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Richard Panek – Das Auge Gottes. Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit

Panek Auge Gottes Cover 2004 kleinDas Teleskop sorgte ab 1609 nicht nur für den Blick in die Ferne, sondern setzte auch eine durch Wissen untermauerte und nicht mehr einzudämmernde Entwicklung in Gang, die ein durch die Religion verkrustetes Weltbild durch wissenschaftliche Realität ersetzte … – Dieser dramatische Prozess wird ebenso knapp wie kundig von einem Wissenschaftsjournalisten geschildert. Das scheinbar trockene Thema wird zu einem lebendigen Panorama realer Geschichte: ein Sachbuch mit Vorbildcharakter!

Kleines Rohr mit großer Wirkung

Früher war zwar keineswegs alles besser. Trotzdem ging es in jenen Momenten, in denen Weltgeschichte geschrieben wurde, ein wenig geruhsamer zu. In einer zwar kalten aber klaren Novembernacht des Jahres 1609 war es keine atomspaltende Hightech-Höllenmaschine, die das Universum aus den Angeln hob, sondern eine scheinbar simple Röhre aus Metall, in der zwei Stückchen Glas steckten. Nachdem man diese durch sorgfältiges Schleifen in Linsenform gebracht und in einem gewissen Abstand voneinander innerhalb besagter Röhre befestigt hatte, war ein Instrument entstanden, für das sich alsbald die Bezeichnung „Teleskop“ einbürgerte. „Fern-Sehen” im buchstäblichen Sinne war es, das dem Menschen plötzlich möglich wurde – der Blick auf weit Entferntes, das bisher verborgen und Objekt der Spekulation und des Rätselratens geblieben war.

Dabei galt es zu unterscheiden zwischen dem ‚gewöhnlichen‘ Fernrohr und dem Teleskop. Während ersteres in der Seefahrt oder im Krieg als nützliches Werkzeug sogleich begeistert angenommen und eingesetzt wurde, erschloss sich der Sinn des Teleskops lange Zeit nur einem kleinen Kreis wissenschaftlich interessierter und ausgebildeter Spezialisten. So stark vergrößerten nämlich schon die ersten Teleskope, dass sie für den einfachen Blick in die irdische Nachbarschaft eigentlich unbrauchbar waren. Da der Mensch von Natur neugierig bzw. an seiner Umwelt interessiert ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Forscher auf den Gedanken kam, sein Teleskop gen Himmel zu richten.

Auf einen Schlag wurde alles anders. Seit vielen Jahrtausenden beschäftigt sich der Mensch mit den seltsamen Lichtern, die er besonders des Nachts hoch droben am Firmament stehen sieht. Weil er schon immer Ungewissheit hasst und das Spekulieren liebt, bemüht er sich sehr jeher, den Himmel in sein Weltbild zu integrieren. Im christlichen Abendland der frühen Neuzeit war man zufrieden mit dem, was man schon seit der Antike ‚wusste‘: Das Universum war die von Gott als Höhepunkt der Schöpfung geschaffene Erde im und als Zentrum, umkreist von der Sonne, dem Mond und vielen Sternen, von denen man nur wusste, dass sie offenbar klein, kalt und weit entfernt ihre Bahnen zogen und des Nachts dem Reisenden zur Orientierung dienen konnten. So hatte der HERR es eingerichtet, so stand es in der Bibel vermerkt. Kirche, Könige & wer sonst das Sagen hatte auf Erden, war damit zufrieden und achtete darauf, dass diese Welt geozentrisch blieb. Dem Skeptiker musste genügen, dass sich das Establishment inzwischen immerhin dazu bequemt hatte, die Kugelgestalt der Erde als Tatsache anzunehmen.

Jenseits beruhigend überschaubarer Grenzen

Buchstäblich über Nacht war es vorbei mit dem Frieden. Zwar hatte Galileo Galilei (1564-1642), Naturwissenschaftler in der italienischen Universitätsstadt Padua, das Teleskop nicht erfunden. Auch war er nicht der Erste, der damit den Himmel betrachtete. Aber er gehörte zu jenen raren Menschen, denen es in die Wiege gelegt wird, Grenzen zu sprengen und hinter die Kulissen zu blicken. In der eingangs erwähnten Novembernacht schaute deshalb ein Mensch in die Sterne, der nicht nur das Teleskop unter Berücksichtigung bisher wenig bekannter physikalischer Prinzipien entscheidend verbessert hatte, der nicht nur sah und staunte, sondern begriff, was sich in unglaublicher Ferne abspielte. Er war der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit. In kürzester Zeit entdeckte, erkannte und beschrieb Galilei neue und fremde Welten, schied Planeten von Sternen, identifizierte Monde und begriff die Milchstraße als Ansammlung unendlich vieler Sterne.

Immer neue Sterne fanden Galilei und jene, die es ihm in der nächtlichen Himmelsbeobachtung nachtaten. Das alte Weltbild stürzte ein, als die Erde als Planet und die Sonne als Stern unter Sternen erkannt wurde. Die Einmaligkeit des geozentrischen Sonnensystems konnte nicht länger gehalten werden. Die neuen Erkenntnisse ließen sich nicht in Einklang mit dem biblischen Weltbild bringen. Das war fatal für die Forscher einer Zeit, in der Naturwissenschaftler immer auch Philosophen waren, die ihr Wissen als Teil der von Gott gegebenen Weltordnung betrachteten. Auch Galilei war kein Rebell im Namen der Wissenschaft. Lange Zeit bemühte er sich, seine Beobachtungen ins Gebäude der traditionellen Lehre zu integrieren. Allerdings war dies irgendwann einfach nicht mehr möglich: Was Galilei sah, sprach eine andere Sprache als das, was er zu sehen erwartete und auch sehen sollte. Dies war endgültig der Startschuss zur wissenschaftlichen Revolution, in der er wider Willen eine so prominente Rolle einnehmen würde.

Wissen ist Macht. Kein Wunder, dass es die Diktatoren und selbst ernannten Führer der Geschichte stets sorgfältig unter Verschluss ge- und dem Volk vorenthalten haben. Das Teleskop hat das politische und geistliche Establishment jedoch schlicht überrascht. Es schien nur eine Spielerei zu sein, aber es war tatsächlich das Auge Gottes: Der Mensch konnte ins All blicken, begriff dessen unendliche Weite und wurde sich der eigenen Nichtigkeit bewusst. Vorbei war es mit der eigenen Größe; nicht einmal im eigenen Planetensystem war man mehr Herr im Haus, denn das Teleskop brachte es bald an den Tag, dass sich die Sonne beileibe nicht um die Erde drehte. Stattdessen war es umgekehrt und der Mensch abermals eine Stufe des universellen Throns hinabgepurzelt.

Zäher Kampf um wahre Erkenntnisse

Diese Revolution verlief bekanntlich nicht friedlich. Galileis Schicksal dokumentiert nur eines von vielen Gefechten in diesem Krieg der Weltanschauungen, den die Wahrheit schließlich für sich entscheiden konnte. Wieder trug das Teleskop seinen Teil dazu bei. Wer Augen hatte zu sehen, konnte sich selbst davon überzeugen, dass die ketzerischen Astronomen in der Tat Recht hatten, während die von ihren Gegnern düster prophezeite Anarchie ausblieb. So trugen sie schließlich den Sieg davon und stiegen sogar in eine eigene Forscher-Elite auf: Der nächtliche Sternengucker an seinem Teleskop wurde zum Idol der Massen, die begierig auf neue Sensationen aus dem nahen und fernen All warteten.

Friedrich Wilhelm Herschel (1738-1822), geboren in Hannover aber schon in jungen Jahren nach England emigriert, erntete die Früchte, die Galilei und andere Pioniere gesät hatten. Ihm gelang eine Bilderbuch-Karriere, er wurde in den Adelsstand erhoben und mit Ehren überhäuft. Das Wissen an sich stand nun im Vordergrund; Streit und Kämpfe fanden höchstens in den eigenen Reihen statt, denn auch Forscher sind nur Menschen, die um des Ruhms, der Eitelkeit und des Geldes willen raufen. Das Fundament für das Haus des astronomischen Wissens aber war gelegt, und unter seinem Dach stand das Teleskop, das in den Jahrhunderten nach Galilei imposante Ausmaße angenommen hatte und entsprechend tiefere Einblicke ermöglichte.

Herschel steht für die nächste Stufe der Himmelsforschung: Neben die Suche nach dem Neuen trat die quantitative Auswertung des inzwischen Bekannten. Herschels systematische, sich über Jahrzehnte hinziehende Kartierung des Sternenhimmels ließ einen Sternenkatalog oder Atlas entstehen, der Ordnung in das galaktische Chaos brachte. Der Mensch konnte den Weltraum zwar noch immer nicht bereisen, aber er verirrte sich nunmehr nicht mehr darin, wenn er ihn von der Erde aus musterte – bis sich herausstellte, dass er nur einen mikroskopisch kleinen Teil des Gesamtgefüges kannte. Aktuelle Schätzungen gehen von einem Universum mit 100 Milliarden Galaxien aus, die ihrerseits aus vielen Milliarden Sternen bestehen, um die wiederum Planeten, Monde u. a. Himmelskörper kreisen.

Rekonstruktion des nur scheinbar Selbstverständlichen

Galilei, Herschel, Isaac Newton und anderen Helden der Forschungsgeschichte setzt Richard Panek, Wissenschaftsjournalist für das „New York Times Magazine“ u. a. Zeitschriften ein Denkmal. Der wahre ‚Held‘ ist allerdings jenes Gebilde aus Metall und gläsernen Linsen (später Spiegeln, Parabol- und Deflektor-Antennen etc.), das den Quantensprung des menschlichen Geistes ermöglichte. Eine „Ode an das Teleskop“ nannte die „Berliner Morgenpost“ Paneks Werk (in der Ausgabe vom 11. Oktober 2001).

Wer meint, Sachbücher über ein recht dröges Thema müssten zwangsläufig trocken und langweilig zu lesen sein, wird hier eindrucksvoll eines Besseren belehrt. Panek weiß genau, wie er sein Publikum ködern muss. Virtuos verquirlt er vorzüglich recherchiertes Wissen mit klug ausgewählten historischen Anekdoten zu einem fabelhaft geschriebenen (und übersetzten) Sachbuch. „Gegen den Frost rieb er [F. W. Herschel] sich mit rohen Zwiebeln ein, während sein Atem am Teleskop und die Tinte im Faß gefror …“: Das waren noch Zeiten! Bemerkenswert ist auch die Geschichte des Teleskop-Veteranen George Ellery Hale, der sich in Zeiten übergroßen Forscherstresses von einer Elfe beraten ließ.

Da ist kein Wort zu viel, wird nie der gefürchtete pädagogische Zeigefinger sichtbar, fehlt völlig die erbauliche Verklärung einsam-entschlossener Heroen der Wissenschaft, mit der hierzulande die lesende Jugend gar zu vieler Jahrzehnte für dumm verkauft wurde. Galilei war eben nicht der Cary Cooper der Forschung, der von der bösen Kirche 12 Uhr mittags in die Kerker der Inquisition geworfen werden sollte. Die geistige Revolution der frühen Neuzeit fand auf einem ganz anderen Niveau statt. Sie zu veranschaulichen ist keine leichte Aufgabe, denn die Prozesse, die dabei abliefen, waren höchst komplex, Aber Panek schafft es mit Leichtigkeit und bereichert das gar nicht so breite Spektrum von Sachbüchern, die man gern liest, weil sie ebenso kompetent wie leicht verständlich – den echten Fachmann erkennt man daran, dass er sich nicht hinter Fachausdrücken & Zitaten verstecken muss – die Welt als Wundertüte der Natur schildern und jene, die wissen wollen, wie sie denn tickt, in ihren Bann ziehen.

Taschenbuch: 197 Seiten
Originaltitel: Seeing and Believing – How the Telescope Opened Our Eyes and Mind to the Heavens (London : Penguin 1998)
Übersetzung: Dieter Zimmer
http://www.dtv.de

Der Autor vergibt: (5.0/5) Ihr vergebt: SchrecklichNa jaGeht soGutSuper (8 Stimmen, Durchschnitt: 1,50 von 5)

Richard Matheson – Die seltsame Geschichte des Mr. C

matheson mr c cover kleinDas geschieht:

Ein Mann wird gejagt: Scott Carey, Mann der Mittelklasse wie aus dem Bilderbuch, wollte bei seiner Jagd nach dem American Way of Live nur einen Ruhetag einlegen. Mit seinem Bruder unternahm er einen Bootsausflug – und wurde vom radioaktiven Niederschlag eines Atombomben-Tests getroffen. Seitdem schrumpft Carey jeden Tag konstant um 3,6 Millimeter. Sein Leben hat sich in einen ewigen Albtraum verwandelt. Die Ärzte können ihm nicht helfen, die Medien verfolgen ihn, Ehefrau und Kind werden ihm zusehends fremd: Vater ist nicht mehr der Beste in der Familie Carey, und das bedrückt Scott mindestens ebenso wie sein ungewisses Schicksal.

