Archiv der Kategorie: Fantasy / Science-Fiction

Kluge, Manfred (Hrsg.) – Trägheit des Auges, Die; Magazine of Fantasy and Science Fiction 53

_Unerwartete Abgänge: Polaroids des Todes_

Vom traditionsreichen SF-Magazin „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ erscheinen in dieser 53. Auswahl folgende Erzählungen:

1) Die Story von den taubblinden Kindern, die eine neue Form des Zusammenlebens suchten – und fanden.

2) Die Story von den Wissenschaftlern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das größte Säugetier der Galaxis zu erforschen.

3) Die Story von dem Popstar, der sich vor einem Millionenpublikum einen leuchtenden Abgang verschafft.

4) Die Story von der Instantkamera aus dem Nachlass eines Zauberers, die makabre Nebenwirkungen zeigt.

5) Die Story von dem chinesischen Zauberkabinett, mit dessen Hilfe man in jede Welt gelangen kann, die je beschrieben worden ist.

_Das Magazin_

Das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abglöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

_Die Erzählungen _

_1) John Varley: Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision, 1978, HUGO und NEBULA)_

Ende des 20. Jahrhunderts herrscht in den USA mal wieder Wirtschaftskrise, zumal der Raktor von Omaha in die Luft geflogen ist und eine verstrahlte Zone erzeugt hat, den China-Syndrom-Streifen. Unser Glückssucher, der sich von Chicago gen Kalifornien aufgemacht hat, passiert die Flüchtlingslager von Kansas City, die nun als „Geisterstädte“ tituliert werden. In der Gegend von Taos, New Mexico, lernt er zahlreiche experimentelle Kommunen kennen, wo man leicht eine kostenlose Mahlzeit bekommen kann. Von den militanten Frauenkommunen hält er sich klugerweise fern.

Auf dem Weg nach Westen stößt er mitten im Nirgendwo auf eine Mauer. So etwas hat er im Westen höchst selten gesehen, so dass er neugierig wird. Ein Navaho-Cowboy erzählt ihm, hier würden taube und blinde Kinder leben. Eisenbahnschienen führen um das ummauerte Anwesen herum, so dass er ihnen einfach zum Eingang folgen kann. Dieser ist offen und unbewacht, was er ebenfalls bemerkenswert findet. Gleich darauf erspäht er mehrere Wachhunde.

Um ein Haar hätte ihn die kleine Grubenbahn überfahren, die von einem stummen Fahrer gesteuert wird. Dieser entschuldigt sich überschwänglich und vergewissert sich, dass dem Besucher nichts passiert ist. Dieser versichert ihm, dass dem so ist. Der Fahrer schickt ihn zu einem Haus, in dem Licht brennt. Der Besucher bemerkt, wie schnell sich die blinden und tauben Bewohner der Kuppelgebäude bewegen. Sie tun dies aber nur auf Gehwegen, von denen jeder seine eigene Oberflächenbeschaffenheit aufweist. Unser Freund nimmt sich vor, niemals einen solchen Gehweg zu blockieren.

In dem erleuchteten Gebäude gibt es etwas zu essen. Er muss sich jedoch von vielen Bewohnern abtasten lassen. Sie sind alle freundlich zu ihm. Ein etwa 17-jähriges Mädchen, das sich weigert, wie die anderen Kleidung zu tragen, erweist sich als sprech- und sehfähig, was ihm erst einmal einen gelinden Schock versetzt. Sie nennt sich Rosa und wird zu seiner Führerin und engsten Vertrauten, schließlich auch zu seiner Geliebten.

Im Laufe der fünf Monate seines Aufenthaltes erlernt er die internationale Fingergebärdensprache, aber er merkt, dass die anderen noch zwei weitere Sprachen benutzen. Das eine ist die Kurzsprache, die mit Kürzeln arbeitet, die nur hier anerkannt sind. Die andere, viel schwieriger zu erlernende ist die Einfühlungssprache, die sich jedoch von Tag zu Tag ändert.

Als er sie schließlich entdeckt, ahnt er, dass er sie nicht wird völlig erlernen können. Denn dazu müsste er ja selbst blind und taub sein. Und dass die Sprache des Tatens auch den gesamten Körpers umfasst, versteht sich von selbst. Deshalb gehört auch die körperliche Liebe dazu.

Eines Tages erfährt er, welche Stellung er in der Kommune einnimmt. Er stellt aus Gedankenlosigkeit einen gefüllten Wassereimer auf einem der Gehwege ab und widmet sich seiner Aufgabe. Als ein Schmerzensschrei ertönt, dreht er sich um, nur um eine weinende und klagende Frau am Boden liegen zu sehen. Aus ihrem Schienbein, das sie sich am Eimer gestoßen hat, quillt bereits das Blut. Es ist die Frau, die ihn als erste in der Kommune begrüßt hat. Nun tut es ihm doppelt leid, und er ist untröstlich. Doch Rosa informiert ihn, dass er sich einem Gericht der ganzen Kommune von 116 Mitgliedern stellen muss …

|Mein Eindruck|

Die vielfach ausgezeichnete Erzählung stellt dar, wie sich allein aus der Kommunikation eine utopische Gemeinschaft entwickeln lässt. Dass natürlich auch ökonomische, legale und soziale Randbedingungen erfüllt sein müssen, versteht sich von selbst, aber dass Außenseiter ihre eigene Art von Überlebensstrategie – in einer von Rezession und Gewalt gezeichneten Welt – entwickeln, schürt die Hoffnung, dass nicht alles am Menschen schlecht und zum Untergang verurteilt ist.

Der Besucher, ein 47-jähriger Bürohengst aus Chicago, findet in der Gemeinschaft der Taubblinden nicht nur sein Menschsein wieder, sondern auch eine Perspektive, wie er in der Außenwelt weiterleben kann. Er arbeitet als Schriftsteller, und dessen Job ist die Kommunikation.

Neben den drei Ebenen der Sprache, die die Taubblinden praktizieren, gibt es noch eine Ebene der Verbundenheit, die er nur durch die Zeichen +++ ausdrücken kann. Auf dieser Ebene findet mehr als Empathie statt, weniger als Telepathie. Aber es ist eine Ebene, erzählt ihm Rosa bei seiner Rückkehr, die es den Taubblinden (zu denen sie und die anderen Kinder nicht zählen) erlaubt hat, zu „verschwinden“. Wohin sind sie gegangen, will er wissen. Niemand wisse es, denn sie verschwanden beim +++en.

Es handelt sich also eindeutig um eine SF-Geschichte, nicht etwa um eine Taubblindenstudie, die in der Gegenwart angesiedelt ist. Für ihre Zeit um 1977/78 war die Geschichte wegweisend. Nicht nur wegen des Gruppensex und die Telepathie, die an das „Groken“ in Heinleins Roman „Fremder in einem fremden Land“ erinnert. Auch Homosexualität wird behandelt – und in der Geschichte praktiziert.

Wichtiger als diese Tabuthemen ist jedoch der durchdachte ökologische Entwurf für die Kommune und die Anklage gegen die Vernachlässigung bzw. Fehlbehandlung der Taubblinden – nicht nur in den USA. Der Verweis auf Helen Keller (1880-1968) und ihre Lehrerin Ann Sullivan verhilft dem Leser zu einem Einstieg in die Thematik, etwa in der Wikipedia.

_2) Gregory Benford: In fremdem Fleisch (In Alien Flesh)_

Im System Zeta Reticuli haben Wissenschaftler vor 30 Jahren eine hochintelligente Spezies entdeckt, die Droghenda. Die gigantischen Fettklumpen, die zu höchster Mathematik fähig sind, leben in einem weiten Ozean, kommen aber mitunter in seichtes Wasser, um – ja, um was zu tun? Das gilt es ja eben zu erforschen.

Zu diesem Zweck wird Reginri angeheuert, der mit seiner Gefährtin Belej eine Art Farmer ist. Folglich muss er in diesen Job, von dem er mehr Geld als aus der Feldarbeit erhofft, genau eingewiesen werden. Die Wissenschaftsingenieure Vanleon und Satsuke erklären ihm seine Aufgabe: Er soll in das Einstiegsloch in zehn Meter Höhe steigen und die Kabel in die Tiefe führen, an denen die Sensoren angebracht sind. Diese Sensoren sollen die Gedanken des Droghenda empfangen und übermitteln.

Mit dem Einstieg klappt es ganz gut, und Reginri arbeitet sich in seinem Raumanzug in die Tiefe der schlüpfrigen Gänge vor. Doch auf einmal gerät der Fleischberg in Bewegung und der Kontakt zu Vanleon reißt ab. Reginri überbrückt mit einer Notschaltung, bekommt aber auf einmal die Gedanken des Wesens mit, in dem er steckt. Kosmische Gedankenbilder und heftige Gefühle überladen seinen Geist …

|Mein Eindruck|

Die Story gehört zur SF-Untergattung „Erstkontakt“. Dabei spielt das Wechselspiel zwischen Beobachter und Beobachtungsgegenstand die zentrale Rolle. In der technizistischen SF Campbell’scher prägung ist der Beobachter stets objektiv, kühl und unangetastet. Dies änderte sich spätestens in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als die Autoren (neben vielen anderen) verstanden, dass der Mensch ein Teil des lebenden Organismus namens Erde ist und nur als solcher betrachtet werden kann. Das ist der Grundgedanke der Ökologie.

Der Autor überträgt das Grundprinzip der Partizipation auf den Erstkontakt. Die Droghenda haben etwas, das die Menschen unbedingt haben wollen. Deshalb wird eine Menge Mühe aufgewendet, um sie zu erforschen. Doch der Beobachter wird unversehens zum Teil des Beobachteten. Es kann nicht ausbleiben, dass beide einander etwas geben. Und so wird Reginri stets einen Teil der Droghenda-Welt mit sich tragen …

Die Story ist einfach in mehreren Rückblenden erzählt, schildert aber eine mehrdimensionale Erfahrung: die Technik, die Gefühle und die Gedanken, die dabei eine Rolle spielen. Und die Erfahrung ist nicht zu Ende, sondern führt auf Reginris Heimatwelt und in seiner Liebesbeziehung zu Veränderungen …

_3) Edward Bryant: Die Schere zerbricht am Stein (Stone)_

Jain Snow ist ein großer Star im Sensostim-Konzertgeschäft. Sie ist in ihr Senso-Netz eingehüllt, und durch die Wunder der Technik übertragen sich die Gefühle, die sie in ihrem Publikum erweckt, zurück auf sie, so dass eine Rückkopplung entsteht. Für eben diese Sensostim-Technik ist Rob, ihr Geliebter, zuständig. Er ist aber nur einer in ihrer Familie aus engsten Vertrauten und Gelegenheitslovern.

Das größte Konzert der Tournee soll in Denvers Arena vor 900.000 Zuschauern stattfinden. Die Technik macht diese gigantische Zuschauermenge zu einem Teil der Erfahrung, und diese Erfahrung dürfte diesmal außerordentlich sein. Am Nachmittag davor bittet Jain ihren Techniker-Geliebten um einen besonderen Gefallen. Er solle ihre Asche von einem Berg ihrer Heimat verstreuen. Da er beim Knobeln – dem Spiel von Stein, Schere und Papier – verliert, willigt er ein.

Tatsächlich wird das Konzert zu einer ungewöhnlichen Erfahrung – doch es endet anders, als das Management es sich vorgestellt hat …

|Mein Eindruck|

Obwohl die Handlung bis zum Finale nachvollziehbar erzählt ist und auch die Gefühle voll zur Geltung kommen, so fehlt doch etwas, um sie großartig zu machen. Dieses Etwas besteht in der fehlenden Begründung für Jains Freitod durch sensorische Überlastung. Sie ist ja nicht gerade verzweifelt, kurz vorm Bankrott oder weint einem Lover hinterher, der ihr Herz brach. Die einzige Begründung, die der Autor liefert, ist der Verlust beider Eltern in Jains Kindheit. Ansonsten gilt nur Neil Youngs Motto: „It’s better to burn out than to fade away.“ Die Story wurde trotzdem mit Preisen ausgezeichnet.

_4) Robert Bloch: Du kriegst, was du siehst (What You See Is What You Get)_

Charlie Randall ist kein Mann für auffällige Aktionen, denn er dealt mit Rauschgift. So kauft er sich eine neue Kamera nicht etwa im Supermarkt, sondern in einem Trödelladen, wo alte Dinge aus Nachlässen und Auktionen zu finden sind. Diese spezielle Kamera macht Fotos nach dem Polaroid-Prinzip, entwickelt den Schnappschuss also auch gleich. Für zehn statt vierzig Piepen ein Schnäppchen, denkt Charlie.

Als erstes Motiv nutzt er seinen einzigen Lebensgefährten: Butch, den Deutschen Schäferhund. Doch als Charlie vom Dealen zurückkehrt, attackiert ihn Butch, und er kann sich gerade noch mit einem kühnen Sprung in Sicherheit bringen. Wenig später ist Butch tot. Vor seinem Maul steht Schaum, was auf einen akuten Fall von Tollwut hindeutet. Noch ahnt Charlie nichts, als er ihn im Steinbruch begräbt.

Als am nächsten Tag ein Anwalt die Kamera kaufen will, merkt Charlie, das an dem Ding etwas Besonderes dran ist. Warum sollte jemand 500 Dollar für einen 10-Dollar-Apparat anbieten. Der Anwalt sagt, sie stamme aus dem Nachlass eines Zauberers, und dessen zwei Söhne würden sie gerne „aus sentimentalen Gründen“ gerne zurückhaben. Eine glatte Lüge. Als der Anwalt abfährt, knipst ihn Charlie. Am nächsten Tag liest er in der Zeitung, der Anwalt sei gegen eine Wand gefahren und gestorben. Merkwürdig, findet Charlie. Ein mulmiges Gefühl beschleicht ihn.

Aber zu diesem Zeitpunkt hat Charlie bereits ein Instant-Foto von Rosie, seiner Putzfrau, gemacht …

|Mein Eindruck|

Kann man sich wirklich auf den Tod verlassen? Um diese knifflige Frage geht es in der Story. Die Kamera knipst nämlich die nahe Zukunft. Als Charlie ein Foto von sich selbst macht, entdeckt er einen Angreifer mit einem Messer hinter sich – aber nur auf dem Foto. Und da er diesen Mann gleich treffen wird, hat er eine gute Handhabe, wie er den Tod überlisten kann.

Nach vollbrachter Heldentat will er allerdings die Kamera anhand ihrer Fotobeweise als Ersatz für eine Kristallkugel einsetzen. Wie kann er das aber, wenn er selbst das, was sie auf dem 4. Foto zeigt, verhindert hat? Doch keine Sorge, Charlie: Der Tod sorgt immer dafür, dass er bekommt, was ihm zusteht …

Wer jetzt an „Final Destination“ denkt, liegt wohl genau richtig. Obwohl der Autor von „Psycho“ wohl weniger an eine Verfilmung gedacht hat.

_5) Woody Allen: Kugelmass, der Unglücksrabe (The Kugelmass Episode)_

Sydney Kugelmaß ist Professor für Klassische Literatur am City College von New York City und schon zum zweiten Mal unglücklich verheiratet. Daphne sei eine „kalte Dampfnudel“, klagt er Dr. Mandel, seinem Seelenklempner, sein Leid. Er wolle eine Affäre, ein Gspusi, damit er wieder Freude am Leben habe. Dr. Mandel sagt ihm klipp und klar, er sei Psychotherapeut und kein Zauberer. Denn was sein Patient offenbar nicht wahrhaben will, ist die Tatsache, dass Kugelmaß ein dicker, glatzköpfiger und behaarter Jude ist.

Ein solcher ruft bei Kugelmaß wenig später an. Er nennt sich „Der Große Himmelreich“. Als Kugelmaß ihn besucht, präsentiert ihm der Mann ein chinesisches Zauberkabinett, in das er sich setzen soll. Sofort werde er in jedes beliebige Literaturwerk versetzt, in dem eine ihm genehme Frau vorkomme. Nach einigem Hin und Her fällt die Wahl von Kugelmaß auf Emma Bovary aus dem Roman von Gustave Flaubert – eine Französin muss es sein.

Der Transfer nach Yonville ins Haus von Emma klappt problemlos, und da Emmas Mann Charles als Landarzt ständig unterwegs ist, kredenzt sie dem unerwarteten Besucher ein Glas Wein. Es bleibt nicht bei einem Glas aund auch nicht bei diesem Besuch, denn Emma ist ein aufgewecktes, unternehmungslustiges Frauenzimmer und Kugelmaß ein praktisch denkender Mann, der weiß, was Frauen wollen. Die Studenten in aller Welt fragen sich jedoch, wer dieser dicke glatzköpfige Jude sei, mit dem Emma ein Verhältnis angefangen hat.

Emma ist durch Kugelmaß‘ Erzählungen von New York so davon fasziniert, dass sie diesmal mitkommen möchte. Auch kein Problem! Stante pede quartiert der Professor sie im Plaza Hotel ein und zeigt ihr die Wunder der Stadt. Nach einigen Wochen wachsen ihm die Rechnungen ebenso wie sein Doppelleben über den Kopf und es kommt, wie es kommen muss: Emma soll zurück.

Doch da versagt die Himmelreich-Maschine und es kommt zu unerwarteten Komplikationen. Denn Daphne, Kugelmaß‘ Eheweib, wittert Unrat …

|Mein Eindruck|

Woody Allens Satire auf die Phantasien der Ehemänner liest sich flott und vergnüglich. Kugelmaß redet daher wie Allens männliche Filmfiguren: lamentierend, unzufrieden, selbstgefällig. Diesmal nimmt er sich der Phantasiegeliebten an. Wie sähe denn die ideale Geliebte aus? Die Weltliteratur liefert dazu ja jede Menge Vorlagen und Beispiele.

Doch man täte Emma Bovary Unrecht, wenn man sie nur als Sexobjekt betrachtete. Sie ist genauso an einer Liebschaft interessiert wie ihr neuer Galan und will mit ihm die Welt erobern. Schon interessiert sie sich fürs Filmbusiness und will Fotos machen lassen – da kann sie endlich wieder zurück nach Yonville, in ihren Roman.

Nun sollte man meinen, Kugelmaß wäre durch den frustrierenden Verlauf seiner Liebschaft für immer kuriert. Weit gefehlt! Als nächstes Ziel nimmt er sich eine Figur aus „Portnoys Beschwerden“ vor …

_Die Übersetzung_

Obwohl die Übersetzungen kompetent erledigt wurden, finden sich die allfälligen Druckfehler. Auf Seite 7 heißt es „mit“ statt „mir“, auf Seite 136 dann „Soux Falls“ statt „Sioux Falls“. Einen etwas krasseren Fehler stellt der Wandel des Geschlechts in einem Satz auf Seite 8 dar: „Die Kernschmelze bahnte sich seinen (!) Weg Richtung China …“.

_Unterm Strich_

Das Prunkstück dieser Auswahl ist natürlich John Varleys titelgebende Novelle „Die Trägheit des Auges“. Die anrührende Geschichte zeichnet den Kontrast zwischen technisch-wissenschaftlichem Fortschritt, der im Super-GAU von Omaha seinen Bankrott erklärt hat, und der menschlichen Evolution auf. So eröffnet die Geschichte Möglichkeiten für eine intensivere Weiterentwicklung des menschlichen Miteinanders.

Die Finger, die schneller sind als das Auge (daher der Titel), können nicht lügen – ein gewaltiger Sprung in der Verständigung zwischen Menschen. Vielleicht überlegt es sich nun so mancher Leser zweimal, bevor er das nächste Mal einen Behinderten bemitleidet – oder Schlimmeres.

Fast ebenso gelungen, aber weitaus weniger ambitioniert, fand ich Benfords Erzählung „In fremdem Fleisch“. Hier ist der ökologische Gedanke umgesetzt, dass wir Teil eines Ganzen sind und die Kommunikation damit stets in beide Richtungen erfolgt. So werden die Gedanken und Empfindungen des riesigen Drongheda auch ein Teil des menschlichen Besuchers.

Die drei letzten Erzählungen fallen dagegen ein klein wenig ab, sind aber dennoch recht unterhaltsam. Insbesondere die Storys von Robert Bloch und Woody Allen wissen auch zu amüsieren, wenn auch satirisch oder makaber. Bryants Story liegt irgendwo zwischen all diesen Polen, weder herausragend noch heiter, noch sonderlich umwerfend. Da fragt man sich, warum manche Texte einen Preis bekommen und andere nicht.

Insgesamt kann ich ein positives Fazit ziehen. Diese Auswahl lohnt sich, allein schon wegen der Titelstory. Wer kann, sollte sich die komplette Varley-Storysammlung „The Persistence of Vision“ zulegen, die 1981 auf Deutsch bei Goldmann in drei Bänden erschien (siehe dazu meine drei Berichte).

|Taschenbuch: 144 Seiten
Erstveröffentlichung im Original: 1977/78
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453305748|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Mafred Kluge bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669
[„Jupiters Amboss. Magazine of Fantasy and Science Fiction 49“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7458
[„Katapult zu den Sternen. Magazine of Fantasy and Science Fiction 51“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7460

Varley, John – Voraussichten

_Ungebetene Gäste: Luftpiraten und Schwarze Löcher_

Dieser erste Band mit John Varleys SF-Erzählungen aus dem Sammelband „Persistence of Vision“ enthält folgende Geschichten:

1) Die Story vom Schwarzen Loch, das Leben und Liebe zweier Techniker bedroht, die fernab unserer Sonne arbeiten.

2) Die Story von den Luftpiraten, die aus der Zukunft kommen und Passagiere rauben – während des Fluges.

