den richtigen Drahtzieher schon lange vor Rachel identifiziert, versetzt ihm der Autor einen regelrechten Schock, indem er jemand anderen als Marionettenspieler enthüllt.

Die Story im Hintergrund dreht sich um die Existenzberechtigung der NASA und die Frage, warum sie und die Regierung es nicht zulassen, dass die private Industrie sich am Raumfahrtprogramm der USA beteiligt. Angesichts fast leerer Kassen, zahlreicher Misserfolge und eines andauernden Sicherheitsproblems der Behörde (brisante Luftaufnahmen werden von Hackern gestohlen und an fremde Geheimdienste verscherbelt) gehört die marode Behörde nach Ansicht Senator Sextons schon längst liquidiert – oder zumindest den anderen militärischen Sicherheitsbehörden wie der NRO gleichgestellt, wie William Pickering meint.

|Die Figuren|

Die Figuren sind nur sehr spärlich mit einer Charakterisierung und Psychologie ausgestattet, schließlich soll sich der Leser mit ihnen halbwegs identifizieren können und nicht zu sehr von ihnen provoziert werden. Die Intelligenzbestie Rachel, Mitte 30, hatte beispielsweise als Kind ein traumatisches Erlebnis, als sie im Eis eines Flusses einbrach. Seitdem fürchtet sie sich vor Wasser und Eis – und beides gibt es in der Aktis im Überfluss. Aber das ist noch gar nichts gegen das, was sie im dramatischen Finale erleben wird.

Sie knüpft zarte Bande zum Ozeanforscher Mike Tolland, dem gutaussehenden Naturburschen, der aber auch Köpfchen hat. Er trauert seit rund einem Jahrzehnt seiner großen Liebe Celia nach, die durch eine tödliche Krankheit aus seinen liebenden Armen gerissen wurde. Seitdem lebt er wie ein Mönch, der sich nur seiner Arbeit widmet. Eine Beziehung zu Rachel könnte ihm quasi seelisch das Leben retten. Daumen drücken!

Astrophysiker Corky Marlinson ist das junge Genie, das nie erwachsen geworden ist. Er hat keine Manieren, redet wie ein Student mit losem Mundwerk und hat keinen Schlag bei den Frauen. Armer Corky – er wird immer die komische Figur abgeben, neben der das Traumpaar Rachel und Michael wie die Verkörperung der Zukunft aussieht.

Die Nebenfiguren verfügen zwar auch über eine Charakterisierung, doch ihre Psychologie ist noch holzschnittartiger als die der Hauptfiguren. Und wenn man es genau betrachtet, dienen sie hauptsächlich dazu, Informationen auszutauschen, aufzufinden, zu verhökern, damit zu drohen oder sonstwas damit zu machen. Denn in in der Hauptstadt der USA ist Information Macht, denn die Medien kreisen hier wie die Aasgeier auf der Suche nach neuen Opfern und Storys.

Und im Hintergrund zieht unerkannt der „Controller“ die Fäden. Seine Spezialtruppe ist sein verlängerter Arm, und so hat er praktisch stets den Finger am Abzug einer Waffe. Natürlich wird erst kurz vor Schluss seine wahre Identität enthüllt – ein echter Knalleffekt.

|Schwächen|

Diese Überraschung stellt sich aber im Nachhinein als ein großes Problem heraus, denn die Plausibilität des Verhaltens dieser Figur ist durch die 180°-Kehrtwendung schwer beeinträchtigt. Wenn diese Figur die NASA aus persönlichen Gründen hasst, warum soll die NASA dann mit Hilfe der Meteor-Täuschung davor bewahrt werden, durch einen Präsidenten namens Sexton demontiert zu werden? Irgendwie ist das nicht ganz schlüssig. Kein Wunder, dass diese Figur am Schluss nichts mehr zu sagen hat und lediglich als Zuschauer fungiert.

Auch die anderen Figuren dienen nicht dazu, die Bedingungen der menschlichen Existenz auszuloten, sondern ein Machtspiel zu enthüllen, das ziemlich fies eingefädelt ist. Dabei steht der US-Präsident stets mit weißer Weste da – so viel Patriotismus muss der Autor schon beweisen, sonst gibt’s Haue von der Leserschaft. Kein Gedanke an das, was Nixon getan hat. Nein, der Präsi ist das unschuldige Opfer seiner Berater und Behördendirektoren. Die kloppen sich denn auch ständig wie kleine Kinder, bis Papi ein Machtwort spricht.

Dass Tolland im Finale versucht, eine Maschinenpistole abzufeuern, von der er ganz genau weiß, dass ihr Magazin kurz zuvor leer geschossen wurde, ist natürlich eine ziemliche dämliche Sache. Sein unplausibles Verhalten dient lediglich dazu, auch dem dümmsten Leser klarzumachen, dass die Maschinenpistole wirklich nutzlos und der Held folglich wehrlos ist. Es sei denn, ihm fallen noch ein paar Tricks ein. Was dann ja auch erfolgt. James Bond, bitte abdanken!

Auch Michael Crichton sollte abdanken, denn in Browns Thriller steht die Wissenschaft als Beschaffer kritischer Informationen, die die Wahlen entscheiden können, im Vordergrund. Und dies ist ja bekanntlich Crichtons Spielweise. Sie war es zumindest bis vor wenigen Jahren. Und so ziehen sich die Diskussionen zwischen Rachel, Tolland und Marlinson über Seiten auf ermüdende Weise hin.

Immerhin ergibt sich aus dem Gelaber die Notwendigkeit, Tollands Schiff anzusteuern statt blindlings in die Falle des Controllers zu laufen. Das Schiff erweist sich in seiner eigentümlichen Struktur und Platzierung als idealer Schauplatz für das dramatische Finale.

_Unterm Strich_

Der Angelsachse nennt solche spannenden Romane halb ironisch „unputdownable“. Und so erging es auch mir im letzten Drittel: Ich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen, sondern musste unbedingt erfahren, wie die Sache für Rachel & Co. ausgeht. Trotz der vor überraschenden Wendungen strotzenden Handlung fielen mir die oben aufgeführten Schwächen praktisch auf jeder Seite auf. Der Sinngehalt des Buches ist denkbar gering, und was der Leser an Erkenntnissen mit nach Hause nimmt, lässt sich in einem Fingerhut sammeln. Aber wenigstens hat man sich gut dabei unterhalten. Genauso gut könnte man aber auch in einen Bond-Krimi oder einen Star-Wars-Film gehen. Der Eintrittspreis ist ungefähr der gleiche.

Die deutsche Übersetzung lässt sich leicht lesen: kurze Sätze, nicht allzu anstrengendes Vokabular, übersichtliche Handlungszusammenhänge. Die einzige Sache, die das Lesen anspruchsvoll macht, ist der wissenschaftlich-technische Jargon. Der Autor selbst beleuchtet diesen wissenschaftlichen Kauderwelsch mehrmals auf komisch-ironische Weise, so etwa dann, wenn Corky, der Clown im Buch, solche Bildungstrümmer benutzt. Doch wenn es um neuartige Waffen geht, kennt Browns ernst gemeinte Begeisterung leider keine Grenzen. Die Beschäftigung mit Kunstwerken und verstaubten Dokumenten, die er in „Sakrileg“ zeigte, ist da doch wesentlich unverfänglicher. Und er kommt Michael Crichton nicht mehr ins Gehege.

|Originaltitel: Deception Point, 2001
Übersetzung von Peter A. Schmidt|

Brust, Steven – Yendi

_Action-Fantasy mit Witz und Erotik_

Jemand will Vlad Taltos ans Leder. Aber das ist ja nichts Neues. Vlad lebt als Mitglied der Unterwelt stets gefährlich. Und wenn er doch mal getötet wird, besteht in Adrilankha die Möglichkeit der magischen Wiederbelebung. Leider hat er es diesmal mit einem Konkurrenten zu tun, der Leute auf seiner Seite hat, die auch dies verhindern können …

Dies ist der dritte Roman mit Abenteuern des Jhereg-Gangsters Vlad Taltos.

_Hintergrund_

Auf der Welt Dragaera geht in der Stadt Adrilankha unser Held Vlad Taltos (sprich: taltosch) seinem Beruf nach: Er ist ein erstklassiger Auftragskiller. Adrilankha ist eine Art ernsthafte Version von Terry Pratchetts Ankh-Morpork: komplett mit Diebes- und Mördergilden, Kaufleuten, Schenken und Bordellen. Vlad hat sein Büro in der Altstadt, von wo er seinen eigenen Bezirk verwaltet, Schutzgelder abkassieren lässt und Konkurrenz aus dem Weg räumt.

Als hilfreich hat sich sein Vertrauter erwiesen: Loiosh ist ein drachenähnliches Wesen aus der Spezies Jhereg. Ähnlich wie Anne McCaffreys Feuerechsen auf dem Planeten Pern kann Loiosh Gedanken übertragen und giftige Bisse austeilen.

Auf der uralten Welt Dragaera stellen die Menschen („Ostländer“) wie Vlad Taltos eine Minderheit dar; angeblich kamen sie aus dem Ostreich in das Reich der Nichtmenschen, die so etwas wie kriegerische Elfen sind. Die Dragaeraner sind in exakt 17 Häuser oder Clans aufgespalten, so etwa Dragons und Hawks. Der Jhereg-Clan, der Vlad aufgenommen hat, ist ein Bastard-Clan und steht außerhalb der Clan-Hierarchie.

Die Dragons bilden die Spitze, sie gehorchen nur der Imperatorin. Hochnäsig schauen sie auf die Jhereg-Mitglieder herab, mit einer Ausnahme: Seit seinen Heldentaten in „Jhereg“ hat Vladimir Taltos einen großen Stein im Brett des Dragon-Clans e’Kieron, namentlich bei der zauberischen Aliera und ihrem Verwandten, Morrolan, der über das furchterregendste Schwert auf ganz Dragaera verfügt: „Schwarzstab“ frisst Seelen. Wiederbelebung ausgeschlossen.

_Handlung_

Eine schwere Zeit ist für den rechtschaffenen Attentäter Vlad angebrochen: Es herrscht Krieg. Nicht so einer mit Soldaten, sondern Krieg zwischen konkurrierenden Unterweltfirmen im Zentrum Adrilankhas. Da hat doch tatsächlich ein gewisser Laris seinem Untergebenen erlaubt, eines von Vlads Lokalen zu überfallen und zu übernehmen. Vlad ist auf Verhandlung bedacht – man muss sich ja nicht gleich umbringen – und trifft sich mit diesem Laris. Man trifft eine nette Vereinbarung, doch danach ist für Vlad der Fall klar: Es gibt Krieg.

Der tödliche Schlagabtausch geht eine Zeit lang hin und her. Nach einer Weile gehen Vlad die Mittel aus, und er erbittet von Dragon Morrolan (vgl. „Hintergrund“) eine erkleckliche Summe, die er auch erhält. Sofort eskaliert der Kampf in die nächsthöhere Stufe: Einsatz von Magie. Schutzzauber, Vernichtungszauber – es geht wieder einmal wild zu.

Leider hat Vlad Pech. Schon wähnt er sich als Sieger eines erfolgreichen Tages, als er kurz vor seinem Hauptquartier kalt erwischt wird: Zwei seiner Leibwächter haben ihn verraten, doch das merkt er zu spät. Auch Morrolan und Aliera teleportieren um Sekundenbruchteile zu spät an den Ort des Desasters. Zwei fremde Kämpferinnen machen Vlad und seinen verbliebenen Leibwächtern nieder. Vlad gibt den Löffel ab.

Nun sieht es gar nicht gut aus: weder für den Helden dieser Geschichte noch für den Fortgang dieser Geschichte überhaupt. Doch um herauszubekommen, wer es Laris ermöglicht hat, Vlads Truppe ratzfatz auszuschalten und welche fiese Absicht dahintersteckt, ist es dringend nötig, Vlad wiederzubeleben.

Ob und wie das gelingt und ob er Folgenschäden davonträgt, darf ich euch nicht verraten.

_Mein Eindruck_

In „Jhereg“ war Steven Brust ein furioser Start auf dem deutschen Buchmarkt gelungen. Er stellte seinen Helden als eine Art James Bond der Unterwelt vor. Zumindest hatte Vlad Stil. In „Taltos“ entführte er den Leser allerdings ins Reich des Todes, und das war denn doch reichlich metaphysisch.

Mit „Yendi“, benannt nach einem weiteren Dragaera-Clan, der für Intrigen berüchtigt ist, gewinnt Brust den leser zurück. Die Action geht ab wie eine Rakete, und Ironie und trockenster Humor machen das Lesen der abstrusen Abenteuer Vlads zu einem Vergnügen.

Relativ bizarr sind wie immer die Auswirkungen von dragaeranischen Eigenheiten wie psionische Kommunikation (= abhörsicheres Gedankentelefon ohne Vermittlung), Wiederbelebung gegen harte Währung (meistens rechtzeitig), Teleportation (gaaanz wichtig, führt aber zu massiven Magenbeschwerden) und magische Waffen. Morganti-Schwerter wie „Schwarzstab“ verhindern die Wiederbelebung.

Als wäre es noch nicht genung, dass sich Vlad mit unfähigen Dösköppen von Leibwächtern herumschlagen muss, verliebt er sich auch noch in eine fetzige Ostländerin namens Cawti, die ihm eigentlich ans Leben wollte. Nun ja, wo die Liebe hinfällt, da wächst kein Gras mehr. Vlad ergibt sich widerstandslos.

Leider ist die zweite Hälfte des Romans kein ungetrübtes Vergnügen. Nachdem alle Möglichkeiten durchgefochten wurden, bleibt Vlad nur noch das scharfe Nachdenken, um herauszubekommen, was hinter dem Bandenkrieg und den Anschlägen auf sein Leben und Unternehmen steckt. Dieses Nachdenken dauert leider übermäßig lange, nämlich mehrere Dutzend Seiten. Immerhin führt es dann zu einem überraschenden Finale.

_Unterm Strich_

Freunde von Action-Fantasy kommen hier durchaus auf ihre Kosten, dürfen aber keine Einheitskost à la Conan erwarten. Allenfalls eine so witzige Fantasyreihe wie die um Fafhrd und den Grauen Mauser, geschrieben von Fritz Leiber Mitte des 20. Jahrhunderts, könnte Brusts Romanen das Wasser reichen – was Witz, Action und Ironie anbelangt.

Allerdings ist Brust fiktionale Welt vielschichtiger, besser ausgetüftelt und viel enger unserer eigenen Welt verwandt als die des Grauen Mausers. Zudem spielen hier aktive Frauen eine sehr bedeutende Rolle und tragen wesentlich zur Unvorhersehbarkeit ders Handlungsverlaufs bei. Ganz abgesehen von den romantisch-sinnlichen Aspekten, die ihre Präsenz mit sich bringt. Cawti beispielsweise hat nicht nur einen spitzen Dolch im Gewande, sondern auch noch einiges in der Bluse.

|Titelbild|

Die Cover-Art der Klett-Cotta-Reihe mit Steven-Brust-Romanen weist einen eigenen Stil auf. „Yendi“ etwa zeigt eine verträumt dreinblickende Groschenromanheldin an der starken Brust ihres Helden: Stil der 40er Jahre. Von der Seite ragt ein knallrot geschminktes Lippenpaar herein, von dem Blut zu tropfen scheint. Offensichtlich wird hier mit Genreklischees gespielt. Genau wie in den Geschichten selbst (siehe die Angaben zum Autor und seiner Schreibschule).

_Der Autor_

1955 in Minneapolis geboren, ist Steven Karl Zoltán Brust schon Programmierer, Drummer in einer Reggae-Band, Schauspieler und Gitarrist in verschiedenen Bands gewesen. Er liebt vor allem zwei Dinge: die Küche seiner ungarischen Vorfahren und den Kampfsport – zumindest Letzteres merkt man seinem Buch an.

Er ist ein Mitglied der wichtigen Schriftstellergemeinschaft der „Scribblies“, die 1980 in Minneapolis gegründet wurde. Ihr gehören bekannte AutoInnen wie Emma Pull, Patricia Wrede und vor allem Kara Dalkey (die bei |Knaur| veröffentlicht wurde) an. Sie schreiben, was sie gerne selbst lesen würde. Dazu gehört besonders zeitgenössische und urbane Fantasy. Bull und Shetterly edierten die Romane, die auf der Shared-World Liavek spielen. Viele Scribblies-Mitglieder gehören der Bewegung der Pre-Joycean Fellowship (PJF) an. Sie unterstützen Literatur, wie sie vor James Joyce geschrieben wurde. Sie sind somit anti-modernistisch (aber modern) und anti-elitär, außerdem meist humorvoll.

In den USA ist Brust bisher durch neunzehn Romane und eine Soloplatte bekannt geworden. Seine Bücher werden immer wieder neu aufgelegt. Mit „Jhereg“ erschien 1983 der Startband eines ganzen Zyklus um den Antihelden Vlad Taltos. Zu diesem gehören folgende Werke:

Jhereg (1983), Yendi (1984), Teckla (1986) – zusammengefasst als „Taltos the Assassin“ (1991);

Taltos (1988; auch „Taltos and the Paths of the Dead“, 1991), Phoenix (1988) und Athyra (1991).

Verwandt ist die „Khaavren“-Sequenz, die sozusagen historische Romane à la A. Dumas umfasst, die auf Dragaera spielen: The Phoenix Guard (1991), Five Hundred Years After (1994) und The Viscount of Adrilankha (ca. 1996). „Brokedown Palace“ (1986) enthält ebenfalls verwandtes Material.

Bei |Klett-Cotta| erschienen die Bücher in folgender Reihenfolge: „Jhereg“ (2002), „Taltos“ (2002), „Yendi“ (2003), „Teckla“ (2003), „Phönix“ (2004), „Athyra“ (2005).

Homepage des Autors: http://www.dreamcafe.com/

Bishop, Michael – Brüchige Siege

Michael Bishop ist der Autor von „Die Einhorn-Berge“ (1988) und dem preisgekrönten Roman „Nur die Zeit zum Feind“ (1982). In „Brüchige Siege“ setzt er Mary Shelleys „Frankenstein“-Roman (1818) in einer recht unwahrscheinlichen Umgebung fort: im Georgia des Jahres 1943.

_Handlung_

Daniel Boles ist ein Baseball-Talent-Scout. Dies ist seine Geschichte, wie er unter anderem Frankensteins Monster traf und eine Art Baseball-Krieg überlebte.