Mehr als ein Jahr währt der Horror, der Carey Stück für Stück seines normalen Lebens beraubt. Die Menschen betrachten ihn als kuriose Missgeburt, und der zunehmend paranoide Mann wird emotional immer instabiler. Ins gesellschaftliche Abseits gedrängt, leidet Carey unter der Einsamkeit. Er fühlt sich schuldig, als seine Familie in wirtschaftliche Not gerät, weil er, der doch die Position des Oberhauptes und Brötchenverdieners ausfüllen müsste, in seiner Aufgabe ‚versagt‘. Dennoch kommt die finale Krise rascher als befürchtet, als die Hauskatze die Gelegenheit nutzt, sich für einige Unfreundlichkeiten ihres einstigen Herrn zu rächen. Dieser entkommt dem Untier zwar knapp, verirrt sich dabei jedoch in den Keller des Hauses. Richard Matheson – Die seltsame Geschichte des Mr. C weiterlesen

David L. Robbins – Tage der Entscheidung

Das geschieht:

Europa im Frühjahr 1945: Nazideutschland liegt am Boden. Auch wenn es sich noch heftig wehrt, beginnt es der Übermacht seiner mutwillig selbst heraufbeschworenen Feinde zu erliegen. Im Westen macht sich die Armee der amerikanisch-britischen Alliierten bereit, die Rheingrenze zu überspringen und gen Elbe zu stürmen: Der Krieg hat das deutsche Kernland erreicht. Im Osten fiebert ein gewaltiges Heer darauf, Hitler heimzuzahlen, was er und seine verblendeten Untertanen dem russischen Volk angetan haben.

Der endgültige Sieg der einen und die vollständige Kapitulation der anderen Seite ist nur mehr eine Frage von Monaten. Aber noch bevor der Wolf erlegt ist, beginnen die Jäger um sein Fell zu streiten. Wer wird die Nazis vor den Augen der Welt endgültig zur Strecke bringen? Dreh- und Angelpunkt solcher Überlegungen ist Berlin, die Reichshauptstadt, in der Hitler und sein Mord-Regime sich verschanzt haben. Wer Berlin nimmt, wird der Geschichte als eigentlicher Sieger dieses Weltkriegs gelten. David L. Robbins – Tage der Entscheidung weiterlesen

Cadbury, Deborah – Dinosaurierjäger. Der Wettlauf um die Erforschung der prähistorischen Welt

Lyme Regis, ein kleines Städtchen an der Südküste Englands (Grafschaft Dorset), zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Wie praktisch an jedem Tag ihres an Mühen und Nöten reichen, aber ansonsten bitter armen Lebens durchstreift die junge Handwerkertochter Mary Armstrong die Kalk- und Schieferklippen, die sich über der Stadt erheben. Dort findet sie manchmal eingebettet im Gestein merkwürdige Abdrücke, „Fossilien“ genannt, die an Muscheln oder Schnecken erinnern, sowie versteinerte Knochen wesentlich größerer Kreaturen. Die Touristen schätzen solche Kuriositäten und zahlen dafür, worin sich Marys Interesse an besagten Fossilien zunächst erschöpft.

An einem (leider historisch nicht genau einzugrenzenden) Tag des Jahres 1811 zieht Mary (scheinbar) nicht nur das große Los, sondern gibt gleichzeitig den Startschuss zur Entstehung eines neuen Zweigs der Naturforschung: Im Gesteinsschutt oben erwähnter Klippe entdeckt sie das perfekt erhaltene Skelett einer bizarren Kreatur, die man später zutreffend als „Fischechse“ (Ichthyosaurus) bezeichnen wird.

Bis es so weit ist, werden aber einige Jahre ins Land gehen, denn noch gibt es keine Wissenschaft, die sich mit der Erdgeschichte beschäftigt. Kein Wunder, denn es gilt als der Weisheit letzter Schluss, was im biblischen Buch Genesis geschrieben steht: Gott schuf die Welt in sieben Tagen mit allen ihren Bewohnern – und Punkt: Was damals aus dem Urschlamm geknetet wurde, kreucht & fleucht auch heute unverändert umher; Ausfälle lassen sich höchstens durch die Sintflut erklären, die einiges sündhafte Getier vom Erdboden tilgte.

Wehe dem Frevler, der es wagt, am biblischen Wort zu rühren! In Oxford oder Cambridge und an den übrigen Universitäten Großbritanniens gehören die Dekane stets der mächtigen anglikanischen Kirche an. Auch der Naturwissenschaftler William Buckland sieht sich als Geistlicher Zeit seines Lebens in der verzwickten Lage, die „Untergrundkunde“ oder Geologie, die er in seinem Heimatland quasi gründet, mit der Bibel in Einklang zu bringen; ein elendes Unterfangen, das die junge Wissenschaft immer wieder auf ein totes Gleis zu zwingen droht, während die immer zahlreicheren Funde eine ganz andere Sprache sprechen.

Da haben es die Franzosen besser. Selbstbewusst schüttelt Napoleon die geistigen Fesseln der Kirche ab. Zwar schmachtet er schon wenig später im Inselexil von St. Helena, aber die Saat ist aufgegangen: In Paris feiert die Naturwissenschaft Triumphe. Der große Georges Cuvier, eine auch auf den britischen Inseln bald anerkannte Koryphäe, akzeptiert die Beweise für eine Welt, die nicht nur weitaus älter ist als man sich das bisher vorstellen mochte, sondern auch bevölkert wurde von Wesen, die es heute nicht mehr gibt.

In Lewes, einer kleinen Stadt im ländlichen Sussex, steht derweil der Schuhmachersohn Gideon Mantell in den wissenschaftlichen Startlöchern. Ein gutes Stück abseits der akademischen Zentren Englands wird er zwar von der Gelehrtenwelt lange schnöde mit Missachtung gestraft, kann sich aber andererseits autodidaktisch zu einem echten Fachmann der Geologie heranbilden, ohne dass ihm die argwöhnische Kirche Knüppel zwischen die Beine wirft. Die Kreidefelsen der South Downs stellen eine unerschöpfliche Fundgrube für Fossilien dar, so dass sich die Beweise für eine urzeitliche Welt schließlich nicht mehr unterdrücken lassen. Womöglich belegen die versteinerten Überreste noch eine weitere ketzerische Theorie: Die „Evolutionisten“ behaupten, dass Lebewesen sich im Laufe langer Zeiträume verändern, wobei – Schock! – Gottes lenkender (oder strafender) Arm nicht zwangsläufig vonnöten sei.

Der arme Buckland ist zwar ein Freigeist (und Exzentriker, der seinen Hausgästen gern gebutterte Mäuse auf Toast kredenzt und einen echten Bären hält, den er bei akademischen Feierlichkeiten als Student verkleidet auftreten lässt), aber kein Rebell. Immer schwerer fällt es ihm, Wissenschaft und Religion in Einklang zu bringen, ohne seine geistlichen Gönner vor den Kopf zu stoßen. Doch obwohl die Fossilienforschung nun in ihre zweite Phase eintritt, kann sie sich weiterhin nicht von der biblischen Schöpfungsgeschichte lösen.

1825 betritt der Mann die Szene, der frischen, aber auch fauligen Wind in die Naturwissenschaft bringen wird: Richard Owen ist kein Geologe, sondern Anatom. Er geht bei seinen Untersuchungen von einem anderen Ansatz aus und kann sich außerdem auf die Grundlagenforschung seiner Vorgänger stützen. Diesen Vorgang gilt es mit Bedacht zu erwähnen, denn Owen ist nicht nur ein brillanter Geist, der maßgeblich die „normale“ Geologie um die eigentliche Paläontologie erweitert, sondern auch ein skrupelloser Karrierist. Aus einfachen Verhältnissen stammend, eignet er sich neben einem bemerkenswerten Fachwissen auch die Fähigkeit an, den Reichen und Mächtigen zu gefallen. Das lässt ihn ganz nach oben kommen und geht einher mit dem systematischen „Abschuss“ aller, die ihm auf seinem Weg in den Olymp der Naturwissenschaftler hinderlich oder gar gefährlich werden könnten. Jedes Mittel ist dem jungen Aufsteiger recht, der auch vor übler Nachrede, bewusstem Missbrauch der ihm verliehenen Vorrechte und offener Manipulation keineswegs zurückschreckt.

Erst sind es nur direkte Konkurrenten, die Owen zum Opfer fallen, aber bald wagt er sich auch an kapitaleres Gelehrtenwild. Der ebenfalls ehrgeizige, aber grundehrliche Gideon Mantell hat sich in langen, entbehrungsreichen Jahren zu einem der führenden und auch in London den wissenschaftlichen Ton angebenden Fossilkundlern entwickelt. Doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm; während Owen Stein für Stein das Fundament seiner Karriere setzt und dabei ebenso mächtig wie angesehen und vor allem reich wird, erleidet Mantell Schiffbruch. Sein Traum vom eigenen Fossilienmuseum endet im Ruin, seine Frau verlässt ihn, ein schwerer Unfall macht ihn zum Krüppel, eine unheilbare Krankheit verurteilt ihn zu Depression und elendem Siechtum. Mit eisernem Willen setzt er seine wissenschaftliche Arbeit fort – und kommt dabei ohne bösen Willen Richard Owen in die Quere. Dieser bedient virtuos die Instrumente der Macht und setzt erbarmungslos alles daran, den geschwächten Konkurrenten nicht nur zu verdrängen, sondern vorsichtshalber zu vernichten. Der unglückliche Mantell gehört anders als Owen nicht zu „den Jungs“ und beherrscht die Regeln dieses Spiels nicht. Allzu lange bleibt ihm unklar, dass Talent, Fleiß und Erfahrung längst nicht die wichtigsten Stützpfeiler einer Karriere sind. Auch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts sind Verbindungen alles, und der Rest ist PR in eigener Sache. Auch hier legt Owen echtes Naturtalent an den Tag und lädt gebauchpinselte Sponsoren und potenzielle Gönner schon einmal pressewirksam zum Dinner in der Bauchhöhle eines lebensgroßen Saurier-Modells ein.

Bald beherrscht Richard Owen unangefochten die britische Paläontologen-Szene. Auch auf dem Kontinent hat er sich ein Netzwerk von Verbündeten und einen ihm ergebenen Hofstaat geschaffen. Der Wunsch nach wissenschaftlicher Allmacht und Unsterblichkeit treibt ihn zum Äußersten: Owen errichtet ein akademisches Terrorregime, das der forschenden Konkurrenz praktisch eigene Aktivitäten verbietet. Außerdem beginnt er, die Erfolge von Kollegen zu unterdrücken oder gar für sich zu beanspruchen. Für den unglücklichen Mantell ist der Tag der endgültigen Niederlage gekommen, als nicht er, der als verlachter und ignorierter Pionier in aufopferungsvoller Kleinarbeit die Skelette prähistorischer Riesen-Reptilien geborgen und beschrieben hat, diesen ihren Namen geben darf, sondern Owen: „Dinosaurier“ – Schreckensechsen – lautet seit 1841 der nun, da dieses traurige Kapitel der Paläontologie allmählich bekannt wird, recht doppeldeutige Ordnungsname.

Die Rechnung geht auf: Schon lange bevor Gideon Mantell 1852 starb, war er, der sich nicht mehr wehren konnte, fachlich ins Abseits gedrängt, während der robuste Richard Owen als hell strahlender, aber einsamer Stern alles überstrahlte. Mit zunehmendem Alter nahmen seine intellektuellen Fähigkeiten ab, während sein politisches Geschick ungebrochen blieb. Kühne Genialität und wissenschaftliche Klarsicht wurde erst durch Cäsaren- und dann durch Verfolgungswahn ersetzt. Owen schadete der Naturwissenschaft letztlich so, wie er sie in jungen Jahren zu ihrem Nutzen geprägt hatte – eine tragische, vor allem aber düstere Geschichte, die lange unter den Teppich gekehrt wurde, denn die unheilvollen Folgen der Owen-Ära sollten die britische Paläontologie noch lange begleiten.

