Ein Buch taucht auf, das es eigentlich nicht geben dürfte. Als Hazel Linden im Jahr 1960, mittlerweile Mitarbeiterin in einem Antiquariat für seltene Bücher, eine handsignierte Erstausgabe von „Flüsterwald und der Fluss der Sterne“ in den Händen hält, erkennt sie darin unweigerlich jene Fantasiewelt wieder, die sie einst als Kind ersonnen und von der sie niemandem – niemandem außer ihrer kleinen Schwester Flora – je erzählt hatte. Flora, die 1940 spurlos verschwand und deren Verbleib bis heute ungeklärt ist.
Zwanzig Jahre zuvor, im September 1939, werden die beiden Schwestern zusammen mit Hazels gesamter Schulklasse und rund 800.000 anderen Kindern aus London und weiteren britischen Großstädten im Rahmen eines groß angelegten Regierungsprogramms von ihrer Mutter getrennt und in vermeintlich sicherere Gebiete Englands umgesiedelt – ein Programm, das den zwiespältigen Namen „Operation Rattenfänger“ trägt: Genau wie einst der Rattenfänger von Hameln die Kinder aus der Stadt herausführte, sollte auch diese Operation die Kinder aus den gefährdeten Großstädten fortlocken, diesmal jedoch zu ihrem Schutz vor den erwarteten deutschen Bombenangriffen, nicht zu ihrem Verderben.
Wie sehr dieser Schutzgedanke jedoch von reinem Zufall abhing, zeigt sich am Schicksal der beiden Schwestern im Vergleich zu dem ihrer besten Freundin Kelty Monroe: Während Hazel und Flora von einer alleinerziehenden Mutter und deren Sohn Harry in einem Cottage nahe Oxford liebevoll aufgenommen werden und dort, behütet zwischen Dorf, Wald und Fluss, eine beinahe märchenhafte Kindheit erleben dürfen, hat Kelty dieses Glück nicht: Bei einer alten Frau untergebracht, wird sie als Arbeitskraft ausgenutzt und derart schlecht versorgt, dass sie eines Nachts ganz allein den Weg zurück nach London antritt – und so, mit bitterer Ironie, ausgerechnet jene Bombardierung miterlebt, vor der man sie durch die Evakuierung eigentlich hatte bewahren wollen. An Keltys Geschichte lässt sich genau jener Zwiespalt ablesen, der der „Operation Rattenfänger“ bis heute anhaftet: Sie rettete unzählige Kinder vor den Bomben, überließ sie jedoch, fernab jeder elterlichen Aufsicht, einer neuen und ebenso realen Form von Leid.
Es ist diese Gleichzeitigkeit von Geborgenheit und Angst, aus der heraus Hazel für ihre jüngere Schwester Flüsterwald erschafft: eine imaginäre Zufluchtswelt, erreichbar durch geheime Türen – nicht unähnlich jener, durch die auch C.S. Lewis‘ Pevensie-Geschwister nach Narnia gelangen. Als Flora 1940 verschwindet, begräbt Hazel jede Erinnerung an Flüsterwald, als wolle sie sich selbst für einen einzigen Moment der Unachtsamkeit beim Beschützen der jüngeren Schwester bestrafen – und hofft doch zugleich, trotz aller Unwahrscheinlichkeit, dass es der damals Fünfjährigen irgendwie gelungen sein könnte, sich in ihre damals so real erschienene, alternative Realität zu retten. Wie sonst ließe sich erklären, dass zwanzig Jahre später jenes Buch auftaucht mit einer Geschichte, die nur sie beide kannten.
Im Jahr 1960 muss Hazel sich somit einer Vergangenheit stellen, die mit der Wiederverheiratung ihrer Mutter und der gleichzeitigen Gründung einer neuen Familie, zu der sich Hazel nie zugehörig gefühlt hat, sowie der baldigen Aussicht auf eine eigene Heirat mit ihrem Lebensgefährten Barnaby eigentlich abgeschlossen schien. Was ihr selbst lange verborgen blieb, tritt nun in aller Deutlichkeit hervor: Der Beziehung zu Barnaby fehlt jene Magie der ersten Liebe, die einst, unbemerkt und unbenannt, zwischen ihr und Harry entstanden war – dem Sohn jener Familie, die sie und Flora aufgenommen hatte. Erst im Rückblick erkennt Hazel, was ihr als Kind noch nicht bewusst war: dass es sich bei jener Verbundenheit bereits um Verliebtheit gehandelt hatte. Barnaby trägt Hazels Ringen um eine Erklärung für Floras Verschwinden zwar bis zu einem gewissen Grad mit, doch im Verlauf des Romans wird immer deutlicher, dass er weder ihren Glauben an die Möglichkeit, dass Flora noch lebt, versteht, noch ahnt, dass die eigentliche Konkurrenz um Hazels Herz nicht in der Gegenwart, sondern in der Vergangenheit liegt.