Der talentierte 17-jährige Baseballspieler Danny Boles verlässt seine Heimatstadt Tenkiller in Oklahoma, um einem Ruf zu folgen, dem Team der Highbridge Hellbenders beizutreten, einem drittklassigen Club irgendwo in Georgias Chattahoochee Valley. Doch auf der Zugfahrt wird er brutal von einem Soldaten – die USA befinden sich im Krieg mit Japanern und Deutschen – vergewaltigt und ausgeraubt. Er verliert seine Fähigkeit zu sprechen.

Der Manager der Hellbenders, von allen respektvoll „Mister JayMac“ genannt, bringt Danny in einem Zimmer mit dem hochgewachsenen Schlagmann Henry „Jumbo“ Clerval unter. Jumbo stellt sich trotz seiner furchteinflößenden Erscheinung als freundlicher, sehr gebildeter Kamerad heraus. Er bemüht sich, ein besserer Mensch zu werden und liest dazu zahlreiche Bücher. Dennoch schlägt er Bälle bis zum Mond und bringt seinem Team so manchen Homerun-Punkt. Die anderen Teammitglieder sind nichts Besonderes, außer Buck Hoey, der Danny auf dem Kieker hat und ihn mit seinem losen Maul schikaniert.

Auf Seite 300 findet Danny endlich die Wahrheit über seinen mysteriösen Zimmergenossen heraus: In einem Eskimo-Kajak entdeckt er seine Notizbücher. Es sind zum Teil die Originale derjenigen Kopien, auf die sich Mary Shelley stützte, zum Teil beschreibt Henry sein zweites Leben nach dem Tod seines Erzeugers im Polareis. Nach langen Wanderungen in der Arktis auf der Suche nach Erlösung – er hatte die Braut des Doktors getötet – kommt der unsterbliche und heimlich lebende Clerval in den Süden der USA, als hervorragender Baseballspieler. Aufgrund seiner Sprechbehinderung ist Danny genauso ein Außenseiter wie Henry; bald hängen sie zusammen wie Pech und Schwefel. Danny verliebt sich in die Krämerstochter Phoebe Pharram, deren Vater in Europa kämpft und deren Mutter mit einigen Hellbenders herumpoussiert.

Während ihrer Bemühungen, den Siegerwimpel der Chattahochee Valley League zu erringen, verlieren die Hellbenders ihren Hauptspielmacher durch einen recht bizarren Unfall auf dem Feld. Da Charlie Snow Bluter ist, helfen ihm auch keine Spritzen – er stirbt im Lazarett der nahen Airbase. Dort, am selben Tag, trifft Danny Boles seinen Peiniger aus dem Zug wieder. Er brüllt ihn an, er habe ihm seine Sprache gestohlen und solle sie ihm zurückgegeben – Danny gebärdet sich ziemlich wie ein Verrückter. Aber seine Sprechfähigkeit hat er wieder. Das Team verliert seinen Busfahrer, Darius, der, wie Danny herausfindet, der uneheliche Sohn von Mister Jaymac ist. Danny findet auch zufällig heraus, dass es Henry Clerval mit der Frau von Mr. JayMac, Giselle, treibt. Da geht’s drunter und drüber – aber es ist ja auch ein heißer Sommer!

Henrys und Dannys Ruf verbreitet sich derart, dass sie in der nächsten Saison in Philadelphia in der Oberliga spielen sollen. Schandmaul und Erzfeind Buck Hoey wird an den Konkurrenzverein Gendarmes verkauft. Das rächt sich bitter, als Hoey im Saisonfinale Danny aus Rache übel verletzt – Danny wird nie wieder Baseball spielen können! Henry rastet aus: Aus Liebe zu Danny, der im Hospital liegt, verstümmelt er Buck Hoey. Er versucht vergeblich, Miss Giselle zu retten: Nach der Nachricht, dass er nach Philadelphia gehen würde, verbrannte sie sich in seinem Kajak auf einem Teich, mitsamt seinen Notizbüchern – Rache noch im Freitod.

Wenig später, er ist untergetaucht, erfährt er, dass er wegen Mordes gesucht wird. Auf den – von den Japanern zurückeroberten – Aleuten, am Grab von Dannys gefallenem Vater, treffen sich beide Helden noch ein letztes Mal. Henry verschwindet, Doktor Frankenstein findet seine letzte Ruhe, Danny heiratet Phoebe Pharram und wird Scout für die Philadelphia-Baseball-Teams.

_Fazit_

Wer „Frankenstein“ mag, sollte mit der Fortsetzung auf ca. Seite 300 beginnen. Wer sich mit Baseball anfreunden kann, sollte am Anfang beginnen. Und wer weder das eine noch das andere ausstehen kann, sollte vielleicht den ganzen Roman als Südstaaten-Chronik lesen, die zufällig im Baseball-Milieu angesiedelt ist.

Amerikanern sind der Nationalsport Baseball und alle seine Fachausdrücke – siehe das Glossar – natürlich in Fleisch und Blut übergegangen. Doch der normale Deutsche tut sich sicherlich sehr schwer damit. Hinzu kommen noch die Militärausdrücke, Hinweise aus Literatur, Politik und Kunst usw. – insgesamt 16 Seiten Anhang (ohne Fußnoten). Dies ist ziemlich lästig und erst ab Seite 300 (siehe oben) einigermaßen erträglich. Ich habe daher für die Lektüre mit entsprechenden Unterbrechungen etwa ein halbes Jahr gebraucht.

Die Erzählung selbst ist ein wunderbares Beispiel für einen detailgetreu recherchierten und wiedergegebenen Hintergrund, fein gezeichnete, lebendige Charaktere und eine halbwegs spannende Handlung. Deren Fäden bilden ein dichtes Geflecht von Beziehungen und Interaktionen. Deutlich wird der Rassismus des Südens herausgearbeitet, der auch vor Beinahe-Monstern wie Henry nicht Halt macht. Stellenweise anrührend, tragisch, aber auch oft ironisch, wirft das Buch ein Schlaglicht auf eine in der SF-Literatur sehr selten beleuchtete Ära und Sportart – ein ebenso unwahrscheinlicher Hintergrund wie das Monster, das Frankenstein, ein Schweizer Chemiker, einst schuf, und seine Geschichte.

|Originaltitel: Brittle Innings, 1994
Aus dem US-Englischen übertragen von Hendrik P. und Marianne Linckens|

Tolkien, J. R. R. – Lord of the Rings, The

Wo soll man beginnen, wenn man mit der schier unlösbaren Aufgabe betraut wurde, ein Hörspiel von 713 Minuten zu besprechen, das dazu noch die komprimierte Fassung eines Romans von 1300 Seiten ist? Mit der Handlung? Wohl kaum, schließlich gibt es nach der Verfilmung von Peter Jackson fast niemanden mehr, der nicht zumindest eine grundlegende Ahnung davon hat, worum es in J. R. R. Tolkiens „The Lord of the Rings“ geht: Ein Hobbit, nämlich Frodo Baggins, wird – recht unfreiwillig – mit der Aufgabe betraut, den Ring Saurons zu zerstören; ein Symbol für das ultimativ Böse. Parallel dazu gibt es Schlachten, Männer auf Wanderschaft, seltsame Rassen, viele Lieder und Gedichte und so etwas wie eine Liebesgeschichte. Die Handlung braucht hier also nicht rekapituliert werden, ist sie doch auch viel zu komplex, um sie in drei Absätzen wiederzugeben.

Womit also sonst beginnen? Den technischen Daten? Die 713 Minuten Spielzeit verteilen sich auf beeindruckende 10 CDs, die in einem stilsicheren Pappschuber nach Hause kommen. Dazu gibt es ein kleines Booklet mit einer Einleitung von Brian Sibley, der zusammen mit Michael Blakewell das Drehbuch für das Hörspiel schrieb. Eine ganze Reihe bekannter Namen wurden verpflichtet, allen voran natürlich Ian Holm als Frodo und Peter Woodthorpe als Gollum, der die Rolle bereits in Ralph Bakshis Trickfilmversion des Stoffes verkörperte („The Lord of the Rings“, 1978). Nach zwei Monaten im Studio wurde die erste der 26 Episoden von „The Lord of the Rings“ am 8.3.1981 auf Radio 4 im UK ausgestrahlt.

Vielleicht sollte man also einfach von vorn beginnen: Nämlich im Shire, diesem idyllischen Flecken (Mittel-)Erde, in dem die Geschichte vom Ringkrieg seinen Anfang nimmt. Das Hörspiel lässt sich für die Exposition viel Zeit, und bis die Hobbits Rivendell erreichen, vergehen zwei CDs. Zwar fehlt auch in der Hörspielversion Tom Bombadil, doch lässt sich die Erzählung zunächst viel Zeit, um die Hobbits vorzustellen und zu charakterisieren und Hintergrundwissen unterzubringen (so wird beispielsweise das Kapitel „Riddles in the Dark“ aus dem [„Hobbit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=481 mit eingeflochten, um zu erklären, wie Bilbo an den Ring gekommen ist). Es gibt viel Interaktion zwischen Frodo und Bilbo und gerade Ian Holm als Frodo klingt viel erwachsener und ernster als sein Gegenpart Elijah Wood im Film. Auch William Nighy (wohl besser bekannt als Bill Nighy, zu sehen in Filmen wie „Underworld“ oder „Love, Actually“) als Sam spricht sich sofort in die Herzen der Zuhörer. Und die Tatsache, dass er eine wunderbare und ausdrucksstarke Singstimme hat, verstärkt diesen Effekt noch. Im Gegensatz zum Film arbeitet das Hörspiel nämlich oft und gern mit den Liedern und Gedichten, die Tolkien in sein Werk hat einfließen lassen. So dürfen mehrere Charaktere von Zeit zu Zeit singen oder rezitieren und man hört beispielsweise „The Fall of Gil-Galad“, „The Lay of Luthien“ oder „Elbereth Githoniel“ in Auszügen. In vielen Fällen werden die Lieder auch von Musik begleitet (komponiert von Stephen Oliver). Gerade diese Lieder und Gedichte, die die meisten im Roman überlesen, entfalten im Hörspiel ihre volle Wirkung und tragen damit nicht nur stark zur Stimmung bei, sondern treiben von Zeit zu Zeit auch die Handlung voran.

Die Hobbits sind noch nicht einmal in Rivendell, da erwarten Tolkien-Puristen schon die ersten positiven Überraschungen. Arwen wurde, wie von Tolkien vorgesehen, wieder an ihre Stickarbeiten zurückbeordert (sie hat im Hörspiel ohnehin nur einen kurzen Dialog am Ende der Geschichte) und so darf der verletzte Frodo ganz traditionell von Glorfindel gerettet und nach Rivendell befördert werden. Und er ist nicht der einzige Charakter, der es – im Gegensatz zum Film – ins Hörspiel geschafft hat. Dazu gehört auch Halbarad, der zusammen mit den Rangern Aragorn in der finalen Schlacht unterstützt. Auch viele Szenen, die der Film vermissen ließ, sind ausführlicher ausgearbeitet. So ist die finale Konfrontation zwischen Gandalf und Saruman („The Voice of Saruman“) als Schlüsselszene angelegt und damit ein viel überzeugenderer Schlusspunkt als die Version von Peter Jackson. Es gibt mehr aus den Kapiteln „The Houses of Healing“, „The Scourging of the Shire“ und auch auf den Schluss der Geschichte wird mehr Zeit verwendet. So wie schon der Beginn von „The Lord of the Rings“ bedächtig im Shire anfing, so klingt die Geschichte dort auch langsam aus. Mit der Rückkehr ins Shire wird die Stimmung immer melancholischer und wehmütiger und entspricht damit sehr gut Tolkiens Ende des Ringkriegs. Das Hörspiel klingt also sehr leise aus und emotionale Gemüter werden wohl die ein oder andere Träne wegwischen müssen.

Wie sieht es nun mit den Sprechern aus?; mit ihnen steht und fällt schließlich die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Auf alle kann hier natürlich nicht eingegangen werden, dafür ist das Ensemble einfach zu umfangreich, daher sollen hier einige Sprecher herausgepickt werden, die auf die ein oder andere Art aufgefallen sind:

|Menschen:|
Da muss natürlich Aragorn (Robert Stephens) erwähnt werden. Und welch einen Schock verursacht er zunächst, gerade im Gegensatz zu seinem filmischen Alter Ego (Viggo Mortensen). Wo Mortensens Aragorn ein nachdenklicher, von Selbstzweifeln geplagter König im Exil ist, so stellt Stephens ihn als selbstbewussten und zielgerichteten Mann dar, der durchaus weiß, was er will (nämlich König werden) und dieses Ziel auch hingebungsvoll verfolgt. Und dazu lacht er auch noch aus vollem Halse! Und das gleich in seiner ersten Szene! Robert Stephens ist gewöhnungsbedürftig, wohl auch, weil er stimmlich älter klingt, als man sich Aragorn vorstellen würde. Doch seine Interpretation wächst dem Hörer mehr und mehr ans Herz.

Theodén (Jack May) dagegen hat Tolkiens Pathos wohl etwas zu ernst genommen. Er klingt so theatralisch und überzogen, dass man sich wünscht, die Regie hätte hier eingegriffen und May etwas gedämpft.

Denethor (Peter Vaughan) dagegen ist ein echter Gewinn. Der Hörspiel-Denethor ist viel weniger verrückt als der Film-Denethor. Vaughan stellt ihn als einen überforderten Herrscher dar, der sich mit schier unüberwindlichen Problemen konfrontiert sieht – und bleibt damit viel dichter an Tolkiens Vorlage.

|Elben:|
Bei den Elben sticht kaum jemand heraus, anzumerken ist vielleicht nur, dass Galadriel (Marian Diamond) die erste Frauenstimme ist, die man im Hörspiel zu Ohren bekommt. Galadriel ist hier ein durchaus sympathischer und hilfsbereiter Charakter und keineswegs mysteriös oder zwiespältig.

|Hobbits und andere Kurze:|
Ian Holms Frodo macht im Verlauf des Hörspiels eine faszinierende Metamorphose durch. Zwar klingt er schon zu Beginn sehr seriös und erwachsen, doch nähert er sich später immer mehr Gollums Sprache und Modulation, was sehr gut den Einfluss illustriert, den der Ring auf ihn hat. Von einem durchaus ernsthaften und zielgerichteten Hobbit wird er so immer mehr zu einer unvernünftigen Kreatur, die nicht mehr für sich selbst entscheiden kann und geradezu krankhaft auf den Einen Ring fixiert ist.

Ein wahres Fest ist Peter Woodthorpe als Gollum. Er ist herrlich hysterisch und verrückt und Woodthorpe schafft es zielsicher, Gollums gesamten trickreichen Charakter mit seiner Stimme zu füllen. Da bleiben keine Wünsche offen. Ohne Frage ist Woodthorpe eines der großen Highlights des Hörspiels.

|Zauberer:|
Michael Hordern als Gandalf verleiht dem Charakter die nötige Würde und eine ordentliche Prise Mysterium und Witz: so, wie man Gandalf gewöhnt ist. Die wirkliche Überraschung ist jedoch Peter Howell als Saruman, der es tatsächlich schafft, den Zuhörer mit seiner Stimme zu bezaubern und für sich einzunehmen (ganz so, wie man es von Saruman behauptet). Wenn er will, klingt er so gutmütig, hilfsbereit und altruistisch, dass man ihm auf keinen Fall zutrauen mag, mit Sauron unter einer Decke zu stecken.

Im Hörspiel wirkt, trotz des großen Ensembles, niemand fehlbesetzt, auch wenn man natürlich zugeben muss, dass es unter Umständen schwierig werden kann, alle Charaktere auseinanderzuhalten. Schließlich werden alle zehn CDs, wenn man von den weiblichen Nebenrollen (Galadriel, Eowyn, Arwen) einmal absieht, von Männern bestritten. Doch wenn man ein grundlegendes Wissen darüber hat, was wann in der Geschichte passiert, so wird man auch keine Probleme haben, dem Hörspiel zu folgen. Ein Tipp sei jedoch erlaubt: Tolkiens „The Lord of the Rings“ in Buchform enthält in der Regel eine Karte von Mittelerde. Eine solche zur Hand zu nehmen, empfiehlt sich auch für das Hörspiel, um nachvollziehen zu können, wo sich die Gefährten gerade befinden. Wie das Leben nämlich so spielt, wird häufig darüber diskutiert, welcher Weg einzuschlagen ist (Männer können eben nicht nach dem Weg fragen …) und diese Diskussionen sind einfacher zu verfolgen, wenn man eine Karte zur Hand hat.

Abschließend ist zu sagen, dass das Hörspiel der BBC neben der Trickfilmversion von Ralph Bakshi und der Filmtrilogie von Peter Jackson eine wirklich faszinierende Interpretation des Stoffes von Tolkien ist. Das Hörspiel teilt sich mit dem Roman einige Längen (so beispielsweise der lange Expositionsteil im Shire), doch dafür kann es auch besonders gut die Stimmungen einfangen, die Tolkien zu evozieren versuchte. Überraschend ist auch, dass es gelungen ist, die Schlachten durchaus überzeugend darzustellen – und zwar nur mit Musik und kurzen Sprachfetzen. Und so wird zwar, naturgemäß, im Hörspiel wenig Elbisch gesprochen (was zwar schade, aber verständlich ist), doch macht man sich die vielen Lieder und Gedichte zunutze – für mich einer der großen Pluspunkte des Hörspiels. Weder der Trickfilm noch die Realfilme haben darauf viel Zeit verwendet und im Roman führt all diese Poesie eher ein Schattendasein. Im Hörspiel allerdings haben sie eine zentrale Rolle inne und können ihre ganze Suggestionskraft entfalten.