Dass heute dieser Schleier auch vor den Augen des Laien, dessen Kenntnisse in Sachen Dinosaurier sich auf den Besuch der drei „Jurassic Park“-Kinofilme beschränken, fortgerissen wird, verdanken wir der englischen Wissenschafts-Journalistin Deborah Cadbury. In guter alter, im MTV- und Privat-TV-Zeitalter fast schon vergessen geglaubter BBC-Tradition und Güte präsentiert sie eine Geschichte, die nur den absoluten Ignoranten kalt lassen dürfte. Wissen ist immer faszinierend, wenn es denn nicht nur papageienhaft nachgeplappert, sondern strukturiert und fesselnd vorgetragen wird. Wo sich in diesem Punkt die Spreu vom Weizen trennt, markiert Cadbury mit dem vorliegenden Werk, das im angelsächsischen Sprachraum nicht ohne Grund zum Bestseller avanciert ist.

Ohne Furcht vor staubigem Kalk und alten Knochen steigt Cadbury hinab in die Gewölbe der Forschungsgeschichte – und recherchiert nicht nur fesselnd den dornenreichen Weg zu der Erkenntnis, wie die Welt und ihre Bewohner wurden, was sie heute sind, sondern auch einen echten Krimi um Betrug, Intrige und (Ruf-)Mord in einem Umfeld, das gewöhnlich nicht mit solchen Untaten in Zusammenhang gebracht wird. Die Wissenschaft bzw. jene, die sich ihr widmen, gelten als hehre Geister, die im Dienst ihrer Sache dem kleinlichen Hader des normalsterblichen Alltags weit enthoben sind. Wer einmal selbst in der Forschung tätig war, kann über diese Haltung freilich nur laut oder müde (je nachdem ob mehr Owen oder mehr Mantell) lachen. Forscher sind auch nur Menschen, und vielleicht trifft dieser Spruch sogar noch mittiger ins Schwarze, da im akademischen Elfenbeinturm über dem hamsterhaften Sammeln von Wissen die Entwicklung sozialer Kompetenzen nicht selten zu kurz kommt. Der Fall Richard Owen – und das ist er tatsächlich – ist ein Paradebeispiel für die Pervertierung von Privilegien, für Vetternwirtschaft und das Versagen jener Selbstregelmechanismen, die in der Wissenschaft angeblich die Wahrheit immer ans Licht kommen lassen. Das ist mitnichten so, und dies nachzulesen ist deprimierend, aber höllisch spannend, weil Cadbury ihren Stoff so fabelhaft im Griff hat. Wenn man im Jahr nur ein Sachbuch liest, gehört dieser Band auf die Liste der möglichen Kandidaten!

p. s.: Noch eine weitere Lektion über die Ungerechtigkeit gefällig? Im Jahr 1847 starb in Lyme Regis Mary Armstrong. Vier Jahrzehnte hatte sie Wind und Wetter getrotzt, war in den Kalkklippen umhergeturnt, hatte mit der Findigkeit des echten Entdeckers wunderbare Fossilien zum Vorschein gebracht und sich selbst zu einer versierten Expertin ausgebildet. Und doch starb sie als arme Frau, deren Verdienste zu würdigen nie einer der hohen Herren und Sammler ihres Landes für nötig fand, eine bittere Ungerechtigkeit, die ihr sehr wohl bewusst war und die ihr die späten Jahre vergällte.

Hochschild, Adam – Schatten über dem Kongo

Afrika ist niemals ein „friedlicher“ Kontinent gewesen – welcher Erdteil, der von Menschen bevölkert ist, war dies jemals? Dennoch gibt es eine eigenständige afrikanische Geschichte, die große, wohl organisierte, kulturell hoch entwickelte Reiche kennt. Sklaverei und anderes Unrecht war in den „Schwarzen Königreichen“ nicht unbekannt, aber das galt auch für den Rest der Welt.

Alles änderte sich nachhaltig, als die Europäer Afrika „entdeckten“. Um 1500 befuhren die Schiffe der damaligen Seefahrermächte Spanien und Portugal die Küsten. Handels-Expeditionen tasteten sich ins Landesinnere vor. Missionare folgten den Kaufleuten. Sie nahmen vorsichtig Kontakt auf zu den oft wehrhaften örtlichen Herrschern, erwarben deren Vertrauen, weckten Begehrlichkeiten, die gegen die Herausgabe heimischer Schätze gern gestillt wurden. Bald verhökerten skrupellose Stammesfürsten ihre Untertanen an die weißen Händler. Die „Gäste“ wurden immer dreister und begannen sich zu nehmen, wonach sie verlangten. Sie blieben, gründeten Kolonien. Franzosen und Briten gesellten sich den neuen Machthabern zu. Königreich für Königreich wurde unter die europäische Knute gezwungen. Im 19. Jahrhundert „gehörte“ Afrika längst nicht mehr der einheimischen Bevölkerung.

Einmalig ist das Schicksal des Kongo: 1885 fiel er an Leopold II. König von Belgien – nicht als Kolonie, sondern quasi als Privateigentum. Als solches betrachtete es Leopold auch. Nach Kräften bemühte er sich, so viel Geld wie möglich aus dem Kongo zu schinden; dieses Verb wird hier mit Bedacht eingesetzt. Leopold zwang praktisch die gesamte Bevölkerung, ihm die Schätze des Kongo – Elfenbein und Kautschukgummi – zu sammeln und auszuhändigen. Wer nicht spurte oder aufbegehrte, wurde grausam bestraft. Ganze Dorfgemeinschaften fielen dem Terror zum Opfer. Millionen umgebrachter Kongolesen umfasste Leopolds blutige Liste schließlich, als er 1908 endlich zur Aufgabe „seines“ Kongos gezwungen wurde.

So toll hatte er es getrieben, dass man inzwischen in den ansonsten nicht zimperlichen „zivilisierten“ Ländern der Erde aufmerksam geworden war. Das Entsetzen (sowie die Chance, einen kolonialen Konkurrenten auszuschalten) führte zur Bildung diverser, weltweit operierender Menschenrechtsbewegungen, die entschlossen und gegen alle Ressentiments und infamen Attacken des wütenden Belgierkönigs und seiner Spießgesellen das Ziel verfolgten, dem zum Himmel schreienden Unrecht ein Ende zu bereiten. Es gelang schließlich, aber der Übergang von „Leopolds Kongo“ zur belgischen Kolonie Kongo führte nur zu einer Neuorganisation des Systems, an dessen ausbeuterischem Charakter sich rein gar nichts änderte. Die Strukturen änderten sich, aber sie überlebten Leopold und sogar den Kolonialismus und sind zum Teil bis auf den heutigen Tag mit fatalen Folgen aktiv geblieben.

In Afrika steckt hoffnungslos der Wurm drin. Seit Jahr und Tag hängt beinahe der ganze Kontinent am Tropf diverser „Entwicklungshelfer“. Dennoch werden ständig Hiobsbotschaften über Aufstände, Bürgerkriege, Hungersnöte, Seuchenzüge und ähnliche, meist hausgemachte Katastrophen in den Medien verbreitet. Was läuft falsch? Es gibt eine lange Liste einleuchtender Erklärungen. Die Ursachen lassen sich womöglich auf einen gemeinsamen Ausgangspunkt zurückführen: Afrikas Geschichte als politischer Spielball und Opfer imperialistischer Mächte. Ein halbes Jahrtausend wurde der „Schwarze Kontinent“ geplündert, wurden seine Menschen buchstäblich wie Vieh behandelt. Da scheint es leicht verständlich, dass in dem knappen halben Jahrhundert, seit die ehemaligen Kolonien ihre Unabhängigkeit errungen haben, die Folgen dieses düsteren historischen Kapitels nicht einmal annähernd überwunden werden konnten.

Adam Hochschild belegt diese These am Beispiel des Kongo. Ein besseres – oder schlimmeres – Beispiel hätte er leicht finden können: Keineswegs übertraf König Leopold die zeitgenössischen Kolonialmächte, in Sachen Gier & Grausamkeit. Der Kongo eignet sich dennoch besonders gut für eine Demonstration der Schattenseiten des Kolonialismus, weil diese sich hier auf die Person eines einzelnen Mannes projizieren lassen. König Leopold II. von Belgien ist so, wie ihn Hochschild schildert, eine Gestalt, die das Kino nicht besser erfinden könnte. Doch glauben wir dem Verfasser wirklich, dass ein gnadenloser Mistkerl wie Leopold seiner Macht- und Geldgier so skrupellos nachgehen konnte wie beschrieben? Die genaue Lektüre lässt indessen die ungemütliche Ahnung aufkeimen, dass Leopold höchstens in seiner bis zum Exzess übersteigerten Maßlosigkeit eine zeitgenössische Ausnahmeerscheinung war. Noch einmal sei betont: Die Machthaber der anderen großen Mächte benahmen sich als Kolonialherren keineswegs menschenfreundlicher. Um Macht und Geld ging es ihnen letztlich allen. Leopold trieb es nur auf die Spitze.

War Leopold denn nun ein von Minderwertigkeitskomplexen und Größenwahn getriebenes, gefühlskaltes, fuchsschlaues Würstchen, wie Hochschild ihn uns vorstellt? Wir neigen angesichts des grenzenlosen Leids, das dieser Mann über den Kongo gebracht hat, dazu, dem Verfasser uneingeschränkt zuzustimmen. Kritisch ließe sich freilich die Frage stellen, ob Hochschild im Laufe seiner Nachforschungen von solch’ gerechtem Zorn über Leopold ergriffen wurde, dass er die notwendige Objektivität für seine Darstellung schlicht nicht mehr aufbringen konnte.

Aber ist es relevant, ob Hochschild Leopold „versteht“ oder verabscheut? Sprechen die Fakten denn keine eigene Sprache? Apropos Sprache: Kann es sein, dass die elegante Prosa Misstrauen weckt, ob man dem Verfasser „trauen“ darf? Hochschild kann schreiben. Er fällt niemals in jenen drögen, bewusst sachlichen Ton, der vor allem hierzulande als Qualitätssiegel für ein „gutes“ Sachbuch gilt. Hochschild erzählt mit Fakten, wie es sich so offenbar nur die Angelsachsen trauen. Er wird ironisch, schweift ab, erzählt Anekdoten. Anders ausgedrückt: Er hält seine Leser bei der Stange – alle Leser, auch jene, die wohl kaum ein Buch über historische Menschenrechtsverletzungen im fernen Kongo bis zur letzten Seite durchhalten würden.

Das ist legitim, denn Hochschild ist kein Historiker, sondern Journalist. Schon seine (überaus wirkungsvoll eingesetzte) Entscheidung, sich nicht auf die Wiedergabe von Ereignissen zu beschränken, sondern diese mit den Biografien von „Opfern“ und „Tätern“ zu verknüpfen, weist darauf hin. Hochschild will seine Leser in Kopf und Bauch treffen. Nie macht er einen Hehl daraus, dass er auf den Schultern wissenschaftlich kundiger Vorarbeiter steht. Hochschild betreibt keine Grundlagenforschung – er nutzt Wissen, das bereits vorhanden ist, und präsentiert es möglichst publikumstauglich. Wem dies nicht „anspruchsvoll“ genug ist, der kann getrost zu den primären Quellen greifen; der Verfasser liefert sie in einem eindrucksvollen Anmerkungsapparat nach.

Hilfreich, weil informativ über das eigentliche Thema hinausgreifend, ist Hochschilds Panorama der kongolesischen Geschichte nach 1908. Er erzählt nämlich nicht nur eine aufrüttelnde und interessante, aber letztlich vergangene Geschichte, sondern bettet die Episode „Freistaat Kongo“ in den historischen Kontext ein – und der reicht ungebrochen bis in die Gegenwart! An dieser Stelle würde es zu weit führen, die vielfältigen Zusammenhänge aufzulisten, aber Hochschilds Argumentation ist deprimierend schlüssig. Mit klaren & klugen Worten gelingt ihm für sein Werk ein perfekt anmutender Abschluss.