3) Die Story von jenen Phänomenen, die blinde und taube Kinder erleben. (HUGO und NEBULA Awards 1980)

_Der Autor_

John Varley, geboren 1947 in Austin, Texas, ist dem deutschen Leser vor allem durch seine Storybände (bei Goldmann) und seine „Gäa“-Trilogie (bei Heyne) ein Begriff. Eine seiner besten Storys, „Press ENTER“, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 1992 erschien der vorliegende Roman unter dem Titel „Steel Beach“ und landete in der Folge auf den vordersten Plätzen, als es um die Vergabe der Science Fiction-Preise ging.

Mittlerweile konnte Varley seine „Roter Donner“-Trilogie bei Heyne veröffentlichen. Wo Varley in den 70er-Jahren führend wirkte, wirkt seine an Heinlein angelehnte Ideenwelt heute altbacken. Er lebt mit seiner Familie in Eugene, Oregon.

_Die Erzählungen _

_1) Liebesfahrt zum Schwarzen Loch (The Black Hole Passes, 1975)_

Jordan Moore ist schwer selbstmordgefährdet, und das liegt daran, dass er Trimonisha liebt. Beide schweben in ihrer jeweiligen Raumstation draußen in der Kometenzone jenseits der Pluto-Bahn und können sich nicht in den Arm nehmen, um einander zu sein. Vielmehr besuchen sie einander nur per 3D-Hologramm, das sie per Laserstrahl senden. Sie haben Spiele miteinander entwickelt, aber Spiele sind nur ein sehr begrenzter Ersatz fürs Nahesein, insbesondere dann, wenn man auf die Antwort jedes Mal 20 Sekunden warten muss.

Ihr Job ist es, ein Alien-Signal auszuwerten, das permanent aus dem Sternbild Ophiuchus gesendet wird. Die Botschaften der Fremden, die Jordan mit enzyklopädischem Wissen auswertet, hat bereits mehrere wertvolle Technologien hervorgebracht, die die menschliche Kultur verändert haben, so etwa Nullfelder, Kraftfeld-Anzüge und das Beherrschen von Schwarzen Löchern. Inzwischen werden Schwarze Löcher aufgrund ihrer hohen Energie gejagt. Täglich liefert Jordan Berichte an seine Firma auf dem Pluto, per Chip und Rakete.

Eines Tages erscheinen die Botschaften der Fremden nur noch lückenhaft. Und als auch noch Trimonishas 3D-Holo bloß noch flach wie ein Pappkamerad empfangen wird, wissen beide, dass etwas nicht stimmt. Tri findet es heraus: Ein Schwarzes Loch muss ganz in der Nähe sein! Man kann es natürlich nicht sehen, sonst wärs ja nicht schwarz. Kaum gesagt, zerreißt die Annäherung der Singularität auch schon Jordans Station und reißt ihn hinaus ins All.

Vorgewarnt hat er zwar seinen Raumanzug angelegt, aber er treibt mutterseelenallein in den Trümmern seiner Station und klammert sich an eine der Postraketen. Hat er jetzt endlich eine Möglichkeit, sich umzubringen? Doch als Trishs Notruf endlich zu ihm durchdringt, lebt er noch. Und gemeinsam fassen sie einen verzweifelten Plan …

|Mein Eindruck|

Wie in fast allen seinen Erzählungen in der Sammlung „Persistence of Vision“ geht es auch hier um die Liebe und wie man sie erfüllen kann. Jordan und Trimonisha sind Millionen Kilometer voneinander entfernt, doch der Chaosfaktor in Gestalt eines vagabundierenden Schwarzen Loches weckt ihren Erfindungsgeist – äh, zumindest den der Frau, denn der Kerl will sich ja permanent wg. Hoffnungslosigkeit umbringen.

Am Schluss dürfen wir uns wie stets über ein Happy-End freuen. Sehr hübsch sind übrigens die erotischen Spiele, deren sich die beiden befleißigen, um sich die Zeit zu vertreiben. Am Schluss sind diese alternativen Egos jedoch nicht mehr nötig und werden entsorgt. Auf diese Weise wird ie Story trotz aller Dramatik noch humorvoll und entspannt.

Für den SF-Kenner ist interessant, dass das hier geschilderte Szenario auch in Varleys erstem Roman „The Ophiuchi Hotline“ verwendet wird. Dort tauchen aber unsere zwei „Helden der Liebe“ nicht mehr auf, soweit ich weiß.

_2) Luftpiraten (Air Raid, 1977)_

Die Erde des Jahres 2190 ist durch Seuchen schier unbewohnbar geworden. Es gibt nahe Alpha Centauri eine kolonisierbare Welt – doch woher die Kolonisten nehmen? Durch den Einsatz einer Zeitmaschine, dem Portal, holt man sich die notwendigen gesunden Menschen aus der Vergangenheit. Aber nicht beliebig, sondern so, dass es keiner merkt. Denn schließlich darf es keine Paradoxa geben. Also bleiben als einzige Möglichkeit Unglücke, bei denen niemand überlebt hat. Beispielsweise Flugzeugabstürze.

Die Ich-Erzählerin hat Para-Lepra und ihre Tochter bereits an ein Gehirnsuche verloren. Deshalb hat sie sich den Fängertrupps angeschlossen, die Menschen aus abstürzenden Flugzeugen holen und ins Jahr 2190 bringen, von wo sie entweder weiter nach Centauri fliegen können oder – an der tödlichen Luft verrecken.

Dieser Einsatz führt unsere Heldin zurück ins Jahr 1979. Sie ersetzt zuerst die Stewardess Mary Sondergard und schleust dann als Vorhut während des Fluges die anderen Stewardess-Ersatzfrauen an Bord. Mithilfe von Laserpistolen gelingt es ihnen, die Passagiere nacheinander zu betäuben und durchs Portal zu schicken. Doch angesichts einer „Herde“ von über 120 Passagieren wird die Zeit knapp, die in Ausgangs- und Zielzeit unterschiedlich schnell verläuft.

Schließlich haben sie und Christabel alle durchgeschleust, aber das Portal ist weg! Werden sie zusammen mit dem abstürzenden Flugzeug umkommen? Sie hat bereits mit dem Leben abgeschlossen, als …

|Mein Eindruck|

Von dieser bekannten Erzählung verkaufte Varley die Filmrechte, schrieb das Drehbuch und die Romanfassung, die er ins 4. Jahrtausend verlegte. Der Film erschien 1989 unter dem Titel „Millenium“ (Regie: Michael Anderson) und wurde ein ziemlicher Langweiler, mit Kris Kristofferson und Cheryl Ladd (als Louise Baltimore). Der Roman wurde 1985 bei Bastei-Lübbe veröffentlicht.

Der Anfang der dialog- und actionlastigen Handlung wirft den Leser gleich mitten rein ins Geschehen. Er hat dann die Aufgabe, sich aus den erklärungslos hingeworfenen Andeutungen einen Reim auf die Action zu machen, so als hätte man die Lösung für ein Verbrechen zu finden.

Aber erstaunlicherweise ergibt die rasante Geschichte durchaus einen Sinn, wenn auch einen schaurigen. Die Menschheit hat sich durch Umweltverschmutzung, Verstrahlung und Verseuchung sozusagen selbst den Garaus gemacht. Lepra und Hirnseuchen lassen Kinder und Erwachsene gleichermaßen degenerieren. Bezeichnenderweise sind die Ersatzleute für die entführten Passagiere „Mongos“, also Mongoloide. Diese abfällige Bezeichnung für Behinderte ist entweder ein zynischer Zug des Autors oder aber die realistische Bezeichnung des Zukunftspersonals für geistig Behinderte.

Dass die Ich-Erzählerin eine Frau ist, wird nie gesagt. Sie wird auch an keiner Stelle mit einem Namen versehen (nur im Film). Dass sie eine Frau sein muss, ergibt sich nur aus dem Umstand, dass sie eine Frau, nämlich Mary Sondergard, schauspielern soll. Die kaltschnäuzige Ausdrucksweise dieser Schauspielerin erinnert an gewisse Frauenfiguren bei Heinlein, etwa in „Freitag“ sowie in Varleys Heinlein-Hommage „Das Stahlparadies“.

_3) Die Trägheit des Auges (The Persistence of Vision, 1978)_

Ende des 20. Jahrhunderts herrscht in den USA mal wieder Wirtschaftskrise, zumal der Raktor von Omaha in die Luft geflogen ist und eine verstrahlte Zone erzeugt hat, den China-Syndrom-Streifen. Unser Glückssucher, der sich von Chicago gen Kalifornien aufgemacht hat, passiert die Flüchtlingslager von Kansas City, die nun als „Geisterstädte“ tituliert werden. In der Gegend von Taos, New Mexico, lernt er zahlreiche experimentelle Kommunen kennen, wo man leicht eine kostenlose Mahlzeit bekommen kann. Von den militanten Frauenkommunen hält er sich klugerweise fern.

Auf dem Weg nach Westen stößt er mitten im Nirgendwo auf eine Mauer. So etwas hat er im Westen höchst selten gesehen, so dass er neugierig wird. Ein Navaho-Cowboy erzählt ihm, hier würden taube und blinde Kinder leben. Eisenbahnschienen führen um das ummauerte Anwesen herum, so dass er ihnen einfach zum Eingang folgen kann. Dieser ist offen und unbewacht, was er ebenfalls bemerkenswert findet. Gleich darauf erspäht er mehrere Wachhunde.

Um ein Haar hätte ihn die kleine Grubenbahn überfahren, die von einem stummen Fahrer gesteuert wird. Dieser entschuldigt sich überschwänglich und vergewissert sich, dass dem Besucher nichts passiert ist. Dieser versichert ihm, dass dem so ist. Der Fahrer schickt ihn zu einem Haus, in dem Licht brennt. Der Besucher bemerkt, wie schnell sich die blinden und tauben Bewohner der Kuppelgebäude bewegen. Sie tun dies aber nur auf Gehwegen, von denen jeder seine eigene Oberflächenbeschaffenheit aufweist. Unser Freund nimmt sich vor, niemals einen solchen Gehweg zu blockieren.

In dem erleuchteten Gebäude gibt es etwas zu essen. Er muss sich jedoch von vielen Bewohnern abtasten lassen. Sie sind alle freundlich zu ihm. Ein etwa 17-jähriges Mädchen, das sich weigert, wie die anderen Kleidung zu tragen, erweist sich als sprech- und sehfähig, was ihm erst einmal einen gelinden Schock versetzt. Sie nennt sich Rosa und wird zu seiner Führerin und engsten Vertrauten, schließlich auch zu seiner Geliebten.

Im Laufe der fünf Monate seines Aufenthaltes erlernt er die internationale Fingergebärdensprache, aber er merkt, dass die anderen noch zwei weitere Sprachen benutzen. Das eine ist die Kurzsprache, die mit Kürzeln arbeitet, die nur hier anerkannt sind. Die andere, viel schwieriger zu erlernende ist die Einfühlungssprache, die sich jedoch von Tag zu Tag ändert.

Als er sie schließlich entdeckt, ahnt er, dass er sie nicht wird völlig erlernen können. Denn dazu müsste er ja selbst blind und taub sein. Und dass die Sprache des Tatens auch den gesamten Körper umfasst, versteht sich von selbst. Deshalb gehört auch die körperliche Liebe dazu.

Eines Tages erfährt er, welche Stellung er in der Kommune einnimmt. Er stellt aus Gedankenlosigkeit einen gefüllten Wassereimer auf einem der Gehwege ab und widmet sich seiner Aufgabe. Als ein Schmerzensschrei ertönt, dreht er sich um, nur um eine weinende und klagende Frau am Boden liegen zu sehen. Aus ihrem Schienbein, das sie sich am Eimer gestoßen hat, quillt bereits das Blut. Es ist die Frau, die ihn als Erste in der Kommune begrüßt hat. Nun tut es ihm doppelt leid, und er ist untröstlich. Doch Rosa informiert ihn, dass er sich einem Gericht der ganzen Kommune von 116 Mitgliedern stellen muss …

|Mein Eindruck|

Die vielfach ausgezeichnete Erzählung stellt dar, wie sich allein aus der Kommunikation eine utopische Gemeinschaft entwickeln lässt. Dass natürlich auch ökonomische, legale und soziale Randbedingungen erfüllt sein müssen, versteht sich von selbst, aber dass Außenseiter ihre eigene Art von Überlebensstrategie – in einer von Rezession und Gewalt gezeichneten Welt – entwickeln, schürt die Hoffnung, dass nicht alles am Menschen schlecht und zum Untergang verurteilt ist.

Der Besucher, ein 47-jähriger Bürohengst aus Chicago, findet in der Gemeinschaft der Taubblinden nicht nur sein Menschsein wieder, sondern auch eine Perspektive, wie er in der Außenwelt weiterleben kann. Er arbeitet als Schriftsteller, und dessen Job ist die Kommunikation.

Neben den drei Ebenen der Sprache, die die Taubblinden praktizieren, gibt es noch eine Ebene der Verbundenheit, die er nur durch die Zeichen +++ ausdrücken kann. Auf dieser Ebene findet mehr als Empathie statt, weniger als Telepathie. Aber es ist eine Ebene, erzählt ihm Rosa bei seiner Rückkehr, die es den Taubblinden (zu denen sie und die anderen Kinder nicht zählen) erlaubt hat, zu „verschwinden“. Wohin sind sie gegangen, will er wissen. Niemand wisse es, denn sie verschwanden beim +++en.

Es handelt sich also eindeutig um eine SF-Geschichte, nicht etwa um eine Taubblindenstudie, die in der Gegenwart angesiedelt ist. Für ihre Zeit um 1977/78 war die Geschichte wegweisend. Nicht nur wegen des Gruppensex und die Telepathie, die an das „Groken“ in Heinleins Roman „Fremder in einem fremden Land“ erinnert. Auch Homosexualität wird behandelt – und in der Geschichte praktiziert.

Wichtiger als diese Tabuthemen ist jedoch der durchdachte ökologische Entwurf für die Kommune und die Anklage gegen die Vernachlässigung bzw. Fehlbehandlung der Taubblinden – nicht nur in den USA. Der Verweis auf Helen Keller (1880-1968) und ihre Lehrerin Ann Sullivan verhilft dem Leser zu einem Einstieg in die Thematik, etwa in der Wikipedia.

_Die Übersetzung _

Auf Seite 39 faselt der Übersetzer Tony Westermayr etwas von „Primärzahlen“. Gibt es also auch Sekundärzahlen? Blödsinn! Gemeint sind Primzahlen.

_Unterm Strich_

Algis Budrys, einer der Redakteure oder Herausgeber des MFSF, erklärt in seiner „Einführung“ nichts, was den Autor selbst betrifft, außer dass dieser Englisch und Physik studiert habe und in Oregon lebe. Diese Zurückhaltung ist sehr löblich, denn alles, was man über den Autor zu wissen braucht, steht in seinen Geschichten.

Diese jedoch setzt Budrys in den zeitgenössischen und entwicklungshistorischen Zusammenhang der Science-Fiction. Kurz gesagt: Mit Varley, Bryant und neuen AutorInnen begann um 1975 ein neues Kapitel in der SF. Dass dem so, erkennen wir an den Tabubrüchen in Varleys Stories. Sie führen den Leser weit über das hinaus, was Heinlein, Campbell, Asimov und Clarke je geschrieben haben.

Ökologie, Kommunikationstheorie, Schwarze Löcher so klein wie ein Auto – all das sind neue Ideen, die bestimmend in der neuen SF auftauchen. Dennoch wird bei Lektüre des vom deutschen Verlag in drei Bände aufgeteilten Originalbuchs deutlich, dass wir auf eine Tour durchs Sonnensystem mitgenommen werden. Alles bitte einsteigen!

Die überragende Erzählung dieses Bandes ist natürlich „Trägheit des Auges“. Hier findet nicht ein Fitzelchen Technologie und Wissenschaft, wie John Campbell und Co. sie als Allheilmittel verehrten. Im Gegenteil: Der Atomreaktor hat sich als Fluch erwiesen. Klingt bekannt? Dann klingen auch die Ökomethoden der Taubblinden bekannt. Wichtiger ist aber die Kommunikation: In Gebärdensprache ist Lügen unmöglich! Das dürfte Politiker in Angst und Schrecken versetzen.

Die zweite Story wurde verfilmt, was angesichts ihrer rasanten Action sehr verständlich erscheint. Auch ihre Zukunftsvision ist äußerst düster. Ganz anders dagegen die erste Story über die zwei Techniker, die einem vagabundierenden Schwarzen Loch begegnen. Statt wie bisher getrennt und frustriert zu sein, führt es sie zusammen, statt sie zu vernichten. Fast alle Varley-Geschichten haben solche Happy-Endings. Das machte sie so erfolgreich.

|Taschenbuch: 127 Seiten
Originaltitel: The Persistence of Vision, Teil 1 (1978)
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr und Rose Aichele
ISBN-13: ISBN-13: 978-3442233816|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

_John Varley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Satellit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2392
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669
[„Mehr Voraussichten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7453
[„Noch mehr Voraussichten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7454

Manfred Kluge (Hrsg.) – Katapult zu den Sternen. Magazine of Fantasy and Science Fiction 51

_Mit König Artus gegen den Nekromanten!_

Vom traditionsreichen SF-Magazin erscheinen in dieser Auswahl folgende Erzählungen:

1) Die Story von der Dame, der man besser abgeraten hätte, in einem Antigrav-Haus zu wohnen.

2) Die Story von dem Hobby-Prospektor, der seinen Urlaub auf der Venus verbringt und dort sein Glück zu machen hofft.

3) Die Story von den Heimkehrern einer Sternenexpedition, die eine völlig veränderte Erde vorfinden und sich anzupassen haben.

4) Die Story von den Würmern, welche die Erde besuchen, und wie frühere Besucher auch die Menschheit mit ihren Segnungen hätten beglücken können.

5) Die Story von dem Regierungsspezialisten für mysteriöse Fälle, der sich mit dem Fall eines Freundes konfrontiert sieht, der mehr als mysteriös ist.

_Das Magazin_

Das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abgelöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

_Die Erzählungen _

_1) Michael G. Coney: Katapult zu den Sternen (1976)_

Auf dem Planeten Peninsula herrscht Müßiggang wie in Florida. Eine der Freuden besteht jedoch im Schleudersegeln: Ein Mann wird auf ein Schleuderkatapult geschnallt und lässt sich mit 160 Stundenkilometern in die Höhe schnellen, um sodann an einem Gleiter zu segeln. Der entscheidende Punkt bei diesem Start ist jedoch, den Auslösebolzen rechtzeitig zu lösen. Wer das wie der arme St. Clair unterlässt, endet als tote Masse in der See.

Joe Sagar ist unser Mann vor Ort und selbstredend Mitglied im Klub der Schleudersegler. Eines Tages kommt also diese Lady namens Carioca Jones hereingeschneit und will den Klub besuchen. Da ihr ein streitbarer, um nicht zu sagen: umstrittener Ruf vorauseilt – sie agitiert gegen zwangsweise erfolgte Organspenden -, soll ihr der Zutritt verwehrt werden. Der intelligente Seehund an ihrer Seite trägt auch nicht gerade zum Eindruck ihrer Seriosität bei.

Doch sie hat zwei Begleiter bei sich, die die Stimmung ändern: Wayne Traill ist sehr beliebter 3d-Fernsehstar, und mit seiner leutseligen Art im Verein mit seiner beeindruckenden Größe kriegt er die Klubmitglieder dazu, Carioca doch noch Einlass zu gewähren. Es wird ein netter Abend, findet Joe. Und dass kaum jemand Notiz von Waynes unscheinbarer Gattin Irma nimmt, findet er schade.

Die Zeit vergeht, und Carioca versucht Joe wie alle Kerle zu verführen. Sie will ihn mit ihrem Antigrav-Haus beeindrucken, das sie unweit des Strandes von Peninsula gekauft hat. Es hängt an einem Stahlseil, dessen Ende in einem mit intelligenten Haifischen bestückten Pool verankert ist. Gleich daneben stehen noch vier Hochleistungs-Laserstrahler.

Schon bei seiner ersten Einladung merkt Joe, dass hier der Haussegen schief hängt: Wayne betrügt seine Frau Irma offensichtlich mit Carioca, und Irma muss es sich gefallen lassen. Aber wie lange noch, fragt sich Joe. Doch seinen Rückzug aus diesem Antigrav-Haus hat er sich weniger gefährlich vorgestellt.

Wayne Traill folgt einer Einladung des Seglerklubs. Man will ihn überlisten, sich auch mal mit dem Katapult schleudern zu lassen. Hat er den Mumm dazu? Er will gerade einen eleganten Rückzieher machen, als ein Schrei ertönt: Das Stahlseil, an dem das Antigrav-Haus gehangen hat, ist durchtrennt worden – nun saust Carioca Jones hilferufend dem Himmel entgegen!

Da gibt es nur eins für Wayne Traill: Er lässt sich ins halbwegs funktionsfähige Seglerkatapult schnallen und – ab die Post, Carioca hinterher! Wird er den Auslöser rechtzeitig betätigen können, der seit St. Clairs „Unfall“ nicht mehr repariert worden ist?

|Mein Eindruck|

Der Klub der Schleudersegler erinnert an einen viktorianischen Herrenklub. Die Mitglieder haben Respekt vor dem Filmstar, der den Macho verkörpert. Doch dessen Auftreten ist von zweifelhafter Moral. Denn er betrügt seine Frau Irma mit der ebenso glamourösen Carioca. Als Irma das Spielzeug Cariocas, das Antigrav-Haus, in die Luft gehen lässt, will sie dieser Rivalin ebenso wie ihrem aufgeblasenen Mann die Luft rauslassen. Eine klassische Dreiecksgeschichte also.