Dramatisierung: Brian Sibley und Michael Blakewell
Musik: Stephen Oliver
Sprecher: Ian Holm, Michael Hordern, Robert Stephens, Peter Woodthorpe, William Nighy, Richard O’Callaghan, John McAndrew, David Collings, Michael Graham Cox u. v. a.
Spielzeit: ca. 713 min

Den „Herr der Ringe“ als Hörspiel zu genießen, ist natürlich nicht ganz billig – die zehn CDs kosten knapp 50 €uro. Allerdings bekommt man dafür auch Hörgenuss vom Feinsten und Tolkien im englischen Original geboten.

http://www.hoerverlag.de

|J. R. R. Tolkien bei Buchwurm.info:|
[The Hobbit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=481
[Der Hobbit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=22
[Der Hobbit]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=130 (Hörspiel)
[Das Silmarillion]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=408
[Nachrichten aus Mittelerde]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1407
[Der Elbenstern]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=805 (Hörbuch)

Noll, Ingrid – Stich für Stich

_Der Noll-Faktor: spannend, kurios, amüsant, makaber_

Das Hörbuch umfasst fünf „schlimme“ Geschichten, die entgegen der Erwartung, die man an Noll-Storys hat, nicht immer mit dem Ableben eines Beteiligten enden. Fünf Protagonisten – eine Domina, eine virtuose Stickerin, eine blonde Krankenschwester, die alle Klischees erfüllt, die Ehefrau eines passionierten Anglers, die verheiratete Ärztin mit der Hundedame. Fünf überraschende Wendungen – auch wenn man „seine“ Ingrid Noll schon kennt.

_Die Autorin_

Ingrid Noll wurde 1935 in Schanghai geboren, also kurz vor der japanischen Invasion, und studierte in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte. Nachdem ihre drei erwachsenen Kinder das Haus verlassen hatten, begann sie, Kriminalgeschichten zu schreiben, die allesamt Bestseller wurden. „Die Häupter meiner Lieben“ wurde mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet, und „Kalt ist der Abendhauch“ sowie „Die Apothekerin“ wurden verfilmt.

Weitere Noll-Hörbücher:
– Die Häupter meiner Lieben
– Die Apothekerin (verfilmt)
– Kalt ist der Abendhauch (verfilmt)
– Selige Witwen
– Die Sekretärin
– Der Hahn ist tot

_Die Sprecherin_

Ursula Illert, 1946 in der Nähe von Frankfurt/M. geboren und aufgewachsen, ist eine Schauspielerin mit Erfahrung bei Theater, Funk und Fernsehen. Als passionierte Sprecherin hat sie für |Steinbach Sprechende Bücher| bereits zahlreiche Hörbücher gelesen. Ihre Begeisterung gilt Lesungen mit musikalischer Begleitung vor Publikum.

_Handlung der 5 Erzählungen_

|1) Ein milder Stern herniederlacht|

Eine Domina setzt sich mit 37 zur Reihe und verkauft all ihre Accessoires und Möbel – für ihre „Sklaven“ eine echte Überraschung. Drei Wochen später ist sie mit Oliver verheiratet, der sich schon auf das gemeinsame Kind freut. Mit dem drögen, anstrengenden Leben als Hausmütterchen werde sie schon zurechtkommen. Denkt sie. Denn Oliver weiß natürlich nichts von ihrem anrüchigen Vorleben.

Just im schönsten Moment in ihrem neuen Leben, beim Abendessen zu Weihnachten, klingelt es an der Tür und eine Gestalt der Vergangenheit verlangt ihr Recht: Georg, der Bankier, ist einer ihrer früheren „Sklaven“ und hat wegen Urlaub noch nicht mitgekriegt, dass sie aus dem Gewerbe ausgestiegen ist. Er verlangt hartnäckig sein Recht auf eine fachgerechte Demütigung.

Da die Ex-Domina nicht mit der Wahrheit über Gregors Verhältnis zu ihr herausplatzen kann, dauert es eine ganze Weile, bis Oliver die Sache endlich kapiert. Dann jedoch handelt er konsequent: Georg wird angekettet und darf den Abwasch machen. Ein weiterer „Sklave“ muss mit Demütigung versorgt werden: Er darf das Auto blitzblank schrubben. Schon bald finden sich jede Menge Haushaltsarbeiten, die es zu erledigen gilt, und der Haushalt ist endlich auf Vordermann gebracht.

Es gibt nur ein winziges Problem: Wie erklärt man den Familien der Sklaven ihr allzu langes Fernbleiben vom trauten Weihnachtsabendfeiern? Geniale Idee: Man inszeniert einen Frontalzusammenstoß der Autos, so dass man auch noch die Versicherung abzocken kann. Bei diesem im Schnee inszenierten Manöver geht leider etwas mächtig schief …

|2) Stich für Stich|

Das Geschlecht der Person, die ihre Geschichte erzählt, bleibt bis zuletzt unklar, denn darin besteht ja der Clou. Die Person liebt es schon seit ihrem 17. Lebensjahr zu sticken. Damals lag sie lange Zeit mit Hepatitis im Bett und musste ruhen. Ihre Mutter brachte ihr das Sticken bei und fortan stickte sie, was der Faden hergab: Deckchen, Brieftaschen, eine komplette Gemäldegalerie klassischer Meister.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, da die Person bei einem Schwächeanfall im Supermarkt umkippt und ihr der Arzt eine Kneipp-Kur in Bad Wörishofen verordnet. Gesagt, getan. Man findet einen Kurschatten, eine echte Freundin: Gunda Mortensen. Nach dem Abschied setzt ein Briefwechsel die Freundschaft fort.

Der freudige Tag naht, da Gunda unsere Hauptfigur in ihren eigenen vier Wänden besuchen wird, wo auf sie eine handfeste Überraschung wartet. Nein, die Stickereien habe keineswegs die werte Frau Mutter gefertigt, sondern seien alle selbstgemacht. Langes Schweigen. Danach kommt Gunda nie wieder … Schade, ein solches Talent links liegen zu lassen.

|3) Die blaurote Luftmatratze|

In der Privatklinik für psychosomatische Krankheiten hat sich eine Krankenschwester – nennen wir sie Isolde – in einen besonderen Patienten verliebt, den sie gerne Tristan nennt. Wie sie steht er auf altmodische Luftmatratzen, denn darauf liegt er gerne im schönen Park der Klinik. Sie nennt ihn aber auch den „Schlangenmenschen“, denn er sagt, er habe eine Phobie vor Schlangen. Sie fragt ihn, wie es dazu gekommen sei. Ach, das sei nur ein Vorwand, um in Ruhe gelassen zu werden, meint er.

Mit 24 sei er Privatdetektiv geworden und wurde von der deutschen Textilindustrie damit beauftragt, die Herkunft von besonders schönen Pullovern etc. festzustellen, die zu Dumpingpreisen angeboten wurden. Folglich blieben die deutschen Fabrikanten auf ihren Erzeugnissen sitzen.

Er flog nach Hongkong und entdeckte eine Spur, die ins Innere Asiens führte. Er versteckte sich auf einem LKW und fuhr dort zwei Wochen lang mit, denn obwohl ihn die Fahrer entdeckten, blieben sie freundlich. Und so gelangte er in eine tropische Region, in der eine versteckte Anlage von Männern in weißen Kitteln geleitet wurde. Lügen erwies sich als zwecklos, daher rückte er mit der Wahrheit heraus.

Statt ihn wegzuschicken, weil er spionierte, zeigten ihm die Männer voller Stolz ihre Anlage. Aber wo kamen die fabulösen Strickwaren her? Nirgendwo waren Strickmaschinen zu sehen. Da wies einer der Forscher ins Zentrum der weitläufigen Anlage, wo mehrere große Bäume standen. Und in den Bäumen befanden sich große Schlangen. Und jede Schlange strickte, was das Zeug hielt: Pullover, Westen, Schals, in allen Farben. Ja, er durfte sich sogar einen eigenen Pulloverentwurf wünschen.

Der Oberarzt glaubt natürlich kein Wort von diesem Garn. Professor Higgins wird von den gespannt lauschenden Patienten indigniert weggeschickt. Doch in der folgenden Nacht will Schwester Isolde die Wahrheit über den „Schlangenmenschen“ herausfinden und schleicht sich zu seiner Tür …

|4) Fisherman’s Friend|

Als sie 17, dumm und noch unschuldig war, lernte sie bei einer Fischerparty Eugen kennen, heiratete ihn mit 18 und wurde mit 19 Mutter von Jonas. Als Ladenbesitzer konnte ihr Eugen, der mittlerweile auf die 40 zuging, zwar ein Leben in Wohlstand bieten, doch sie erfuhr mit dem passionierten Angler weder Freude noch Liebe.

Da ist Uli schon ein ganz anderer Typ. Der Textilingenieur ist jung, gut aussehend und lustig. Sie verliebt sich sofort in ihn und hat eine Affäre. Sie überlegt, dass sie mit Eugens Erbschaft ziemlich angenehm mit Uli leben könnte. Ihren zielstrebigen Plan setzt sie in mehreren Phasen um, an deren Ziel sie und Uli Eugens Unfalltod beschließen. So weit, so gut. Doch der Plan sieht nicht vor, dass Uli und Eugen gute Kumpels werden und gemeinsam Angeln gehen!

Wütend und frustriert greift sie zur Selbsthilfe. Das unverdächtige Mordinstrument: selbstgemachte Frikadellen aus Fischpaste, in die sie ein paar Gräten platziert. Das funktioniert auch ganz hervorragend, allerdings mit einem ganz anderen Opfer als vorgesehen. Nach dem nächsten Angelwochenende berichtet die Zeitung von einem tot am See aufgefundenen Förster …

Monate vergehen, niemand wird festgenommen, doch die Affäre mit Uli endet. Da ruft die Witwe des Försters an und bittet um ein Treffen. Au weia, der Fluch der bösen Tat, denkt unsere Heldin und ist auf das Schlimmste gefasst. Zu ihrer Verwunderung bedankt sich jedoch Adelheid herzlich für die Tat. Sie erklärt, wie sie die Wahrheit herausgefunden habe und dass sie nun herrlich von der Erbschaft leben könne. Ob sie sich nicht erkenntlich zeigen könne?

Der Plan ist ganz einfach. Und tatsächlich hat Eugen diesmal keine Chance, der Falle zu entgehen.

|5) Der gelbe Macho|

Sie ist eine gefühl- und fantasievolle Ärztin, ihr Mann Oswald ein eher prosaischer Typ. Sie holt aus dem Tierheim einen Hund, der sehr anhänglich wird und sich als sehr klug erweist: Klara. Über ihre Spaziergänge lernt die Ärztin einen anderen Hundehalter kennen: Der junge Jens hat einen gelben Hund namens Macho. „Macho ist spanisch und bedeutet männliches Tier“, erklärt er. Macho und Klara werden unzertrennliche Freunde. Zwischen der Ärztin und Jens klappt es nicht gleich, denn erstens ist sie verheiratet, und zweitens hat er eine Freundin.

Aber sie merkt bald, dass sie Jens liebt, und die schlaue Klara merkt das auch. Sie beißt ihr Herrchen Oswald und gehorcht ihm nur noch widerwillig. Bei einer Abi-Party tanzt die Ärztin wild mit Jens und küsst ihn. Welch ein feinfühliger Mann: Er will nach dem Abi Psychologie studieren. Nachts darf Klara ins Bettchen von Frauchen, und Oswald muss im Arbeitszimmer schlafen.

Danach nimmt die Natur unaufhaltsam ihren Lauf. Klara wird läufig, und Macho muss weggesperrt werden. Doch während eines Schäferstündchens mit Jens vergeht die Zeit wie im Flug, und wer denkt da schon an die Hunde? Das Ergebnis der doppelten Liebesnacht ist schon nach wenigen Monaten zu besichtigen: Mischlinge.

_Mein Eindruck_

Im Grunde folgt nur eine einzige dieser fünf Erzählungen dem klassischen Muster, dass dem Schicksal „nachgeholfen“ und ein Mann geopfert wird – aber dies natürlich in unnachahmlicher Noll-Manier. Die anderen Geschichten fallen ziemlich aus diesem Rahmen und lassen sich wohl eher unter der Bezeichnung „ironisch erzählte Kuriosa“ zusammenfassen.

Unter diesen vier Geschichten hat mir jene mit den spinnenden und strickenden Schlangen auf den Bäumen am besten gefallen. Sie ist so wunderbar schrullig und doch unglaublich detailreich ausgeschmückt. Natürlich ist kein Wort davon wahr, würde jetzt Prof. Higgins wie in „My Fair Lady“ knurren. Aber hat das jemals passionierte Geschichtenerzähler und -lauscher gestört? Natürlich nicht. (Übrigens scheint dies eine der Storys zu sein, die seinerzeit für die „Süddeutsche Zeitung“ über „Die blaurote Matratze“ geschrieben wurden.)

Es ist ein wenig auffällig, welch eine bedeutende Rolle Erotik in diesen Storys spielt. Dass eine Ex-Domina ihre Ex-Sklaven wieder einspannt, ist ein netter Einfall. Doch dass auch der Ex-Domina-Mann der Sache auf pragmatische Weise einige positive Seiten abgewinnen kann, ist der typische Noll-Schlenker, der die Sache erst richtig interessant macht. Womit es natürlich nicht sein Bewenden haben kann.

Eine ganz andere Seite der Erotik zeigt sich in „Der gelbe Macho“. Hier kommt die Liebe sozusagen auf den Hund, um es mal flapsig zu sagen. Doch der Hund – gemeint ist die schlaue Klara – trägt viel dazu bei, der Liebe Gelegenheit zu machen, indem sie Herrchen Oswald auf Abstand hält. Der Hund ist doch der beste Freund des Menschen.

_Die Sprecherin_

Ursula Illert kann sich sehr gut in die Lage der weiblichen Protagonisten hineinversetzen. Mit Verve trägt sie ihre Geschichten vor, mit deutlicher Aussprache und der Betonung auf die richtigen Stellen. Allerdings ist die letzte Geschichte wegen der immerhin fünf Akteure so vertrackt, dass man sie vielleicht noch einmal anhören sollte.

_Unterm Strich_

Bis auf eine eher konventionelle – und daher umso willkommenere – Geschichte („Fisherman’s Friend“) wissen die fünf Beiträge in dieser Sammlung mehr durch ihre Schrulligkeit zu amüsieren als durch Spannung zu fesseln. Das macht aber nichts, denn der typische Noll-Faktor ist durchweg gegeben: eine ungewöhnliche, zuweilen makabre und augenzwinkernde Note ist stets eingeflochten. Ich kann nur hoffen, nicht zu viel verraten zu haben – und um Vergebung für meine Sünden zu bitten, falls ich es doch getan habe.

Die Sprecherin bringt die Erzählungen voll zur Geltung und beeinträchtigt die Botschaft der Autorin in keiner Weise. Das Hörbuch kann einem Zuhörer durchaus einen schönen Nachmittag bereiten.

|120 Minuten auf 2 CDs|

Padgett, Abigail – Kalt ist der Tod

„Eiskalt und knallwitzig, buchstäblich ein Lesespaß“ wirbt die |Für Sie| auf dem Buchrücken für Abigail Padgetts Roman „Kalt ist der Tod“, der zunächst dadurch noch sehr verlockend wirken mag, doch schon die ersten Seiten lassen Zweifel aufkommen …

_Stromausfall – Totalausfall?_

Als in der Nähe von San Diego ein kleines Erdbeben zu einem Stromausfall führt, fällt auch die Stromversorgung in einem öffentlichen Kühlhaus bei Borrego Springs aus und führt eine Leiche zutage, die dort vor Jahren eingefroren wurde. Eine alte Dame mit dem netten Namen Muffin bekennt sich des Mordes schuldig und wandert auf ihre alten Tage ins Gefängnis. Das wiederum bringt ihren jüngeren Bruder Dan Crandall auf den Plan, der die Privatdetektivin Blue McCarron engagiert, um die Unschuld seiner Schwester zu beweisen. Nur Blues Buch „Affe“ war der Auslöser für ihre Beteiligung an diesem Kriminalfall, da Dan diese 700-seitige Abhandlung über männliche und weibliche Verhaltensmuster gelesen hat und aus nur ihm bekannten Gründen daher Blue McCarron als Privatdetektivin verpflichten möchte.

Nach einem Besuch im Gefängnis bei Muffin erkennt Blue ihre Sympathie für die alte Dame und engagiert daraufhin die bekannte homosexuelle und schwarze Psychiaterin Rox Bouchie, damit diese ein psychologisches Gutachten über Muffin anfertigt. Rox bemerkt auch sogleich Muffins Täuschungsmanöver und stellt fest, dass ihre Patientin geistig völlig gesund ist, körperlich allerdings nicht, denn Muffin hat Krebs im Endstadium. Kurz darauf wird Muffin vergiftet im Gefängnis aufgefunden und die Frage stellt sich, wer die todkranke Frau ermordet hat.

Bald entdeckt auch Blue mitten in der Wüste zwei dubiose Gestalten, die es offensichtlich auf sie abgesehen haben und sich über den Überfall auf eine andere Frau unterhalten. Blue kann den einen Kerl verletzen und sich retten, das andere Opfer der beiden nächtlichen Angreifer kennt sie jedoch recht gut. Blue muss erkennen, dass sie in großer Gefahr schwebt, obwohl sie sich nicht erklären kann, warum man es auf ihr Leben abgesehen hat …

_Lauwarm statt eiskalt_

Gleich auf der ersten Seite werden wir der Ich-Erzählerin Blue McCarron vorgestellt, die uns von ihren Erlebnissen rund um Muffin Crandall erzählt und den Startschuss zu den turbulenten Ereignissen nach dem Stromausfall und dem Auffinden der Leiche im Kühlhaus gibt. Doch kommt das Buch von Anfang an nicht aus den Startlöchern, die Autorin hält sich mit ellenlangen Gedankenmonologen über Blues Exfreundin Misha auf, die vor zwei Jahren ohne ein Lebenszeichen verschwunden ist und immer noch in Blues Gedanken herumschwebt. Immer wieder wird die eigentliche Handlung unterbrochen, damit Blue sehnsüchtig an ihre Vergangenheit mit Misha, das Kennenlernen und ihre ach-so-tolle Beziehung zurückdenken kann.

Im Laufe der Zeit erhält man als Leser schnell den Eindruck, dass Blue sich gerne von Gedankenblitzen ablenken lässt, denn egal, welche Gefahr auch gerade droht, ständig füttert sie uns mit weiteren uninteressanten Informationen zur sagenumwobenen Misha-Vergangenheit. Auch in der Einstiegsszene, als Dan Crandall Blue als Privatdetektivin anheuern will, präsentiert uns Blue zunächst große Teile ihrer Familiengeschichte und einige Ideen aus ihrer Dissertation, die mit der eigentlichen Situation leider gar nichts zu tun haben.