In einem Punkt schießt Hochschild freilich wirklich übers Ziel hinaus: Zu verlockend erscheint ihm die Verbindung zwischen dem kolonialen Terror und dem Schrecken der nazideutschen Judenvernichtung. Dies liegt nahe, ist aber grundsätzlich falsch, wie der Verfasser schließlich selbst feststellt (ohne jedoch seine früheren diesbezüglichen Äußerungen zu relativieren): Für die Nazis war die physische und psychische Auslöschung der Juden das Primärziel, die Zwangsarbeit nur eine von vielen Stationen dorthin. Leopold und die anderen Kolonialmächte waren dagegen keine vorsätzlichen Völkermörder. Im Gegenteil: Für sie war jeder Einheimische wichtig, denn diese sollten ja so zahlreich wie möglich Sklavenarbeit leisten. Die Betroffenen mag diese juristische Differenzierung indessen kalt gelassen haben.

Adam Hochschild wurde 1942 in New York City geboren – und zwar mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund: Sein Vater leitete einen der erfolgreichsten Minenkonzerne der Welt. Jung-Adam bewegte sich in einer Welt der Privilegierten (die er in seinem Buch „Half the Way Home: a Memoir of Father and Son“ 1986 Revue passieren ließ). Eine in jungen Jahren unternommene Reise ins Südafrika der Apartheid weckte Hochschilds soziales Gewissen. Er schloss sich der Bürgerrechtsbewegung in den USA an, protestierte gegen den Vietnamkrieg, kämpfte journalistisch gegen das Unrecht in der Welt. Seine Artikel erscheinen in allen großen Magazinen.

Unter Hochschilds Buchveröffentlichungen ragen vor allem seine Werke „The Mirror at Midnight: a South African Journey“ (1990) und „The Unquiet Ghost: Russians Remember Stalin“ (1994; dt. „Stalins Schatten. Gespräche mit Russen heute“) heraus. Hochschild lebt heute in San Francisco. Er lehrt kreatives Schreiben an der „Graduate School of Journalism“, die zur „University of California“, Berkeley, gehört.

Newman, Kim – rote Baron, Der: Anno Dracula 1918

Ende des 19. Jahrhunderts war es Dracula, dem Erz-Vampir aus dem fernen Transsylvanien, gelungen, Königin Victoria von Britannien durch den „dunklen Kuss“ zu seiner untoten Sklavin zu machen und als Prinzgemahl die Kontrolle über das britische Weltreich an sich zu reißen. Unter seiner Herrschaft breitete sich der Vampirismus über alle gesellschaftlichen Schichten aus, nachdem bekannt wurde, dass der „Kuss“ ein praktisch ewiges „Leben“ garantierte. Dracula verwandelte Britannien in eine brutale Diktatur, deren Geschicke er – unterstützt von seinen „Kindern“, die er an den Schaltstellen der Macht strategisch günstig platzierte – mit eisernem Willen lenkte. In den späten Achtzigerjahren formierte sich eine Widerstandsbewegung, der es schließlich gelang, den Tyrannen vom Thron zu stoßen.

Dracula entkam den britischen Revolutionären; er floh auf den Kontinent, wo er umgehend damit begann, die verlorene Macht zurückzugewinnen. Während er von Königshaus zu Königshaus wanderte, verwandelte er die gekrönten Häupter Europas allmählich in Untote. 1905 schlug Draculas große Stunde, als er einen Bundesgenossen fand, der sich als idealer Strohmann erwies: Wilhelm II., deutscher Kaiser, der seinerseits von einem Weltreich träumte und bereit war, Deutschland wenn nötig mit Waffengewalt einen „Platz an der Sonne“ neben Britannien, Frankreich, Österreich-Ungarn und den anderen europäischen Groß- und Kolonialmächten zu verschaffen. Dracula wurde Wilhelms Vertrauter und stieg bis 1914 zum Kanzler des Deutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Streitkräfte auf.

Im Zuge seiner Expansionspläne erklärte Wilhelm II. 1914 dem Balkanstaat Serbien den Krieg. Bündnisverträge und Beistandspakte lösten einen Domino-Effekt aus, der nach und nach sämtliche Staaten Europas in den Konflikt zog, der sich, als die Vereinigten Staaten an die Seite ihrer europäischen Verbündeten traten, schließlich zu einem Weltkrieg auswuchs.

Im Frühjahr des Jahres 1918 tobt der Krieg mit unverminderter Härte. Besonders im Westen sprengt das Morden jede Vorstellungskraft. Die Front zieht sich quer durch Holland, Belgien und Frankreich. Um ihren Verlauf wird von der Entente (Britannien und Frankreich und ihre Verbündeten) und den Mittelmächten (Deutschland und Österreich-Ungarn mit ihren Bundesgenossen) gleichermaßen erbittert wie erfolglos gerungen. Der Krieg hat sich in einen Grabenkampf verwandelt, der warmblütigen wie untoten Soldaten täglich zu Tausenden das Leben kostet.

In dieses Pandämonium wagt sich Charles Beauregard, ein hochrangiges Mitglied des britischen Geheimdienstes. Agenten haben herausgefunden, dass Dracula auf dem Château du Malinbois im deutsch besetzten Teil Frankreichs eine Geheimwaffe entwickeln lässt: Hier ist das berühmte deutsche Jagdgeschwader 1 – der „Fliegende Zirkus“ des Flieger-Asses Manfred von Richthofen – stationiert. Diese Elite ist Objekt eines bizarren Experiments. Unter der Leitung des fanatischen Arztes ten Brincken arbeitet ein Team von Wissenschaftlern daran, in den Fliegern jene gestaltwandlerischen Kräfte zu wecken und zu entwickeln, die sämtliche Untote zumindest latent besitzen. Das Projekt ist erfolgreich; die Angehörigen des JG1 können sich in gigantische, fledermausartige Flugwesen verwandeln, die an Kraft und Wendigkeit jedem Flugzeug weit überlegen sind. Im Frühjahr des Jahres 1918 behaupten sie den Luftraum über dem Château du Malinbois. Dennoch kann Beauregard ein noch größeres Geheimnis lüften: Das Schloss wird Draculas Befehlszentrale sein, von der aus er eine unmittelbar bevorstehende, gigantische deutsche Offensive leiten wird …

Eine ausführliche Inhaltsangabe, die dennoch nur einen Abriss der Handlung darstellt: Schon die Schwierigkeit, den Inhalt des Romans „Der rote Baron“ auch nur annähernd zu beschreiben, belegt eindrucksvoll, welches komplexe und in jeder Hinsicht reiche Werk dem amerikanischen Schriftsteller Kim Newman (geb. 1959) gelungen ist – und dies bereits zum zweiten Mal, stellt „Der rote Baron – Anno Dracula 1918“ doch die (lose) Fortsetzung von „Anno Dracula“ dar, das im Britannien des Jahres 1888 spielte. In diesem ersten Band treffen wir an prominenter Stelle einen noch jungen, energischen Charles Beauregard, der sich der Revolution gegen den Fürsten der Untoten anschließt und bei der Vertreibung Draculas eine entscheidende Rolle spielt. Drei Jahrzehnte später ist es erneut (ein stark gealterter) Beauregard, der sich bemüht, den Grafen zu stoppen, der sein böses Spiel nun mit dem Deutschen Reich treibt und die gesamte Welt in einen Krieg stürzt.

Man sieht: Wir haben es hier nicht mit einem altmodischen, aristokratisch-bleichen Blutsauger zu tun, der ein rotgefüttertes Cape trägt, des Nachts Jungfrauen überfällt und sich darauf beschränkt, seine Allmachts-Fantasien aus den Grüften baufälliger Burgen heraus zu verwirklichen; kein Wunder, dass dieser in einer modernen Welt verlorene Dracula, wie wir ihn aus zahllosen mehr oder minder (meistens minder) gelungenen Filmen kennen, immer recht bald mit einem Pflock im Herzen endet.

Dass Dracula weit mehr sein kann als der simple Buhmann unterhaltsamer Mitternachts-Vorstellungen, hat eindrucksvoll Francis Ford Coppola in den Rückblenden seines „Dracula“-Films von 1992 bewiesen. Der zeitgenössische Vlad Tepes II. (1433-1477) war zu seinen Lebzeiten nicht nur ein grausamer, sondern auch ein sehr erfolgreicher Herrscher, dem es als „Woiwode“ der (später rumänischen) Walachei über Jahrzehnte gelang, die mächtigen und expansionswütigen türkischen und bulgarischen Nachbarn in Schach zu halten. In der Wahl seiner Mittel war er gewiss nicht wählerisch, aber Kriegsherrn wie ihn gab es im Mittelalter viele. Der Erfolg gab ihm jedenfalls Recht und bewies, dass Vlad, der gefürchtete Pfähler, ein entschlossener und auch intelligenter Mann gewesen ist. Diese Eigenschaften sollte er sich eigentlich auch nach seinem Tode und der Wiederauferstehung als Vampir bewahrt haben. Insofern setzt Kim Newman dem „wahren“ Dracula ein literarisches Denkmal.

Newmans Dracula ist im Jahres 1918 noch immer ein rücksichtsloser, zu allem entschlossener Krieger – und ein Überlebenskünstler. Letztes lässt ihn immer wieder aus schier aussichtslosen Situationen entkommen. Ersteres wendet sich in „Der rote Baron“ allerdings zum zweiten Mal gegen Dracula. In der modernen Welt des 20. Jahrhunderts ist ein Kriegsherr nach mittelalterlichem Muster eindeutig ein Anachronismus. Dracula spielt geschickt die Königshäuser Europas gegeneinander aus, und als Oberbefehlshaber der deutschen Armee weiß er die technischen Errungenschaften seiner Zeit einzusetzen. Dennoch ist er in seinem Denken noch immer dem Mittelalter verhaftet, in das er geboren wurde. Der Krieg, den er 1914 entfesselte, wie er es seit Jahrhunderten tut, um sich zu nehmen, was er mehr als alles andere begehrt – die uneingeschränkte Macht nämlich -, entgleitet schließlich seiner Kontrolle, weil nicht einmal er einen Weltkrieg steuern kann. Am Ende steht Dracula einmal mehr vor den Scherben seiner Vision. Freilich wird ihn das nicht abhalten, es aufs Neue zu versuchen.

Mit erstaunlicher Sicherheit weiß Autor Newman die reale Geschichte des frühen 20. Jahrhunderts mit seiner erfundenen Historie zu verquicken. Plötzlich scheint es durchaus logisch zu sein, dass die Schüsse auf Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo, die 1914 den Weltkrieg auslösten, fielen, weil seine serbischen Untertanen es nach jahrhundertelangem Kampf gegen die „Nosferatu“ nicht ertrugen, von einem Untoten regiert zu werden. Auch die Schrecken des Grabenkrieges werden plastisch geschildert. Dass in Newmans Welt „normale“ Menschen und Vampire mit- und gegeneinander kämpfen, wird beinahe nebensächlich angesichts der mörderischen Eigendynamik, die der Krieg längst entwickelt hat.

Vor dem grimmigen Kriegs-Spektakel muss Newmans eigentliche Geschichte notgedrungen ein wenig verblassen. Der „Fliegende Zirkus“ des Barons von Richthofen und seine Verwandlung in wahre Dämonen der Lüfte ist fast ein enttäuschend „normaler“ Einfall, wie man ihn in jedem x-beliebigen Horror-Roman finden könnte. Aber auch jetzt besticht „Der rote Baron“ durch die sorgfältige, beinahe dokumentarische Schilderung des Kampfes gegen den berüchtigten „Roten Baron“, der sich zwar als blutdürstige, gleichzeitig aber tragische Gestalt entpuppt, die um die Aussichtslosigkeit ihres Tuns durchaus weiß.

Wie der erste Teil der „Anno Dracula“-Serie gewinnt die Fortsetzung einen besonderen Reiz aus der Tatsache, dass Autor Newman nicht nur Personen der Zeitgeschichte auftreten lässt, sondern wie selbstverständlich Charaktere zum Leben erweckt, die völlig fiktiv sind und den Werken anderer Schriftsteller entnommen wurden. So kann es geschehen, dass in einem Feldlazarett der Entente H. G. Wells‘ Dr. Moreau neben H. P. Lovecrafts Herbert West, dem „Wiedererwecker“, am Operationstisch steht, Jules Vernes Ingenieur Robur seine Kampf-Luftschiffe über Paris schweben lässt oder Norbert Jacques‘ Dr. Mabuse das deutsche Kriegspresseamt leitet. Aber auch Personen, die tatsächlich gelebt haben, sieht man in Kim Newmans alternativen Welt des Jahres 1918 in völlig neuen Rollen; da kann es dann geschehen, dass der untote, im Exil lebende Schriftsteller Edgar Allan Poe in den Sälen des Prager Gerichts dem Schreiber Franz Kafka begegnet, bevor er im Auftrag Dr. Mabuses nach Frankreich reist, um dort eine Biographie des Flieger-Helden Manfred von Richthofen zu verfassen, dessen „Burschen“ Fritz Haarmann und Peter Kürten heißen … Solche an sich absurden Paarungen präsentiert Newman in rascher Folge, doch er konstruiert sie so geschickt, dass man ihrer niemals überdrüssig wird.