Der romantisch-dramatische Plot dient nicht nur der Vermittlung einer exotischen Sportart, dem Schleudersegeln, sondern auch den Konsequenzen von Genmanipulation und Organhandel. Gegen Letzteren tritt Carioca, obwohl sie gegen Genmanipulation nichts einzuwenden hat, wie ihr Haustier beweist. Ihre Doppelmoral spiegelt sich in ihrer Affäre mit Wayne wider.

_2) John Varley: In der Schüssel (In the bowl, 1976)_

Kiku ist ein Amateurgeologe vom Mars, der schon einiges Wundersames von den Venussteinen, den Juwelen der Venus-Wüste, gehört hat. Sie sollen eine Menge wert sein, aber auch nur deshalb, weil sie schwer zu bekommen sind. Wie schwer, will Kiku herausfinden.

Zunächst macht er den Fehler, sich ein Ersatzauge aufschwatzen zu lassen – angeblich ein Schnäppchen, aber leider mit einer gewissen Fehlsichtigkeit. Die macht sich auf der Venus zunehmend lästig bemerkbar. Er passiert eine Stadt nach der anderen, bis er endlich die tiefe Wüste erreicht. Nach Last Chance kommt nur noch Prosperity. Hierhin kommen die Pendelbusse nur noch im Wochentakt.

Die einzige Medizinerin weit und breit, die Kiku mit seinem versagenden Billigauge helfen kann, ist Ember. Das Mädchen planscht grade mit seinem zahmen Otter im Dorfbrunnen herum, als Kiku es wegen der nötigen Operation anquatscht. Sie sieht aus wie 18, sagt aber, sie sei schon 13, und das wäre auf der Venus schon fast ein legales Alter. Tatsächlich findet sie sich bereit, ihm das Auge zu reparieren. Als sie aber herausfindet, was er hier draußen im Nirgendwo wirklich vorhat, will sie sofort mit von der Partie sein.

Kommt ja gar nicht in die Tüte, protestiert Kiku sofort, natürlich vergebens. Denn zufällig besitzt Ember auch das einzige funktionierende Fluggefährt weit und breit. Nur mit diesem Schweber könne Kiku über den Grat des Randgebirges in die tiefe Wüste gelangen, wo die wertvollen Venussteine wachsen.

Tja, und so kommt es, dass sich Kiku mit einem listenreichen Mädel und einem zahmen Otter auf den Weg über die Berge macht. Es wird ein Abenteuer, das beide grundlegend verändern soll. Aber das kann auch sein Gutes haben …

|Mein Eindruck|

John Varley sieht in Veränderung immer auch die Chance zu einem Neuanfang. Und dies gilt natürlich auch für Kiku, der ein einsames Leben führt, und für Ember, die endlich von der venusischen Sandkugel runterkommen will. Allerdings braucht es noch etwas Nachhilfe, bevor diese beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten zueinander kommen können.

Dieser Katalysator ist der Venusstein, eine denkwürdige Begegnung in der Wüste, die Kikus Geist verändert – und in Gefahr bringt. Die bodenständige Ember ist nötig, um ihn vor dem Wahnsinn zu bewahren und ihm zu zeigen, was er wirklich braucht: einen lieben Menschen an seiner Seite. Jetzt muss Kiku nur noch herausfinden, ob er Ember lieber als Tochter adoptieren oder doch gleich heiraten soll. Aber auch das wird sich noch zeigen, sobald sie beide erst einmal auf den Mars gelangt sind.

Dem zuversichtlichen Menschen nach Varley-Art ist „nix zu schwör“. Auch in seinen Erzählungen, die in den drei Goldmann-Erzählbänden „Voraussichten“, „Mehr Voraussichten“ und „Noch mehr Voraussichten“ zusammengefasst sind, erweisen sich die Hauptfiguren als Erkunder neuer Zustände und Gegenden. Hier ist es ein gekauftes Organ, das Kiku zur schicksalhaften Begegnung mit Ember – und einem Venusstein – verhilft.

In „Ein Löwe in der Speicherbank“ gerät die Hauptfigur mit einer Sicherheitskopie seines Geistes ins Innere eines Computers und muss sich dort einrichten. In der preisgekrönten Story „In der Halle der Marskönige“ richten sich die Mars-Siedler häuslich in einem Alien-Konstrukt ein – mit entsprechenden Überraschungen. Für solche ist Varley immer gut (gewesen), und das macht seine Storys so vergnüglich, ohne es an Tiefgang fehlen zu lassen.

_3) Brian W. Aldiss: Drei Wege _

Das Forschungsschiff „Bathycosmos“ war zehn Jahre Bordzeit unterwegs, nun kehrt es zur Erde zurück. Doch hier sind wegen der relativistischen Effekte der schnellen Fortbewegung des Schiffes inzwischen 120 Jahre vergangen. Beim letzten Zusammentreffen aller Besatzungsmitglieder hält ihnen die Präsidentin von Korporatien eine erschütternde Ansprache.

Die gute Nachricht zuerst: Inzwischen sei die Große Eiszeit beendet und die meisten Seewege wieder frei. Aber ein neuer Kontinent sei zwischen Neuseeland und dem Ellis-Archipel aufgetaucht. Dieser werde gerade besiedelt. Die schlechte Nachricht: Zwei Atomkriege haben viele Menschenleben gekostet und sämtliche, der Crew bekannten Länder ausradiert oder umgestaltet. Korporatien werde die Rückkehrer aus dem All durch seine Bürokratie schleusen und sie weiterleiten. Wie der Commander feststellen muss, interessiert sich keine Sau für die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sein Schiff gesammelt hat.

Lucas Williamz, A. V. Premchard und Jimmy Dale ahnen noch nicht, was auf sie zukommt. Williamz will zurück ins heimatliche Australien, doch da dieses Land nun im feindlichen Neutralien liegt, müsse er sich erst als Gefangener internieren und dorthin transportieren lassen. Williamz erfährt auf der langen Zugfahrt von den bestinformierten Leuten dieser Weltregion, dass der neue Kontinent namens Seelandia gerade besiedelt werde. Da will er hin.

A. V. Premchard, der Hindu, will nach Indien, logisch. Doch Indien liegt jetzt in der Dritten Welt, von Korporatiern auch abfällig Anarchanien genannt. Folglich muss er ebenfalls Einbußen und Hindernisse hinnehmen. Tatsächlich geht es dort in der Bürokratie immer noch wie im Mittelalter zu, also wie seit Jahrtausenden gewohnt. Die letzten 500 km in sein Dorf Kanchanapara soll er zu Fuß gehen.

Jimmy Dale muss erst wie Williamz eine brutale Phase der Desorientierung durchstehen, bevor er sich wieder auf die Straße traut. Seltsam: Überall sind nur uniformierte oder unscheinbar gekleidete Frauen zu sehen, kein einziger Mann. Als er in einer Bar nach einer Nutte fragt, bekommt er es mit einer kräftigen Lesbe zu tun, die ihn an eine Bulldogge erinnert. Er wehrt sich, so gut er kann, wird aber gleich danach von der – weiblichen – Polizei vermöbelt. Jimmy ist in einer weiblichen Tyrannei gelandet, mit einem weiblichen Hitler an der Spitze.

Williamz wird der Zugang zu Seelandia verwehrt, und zwar, weil seine Urgroßmutter aus Begalen stammte. Dem Rassismus zum Trotz findet er dennoch ins Land seiner Träume: ein Wilder Westen, der nur auf die Eroberung wartet …

|Mein Eindruck|

Die Erzählung zeigt drei Wege der Weiterentwicklung auf, die dem Menschen nach Eiszeit und Atomkrieg bleiben. Williamz errichtet sein eigenes Königreich und sucht sich eine Frau, um eine Dynastie zu gründen. Aber sein Freund A.V. Premchard wählt den kleinen Horizont seines Dorfes, um sein Wissen an die Landbevölkerung weiterzugeben. Er wohnt bei seinem Urenkel in spirituellem Frieden.

Doch Commander Skolokov verkörpert den dritten Weg: Er will in einem neuen Raumschiff der Korporatier, der „Bathycosmos II“, noch weiter hinausfahren, auf eine Reise, die 300 Erdenjahre dauern wird. Williamz lehnt die Teilnahme an dieser Expedition ab: Seine Ziele sind irdischer und praktischer Natur. Also muss Skolokov alleine hinausfahren.

Die drei Wege sind altbekannt, müssen aber immer erneut beschritten werden: den der macht, den des Wissens und den der Spiritualität. Der Autor, der schon 1942 in Hinterindien gegen die japanischen Invasoren kämpfte, kennt sich nicht nur mit Land und Leuten des indischen Subkontinents bestens aus, sondern auch mit deren Mentalität, Religion und Bräuchen. Das verleiht seiner Erzählung einen realistischen Eindruck, aber auch eine bleibende Wirkung.

_4) Bruce McAllister: Victor_

Würmer aus dem intergalaktischen Raum fallen auf die Erde herab, geschützt durch Chitinkokons. Sie wühlen sich bei Nacht in den städtischen Müll. Doch als ein Beleuchter vom Theater seine Lampe auf sie richtet, vermehren sie sich explosionsartig. Die Stadt ist alarmiert, und Professor Stapledon, der Vater von Jane, informiert die Behörden. Die wollen gleich Bomben werfen, doch er sagt Nein. Er ruft Jane und ihren Freund, den Reporter, an, damit sie seine Vogelpfeife suchen. Mit dieser lassen sich Tausende Vögeln auf die Müllkippe locken. Und was machen sie wohl? Sie fressen die Würmer. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

Doch die Geschichte geht noch weiter. Jane und ihr Freund, der namenlose Ich-Erzähler, heiraten, das Interesse an der Würmerinvasion flaut ab, drei Kinder werden dem Paar geboren, die Jahre vergehen, es folgt die Scheidung und er bindet sich erneut, an eine Frau, die sich wenigstens dafür interessiert, was er denkt. Er denkt an den Weltraum und an Raumschiffe, was sonst.

|Mein Eindruck|

Diese Story erzählt ungefähr das genaue Gegenteil dessen, was Robert A. heinlein in seinem klassischen Invasionsroman „Invasion der Wurmgesichter / Die Marionettenspieler“ als Horrorszenario an die Wand malte: dass uns die Invasoren übernehmen würden, wenn wir ihnen nicht Einhalt gebieten würden. Das war eine versteckte Warnung vor der Roten Gefahr, dann der Gelben Gefahr oder welcher Farbe auch immer der jeweiligen Regierung gerade missfiel.

Dass die Würmer zur Müllbeseitigung herangezogen hätten werden können, auf diese Idee kam niemand. Man sah stets nur die Gefahr, nie die Chance. Wenigstens wurden keine Bomben geworfen, sondern eine ökologische Lösung gewählt. Auch schon ein Fortschritt.

_5) Sterling E. Lanier: Der Geist der Krone (Ghost of a Crown)_

Irgendwo in London in einem literarischen Klub stellt ein junger Mann namens Simmons die Wahrheit in all diesen Gespenstergeschichten und Legenden, von denen Großbritannien voll zu sein scheint, stark in Frage. Tatsächlich schließen sich seiner Meinung einiger Klubmitglieder an, doch dann tritt Brigadegeneral Donald Ffellowes auf und erzählt eine umwerfende Geschichte, die Simmons‘ Meinung – die dieser gar nicht mehr vehement vertreten will – widerlegen soll. Sie geht folgendermaßen …

Ffellowes arbeitet in einer Spezialabteilung des Kriegsministeriums (wie es damals hieß) und wird von einem alten Schulfreund namens James Penruddock um Hilfe gerufen. Er reist nach Cornwall auf das Anwesen des Grafen, das den Namen Avalon House trägt. James holt seinen Freund Donald am Bahnhof ab und erzählt ihm vom Grund seines Hilferufs. Grässliche Geräusche in der Nacht und wiederholtes nächtliches Sturmtosen brächten die Bediensteten sowie ihn und seine Frau Isobel um den Schlaf. Ein Hausmädchen sei bereits schreckerfüllt abgereist. Noch sei niemand zu Schaden gekommen, doch das könne ja wohl nur eine Frage der Zeit sein, oder?

Bei seiner Ankunft hat Donald Gelegenheit, James‘ bleichen, schwarzhaarigen Bruder Lionel kennenzulernen. Wie stets ist Lionel, dem der Ruf eines perversen, aber fähigen Archäologen vorauseilt, arrogant und abweisend. Er logiert mit James‘ Erlaubnis im Sommerhaus und führt Grabungen in einer alten Burgruine durch, die auf einer Felsklippe über die tosende See ragt. Diesmal gibt ihm jedoch James zu aller Erstaunen Kontra, und Lionel schwirrt schmollend ab.

Schon in dieser Nacht findet Donald die Angaben von James bestätigt: unmenschliches Geschrei, tosender Sturmwind – und den intensiven Duft von Apfelblüten in der Luft. Bemerkenswert. Ganz im Gegensatz zum fauligen Geruch, der aus dem Keller emporsteigt. Was mag dahinter stecken? Donald nimmt Lionel unter die Lupe.

Dieser arbeitet mit zwei finsteren Gesellen, die er seine Assistenten nennt, in den Tiefen der Burgruine. Was mag sich dort nur verbergen? Lionel will Donald vertreiben, redet mit seinen Gesellen in einem rauen Dialekt, den Donald später als Bretonisch identifiziert. Als Lionel den Fehler macht, Hand an Donald zu legen, bricht ihm der Agent des Ministeriums fast das Handgelenk. Er erkennt den glühenden Hass des Bruders auf James; es ist der Hass des Enterbten, der das haben will, wovon er glaubt, es stünde ihm zu: das Land seines Bruders.

Der Begriff Bretagne ist der Schlüssel zu einem Teil des Rätsels. Von alters her bestehen enge Beziehungen zwischen den beiden keltischen Ländern Cornwall und Bretagne, und laut den Legenden, die Sir Thomas Malory und andere aufschrieben, zog einst auch König Artus, der Retter Britanniens vor den Sachsen, in die Bretagne, um dort zu kämpfen. Doch Artus hatte einen dunklen Halbbruder, der ihm sein Reich neidete und schließlich versuchte, ihn zu töten.

Soll sich die alte Geschichte tatsächlich auf Avalon House wiederholen? Als Donald in der nächsten Nacht den unmenschlichen Schrei gefolgt von Pferdewiehern hört, geht er zu James, um ihm zum Kampf zu rufen. Nur dass James ihn bereits gestiefelt und gespornt bereits erwartet. „Der Jäger ist gekommen“, sagt James nur, dann holen sie je ein Schwert und stellen sich der Herausforderung. Doch wer hat den Jäger der Nacht, der nun im dichten Nebel angreift, gerufen und zu ihnen geschickt?

Das Geheimnis kann nur ein Besuch in den Tiefen der Burgruine lüften …

|Mein Eindruck|

Es ist eine Überraschung, dass eine so konservativ gestaltete Erzählung in einer Auswahl aus den siebziger Jahren auftaucht. Und sie hat natürlich beileibe nichts mit Naturwissenschaften zu tun, sondern viel mehr mit Schauergeschichten und Fantasy. Die Folie ist eindeutig die Artus-Sage, die ja ihre pikante Spannung daraus bezieht, dass Artus unwissentlich mit seiner Schwester schläft und so seinen Sohn und Halbbruder Mordred zeugt, der zu seiner Nemesis wird.

Während diese Fantasy-Vorlage nun erneut ausgespielt wird, als handle es sich um eine viktorianische Schauergeschichte, nimmt die Handlung im Innern der Burgruine eine unerwartete Wendung, die neu ist. Denn hier unten in den Tiefen des uralten Gemäuers liegt das Grab jenes dunklen spirituellen Herrschers, der vor den Christen die Inseln beherrschte und von ihnen vertrieben wurde. Sein Name wird an keiner Stelle ausgesprochen, deshalb bleibt dies Spekulation. Man könnte ihn Cernunnos nennen, den Herrn der Wälder, oder Herne.

Lionel alias Mordred schickt sich an, ihn mit schwarzer Magie zum Leben zu erwecken. Fauliger Gestank, missgestaltete Kreaturen erfüllen die Höhle des Grabmals, als James und Donald sich mit ihren Waffen Lionel, dem Nekromanten, entgegenstellen …Mehr darf nicht verraten werden.

Aber es ist erstaunlich, dass der Autor des Post-Holocaust-Klassikers „Hieros Reise“, dieses wunderbar altmodische Garn veröffentlicht hat. Er hätte einen Roman daraus machen können. Wer Sherlock Holmes und die Viktorianer liebt, wird sich hier wie zu Hause fühlen. Und obwohl es an Romantik ein wenig fehlt (Isobel kommt nur im Epilog richtig zu Wort), wäre die Geschichte ein klassischer Fall für die Hörspielreihe GRUSELKABINETT.

_Die Übersetzung_

Es gibt ein paar ärgerliche Druckfehler in diesem schmalen Band. Ich liste sie einfach kommentarlos auf.

Seite 36: „Hole“ statt „Holo“.

Seite 43: Statt Phobos, dem Marsmond, schreibt der Übersetzer der Varley-Story ständig „Phöbos“. Beides sind griechische Wörter, doch „phobos“ bedeutet „Furcht“ und „Phöbus / phoibos“ ist der Name des Lichtgottes Apoll.

Seite 72: „Er legte seinen Arm um seinen Freund, A.V. Premchard sagte sanft …“ Das falsch gesetzte Komma verwirrte mich völlig. Denn den folgenden Dialog-Satz spricht nicht Premchard, sondern Williamz. Daher muss das Komma wie folgt stehen: “ …um seinen Freund Premchard, sagte sanft …“.

Seite 145: „das Geräusch von Wasser, daß irgendwo tropfte.“ Statt „daß“ müsste es „das“ heißen.

Auf Seite 146 verhält es sich genau umgekehrt. In dem Satz „dass ich nichts von der Welt wußte, außer das sie die Kontrolle über mein Handeln an sich gerissen hatte …“ müsste das Wörtchen „das“ ein „daß“ sein. Dann stimmt die (alte) Grammatik.

_Unterm Strich_

Alle Erzählungen bis auf eine sind von hoher Qualität. Sie bieten gute Unterhaltung sowie erstaunliche Ideen. Und Ideen sind ja der Hauptgrund, warum man überhaupt SF-Erzählungen liest. Sonst könnte man ja gleich zu einem Roman greifen. In der SF entstehen Romane aber häufig aus mehr oder weniger langen Erzählungen. Während die Story eine oder zwei ungewöhnliche Einfälle präsentiert, ist es die Aufgabe eines Romans, eine Entwicklung zu schildern.

Während die Erzählungen von den zwei Könnern Coney und Varley mein Interesse fesseln konnten, gelang dies McAllisters Story „Victor“ leider nicht. Nach einem Genre-typischen, starken Auftakt verliert sich der Rest in banalem Geschehen wie etwa Heirat, Kindern, Scheidung und neuer Beziehung. Was soll daran Besonderes sein?

Auch die Erzählung von Brian Aldiss folgt keinem vorgegebenen Story- oder Handlungs-Muster, sondern schildert schon eine Entwicklung, wie es ein Roman täte. Deshalb muss der Leser Geduld aufbringen, während die drei Hauptfiguren ihren jeweiligen Weg verfolgen. Und bei Aldiss, das weiß der erfahrene SF-Kenner, muss man sich stets darauf gefasst machen, dass die Figuren unangenehme Überraschungen erleben. Für Aldiss, eine der wichtigsten Autoren der New Wave in den sechziger Jahren, ist das Leben kein Zuckerschlecken. Einer zahlt immer drauf.

Als Trostpflaster zu diesen beiden Erzählungen erlebte ich dann zu meinem Erstaunen eine gruselige Fantasygeschichte, die von einem SF-Klassiker namens Sterling Lanier kommt. (Er war übrigens der Typ, der es Frank Herbert 1965 überhaupt erst ermöglichte, seinen voluminösen Roman „DUNE“ als Hardcover bei einem Verlag zu veröffentlichen – alle anderen hatten schon abgelehnt.)

Laniers Story versetzt uns zurück in ein quasi-viktorianisches England, so dass man jeden Moment erwartet, einen Gespensterdetektiv auftreten zu sehen. Solche Figuren gab es in der Massenliteratur zuhauf, so etwa auch Aylmer Vance. Tatsächlich ist unser Erzähler Donald Ffellowes so ein Kerl, eine Art james Bond des Esoterischen. Zusammen mit einer Story direkt aus den Artus-Legenden wird noch eine richtige Sword-& Sorcery-Handlung draus. Wirklich erstaunlich – und sehr unterhaltsam.

Im Unterschied zu Isaac Asimov’s SF Magazin hatte das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ keine Berührungsängste zur Fantasy und Schauerliteratur. Ein Glück, denn sonst wäre mir dieser feine Beitrag durch die Lappen gegangen.

|Taschenbuch: 158 Seiten
Erstveröffentlichung im Original: 1976/77/78
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453304826|
[www.heyne.de]http://www.heyne.de

_Mafred Kluge bei Buchwurm.info:_
„Die Cinderella-Maschine“
„Jupiters Amboss. Magazine of Fantasy and Science Fiction 49“

Wahren, Friedel (Hrsg.) – Isaac Asimovs Science Fiction Magazin, 38. Folge

Trügerische Utopien und andere Herausforderungen

Dieser Auswahlband aus dem Jahr 1991 enthält Erzählungen von Kim Stanley Robinson, George Alec Effinger, Mike Resnick, Michael Kallenberger, Megan Lindholm (= Robin Hobb), James Patrick Kelly und dem deutschen Autor Peter Frey.