So kommt natürlich weder Spannung auf, noch eine düstere gefahrvolle Atmosphäre, in der der Leser angesichts der drohenden Gefahr den Atem anhalten müsste. Selbst als die Killer auftauchen, um Blue zu überfallen, gibt es keinen Nervenkitzel, auch die todesbringenden Deltas, wie Blue sie nennt, sorgen für keine spannungsgeladene Atmosphäre. Beim Lesen ist einem meist eher zum Gähnen zumute, da die Erzählung vor sich hin plätschert und mit allerlei unnötigem Beiwerk geschmückt ist, das weder die Handlung vorantreibt noch die Figurenzeichnung realistischer wirken lässt.

Besonders die zahlreichen Exkurse, die über Misha oder auch Rox Bouchie belehren, bremsen das Erzähltempo drastisch aus. Immer wenn die Handlung ein wenig vorangekommen ist, hält Padgett inne und streut nebenbei sehr ausführlich weiterführende Informationen ein, die leider meist nur wenig mit dem Kriminalfall zu tun haben. Von einem eiskalten Thriller kann hier also keine Rede sein, eher von einem lauwarmen Aufguss, den man auf einer langweiligen Bahnfahrt konsumieren sollte.

Überraschungsmomente gibt es nur wenige im Verlaufe des Romans, so ahnt der krimi-erfahrene Leser sehr früh, warum Muffin für einen Mord ins Gefängnis geht, obwohl sie doch offensichtlich unschuldig ist, die Gründe hierfür sind zu offenkundig. Erst später lässt uns die Autorin staunen, wenn nämlich Misha wieder auftaucht und die einzelnen Figuren miteinander verknüpft werden. Die uns hier erwartenden Überraschungen sind allerdings nicht so erfreulich …

_Hausfrauenpsychologie_

Da die gesamte Geschichte aus Sicht der Sozialpsychologin Blue McCarron geschrieben ist, bleiben wir auch nicht von psychologischen Gedankengängen verschont, die weibliches und männliches Verhalten analysieren sollen. Hier greift Blue gerne auf ihr eigenes Buch „Affen“ zurück, in welchem menschliches Verhalten von Grund auf durchleuchtet wird. Mir persönlich tritt Abigail Padgett allerdings zu viele Altweiberweisheiten breit und wirft mit fragwürdigen Begründungen für geschlechtertypisches Verhalten um sich, die sich speziell auf den ersten hundert Seiten des Buches zu sehr häufen. Praktisch alle paar Seiten entdecken wir neue Ausführungen aus dem Affenreich, die die psychologische Seite des aktuellen Kriminalfalls erklären sollen. Mir erscheint diese Deutungsweise an vielen Stellen allerdings zu undifferenziert.

|“So weit klang die Geschichte der Frau unglaubwürdig, aber dennoch sehr vertraut. Es war der Alptraum einer jeden Frau, ein Grund, warum Frauen Geräusche im Dunkeln fürchten. Vergewaltigung, Schändung und brutaler Tod. Dies ist das ständig wiederholte Mantra, das uns von haarigen Vorfahren hinterlassen wurde, den Cousinen von Schimpansen, Gorillas und Menschen. Ein Blick auf jede x-beliebige Schimpansenenklave, mit Ausnahme der matriarchalischen Zwergschimpansen, enthüllt die Quelle des Alptraums. Männliche Schimpansen schlagen wahllos Weibchen, um die allgemeine weibliche Unterwerfung zu sichern. Und wenn sie in der Brunst ist und die sexuelle Penetration verweigert, wird sie vielleicht von dem Männchen zu Tode geprügelt, während seine Kumpel johlen und pfeifen und herumhüpfen. Ein Blick in jede x-beliebige Zeitung zeigt, dass der Alptraum in menschlichen Enklaven ebenfalls vorhanden ist.“|

_Konstruktionen_

Am Ende wird der Leser bemerken, dass jeder noch so unwichtig erscheinende Gedankenmonolog seinen Grund in der Geschichte findet und jede noch so nebensächlich wirkende Figur ebenfalls in das Chaos verstrickt ist. Selbstverständlich hat auch die inzwischen wohl bekannte Misha später ihren großen Auftritt und steht plötzlich im Zentrum der Verwicklungen. Doch gerade zum Finale hin greift Padgett dermaßen in die Trickkiste und offenbart völlig unglaubwürdige Verbindungen zwischen den auftretenden Figuren, dass sie eine mehr als lebhafte Phantasie offenbart. Zum Finale hin scheint nichts unmöglich zu sein, als Leser bekommt man den Eindruck, als wollte Padgett bemüht alle erwähnten Namen in den Kriminalfall verwickeln, doch kann so etwas nicht funktionieren. Die Auflösung wirkt dermaßen konstruiert, dass ein mehr als fader Nachgeschmack bleibt, welcher durch das gefühlsduselige Happy-End noch verstärkt wird.

Auch in Sachen Figurenzeichnung weiß Padgett nicht zu überzeugen, insbesondere in der Gestaltung der Ich-Erzählerin wirft die Autorin mit Klischees nur so um sich. Hier lernen wir die eigentlich homosexuelle promovierte Sozialpsychologin Blue McCarron kennen, die nach gescheiterter Liebe mit ihrem Hund in die Wüste geflüchtet ist, um dort mit ihrem überragenden psychologischen Geschick Geld zu scheffeln. In einem dramatischen Moment lässt sie sich aber nach überstandener Todesgefahr vom männlichen Protagonisten zu einem kurzen Quickie überreden, bei dem sie sogleich vergisst, dass beim Sex zwischen Mann und Frau durchaus die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht.

Blues Familiengeschichte wirkt gleichfalls völlig überzeichnet; da ist einmal der frühe Tod der Mutter zu nennen, außerdem der Zwillingsbruder, der nun im Gefängnis sitzt und dort per Zufall die Liebe seines Lebens kennen gelernt hat. Nach geschicktem Austausch eines gefüllten Präservativs ist seine Flamme nun schwanger geworden, sodass eine Traumhochzeit hinter Gittern stattfinden muss, die selbstverständlich der überglückliche Familienvater höchstselbst vornimmt. Eine solche Anhäufung ausgelutschter Klischees trägt wirklich nicht zum Lesespaß bei!

_Lauwarmer Kaffeekränzchenthriller_

„Eiskalt und knallwitzig“? Leider habe ich beides beim Lesen des Buches vermisst, denn der Kriminalfall kann an keiner Stelle dermaßen mitreißen, dass eine spannungsgeladene Atmosphäre aufgebaut werden könnte, auch eiskalt ist die Handlung an keiner Stelle. Von knallwitzig ist ebenfalls keine Spur; mir kam Padgetts Schreibstil eher dröge und konstruiert vor, eventuell mag sie sich bemüht haben, ihren Roman humorvoll klingen zu lassen, dabei herausgekommen ist allerdings ein lahmer Kriminalfall mit völlig überzeichneten Figuren und einer konstruierten Auflösung, bei der sich einem die Nackenhaare aufstellen. Selbst vor einem triefenden Kitschende schreckt Abigail Padgett nicht zurück und versetzt damit ihrem Buch noch den finalen Todesstoß.

Bester, Alfred – Demolition

_Katz-und-Maus-Spiel mit dem Mörder_

Alfred Bester, geboren am 18.12.1913, studierte Natur- und Geisteswissenschaften. Als er 1939 mit seiner Erzählung „The Broken Axiom“ ein Preisausschreiben der Zeitschrift „Thrilling Wonder Stories“ gewann, wurde er freier Schriftsteller. Sein Werk ist schmal, aber sehr gewichtig und einflussreich. Für seinen ersten Roman, „Demolition“, erhielt er 1953 den ersten |HUGO Award| überhaupt. Mit „Tiger! Tiger!“ („The Stars my Destination“, 1956) gelang ihm ein zweiter großartiger Erfolg. Schilderte Bester in „Demolition“ eine halbtelepathische zukünftige Gesellschaft, so bringt hier die Fähigkeit zur Teleportation den Helden dazu, das bestehende Universum in eine Krise zu stürzen. Die beiden Romane gehören zu den besten in der SF überhaupt.

_Handlung_

In einer Gesellschaft des 24. Jahrhunderts, die zu einem beträchtlichen Teil aus Telepathen besteht, sind Verbrechen, besonders Morde, selten, zumal die Polizei über die besten ESP-Talente verfügt, die jede verbrecherische Absicht rechtzeitig erkennen und die Tat verhindern.

Doch Ben Reich, ein Mensch ohne außersinnliche Begabungen, willensstark, skrupellos und zielstrebig, schafft es trotzdem, einen Mord von langer Hand zu planen und eiskalt durchzuführen. Das Opfer, Craye D’Courtney, ist sein Konkurrent. Wie sich herausstellt, auch sein Vater.

Lincoln Powell, ein erstklassiger ESPer im Polizeidienst, setzt sich auf Reichs Fährte. Obwohl die Tat klar ist, so bleiben ihm doch das Wie und das Warum verborgen. Wie konnte der Vorsatz den Überwachern verborgen geblieben sein? Wie schützt Reich auch nach der Tat seine Gedanken? Und warum brachte Reich seinen eigenen Vater um? Powell muss Reich seiner Bestimmung zuführen, der Strafe, die auf Mord steht: der Demolition. Sie besteht in der allmählichen Auslöschung von Erinnerungen und antisozialen Aggressionen. Es entspinnt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel quer durch das Sonnensystem.

_Fazit_

„Demolition“ ist einer der besten SF-Krimis, spannend bis zur letzten Seite, kühn in der Konzeption, rasant im Tempo. Zudem gehört die hier geschilderte Telepathengesellschaft zu den detailliertesten und durchdachtesten des Genres. Erstaunlich ist zudem, dass die Spannung nicht von künstlich erzeugter Action, sondern von der Frage herrührt, wie Reich die ungeuerliche Tat gelang und wie er sich der Demolition entzieht. Ohne Zweifel ein Meisterwerk.

|Originaltitel: The demolished man, 1951/53
Aus dem US-Englischen übertragen von Horst Pukallus|

Carroll, Jonathan – Pauline, umschwärmt

_Akte X mit Chaosfrauen_

Dieses Buch könnte durchaus von Stephen King stammen – wenn dieser sich um einen besseren Stil und interessantere Charakterisierung bemühen würde. So aber ist es ein Carroll geworden, mit dessen ureigener Stimme und einer Figur, die sein Markenzeichen geworden ist: die Chaos-Frau. Dies und ein spannender Mordfall, der aufzuklären ist, machen das Buch zu einem Mystery-Thriller erster Güte.

_Der Autor_

Jonathan Carroll wurde 1949 in New York City geboren. Sein Vater war Drehbuchautor, seine Mutter Schauspielerin. Seit knapp zwanzig Jahren lebt er in Wien und unterrichtet an der American International School. Als Amerikaner in Wien hat er die Mythen und Märchen dieses städtischen Mikrokosmos erkundet und für seine fantasievollen Werke genutzt. Er ist einer meiner Lieblingsschriftsteller.

Wichtige Werke:

Das Land des Lachens
Ein Kind am Himmel
Schlaf in den Flammen
Die Stimme unseres Schattens
Die panische Hand (Erzählungen)
Vor dem Hundemuseum
Fieberglas
A Marriage of Sticks
The Wooden Sea
The Bones of the Moon

_Handlung_

„Bienenkorb“ (beehive) ist der Spitzname von Pauline Ostrowa, einer zwanzigjährigen Frau, die in den Fünfzigern viel zu intelligent ist, um in dieser restriktiven Zeit in dem kleinen Nest Crane’s View überleben zu können. Der Erzähler, Sam Bayer, hatte damals, vor dreißig Jahren, Paulines Leiche aus dem Hudson River gezogen. Ein einschneidendes Erlebnis: der Tod der Meerjungfrau, das Ende der Kindheit.

Als er dreizig Jahre später zwar ein erfolgreicher Bestsellerautor ist, aber auch eine Schreibblockade hat, fällt es ihm ein, doch mal wieder in seinem alten Heimatstädtchen vorbeizuschauen, um auf andere Gedanken zu kommen. Er beschließt, ein Buch über Pauline Ostrowa zu schreiben. Wie sich herausstellt, ist dies ein lebensgefährliches Unterfangen. Denn es gibt ja auch einen Mörder: Erward Durant junior. Der ist zwar schon lange im Gefängnis gestorben, doch sein Vater, Durant senior, erweist sich als sehr interessiert an der Entstehung des Buches über Pauline: Er will seinen Sohn posthum entlasten, „erlösen“.

Sam Bayer erhält bei seinen Nachforschungen zwei Dinge: eine Freund in Form des Polizisten Frannie McCabe – und als Gefährtin die Chaos-Frau, die ihn glühend verehrt: Veronica Lake. Das ist zwar der Name einer Schauspielerin aus den Dreißigern, und sie ist ebenso blond, aber das macht nichts. Zuerst verliebt sich Sam rasend in sie, dann versucht sie die Regie beim Buchschreiben zu übernehmen, und das wird denn doch zu viel. Aber sie lässt nicht locker: Sie geht sogar so weit, seine Tochter Cassandra zu entführen, um wieder mit Sam sprechen zu können. Es kommt zu einem horrormäßigen Showdown in einer verlassenen Villa, die voller Erinnerungen an Pauline ist – die Parallelen zwischen Veronica und der Toten sind offensichtlich.

_Mein Eindruck_

Nach der Lektüre fühlte ich mich, als habe ich in der Haut von Sam Bayer gesteckt. Ich fühlte mich von Veronicas liebevoll-zudringlichem Verhalten bedroht, aber auch verfolgt von jenem Unbekannten, der wollte, dass das Buch fertig wird – und der auch vor Mord nicht zurückschreckt. Die schönsten Szenen wie die mit Sams Tochter oder Paulines Mutter sind unterlegt mit diesem unterschwelligen Horror, der schließlich in rasende Wut umzuschlagen droht.

„Kissing the Beehive“ macht die verhängnisvolle Situation klar, in der sich Pauline – und heute Veronica – befand. Beide schlafen zunächst mit vielen Männern, verlieben sich dann aber heftigst und scheitern an dieser Beziehung. Veronica findet ebenso den Tod wie Pauline. Hier liefert Carroll einen beißenden Kommentar auf den Zustand ab, in dem sich die männlich dominierte westliche Kultur befindet: Paranoia vor der starken Frau. „Wenn ein Mann mit vielen Frauen schläft, gilt er als toller Hengst. Wenn eine Frau mit vielen Männern schläft, gilt sie als Schlampe.“ Carroll bringt es auf den Punkt.

Begleitet von zahlreichen Personen- und Familienhintergründen, lässt Carroll auf nur 300 Seiten ein Panorama der letzten dreizig Jahre entstehen, das menschlich packender und interessanter kaum zu denken ist. Dass das Buch zu mindestens siebzig Prozent aus Dialog besteht, macht die Lektüre umso einfacher: Ich habe es in zwei Tagen gelesen. Doch die Einfachheit ist trügerisch: Zu leicht kann sich der Autor an schwierigen Fragen vorbeimogeln, ohne dass es der Leser merkt: Fragen zur Motivation, zur Handlungsfolge usw. Wer also zweifelt, sollte das Buch nochmals lesen.

|Originaltitel: Kissing the Beehive, 1998
Aus dem US-Englischen übertragen von Charlotte Breuer|

Morgan, Richard – Unsterblichkeitsprogramm, Das

Privatdetektiv Takeshi Kovacs kann sich über seinen neuen Auftrag nur freuen – hatte ihn der letzte ja eigentlich das Leben gekostet. Aber der Tod scheint inzwischen kein Problem mehr zu sein. Oder etwa doch? (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Richard Morgan wurde 1965 in Norwich, England, geboren. Er studierte Englisch und Geschichte in Cambridge und arbeitete etliche Jahre als Englischlehrer im Ausland, bevor er sich entschloss, seinen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller zu verdienen. „Das Unsterblichkeitsprogramm“ wurde auf Anhieb ein großer Erfolg und mit dem |Philip K. Dick Award| ausgezeichnet. Die Fortsetzung trägt den Titel „Gefallene Engel“ und wurde im Mai 2005 bei Heyne veröffentlicht. „Heiliger Zorn“ ist für Februar 2005 angekündigt. Morgan lebt heute in Glasgow, Schottland.

_Handlung_

Man schreibt inzwischen das 26. Jahrhundert, und die Erde hat ihre jungen Menschen in Langstreckenschiffen zu fernen Welten ausgesät, um dort Kolonien zu errichten. Takeshi Kovacs gehörte einer gut ausgebildeten Söldner- oder Marinesoldatentruppe an, die gehirnchemisch aufgerüstet ist und über besondere Fähigkeiten verfügt: die Envoys (Abgesandte). Bei einem Spezialauftrag, den er mit seiner Kollegin Sarah auf Harlans Welt ausführt, läuft die ganze Sache jedoch schief. Nachdem er mit ansehen musste, wie Sarah draufging, wird auch er ausgeknipst.

Das macht aber nichts. Weil alle Menschen mit Ausnahme der Katholiken ihre Identität in einem Stück Hardware, dem implantierten Stack (= Stapel), gespeichert haben, lässt sich diese Identität auch wieder transferieren – in einen Körper, der als Sleeve bezeichnet wird (von engl. „Sleeve“: Ärmel). Diese Sleeves lassen sich künstlich züchten, wenn man es sich leisten kann, oder recyceln.

Der neue Körper von Takeshi scheint recycelt zu sein: Er trägt eine Narbe unter dem Auge. Dieser Bursche muss schon einiges mitgemacht haben, und die Muckis, über die er verfügt, belegen, dass er sich seiner Haut wehren kann. Die Polizei nimmt Takeshi in Empfang. Lieutenant Kristin Ortega von der Kommission für „Organische Defekte“ – was man früher einmal Mord nannte – reagiert sehr emotional auf den neuen Sleeve. Takeshi erfährt erst viel später, dass dieser Sleeve einem gewissen Elias Ryker gehört hat, der Ortegas Lover war. Also bitte, wer würde der armen Ortega so etwas antun?

Nun, ein Mann wie Laurens Bancroft beispielsweise. Der über 350 Jahre alte Multimilliardär hat Takeshi von Harlans Welt angefordert und in diesen Sleeve stecken lassen. Unter Bedingungen, die Takeshi nicht ablehnen kann, hat er einen Neutralen angefordert, um Bancrofts Ermordung aufzuklären. Der Haken daran: Die Polizei behauptet felsenfest, dass Bancrofts letzter Tod Selbstmord war. Alle Indizien sprechen dafür, behauptet Ortega.