So ist „Der rote Baron – Anno Dracula 1918“ ein würdiger zweiter Band einer Reihe, die Kim Newman 1998 zu einer Trilogie ausgebaut hat: „Judgement of Tears – Anno Dracula 1959“ (auch unter dem merkwürdigen Titel „Dracula Cha Cha Cha“ veröffentlicht) beschreibt die Abenteuer des Vampirfürsten und seiner Gegner in der Ära des Kalten Krieges und des Rock ’n‘ Roll; allerdings spielt dieser Roman in Italien, ist vom Grundton wesentlich humorvoller angelegt und erinnert an eine Dario-Argento-Version von Fellinis „La Dolce Vita“.

J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums

Das geschieht:

„Nimbus III“ ist ein Wüstenplanet, der die Grenze zwischen der Föderation und den Imperien der Romulaner und Klingonen markiert. Die drei latent verfeindeten Mächte verwalten „Nimbus III“ gemeinsam. Auf einen Notruf von dort schickt die Sternenflotte das Raumschiff „Enterprise“ unter Captain James T. Kirk. Aus dem klingonischen Reich naht das Schlachtschiff „Okrona“. Kapitän Klaa würde sich gar zu gern das Kopfgeld verdienen, das nach dem „Genesis“-Vorfall (vgl. „Star Trek III – Auf der Suche nach Mr. Spock“) auf den legendären Kirk ausgesetzt wurde.

Auf „Nimbus III“ wartet der vulkanische Messias Sybok. Aus seiner Heimat als Rebell und Ketzer vertrieben, weil er sich der für sein Volk so typischen Gefühlskontrolle nicht unterwarf, jagt er seit Jahrzehnten seinem Traum von Sha-ka-Ree hinterher, dem mythischen Paradies der Vulkanier, wo Gott höchstpersönlich residieren soll. Sybok glaubt, diesen Ort endlich lokalisiert zu haben: im Zentrum der Galaxis und hinter der Barriere aus Staub und glühendem Plasma, das jedem Raumschiff den Einflug verwehrt. Aber Gott hat zu Sybok gesprochen und ihm verraten, wie dieses Hindernis zu überwinden ist. Dazu benötigen er und seine Anhänger ein Schiff, und so locken sie eines nach „Nimbus III“. J. M. Dillard – Star Trek V: Am Rande des Universums weiterlesen

Ann Granger – Messer, Gabel, Schere, Mord [Mitchell & Markby 4]

Der Umbau eines Landhauses zum Nobel-Restaurant sorgt für Aufruhr unter den wenig begeisterten Nachbarn. Am Tage der Neueröffnung wird eine Frau im Weinkeller erstochen. Inspektor Markby steht vor vielen Mordverdächtigen, die mehrheitlich zwar keine Mörder aber keineswegs unschuldig sind … – Zwar bietet Band 4 der „Markby-&-Mitchell“-Serie bietet kaum Krimi-Spannung, will dies mit englischer Landhaus-Romantik nach Genre-Vorschrift wettmachen und trifft routiniert ins Herz eines entsprechend gepolten Publikums: Lesen oder Schlafen – der Unterschied ist marginal.
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Peter Robinson – Das verschwundene Lächeln [Alan Banks 6]

In einer englischen Kleinstadt wird ein Kind entführt. Die ohnehin wenig hoffnungsfrohe Polizei ist erst recht alarmiert, als sich als potenzielle Täter ein gruseliges Pärchen herausschält, das aus Freude mordet, dies bereits getan hat und sicherlich fortsetzen wird, wenn man sie nicht möglichst zeitnahe aus dem Verkehr zieht … – Moderner, sehr mainstreamiger Kriminalroman, was bedeutet, dass Gesellschaftskritik, Gefühlsaufruhr und Privatprobleme der Beteiligten den Fall oft die Handlung dominieren: Gerade deshalb ist die Alan-Banks-Reihe, deren 6. Band dies ist, bei einem entsprechend geeichten Publikum ungemein beliebt. Peter Robinson – Das verschwundene Lächeln [Alan Banks 6] weiterlesen

Dooling, Richard – Tagebuch der Eleanor Druse, Das

Eleanor Druse, eine 75-jährige Parapsychologin mit heftigen New-Age-Wallungen, betreut ehrenamtlich sterbende und einsame Patienten im altehrwürdigen Kingdom Hospital in Lewiston, US-Staat Maine. Dorthin wird sie auch von ihrem Sohn Bobby gerufen, der im Krankenhaus als Krankenpfleger arbeitet, als Madeline Kruger nach einem Selbstmordversuch eingeliefert wird. Eleanor, die ihre Freundin aus Kindertagen seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, eilt zu ihr – und findet sie tot vor: Madeline hat offenbar mit einem eingeschmuggelten Eispickel vollendet, was ihr daheim misslungen war.

Doch warum kriechen Heerscharen von Ameisen aus ihren Wunden? Eleanor wird durch den Schrecken ohnmächtig und schlägt mit dem Schädel auf dem Boden auf. Ein langer Krankenhausaufenthalt schließt sich an, denn Eleanor hört seither Stimmen und hat Visionen: Ein kleines Mädchen geistert weinend durch das Kingdom Hospital, ein gruselig anzuschauender Arzt tut es ihm gleich. Das alte Haus wird von Erdbeben erschüttert. Im Keller fallen Ratten über die Leichen her.

Eleanor beschließt, das Rätsel zu lösen. Sie beschafft sich Informationen über das Kingdom Hospital und kommt einem alten Skandal auf die Spur: Dr. Ebenezer Gottreich, ein fanatischer Anhänger der Gehirnchirurgie, hat hier in den 1930er Jahren verbotene Menschenversuche durchgeführt – und sie sowie Madeline Kruger gehören zu seinen Opfern! Das hatte sie bisher verdrängt, nun kehren die Erinnerungen mit den Visionen zurück. Leider scheint dies auch auf Dr. Gottreich zuzutreffen, dessen mörderischer Geist durch das Krankenhaus irrt und weitere Gräueltaten verübt. Eleanor selbst wird von den Ärzten des Kingdom Hospitals als psychisch derangierte Querulantin abgestempelt und – da ansonsten völlig gesund – vor die Tür gesetzt. Doch Eleanor lässt sich so einfach nicht ausschalten. Sie will dem kleinen Mädchen helfen und verschafft sich heimlich Einlass in das Krankenhaus. Die Ärzteschaft hart auf den Fersen, findet sie das Mädchen – und die böse Macht, die es jagt und das Kingdom Hospital terrorisiert …

Bücher zu Filmen sind seit jeher mit einiger Vorsicht zu betrachten. Sie bilden eine Art Zusatzgeschäft und stehen ungefähr auf dem Niveau von Kunststoffpüppchen der Darsteller, Tradingcards oder ähnlichem überflüssigen Schnickschnack, mit dem den Fans noch ein bisschen Geld mehr aus der Tasche gelockt werden soll. Mit entsprechender „Sorgfalt“ und Werktreue sind sie denn auch geschrieben – für den schnellen Verbrauch bestimmt, flach, langweilig. Weil dies offenbar ein Gesetz ist, heuert man für diesen Job bevorzugt zweit- und drittklassige Schreiberlinge oder richtige Autoren in akuten Geldnöten an.

„Das Tagebuch der Eleanore Druse“ entspricht vollständig dieser ungünstigen Definition. Dies überrascht nicht, stellt doch schon die US-amerikanische TV-Show das Surrogat einer skandinavischen Fernsehserie dar, deren Originalität in keiner Sekunde auch nur annähernd erreicht wurde. „Riget“ (dt. „Geister“) wurde 1994 vom dänischen Regisseur Lars von Trier (mit Niels Vørsel) erfunden, (mit Morton Arnfred) in Szene ge- und 1997 fortgesetzt: Ein modernes Krankenhaus wird mit parapsychologischen bzw. mythischen Phänomenen aus der Vergangenheit konfrontiert. Die filmische Umsetzung geschah durch Meisterhand, die Rollen waren brillant besetzt, die Darsteller lieferten Höchstleistungen. „Geister“ war spannend, gruselig, witzig – eine Sternstunde nicht nur der skandinavischen Fernsehgeschichte.

Was auch in den USA nicht verborgen blieb. Zwar lockte „The Kingdom Hospital“, wie die Serie nun heiß, auch hier die Zuschauer, aber für die durchschnittliche Couchkartoffel war sie doch zu komplex, zu frivol und vor allem zu europäisch. Wie schon so oft wurde deshalb eine „amerikanisierte“ Kopie in Auftrag gegeben. Für das Drehbuch konnte man einen Vollprofi gewinnen: Stephen King ist nicht nur ein berühmter Schriftsteller, sondern auch ein versierter Drehbuchautor. Weil er nicht die gesamte, auf 13 Teile projektierte Serie „Kingdom Hospital“ stemmen konnte, gesellte sich ihm Richard Dooling hinzu. Auf dem Regiestuhl nahm 2004 der auf King-Fernseh-Miniserien spezialisierte Craig R. Baxley („Storm of the Century“, „Rose Red“, „The Diary of Ellen Rimbauer“) Platz. Es entstand das übliche King-TV-Spektakel: aufwändig und routiniert in Szene gesetzt und erfolgreich, aber auch hausbacken, viel zu lang und enttäuschend eindimensional: „Riget“ für Anspruchslose.

„Das Tagebuch der Eleanor Druse“ überträgt dies kongenial, aber leider wohl unfreiwillig in Worte. Weder im Klappentext oder im „Vorwort“ der „Verfasserin“ findet Erwähnung, dass dieses Buch nur den Auftakt einer Serie von „Kingdom“-Romanen darstellt. So erklärt sich das abrupte „Cliffhanger“-Finale, als noch gar nichts aufgeklärt ist. Der Leser schaut in die Röhre und ärgert sich, bis hierher durchgehalten zu haben, nachdem er – oder sie – so unverschämt vernachlässigt wurden.

Was ist von einem Roman zu halten, dessen erste Hälfte gar nicht im Titel gebenden Kingdom Hospital, sondern in einem anderen Krankenhaus in Boston spielt? Nachträglich begreifen wir dies als Einleitung zu einer sehr weit gespannten Geschichte, um die wir indes in diesem Buch geprellt werden. Im Vergleich zum verwünschten „Reichskrankenhaus“ der Originalserie ist das Kingdom Hospital zudem ein langweiliger Ort, an dem ziemlich kindische Geister umhertölpeln. Von Gruselatmosphäre keine Spur, der Stätte entsprechend steril und vordergründig schleppt sich das Geschehen dahin. Der abschweifig-geschwätzige Tonfall des Verfassers, der ebenso mühsam wie zwecklos versucht, Stephen Kings Geschick sowohl in der Darstellung US-amerikanischen Alltags als auch in seinen Schilderungen jenseitiger Heimsuchungen zu imitieren, trägt zum Misslingen des Werkes bei.

Den Gnadenstoß versetzt die Figurenzeichnung. Selten hat man sich über unsympathische Hauptpersonen so offen ärgern müssen. Die Idee an sich, weg von den üblichen TV-Klischeegestalten zu gehen, ist prinzipiell zu begrüßen. „Riget“ zeigt, wie erfrischend dies sein kann. „Kingdom Hospital“ wird indes von Karikaturen bevölkert, die umzubringen Pflicht jedes anständigen Gespenstes sein sollte. Das trifft ausgerechnet auf die Hauptfigur in ganz besonderem Maße zu.

Eleanor Druse war offenkundig geplant als „unwürdige Greisin“, die unkonventionell im Denken und Handeln trotz Alter und Eigensinn dem Grauen die Stirn bieten kann. Tatsächlich ist Eleanor eine Heimsuchung als unsensible, besserwisserische, eingebildete, frömmelnde New-Age-Hexe, deren sinnfreies Geplapper beim Lesen zur Weißglut reizt und das Überspringen ganzer Passagen erforderlich macht. Sohn Bobby, von der übermächtigen Mutter gegängelt und unterdrückt und auch sonst keine Leuchte, dient der Story als Wasserträger, der im rechten Augenblick verstaubte Akten heranschleppt oder seine penetrante Erzeugerin in unzugängliche Krankenhaussektionen einschmuggelt.