Drei Novellen ragen heraus. Effingers Novelle bildet den Anfang seines Roman „Das Ende der Schwere“, Resnicks Novelle „Manamouki“ wurde mit dem begehrten HUGO Award ausgezeichnet und Kelly glänzt mit der Novelle „Mr. Boy“.

Die Herausgeber

Friedel Wahren war lange Jahre die Mitherausgeberin von Heynes SF- und Fantasyreihe, seit ca. 2001 ist sie bei Piper verantwortlich für die Phantastikreihe, die sowohl SF als auch Fantasy veröffentlicht.

Isaac Asimov, geboren 1920 in Russland, wuchs in New York City auf, studierte Biochemie und machte seinen Doktor. Deshalb nennen seine Fans ihn neckisch den „guten Doktor“. Viel bekannter wurde er jedoch im Bereich der Literatur. Schon früh schloss er sich dem Zirkel der „Futurians“ an, zu denen auch der SF-Autor Frederik Pohl gehörte. Seine erste Story will Asimov, der sehr viel über sich veröffentlicht hat, jedoch 1938 an den bekanntesten SF-Herausgeber verkauft haben: an John W. Campbell. Dessen SF-Magazin „Astounding Stories“, später „Analog“, setzte Maßstäbe in der Qualität und den Honoraren für gute SF-Stories. Unter seiner Ägide schrieb Asimov nicht nur seine bekannten Robotergeschichten, sondern auch seine bekannteste SF-Trilogie: „Foundation“. Neben SF schrieb Asimov, der an die 300 Bücher veröffentlichte, auch jede Menge Sachbücher, wurde Herausgeber eines SF-Magazins und von zahllosen SF-Anthologien.

Die Erzählungen

1) Kim Stanley Robinson: Das Ende der Traumzeit (Before I Wake)

Der Wissenschaftler Fred Abernathy erwacht aus einem wunderschönen Traum, weil sein Kollege Winston ihn anbrüllt, er solle gefälligst aufwachen. Aber er ist doch wach, oder etwa nicht? Winston erklärt, dass die Menschen, wie Fred, Wachen nicht mehr von Träumen unterscheiden können, weil ihre Wach- und Schlafphasen völlig durcheinandergeraten sind. Das Magnetfeld der Erde muss in ein starkes Feld kosmischer Strahlung geraten sein, die dies verursacht.

Flugzeuge sind abgestürzt, Auto- und Schiffsverkehr zusammengebrochen. Abernathy holt seine träumende Schwester Jill aus dem niedergebrannten Zuhause ab und bringt sie ins Labor zu Winston und anderen Mitarbeitern des Instituts. Hier versucht Abernathy, unter ständiger Verabreichung von Schmerz, Aufputschmitteln usw., ein Abschirmgerät zu entwickeln. Es gelingt ihm. Doch dankt man es ihm? Nein: Auf einmal gehen alle auf ihn los: Er sei schuld. Aber an was? Als er stürzt, glaubt er eine Treppe hinabzustürzen, doch dann erwacht er. Wirklich?

Mein Eindruck

Der Autor hat die Schlafforschung von 1990 gründlich studiert, und auch heute forscht man eifrig weiter, was im Schlaf passiert. Er geht aber weiter, indem er fragt, wie Bewusstsein entstand, als das Gefühl, wach zu sein und sich zu fragen: „Wer und was bin ich?“ Wozu dient dann aber das Träumen? Möglicherweise kann in diesem Zustand das menschliche Bewusstsein in die Unendlichkeit hinausreichen und sich so seiner spirituellen Seite bewusst werden.

Der Rest der Handlung lässt sich durchaus vernünftig verfolgen, da dies keine Story von Philip K. Dick oder J. G. Ballard ist. Fred erkennt das Problem, bekämpft es und sucht, wie ein guter Wissenschaftler, die Lösung dafür: die Abschirmung des Kopfes gegen die Magnetstrahlung. Der Träger des Helms würde also aufwachen. Ironischerweise ziehen seine Arbeitskollegen es vor weiterzuträumen …

2) George Alec Effinger: Marîd lässt sich aufrüsten (Marîd Changes His Mind)

Der etwa 30-jährige christliche Algerier Marîd Audran lebt als Privatdetektiv im Budayin, dem Rotlichtbezirk einer nordafrikanischen Stadt im 21. Jahrhundert. In den Strip-Klubs findet er seine Kumpel, seine diversen Freundinenn – und leider auch seine Feinde. Die Halbwertszeit eines Lebens ist hier stark reduziert. Seine derzeitige Freundin ist Yasmin, eine Oben-ohne-Tänzerin, aber auch mit Tamiko und Nikki hat er schon nähere Bekanntschaft geschlossen. Marîd ist ein wenig exotisch und wirkt arrogant, weil er sich standhaft weigert, ein Software-Add-on für die Persönlichkeitsmodifikation zu benutzen. Er hat nicht mal eine Schädelbuchse dafür und zieht stattdessen Tabletten vor. Yasmin kennt solche Skrupel nicht, und deshalb ist sie die populärste Tänzerin bei Frenchy’s.

Die Mordserie

Dass die Moddys und Daddys – die Persönlichkeitsmodule und Software-Add-ons – auch Gefahren bergen, zeigt sich, als ein neuer Kunde Marîds vor seinen Augen vor einer James-Bond-Kopie umgenietet wird. Wie taktlos. Leider bleibt es nicht bei diesem Mordopfer. Auch Tamiko und eine ihrer Freundinnen, die sich als Killeramazonen auftakeln, erleiden einen vorzeitigen Exitus. Und ihre und Marîds Freundin Nikki verschwindet spurlos. Schleunigst begleicht Marîds Nikkis Schulden bei Hassan und Abdullah, doch auch dies bewahrt ihn nicht vor einem bösen Verdacht, als Abdullah ebenfalls die Kehle aufgeschlitzt wird.

Diesen Verdacht hegt jedoch nicht die Polizei unter Kommissar Okking, mit dem Marîd schon öfters zu tun hatte, sondern der Obermacker des Rotlichtviertels, Friedlander Bei. Marîd bekommt eine „Privataudienz“ mit der Option auf sofortige Exekution durch die zwei Gorillas dieses Paten. Doch er kann ein hieb- und stichfestes Alibi für Abdullahs Tod vorweisen und springt dem Tod noch einmal von der Schippe. Er erfährt, dass alle Ermordeten in Diensten Friedlander Beis standen, sei es als Kunden oder als Auftragskiller wie Tamiko. Offensichtlich will jemand die Geschäfte des Beis erheblich stören, und das kann dieser nicht zulassen.

Ein neuer Chef

Und an dieser Stelle kommt nun Marîd ins Spiel. Er sei der Einzige, so der Bei, der es schaffen könnte, schlauer als die Polizei und schneller als der Killer zu sein. Der Bei bittet Marîd daher, für ihn den Schuldigen zu finden. Und wenn er bittet, dann hat Marîd das als Befehl aufzufassen. Die Bezahlung ist fürstlich, doch die Sache hat einen Haken: Marîd muss sich aufrüsten lassen. Das schmeckt ihm überhaupt nicht, aber was bleibt ihm anderes übrig? Umsonst ist nur der Tod, und der kostet das Leben. Die eigenen Ärzte des Beis sollen die OP vornehmen. Na schön, willigt Marîd ein, froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Auch seine Freundin Yasmin überredet ihn, sich „verdrahten“ zu lassen.

Verdrahtet

Drei Wochen später – es ist Ramadan – erwacht Marîd mit einem Brummschädel und merkt, dass er im Bett eines recht angenehm aussehenden Krankenhausbettes liegt. Es unterscheidet sich von den Armenzimmern, die er nach einer Blinddarm-OP kennenlernte. Offenbar hat sein neuer Mäzen dafür gesorgt. Der Arzt, Herr Yeniknani, ist sehr besorgt um das Wohl und Wehe von Marîd und erklärt ihm die neuen Implantate. Marîd kann jetzt nicht nur Persönlichkeitsmodule und Software-Add-ons hochladen, um jemand anderes zu sein und zusätzliches Wissen zu erlangen. Nein, er kann noch viel mehr, weil Dr. Lîsani ihm winzige Drähte in tiefe Regionen seines Hirns eingeführt hat, damit Marîd Gefühle wie Hunger, Durst, Schlaf und sexuelle Erregung direkt kontrollieren kann. Allerdings kann er sich nicht selbst einen Orgasmus verschaffen, denn das wäre kontraproduktiv gewesen. Marîd ist beeindruckt.

Sobald er wieder entlassen worden ist, hört er, dass dieser James-Bond-Verschnitt verschwunden ist und dass seine eigene Freundin Nikki tot aufgefunden wurde – in einem Müllsack. Bei ihr findet er ein selbstgebasteltes Moddy, einen Ring und einen Skarabäus, möglicherweise Hinweise auf Herrn Leipolt, einen deutschen Kaufmann, mit dem Nikki zu tun hatte. Als er das Moddy von einer Moddy-Ladenbesitzerin testen lässt, verwandelt sich diese daraufhin in eine reißende Bestie. Marîd ist erschüttert. Aber dieses satanische Moddy kann nicht den oder die Mörder gesteuert haben, denn dafür sind die Morde zu sorgfältig durchgeführt worden. Als er Tamikos Freundin Selima, die dritte ihres Killertrios, hingeschlachtet vorfindet, warnt ihn eine mit Blut geschriebene Botschaft, dass er der Nächste sei.

Mein Eindruck

Auf den ersten Blick entspricht der Roman „Das Ende der Schwere“, den diese Story eröffnet, dem typischen Klischee für einen Cyberpunk-Roman: Modernste Technik steht im krassen Gegensatz zu dem illegalen oder zwielichtigen Milieu, in dem es eingesetzt wird. In der Regel ist der Grund für solchen Technikeinsatz aber der, dass im Untergrund und auf dem schwarzen Markt die moderne Technik – hier Persönlichkeitsmodule – erst voll ausgereizt werden. Das ist bis heute so, wenn man sich zum Beispiel Gadgets, Hacker, Designer-Drogen und das Internet ansieht.

Was den Roman über das Niveau der meisten Cyberpunk-Romane, die zwischen 1983 und 1995 erschienen (also bis zum Start der Shadowrun-Serie, als die Klischees endgültig in Serie gingen), hinausgeht, ist die Hauptfigur. Marîd Audran ist kein jugendliches Greenhorn mehr und hat bereits einige Lebensphasen hinter sich. Er lebt außerhalb der bürgerlichen Lebensgrenzen auf einem Areal, das zwar auf dem Friedhof liegt, aber als Rotlichtbezirk und Vergnügungsviertel genutzt wird. Touristen und Seeleute toben sich hier aus und, wie Audran erfährt, auch zunehmend Politflüchtlinge aus Europa.

Audran hat einen Horizont, den er ständig erweitert, und ein Händchen für Damen und Freunde. Beide sind ihm gleichermaßen treu, denn er weiß, dass er ohne sie nicht in diesem Milieu überleben kann. Er hat sich wie ein Chamäleon der Umgebung angepasst. Obwohl er, wie Friedlander Bei feststellt, Christ ist, befleißigt er sich doch bei jeder sich bietenden Gelegenheit der arabischen Höflichkeits-Floskeln, zitiert den Koran, ruft Allah an und weiß mit arabischen Geschäftsleuten umzugehen, selbst wenn es sich um die größten Halunken handelt. Kurzum: Er ist ein Überlebenskünstler, noch dazu einer mit einem Gewissen und einem (gut versteckten) Herz aus Gold. Sonst würde er nicht nach verschwundenen Freundinnen fahnden.

Das macht ihn aber noch nicht zu einem guten Detektiv. So brüstet er sich zwar mit seiner Fähigkeit, jeden geschlechtsumgewandelten Mann, der nun als Stripperin auftritt, erkennen zu können, doch als er selbst einer hübschen langbeinigen Blondine in der Villa eines Deutschen begegnet, nimmt er sie dummerweise für bare Münze und schläft mit der Hübschen. Am nächsten Morgen klärt ihn „ihre“ Abschiedsnotiz über seinen Irrtum auf: „Sie“ heißt Günther Erich von S. Marîd stöhnt, weil ihm übel wird. Schließlich war er bis jetzt strikt hetero. Und seine Menschenkenntnis hat offenbar schwer nachgelassen. Was, wenn dies auch bei Nikki der Fall wäre?

Die Austauschbarkeit von Körpern und Persönlichkeiten ist mittlerweile völlig geläufiges Standardmotiv in der Science-Fiction. Dazu muss man nur mal Richard Morgans fulminanten SF-Detektivroman „Das Unsterblichkeitsprogramm“ ansehen (siehe meinen Bericht). Diese Motive waren aber anno 1987, also drei Jahre nach der Veröffentlichung von Gibsons epochalem „Neuromancer“ noch an der vordersten Front der SF-Ideen.

3) Michael Kallenberger: Weißes Chaos (White Chaos)

Der Journalist Alan Endridge hat die Aufgabe angenommen, die Biografie des großen Mathematikers Abraham Soleirac zu verfassen. Alan steht der Aufgabe zwiespältig gegenüber. Einerseits hat Soleirac innerhalb der angestaubten Chaostheorie aufregende neue Gleichungen aufgestellt. Andererseits hat er prophezeit, dass sich der Große Rote Fleck des Planeten Jupiter binnen 20 Jahren auflösen werde. Das findet Alan absurd. Und in seinen Interviews mit dem Forscher entzieht sich dieser stets irgendwelcher Festlegung.

Wie auch immer: Alan befindet sich mit seiner Frau Jean, die bei Soleirac Physik studiert, an Bord einer Raumstation, die den Jupiter umkreist. Von hier aus lässt sich Soleirac an einem Stahlseil in einem Tauchboot in den Großen Roten Fleck hinab. Alan fragte den Forscher, was er damit beweisen wolle. Mehr oder weniger den Einfluss des menschlichen Willens auf die Gleichungen, die den Fleck bestimmen. Auch das hält Alan für zweifelhaft.

180 Tage später lässt sich Soleirac im Tauchboot wieder an Bord holen. Offensichtlich hat der geniale Mathematiker den Verstand verloren. Aber seine Exkursion war nicht umsonst: Der Große Rote Fleck in Jupiter-Atmosphäre hat sich nämlich verändert …

Mein Eindruck

Die Geschichte von Soleirac und seinem Biografen Alan schildert auf feinfühlige, kenntnisreiche und psychologisch interessante Weise die Diskrepanz zwischen dem Tun eines Wissenschaftlers und seiner Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Soleirac wird als neuer Einstein und Hawking gefeiert, und Alan hat nicht wenig dazu beigetragen. Doch der Mensch Soleirac selbst ist enigmatisch, vielleicht als Schutzmechanismus. Seit seinem 31. Lebensjahr, so entdeckt Alan, hat Soleirac nichts mehr geleistet.

Davon abgesehen gibt es noch eine weitere Ebene, die sich generell mit der Bedeutung von Theorien zur Erklärung des Universums beschäftigt. Auf dieser Ebene erhält Soleiracs Exkursion zum Großen Roten Fleck einen Sinn: als Kunstwerk. Und als Ausdruck des Aufeinandertreffens von Wille und Gleichung.

4) James Patrick Kelly: Mr. Boy (OT dito)

Die lange Novelle (ca. 80 Seiten) erzählt von ein paar Jungs in einer Zukunft, in der sich jedermann genmanipulieren lassen kann. Der titelgebende Mr. Boy heißt so, weil er, der als Peter Cage vor 25 Jahren geboren wurden, sich hat verjüngen – stunten – lassen. Jetzt hängt er mit anderen 13-Jährigen rum und himmelt eine neue Schülerin an. Seine Mutter hat sich in eine Kopie der Freiheitsstatue verwandeln lassen. In ihrem riesigen Innern isst Mr Boy und hat sein Zimmer. Ein „Genosse“ bzw. Androide erfüllt ihm alle seine kleinen Wünsche.

Der Genosse gibt ihm das Foto einer Leiche: Ein Manager der Firma Infoline wurde von seiner Frau per Kopfschuss getötet. Peter steht auf Leichen, weil sie so „extrem“ sind, ihm also einen Kick verschaffen – und seine Mutter schocken. Allerdings kriegt er genau wegen dieses Fotos mächtig Ärger mit einer Firma namens DataSafe, die es unbedingt zurückhaben möchte.

Die Spur des Fotos zieht sich durch die Story, aber auch die Geschichte von Peters Liebesgeschichte mit Treemonisha. Als er deren Familie kennenlernt, ist das ein Damaskuserlebnis: Die vierköpfige Familie lebt nackt in einem Gewächshaus. Aber das ist noch gar nichts gegen den Augenblick, als er die Wahrheit über seine Mutter erfährt …

Mein Eindruck

Zunächst wirkt der Text, der nun hin und wieder einen Absatz aufweist, als wäre es anstrengend, ihn zu lesen. Aber schon nach wenigen Seiten wird klar, dass es ganz leicht ist, ihm zu folgen. Okay, man muss hinnehmen, dass die Szene mitten im Absatz wechselt, aber das ist in Ordnung, denn auf diese Weise hält die Geschichte ihr Tempo aufrecht, und dieses Tempo ist enorm hoch. In nur 80 Seiten lernen wir eine ganze Jugendkultur kennen und die Entwicklung eines verjüngten Mr. Boy zu einem erwachsenen Mann.

Denn ein Junge kann nicht ewig ein Kind sein, nur um seiner Mutter den Gefallen zu tun, stets von ihr (und ihrem Geld) abhängig zu sein. Nein, ein Junge lernt auch mal ein Mädel kennen, das selbst ebenso wie ihre Familie ganz anders drauf ist als er. Werte verschieben sich, die Realität wird eine andere.

Zur Krise kommt es auf der Geburtstagsparty eines weiteren Schulmädchens, die sogar bis nach Japan übertragen wird. Antike Dinge wie Schallplatten aus Vinyl sowie ein altes Klavier werden hier der Zerstörung zugeführt, auf dass die Vergangenheit vernichtet werde. Ebenso wie das Stunten geht es also um den Umgang mit Alter. Alter ist relativ, und diese Kultur hat das Altern an sich zum Tabu erklärt. Bis Peter den ganzen Betrug dahinter entdeckt …

Diese Kultur ist natürlich die amerikanische und Peters Mutter ist die Verkörperung Amerikas. Daher die Gestalt der Freiheitsstatue. Doch Miss Liberty erweist sich als das genaue Gegenteil von Freiheit, nämlich als die ultimative Kontrolleurin. Auf diesem Umweg kritisiert der Autor seine Kultur, und an dieser hat sich seit 1990 nur wenig verändert. Allenfalls sind die Kontrollen nach der Verabschiedung des Patriot Act 2002 noch strenger geworden.

5) Bruce Sterling: Manamouki (OT dito)

Der kenianische Stamm der Kikuyu hat auf einer künstlichen Welt namens Kirinyaga ein neues Zuhause gefunden und lebt nun nach den alten Traditionen, die in Kenia auf der Erde schon längst durch die westliche Lebensweise abgelöst worden ist. Dies weiß Koriba, der Medizinmann des Dorfes, der auch den einzigen Computer bedient. So erfährt er, dass zwei Neuankömmlinge eintreffen werden. Sie kommen aus Kenia.

Nkobe und seine Frau Wanda entsteigen der Fähre, die sie von der Raumstation heruntergebracht hat. Eigentliche Nkobe ein reicher Mann, überlegt Koriba und fragt sich, warum er auf einer so primitiven Welt leben will, wo es nicht mal fließend Wasser gibt, geschweige denn Wasserklosetts. Es war Wanda, seine hochgewachsene Frau, die ihn dazu überredet hat, stellt sich heraus. Nun, macht Koriba ihr klar, sie muss lernen, wie ein Manamouki zu leben, wie ein weibliches Besitzstück ihres Mannes. Wanda verspricht, es zu versuchen und nimmt sogar einen anderen Namen an, den einer kürzlich Verstorbenen: Mwange.

Aber mit Mwange kommen auch neue Ideen in das Dorf Koribas, und als Erste protestiert die Erste Frau des Häuptlings. Mwanges Kleider seien viel prächtiger als ihre und würdigten sie herab. Sie ist nicht die Letzte, die sich über Mwange beschweren wird, selbst wenn Koriba noch so häufig mit Mwange redet, um sie dazu zu bringen, die Traditionen der Kikuyu zu befolgen. Doch er scheitert letzten Endes an zwei einfachen Gesetzen: Mwange ist unbeschnitten, das ist gegen das Gesetz, und zunächst duldet sie keine zweite Frau in der Hütte Nkobes. Das beschämt die anderen Frauen.

Als Koriba Nkobe und Mwange, die Manamouki, verabschiedet, hat er eingesehen, dass es zwei verschiedene Dinge sind, ein Kikuyu zu sein und einer sein zu wollen. Mwange, die sich wieder Wanda nennt, sagt ihm, dass dies zwar Utopia sein mag, aber dennoch die Stagnation in Reinkultur ist. Koriba seufzt. Und als hätte er es geahnt, beginnen die verrückten Ideen Wandas bereits Wurzeln zu schlagen – die Plagen haben begonnen.

Mein Eindruck

Diese Erzählung aus Resnicks Episodenroman „Kirinyaga“ erhielt 1991 den angesehenen Hugo Gernsback Award von den amerikanischen Lesern. Der Autor macht in anschaulichen Szenen das grundlegende Problem einer Utopie deutlich: Sie muss entweder eine radikale Abkehr vom Vorhergehenden sein, oder ein Rückfall in eine Reinform, die der Stagnation verpflichtet ist, soll sie sich nicht wieder zu jenem ursprünglichen Stadium entwickeln, das die Utopie ja gerade überwinden will.