Doch mal von dem Wie ganz abgesehen, wer könnte ein Interesse daran haben, Bancroft auszuschalten? Leider ist die Zahl seiner Feinde Legion. Eine Spur führt zu einer Prostituierten aus dem Rotlichtbezirk und zu dem Klub „Jerrys Gästezimmer“, wo Takeshi eine Sexarbeiterin namens Louise kontaktiert. Leider ist diese bei seinem zweiten Besuch mausetot. Jemand hat offenbar etwas dagegen, dass Takeshi Informationen in dieser Sache erhält.

Dass Rumschnüffeln gefährlich sein kann, war Takeshi sattsam bekannt. Neu ist ihm, der bislang nur einmal gestorben, hingegen, dass der Tod zwar der Vergangenheit angehören mag, dass man aber auf sehr viele Arten sterben kann …

_Mein Eindruck_

Ich kann gut verstehen, warum dieser Detektivroman plus Hard-boiled-Thriller einen Preis nach dem anderen eingeheimst hat – und zudem für den deutschen Kurd-Laßwitz-Preis nominiert wurde. Die Handlung glänzt durch trickreiche und gut eingebettete Einfälle sowie einem Thriller entsprechende Action. Der Held geht buchstäblich über Leichen. Aber was heißt das schon, wenn die „Seele“ aus der Speichereinheit geholt und in einen neuen Körper gesteckt werden kann (auch wenn’s nicht immer der ursprüngliche ist). Also heißt die Kardinalfrage: „Tod, wo ist dein Stachel?“, um mal die Bibel zu zitieren. (Fragt mich bitte nicht nach Vers und Kapitel.) Und die nächste Frage, die sich daraus ergibt: „Was definiert man als Verbrechen?“

|Comme Blade Runner|

Takeshis Suche beinhaltet selbstverständlich, dass er sich wie einst der gut alte Blade Runner modernster elektronischer Hilfsmittel bedient. Es gibt in Ridley Scotts Film mehrere Szenen, in denen Harrison Ford die kleinsten Details in den Untersuchungsobjekten prüfen muss, um zu einer Entdeckung zu gelangen. Takeshi ist wesentlich weniger subtil: Ihm reicht eine Sammlung Artillerie (euphemistisch „Hardware“ genannt), ein oder zwei Killerviren sowie natürlich jede Menge Unverschämtheit im Umgang mit seinen „Klienten“. Anders als der Blade Runner ist sein primäres Ziel nicht die Eliminierung „lebensunwerten Lebens“, also der Replikanten, sondern die Suche nach dem Grund, warum ein „Methusalem“ (kurz „Meth“ genannt) sich selbst den Schädel wegblasen sollte.

Zunächst sieht alles relativ vertraut aus: Das vollautomatisierte Hotel heißt „Hendrix“ und zeigt holografisch einen Gitarrespieler (guess who!). Die Pornoschuppen sehen aus wie eine Peepshow aus den Achtzigern des 20. Jahrhunderts, und die Ringkämpfe auf verbotenen Schiffen erinnern an „Rollerball“.

|Körper wie Kleenex|

Doch dann kommt endlich das eigentliche Thema zum Tragen: die vollständige und geradezu lapidare Austauschbarkeit des Körpers. Meth Laurens Bancroft, der stets ein Menge Klone als Reserve bereithält, hat kein Problem, unsterblich zu werden. Doch er pflegt ein anrüchiges Hobby: die Befriedigung durch Prostituierte in den „Häusern“, also Nobel-Bordellen. Das exklusivste dieser „Häuser“ schwebt Takeshi die ganze Zeit vor der Nase, ohne dass es ihm auffällt. Klar, dass hier ein entscheidender Showdown stattfindet.

Dass Körpertausch, Prostitution und Verbrechen in engstem Zusammenhang stehen, dürfte klar sein. Takeshi selbst ist nur zwecks Verbrechensaufklärung in einen Körper heruntergeladen worden. So eine Strafe, wie sie ihm aufgebrummt wurde, kann also unter verschiedensten Bedingungen aufgehoben werden: beispielsweise zum Zwecke der Versklavung eines Menschen in der Prostitution. Sie geschieht es mitunter den Frauen in den „Häusern“, es kann aber auchTiere treffen … Als Takeshi endlich darauf stößt, was dort geschieht, dreht es ihm den Magen um.

|Detektiv mit Gewissen|

Aber kann sich ein Detektiv ein Gewissen leisten? An diesem Punkt wird die Vergangenheit Takeshis interessant. Er stammt von Harlans Welt, wo eine junge Freiheitskämpferin namens Quell eine Denkschule gegründet hat, wie es einst Che Guevara oder Mao taten. Als Takeshi die Nase voll von den Irreführungen und Bestechungsversuchen (Miriam Bancroft verführt ihn) hat, nimmt er sich Quells Maxime als Leitspruch zu Herzen: „Nimm es persönlich!“

Fortan tritt er so vielen „maßgeblichen Leuten“ und seinem Auftraggeber auf die Füße, dass er schon bald nicht nur in größte persönliche Gefahr gerät, sondern auch seinen Auftrag viel besser ausführen kann. Er hat fortan mit den Hintermännern zu tun. Und er verändert durch dieses rücksichtlose Vorgehen die Art und Weise, wie eine UN-Resolution zur Behandlung von Sleeves zustande kommt. Was aber für ihn wichtiger ist: Er kann dadurch endlich ein vergangenes Unrecht, das Bancroft begangen hat, wiedergutmachen. Und das ist ihm mehr wert als ein vorübergehend bewohnter Körper, der eh nicht sein eigener ist.

|Der gute Rächer|

Wir haben es also mit dem Archetyp des „guten Killers“ und Rächers zu tun, wie er aus zahllosen Western und Großstadt-Thrillern vertraut ist. Und daher entspricht die Figur Takeshis sowie der Aufbau des Plots auch all den anderen Klischees, die damit einhergehen. Wie Batman und Superman hat auch Takeshi einen speziellen Erzfeind, der zu seiner Nemesis wird: Kadmin. Er trägt sogar einen Comic-Namen: der Patchwork-Mann.

Die Spannung baut sich in fünf Teilen nach klassischem Muster auf. Jeder Buchteil führt zu einem Höhepunkt, im Guten wie im Schlechten. Doch stetig bringt jeder Zwischenhöhepunkt die Handlung voran. Denn natürlich ist das ursprüngliche Ziel noch nicht erreicht: Warum sollte sich Brancroft umbringen – oder hat jemand dabei nachgeholfen? Den entsprechenden Dunkelmann zu finden und zur Strecke zu bringen, erfordert allerdings einige Tricks – und ein handfestes, persönliches Zupacken Takeshis.

|Im Clinch mit Frauen|

Der Nahkampf ist sowieso sein Ding: Er ist nicht der Hackertyp, sondern verfügt über genug Muckis, um richtig hinzulangen, etwa in der Arena. Aber auch das Bett bleibt nicht ungenutzt. Rykers frühere Geliebte Kristin Ortega braucht zwar eine Weile, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass Takeshis Körper vertraut ist, dessen derzeitiger Bewohner jedoch nicht. Als sich das einrenkt, geht die Chose richtig los – mit einem amourösen Stelldichein auf einer Jacht. Was natürlich wiederum Takeshi erpressbar macht …

_Unterm Strich_

Trotz seines imposanten Umfangs ist „Das Unsterblichkeitsprogramm“ ein keineswegs abschreckender Zukunftsthriller, der sich ziemlich kurzweilig lesen lässt. Die Action ist spannend, vielseitig und nicht nur einmal reichlich ironisch. Aber dieser Humor ist so schwarz und trocken, dass er direkt aus den |Films noirs| der vierziger und fünfziger Jahre stammt („Der Big Sleep“, „Der Malteser Falke“ und viele mehr). Dort ist auch die Vorlage für den aufrechten, knallharten Detektiv zu finden, den Takeshi Kovacs darstellt. Die Übersetzung unterstützt diesen Eindruck ausgezeichnet.

Der Roman erweist sich als eine clevere, gut durchdachte Konstruktion, die so viele Erwartungen wie möglich erfüllt, dass den Juroren der Literaturwettbewerbe nichts anderes übrig bleibt, als ihn für die vorderen Plätze zu nominieren. Und im Fall des |Philip K. Dick Award| hat das ja auch geklappt. Wer mehr vom Gleichen haben möchte, der lese die drei SciFi-Thriller, die Peter F. Hamilton am Anfang seiner Autorenlaufbahn schrieb: „Die Spinne im Netz“, „Das Mord-Paradigma“ und „Die Nano-Blume“.

Aufgrund der fehlenden Originalität und der weitreichenden Visionen, wie ich sie etwa bei Dan Simmons („Ilium“, „Hyperion“, „Endymion“) gefunden habe, schießt der Roman aber knapp an einer Spitzenwertung vorüber.

|Originaltitel: Altered Carbon, 2002
Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Kempen|

Jennifer Fallon – Kind der Magie (Dämonenkind Band 1)

Seit vor ungefähr zweihundert Jahren das Volk der Harshini ausgemerzt wurde, herrscht in Medalon die Schwesternschaft des Schwertes. Die sogenannten Heiden, die trotz allem immer noch wagten, die alten Götter anzubeten, waren deshalb immer wieder erneuter Verfolgung ausgesetzt, denn Staatsreligion ist nun der Atheismus. In zweihundert Jahren ist es der Schwesterschaft gelungen, ein kleines, aber schlagkräftiges Heer aufzubauen: die Hüter, die aber hauptsächlich mit zeremoniellen Aufgaben oder mit Grenzscharmützeln im Süden beschäftigt sind, wo die benachbarten Hythrier ihnen regelmäßig das Vieh stehlen. Die Nordgrenze schützt ein Friedensvertrag, der noch aus einer Zeit stammt, als sowohl Medalon als auch das Nordreich Karien ziemlich am Boden lagen.

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Paglia, Camille – Vögel, Die. Der Filmklassiker von Alfred Hitchcock

Alfred Hitchcocks im Jahre 1962 entstandener Thriller „Die Vögel“ („The Birds“) gehört zu den unumstrittenen Klassikern der Filmgeschichte. Als solcher ist er schon oft und ausführlich untersucht und interpretiert worden. Deshalb ist es nicht einfach, noch neue Gesichtspunkte zu entdecken. Natürlich kann man es versuchen, und so lange noch viele der hinter der Kamera tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unter uns weilen, kann man sie befragen und dabei das eine oder andere bisher unbekannte Detail zu Tage fördern. Eine völlige Neubewertung dessen, was „Die Vögel“ zu einem anerkannten Meisterwerk macht, ist allerdings kaum mehr möglich.

Was geschieht, wenn man es dennoch versucht und dabei die gerade beschriebenen Grenzen um jeden Preis ignorieren möchte, belegt ebenso eindrucksvoll wie abschreckend das vorliegende Buch. Camille Paglia, Professorin für Klassische Literatur an der University of the Arts in Philadelphia (USA), forscht und lehrt über die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kultur. In zahlreichen Aufsätzen und Büchern ging sie diesem Thema sowohl streng wissenschaftlich als auch populär durch diverse Jahrhunderte und in seinen vielfältigen Aspekten nach. Besonderes Aufsehen erregte sie als gemäßigte „Anti-Feministin“, die sich mutig, entschieden und sachlich-kompetent gegen die Auswüchse einer angeblichen „sexual correctness“ ausspricht, die in den Vereinigten Staaten längst zu einem Rückfall in quasi-puritanische Zeiten geführt hat. Auch als Filmkritikerin ist sie bereits aufgetreten; sie hat sich beispielsweise im Online-Magazin „salon.com“ mit dem lesbischen Schauspielerinnen-(Ex-)Paar Elles DeGeneres und Anne Heche beschäftigt (und sich in ihrer Kolumne „Ask Camille“ auch zu Fragen wie „Is Anne Heche Another Vampirish Yoko Ono?“ geäußert …)

Beginnen wir mit dem Positiven: Paglia zeichnet die Entstehungsgeschichte von „Die Vögel“ knapp, aber minuziös nach. Dabei geht sie wohltuend über die stets gleichen, uralten Anekdoten hinaus, die seit Jahren besonders von der Presse nachgebetet werden, wenn die Sprache auf diesen Film kommt. (Tippi Hedren wird mit lebenden Vögeln beworfen, bis sie einen Nervenzusammenbruch erleidet – Hitchcock schenkt Hedren einen Sarg, in dem eine Puppe mit ihren Gesichtszügen liegt – Der liebeskranke Hitchcock verfolgt und bedrängt seine Hauptdarstellerin, usw. usf.) Zum ersten Mal erfährt man dank Paglia zum Beispiel Einzelheiten darüber, dass „Die Vögel“ nicht allein auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Daphne DuMaurier basiert. Hitchcock wurde mindestens ebenso stark inspiriert durch eine Invasion verwirrter Seevögel, die im August 1961 in ein kalifornisches Küstenstädtchen unweit seines eigenen Wohnortes eingefallen waren.

Auch Paglias Schilderung der enormen technischen Probleme, vor denen Hitchcock, seine Darsteller und seine Crew standen, weiß zu überzeugen. Dass die Detailversessenheit des Meisterregisseurs auf private Obsessionen und Ängste zurückgingen, ist allgemein bekannt, aber Paglia weiß dieses Bild durch einige interessante Anmerkungen abzurunden.

Die Probleme beginnen, sobald Paglia mit der Interpretation von „Die Vögel“ beginnt. Ihre Eingangsthese lautet: „In seinem technisch aufwendigsten Film … beschäftigt sich Alfred Hitchcock direkt mit dem Thema der Natur als einer zerstörerischen und räuberischen Kraft, das seiner Faszination für das Verbrechen schon immer zugrunde lag.“ (S. 7) Statt dem nun nachzugehen und zu bestätigen oder zu widerlegen, ignoriert Paglia ihre Theorie auf den folgenden einhundert Seiten. Stattdessen reitet sie ihr Lieblings-Steckenpferd und bemüht sich, Melanie Daniels, die weibliche Hauptfigur von „Die Vögel“, sowie Tippi Hedren, ihre Darstellerin, in ihren Positionen innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft um 1960 darzustellen. Dafür gibt es eine ganz Reihe von Ansatzpunkten, und viele der von Paglia gezogenen Schlüsse sind einleuchtend. Leider verrennt sie sich mindestens ebenso häufig in manchmal geradezu aberwitzige logische Sackgassen – und mehr als einmal brennt ihr eine Sicherung durch: „[Melanie] erreicht den Anlegesteg und wirft das mit einer Schlinge versehene Tau über den Pfahl, was in einem Hitchcock-Film … aussieht, als würde die Galgenschlinge wie ein Lasso über einen Penis geworfen.“ (S. 54) Das ist als blühender Blödsinn unmittelbar erkennbar und immerhin erheiternd. Erklären lässt sich auch Paglias fast zwanghaftes Bemühen, einen Argumentationsstrang um jeden Preis und solange zu zwirnen, bis sich ein Schlachtschiff daran vor Anker legen ließe. Ein gutes Beispiel ist Paglias schier endlose Liste von Vögeln und Vogelmotiven, die in Hitchcocks Filmen auftauchen. Hitchcock mochte diese Tiere nicht, das ist richtig, aber dennoch: Selbst bei ihm war ein Vogel manchmal nur ein Vogel – nicht mehr!

Doch Paglia ist wie gesagt primär nicht Filmkritikerin, sondern Wissenschaftlerin. Daher ist es ihr Bestreben, eine Feststellung durch möglichst viele Belege zu untermauern und abzusichern. Der anerkennenswerte Hang zur Genauigkeit verkehrt sich aber ins Groteske, wenn Paglia den Film buchstäblich Bild für Bild auseinander nimmt und dabei Zusammenhänge konstruiert, an die Hitchcock nicht einmal im Traum gedacht haben dürfte. Melanie Daniels’ Antlitz inspiriert von den olympischen Gesichtern auf dem klassisch griechischen Parthenon-Fries? Also bitte! Aber mit scheinbarem Gelehrtenwissen dieser Art füllt bei Paglia ganze Seiten, statt sich auf die simple Tatsache einzulassen, dass Alfred Hitchcocks Gedanken nicht einzig darum kreisten, in jeder Filmsekunde eine weitere sexuelle Anspielung einzubauen, sondern meist darum, einen möglichst spannenden Film zu drehen.

Weniger amüsant sind geistige Fehlzündungen dort, wo die Autorin es besser wissen müsste. Das Bestreben, sich prägnant, populär und damit auch für sachfremde Laien verständlich auszudrücken, in allen Ehren, doch Aussagen wie „Als sich die Nomaden vor zehntausend Jahren an festen Wohnsitzen niederließen, zähmten sie Tiere … zu dienstbaren Lebewesen. Aber gezähmt wurde auch der Nomadenmann, denn er fiel unter die durch den Hausbau verstärkte Kontrolle der Frau.“ sind in ihrer groben Vereinfachung wissenschaftlich schlichtweg unhaltbar. Solche Kristall-und-Sandelholz-Soziologie kennt man eher von den einschlägigen „Experten“ in TV-Diskussionsrunden – allerdings ist Camille Paglia genau dort ein oft und gern gesehener Gast. (Nebenbei bemerkt: Was hat ein Kapitel wie „Melanie Daniels’ Kalender“, S. 134/135, in diesem Buch verloren? Dies dürfte ursprünglich eine simple Liste gewesen sein, mit deren Hilfe Paglia sich den chronologischen Ablauf der Filmhandlung vor Augen führen wollte. Für den Leser ist dieser „Kalender“ dagegen völlig nutzlos.)

Camille Paglias Beschäftigung mit dem gewählten Thema ist wahrlich unkonventionell; das kann man ihr zugute halten. Der Versuch, neue Wege zu beschreiten und dabei zu scheitern, ist durchaus ehrenvoll. Auch aus Fehlschlägen lassen sich wertvolle Erkenntnisse gewinnen, und wer nicht wagt, der nicht gewinnt – Dieses Sprichwort besitzt auch in der Forschung seine Geltung! Doch Paglia ist bestenfalls ein Beispiel für ausgesprochene Betriebsblindheit. Sie scheint bereits vorab „gewusst“ zu haben, was sie eigentlich erst entwickeln und belegen sollte. So konnte sie „Die Vögel“ ideologisch problemlos in ihr Gesamtwerk und in ihr Weltbild einpassen – und dabei kommt sie so oft auf hanebüchene Abwege, dass man ihr trotz zahlreicher kluger Ideen bald nicht mehr folgen mag.