Die Ärzteschaft des Kingdom Hospital: eine Horde völlig überzeichneter, arroganter, unfähiger, korrupter, übergeschnappter Nullgestalten, die anscheinend nur von Eleanor Druse durchschaut werden und mit Patienten, Behörden und sonstigen Ordnungsmächten ihr lachhaftes Spiel treiben können. Es fehlt völlig die Mischung aus überzeugender Bosheit und Irrwitz, welche die „Riget“-Mediziner auszeichnete.

„Das Böse“ des Kingdom Hospital kommt sogar noch dümmlicher daher. Dr. Gottreich ist ein „mad scientist“, wie ihn heute höchstens noch Vormittagssendungen für Kinder präsentieren. Die kleine Mary, Gespenst Nr. 2, gehört zu den „Guten“, aber sie spukt ausgesprochen sinnfrei durch die Gänge, heult dabei zum Steinerweichen, und das wohl bereits seit anderthalb Jahrhunderten. Genaues erfährt man (noch) nicht; entsprechende Enthüllungen bleiben der Fortsetzung des „Tagebuches“ vorbehalten, auf die man problemlos verzichten kann.

Geschickt drückt sich der |Heyne|-Verlag um die Beantwortung der Frage, wer „Das Tagebuch der Eleanor Druse“ eigentlich geschrieben hat. Angeblich Eleanor selbst, aber sogar der dümmste Leser wird ahnen, dass es sich hier um eine fiktive Gestalt handelt. Also entspringt das „Tagebuch“ womöglich dem Hirn des großen Stephen King, unter dessen Namen die gleichnamige TV-Serie vermarktet wird? Man findet seinen Namen nicht dort, wo Verfassernamen zu stehen pflegen, sondern auf einem Button, der dem Cover aufgeprägt wurde („Das Buch zur TV-Serie von Stephen King“). Ansonsten lässt man eine Lücke dort, wo ansonsten nicht gerade verkaufsförderlich „Richard Dooling“ stehen müsste.

Dooling, geboren 1954 in Omaha, Nebraska, hat sich hier quasi als Ghostwriter für ein reines Kommerzprodukt verpflichten lassen. Er ist eigentlich Anwalt und hat diesen Job nicht aufgegeben, denn mit seinen eigenen Werken kann der Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist seine Kritiker sowie Leser zwar begeistern, erreicht aber ganz sicher kein Millionenpublikum. Werke wie „Critical Care“, „White Man’s Grave“ und „Brain Storm“ sind auch in Deutschland (als „Bett Fünf“, „Das Grab des weißen Mannes“ und „Watsons Brainstorm“) erschienen. „Critical Care“ nutzt übrigens wie „The Journals of Eleanor Druse“ die Erinnerungen des ehemaligen Beatmungstechnikers Dooling, der einige Jahre in einem Krankenhaus arbeitete und hinter die Kulissen blicken konnte.

Mehr über Autor und Werk verrät die Website http://members.cox.net/dooling.

Marianne de Pierres – Nylon Angel

Das geschieht:

„Bodyguard der Stars“ antwortet Parrish Plessis, wenn man sie nach ihrem Job fragt. Die Realität ist weitaus unerfreulicher: Ihrer Chefin Doll Feast ist Parrish auch Bettgefährtin, dem bösartigen Bandenchef Jamon Mondo muss sie als Sexsklavin dienen. Trotzdem lässt die junge Frau sich nicht unterkriegen, was nur gut ist in dieser Welt einer (undatiert bleibenden) Zukunft. Viracity an der Ostküste Australiens ist eine Megalopolis der Reichen & Schönen; Kranke, Arme, Kriminelle und anderes der Oberschicht unliebsames Pack wurde in den „Tertiären Sektor“ abgeschoben, einen gigantischen Vorstadtslum, erbaut auf radioaktiv und chemisch verseuchtem Untergrund.

Im Tert herrschen die Gangs und ansonsten die Regeln des Stärkeren. Legt man Wert auf eine erhöhte Lebenserwartung, sucht man den Schutz einer Bande. Parrish Plessis würde sich gern der Cabal Coomera anschließen. Leider nehmen diese keine Frauen auf, es sei denn, sie können ihren Wert durch eine besondere Tat unter Beweis stellen. Das ist Parrish bisher nicht gelungen. Um endlich von Mondo loszukommen, geht sie deshalb gleich mehrere Risiken ein. Sie verdingt sich als Hackerin für Io Lang, den mysteriösen Herrn des „Dis“. Parrish bemüht sich zusätzlich um Aufklärung des Attentats auf die berühmte Enthüllungsreporterin Razz Retribution. Sie kann einen Zeugen der Bluttat ausfindig machen.

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Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe

Das geschieht:

Auf einer parallelen Erde des 21. Jahrhunderts haben die Neandertaler* den Homo sapiens abgelöst. Ohne ihre Naturverbundenheit zu verlieren, konnten die einstigen Höhlenmenschen eine auf Wissenschaft und Hightech basierende Zivilisation entwickeln. Ponter Boddit und Adikor Huld gehören zu den führenden Physikern ihrer Welt. In der Stadt Saldak haben sie in einer ehemaligen Mine ein Labor eingerichtet. Hier arbeiten sie intensiv an der Konstruktion eines Quantencomputers.

Während eines Experiments geschieht das Unerwartete: Ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum tut sich auf, durch den Ponter Boddit in ein paralleles Universum geschleudert wird. Zeit und Ort blieben unverändert, doch diese Erde wird von den kahlhäutigen „Gliksins“ bevölkert. Neandertaler gibt es nicht mehr. Ponter ist in einem Neutrino-Observatorium gelandet, das in der Tiefe der Creighton-Mine nahe Sudbury in Kanada angelegt wurde. Sein Erscheinen ist eine Sensation. Robert J. Sawyer – Die Neanderthal-Parallaxe weiterlesen

Robert Bloch – Amok

bloch-amok-cover-kleinWer die kleine Statue der Hindu-Göttin Kali besitzt, entgeht auch in der amerikanischen Provinz nicht der Mördersekte der Thugs. Ein junger Mann will seine gemeuchelte Tante rächen, doch stets findet er seine Verdächtigen tot vor … – Thriller vom Verfasser des Kult-Reißers „Psycho“, der seine Mittelmäßigkeit hinter dem exotischen Plot gut versteckt und bis auf das nur mühsam überzeugende Ende zu unterhalten weiß.
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Ben Benson – Alle haben Angst

benson-angst-cover-kleinIn einer amerikanischen Kleinstadt treibt eine jugendliche Autoknacker-Bande ihr Unwesen. Ein Polizist wird eingeschleust, doch misstrauische Ganovengenossen und unglückliche Zufälle lassen ihn auffliegen und in Lebensgefahr geraten … – Mittelmäßig spannende aber als Zeitdokument interessante Geschichte: Im US-Amerika der unmittelbaren Nachkriegszeit führt das Establishment Krieg gegen die aufmüpfige Jugend. Die eigentliche Kriminalhandlung dient als Aufhänger für moralinsaure Horrorvisionen, welche einen gravierenden Generationskonflikt höchst einseitig ‚erklären‘ und unverhohlen autoritäre ‚Hinweise‘ zur Beilegung liefern sollen.
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Dennis Lehane – Shutter Island

Lehane shutter island cover 2015 kleinAus einer abgeschiedenen Anstalt für wahnsinnige Straftäter ist eine Patientin verschwunden. Zwei US-Marshalls ermitteln vor Ort und kommen geheimen Menschenversuchen auf die Spur. Die Verantwortlichen bemühen sich daraufhin, die unerwünschten Zeugen auszuschalten … – Spannender Psycho-Thriller, in dem nichts und niemand ist, wie es und wer er scheint. Die Auflösung ist der Vorgeschichte wie so oft nicht gewachsen, was jedoch das Vergnügen an diesem gut erzählten Garn nur geringfügig schmälert.
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Smith, Sarah – dunkle Haus am See, Das

Aus uraltem österreichischen Adel stammt er, der Baron Alexander von Reisden; verarmt zwar, aber dank erfolgreicher Börsenspekulationen wieder zu Geld gekommen und als fähiger Biochemiker in der Fachwelt hoch angesehen. Er ist jung, gut aussehend, bei seinen Freunde beliebt, der Titel öffnet ihm in der Gegenwart des Jahres 1906 gesellschaftlich alle Türen. Aber Reisden ist ein Einzelgänger, seit er vor fünf Jahren seine Gattin bei einem von ihm verschuldeten Automobilunfall verlor, einen Nervenzusammenbruch erlitt und nach einem Selbstmordversuch lange Monate in einem Sanatorium verbringen musste.

Ein Fachkongress in der US-amerikanischen Metropole Boston verwickelt Reisden in eine bizarre Affäre, die einer der prominentesten Familien der Stadt seit Jahrzehnten argen Verdruss bereitet. 18 Jahre zuvor war Island Hill, der Stammsitz der steinreichen Knights, einsam gelegen am Matatonic-See im US-Staat New Hampshire, Schauplatz eines Morddramas geworden. William, Selfmade-Millionär, Räuberbaron, Kriegsgewinnler, religiöser Fanatiker und seiner Familie ein kaltherziger, böser Patriarch, hatte seine zahlreichen Kinder im Jahre 1887 entweder überlebt oder verstoßen. Nur sein Enkel Richard leistete ihm Gesellschaft, den der alte Mann mit brutaler Gewalt zu seinem Universalerben heranzog. Dies erregte offensichtlich den Neid von Jay French, von dem es hieß, er sei das illegitime Kind eines Knight-Sohnes, der im Bürgerkrieg gefallen war. Als „Bastard“ von der Erbfolge ausgeschlossen und vom Großvater huldvoll als Privatsekretär angestellt, erschoss der gekränkte French eines Tages William Knight im Streit und entfloh – so die Familiensaga. Richard, der die Bluttat beobachtete, weigerte sich zu reden. Drei Tage später verschwand auch er spurlos.

Das Knight-Vermögen fiel an Richards Erben: Gilbert Knight, den letzten von Williams Söhnen, den dieser Jahre zuvor enterbt und aus dem Haus gejagt hatte. In den folgenden Jahren weigerte sich dieser Gilbert, seinen Neffen für tot erklären zu lassen. Sein Glauben an dessen Fortleben trägt durchaus irrationale Züge. Ein Schock soll ihn zwingen, das stets Aufgeschobene endlich nachzuholen: Alexander von Reisden sieht dem verschollenen Richard zum Verwechseln ähnlich. Er soll dessen Stelle einnehmen, um sich dann in Gilberts Anwesenheit zu demaskieren. Aber der Plan misslingt: Gilbert erkennt Reisden uneingeschränkt als Richard an – bitter vor allem für Pflegesohn Harry, der endlich offiziell das Knight-Erbe antreten und die schöne Perdita Halley ehelichen wollte. Aber auch Reisden bereut es, sich auf das seltsame Spiel eingelassen zu haben. Er tritt die Flucht nach vorn an, beschließt, sich als Amateur-Detektiv zu versuchen und endlich Richards Schicksal zu klären. Mit den Knights bezieht er Island Hall, inzwischen zum düsteren Spukhaus verfallen, um dort die vor Jahren erkaltete Spur wieder aufzunehmen. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten bei den Ermittlungen sind freilich nicht die einzigen Hindernisse, gegen die Reisden anrennt. Längst nicht alle Beteiligten des Knight-Dramas sind so ahnungslos oder gar unschuldig wie sie zu sein vorgeben, und das bringt den schwermütigen Detektiv recht bald in Teufels Küche …

„Das dunkle Haus am See“ ist ein historischer (oder besser: historisierender) Kriminalroman der besseren Sorte, d. h. überzeugend nicht nur als sauber geplotteter und schriftstellerisch umgesetzter Thriller, sondern auch harmonisch verschmolzen mit der Realität des Jahres 1906. Diesen Punkt darf man nicht unterschätzen, denn allzu oft setzen Autoren gar zu offensichtlich auf die Vergangenheit als exotische Kulisse, die ganz allein eine 08/15-Krimihandlung – meist grob verschnitten mit Elementen des Herz-Schmerz-Genres – transportieren soll. Nicht besser sind jene Schreiberlinge, die geradezu manisch historische Fakten zusammenzutragen, um darunter mit ihrer Geschichte auch das Publikum zu begraben. Sarah Smith findet indes den goldenen Mittelweg, der da heißt: Historisch wird es nur dort, wo es der Handlung dienlich ist. Das zu realisieren, ist schon Herausforderung genug.