Wie schon in seinem Roman „Elfenbein“ (siehe meinen Bericht) belegt Resnick, dass er sich mit den Traditionen der drei kenianischen Stämme Massai, Wakamba und Kikuyu bestens auskennt. Jede Szene ist glaubwürdig und leicht verständlich geschildert. Selbst wenn die Probleme der Klienten lachhaft erscheinen, so sind es die Gründe und Folgen keineswegs. Mwange, die Manamouki, wird als verflucht bezeichnet, denn sie ist kinderlos. Schon bald wird sie als Hexe bezeichnet und muss entweder vom Mundumugu, dem Medizinmann, geheilt oder erschlagen werden. Stets geht es um grundlegende Bedingungen des Lebens, also um Leben und Tod.

6) Megan Lindholm: Silberdame und der Mann um die Vierzig (Silver Lady and the Fortyish Man)

Die Silberdame ist Verkäuferin im Kaufhaus Sears. Die 35-jährige Exschriftstellerin verdient gerade mal vier Dollar die Stunde, und keineswegs Vollzeit. Das ist also zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Da fällt ihr ein Mann um die Vierzig auf, der einen Seidenschal kauft, den er gar nicht braucht. Aber er kommt wieder, und nennt sie „Silberdame“. Er hinterlässt ihr zwei Ohranhänger in Form einer eleganten Dame in Silber.

Beim dritten Mal lädt er sie ins mexikanische Restaurant ein, nennt sich Merlin, lässt sie aber sitzen, als er auf die Toilette geht. Immerhin: Sie bekommt drei Teebeutel von ihm, und ein Tee davon, „Verlorene Träume“, entführt sie ins Traumreich. Dort tritt sie als Silberdame auf und er erklärt ihr, dass ein Rivale ihn hinweggezaubert habe. Na, wer’s glaubt. Aber als sie am nächsten Tag die Kristallkugel, in der eingesperrt zu sein er behauptet hatte, durch ein Missgeschick zu Boden wirft, steht er gleich wieder neben ihr. Na, wenn das keine Magie ist!

Sie lässt sich zu ihm fahren, wo sie miteinander auf dem Boden schlafen. Schon wieder verschwindet er spurlos – nur um in ihrem Badezimmer aufzukreuzen. Schon wieder Magie? Sie glaubt nicht daran, aber sie geht gleich noch mal mit ihm ins Bett. Wer weiß, wann er wieder verschwindet …

Am nächsten Tag ist ihre Muse, die sie schmählich im Stich gelassen hatte, zurück und fordert sie neben der Schreibmaschine sitzend ungeduldig zum Schreiben auf. Vielleicht wird’s doch noch was mit der Schriftstellerkarriere.

Mein Eindruck

In der wunderbar witzig erzählten Story um die Frau ca. 35 und den Mann um 40 geht es natürlich um Singles, die es nicht in eine Ehe geschafft haben, aber nicht das Glück oder den Mumm haben, eine lukrative Stellung zu ergattern. Ziemlich gnadenlos beurteilt die Autorin die ein wenig traurige Lebenssituation ihrer Titelheldin, die kaum ihre Rechnungen bezahlen kann, nachdem ihre Muse sie im Stich gelassen hat.

Ist Merlin wirklich DER Obermagier, fragen wir uns. Natürlich nicht. Er behauptet, die Magie sei auch nicht mehr das, was sie mal war. Wie wahr – und dann lässt er die Dame sitzen. Aber vielleicht ist ja doch was dran an seinen Flunkereien. Die Autorin hält diesen Aspekt stets in der Schwebe, denn genau darum geht es ja: Vielleicht sieht die Magie heutzutage ganz anders aus als in den Fantasy- und Ritterepen von anno dunnemals.

Am Schluss hat unsere Lady etwas gewonnen, aber sie kann nicht benennen, was es ist. Ein Glaube, ein Lebensmut? Und wenn man schon von Magie spricht, so ist eine Muse auch nichts anderes als ein magisches Wesen. Und dieses existiert unleugbar. Wie der Text beweist.

7) Peter Frey: Abenddämmerung

Jarosch und seine Tochter Miriam wandern in den Wald, wo sie vor dem Ereignis zu wandern pflegten. Doch seitdem hat sich hier einiges geändert. Während die Vegetation so üppig gedeiht wie eh und jetzt, sind die Nacktschnecken auf Bananengröße angewachsen, die Steinpilze sind widerstandsfähig wie Hartgummi und in einer feuchten Kuhle leuchtet es schwefelgelb …

Mein Eindruck

Welches Ereignis das gewesen sein muss, kann man sich unschwer vorstellen: der Atom-GAU von Tschernobyl aus dem Jahr 1986. Die Wolke des radioaktiven Fallouts zog auch über weite Gebiete der Bundesrepublik hinweg. Die Isotopen reicherten sich in Pilzen und anderen Waldgewächsen an, so dass vor deren Verzehr öffentlich gewarnt wurde. Der Autor extrapoliert lediglich diese Folgen ein wenig und zeigt, welche unheimliche Zukunft auf die kleine Miriam warten könnte.

Die Übersetzung

Die Texte sind durchweg korrekt und gut lesbar übersetzt worden, doch wie so oft tauchen hie und da ulkige Druckfehler auf. So lesen wir auf Seite 7 von einer „Stürmbö“ und auf Seite 17 von einer „Dünnung“ (statt „Dünung“). Auf Seite 219 steht der seltsame, kurze Satz. „Er zielt inne.“ Erst wenn man das Z durch ein H ersetzt, erhält der Satz einen Sinn: „Er hielt inne.“

Unterm Strich

Drei bedeutende Novellen stehen in dieser 38. Auswahl teils herausfordernden, teils erheiternden Texten. Diese drei Novellen sind Effingers „Marîd lässt sich aufrüsten“, das später den Auftakt zu seinem Roman „Das Ende der Schwere“ bildete und einen Abgesang auf den Cyberpunk darstellt. Marîd ist zwar „verdrahtet“, doch er ist kein Rebell, sondern Handlanger eines Mafioso. Wo ist der „Neuromancer“, wenn man ihn braucht?

Der zweite zentrale Text ist für mich Resnicks „Die Manamouki“, das später ein wichtiges Kapitel seines noch unübersetzten Episodenromans „Kirinyaga“ (siehe meinen Bericht dazu) bildete. Hier versucht eine Kenianerin Teil der utopischen Gesellschaft auf Kirinyaga zu werden, aber ihr Ansinnen erweist sich als unmöglich umzusetzen – aber aus unerwarteten Gründen.

In der dritten Novelle entdeckt „Mr. Boy“, dass nicht nur seine Jugendlichkeit eine selbstbetrügerische Lüge ist, sondern dass seine Mutter, das fürsorgliche Monster, gute Gründe gehabt hat, ihn in seiner Jugend zu belassen. Mutter, dass ist Amerika und das eigentliche „Alien“, wie schon Lt. Ellen Ripley auf der „Nostromo“ erkennen musste.

Die Texte von Kim Stanley Robinson und Michael Kallenberger sind in ihrer Nichtlinearität und Komplexität Herausforderungen an den Leser, aber dennoch lohnenswert. Die einzige Fantasy-Story könnte Megan Lindholm alias Robin Hobb beigesteuert haben – falls es darin wirklich um Magie geht. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Der letzte Text, obligatorischerweise von einem deutschsprachigen Autor/Autorin, warnt vor den Folgen der Super-GAUs in Tschernobyl: Der ach so urdeutsche Wald nimmt inzwischen unheimliche Erscheinungsformen an und wirkt wie von einem anderen Planeten. Die Idee ist zwar bieder, aber ökologisch engagiert – und handwerklich einwandfrei, ohne jedes Pathos ausgeführt.

Kurzum: Dieser Auswahlband lohnt sich für jeden Freund von hochwertiger Phantastik, insbesondere aber für Kenner des Genres. Neueinsteiger könnten mit Robinson und Kalllenberger ein wenig Mühe haben, aber besonders die Resnick-Story entschädigt sie dafür vollauf. Lindholm und Frey bieten hingegen leicht verständliche Kost.

Taschenbuch: 301 Seiten
Originaltitel: Asimov’s Science Fiction Magazine (1989-91)
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453053779

Heyne:http://www.heyne.de

Friedel Wahren als Herausgeber bei |Buchwurm.info|:
[„Tolkiens Erbe – Elfen, Trolle, Drachenkinder“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2893

Manfred Kluge (Hrsg.) – Jupiters Amboss. Magazine of Fantasy and Science Fiction 49

_In den Wolken des Jupiter_

Vom traditionsreichen SF-Magazin „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ erscheinen in dieser Auswahl folgende Erzählungen:

1) Die Story von den Menschen und Mutanten auf der Station im Jupiter-Orbit, die den Riesenplaneten beobachten, um rätselhafte Signale aus dem All entziffern zu lernen.

2) Die Story von den Besuchern vom Prokyon, die staunend und fassungslos die Lebensgewohnheiten der Menschen studieren.

3) Die Story von dem Gesandten des Bischofs, der sich zu tief in die Berge vorgewagt hatte, in denen noch andere Götter an der Macht sind.

4) Die Story von dem passionierten Angler und der Flunder, bei der er ein paar Wünsche frei hatte.

5) Die Story vom Großvater, der aus lauter Sturheit weiterlebte, obwohl er schon längst gestorben war.

_Das Magazin_

Das „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem HUGO ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: „Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), „Starship Troopers von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Stories ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abglöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, sogenannte „shaggy dog stories“, genannt „Feghoots“, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei Heyne.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (Heyne SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei Heyne alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

_Die Erzählungen _

_1) Gregory Benford & Gordon Eklund: Jupiters Amboss_

Die Menschen haben von Aliens eine rätselhafte Botschaft erhalten: ein komplexes mit den Abmessungen 29×47 (Primzahlen). Ein Himmelskörper weist auf einen großen Gasplaneten hin. Da der nächste greifbare Gasriese der Planet Jupiter ist, schicken die Menschen eine Expedition aus und errichten in der Umlaufbahn des Riesenplaneten eine Station, den Orb. Von hier aus wollen sie unter der Leitung des Weltraum-Veteranen Bradley die Gegend erkunden. Die Resultate sind gleich null. Doch der Buddha-Anhänger Bradley nimmt es mit Gleichmut.

Nicht so hingegen die genmanipulierte Forscherin Mara. Auch sie kommt von der Erde und wuchs dort bei einer langweiligen Pflegefamilie auf, bevor sie nach New York City ausriss und schließlich mit 26 auf den Orb kam. Ihre Respektlosigkeit erregt viel Anstoß, besonders bei engstirnigen Crewmitgliedern wie Rawlins. Der zweite Mutant, den Rawlins im Visier hat, ist Maras Schicksalsgenosse Corey, ein Gehirn, das in einer Metalltruhe eingesperrt ist. Mara hält Corey für eine Frau, aber da irrt sie sich.

Irgendjemand hat es auf Maras Leben abgesehen. Schon zwei Unfälle, die sie auf Sabotage zurückführt, hat sie mit knapper Not überlebt. Bradley beruhigt sie. Er hat andere Sorgen. Die politische Situation auf der Erde ändert sich zu Ungunsten der Manips, der genmanipulierten. Der Weltkongress erkennt allen manips die Bürgerrechte ab und erklärte sie zu unerwünschten Vogelfreien. Die Reaktion bleibt nicht aus, wie Mara vorausahnt: Die Manips der Erde – es sind weniger als 400 – drohen damit, Tokio in die Luft zu jagen, sollte der Beschluss nicht rückgängig gemacht werden. Bradley muss Mara Hausarrest verpassen, doch Rawlins will mehr: die Liquidierung der „Abscheulichkeiten“.

Das will Bradley verhindern, denn in seinen Augen sind Mara und Corey ihre einzige Hoffnung, die Botschaft der Fremden zu entschlüsseln. Corey hat mal mit Delphinen kommuniziert, also in einem ganz anderen Medium: unter Wasser. Und Mara beherrscht die Mathematik. Zusammen hecken sie den Plan aus, Corey auf eine Exkursion in die Jupiter-Atmosphäre zu schicken. Seine Gondel soll an einem Ballon hängen. Mara soll in einem Beiboot folgen und ihn notfalls bergen.

Während die 300 Mann starke Crew an Bord des Orbs dem Wagnis gespannt folgt, entdeckt Corey in seiner Gondel tatsächlich Aliens in den unteren Schichten der turbulenten Jupiter-Atmosphäre: silbrige Kugeln. Sie nutzen Elektromagnetismus, um akustische Signale zu erzeugen und betören den Besucher mit ihrem elektronischen Gesang. Doch dann wird ihre Annäherung unvermittelt zur Gefahr …

|Mein Eindruck|

Dieser Kurzroman gewann 1975 unter dem Titel „If the Stars Are Gods“ den begehrten NEBULA Award der amerikanischen SF-Autoren und -Kritiker, und 1977 erschien der erfolgreiche Roman dazu (dt. als „Der Bernstein-Mensch“). Dass sich der wissenschaftlich orientierte Benford mit dem Planeten Jupiter bestens auskennt, hatte er 1975 mit dem Jugendbuch „The Jupiter Project“ bewiesen (dt. bei Boje, 1978). Dieses Wissen kommt ihm bei „Jupiters Amboss“ sehr zugute.

Der Schauplatz erinnert an Arthur C. Clarkes klassische Novelle „Begegnung mit Medusa“, aber der Handlungsverlauf ist klassischer Benford. Bradley, der Stationsleiter, muss sich gegen bornierte und fanatisierte Mitarbeiter durchsetzen, um überhaupt einen Fortschritt in seiner Forschung, der Mission, zu erzielen. (Dieses Motiv taucht noch mehrmals bei Benford auf.) Aber er muss auch seine Hand über die beiden „Mutanten“ halten, die eben diesen Durchbruch erzielen könnten.

Und hier wird die Story sehr aktuell. Denn die Genmanipulierten sind ja nichts weiter als eine Zumutung, die das Andersartige an den alten Adam stellt. Uralte Ängste werden wach, Ängste vor genetischer Vermischung und Infektion, vor rassischer Unterlegenheit und vor allem religiös Andersartigen, das „des Teufels“ ist (der Antichrist also?). Diese Angst bedroht auch die heutige globalisierte Gesellschaft, in der Rassen- und Religionskonflikte an der Tagesordnung sind.

Doch Mara ist nicht wie Corey. Das Gehirn im Metallgehäuse ist wesentlich nichtmenschlicher als Mara, und Mara entdeckt auf die harte Tour, wie menschlich sie selbst doch ist – trotz aller Abstoßungsreaktionen der menschlichen Rasse gegen Ihresgleichen. Die beiden Autoren entwickeln das Szenario an Bord des Orbs ebenso behutsam wie die Entdeckungen in der Außenwelt. Keine Sensationshascherei macht die Story unglaubwürdig. Das kann jedoch zu Ungeduld bei jüngeren Lesern führen.

_2) Frederik Pohl: Der Mutterwahn (The Mother Trip)_

Die Erzählung spielt vier Versionen des klassischen Alienbesuchs durch. Sie ist also nicht faktisch orientiert, sondern spekulativ. – Also, mal angenommen, ein Mutterschiff vom Prokyon erreicht den erdnahen Raum und sucht Lebensraum. Denn an Bord hat das Mutterwesen – daher der Name „Mutterschiff“ – Mawkri ein ganzes Gelege von mehreren hundert Jungen. Der Job des Männchens Moolkri ist es nun, den potentiellen Lebensraum auf seine Eignung hin auszukundschaften.

In der ersten Version geht alles schief, denn die menschlichen Bewohner dieser Welt sind einfach viel zu paranoid, um Single-Männer allein auf den Straßen zu dulden. Der Planet wird vernichtet. In Version zwei befielt man den menschen, sich zu unterwerfen. Diese reragieren damit, dass sie das Mutterschiff abschießen. So weit so schlecht.

Version drei wirkt am hoffnungsvollsten, denn das Mutterschiff beschließt, erst einmal zu beobachten, was das für Wesen sind. Vielleicht kann man ja mit ihnen Freundschaft schließen und von ihnen lernen. Tatsächlich stößt eine der Beobachtungssonden auf eine 16-köpfige Kommune in den Bergen von Idaho oder Oregon, die ein verlassenes Haus besetzt hat und nun dabei beobachtet werden kann, wie sie nackt in einem See Rituale vollführt. Deren Sinn dem fremden Beobachter natürlich vollständig entgeht. Erste Stimmen werden an Bord laut: „Sie können einfach nicht anders!“ Hat man so was schon gehört? Verständnis für Aliens!

Die vierte Variante sieht vor, dass das Mutterschiff nie abfliegt. Vielmehr ist die Raumfahrt noch gar nicht erfunden. Das ist die deprimierendste Version. Schwamm drüber.

|Mein Eindruck|

Man braucht nur mal die Perspektive umzukehren, und schon werden wir selbst als Aliens sichtbar, die sich in die Lage von Besuchern auf einer fremden Welt versetzt sehen können. Es gibt, wie gesagt, für den Besuchsverlauf drei Varianten, vorausgesetzt, man kann den Planeten überhaupt verlassen. Die drei Varianten sind klassische Verhaltenspsychologie: Furcht und Aggression, Aggression und Vernichtetwerden, oder drittens Beobachten, Hoffen und auf ein anderes Mal warten.

Bei einem Satiriker wie Fred Pohl, einem Urgestein der SF, muss man darauf gefasst sein, dass er die Szenarien nicht ganz ernst meint. Aber er hält uns eindeutig den Spiegel vor, wie es ein Schelm tun darf. Wider Erwarten ist die Story aber nicht sonderlich lustig, sondern schwankt zwischen schwarzem Humor und leichter Ironie.

_3) Ursula K. Le Guin: Das Hügelgrab (The Barrow)_

Der Gesandte des Bischofs von Solariy ist nach Malafrena in die Berge gekommen, um bei herzog Greyga nach dem Rechten zu sehen. Dessen Priester Egius erweist sich zum Entsetzen des Gesandten als Arianer. Ketzerei! Dem entgegnet der Herzog, dass dies noch gar nichts gegen das Heidentum der Barbaren in den Bergen sei, die noch dem Gott Odne huldigen. Man könne noch ihre Hügelgräber am Wegrand sehen, die mit den Opfersteinen für Odne.

Am nächsten Tag hat sich die Stimmung des Herzogs merklich verdüstert, bemerkt der Wanderprediger nun furchtsam. Schon seit zwei schier endlosen Tagen liegt nämlich Galla, des Herzogs 17-jährige Gattin im Kindbett und soll seinen Erben zur Welt bringen. Die Hebammen sind abweisend, genauso kalt und bissig wie die eisige Nacht draußen.

Am Abend hält es der Herzog nicht mehr aus und schnappt sich den Gesandten. Mit drohend erhobenem Schwert zwingt er ihn zu jenem düsteren Hügelgrab an der Straße in die Berge, das Odne geweiht ist. Kaum hat er den Prediger erschlagen, dreht der Wind, die Kälte weicht, und das Kind wird geboren. In den Annalen der Kirche von Solariy aber werden Herzog Freyga und sein Sohn als Kämpfer für den christlichen Glauben gepriesen.

|Mein Eindruck|

Auch diese Erzählung belegt, was für eine fantastisch gute Erzählerin Ursula K. Le Guin ist. (Siehe auch meinen Bericht zu „Die zwölf Striche der Windrose“.) Mit wenigen Szenen erschafft sie eine ganze Kultur und gleich drei Religionsstufen: das sogenannte Heidentum, das orthodoxe Christentum und die ketzerische Variante des Arianismus.

Zudem lässt sie die drei sich auseinanderentwickeln, so dass der heidnische Unterboden des Christentums sichtbar wird: das Blutopfer an die Götter, so dass genau zu Ostern der Winter endet und der Weg für den Frühling frei wird. Die Ironie dabei: Erst muss der Herzog den alten Göttern opfern, bevor er als Kämpfer für den „Weißen Jesus“ hervortreten und gelobt werden kann. Hier kritisiert die Autorin Legendenbildung und Heiligengeschichtsschreibung.

Die Handlung ist in Le Guins Fantasieland Malafrena verlegt, in dem auch ihr gleichnamiger Roman spielt (siehe meinen Bericht). Es liegt irgendwo in Südosteuropa.

_4) Richard Frede: Theorie und Praxis ökonomischer Entwicklung: Der Metallurg und seine Frau_

Horowitz arbeitet als Metallurg in der Nähe von New York und kann sich bloß ein kleines Apartment leisten. Seine Frau Betsy beklagt sich, dass ständig die Klimaanlage ausfalle. Auch ansonsten ist sie stets unzufrieden, vor allem mit seinem geringen Gehalt, von dem sie sich keine Kinder leisten könnten. Sie beneidet die anderen Gattinnen, die in noblen Wohnungen in der Fifth Avenue oder Kalifornien wohnen.

Regelmäßig fährt er mit seinen Kollegen in den Long Island Sund zum Angeln. Diesmal angelt er einen Fisch, der sprechen kann. Der Fisch sagt, er sei ein verzauberter Geschäftsmann und dass er Horowitz einen Gefallen schulde. Kaum hat Horowitz den Fisch vom Haken gelassen und seiner Frau davon erzählt, als sie ihn auffordert, den Gefallen einzufordern. Der Fisch ist einverstanden, ihr ein Apartment in der Innenstadt zu besorgen.