Leidlich versöhnt wird der Leser bei seiner Lektüre durch das spärliche, aber sorgfältig ausgesuchte und in guter Qualität wiedergegebene Bildmaterial, das sich nicht nur auf die obligatorischen Standfotos beschränkt, sondern auch den immer interessanten Blick hinter die Kulissen ermöglicht.

Beagle, Peter S. – Sonate des Einhorns, Die

_Unsentimentale Wunder_

Beagle ist als Autor von „Das letzte Einhorn“ (als Zeichentrick unsäglich kitschig verfilmt), „Das Volk der Lüfte“ und „The Innkeeper’s Song“ (dt. als „Es kamen drei Damen im Abendrot“) bekannt geworden. Er ist sicherlich einer der herausragenden Erzähler moderner Fantasy.

_Handlung_

Für die dreizehnjährige Josephine, genannt Joey, scheint es keinen schöneren Zufluchtsort zu geben als den Musikalienladen des alten John Papas, eines Griechen – bis sie eines Tages Indigo kennenlernt, einen Jungen, der auf einem wunderschönen Horn bezaubernde Melodien spielt. Das Horn gehört einem Einhorn. Heimlich folgt Joey ihm und seinen Melodien. Sie überschreitet dabei die unsichtbare Grenze zum magischen Land Sheil’rah.

Die geheimnisvolle Welt, die sich Joey dort unter der Führung des bocksbeinigen Satyrs Ko offenbart, steckt voller Wunder – und befindet sich in großer Gefahr: Eine Krankheit lässt die Einhörner, deren verzauberte Lieder die Seele des Landes sind, erblinden. Joey ist fest entschlossen, Sheil’rah zu retten. Doch dazu muss sie erst Indigos Geheimnis enträtseln. Und wie sich herausstellt, spielt Joeys mexikanische Großmutter eine bedeutende Rolle in der Rettung des sich bewegenden Einhornlandes.

_Fazit_

„Pure Magie!“, soll David Copperfield zu diesem Buch gesagt haben. Man möchte ihm nach der letzten Seite glatt beipflichten. Selten liest man eine solche bezaubernde Story, die doch von aller Sentimentalität frei ist. Vielmehr führt diese oberflächlich betrachtet als Abenteuergeschichte daherkommende Erzählung den Leser in dramatische Situationen, in denen die Gefühle und Einstellungen der Handelnden den Ausschlag geben. Und es ist insofern eine spannende Detektivgeschichte, als Joey herausfinden muss, wie sie den Einhörnern helfen kann. Viele von ihnen haben sich bereits in menschlicher Gestalt in Joeys Welt niedergelassen, um der Krankheit zu entgehen – Indigo hat es fest vor. Groß ist daher die Freude, wenn Joey ihr Vorhaben gelingt.

Beagle pflegt keinen überladenen Stil, wie so manche(r) seiner Kolleginnen und Kollegen. Nur mit dünnen Strichen zeichnet er die zwei Welten, zwischen denen Joey wandert. Nur mit wenigen Sätzen deutet er das Leid und die Not der Einhörner an, die Gefühle der Beteiligten. Umso größer ist das Vergnügen, wenn er ihre Freude im Spiel mit Joey schildert. Dies ist wirklich keine Symphonie, sondern – wieder Titel sagt – eine Sonate. Genau die Sonate, die Joey in ihrer eigenen Welt komponiert, um den Zauber der Einhörner wiederzugeben …

|Originaltitel: The Unicorn Sonata, 1996
Aus dem US-Englischen übertragen von Jörn Ingwersen|

Gregory Benford – Im Meer der Nacht (Contact-Zyklus, Band 1)

Schnark & Wächter: Blick in ein seltsames Universum

Anno 1997 registrieren die Astronomen auf dem Kleinplaneten Ikarus, den sie seit 1949 kennen, einen rätselhaften Gasausbruch, der ihn auf Kollisionskurs zur Erde bringt. Astronauten sollen ihn mit H-Bomben sprengen, um die Gefahr abzuwenden. Doch sie machen die Entdeckung, dass es sich um ein getarntes, automatisch gesteuertes Raumschiff handelt. Im Augenblick der Sprengung setzt es einen Hilferuf ab – an wen? 15 Jahre später taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf …

Der Autor

Gregory Benford, Jahrgang 1941, ist nicht nur einer der besten Science-Fiction-Autoren, sondern auch renommierter Physikprofessor und einflussreicher Berater der US-Regierung in Sachen Raumfahrt und Energieversorgung. Diese Tätigkeit hat ihm sicherlich wertvolle Erkenntnisse vermittelt, die er in Romanen wie „Eater“ und [„Das Rennen zum Mars“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1223 verarbeitet hat.

Benford forscht und lehrt noch heute an der Uni von Kalifornien in Irvine bei L.A. Sein wichtigster früher Roman war „Zeitschaft“. Darin stellte er erstmals überzeugend die wissenschaftliche Arbeit in der Physik dar (siehe meinen Bericht). Mit seinem sechsbändigen CONTACT-Zyklus, in dem eine Expedition die Tiefen des Alls erforscht, und dem in der nahen Zukunft angesiedelten Roman [„Cosm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?idbook=1224 hat er der naturwissenschaftlich ausgerichteten Science Fiction einen höheren Stellenwert verschafft, als ihr in den 70er und frühen 80er Jahren zugestanden wurde.

Der CONTACT-Zyklus:

1) Im Meer der Nacht (1977, dt. 1980 und 2000)
2) Durchs Meer der Sonnen (1984, dt. 1987 und 2000)
3) Himmelsfluss (1987, dt. 1994 und 2001)
4) Lichtgezeiten (1989, dt. 1994 und 2001)
5) Im Herzen der Galaxis (1994, dt. 2000)
6) In leuchtender Unendlichkeit (1995, dt. 2000)

Handlung

1949 wurde durch Walter Baade auf dem Mount-Palomar-Observatorium der Kleinplanet Ikarus entdeckt, der seine exzentrische Bahn zwischen Mars und Merkur zieht und sich der Erde bis auf 6,4 Millionen Kilometer nähern kann.

Im Jahr 1997 registrieren die Astronomen einen rätselhaften Gasausbruch auf dem Himmelskörper, der seine Bahn verändert und ihn auf Kollisionskurs mit der Erde bringt. Ein Astronautenteam wird hinausgeschickt, um ihn mit Wasserstoffbomben zu sprengen. Nigel und Len machen die sensationelle Entdeckung, dass es sich um ein getarntes, automatisches Raumschiff handelt. Nigel soll eine Wasserstoffbombe zünden, um das potenziell bedrohliche Schiff zu vernichten.

Doch Nigel zögert, die offensichtlich intelligent gebauten Artefakte zu zerstören, von denen die Menschheit lernen könnte. Als er durchschaut, dass ihn der Mann von der NASA anlügt, weigert er sich offen – und löst auf der Erde einen Sturm der Empörung aus. Doch Nigel hat Recht. Wenn Ikarus völlig hohl ist, können seine Bruchstücke entweder in der Erdatmosphäre verglühen oder beim Aufschlag kaum Schaden anrichten. Erst nachdem er alles Interessante mitgenommen hat, haut er ab und zündet Bombe.

Im Augenblick seiner Sprengung setzt das fremde Raumschiff einen Hilferuf ab, der gehört wird. Denn 15 Jahre später – Nigel arbeitet immer noch bei der NASA, aber jetzt in Pasadena am JPL – taucht ein Robotspäher im Sonnensystem auf. Der Engländer Nigel Walmsley, der mit Lewis Carrolls Nonsensgedichten aufgewachsen ist, nennt ihn den Schnark. Aus den Bewegungsmustern leitet er ab, dass der Späher erst sämtliche Planeten absucht und sich erst danach auf die Erde konzentriert. Schließlich kommen von dort jede Menge Radiowellen. Aber wie können Schnark und Erde kommunizieren?

Die NASA bildet ein sogenanntes Exekutivkomitee, das von einem Mann namens Evers geleitet wird und dem auch Nigels Boss Lubkin angehört. Nigel, der seit der Ikarus-Sache weltberühmt ist, darf immerhin beraten. Er ist durch die tödlich verlaufende Krankheit seiner Geliebten Alexandria schwer abgelenkt. Um die Kranke besser überwachen und ihr im Notfall sofort helfen zu können, trägt er ein Kontrollgerät, das per Funk mit Alexandrias eigenem Diagnosegerät verbunden ist.

Als er merkt, dass die Leute um Evers nicht vorhaben, mit dem Schnark Kontakt aufzunehmen, stellt er ihn selbst her. Es kommt zu einer Krise. Der Schnark sendet Daten, die über Nigels Kontrollgerät an Alexandrias Gerät weitergeleitet werden. Da aber Alexandria in diesem Augenblick – von dem Nigel noch nichts ahnt – bereits klinisch tot ist, übernimmt der Schnark den „unbewohnten“ Körper. Wie durch ein Wunder erwacht Alexandria wieder zum Leben. Ihre Religionsbrüder von den allgegenwärtigen „Neuen Jüngern“ sind entzückt und präsentieren sie als Prophetin. Nigel lehnt dies ab, kann aber nichts unternehmen. Aber es gibt ihm gegenüber Evers eine gute Entschuldigung für seine Insubordination.

Evers bittet ihn als den versiertesten Astronauten, den Schnark auf dem Mond persönlich zu treffen. Doch es ist eine von den Militärs um Evers fein ausgetüftelte Falle, um den Robotspäher zu vernichten. Dem Schnark fällt es leicht, die erste Atomrakete unschädlich zu machen und mit Nigel zu kommunizieren. Doch als eine zweite Atomrakete abgefeuert wird, muss auch das Schiff des Spähers verschwinden. Er entkommt in die Tiefen des Alls. Nigel kann Evers bloßstellen und sich selbst retten. Allerdings nicht vor einem kleinen Souvenir, das der Schnark zurückgelassen hat …

2018 entdeckt die Mondforscher Nikka im Marginis-Krater das Wrack eines Fremdraumschiffs. Sie überlebt um Haaresbreite, denn das automatisch gesteuerte Raumschiff verteidigt sich wirkungsvoll. Untersuchungen ergeben, dass es mindestens eine halbe Million Jahre alt sein muss. Nachdem sie die Verteidigungsanlagen umgangen haben, untersucht Nigel zusammen mit Nikka die Datenbanken dieses Schiffes. Der Einfluss der „Neuen Jünger“ im Forschungsteam und auf der Erde ist inzwischen massiv. Nigel wird daran gehindert, seine Funde zu veröffentlichen. Wieder handelt er auf eigene Faust und sendet sie mit Hilfe seiner Geliebten Nikka. Doch da macht sich die Computeranlage des Schiffes selbständig und nimmt Kontakt mit Nigels Gehirn auf. Er verändert sich …

Mein Eindruck

„Im Meer der Nacht“ ist das Vorspiel zur Kontaktaufnahme mit einem Universum, in dem ein beständiges Ringen zwischen organischem und anorganischem Leben bzw. den entsprechenden Lebensformen stattfindet. Und es sieht so aus, als behielten selbstreproduzierende Maschinenwesen, die Mechanos aus dem Sternbild Adler, die Oberhand. Aber das Raumschiff auf dem Mond gehört einer Wächterrasse an, die das organische Leben im Universum vor den Mechanos schützen will und zukunftsträchtigen Spezies zu höherer Intelligenz verhilft.

Gefahren

Das CONTACT-Universum ist kein leeres und erst recht kein freundliches Universum, das auf die Eroberung durch den Menschen wartet. Vielmehr sieht sich die Erdexpedition im zweiten Band schon bald in höchster Lebensgefahr. Die Abenteuer sind von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus gesehen stets spannend und geben dem Leser auch in philosophischer Hinsicht eine Reihe bemerkenswerter Einsichten.

Da Benford Physiker ist, habe ich erwartet, dass er wissenschaftliche Kenntnisse bei der Leserschaft voraussetzt, um physikalisches Wissen in seiner Erzählung anbringen zu können. Damit hatte ich überhaupt kein Problem, zumal uns viele der Konzepte, die er präsentiert, mittlerweile völlig geläufig sind: Datenbanken, Funkübertragung, die Mensch-Maschine-Schnittstelle und vieles mehr. Schließlich wurde der Roman in Etappen zwischen 1972, als Clarkes schöner Roman „Rendezvous mit Rama“ erschien, und 1977 geschrieben. (Dies erklärt auch die harten Brüche zwischen den Buchteilen.)

Liebesgeschichten

Ich erwartete, dass der Schwerpunkt der Handlung weniger auf Romanze und Abenteuer läge als vielmehr auf den technischen Abläufen und dem kognitiven Neuland, das sich dem Menschen durch den (vorerst vermasselten) Erstkontakt erschließt. Aber der Anfang des Romans ist eine wunderbare und traurige Liebesgeschichte zwischen Nigel, Alexandria und ihrer beider Geliebten Shirley. In diesem ersten Drittel verändert sich Nigel von einem neutralen Rädchen im Getriebe zu einem aufmüpfigen Burschen, der selbständig handelt. Und zwar ausdrücklich auch gegen die Befehle seiner sogenannten Vorgesetzten. Sie hintergehen ihn nämlich regelmäßig.

Auch im letzten Drittel des Romans erlebt Nigel eine wunderbare Liebe, denn Nikka ist ein sehr kluge und mutige Japanerin, die ihm gegen die religiös verbrämten Verwaltungsaffen hilft. Mit ihr gelangt er zu bahnbrechenden Erkenntnissen, die er aus den Daten des Raumschiffwracks bezieht. Demzufolge haben die Wächter vor mindestens einer halben Million Jahren versucht, Hominiden zu Intelligenz zu verhelfen. Die Wächter wurden von den Mechanos abgeschossen. Die letzten Hominiden sind in Oregon anzutreffen. Sie sind als Sasquatch oder Bigfoot bekannt (es gibt sogar einen Amateurfilm davon). Nigels Freund Mr. Ichino macht mit ihnen nähere Bekanntschaft.

Experimentell

Die letzten Seiten, die von den Szenen in Oregon erzählen, stellen den traditionellen Erzählstil einem völlig andersartigen gegenüber. In diesem experimentellen Still sind alten Einheiten von Subjekt und Objekt aufgehoben. Dies entspricht nun Nigels Weltsicht und -empfinden. Das Lesen ist zwar mühselig, aber die Anstrengung lohnt sich, um herauszufinden, wie Nigel nun „tickt“. Ich fand dies eine unvertraute, aber keine unangenehme Erfahrung, im Gegenteil.

Unterm Strich

An manchen Stellen im ersten Drittel fragte ich mich, ob dies überhaupt ein Science-Fiction-Roman sei. Er ist nur im letzten Drittel mit Clarkes oben erwähntem Roman „Rendezvous mit Rama“ zu vergleichen. Am Anfang scheint Benford ein Gesellschaftsporträt im Sinn gehabt zu haben. Das erweist sich erst im späteren Verlauf als sinnvoll, denn nur so wird deutlich, welche wichtige Rolle die Neuen Jünger auf der Erde für Politik und Wissenschaft spielen. Heute würde man vielleicht Kreationisten oder Fundamentalisten zu ihnen sagen.

Die Konstruktion des Romans ist noch sehr uneben, mit harten Brüchen zwischen manchen Teilen. Der Leser muss eben die fehlenden Übergänge selbst leisten. Die späteren Buchteile sind wesentlich besser geschrieben als die ersten, die dafür mehr Spontaneität und Unmittelbarkeit an den Tag legen. Aber anders als in „Zeitschaft“ konzentriert sich der Autor selten auf den Wissenschaftsbetrieb, denn Nigel Walmsley ist ja in erster Linie Astronaut, also Ausführender. Erst im letzten Teil spielt er die Rolle des Wissenschaftlers, der eine Botschaft weiterzugeben hat. Die Botschaft, so erfahren wir allmählich, hat ihn bereits massiv, aber zum Guten hin verändert. Es ist klar, dass er auch in der Fortsetzung eine wichtige Rolle zu spielen haben wird.

Ich fand den Roman spannend, denn ich wurde mit immer neuen Rätseln konfrontiert, die mich neugierig machten. Ihre Lösung führt stets zu Konflikt und Konfrontation innerhalb der Handlung, aber zu einem Informationssprung für mich. Der größte solche Sprung erfolgt im Epilog, denn hier erst fallen die vielen verschiedenen Puzzlesteine an ihren Platz. Man sollte also unbedingt bis zum Schluss durchhalten. Es lohnt sich.

Taschenbuch: 382 Seiten
Originaltitel: In the Ocean of Night, 1972-77
Besprochene Auflage: Juni 2000
Aus dem US-Englischen übertragen von Gerd Hallenberger, das Interview von Denis Scheck
Illustriert von Giuseppe Festino

Rice, Anne – Blackwood Farm

Band neun der nun schon Jahrzehnte umspannenden „Chronik der Vampire“ von Anne Rice halte ich in den Händen. Bereits 2002 in Amerika erschienen und nun auch endlich auf Deutsch erhältlich, wird „Blackwood Farm“ im Klappentext als „einer der besten Romane von Anne Rice“ gepriesen. Anne Rices florierende Buchproduktion ließ in den letzten Jahren qualitativ stark zu wünschen übrig – ewig das Gleiche, war man als Leser versucht zu denken. Da lassen die Vorschusslorbeeren für „Blackwood Farm“ zumindest aufhorchen. Frisch und faszinierend sei das Buch, was den langjährigen Fan ihrer Romane hoffen lässt, da die letzten Teile ihrer Reihe, [„Merrick“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=59 und „Blut und Gold“, an Spannung und Handlung kaum etwas vorzuweisen hatten.

Wer jetzt aber davon ausgeht, dass Anne Rice in ihrem neuesten Werk auf alte Tugenden zurückgreift, der liegt falsch. Weder wird ergründet, wie sich die Ereignisse aus „Merrick“ auf Louis ausgewirkt haben, noch ist unser aller liebster Vampir Lestat der Protagonist der Geschichte. Er kommt marginal in der Rahmenhandlung vor, darf sich väterlich geben und scheint auf seine alten Jahre gutmütig und leutselig geworden zu sein.