Smith meistert sie, was sie allerdings nicht in den Stand einer schriftstellernden Heiligen erhebt, wie uns der Klappentext glauben machen möchte. Bei nüchterner Betrachtung besticht dieser Roman jedenfalls nicht unbedingt durch Originalität. Alte Familienskandale in ebensolchen Gemäuern werden immer Interesse erregen. Neu sind sie als Grundlage eines Kriminalromans aber sicher nicht. Wie so oft ist es die Variation einer bekannten Melodie, die den wahren Genuss bringt. Hier besteht sie vor allem in der wohltuenden Abwesenheit jener hysterische Gefühlsduseligkeit, die fälschlich mit der „guten, alten Zeit“ in Verbindung gebracht wird, als die Menschen angeblich Gefangene einer stets erdrückenden, weil restriktiven Gesellschaftsordnung waren und Ausbruchsversuche unweigerlich in theatralischem Geschrei und Tränen endeten. Smith macht nun deutlich, dass die Welt vor einhundert Jahren zwar durchaus eine andere war, jedoch auch von ihren weiblichen Bewohnern nicht als reine Hölle empfunden wurde. Perdita Halley widersetzt sich erfolgreich dem ihr vorbestimmten Leben als Hausfrau und Mutter; sie startet allen Hindernissen zum Trotz eine Karriere als Künstlerin, ohne dass sie dafür von ihrer Familie in Acht und Bann getan wird. In einem Anne-Perry-Roman wäre mindestens der unsensible Harry für seine Selbstsucht mit einem schmalzigen Schurkentod „bestraft“ worden.

Mit Baron Alexander von Reisden ist Smith eine interessante Figur geglückt; dies allerdings nicht wegen, sondern trotz ihrer überkomplizierten, eher von Klischees als von Tragödien geprägten Vergangenheit. Gibt Reisden nicht gerade den weltschmerzgeplagten Schwermüter, treten seine angenehmeren Wesenszüge zu Tage: Als Naturwissenschaftler nennt er die Dinge beim Namen und geht ihnen auf den Grund. Ihn zum österreichischen Adligen amerikanischer Herkunft zu machen, ist ein geschickter Zug der Verfasserin, denn es erhebt Reisden zum Wanderer zwischen den Welten: der Alten und der Neuen, aber zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Deshalb kann er ganz selbstverständlich sein zweites Abenteuer in der französischen Hauptstadt Paris erleben.

Leider wird ihn auch besagte Perdita Halley dorthin begleiten. Nur Sherlock Holmes konnte sich als personifizierte Denkmaschine ganz auf seine kriminalistische Arbeit konzentrieren, ohne dass seine Leser, besonders aber seine Leserinnen ihm dies übel nahmen. Die Zeiten haben sich jedoch geändert: Nun ist ein Privatleben für jeden Detektiv verpflichtend. Also muss es – die historische Realität wird hier problemlos mehr oder weniger ausgeklammert – neben dem Helden eine selbstbewusste, ihr Schicksal selbst gestaltende Frau geben, die nichtsdestotrotz auf der Suche nach Mr. Right ist, den sie und der sie nach vielen gefühlswalligen Verwicklungen auch finden wird – wenigstens im Roman dürfen Wünsche endlich einmal wahr werden! So erlebt Perdita das Abenteuer Emanzipation, nur dass sie das leider nicht wirklich zur interessanten Figur reifen lässt. Zur Abrundung des richtigen Kloß-im-Hals-Ambientes wird sie zusätzlich mit Blindheit geschlagen; nützt auch nichts. Stattdessen wundert und ärgert sich der Leser (hier einmal ausdrücklich in seiner maskulinen Variante angesprochen), dass die Verfasserin so einen Wirbel um ein ziemliches Gänslein entfesselt, während sie Anna Fen, die tatsächlich frei denkt und handelt, nicht nur stiefmütterlich behandelt, sondern regelrecht verstößt – sie war wohl selbst ihrer geistigen Mutter ein bisschen zu arg vom Leben verdorben.

Solche Einwände dürfen aber als marginal bezeichnet werden. Es überwiegt die Freude an der mit sicherem Pinselstrich rekonstruierten Welt des frühen 20. Jahrhunderts, jener eigentümlichen Epoche, die ungestüm den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt feierte, ohne mit den Kehrseiten konfrontiert zu werden, und schon modern im heutigen Sinne war, aber in gewisser Weise noch mittelalterlich. In Europa gab es noch Könige, die wirklich herrschten, in den USA ersetzten sie feudale Brachial-Kapitalisten, die sogar noch mächtiger waren. Der I. Weltkrieg würde dieser Märchenwelt nachdrücklich ein Ende machen, aber hier lässt sie Sarah Smith noch einmal aufleben. Das dafür nötige Rüstzeug hat ihr ein Studium der Filmkunde und Literatur in London und Paris sowie in Harvard verschafft – nicht die angebliche Nachfahrenschaft zu einer der berühmt-berüchtigten Hexen von Salem, wie kaum ein Werbetext vergisst dümmlich einzuflechten. Heute lebt sie in Boston, Massachusetts (Aha!), ist verheiratet, hat zwei Kinder und hält zwei graue Katzen (eine Klappentext-Weisheit).

Die „Alexander von Reisden/Perdita Halley“-Trilogie umfasst die Bände:

1. The Vanished House (1992; dt. „Das dunkle Haus am See“)
2. The Knowledge of Water (1996; dt. „Lautlose Wasser“) – dtv galleria 20333
3. A Citizen of the Country (2000; dt. „Das Geheimnis von Montfort“) – dtv galleria 20539

Nach Auskunft der Verfasserin ist die Serie damit abgeschlossen – aber was heißt das schon in der Literatur-Welt … Natürlich gibt es auch eine Website: http://www.sarahsmith.com (die freilich etwas angestaubt wirkt).

Andrea Rennschmid (Hg.) – Alamo. John Waynes Freiheitsepos

Rennschmid Alamo Cover kleinDie Geschichte eines vergessenen Filmepos, das von seinem Regisseur, Darsteller und Produzenten John Wayne als „größter Film aller Zeiten“ oder doch wenigstens der USA geplant war, seinen Zweck monumental verfehlte aber Einblicke in die Psyche seines Schöpfers bietet sowie den Hollywood-Alltag in der Endphase seiner großen Zeit rekonstruiert. Die deutschen Verfasser zeichnen die Vorgeschichte, die Dreharbeiten und die Rezeption nach. Dazu kommen ein historischer Überblick zum realen Alamo-Geschehen und andere interessante Informationen. Zahlreiche Fotos runden dieses leider kontraproduktiv bieder layoutete Sachbuch ab.
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Mario R. Dederichs – Heydrich. Das Gesicht des Bösen

„Das Gesicht des Bösen (1904-1942)“; S. 13-24: Im Bösen ist Reinhard Heydrich (1904-1942) heute eine fast mythische Gestalt. Sein Tod exakt zu dem Zeitpunkt, da der Triumph- und Terrorzug des „Dritten Reiches“ seinen Höhepunkt erreichte, bewahrte ihn vor dem glanzlosen Ende durch Selbstmord oder Henkerstrick, das die meisten anderen Nazi-Fürsten ereilte. So geriet Heydrich nach 1945 quasi „außer Sicht“; der „Hitlergang“ blieben drei zusätzliche Jahre, die Liste ihrer Verbrechen zu verlängern. Doch den organisierten Völkermord und damit die größte Gräueltat der Nazis hatte Heydrich vorbereitet. Auf sein mörderisches Geschick und die dadurch geschaffenen Strukturen konnte die NS-Führungsspitze sich stützen. Heydrichs Opfer erkannten sehr gut den „jungen bösen Todesgott“ und die „Bestie in Menschengestalt“. Die Unbelehrbaren erinnern sich lieber an den bienenfleißigen, schneidigen, korrekten Tatmenschen, der in seiner knappen Freizeit dem Leistungssport frönte und so herrlich die Geige spielte.

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Matthew Delaney – Dämon

Das geschieht:

Im November 1943 erreicht der Pazifikkrieg die kleine Tropeninsel Bougainville. Während der Gefechte geht ein US-Erkundungstrupp im Dschungel verloren. Ein zweites Platoon wird ihm hinterher geschickt. Ständig wird es in Scharmützel mit feindlichen Japanern verwickelt. Schlimmer sind jedoch hinterhältige Mordattacken, die eine fremde, sadistische Macht auf die Männer verübt. Hartnäckig verfolgen diese ihren Auftrag, aber was sie finden und bergen (s. Buchtitel), versinkt nach einem Luftangriff mit dem Truppentransporter „Galla“ im Meer.

2007 wird das Wrack gehoben und in das neue Marinemuseum des Finanzmagnaten Joseph Lyerman nach Boston im US-Staat Massachusetts geschleppt. Ein Jahr später fällt dessen Sohn einem brutalen Mord zum Opfer. Mit dem Fall werden die Detectives Jefferson und Brogan beauftragt. Sie haben kaum die Ermittlungen aufgenommen, als überall in der Stadt Leichen gefunden werden, die von riesigen Klauen buchstäblich in Stücke gerissen wurden. Matthew Delaney – Dämon weiterlesen

Reinhold Eichacker – Panik

Eichacker Panik Cover kleinDas geschieht:

Mit einem mysteriösen dunklen Punkt im All beginnt es: Professor Earthcliffe, der kauzige aber begnadete Leiter der Michigansternwarte in New York, verliert ob der Unmöglichheit, dieses Phänomen identifizieren zu können, bald den Verstand. Erst als der junge, hoch talentierte Amateurwissenschaftler Dr. Nagel sich ihm als Assistent zur Seite stellt, gelingt des Rätsels Lösung: Ein gewaltiger Meteorit nähert sich der Erde, auf der er mit hoher Wahrscheinlichkeit einschlagen wird!

Earthcliffe fürchtet eine weltweite Massenpanik und rät zum Schweigen („Die Masse der dummen, kritiklosen Menge würde die kosmische Gefahr und Drohung gewiss nicht ertragen.“, S. 42). Doch sein skrupelloser Kollege Dr. Wepp denkt anders. Er will die Panik, um durch Aktienspekulationen ein gigantisches Vermögen zu erraffen. In einem zweiten Schritt will er sich gar zum Herrn der außer Kontrolle geratenen Welt aufschwingen.

Sein böser Plan lässt sich gut an. Die Erde verwandelt sich in einen Hexenkessel. Wepp entpuppt sich als fähiger Aufwiegler, der den Mob nach seiner Pfeife tanzen lässt. Die verzweifelten Versuche Earthcliffes und Nagels, seine Manipulationen aufzudecken, bleiben nutzlos. Von Wepp aufgehetzt, rückt die Meute gegen die Michigansternwarte vor, um die vermeintliche Stätte allen Übels und ihre Bewohner zu vernichten.

Alles wäre verloren, hätte Nagel nicht vor einiger Zeit den charismatischen deutschen Chemiker und Physiker Walter Werndt zu Hilfe gerufen. Mit Hilfe des „Falken“, seines fabelhaften Flugzeugs, könnte es möglich sein, Zeit und Ort des Meteoriteneinschlags zu ermitteln. Wepp hart auf den Fersen, versucht das kleine Forscherteam seinen Job zu tun, während die Apokalypse einsetzt …

Panik im All ist vor allem Panik auf Erden

„Panik“ ist der zweite Band der später so genannten „Walter-Werndt“-Trilogie, verfasst von Reinhold Eichacker, einem heute weitgehend unbekannten Pionier der (deutschen) Science Fiction. Die SF-Gruselmär vom außerirdischen Kometen, der auf die Erde stürzt und die Zivilisation der Menschen vernichtet, ist schon vor „Deep Impact“ oder „Armageddon“ immer wieder erzählt worden. Kometen, Meteore und Meteoriten, die Feuer sprühend vom Himmel fallen, haben seit jeher die Menschen fasziniert und in Schrecken versetzt. In der ‚modernen‘ Welt des 20. Jahrhunderts war es keineswegs anders. Als der Halleysche Komet 1912 am Himmel erschien, glaubten viele Zeitgenossen tatsächlich, das Ende der Welt werde in Gestalt seines angeblich giftgeschwängerten Schweifes über sie kommen. Reinhold Eickacker veröffentlichte „Panik“ 1922; es waren seither erst zehn Jahre verstrichen. Hier haben wir eine der Quellen offengelegt, aus denen der Verfasser schöpfte.