Der Aufstieg von Betsy Horowitz zur Senatorin ist unaufhaltsam, doch als sie auch noch Präsidentin werden will, streikt der Fisch …

|Mein Eindruck|

Unglaublich, dass das traditionsreiche Magazin ein freches Plagiat vom Märchen „Der Fischer un sine Fru“ abdruckt! Offenbar war man 1977 noch nicht mit deutschen Märchen vertraut. Wie auch immer die Folie auch deutlich sein mag, so ist doch die Stoßrichtung deutlich: Der amerikanische Traum vom sozialen Aufstieg, wie ihn die stets unzufriedene Betsy träumt, ist nur hohle Fassade. Horowitz selbst macht’s richtig: Er wünscht sich sein bescheidenes Apartment zurück und lässt sich von der nimmersatten Betsy scheiden, woraufhin er wohl glücklich bis ans Ende seiner Tage lebt.

_5) Robert Bloch: Altersstarsinn (A Case of Stubborns)_

Jethro Tolliver sitzt gerade mit seiner Familie trauernd am Frühstücksstisch, als Opa Tolliver die Treppe herunterkommt und sich an den Tisch setzt. Dabei ist er doch gestern an einem Herzinfarkt gestorben – bei 90 Jahren auch kein Wunder, oder? Während allen der Appetit vergeht, wagt nur Klein Susie, die Wahrheit auszusprechen. Doch Opa Tolliver widerspricht sofort vehement und sturköpfig wie immer. Er stammt aus Missouri und will jetzt auch hier in Tennessee erst einmal einen Beweis dafür haben, dass er angeblich tot ist.

Den Leichenbestatteter Bixbee können sie noch wegschicken, aber Doc Snodgrass muss sich selbst per Inaugenscheinnahme vom lebendigen Zustand jenes Mannes überzeugen, von dem er schon den Totenschein ausgestellt hat. Da, alles schwarz auf weiß! Opa Tolliver tut das alles mit einer anzüglichen Bemerkung auf die häufige Trunkenheit des Mediziners ab.

Auch Reverend Peabody, den Ma geholt hat, ergeht es nicht besser. Er zieht erschüttert mit einer ganzen Flasche besten Tennessee-Whiskys ab. Was sollen sie nur tun, jammert Ma und Jody kann’s nicht mehr mit ansehen. Es ist höchste Zeit, was zu unternehmen, denn Opa beginnt schon zu stinken und wird von Schmeißfliegen umschwirrt. Jody ringt Ma und Dad die Erlaubnis ab, die Waldhexe zu besuchen. Er nimmt sein Sparschwein aus dessen Versteck mit, denn wer etwas von einer Hexe will, der muss ihr auch was geben. Das weiß doch jeder.

Die alte Frau lebt in einer Felshöhle am Grunde der Geisterschlucht. Sie hat sogar eine sprechende Eule, die Jody unheimlich anspricht. Das Gesicht der Hexe ist schwarz wie die Nacht. Nach einer Weile hat Jody ihr sein Anliegen erklärt und ihr sein Erspartes überreicht. Immerhin 87 Cent und eine Wahlkampfplakette von Präsident Coolidge.

Die Hexe überlegt eine Weile, bevor ihr die rettende Idee kommt. Sie gibt Jody das richtige Ding mit und erklärt ihm, wie er es anzuwenden hat. Der Junge rast los, denn die Nacht bricht herein. Was hat er nur bei sich, das Opa Tolliver endlich vom Totsein überzeugen kann?

|Mein Eindruck|

Ha, und ich werde den Teufel tun und es hier hinausposaunen! Auf jeden Fall erzielt dieses Ding den gewünschten Zweck. Im allerletzten Satz las ich dann die Pointe – und es schüttelte mich vor Ekel und Schauder. Gleichzeitig musste ich über meine eigene Reaktion lachen und über das Können des bekannten Autors von „Psycho“ und anderen Klassikern der Schauerliteratur.

Robert Bloch war ein Zeitgenosse von H. P. Lovecraft, der dem jungen Star-Autor seines Zirkels wertvolle Tipps auf den Weg gab (HPL war, neben Tolkien, einer der fleißigsten Briefschreiber des 20. Jahrhunderts.) Bloch erlebte demzufolge noch den Schauplatz seiner Geschichte in Aktion und Technicolor.

Die Tollivers leben in den Südstaaten auf einer Farm, die noch Schweine und Kühe besitzt. Wenigstens gibt es schon Autos, denn Präsident Coolidge hat bereits sein Amt angetreten. Calvin Coolidge war laut Wikipedia von 1923 bis 1929 der 30. Präsident der Vereinigten Staaten, also der Vorgänger von Herbert Hoover (1930-33) und Franklin Delano Roosevelt (1933-45). Deshalb fahren der Arzt und der Leichenbestatter per Motorvehikel vor.

Der Ton der Story lässt sich nicht anders als hemdsärmelig beschreiben. Hier war ein Yankee am Werk, kein gottesfürchtiger Ire oder Italiener (jener Zeit), und das heißt, dass die Fakten respektlos auf den Tisch geknallt werden. Die einsetzende Leichenstarre wird noch als „Rigger Mortis“ verunglimpft, und dass man als ultimatives Mittel zu einer schwarzhäutigen (Achtung: Rassentrennung!) Hexe in den Wald gehen muss, ist auch in nördlichen Bereiten, etwa in Stephen Kings Maine oder in HPLs Rhode Island, nicht ganz unbekannt.

Jedenfalls hat mir diese Geschichte einen gruseligen Spaß beschert. Und wem sich bei der Lektüre die Fußnägel aufrollen, ist selber schuld.

_Die Übersetzung_

Ich fand zwei Unregelmäßigkeiten, was doch recht wenig ist. Auf Seite 124 versteckt sich ein Druckfehler in dem Satz: „Neben der Straße ragte ein Buckel auf, kaum mannshoch, in der Form eines Grabens.“ Nun ist ein Graben per definitionem eine Vertiefung statt einer Erhöhung, kann also nicht mannshoch sein. Richtig sollte es also heißen: „in der Form eines Grabes“ oder „eines Grabhügels“.

Die zweite Unregelmäßigkeit ist ein ganzer Absatz, der so durcheinander konstruiert wurde, dass er kaum einen Sinn ergibt. Der Satz stammt aus der Fred-Pohl-Story.

„Deshalb überrascht es sie ungemein, als alle sechs Nationen, die über ein Arsenal von Atomraketen verfügen, endlich zu einem gemeinsamen Ziel vereinigt, nachdem sie bei einer Beratung mittels ihrer geheimen Direktleitungen einen Zeitpunkt festgesetzt haben, gleichzeitig den Beschuss auf das in der Kreisbahn befindliche Raumschiff Mooklris, Mawkris und des Geleges eröffnen.“

Häh??! Dunkel ist der Sinn. Wohl dem, der ihn findet. Hätte der Übersetzer zwei Sätze draus gemacht, wäre wohl klar geworden, dass sich die Nationen erst einigten und dann die Raketen abfeuerten.

_Unterm Strich_

Eine Novelle wie „Jupiters Amboss“, die zwei Drittel eines Buches einnimmt, ist natürlich dessen Haupt- und Prunkstück. Obwohl ich ihr nur vier von fünf Punkten geben würde, lohnt es sich doch, in dieses Szenario zu versetzen. Noch lieber würde ich den Roman dazu lesen.

Danben verblassen die anderen Storys ziemlich, und nur die Erzählungen von Ursula Le Guin und Robert Bloch wissen daneben zu bestehen. Die Le Guin ist sowieso überragend in fast allem, was sie veröffentlicht hat, und hier entführt sie den Leser in jene Übergangszeit vom Heidentum zum Christentum.

Den Vogel schießt hingegen Robert Blochs makaber-spaßige Schauergeschichte um den Opa ab, der nicht zugeben wollte, dass er schon gestorben war. Nur die List einer Waldhexe kann ihn davon überzeugen, dass es wirklich an der Zeit sei, sich hinzulegen und den geist aufzugeben. Die Pointe ist schlichtweg unbezahlbar.

Taschenbuch: 157 Seiten
Erstveröffentlichung im Original: 1976/77
Aus dem Englischen von diversen Übersetzern
ISBN-13: 978-3453304826
www.heyne.de

Gesa Schwartz – Nephilim (Chroniken der Schattenwelt 1)

Die Chroniken der Schattenwelt

Band 1: Nephilim
Fortsetzung ist geplant

„Deine Welt wird zerbrechen und sie wird dich mit sich reißen, wenn du nicht vorbereitet bist. Es gibt keine Sicherheit jenseits des Lichts, das du verloren hast.“

_Der junge Nando lebt_ bei seiner Tante in Rom. Eines Tages wird er von einem gefährlichen Schattenwesen verfolgt und macht dabei eine unglaubliche Entdeckung: Er ist ein Nephilim, und mehr noch: Er ist der Sohn des Teufels! Luzifer und will sich Nandos Kräfte zunutze machen, um die Tore der Hölle zu öffnen und sich zum Herrscher über die Welt der Menschen aufzuschwingen. Um dieses Schicksal abzuwenden und sein Leben zu retten, hat Nando nur eine Chance: Er muss sich der Finsternis stellen! (Verlagsinfo)

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Varley, John – Noch mehr Voraussichten

_Sex auf dem Mars und andere Vergnügungen_

Dieser dritte Band mit John Varleys SF-Erzählungen aus den siebziger Jahren enthält folgende Geschichten:

1) Der Nachbarplanet Mars sorgt für böse und schöne Überraschungen, als die Kolonisten eintreffen.

2) In „Rückläufiger Sommer“ kann man in Quecksilber baden. Aber nur auf dem Planeten Merkur.

3) Im „Phantom von Kansas“ werden von einem Künstler Gewitterstürme komponiert. Ein Detektiv ermittelt in einem damit verbundenen Mordfall.

_Der Autor_

John Varley, geboren 1947 in Austin, Texas, ist dem deutschen Leser vor allem durch seine Storybände (bei Goldmann) und seine „Gäa“-Trilogie (bei Heyne) ein Begriff. Eine seiner besten Stories, „Press ENTER“, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 1992 erschien der Roman „Steel Beach“ und landete in der Folge auf den vordersten Plätzen, als es um die Vergabe der Science-Fiction-Preise ging.

Mittlerweile konnte Varley seine Roter-Donner-Trilogie bei Heyne veröffentlichen. Wo Varley in den 70er-Jahren führend wirkte, wirkt seine an Heinlein angelehnte Ideenwelt heute altbacken. Er lebt mit seiner Familie in Eugene, Oregon.

_Die Erzählungen _

_1) Im Audienzsaal der Marskönige (In the Hall of the Martian Kings, 1976, HUGO Award)_

Die Marsoberfläche. Nach einer Explosion des Kuppelzeltes, die durch die nachfolgende Dekrompression drei Viertel des Expeditionskorps tötet, sehen sich die fünf Überlebenden harten Entscheidungen gegenüber. Sie können nicht mehr zum Mutterschiff „Edgar Rice Burroughs“ hinauffliegen, denn Pilot und Kopilotin ihrer Landefähre „Podkayne“ sind tot. Aber sie haben Vorräte für mindestens ein Jahr, bei Rationierung sogar für eineinhalb Jahre, mit Abwürfen der „Burroughs“ sogar noch länger. Sie sind jetzt eine autarke Kolonie.

Die kritischen Faktoren sind jedoch Wasser und Atemluft. Wasser lässt sich aus der Atemluft zwischen Plastikbahnen kondensieren und sammeln. Doch um Atemluft zu produzieren, benötigen sie Pflanzen, welche sie nicht haben. Matthew Crawford, der Historiker, sieht schwarz. Doch seine Gefährten, allen voran die Kommandantin Mary Lang, eine Afroamerikanerin, werfen die Flinte nicht ins Korn, sondern werden von der einheimischen Fauna überrascht. Aus den nährstoffreichen Gräbern der Getöteten erheben sich interessante Gebilde, die wie Windmühlen aussehen: Kreisler. Sie scheinen Wasser zu pumpen. Später gibt es ein Gewächs, das weiße Trauben bildet. Die Beeren“ enthalten Sauerstoff. Nun haben sie wieder Atemluft, und das Überleben ist gesichert.

Aber für eine Kolonie braucht man auch Paare und Kinder. Diese stellen sich sofort ein, sobald die „Burroughs“, die nichts mehr zu tun hat, wieder zur Erde gestartet ist. Alle ziehen sich nackt aus und treiben es miteinander, bis sich ein Gefühl des Kennens und Vertrauens einstellt. Nach dem Abflauen der Rivalitätskämpfe zwischen den drei Frauen und den zwei Männern stellt sich ein Gleichgewicht her, und es dauert nur acht Monate, bis Lucy McKillian feststellt, dass sie schwanger ist. Aber in welcher Welt wird ihr Baby aufwachsen?

Der Forschungsexpedition, die fast neun Jahre später eintrifft und eigentlich erwartet, nur noch Leichen vorzufinden, steht eine faustdicke Überraschung bevor …

|Mein Eindruck|

Es sind solche Erzählungen in der alten, zuversichtlichen Heinlein-Manier, die die amerikanische Science-Fiction wieder so attraktiv machten, nachdem sie durch das tiefe Tal der sechziger und frühen siebziger Jahre ging. Dass John Varley ein Heinlein-Jünger ist wie Niven, Pournelle und Spider Robinson, belegt schon der Umstand, dass die Landefähre Podkayne“ nach der Heldin von Heinleins Jugendroman Podkayne of Mars“ benannt ist. Und die Edgar Rice Burroughs“ beschwört die uralte Marsromantik, die der Schöpfer von Tarzan“ in den Jahren 1912 bis 1943 durch seine vielen Marsromane auslöste.

Anders als bei skeptischen Europäern vom Schlage eines Stanislaw Lem („Der Unbesiegbare“) zeigen sich die Amis auf dem Mars als Pioniere mit Tatkraft und Zuversicht. Als die einheimischen Lebensformen aus dem Boden (und dem 20 Meter darunterliegenden Wassereis) sprießen, erweisen diese sich als an die Menschen angepasst. Gerade so, als wären die Menschen erwartet worden. Wer weiß: Vielleicht haben die Wesen, die diese Sporen zurückließen, einst die Erde während der Steinzeit besucht und wollten die Besucher belohnen.

Hier zeigt sich eine amerikanische Denkweise: Gott (oder Schicksal, Natur usw.) hat vorherbestimmt, dass der Mensch, der sich bemüht, auch belohnt wird, aber nach Gottes eigenem verborgenen Plan. Und der kann ja nun auch Marsbewohner vorsehen. Der grandiose Titel In the hall of the „Martian kings“ wandelt einen Titel aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Sinfonie ab, nämlich „In the Hall of the Mountain King“. Aber wo sind sie, die Marskönige? Kommen sie noch – oder sind sie mit den Pionieren bereits gekommen?

_2) Rückläufiger Sommer (Retrograde Summer, 1974)_

Auf dem sonnennächsten Planeten Merkur ist es bekanntlich heiß. Aber die riesige Sternenmasse gleich in der Nachbarschaft sorgt auch für jede Menge Erdbeben, die die Steinkugel mitsamt ihrer menschlichen Bewohner durchrütteln. Am Raumhafen holt der 17-jährige Timothy seine drei Jahre ältere Klon-Schwester Jubilant vom Flieger ab. Weil sie auf dem Erdmond aufgewachsen ist, ist sie wie alle Lunarier nur schwache Schwerkraft gewöhnt und hoch aufgeschossen.

Er verpasst ihr als ersten Schritt der Anpassung eine künstliche Lunge, deren Apparat auch gleich das Kraftfeld erzeugt, das einen Merkurbewohner vor der Hitze schützt. Gesprochen wird nicht mit dem Mund, sondern mit einem Kehlkopfmikrofon. Er bringt sie zu seiner Mutter Dorothy, die wie alle Merkurier, die noch bei Verstand sind, wegen der Erdbeben auf einem Hügel wohnt – man will ja nicht in einem Tal verschüttet werden, oder?

Bei Tisch merkt Tim schnell, dass die beiden Frauen ein Geheimnis hüten. Es muss mit dem Grund zusammenhängen, warum Dorothy den Mond verließ und dabei Jubilant – ihre Tochter? – zurückließ. Nun kann man ja in der heutigen Zeit das Geschlecht wechseln wie andere Leute das Hemd, und so etwas wie „Kernfamilie“ ist ein vergessener Begriff aus der Antike der Alten Erde. Dennoch wurmt Tim diese offene Frage.

Zum Zeitvertreib zeigt er ihr die Quecksilberteiche in der Nähe. Sie liegen in einer schattigen Schlucht, wo das ionisierte Quecksilber in Teichen und Grotten von selbst leuchtet. Ein sehr schöner Ort, den man am besten ohne Kleidung genießt, denn wie sollte man sonst im Teich baden? Da die meisten Merkurier eh nur mit ihrem Kraftfeld bekleidet sind, planschen Tim und Ju in einem Grottenteich. Ein schöner Moment, in dem sie einander näher kommen.

Doch ein erneutes Erdbeben lässt die Höhle einstürzen, und sie werden verschüttet. Kein Grund zur Panik! Man wird sie bald rausholen, beruhigt Tim seine Schwester. Die beginnt während des Wartens, endlich das Geheimnis ihrer Familie zu lüften. Würde er nicht gerade kuschelnd neben ihr liegen, würde ihn ihre Geschichte von den Füßen hauen …

|Mein Eindruck|

Varley, der durchtriebene Schlingel, spielt auch diesmal mit Erotik – verbotener Erotik, denn Tim und Ju sind so etwas wie Brüderlein und Schwesterlein, und das ist ja bekanntlich tabu. Begleitet vom Merkurphänomen des „rückläufigen Sommers“ – eine exzentrische Umlaufbahn macht’s möglich – weiht uns die Geschichte in die dazu analoge Welt der Familienbeziehungen der fernen Zukunft ein.

Das heute so verbreitete und für selbstverständlich gehaltene Konzept der „Kernfamilie“ aus Mami, Daddy und den Kids wird nur noch in winzigen Sekten praktiziert. Die spezielle Kirche, aus der Tims und Jus Eltern stammen, nannte sich „Die Urprinzipien“, was schon mal auf ihre Altertümlichkeit hinweist. In einer Epoche des willkürlichen Geschlechtswandels und des Klonens ist so etwas wie „Familie“ ein höchst relativer Begriff. Folglich ist auch Tims Herkunft eine reichlich verschlungene Angelegenheit. Mehr darf nicht verraten werden.

_3) Das Phantom von Kansas (The Phantom of Kansas, 1976)_

In einigen Jahrhunderten wird das Gedächtnis eines Menschen komplett aufgezeichnet werden können. Die Archimedes Treuhandgesellschaft auf Luna erledigt das und hütet die Erinnerungen ihrer betuchten Kunden in einem gesicherten Tresor, genau wie eine Bank. Bis dann in den Tresor eingebrochen wird. Die Einbrecher sind offenbar nicht an den Wertpapieren interessiert gewesen, sondern an den Speicherzellen: Sie löschten sie allesamt. Das lief auf Mord hinaus.

Eine der Kundinnen bei der ATG ist Miss Fuchs, eine Environment-Künstlerin, die in den Disneylands auf dem Mond Wetter-Symphonien designt und aufführt. Nachdem das Gericht die ATG dazu verdonnert hat, Fuchs neu zu registrieren, begibt sich die junge Frau zum Arzt und lässt ihr Gedächtnis aufzeichnen. Als sie wieder erwacht und ihre Desorientierung überwindet, blickt sie in besorgte Gesichter ringsum, unter ihnen ihre Mutter Carnival. Bei einem Besuch des Präsidenten der ATG, Mr. Leander, erfährt Fuchs, dass sie selbst allen Grund hat, sich Sorgen zu machen: Sie wurde bereits dreimal ermordet. Die drei Vorgängerinnen wurden binnen zweieinhalb Jahren Opfer eines Unbekannten. Doch wessen Zorn kann sie, Fuchs, auf sich gezogen haben? Den eines Konkurrenten? Eines Fans, eines Irren?

Fuchs lässt sich schleunigst wieder aufzeichnen, denn sie beurteilt ihre Zukunftsaussichten als recht bescheiden und will ihrer Nachfolgerin eine Chance geben, erstens zu überleben und zweitens sie zu rächen. Aber was kann sie selbst unternehmen? Inspektorin Isadora rät ihr, zu Hause zu bleiben statt wie ihre Vorgängerin (Nr. 3) zu den Planeten zu fliegen. Der Irre, der sie verfolgt, hat sie dort offenbar erwischt. Fuchs ist einverstanden.

Dann fragt sie den Zentralcomputer von Luna, ob er ihr helfen kann. Von den 210.000 Menschen, die auf Luna leben, kommen über 93% als Täter in Frage. Doch es gibt es eine Dunkelziffer von sogenannten Gespenstern“ oder Phantomen“, die nicht legal auf dem Mond leben, widerrechtlich hier geboren oder geklont wurden. Der ZC verfolgt und terminiert sie; das ist sein Job. Dies Aussichten sind gut, findet Isadora, dass Fuchs als Köder bei einer ihrer Aufführungen den Täter in eine Falle locken könnte.

Über sechs Mondmonate oder „Lunationen“ vergehen, in denen Fuchs in aller Ruhe ihr neues Kunstwerk entwickeln und dessen Aufführung im Kansas-Disneyland vorbereiten kann. Tornados und eine donnernde Büffelherde spielen dabei eine tragende Rolle. Es wird die Zuschauer umhauen! Jetzt muss Fuchs die Aufführung bloß noch überleben …

|Mein Eindruck|

John Varley kombiniert Einfallsreichtum mit komplexen Weltentwürfen und detailliert gezeichneten Figuren, für die man sich wirklich interessiert. Fuchs, die Wetterkünstlerin, ist solch ein Charakter. Sie ist keine von uns und deshalb ein Rätsel. Das macht neugierig und wartet mit einigen Überraschungen auf, die sich auf den Handlungsverlauf auswirken.