Denn eigentlich hatte er New Orleans zu seinem Gebiet erklärt und angedroht, Vampire, die sich dorthin trauen, gnadenlos zu vernichten. Quinn Blackwood, seines Zeichens frischgebackener Untoter, wagt es trotzdem. Für ihn ist Lestat nämlich so etwas wie der Guru der Vampire, was dazu führt, dass er bei ihrer ersten Begegnung ein ziemlich nervtötendes Fanverhalten an den Tag legt. Er hat alle Bücher Lestats gelesen und weiß über die Geschichte der Entstehung der Vampire bestens Bescheid. Der erste Vampir soll nämlich entstanden sein, als ein blutdurstiger Geist in die tödlichen Wunden eines ägyptischen Herrscherpaares eingedrungen war. Das stellt Quinn vor ein gefährliches Problem: Seit frühester Jugend nämlich begleitet ihn ein Doppelgänger in Form des Geistes Goblin. Seit Quinn zum Vampir geworden ist, hat sich auch Goblin verändert. Nachdem Quinn seinen Durst gestillt hat, wird er mit schöner Regelmäßigkeit von Goblin attackiert, der sich seinen Anteil der Blutmahlzeit abholt. Von Mal zu Mal erscheint Goblin stärker und Quinn plagen nun Ängste, ob sich durch Goblin eine neue Rasse von Vampiren entwickeln könnte.

Also wendet er sich an jemanden, der sich damit auskennt: Lestat soll ihm helfen, Goblin zu vernichten, um so eine Gefahr für Mensch und Vampir zu vermeiden. Doch anstatt Quinn zu vernichten, wie Lestat angekündigt hatte, nimmt er ihn unter seine Fittiche, führt mit ihm bedeutungsschwangere Gespräche, freundet sich mit dessen hochbetagter Tante Queen an und gesteht Quinn schlussendlich ziemlich abrupt seine Liebe.

Um Lestat nun genau zu erklären, was es mit diesem Geist auf sich hat, holt Quinn reichlich weit aus, klärt Lestat (und den Leser) zunächst über die komplette Familiengeschichte der Blackwoods auf und ergeht sich dann über mehrere hundert Seiten darin, sein junges Leben Revue passieren zu lassen.

Aufgewachsen ist Klein-Quinn als Einzelkind zwischen lauter Erwachsenen. Diese machten sich also zunächst keine Gedanken über den dazugehörigen Geist Goblin, da sie annahmen, es handle sich um einen eingebildeten Freund. Als steinreicher Erbe von Blackwood Farm entwickelt sich Quinn bald zu einem exzentrischen, egomanischen und geradezu unerträglich naiven jungen Mann. Mehrere Lehrer werden verschlissen, um ihm eine humanistische Bildung angedeihen zu lassen, die obligatorische Grand Tour durch Europa folgt, als er 18 Jahre alt ist und ebenfalls in diesem Alter entbrennt seine Liebe zur kleinen Mona Mayfair, obwohl er einen Tag zuvor noch davon überzeugt war, schwul zu sein. Ganz in der Tradition verklärter Romanzen, packt Quinn seine Liebeserklärungen in schwülstige Worte, versichert immer wieder, Mona heiraten zu wollen und verschwendet nun keine Gedanken mehr an Homosexualität (denn vorher hat er auch schon mal mit Geist Goblin unter der Dusche heiße Sexspielchen getrieben).

Eine gewisse Dynamik kommt in die Geschichte, als Quinn anfängt, das Familiengeheimnis um Sugar Devil Island aufzudecken, auf dem ein altes Haus steht, das offenbar immer noch bewohnt ist. Bei all seinen Besuchen findet er gelesene Taschenbücher vor, Asche im Ofen und – O Wunder! – eine goldgefasste Gruft. Der erfahrene Anne-Rice-Leser weiß nun, was Quinn erst noch schmerzlich erfahren muss; denn natürlich handelt es sich bei dem geheimnisvollen Bewohner des Eilands um einen Vampir.

Die Bewohnerin der Einsiedelei, Petronia – eine Figur ganz nach dem Riceschen Ideal eines Vampirs -, findet Gefallen am jungen Blackwood und fängt an, ihn zu bedrohen und mit ihm zu spielen. Der Ausgang der Geschichte ist klar – Quinn endet als Vampir.

Nach Quinns ausführlicher Biographie werden die letzten fünfzig Seiten noch darauf verwendet, das Geheimnis um seinen Geist zu lösen, diesen unschädlich zu machen und Mona von ihrer geheimnisvollen Krankheit zu heilen. Wo Anne Rice in Quinns Biographie weit ausgeholt und jedes Detail geradezu obsessiv beschrieben hat, wird die eigentlich viel spannendere Rahmenhandlung um Lestat, Quinn und den Geist wie eine unliebsame Aufgabe auf einer Mindestanzahl von Seiten abgehandelt.

„Blood refreshed for Rice“ (Denver Post) oder „a completely fresh story“ (Booklist) tönte die Fachpresse vor der Veröffentlichung in den USA. Und tatsächlich liest sich „Blackwood Farm“ aus verschiedenen Gründen unterhaltsamer als die zwei Vorgänger. Wenn Rice in „Merrick“ noch unerreichbare Dschungellandschaften beschrieb und in „Blut und Gold“ ins alte Rom eintauchte, so sieht sie in ihrem neuesten Roman ein, dass sie nur über ihr Bekanntes auch überzeugend schreiben kann. Die Darstellungen von New Orleans und vor allem dem magischen Blackwood Farm, das nicht nur ein Hort für Geister, sondern auch ein Symbol für Dinge wie Heimat, Geborgenheit und Familie ist, sind so bildlich, dass man sich als Leser förmlich in die Landschaft der Sümpfe um New Orleans versetzt fühlt. Dieses Talent lässt sichtbar nach, wenn sie sich aus dem Umkreis von New Orleans entfernt. Schon Reisen nach New York oder gar nach Italien wirken ungefähr so lebendig wie die Beschreibungen aus einem Reiseführer.

Ein weiterer Vorteil ist ihre Entscheidung, die Geschichte komplett in der Gegenwart anzusiedeln. So werden die Geschehnisse um Quinn Blackwood für den Leser erfahrbarer und es ergibt sich die Möglichkeit, Charaktere aus ihren beiden großen Serien, nämlich der „Chronik der Vampire“ und den „Mayfair“-Romanen miteinander zu verknüpfen. Wirkte dieser Versuch eines Crossovers in „Merrick“ bemüht und wenig durch die Geschichte determiniert, so erscheint es hier nur logisch, beide Familien zusammenzuführen und in einem Roman zu verweben.

Allerdings erreicht „Blackwood Farm“ lange nicht die Qualität ihrer ersten Bücher, vor allem [„Interview mit einem Vampir“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=68 und „Der Fürst der Finsternis“. In den letzten Jahren darauf verfallen, nur noch Vampir-Biographien zu verfassen, verfährt sie auch hier wie gehabt nach Schema F: Man nehme eine kurze Rahmenhandlung, setze zwei Vampire an einen Tisch und bringe einen von ihnen dazu, seine gesamte Lebensgeschichte zu rekurrieren. Vampir Nummer zwei ist zum Schweigen verurteilt, bis auf den höchstens letzten fünfzig Seiten die Rahmenhandlung wieder aufgegriffen und fix zu einem Ende gebracht wird. Noch zu beachten ist dabei, dass aufeinander folgende Bücher in keinem Fall aneinander anknüpfen dürfen. In dem Sinne bietet auch „Blackwood Farm“ nichts Neues und besonders beim erfahrenen Rice-Leser setzen daher bald Ermüdungserscheinungen ein.

Auch Quinn Blackwood wird dem Durchschnittsleser kaum nahe zu bringen sein. Seine anerzogene Exzentrik, seine Annahme, mit Geld alles lösen zu können und sein schwülstig-naiver Versuch, das Leben zu meistern, stoßen bestenfalls auf Unverständnis. Zwar möchte man ihm von Zeit zu Zeit über den Kopf streichen und ihm einen guten Rat geben, jedoch wird man den Gedanken nicht los, dass ein beherzter Tritt in den Allerwertesten ihm vielleicht einen besseren Dienst erweisen würde. Er passt damit genau in das Muster eines Charakters nach Riceschem Vorbild, da sie es offensichtlich mag, mit plakativen Stereotypen zu arbeiten. So sind ihre Helden reich und schön, und zwar so reich und schön, dass es außerhalb jeder Realität liegt. Quinn wirft mit dem Geld nur so um sich und hat mal ganz nebenbei mehrere Tausend Dollar in der sprichwörtlichen Zuckerdose liegen. Zwar mag Quinns sorgloser Umgang mit Geld beim Leser ein kurzes „hach, wenn ich nur so viel Geld hätte“, hervorrufen, doch auf lange Sicht ist sein dekadenter Lebensstil ein echtes Manko des Romans.

Somit krankt Anne Rice letztes Buch weiterhin an ihrem festgefahrenen Schreibschema und an der Tatsache, dass in früheren Büchern begonnene Handlungsstränge einfach nicht weitergeführt werden. Fans der Mayfair-Chroniken dagegen werden sich freuen, Rowan und Mona Mayfair sowie Michael Curry wiederzutreffen. Sogar Juliens Geist hat einen Auftritt und trinkt mit Quinn Kakao.

Doch „Blackwood Farm“ ist dennoch ein unterhaltsames Lesevergnügen – oder zumindest eines der besseren Rice-Bücher der letzten Jahre, vor allem durch die große Anzahl neuer, unverbrauchter Charaktere, die der eingefahrenen Riceschen Buchproduktion neuen Pepp verleihen. Und obwohl außerdem Charaktere aus ihren beiden großen Romanreihen fast unkommentiert eingeführt werden, sollte die Lektüre auch für Neueinsteiger gut zu bewältigen sein. Das plötzliche Auftauchen einiger Mayfairs macht höchstens neugierig auf die dazugehörigen Romane, einem Verständnis der Gesamthandlung wirken sie aber nicht entgegen. Nicht zuletzt ist „Blackwood Farm“ ein groß angelegter Schmöker – die fast 700 Seiten dürften selbst schnelle Leser für eine Weile beschäftigen.

Der neue große Coup ist Anne Rice nicht gelungen. Weiterhin sind ihre ersten Romane auch ihre stärksten und es scheint, sie werde ihrer Vampire langsam müde. Und so wurde 2004 auch das momentan letzte Buch aus der Reihe veröffentlicht, nämlich „Blood Canticle“ (in Deutschland noch nicht erschienen). Die Vampirchroniken werden also geschlossen und man darf gespannt sein, welchem Thema sich Anne Rice als nächstes zuwenden wird.

http://www.annerice.com/

Ariost, Ludovico / Koppelmann, Leonhard / Obexer, Margareth – Orlando Furioso

Europa im frühen 9. Jahrhundert. Kaiser Karl der Große und seine Paladine kämpfen gegen Sarazenen und Spanier (!). Paris wird belagert. Abenteuer und Ritteromantik bestimmen die Szenerie. Ludovico Ariostos „Orlando Furioso“ (dt. „Der rasende Roland“), zu beginn des 16. Jahrhunderts geschrieben, gehört laut Verlag zu den einflussreichsten Werken der Weltliteratur. Kaum ein Epos war so bildmächtig und schuf so viel Neues aus der Verbindung von historisch Verbürgtem und Fabulierlust. „Der Herr der Ringe“ wäre ohne Ariosto nicht möglich gewesen. (Verlagsinfo)

Diese letzte Behauptung ist natürlich völliger Käse. Prof. Tolkien schöpfte seine Mythen aus nordischen Quellen: aus den isländischen Eddas, dem „Beowulf“- und dem „Kalevala“-Epos. Man lese dazu auch die Tolkien-Biographien von Tom Shippey und Humphrey Carpenter. Allegorien wie im „Orlando Furioso“ lehnte er zudem rundweg ab. Solche Behauptungen kann auch bloß eine ahnungslose Marketingabteilung aufstellen, in der Hoffnung, die ebenso ahnungslosen Massen würden ihr glauben. Da hat sie sich aber geschnitten.

_Der Autor_

Ludovico Ariosto lebte von 1474 bis 1533. Er verfasste in den Jahren 1505 bis 1516 sein Versepos in 40 Gesängen, denen 1521 weitere sechs Gesänge folgten, „zur Belustigung und Erholung der Herrschaften und edelgesinnter Leute und Damen“. Konzipiert als Fortsetzung des hochgeschätzten „Orlando Innamorato“ (1486) von Matteo Maria Boiardo, widmete Ariost seine Gesänge dem mächtigen Kardinal Ippolito d’Este, für den er von 1503 bis 1517 arbeitete, als Preislied auf die Geschichte des prunkvollen Ferrareser Fürstengeschlechts.

Daher führt das Schicksal der Figuren Ruggiero und der Ritterin Bradamante zur Gründung des Hauses d’Este, wohingegen die Hauptfigur Orlando – nach zahllosen Ruhmestaten – in Einsamkeit endet, alldieweil seine Herzensdame Angelica von Cathay (= China) ihn nicht erhört.

Weitere Werke Ariostos:

Die Kastenkomödie (1508, dt. 1909)
Die Untergeschobenen (1509)
Der Nekromant (1520, dt. 1909)
Satiren (1525)
Lena, die Kupplerin (1529, dt. 1909)
Der rasende Roland (letzte Fassung, 1532)

Ariostos Dichtungen, wie etwa antikisierende Oden, Eklogen und Elegien, aber auch Lieder und Sonette, wurden ca. 1546 veröffentlicht. Die Potentaten setzten seine „Satiren“ 1534 und 1583 auf den Index. Die erste deutsche Übersetzung wurde von 1631 bis 1636 veröffentlicht, eine moderne Übersetzung erschien 1980.

_Die Inszenierung_

Der bekannte Regisseur Leonhard Koppelmann hat das Hörspiel für den Westdeutschen Rundfunk eingerichtet und Regie geführt. Die Übertragung des italienischen Originals in Deutsche und dessen Hörspielbearbeitung besorgte Margareth Obexer. Die Kompositionen, Lieder sowie die sinfonische Musik steuerte Detlev Glanert bei, ein Schüler von Hans-Werner Henze. Ausführliche Angaben zu diesen drei Kreativen sind im ausgezeichneten 12-seitigen Booklet ebenso zu finden wie die Liste der wichtigsten Sprechrollen.

_Handlung_

Das Hörspiel umfasst in seinen fünf Teilen nur sechs der 46 Gesänge des Epos. Pro CD ist ein Teil des Epos aufgenommen worden. Insgesamt handelt es sich um folgende fünf Teile …

Teil 1: Die Prophezeiung am Orakel von Merlin
Teil 2: Orca der Mörderwal und der Fluch von Ebuda
Teil 3: Sturm der Sarazenen
Teil 4: Orlandos Wahnsinn und Astolfos Reise zum Mond
Teil 5: Der Ruhm des Hauses d’Este

Die Erzählsituation ist am Anfang des 16. Jahrhunderts zu lokalisieren (siehe oben unter „Autor“). Der Maure ist, hurra!, aus Spanien vertrieben – Granada fiel 1492, dem gleichen Jahr, in dem ein gewisser Cristoforo Colón aus Genua die Neue Welt entdeckte, die er zunächst für Indien hielt. In Paris herrscht der vortreffliche Kaiser Karl V. über das Hl. Römische Reich Deutscher Nation, kann aber solche Rebellen wie Martin Luther auch nicht verhindern.

Der Barde (Ariost) am Hofe des Kardinal Ippolito d’Este fühlt sich in diesen glorreichen Zeiten an die Epoche vor ziemlich genau 700 Jahren erinnert, als ein anderer Kaiser Karl herrschte – der Große nämlich. Und hol’s der Teufel, aber der Sarazene machte auch damals schon mächtig Schwierigkeiten, denn König Agramante fiel von Spanien aus in Südfrankreich ein. Und Carolus Magnus war natürlich auf die Tüchtigkeit seiner Paladine angewiesen, unter denen wir auf einen gewissen Rinaldo stoßen.

Dieser Orlando hat jedoch zu seines Königs Verdruss ganz andere Dinge im Sinne als die elenden Sarazenen. Ihn verlangt mit aller Macht nach Lady Angelica von Cathay, der schönsten der Schönen, und er ist jederzeit bereit, sich um ihre Gunst zu schlagen. Das kann er auch zur Genüge tun, so etwa gegen den Ritter Ferragú von Paris. Die Hand Angelicas wird Orlando außerdem von Ritter Rinaldo streitig gemacht. Wem sie gehören soll, soll ein Wettbewerb entscheiden, bei dessen Ausgang dem Mutigeren die Dame zugesprochen werden soll. (Was die Lady davon hält, interessiert offenbar nicht.)

Weil aber Rinaldo so pflichtvergessen war, schickt ihn sein Dienstherr nach England, um Hilfe zu holen gegen Agramante. Auf dem Weg dorthin verschlägt’s den Ritter jedoch an fremden Strand, und bei den freundlichen Mönchen, die den Schiffbrüchigen aufnehmen, hört er von einem weiteren schönen Frauenzimmer, dessen Ehre es zu retten gilt. Vergessen sind Dienstherr und Pflicht; wo es um die Ehre und Leben von Damen geht, darf sich ein braver Ritter wie Rinaldo von nichts abhalten lassen …

|Unterdessen …|

Rinaldo hat in Bradamante eine tapfere Schwester, die als Gräfin von Marseille und weiblicher Ritter (!) eigentlich ebenfalls gegen den anrückenden Sarazenen ziehen sollte. Doch auch sie ist in Liebesnöten und höchst pflichtvergessen. Ihr Herz gehört Ritter Ruggiero, der allerdings für ihren Feind Agramante kämpft. Bradamante und Ruggiero sind jedoch sehr wichtig für die Zukunft Italiens, wie ihr das Orakel Merlins prophezeit, denn daraus entsteht unter anderem das ruhmreiche Haus d’Este, dessen vortrefflichem Kardinal Ippolito der Barde vorzutragen die Ehre hat.

In ihrem ersten Abenteuer gilt es, den in einem Kampf gefangenen Ruggiero und seine Freunde aus dem erzenen Schloss des Zauberers Atlante zu befreien, der auf einem Hippogryph (siehe „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“) durch die Lüfte reitet bzw. fliegt. Er streckt seine Feinde mit einem Schild nieder, dessen Strahlkraft sie lähmt, als wäre es der Blick eines Basilisken.