Panik beherrschte freilich auch die deutsche Gegenwart des Jahres 1922. Der verlorene I. Weltkrieg lag erst vier Jahre zurück, seine Folgen waren nicht ansatzweise überwunden. Zur Schmach des „Versailler Schandfriedens“ kamen die enormen Reparationszahlungen, die dem Deutschen Reich von den Siegermächten abverlangt wurden. Seit 1918 befand sich die Wirtschaft im freien Fall. Eine inflationäre Abwärtsspirale war in Gang gekommen, die das Geld praktisch wertlos werden ließ. Angesparte Guthaben und Notgroschen verfielen, der Mittelstand geriet in Not, die junge deutsche Republik bekam die Probleme nicht in den Griff.

Kriegsgewinnler und Börsenspekulanten – der Bildikone gewordene, dickwanstige Kapitalist mit Pelzmantel, Zylinder und Zigarre – schienen sich auf Kosten des braven, hilflosen Manns von der Straße zu bereichern. So schlug die Stunde für demagogische Seelenfänger à la Dr. Wepp: ‚starke Männer‘, die Besserung versprachen, unter ihnen ein gewisser Adolf Hitler, der Anno 1922 freilich noch ganz am Beginn seines verhängnisvollen Siegeszuges stand.

Gänzlich diesseitige Visionen

Diese Stimmung – der „Tanz auf dem Vulkan“, wie es schon die Zeitgenossen ausdrückten – prägt Eichackers Roman, nicht aber seine angebliche Vision von der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929, wie Eichacker-Jünger gern betonen. Mit Science Fiction im Sinne von technischer oder gar gesellschaftlicher Zukunftsschau hat der Verfasser ohnehin wenig am Hut. SF-Elemente werden recht wahllos in die Handlung eingestreut; sie sind Mittel zum Zweck, das Geschehen in Gang zu halten, haben mit einer gewollten und ‚seriösen‘ Projektion gegenwärtiger Zustände in eine unbekannte Zukunft nichts zu tun.

Hier sollten wir das Positive sehen: SF ist Unterhaltung, sie wird nicht von besonders klugen Menschen geschrieben – klug in dem Sinn, dass sie sehen was da kommen mag. Was ist visionär am Entwurf einer Sternwarte, die von einem Elektrozaun umgeben ist, der ungebetene Besucher kurzerhand röstet? Verblüffung weckt auch die Kunde, dass in der Michiganwarte 70 (!) Maschinengewehre bereit liegen, die vom schießkundigen Personal sehr wirksam eingesetzt werden. Ausschließlich die Handlung, wie Eichacker sie konstruiert, benötigt solche logikfreien Seltsamkeiten.

Eichackers Welt ist ansonsten eindeutig die der 1920er Jahre, der einige sacht utopische Erfindungen (Ingenieur Werndts hubschraubenähnliches Libellenflugzeug „Falke“, Professor Earthcliffes „elektrische Rechenwand“) aufgepfropft werden, während gesellschaftlich alles beim Alten geblieben ist. Gedacht und gehandelt wird ohnehin sehr gegenwärtig. Verrat, die typische Hetzjagd zwischen Gut & Böse, eine schmalzige Liebesgeschichte – diese konventionellen Bausteine sind Eichacker für seine Geschichte sehr viel wichtiger als Naturwissenschaft & Technik, deren Erkenntnisse er ungeschickt und spannungsretardierend in die Handlung einbringt.

Zumal er sich – stellvertreten durch Walter Werndt – als Anhänger der obskuren „Erdeis“-Theorie outet. Seit Ende des 19. Jahrhunderts vertrat Hanns Hörbiger (1860-1931) die These, dass die Welt geprägt sei von einem ewigen Antagonismus zwischen den mythischen Urmächten Eis und Feuer. Das All wäre demnach erfüllt von kalten und heißen Himmelskörpern, die einander anziehen, zusammenprallen, zerstören und dadurch neue Planeten erschaffen. Das ist schierer Unfug, der indes lange überlebte, zumal den Nationalsozialisten diese gewaltreiche Bild einer Schöpfung durch Zerstörung ausnehmend gut gefiel.

Macht, Sucht und Realitätsverlust

Eichacker kann nicht verbergen, dass er auf einer ähnlichen Wellenlänge liegt. Menschen fallen dem Welteis-Meteoriten sowie der durch ihn entfachten Panik in Millionenzahl zum Opfer. Das rührt ihn nicht, denn in langen Sequenzen hat er die, welche sterben, als wertlosen Pöbel deklassiert, um den es nicht schade ist. Die Katastrophe ist womöglich keine, weil primär die Tüchtigen überleben und das Pack vom Erdboden vertilgt wird. Die “neue” Welt kann so nur eine bessere werden.

Andererseits wirft Eichacker sehr wohl einen kritischen Blick auf die Manipulation der Massen. Er hat die Mechanismen, die wenige Jahre später von Joseph Goebbels zur Vollendung gebracht wurden, gut begriffen: [Wepp spricht zu der von Panik erfüllten Masse und wiegelt sie auf] „‚Nur ein Weg bleibt uns, um dem Tod zu entgehen, nur ein Weg, liebe Freunde …‘ Ein Hoffnungsschimmer erfasste die Menge: ‚Der Weg! Die Rettung! Hilf uns!‘, schrie es wild durcheinander … Wepp stand mit sprunghaft gebogenem Körper wie eine wutfletschende Katze, die mageren Arme zur Menge gestoßen. Jetzt hatte er die da unten so weit. Jetzt tobte da unten nur noch eines: die Angst, und fraß die Vernunft auf. Jetzt konnte er ihnen den Giftpfeil zuwerfen, sie waren ihm hörig. (S. 97) ‚Ich, euer Führer, rufe euch, ich helfe euch … Hinaus auf die Straße! … Mir nach! Tod den Mördern!‘“ (S. 99)

Dies wurde Anfang der 1920er Jahre geschrieben, und es sind eigentlich altbekannte Fakten über jenes seltsame, grausame Tier, in das sich der Mensch in der Masse verwandeln kann: den Mob. In Passagen wie dieser leistet Eichacker Großes. Er verbreitet echte Furcht, wenn er die Bestie Mensch entfesselt zeigt. Ähnlich eindrucksvoll schreibt er, wenn er den Aufschlag des Meteoriten schildert und ihm wahrlich apokalyptische Szenen gelingen. Von Action versteht Reinhold Eichacker etwas!

Für ein generelles Manko kann man den Verfasser nicht verantwortlich machen: Er befleißigt sich einer Sprache, die für die Entstehungszeit von „Panik“ typisch war, heute aber nur noch mühsam erträglich ist. Sie wird geprägt durch altmodisches Pathos, durch eine Bildhaftigkeit, die in ihren stakkatohaften Wortwirbeln und stummfilmhaften Übertreibungen an freies Assoziieren erinnert. Wenn sich also der böse Dr. Wepp seinem schuftigen Bundesgenossen als künftiger Weltdiktator offenbart, so klingt das bei Eichacker so: „‚Wegfegen werde ich diese Hohlköpfe alle. Tod dem, der mir trotzte!‘. Die massige Gestalt des Dicken [= Wepps Zuhörer] wankte. Mit einem röchelnden Aufschrei fiel er auf die Knie und hob die Arme zu Wepp in die Höhe. ‚Herr! Meister! Mir schwindelt! Was sind wir vor dir doch für erbärmliche Wichte!‘“ (S. 94) Das ist ein Stil, auf den sich der Leser einstellen muss; es wird nicht immer gelingen.

Figuren: Übertreibung ist alles!

Zum Thema Figurenzeichnung kann man sich nur in Molltönen äußern. Da gibt es ausschließlich holzschnitthafte Klischeegestalten, welche die Handlung verkörpern sollen. Dies lässt die Trivialität des Romans wohl am deutlichsten erkennen. Viel Zeit und Mühe scheint Eichacker in sein Werk nicht investiert zu haben, es war für den raschen ‚Verbrauch‘ bestimmt. Deshalb kocht der Autor routiniert Stereotypen wie den weltfremden aber gescheiten Professor, sein tatkräftiges, natürlich hübsches Töchterlein oder ihren mutigen Galan, der die Fäuste spielen lässt, auf.

Erst recht spät tritt als entscheidender Retter in der Not ein ‚zufällig‘ deutscher Ingenieur auf den Plan. Der gibt sich ruhig, wo ansonsten Hysterie und Übertreibung die Szene beherrschen, und zeigt den zwar tatkräftigen aber überforderten Yankees, wie ein Teutone solche Krisen zu meistern versteht. Solcher mehr oder weniger offene Hurra-Patriotismus war freilich kein deutsches ‚Privileg‘, sondern wiederum zeittypisch.

Dr. Wepp, der Bösewicht, ist wie so oft die interessanteste Gestalt der Geschichte. Ihn bewegen keine hehren, sondern nur egoistische Ziele; wahrscheinlich lässt ihn das so realistisch wirken. Später geht es mit Eichacker durch; Wepp wird vom Volksverhetzer zum Größenwahnsinnigen, der sich schließlich für Satan persönlich hält und ein lachhaft übertriebenes Ende findet; andererseits hat es auch später weitaus dämlichere Schurkenfinale gegeben, so dass man hier in der Kritik Milde walten lassen könnte.

Autor

Wer war Reinhold Eichacker? Man sollte meinen, dass diese Frage in dem durchaus vorhandenen Nachwort beantwortet wird. Stattdessen verbreitet „Michael Gallmeister, Magister der Philosophie“ jenen Schwurbel, für den seine Zunft oft kritisiert und verspottet wird. Eine Kostprobe: Über die Rolle der SF als Blick in die Zukunft heißt es u. a.: „Zum anderen können auch teils noch heute gültige Wunschbilder, Visionen erkannt werden. Welche uns über unser heutiges Sein dahingehend aufklären, das viele ökonomisch logisch und vernunftorientierte Lösungen in Wirklichkeit animalisch evolutionären Hintergrund haben, und viele anscheinend selbstverständliche Begründungen für unser Tun nur Alibi darstellen.“ (S. 155) Alles klar?

Durch Abwesenheit glänzen dagegen ein biografischer Abriss zum Verfasser und eine (literatur-) historische Einordnung des Eichackerschen Werks. Warum ist er ein Pionier des Genres? War er der einzige seiner Art? (War er nicht.) Was hat er sonst geschrieben? Ist Eichacker-SF prägend und typisch für die frühe deutsche SF? Stattdessen lesen wir: „Es handelt sich bei dem Autor Reinhold Eichacker um einen technisch interessierten Roman-Schriftsteller.“ (S. 156) Wer hätte das gedacht? Das ist kümmerlich angesichts der Tatsache, dass die Herausgeber mit der „Phantastischen Bibliothek Wetzlar“ zusammenarbeiten konnten.

Für den Laien ist es leider schwierig, wenigstens einige Infos über der Verfasser auszugraben. Immerhin steht fest, dass sich Robert Eichacker (1886 1931) schon in jungen Jahren der Literatur zuwandte. Zunächst widmete er sich der Theorie, wurde 1912 Mitglied der Deutschen Schiller-Stiftung. Wie alle tauglichen Männer seines Jahrgangs kämpfte Eichacker wenig später im I. Weltkrieg. Seine Erfahrungen prägten ihn nachhaltig; Eichacker gehörte zur Gruppe der Unzufriedenen, die sich von unpatriotischen Feiglingen verraten und verkauft fühlten. Er begann zu schreiben, und besonders seine frühen Werke zeichnen sich durch revanchistische Züge aus, das noch im ersten Band der Walter-Werndt-Trilogie sehr stark zum Tragen kommt. Inwieweit sich dies in den historische Romane, erotischen Novellen und anderen Eichacker-Werken wiederholt, mögen literaturwissenschaftliche Untersuchungen klären.

Im ersten Werndt-Band („Kampf ums Gold“, 1921) überschüttete der große Erfinder jedenfalls das verhasste Siegerland Frankreich mit Todesstrahlen und sparte auch sonst nicht mit ‚völkischem‘ Gedankengut. Ob dies in „Panik“ und 1923 in „Die Fahrt ins Nichts“ fortgesetzt wird, muss offen bleiben. Der Celero-Verlag ließ Eichackers Werke bearbeiten und allzu arge Ausfälle tilgen. (Es wäre übrigens nützlich zu wissen, wie diese ‚Bearbeitung‘ im Detail aussieht.)

Taschenbuch: 157 Seiten

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