Ihr Schicksal ist unauflöslich mit der Gesellschaft verknüpft, in der sie lebt und sich verändert. Auch diese Gesellschaft ist nicht unsere, obwohl uns ein paar Elemente bereits bekannt vorkommen. Dazu gehören die Disneylands, wenn auch unsere längst nicht 250 km im Durchmesser messen – aber auf dem Mond ist in den großen Kratern viel Platz.

Der zweite bekannte Faktor ist der Zentralcomputer, eine Künstliche Intelligenz (KI). Und wer Heinleins klassischen SF-Roman „Der Mond ist eine herbe Geliebte“ gelesen hat, weiß, welch entscheidende Rolle ein Zentralcomputer für ein Gemeinwesen spielen kann. Bei Heinlein heißt die KI Mycroft, nach Sherlock Holmes‘ Bruder. Varleys ZC hat keinen Namen, aber das macht ihn umso sympathischer. Er entwickelt sich zu einem echten Freund von Fuchs.

1992 benutzte Varley diesen Schauplatz mit sämtlichen Zutaten erneut in seinem fulminanten Detektivroman Stahlparadies / Steel Beach“, der deutsch bei Bastei-Lübbe erschien. Darin wird Fuchs‘ Nachfolgerin zu einem Ebenbild von Heinleins Superagentin Freitag. Aber wir sollten ihr ebenso wenig wie Fuchs vertrauen, wenn sie sagt, sie sei eine Frau …

_Unterm Strich_

Unsere Reise durch das Sonnensystem hat nun ihr Ende erreicht, bitte alle aussteigen! Von der Alten Erde über den Mond hinaus zu Mars, Venus und Merkur sind wir geflogen, ja, sogar zu den Saturnringen und noch weiter. Überall haben wir Menschen gefunden, allerdings reichlich veränderte Menschen. Sie speichern ihren Gehirninhalt – vulgo „Geist“ genannt – und wechseln ihre Körper und deren Geschlecht wie andere Leute ihr Hemd. Das macht sie so anpassungsfähig. Keine noch so menschenfeindliche Umgebung schreckt sie, nicht einmal der sonnennahe Merkur mit seiner Bratofenhitze und den ständigen Erdbeben.

Doch die Liebe in all ihren vielfältigen Formen hat ihre Anziehungskraft bewahrt. Klone lieben einander ebenso wie virtuelle Geister in Computern, und dabei wird dem Leser so manches zugemutet – nämlich dass er oder sie althergebrachte Moralvorstellungen über Bord wirft und sich flexibel zeigt, wenn es um Beziehungen zwischen relativen Begriffen wie Bruder, Schwester, Vater, Tochter, Mutter, Sohn und so weiter geht.

Sobald man dies einmal geschafft hat, öffnen sich neue Horizonte des Zusammenlebens und des gemeinschaftlichen Glücks, auch und gerade auf den neuen Welten, die es zu erkunden gilt. Dieses Versprechen gab seinerzeit bereits Robert A. Heinlein ab, und Varley ist in den großen Fußstapfen des Altmeisters unterwegs – glücklicherweise ohne dessen selbstgefälliger Geschwätzigkeit. Varley Geschichten, die in den drei „Voraussichten“-Bänden veröffentlicht wurden, finden sich in zahlreichen Anthologien, etwa bei Heyne, wieder. Sie sind stets ein Highlight, was abenteuerliche Ideen und gute Unterhaltung angeht.

|Taschenbuch: 157 Seiten
Originaltitel: The Persistence of Vision, Teil 3 (1978)
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr, Birgit Reß-Bohusch und Rose Aichele
ISBN-13: 978-3442233830|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

_John Varley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Satellit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2392
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669
[„Mehr Voraussichten“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7453

Varley, John – Mehr Voraussichten

_Neue Welten, schräge Erfahrungen_

Dieser zweite Band mit John Varleys SF-Erzählungen aus den siebziger Jahren enthält folgende Geschichten:

1) Ein Löwe in der Speicherbank: Der Geist eines Mannes lebt in einem Computer – bis zum nächsten Download.

2) In der Schüssel: Ein Marsianer sucht auf der Venus wertvolle Juwelen – und findet die Gefährtin fürs Leben.

3) Triade: Ein Künstlerduo mit einem Symbionten muss Musik machen, um Nährstoffe zu erhalten. In Tympani finden sie eine sexy Aufnahmeleiterin.

_Der Autor_

John Varley, geboren 1947 in Austin, Texas, ist dem deutschen Leser vor allem durch seine Storybände (bei Goldmann) und seine „Gäa“-Trilogie (bei Heyne) ein Begriff. Eine seiner besten Stories, „Press ENTER“, wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 1992 erschien der vorliegende Roman unter dem Titel „Steel Beach“ und landete in der Folge auf den vordersten Plätzen, als es um die Vergabe der Science-Fiction-Preise ging.

Mittlerweile konnte Varley seine Roter-Donner-Trilogie bei Heyne veröffentlichen. Wo Varley in den 70er-Jahren führend wirkte, wirkt seine an Heinlein angelehnte Ideenwelt heute altbacken. Er lebt mit seiner Familie in Eugene, Oregon.

_Die Erzählungen _

_1) Ein Löwe in der Speicherbank (Overdrawn at the memory bank, 1976)_

Die Menschen sind auf den Mond umgezogen und leben jetzt in großen, kilometerhohen Kuppeln. Da ist beispielsweise Kenia-Disneyland. Ein Lehrer erklärt seiner Klasse, dass im Medo-Tech-Mentrum ein Mann mit geöffneter Schädeldecke liegt. Warum, wozu – sie sollen es erklären. Fingal, der Mann auf der Bahre, lauscht ihnen, denn er ist es ja, über den sie reden. Er lässt gerade von seinen Gedächtnisbänken im FPNS-Netz eine Sicherheitskopie ziehen. Mit dieser Kopie kann er praktisch als Doppel in jede Art von kompatiblem Lebewesen eingepflanzt werden. Heute soll es eine Löwin in der kenianischen Savanne sei.

Während sein Körper mit wieder geschlossenem Schädel in einen Raum gebraucht wird, ergeht sich sein kopierter Geist im Leben der Löwin. Diese Erfahrung ist weniger befriedigend, als Fingal erwartet hat, denn die Löwin steht ziemlich weit unten in der Hierarchie des Rudels und darf erst als letzte ihre eigene Beute fressen. Dann ist Fingals Zeit in der Löwin abgelaufen.

Als er wieder in seinem Körper erwachen soll, merkt er, dass etwas nicht stimmt: Er sieht eine körperlose Hand, die auf eine Wand in Flammenschrift schreibt und ihm so eine Botschaft übermittelt. Dann darf er sich ein Buch nehmen, das ihm ebenfalls eine Botschaft übermittelt: Er befinde sich im Zentralcomputer der DataSafe Gesellschaft, mit der er den Vertrag abgeschlossen hat, und könne noch nicht in seinen Körper zurückkehren. Der sei nämlich abhandengekommen(!). Sein Geist befinde sich zwar vorerst in einem Computer, dennoch müsse er ihr, seiner Operateuse Apollonia Joachim, glauben, dass er real sei. Na schön. Aber seinem Psychiater, der ihn auf diesen Safari-Urlaub geschickt hat, wird er was husten.

Wie es Fingal vorkommt, lebt er ein Jahr in diesem Rechner. Er ist auf die Idee gekommen, dass er ja von seiner neuen Umgebung lernen kann: nämlich Computertechnik und Cybernetik. Außerdem kann er sich seine eigene Welt hier erschaffen, so etwa ab und zu eine Blondine. Dagegen scheint jedoch Apollonia etwas zu haben. Man könnte fast meinen, sie sei eifersüchtig …

|Mein Eindruck|

Ja, wo ist hier eigentlich die Pointe, fragte ich mich. Das Dick’sche Thema der Unterminierung der „Realität“ und das Leben als Geist in der Maschine – all das hatten wir doch schon in den sechziger Jahren. Die einzige Neuerung ist die Übertragbarkeit des Geistes auf technischem Wege – und auch die ist für Dick’sche Verhältnisse nicht wirklich neu. Dick benutzte dafür Drogen.

Angesichts der Nicht-Ereignisse in Fingals Computer fand ich die Geschichte denn auch nicht wirklich prickelnd. Und der Schluss vereint den Helden auf die übliche romantische Weise mit seiner Operateuse Apollonia: Boy gets Girl. Alles wie gehabt. Ich war nicht beeindruckt.

_2) In der Schüssel (In the Bowl, 1975)_

Kiku ist ein Amateurgeologe vom Mars, der schon einiges Wundersames von den Venussteinen, den Juwelen der Venus-Wüste, gehört hat. Sie sollen eine Menge wert sein, aber auch nur deshalb, weil sie schwer zu bekommen sind. Wie schwer, will Kiku herausfinden.

Zunächst macht er den Fehler, sich ein Ersatzauge aufschwatzen zu lassen – angeblich ein Schnäppchen, aber leider mit einer gewissen Fehlsichtigkeit. Die macht sich auf der Venus zunehmend lästig bemerkbar. Er passiert eine Stadt nach der anderen, bis er endlich die tiefe Wüste erreicht. Nach Last Chance kommt nur noch Prosperity. Hierhin kommen die Pendelbusse nur noch im Wochentakt.

Die einzige Medizinerin weit und breit, die Kiku mit seinem versagenden Billigauge helfen kann, ist Ember. Das Mädchen planscht grade mit seinem zahmen Otter im Dorfbrunnen herum, als Kiku es wegen der nötigen Operation anquatscht. Sie sieht aus wie 18, sagt aber, sie sei schon 13, und das wäre auf der Venus schon fast ein legales Alter. Tatsächlich findet sie sich bereit, ihm das Auge zu reparieren. Als sie aber herausfindet, was er hier draußen im Nirgendwo wirklich vorhat, will sie sofort mit von der Partie sein.

Kommt ja gar nicht in die Tüte, protestiert Kiku sofort, natürlich vergebens. Denn zufällig besitzt Ember auch das einzige funktionierende Fluggefährt weit und breit. Nur mit diesem Schweber könne Kiku über den Grat des Randgebirges in die tiefe Wüste gelangen, wo die wertvollen Venussteine wachsen.

Tja, und so kommt es, dass sich Kiku mit einem listenreichen Mädel und einem zahmen Otter auf den Weg über die Berge macht. Es wird ein Abenteuer, das beide grundlegend verändern soll. Aber das kann auch sein Gutes haben …

|Mein Eindruck|

John Varley sieht in Veränderung immer auch die Chance zu einem Neuanfang. Und dies gilt natürlich auch für Kiku, der ein einsames Leben führt, und für Ember, die endlich von der venusischen Sandkugel runterkommen will. Allerdings braucht es noch etwas Nachhilfe, bevor diese beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten zueinander kommen können.

Dieser Katalysator ist der Venusstein, eine denkwürdige Begegnung in der Wüste, die Kikus Geist verändert – und in Gefahr bringt. Die bodenständige Ember ist nötig, um ihn vor dem Wahnsinn zu bewahren und ihm zu zeigen, was er wirklich braucht: einen lieben Menschen an seiner Seite. Jetzt muss Kiku nur noch herausfinden, ob er Ember lieber als Tochter adoptieren oder doch gleich heiraten soll. Aber auch das wird sich noch zeigen, sobald sie beide erst einmal auf den Mars gelangt sind.

Dem zuversichtlichen Menschen nach Varley-Art ist „nix zu schwör“. Auch in seinen Erzählungen, die in den drei Goldmann-Erzählbänden „Voraussichten“, „Mehr Voraussichten“ und „Noch mehr Voraussichten“ zusammengefasst sind, erweisen sich die Hauptfiguren als Erkunder neuer Zustände und Gegenden. Hier ist es ein gekauftes Organ, das Kiku zur schicksalhaften Begegnung mit Ember – und einem Venusstein – verhilft.

In „Ein Löwe in der Speicherbank“ gerät die Hauptfigur mit einer Sicherheitskopie seines Geistes ins Innere eines Computers und muss sich dort einrichten. In der preisgekrönten Story „In der Halle der Marskönige“ richten sich die Mars-Siedler häuslich in einem Alien-Konstrukt ein – mit entsprechenden Überraschungen. Für solche ist Varley immer gut (gewesen), und das macht seine Storys so vergnüglich, ohne es an Tiefgang fehlen zu lassen.

_3) Triade (Gotta Sing, Gotta Dance, 1976)_

Auf den Saturnringen hat sich ein illustres Künstlervölkchen angesiedelt: Menschen, die in Symbiose mit intelligenten Pflanzen-Wesen zusammenleben, die sie vor der kalten Umwelt schützen und nähren. Aber die Symbionten können nicht die Mineralstoffe erzeugen, die der Mensch benötigt. Deshalb besuchen sie alle zehn Jahre den künstlichen Mond Janus, der wie eine Musiknote geformt ist und eine einzige Industrie beherbergt: Künstleragenturen. Es ist das Gegenstück zur berühmten Tin Pan Alley in New York City.

Barnum und Bailey sind solch ein Künstlerpaar. Auf einen Tipp hin besuchen sie die Agentur von Ragtime und Tympani. Dort ist die Aufnahmeleitererin Tympani recht angetan von Barnums Gesang, auch wenn sein Kopf unter einer grünen Hülle verborgen sein mag und nur sein Mund zu sehen ist. Dann zeigt sie ihm, wie sie mit Hilfe einer Schnittstelle zwischen Gehirn und Synthi aus Körperbewegungen Musik erzeugen kann. Bailey ist sofort fasziniert von dieser synästhetischen Musik. Das will er auch können.

Da sich Tympani irgendwie vor der permanenten Bindung an einen Symbionten fürchtet, bleibt nur die Möglichkeit, Bailey sowohl Barnum als auch Tympani „infiltrieren“ zu lassen. Dank der Buchse in Tympanis Schädel haben Baileys Fühler leichten Zugang. Seine Hülle umschließt beide Menschen und überführt in einem Rückkopplungsprozess den Bewegungsablauf des Liebesaktes in Musik. Alle drei sind von dem Ergebnis sehr beglückt. Dennoch heißt es am Schluss Abschied nehmen – bis in zehn Jahren, wenn die beiden Künstler wieder Nachschub brauchen.

|Mein Eindruck|

Es ist eine weit entfernte Zukunft, die der Autor schildert, und doch eine denkbare Welt dort draußen in den Saturnringen. Meist werden die Ringe nur durchflogen, von Sonden wie Raumschiffen, doch nur selten werden Wesen auf den Ringen selbst angesiedelt, sondern in der Regel auf den Monden.

Der Autor hat nicht nur das Milieu von Musikern und Musikagenten gut eingefangen, wie es in der Tin Pan Alley existierte, sondern auch noch gleich eine neue Kunstform erfunden. Das Gerät Synaptikon stellt die weniger Jahre später im „Cyberpunk“ (ab 1980) so populäre Schnittstelle zwischen Gehirn und Computer her, der dann Gehirnimpulse direkt ausführt – oder umgekehrt. Typisch Varley, dass diese Kunstform gleich mit Sex verbunden wird – damit wollte er wohl seine jungen männlichen Leser erfreuen (ähnlich wie in der Story „Leb wohl, Robinson Crusoe!“).

Aber es ist nicht die einzige Story über neue Kunstformen. So hat etwa in „Das Phantom von Kansas“ eine Designerin von Stürmen ihren eindrucksvollen Auftritt. Und mehr als einmal erntete Varley für seine Einfälle hohe Auszeichnungen.

_Unterm Strich_

Varley schafft es immer wieder, den Leser in außergewöhnliche Welten zu entführen. Das ist zwar die archetypische Aufgabe der Science-Fiction, die einen ihren Ursprünge in den Abenteuergeschichten des Altertums (Homer, Lukian, Apuleius u. a.) hat. In den siebziger Jahren waren aber Ausflüge ins Innere eines Computers noch keineswegs Alltag, und auch von der Transplantation künstlicher Augen träumten noch nicht viele Leute (bei William Gibson ist es 1984 schon Alltag).

So wahnsinnig originär ist Varley jedoch selten. Was ihn originell macht, ist die Umsetzung einer schon bekannten Idee. In der ersten Geschichte wandelt er auf den Spuren von Philip K. Dick, und die Venus wurde bereits von Robert A. Heinlein, Varleys großem Vorbild, mehrfach besucht, so etwa in „Podkayne of Mars“ (siehe dazu meinen Bericht).

Was die dritte Story betrifft, so kann ich mich nicht erinnern, eine ähnliche Idee schon mal gefunden zu haben. Natürlich kommen Symbionten immer mal wieder vor, aber Varley konnte sich anno 1976 bereits einige Freiheiten bei der Darstellung sexueller Aktivitäten herausnehmen. Das Urteil des Obersten Bundesgerichtes vom Jahr 1968 hatte den Softpornos Tür und Tor geöffnet, und fortan trauten sich auch Autoren wie Dick, für den „Playboy“ zu schreiben, der viel höhere Honorare zahlen konnte als die SF-Magazine.

Die Frauenfiguren sind in den Varley-Erzählungen bereits gleichberechtigt und haben ihr eigenes Schicksal. Das ist erstens ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den vierziger und fünfziger Jahren, in denen Frauen fast gar nicht vorkamen, es sei denn als Liebesgehilfen und Dummchen. Aber Varley hat auch die Zeichen der Zeit gelesen: Die Frauen waren in der SF stark im Kommen, nicht zuletzt durch mehrfach preisgekrönte Autorinnen wie Ursula K. Le Guin, Alice Sheldon (die als „James Tiptree jr.“ veröffentlichte) und Joanna Russ.

Varley ist zwar eine Zwischenstation von Heinleins Tagen zu den heutigen Post-Humanist-Space-Operas, aber ein Vorläufer des Cyberpunk. Mit New-Wave-Geschwurbel hat er nichts am Hut, und das macht ihn so bodenständig, verändlich und augenzwinkernd amüsant. Seine Ideen, besonders in den Romanen, vermitteln einen „sense of wonder“, den man bei anderen Autoren lange suchen muss.

|Taschenbuch: 126 Seiten,
Originaltitel: The Persistence of Vision, Teil 2 (1978)
Aus dem US-Englischen von Tony Westermayr, Birgit Reß-Bohusch und Hans-Joachim Alpers
ISBN-13: 978-3442233823|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann

_John Varley bei |Buchwurm.info|:_
[„Der Satellit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2392
[„Die Cinderella-Maschine“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3669

John Scalzi – Der wilde Planet

Ein abseits gelegener Planet wird von einem Großkonzern ausgebeutet; als unvermittelt intelligente Ureinwohner auftauchen, versucht die Gesellschaft die Wesen heimlich auszurotten. Einige Menschen stellen sich an die Seite der „Fuzzys“ und beginnen einen Freiheitskampf … – Der Reboot eines klassischen SF-Romans erzählt die Geschichte nicht neu, sondern nach und peppt sie dabei zeitgemäß auf; das Ergebnis ist ein überflüssiges Buch, das sich sehr flüssig liest.
John Scalzi – Der wilde Planet weiterlesen

Cross, Kady – Mädchen mit dem Stahlkorsett, Das (Steampunk Chronicles 1)

_|Steampunk Chronicles|:_

Band 1: _“Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“_
Band 2: „The Girl in the Clockwork Collar“ (2012, noch ohne dt. Titel)

_Inhalt:_

London im 19. Jahrhundert: Für die 16-jährige Finley könnte das Leben in London eigentlich so einfach sein, denn alles was man von ihr erwartet, ist gutes Benehmen und ein hübsches Aussehen. Beide besitzt sie, aber nicht nur das: Sie hat unmenschliche Kräfte, die stellenweise mit ihr durchgehen. Dadurch verliert sie ihre Arbeitsstelle und steht vor dem Nichts. Völlig verzweifelt trifft sie auf Griffin, der sie bei sich aufnimmt. Recht schnell wird klar, dass sie perfekt zu ihm und seiner kleinen Gruppe von Leuten passt, denn auch sie haben übermenschliche Kräfte, mit denen sie leben müssen. Zusammen mit ihren neuen Freunden möchte sie gegen das Böse auf Londons Straßen ankämpfen, doch Finley hat auch eine dunkle Seite in sich, die ihre Entscheidungen fordern …

_Eindruck:_

„Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“ ist Kady Cross‘ erster Roman und gleichzeitig der Auftakt der „Steampunk Chronicles“-Reihe. Hinter dem Pseudonym Kady Cross versteckt sich die Bestseller-Autorin Kathryn Smith, deren Bücher regelmäßig bei PAN und Knaur veröffentlicht werden.

Für einen Streampunk-Roman ist „Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“ okay, aber leider auch nicht mehr. Die Geschichte hat mich an vielen Stellen verwirrt und ich hatte einige Probleme, mich in das Buch hineinzufinden. Erst gegen Ende kam ich so langsam in die Story hinein, was aber für meinen Geschmack etwas zu spät war. Dadurch konnte kein wirklicher Lesespaß aufkommen und ich konnte mich weder in die Charaktere hineinversetzen, noch mit ihnen mitfiebern. Die Annäherungen der Protagonisten sind zaghaft und werden langsam aufgebaut, ohne zu kitschig zu wirken. Die Dialoge untereinander sind interessant, aber zum Teil sehr langatmig.