Doch Bradamante erfährt von einem Gegenmittel, nämlich Angelicas Zauberring, den ein Ritter namens Brunell geraubt und verloren hat. Sobald Bradamante in den Besitz dieses Ringes gelangt ist, vermag sie den Zauberer zu überwinden und ihren Ruggiero samt Freunde zu befreien. Doch der Liebste reitet auf jenem elenden Hippogryph davon, dem er schon bald auf Gedeih und Verderben ausgeliefert ist, weil er das Mischwesen aus Vogel Greif und Pferd nicht zu beherrschen vermag. Auf zum nächsten Abenteuer!

|Der Rahmen|

Der große Rahmen der Rahmen ist wegen dieser zahlreichen Einschübe leicht zu übersehen. Der Glaubenskampf zwischen Agramantes Muslimen und Karls Christen findet um das belagerte Paris statt, aber auch im südfranzösischen Arles und auf der sizilianischen Insel Lampedusa, wo – besonders wegen der Heldenhaftigkeit Orlandos – die muslimischen Truppen die entscheidende Niederlage erhalten.

_Die Inszenierung_

Bevor ich meinen Gesamteindruck zusammenfasse, ist es angebracht, die durchaus eigentümlichen Darstellungsformen dieser Inszenierung zu würdigen.

|Die Sprechrollen|

Anders als etwa in einem Hörbuch gibt es hier nicht einen zentralen Vortragenden, sondern verschiedene Erzähler auf scheinbar unterschiedlichen Zeitebenen. Da hören wir einen Schriftsteller – Ariost (Friedhelm Ptok) – mit seiner Feder einen Text zu Pergament oder Papier bringen.

Ein Erzähler am Hofe (Jens Wawrczeck) ergänzt seine Einlassungen, und ein Kriegsberichterstatter (Friedhelm Brebeck) nimmt uns zu den Brennpunkten der Action mit. Plötzlich und unvermittelt hören wir einen Kommentator wie bei einem Fußballspiel, der über einen Kampf oder eine Heldentat berichtet. Der Sound ist so verzerrt, als stamme er aus einem Funkgerät- oder Radiolautsprecher. Dementsprechend schlecht ist der enthusiastisch gesprochene Text zu verstehen. (Nein, dies ist nicht „Das Wunder von Bern“!)

Diese Erzähler werden abgelöst von einer Übersetzerin (Sascha Icks), die mit Diktaphon und PC-Tastatur hantiert. Da sie sowohl Italienisch rezitiert als auch Deutsch spricht, liegt die Vermutung nahe (ohne einen Blick ins Booklet), dass es sich um eine Übersetzerin handelt.

|Gesang|

Noch weniger zu verstehen als der Kriegsberichterstatter sind hingegen die hin und wieder eingestreuten Lieder, die von diversen Rittern und Maiden, gesungen von einem Countertenor, zu Gehör gebracht werden. Als einzige Begleitung dient eine von Axel Wolf meisterlich gespielte Konzertgitarre (das kann ich beurteilen, weil ich dieses Instrument selbst spiele). Der Inhalt der „Arien“: Da klagt beispielsweise der betrügerische Ritter Pinabell von Mainz um seine Herzallerliebste, die ihm der Magier der Festung Atlante auf einem Hippogryph entführt habe. Die Tonlage des Countertenors (hier: Yosemeh Adjai) befindet sich zwischen weiblichen und männlichen Stimmen, ist aber kein Falsett. Die Stimmlage gehört auf androgyne Weise beiden Geschlechtern. Bei anderer Gelegenheit ertönt ein „Gesang der Geister“, der ebenso wenig zu verstehen ist.

|Die Musik|

Das Beste in all diesem Sammelsurium an Formen ist jedoch die sinfonische Musik von Detlev Glanert. Sie genügt allen Kriterien für diese Gattung. So angenehm sie in manchen Momenten erklingen mag, so modern ist sie aber auch. Es kommen ungewöhnliche Instrumentkombinationen vor, die an Igor Strawinskys „Pulcinella-Suite“ erinnern und wohl nicht jedermanns Sache sein dürften. Der Booklet-Artikel über die Musik weist darauf hin, dass die Orchesterstücke mehrheitlich auf einer Messe von Heinrich Isaac basieren, der ein Zeitgenosse Ariostos war und von 1450 bis 1517 lebte.

Am Ende der ersten CD verlustiert sich diese Musik volle fünf Minuten lang, und ich habe mich gefragt, wann das Epos wohl weitergeht. Na, auf der nächsten CD natürlich. Die Einteilung in die sechs Gesänge bzw. fünf Teile wird ziemlich streng eingehalten (siehe oben unter „Handlung“).

_Mein Eindruck_

Es wäre ein Irrtum zu glauben, der Autor sei ein frommer Christ gewesen, der unbedingt Karls Ritter siegen lassen wolle, um so die Überlegenheit seines Glaubens zu demonstrieren und zu bekräftigen. Nein, Ariosto war ein Humanist und als solcher der Wiederentdeckung und -belebung der antiken Literatur verpflichtet. (Kein ungefährliche Haltung, denn nach Savonarolas Predigten Ende des 15. Jahrhunderts setzte eine Anti-Renaissance-Bewegung seitens der Kirche ein.)

|Antike Vorbilder|

Schon der Titel ist ein abgewandeltes Zitat von Senecas Tragödie „Der rasende Kerkules“ aus dem Jahr 65 n. Chr., und die einleitenden Worte des Epos zitieren Vergils Epos „Aeneis“, das die Gründung der Stadt Rom durch Flüchtlinge aus dem besiegten Troja besingt. Auch die Metamorphosen Ovids werden aufgegriffen, als Ruggiero auf den in einen Myrtenbaum verwandelten Astolfo trifft, den die Hexe Alcina, eine Gestalt wie die Kirke aus der „Odyssee“, verzaubert hat. Catull („Lieder“), Lukian (Mondfahrt) und Apuleius (das satirische Märchen „Der goldene Esel“) finden Wiederverwendung.

|Höfische Konventionen|

Das Epos diene „dem Vergnügen und der Enspannung der höfischen Damen und Herren“, schrieb der Autor 1528, als er die Druckerlaubnis beantragte (nicht jeder Hinz und Kunz durfte veröffentlichen!). Damit die edlen Herrschaften nicht vergrault wurden, hatte der Autor entsprechende Konventionen einzuhalten, nämlich die der Ritterepen und des höfischen Romans (in Deutschland gepflegt von 1150 bis ca. 1300) mit seinem genau festgelegten Liebes- und Ritterideal. Daher kommen nur Adelige und ein paar Geistliche, Bauern aber überhaupt nicht vor. Die scheinbare Einhaltung dieser Vorgaben hatte den Vorteil, dass sie die Verwendung der schief angesehenen antiken Vorlagen kaschierte. Für den Autor war es eine Gratwanderung, und dass seine 1525 veröffentlichten „Satiren“ 1534, nur ein Jahr nach seinem Tod, auf dem Index landeten, zeigt, wie schmal der Grat war.

Die deutsche höfische Dichtung zeigte Ritter im Zwiespalt zwischen Gott und Welt, Weltentsagung und Weltverfallenheit, zwischen Minne zur Dame des Herzens und der Pflicht, seinem Oberherrn im Krieg zu dienen. Erst Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ (1200-1210) zeigte einen Kompromiss auf. Doch 300 Jahre später interessierten die Damen und Herren in Ferrara solche Zwiespalten herzlich wenig, denn sie wollen vor allem vergnüglich unterhalten werden. Deshalb wird „Der rasende Roland“ in erster Linie als Parodie auf den klassischen Ritterroman angesehen. Diese Theorie hat einiges für sich.

|Nicht besonders höfische Zustände|

Die Lage ist verworren: Christliche Ritter wie Brunell und Gradass kämpfen auf Seiten des Muslimen Agramante gegen Kaiser Karl. Orlando und Rinaldo verstricken sich nicht in Kämpfe, sondern vielmehr in die Machenschaften, die Magier wie Atlante oder Hexen wie Alcina gestellt haben. Diese Figuren verkörpern Untugenden, so viel ist klar. Alcina ist die Verkörperung der niederen Lust, die sich in eine junge Frau verwandelt hat, um ihr wahres, hohes Alter zu verbergen. Ruggiero verfällt ihr wie einst Odysseus der Nymphe Kalypso.

Der Magier Atlante hingegen verkörpert Materialismus und Egozentrik, denen nur durch den Zauberring Angelicas, der Verkörperung reiner, unschuldiger Liebe beizukommen ist. Dieser Trick funktioniert auch bei Alcina. Kaum dreht Ruggiero den Ring, erkennt er die Wahrheit hinter dem Lustschloss Alcina und macht sich sogleich vom Acker. Allerdings diesmal nicht auf dem unbeherrschbaren Hippogryph, sondern auf seinem eigenen braven Klepper.

|Eine Parodie|

Die Theorie des Literaturhistorikers Francesco de Sanctis (1817-83) geht noch einen Schritt weiter. Er behauptet, dass die scheinbare Zusammenhanglosigkeit des „Orlando Furioso“ die einzig mögliche formale Gestaltung der Anliegen Ariosts gewesen sei. Der Autor schildere nicht mehr den strahlenden christlichen Helden à la Artus oder Lanzelot, noch den edlen höfischen Ritter (s. o.), der sich spezifischen „objektiven“ Werten verpflichtet fühlt: Ehre, Treue, Zucht, Pflicht usw. Sein parodierendes Epos beschreibe vielmehr Ritter, die nur mehr durch Wahnvorstellung und ein rein individualistisches Liebessehnen (das Orlando in den Wahnsinn treibt, da Angelica seine Liebe nicht erwidert), durch Materialismus und Egozentrik (s. Atlante-Episode) charakterisiert seien. Der „Orlando“ sei das literarische Zeugnis einer untergegangenen Kulturepoche. Diese These hat einiges für sich. Ariosto betrachte aus eigener Anschauung – er war Gouverneur einer Provinz sowie Diplomat – den Stand des adligen Politikers bereits als korrupt und setzt ihm das Ideal des humanistisch gebildeten Literaten gegenüber.

|Edle Damen, mehr oder weniger|

So schlecht die männlichen Ritter auch wegkommen, so gut stehen doch die meisten weiblichen Figuren da. Von der sinnlichen Kalypso-artigen Alcina mal abgesehen, spielen doch viele Damen eine positive Rolle. Allen voran überstrahlt die aktive Ritterin Bradamante von Marseille alle anderen Frauen. Bis sie ihren wankelmütigen und charakterschwachen Ritter Ruggiero bekommt, muss sie sich allerdings gewaltig anstrengen.

Prinzessin Angelica hingegen ist ein hoffnungsloser Fall. Die reine unschuldige Liebe ist zu kalt, als dass sie Orlandos Liebessehnsucht erwidern könnte und macht ihn so erst zum „rasenden“ Roland. Melissa hingegen ist ein gute Fee, die Bradamante hilft und ihr – als Merlins Orakel – die Zukunft vorhersagt, welche in der Gründung des Hauses d’Este besteht. Noch viele andere Damen gibt es, die gerettet – oder verführt – werden wollen, doch diese kurze Aufzählung soll erst einmal reichen. Unterschwellig stellt der Autor die Klischees und Vorurteile hinsichtlich der Stellung von Frau und Mann zur Debatte.

|Soap Opera|

Diese Episoden tragen sowieso zunächst zur Verwirrung bei: Welche Dame muss gerade vor wem mit welchen Mitteln durch wen gerettet werden? Welcher Ritter sitzt gerade in der Patsche und muss von einer Dame um welchen Preis gerettet werden? Dabei sind die bösen Mächte oftmals konkret als Fantasieprodukte gestaltet: als Hexe, als Magier, als Meeresgott Proteus, als dessen „Mordwal“ Orca und vieles mehr. Einhörner kommen ebenso vor wie Hippogryphen und viele andere Fabelwesen. Man wundert sich, mit welcher inneren Charakterstärke die Adeligen überhaupt überleben. Die Autorin des Booklets behauptet, es sei „die unzerstörbare Kraft der Liebe“. Wie romantisch.

Viel auffälliger ist eigentlich die durch Ariosts Anspruch (s.o.) begründete Episodenstruktur des Epos: Er will vergnüglich unterhalten, und das so lange wie nur irgend möglich. Folglich stopft er in den sehr dehnbaren Rahmen des Krieges zwischen Muslimen und Christen alle möglichen Episoden zwischen Männlein und Weiblein, Monstern und Zauberern hinein, bis ein Zusammenhang unkenntlich und nur das Vergnügen am Augenblick wichtig geworden ist. Dann bestimmt das Gesetz der Serie den Fortgang der Handlung: Liebende dürfen sich – wie etwa in „Spiderman“ und anderen Heldensagen – niemals bekommen, denn dann wäre die Spannung weg und die Serie zu Ende. So wie in „Sex and the City“ darf das Glück nie vollkommen sein – die Soap Opera muss bzw. darf weitergehen.

|Mein Hörerlebnis|

Die Inszenierung durch den renommierten Regisseur Leonhard Koppelmann unternimmt den Versuch, das Epos aus dem 16. Jahrhundert herauszureißen und für das 21. Jahrhundert irgendwie relevant zu machen. Ist es nun eine Illustration für den Angriff der Islamisten auf westliche Bollwerke des „christlichen“ Kapitalismus oder Imperialismus? Leider erweist es sich für diesen Zweck als wenig tauglich, denn die dafür nötige Rahmenhandlung ist denkbar unwichtig. Von Bedeutung sind vor allem die zahlreichen Abenteuer, die die Hauptfiguren erleben. Dass die Christen am Schluss obsiegen, ist reichlich sekundär und bedient lediglich Erwartungen der Zeitgenossen des Autors.

Dennoch hat man sich mit den auf modern getrimmten Formen der Darstellung auseinanderzusetzen: kratzende Schreibfedern, alte Lieder, sinfonische Musik à la Strawinsky – das geht ja noch, doch dann kommen Radiokommentatoren, Diktafone und tippende Übersetzerinnen vor. Wenigstens wurde der Bereich des Fernsehens ausgespart. Das hätte gerade noch gefehlt.

Die diversen Darstellungsmittel könnten ein harmonisches Ganzes ergeben, das durchaus interessant wäre, wenn sie nicht mitunter dazu beitrügen, dass Text unverständlich wird. Verzerrende Lautsprecher und Diktafone sowie in höchsten Tönen jodelnde Sänger verhindern eher die Rezeption des Textes, als sie zu fördern. Wenn der Text nicht zu verstehen ist, wozu dann noch weiterhören? Es wäre ja zu verschmerzen, wenn diese Elemente lediglich verzierende Schnörkel wären, aber nein: Sie erzählen vom Fortgang der Handlung. Unverstanden hinterlassen sie also ein Loch im Zusammenhang des Inhalts. Ich habe mich sehr darüber geärgert und das Anhören des Hörspiels nach der Hälfte der zweiten CD frustriert abgebrochen. Eine Besserung der besagten Malaise war nämlich nirgendwo in Sicht- und Hörweite. Ich kann nur hoffen, dass es anderen Hörern besser ergeht.

_Unterm Strich_

Die Bedeutung des „Orlando Furioso“ für die abendländische Dichtung bis hin zu Torquato Tasso, Goethe und Italo Calvino ist unbestritten und sollte nicht unterschätzt werden. Das Buch an sich ist ziemlich kurzweilig, denn ein Abenteuer jagt das andere, und die Liebenden bekommen einander erst ganz am Schluss (wobei die Titelfigur leider leer ausgeht, der arme Kerl). Für Fantasyfreunde gibt es ein fröhliches Wiedersehen mit etliche Gestalten, die einem schon diversen „Harry Potter“-Romanen vertraut sein dürften: mit Hippogryphen und dergleichen.

Aber die Welt der moralischen Verstrickungen führt die Herren Ritter und die Damen allzu oft in amouröse Nöte. Da fällt Ritter Ruggiero der Zauberin Alcina zum Opfer, die ihn auch gleich vernascht. Dort gerät die edle Prinzessin Angelica in die Klauen eines notgeilen Eremiten, dem dann leider sein wichtigstes Werkzeug den Dienst versagt, um sie vergewaltigen zu können. Liebe macht also nicht nur eine Menge Verdruss, sondern jede Menge Not und Anlass zu Ehrenhändel.

Dass Ritter Rinaldo vorkommt, hat er nämlich nur dem notwendigen Wettstreit mit Orlando zu verdanken: Beide streiten um Angelica, und derjenige soll ihre Hand erhalten, der sich als der Mutigere erweist. Über solchen Machismo ist Ritterin Bradamante erhaben, wie es scheint: Für ihren Ruggiero geht sie durch dick und dünn – mit entsprechendem Liebeslohn: Sie gründet das Haus d’Este. Die Zuhörer Ariostos werden’s mit Freuden vernommen haben.

|Das Hörspiel|

So unterhaltsam das Buch ist, so anstrengend und frustrierend war für mich seine Umsetzung als Hörspiel des Westdeutschen Rundfunks. Mit unglaublichem, doch keineswegs beeindruckendem Aufwand gestaltet, hat es doch vor allem zu meiner steigenden Verärgerung beigetragen. Es ist ja nicht so, dass ich unbedingt einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Episoden verlangen würde, um mich gut unterhalten zu fühlen. (Aber schön wäre es schon gewesen.)

Es war auch nicht die Unübersichtlichkeit der Episoden, in denen es vor Personal nur so wimmelt, das dann nie wieder auftaucht. Was mich viel mehr verärgerte, waren die Löcher im Erzähltext, die durch unverständliche Elemente verursacht wurden: extrem hoch vorgetragene Lieder, verzerrt wiedergegebene Berichte des Kriegsberichterstatters usw. Einen ähnlich frustrierenden Eindruck hatte ich übrigens auch von Koppelmanns Hörspiel-Inszenierung von Ken Folletts Roman „Die Säulen der Erde“. Mann, war ich froh, als davon endlich die tolle Lesung von Joachim Kerzel zu haben war!

Mein Tipp daher: Das „Orlando“-Hörspiel meiden, das Buch hervorkramen.

|Originaltitel: Orlando Furioso, 1505-21 sowie letzte Fassung 1532
360 Minuten auf 5 CDs|

Clive Barker – Galileo

Die Geschicke der Familien Barbarossa und Geary sind seit jeher miteinander verknüpft; die geheimnisvollen = übernatürlichen Wurzeln sind beinahe in Vergessenheit geraten, doch die Verbindung setzt sich konfliktreich in der Gegenwart fort … – Clive Barker verzichtet auf harten Horror und erzählt stattdessen eine (leicht fantasylastige) Romanze, die vor allem durch ihre Länge in Erinnerung bleibt, während die Handlung recht ereignis- und spannungsarm vorüberplätschert: Lektüre für hartgesottene Romantiker.
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