Verschärft wird diese Gemengelage durch eine hartnäckige Reporterin, die Hazel um ein Interview zu den „Flusskindern“ bittet – so ging die Geschichte der beiden Schwestern 1940 in die britische Presse ein. Was als journalistisches Interesse an einem alten Fall beginnt, entwickelt sich zu einer Konfrontation, der Hazel nicht ausweichen kann – und die sie zwingt, sich ihren heimlichen Schuldgefühlen zu stellen und herauszufinden, was an diesem Nachmittag am Fluss wirklich geschehen ist.
Callahan Henry rückt in einem lyrisch eindringlichen Stil das Schicksal von über 800.000 englischen Kindern in den Fokus, die im Rahmen der Evakuierungsmaßnahmen wegen des Zweiten Weltkrieges umgesiedelt wurden und deren Leid bereits in Vergessenheit zu geraten scheint. Oxfordshire wirkt dabei schon selbst fast wie ein märchenhafter, mystischer Ort, in den der Krieg nur durch das Radio, die geflüsterten Worte, welche die Mutter der Mädchen und ihre Pflegemutter im Dunkeln austauschen, wenn sie die Kinder schon schlafend glauben, und die verletzten Soldaten, die zur Genesung in ein Camp auf der anderen Seite des Flusses geschickt werden, dringt. Demgegenüber stehen die zerbombten Straßen Londons, wo halb eingestürzte Häuser ihr Innenleben freilegen wie die zerfetzten Körper der Soldaten. Der beschreibende Stil trägt also wesentlich dazu bei, dass man als Leser alles sehr bildlich vor Augen hat. Dennoch wird es auch manchmal zu viel einer etwas schwülstigen Metaphorik, wenn zum Beispiel die Pflegemutter Bridie der erwachsenen Hazel auf den Weg gibt: „Nun, meine Liebe, nur Harry kann die Fragen beantworten, die du an ihn hast. Manchmal […] müssen wir uns unseren Drachen stellen.“ Wobei Dämonen statt Drachen an dieser Stelle sogar angebrachter gewesen wäre und den inneren Zustand Hazels treffender beschrieben hätte.
Nach der Auflösung des Rätsels um das Verschwinden von Flora Lea werden alle Handlungsstränge bis zu deren Happy End auf noch einmal über 70 Seiten bis ins letzte Detail auserzählt, als hätte man als Leser nicht genug Fantasie, um die ohnehin sorgfältig komponierten, von den Kriegserfahrungen beeinflussten Beziehungen zwischen Haupt- und Nebenpersonen auch ohne die Hilfe des Erzählers zu verstehen. Dadurch wirkt der Schluss unnötig in die Länge gezogen und man darf sich auch fragen, ob wirklich die Konflikte aller Personen in einem Happy End aufgelöst werden müssen.
So bleibt „Das geheime Buch der Flora Lea“ ein Roman, der genau dort am stärksten ist, wo er sich zurückhält – im leisen Kontrast zwischen Oxfordshire und London, im unausgesprochenen Zwiespalt der „Operation Rattenfänger“, in der über Jahrzehnte verschwiegenen Liebe zwischen Hazel und Harry. Und er wird genau dort am schwächsten, wo er dieser eigenen Zurückhaltung misstraut: in der gelegentlich überladenen Metaphorik und vor allem in einem Schluss, der lieber alles erklärt, als seinen Lesern die Fantasie zuzutrauen, die er ihnen zuvor über weite Strecken so eindrücklich zugemutet hat. Wer sich an dieser Auserzähltheit nicht stört und sich stattdessen der poetischen Sprache und der berührenden historischen Kulisse hingeben möchte, wird dennoch belohnt – mit einem Buch, das noch lange nachhallt, auch wenn man sich am Ende gewünscht hätte, es hätte dem eigenen Echo mehr vertraut.
Paperback: 416 Seiten
ISBN 13: 978-3985853182
Adrian & Wimmelbuchverlag
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