Der Schreibstil ist trotz mancher Langatmigkeit flüssig und die Handlung ist durchaus interessant, nur leider macht der erste Band eher den Anschein, als seien zwar viele Ideen vorhanden, aber nicht ganz so umgesetzt, wie man es sich erhofft hat. Einen großen Pluspunkt erhält die Autorin für ihre Recherche, denn (wahre) historische Ereignisse werden hier zum Teil richtig gut und interessant beschrieben. Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt. Dadurch hat man die Protagonisten ein wenig besser kennengelernt. Am meisten wird jedoch aus der Sicht von Finley erzählt. Ihre Gedanken und Gefühle werden dem Leser gut herübergebracht, weisen aber auch ein paar Schwächen auf, da manche Gedanken sehr widersprüchlich sind. Hier kann man aber auch vermuten, dass es mit dem Alter der Protagonistin zusammenhängt.

Finley ist authentisch, mutig und versucht stets einen klaren Kopf zu behalten. Sie hat zwei Persönlichkeiten, was sie zu einer interessanten und facerettenreichen Protagonistin macht. Sie ist übermenschlich stark und kann sich und ihre Kräfte nicht immer kontrollieren, sodass sie schon öfters unfreiwillig ihre Arbeitsstelle wechseln musste. Ins Herz schließen konnte ich sie jedoch noch nicht, was an den bereits oben genannten Gründen liegt. Gleiches gilt hierbei auch für Jack, Griffin und Emily, wobei mir Letztere immer noch am besten gefallen hat.

Sehr gut hat mir gefallen, dass die Geschichte in London spielt und vor allem, wie die Stadt hier beschrieben wird. Obwohl die Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts spielt, wirkt die Stadt stellenweise so modern wie das heutige London, aber auch gleichzeitig altmodisch. Die Mischung ist geradezu perfekt.

Die Covergestaltung ist ein absoluter Eyecatcher. Finley wird hier sehr gut dargestellt, vor allem ihr leicht patziger Gesichtsausdruck und ihre Körperhaltung passen perfekt zu ihren zwei Persönlichkeiten. Auch die Kleidung ist gut ausgewählt und passt ins 19. Jahrhundert. Die Kurzbeschreibung ist vom Verlag etwas zu lang geraten und verrät eindeutig zu viel, sodass ich während des Lesens kaum noch überrascht wurde. Hier wäre weniger mehr gewesen.

_Fazit:_

Insgesamt hat mich „Das Mädchen mit dem Stahlkorsett“ nicht unbedingt gelangweilt, aber auch nicht gänzlich von sich überzeugt. Man merkt der Autorin an, dass noch sehr viele Ideen vorhanden sind. Hoffentlich kann sie diese im zweiten Band besser umsetzen, der 2012 in den USA erscheint.

|Hardcover: 368 Seiten
Originaltitel: The Girl in the Steel Corset – Steampunk Chronicles Book 1
Ins Deutsche übertragen von Jürgen Langowski
ISBN 978-3453267404|
[www.heyne-fliegt.de]http://www.heyne-fliegt.de
[www.kadycross.com]http://www.kadycross.com

_Kady Cross als Kathryn Smith bei |Buchwurm.info|:_
|Traum|-Reihe:
Band 1: [„Tochter der Träume“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6021
Band 2: [„Wächterin der Träume“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6480

_Sabrina Reithmacher_

Rothfuss, Patrick – Furcht des Weisen, Die (Teil 1, Die Königsmörder-Chronik: Zweiter Tag)

_|Die Königsmörder-Chronik|:_

Erster Tag: [„Der Name des Windes“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5367
Zweiter Tag: _“Die Furcht des Weisen“_ (Teil 1)
Zweiter Tag: „Die Furcht des Weisen“ (Teil 2, Februar 2012)
Dritter Tag: „The Doors of Stone“ (angekündigt, noch ohne dt. Titel)

_Kvothe ist noch einmal_ knapp einem Rausschmiss aus der Universität entgangen. Und eigentlich ist er der Meinung, er und Ambrose seien nun quitt. Aber dann versucht Ambrose, mit Denna anzubandeln …

_Wer jetzt glaubt,_ der zweite Band des Zyklus bestünde aus demselben Gerangel zwischen Kvothe und Ambrose wie große Teile des ersten, der sei beruhigt: Zwar kommen sich die beiden tatsächlich erneut in die Quere, Abrose selbst taucht aber nur sporadisch auf, sodass der Konflikt diesmal eher distanziert abläuft. Außerdem nimmt er nur einen Teil der Handlung ein. Der restliche Teil beschäftigt sich mit Kvothes übrigen Tätigkeiten während des neuen Trimesters. Da tut sich zunächst allerdings auch nicht viel Neues: die üblichen finanziellen Schwierigkeiten dominieren neben Ambrose und Denna weiterhin Kvothes Entscheidungen. Allein das neue Seminar bei Elodin, dem Meister der Namenskunde, bringt etwas frischen Wind in die sonst schon sattsam bekannten Details der Universität.

Das war zunächst trotzdem interessant zu lesen, ungefähr bei der Hälfte des Buches stellte sich dann aber doch so etwas wie leichte Ungeduld bei mir ein. Allmählich fand ich es an der Zeit, dass sich die Geschichte mal ein wenig voran entwickelte.

Zwar tat sie das dann nicht wirklich, dafür nahm sie zumindest eine andere Richtung. Denn Kvothe verlässt die Universität, um einen Auftrag anzunehmen, den ihm der noch immer unermüdlich nach einem Schirmherrn für ihn suchende Threpe besorgt hat. Das sorgte nicht nur für einen neuen, kulturellen Hintergrund und neue Figuren, sondern auch für ein völlig anderes Aufgabenfeld. Wobei Kvothes erste Maßnahme nicht unbedingt etwas mit dem zu tun hat, wofür er eigentlich an diesen Ort gekommen ist.

Das Verlassen der Universität sorgte also vor allem für Abwechslung. Bei den vielen Fragen, die noch aus dem ersten Band im Raum stehen, ist der Leser jedoch keinen Schritt weitergekommen. Im Grunde widmen sich nur zwei der kurzen Kapitel tatsächlich der Suche nach den Chandrian, eines davon sozusagen auf einem Umweg. Und auch von den vielen Geheimnissen, die Denna umgeben, wurde noch kein einziges auch nur andeutungsweise gelüftet. So bleibt wie schon beim ersten Band am Ende das Gefühl zurück, dass im Laufe der mehr als achthundert Seiten im Grunde gar nichts Wesentliches passiert ist.

Umso erstaunlicher, dass es mir – abgesehen von dem kleinen Anflug von Ungeduld kurz vor Kvothes Ortswechsel – während des gesamten Buches nie wirklich langweilig wurde. Das ist zum Teil Meister Elodins ungewöhnlichen Unterrichtsmethoden zu verdanken, zum Teil auch Nebencharakteren wie Devi oder dem neu auftauchenden Puppet, der zwar nur einen zwei Seiten kurzen Auftritt hat, aber trotzdem so interessant angelegt und lebendig dargestellt ist, dass ich ihn genauso faszinierend fand wie Denna oder Auri.

Einer der interessantesten Charaktere allerdings ist Tempi, ein Adem-Krieger, mit dem Kvothe sich anfreundet. Zum einen ist er ein stilles Wasser, dafür hat das, was herauskommt, wenn er den Mund aufmacht, wenigstens Hand und Fuß. Zum anderen steht Tempi für eine weitere neue Kultur. Die Details, die Kvothe bisher darüber herausgefunden hat, klingen ausgesprochen vielversprechend, und ich hoffe, dass Tempi dem Zyklus noch lange erhalten bleibt.

Der Schluß des Bandes hängt dann ziemlich in der Luft. Das ist kein Wunder, denn das englische Original wurde in der deutschen Übersetzung in zwei Teile geteilt. Und im Gegensatz zu manch anderer Gelegenheit fand ich die Aufteilung diesmal sogar sinnvoll. Denn die zweite Hälfte des Buches hat noch einmal gut fünfhundert Seiten. Einen Wälzer, der eintausendvierhundert Seiten dick wäre, könnte man kaum längere Zeit aufgeschlagen in der Hand halten.

Ein wenig enttäuscht war ich dagegen von der Bindung. Trotz sorgfältiger Behandlung ist das einmalige Lesen nicht spurlos am Buchrücken vorübergegangen, wofür ich angesichts der ansonsten edlen Aufmachung mit Leseband etc. nicht allzu viel Verständnis habe. Selbst Taschenbücher schneiden da besser ab.

_Insgesamt gesehen_ gefiel mir der zweite Band genauso gut wie der Erste. Kvothes neuer Konflikt mit Ambrose unterschied sich in seiner Form so weit von den bisherigen, dass ich ihn nicht als Wiederholung empfand, und Puppet, Devi sowie Elodin brachten genug Schwung und Extravaganz in die Geschichte, dass die alltäglicheren Aspekte sich davon mittragen lassen konnten, bis der Autor die Handlung schließlich in eine völlig neue Richtung lenkte. Dennoch hoffe ich, dass die Sache jetzt allmählich auch in Bezug auf Kvothes eigentliches Ziel ein wenig vorankommt. Nach zwei dicken Bänden voller Rätsel und Fragen, Gezänk und Alltäglichkeit wäre es wirklich Zeit für die eine oder andere Antwort.

_Patrick Rothfuss_ stammt aus Wisconsin. Lange Zeit unsicher, was er mit seinem Leben anfangen sollte, studierte er zahllose Fächer, bis die Universität ihn zwang, endlich irgendwo einen Abschluss zu machen. Inzwischen ist er an derselben Universität als Lehrkraft tätig, und die langen Winter in Wisconsin, die er früher mit Lesen verbrachte, verbringt er nun mit Schreiben. Der zweite Teil von „Die Furcht des Weisen“ erscheint im Januar nächsten Jahres. Ein Erscheinungstermin für den letzten Band der Trilogie steht noch nicht fest.

|859 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Vorsatzkarte & Lesebändchen
Originaltitel: The Wise Man’s Fear. Kingkiller Chronicle Vol.2
Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer und Wolfram Ströle
ISBN-13: 978-3608938166|
[www.patrickrothfuss.com]http://www.patrickrothfuss.com
[www.klett-cotta.de]http://www.klett-cotta.de/home
[www.hobbitpresse.de/PatrickRothfuss]http://www.hobbitpresse.de/PatrickRothfuss_autor1429.php

Heitmann, Tanja – Traumsplitter

_Die Fotografin Ella Johanson_ ist in der Hafenstadt Sandfern aufgewachsen, bis ihre Eltern das Weingut ihrer Großeltern in Australien übernommen haben. Ella hat Sandfern und vor allem den magischen Garten ihrer Tante immer vermisst und so kehrt Ella an die Stätte ihrer Kindheit zurück. Doch alles kommt anders als erwartet. Ihr Halbbruder sollte einen Verwalter einstellen, um die Villa ihrer Tante in Schuss zu halten, doch dies ist nie geschehen und so muss Ella eine heruntergekommene Villa beziehen und renovieren. Lediglich der märchenhafte Garten, zwar verwildert, ist ihr Lichtblick. So bleibt Ella und stellt sich den Herausforderungen.

Auch ein handwerklich begabter Untermieter ist schnell gefunden, der umwerfend gut aussehende und charmante Gabriel. Schnell fühlt Ella sich zu Gabriel hingezogen und in den flirrend heißen Sommernächten beginnt sie, von ihm zu träumen. Doch dann muss sie feststellen, dass Gabriel tatsächlich den Weg in ihre Träume kennt und dafür einen hohen Preis zu zahlen hat. Bald ist auch Ella in Gefahr und der Boden unter ihr droht wie Glas zu zersplittern …

_Kritik_

In „Traumsplitter“ spielt, wie auch schon in Tanja Heitmanns Romanen wie „Nachtglanz“ und „Morgenrot“, ein Dämon eine zentrale Rolle. Ein Inkubus, ein männlicher Traumdämon, ermöglicht die Reise in fremde Träume, verlangt aber auch einen sehr hohen Preis für diese Gabe.

Tanja Heitman bedient sich einem außerordentlich flüssig zu lesendem Schreibstil, dem der Leser leicht über die 464 unterhaltsamen Seiten folgen kann. Geschickt wurden Fantasyelemente in eine Geschichte um eine junge Frau eingewoben, die sich jederzeit so ereignen könnte. Bildgewaltig und mit viel Liebe zum Detail, werden die Schauplätze und die Handlung beschrieben. Besonders der märchenhafte Garten Ellas verstorbener Tante liegt dabei im Fokus, dieser spielt unter anderm auch eine zentrale Rolle in Ellas Träumen. Ein feiner Spannungsbogen wurde von der Autorin geschickt in die Geschichte eingewoben. Bereits mit der ersten Begegnung von Ella und Gabriel steigt dieser langsam aber konstant an. Besonders das Geheimnisvolle um Gabriel trägt zur Spannung bei. Stetig entwickelt sich der Spannungsbogen weiter und zieht zum Showdown noch einmal kräftig an. Ebenso schafft es die Autorin, die Stimmungen in „Traumsplitter“ glaubwürdig weiterzugeben. So hat der Leser die Möglichkeit die Geschichte nicht nur miterleben, sondern fühlt und träumt auch mit. An sich wirkt das Ende in „Traumsplitter“ abgeschlossen, irgendwie bleibt aber auch noch Raum zum Weiterspinnen oder sogar einen weiteren Roman um den Inkubus. Das Zusammenspiel der verschiedenen realen und fantastischen Elemente ist ausgeklügelt und harmonische zusammengefügt.

Aus der Perspektive einer beobachtenden dritten Person werden die Ereignisse erzählt. Der Beobachter konzentriert sich dabei nicht auf Ella allein, auch Gabriel lernt der Leser sehr gut kennen. Oft ist der Leser Ella dabei etwas im Voraus und begreift schneller, was es mit Gabriel auf sich hat. Schnell fiebert der Leser so mit dem „Traum“-Paar und hofft, dass zum Ende doch alles gut ausgeht.

Die Darsteller sind allesamt sehr eindrucksvoll und vor allem glaubwürdig skizziert. Besonders die Protagonisten sind äußerst sympathisch und liebenswert. Die Entwicklungen, der sich die einzelnen Charaktere unterziehen, wirken begründet und realistisch. Aussehen und Charaktereigenschaften sind bei allen Darstellern vorhanden. Schnell kann der Leser sie einzeln zuordnen. Auch sucht der Leser vergebens nach überflüssigen Figuren, da alle das Ihre zum Geschehen beisteuern.

Für Ella läuft erst einmal alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hat. Sie stellt sich tatkräftig allen Hindernissen und nicht nur die Instandsetzung der traumhaften Villa gelingt ihr so mithilfe ihrer Freunde. Mutig kämpft Ella für ihr Glück und auch um das der Menschen, die ihr am Herzen liegen.

Gabriel wirkt sehr geheimnisvoll, vor allem auf Ella. Ein düsteres Geheimnis und der Preis den Gabriel zu zahlen hat sind stimmig konzipiert.

Neben Ella und Gabriel spielt auch Ellas Neffe Kimi (Konstantin) eine zentrale Rolle. Ella kennt ihn nur als schüchternes und sehr zurückhaltendes Kind und lernt nun den pubertierenden Kimi kennen. Durch sein auffälliges Aussehen will der Jugendliche provozieren und schafft dies auch zumeist. Hinter seiner Maske verbirgt sich aber auch ein sehr hilfsbereiter und sensibler junger Mann, den die Leser in Handumdrehen ins Herz schließen dürften.

Auch die Neben- und Randfiguren bringen verschiedenen Eigenschaften, die diese ausmachen und zu der Geschichte beitragen.

Das Cover ist absolut gelungen. Auf silbernem Hintergrund sind pinke Zeichnungen, die Bezug auf das Geschehen nehmen, abgebildet. Es ist wunderschön anzusehen. Eine kleine Zeichnung findet sich auch an den Kapitelanfängen wieder.

_Autorin_

Tanja Heitmann wurde 1975 in Hannover geboren und arbeitet in einer Literaturagentur. Sie lebt mit ihrer Familie auf dem Land. Ihr Debütroman „Morgenrot“ war ein sensationeller Erfolg und stand monatelang auf den Bestsellerlisten. Zuletzt bei Heyne erschienen: „Nachtglanz“.

_Fazit_

„Traumsplitter“ von Tanja Heitmann überzeugt neben einer realistischen Geschichte durch die fein eingestreuten Fantasyelemente. Besonders, da es sich hier um einen Roman handelt, der trotz der Fantasy nicht zu abgehoben wirkt. Das macht „Traumsplitter“ aus.

Zauberhaft hat Tanja Heitmann die Umgebung, in der „Traumsplitter“ spielt, entwickelt. Allein der märchenhafte Garten von Ella lädt zum Verweilen und Träumen ein. Aber nicht nur die zauberhafte Umgebung punktet, auch die sympathischen Charaktere, das sommerliche Flair und der abwechslungsreiche Plot verdienen Anerkennung.

Ich war von „Traumsplitter“ wahrhaft fasziniert und kann diesen Roman nur weiter empfehlen! Besonders weil dieser Roman nicht genretypisch düster war, sondern mit einer gewissen schon fast greifbaren sommerlichen Leichtigkeit punktet, wird „Traumsplitter“ zu etwas Besonderem.

|Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
ISBN-13: 978-3453266124|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne

_Tanja Heitmann bei |Buchwurm.info|:_
[„Morgenrot“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5865
[„Wintermond“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6345
[„Nachtglanz“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6674

Moers, Walter – Labyrinth der träumenden Bücher, Das

_Walter Moers‘ „Zamonien“-Romane_ zählen für mich zu den fantasievollsten Romanen, die ich je lesen durfte und besonders „Die Stadt der träumenden Bücher“ habe ich geradezu verschlungen, so fesselnd, aufregend und erfrischend innovativ lasen sich die knapp 500 Seiten, auf denen Moers erstmals vom jungen Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz und seinen Abenteuern in Buchhaim erzählte. In „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ spinnt Moers die Geschichte des Lindwurms nun endlich weiter.

200 Jahre sind vergangen, seit Buchhaim, die Metropole der Literatur, von einem verheerenden Feuer größtenteils zerstört wurde. Hildegunst von Mythenmetz, der Zeuge dessen wurde, wie der gefürchtete Schattenkönig den Katakomben der Stadt einst entstieg, um sich, indem er sich selbst anzündete und den Brand so verursachte, an seinem Schöpfer zu rächen, ist inzwischen zum berühmtesten und beliebtesten Schriftsteller Zamoniens avanciert. Vor lauter Beweihräucherung durch seine unzähligen Anhänger und nicht zuletzt sich selbst bemerkt er jedoch nicht, dass die Literatur selbst nur noch Nebensache seines Lebens ist. Eines Tages erreicht ihn jedoch ein Brief, der sein Leben aus der Bahn wirft. Hals über Kopf entschließt er sich, nach Buchhaim, das mittlerweile neu aufgebaut wurde, zurückzukehren und der geheimnisvollen Nachricht auf den Grund zu gehen. Dort angekommen muss er jedoch feststellen, dass von dem charmanten Städtchen Buchhaim, das er einst kannte, nicht viel übrig geblieben ist – stattdessen erblüht die Stadt in neuer Pracht und wartet mir zahllosen neuen Attraktionen und Schauplätzen auf. Hildegunst stürzt sich schnurstracks ins Getümmel, trifft dabei so einige alte Bekannte wieder, wie z. B. seinen Schriftstellerkollegen Ovidios, dem er zuletzt auf dem Friedhof der vergessenen Dichter begegnete und der nun das Orm erlangt hat, die Schreckse Izanuela oder den Eydeeten Hachmed Ben Kibitzer, und stolpert von einer Kuriosität der Stadt, z. B. den Qualmoirs, den Libronauten, den Puppetisten, dem Buchwein oder dem Biblionismus, in die Nächste. Dabei kommt er seinem ursprünglichen Ziel, nämlich den Absender des geheimnisvollen Briefes zu finden, jedoch kaum näher.

_“Das Labyrinth der träumenden Bücher“ ist_, besonders für einen Fan der Bücher Walter Moers‘, vergleichsweise enttäuschend. War „Die Stadt der träumenden Bücher“ meiner Meinung nach ein Meisterwerk der fantasievollen Literatur, das man vor Spannung unmöglich aus den Händen legen konnte, so ist „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ eine Art unterhaltsames Reisetagebuch des Hildegunst von Mythenmetz, das den Leser zwar zu faszinieren und bei der Stange zu halten vermag, den sehr hohen Erwartungen, die man nach dem Vorgänger hat, jedoch nicht gerecht wird. Kurzweilig und locker erzählt der Autor über die aufregenden Erlebnisse des schnöseligen Lindwurms im Buchhaim und verwebt, genau wie man es von ihm kennt, eine Menge skurriler, amüsanter Ideen in die Geschichte, doch auch nur annährend so spannend wie sein Vorgänger, wird „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ nie. Dies liegt vor allem daran, dass Moers die eigentliche Handlung kaum vorantreibt, sondern sich mit unzähligen Nebensächlichkeiten aufhält, sodass es zeitweise sogar so wirkt, als wollte er bloß so viele Seiten wie möglich füllen – die ziemlich langweilige 100-seitige (!!!) mythenmetzsche Abschweifung zum Thema Puppetismus ist hier wohl das deutlichste Beispiel. Erst in den letzten Kapiteln strafft Moers den Spannungsbogen merklich, ein großes Finale bleibt jedoch auch aus.

Doch der letzte Satz des Buches tröstet den Leser zumindest etwas: Hier fängt die Geschichte an. Im anschließenden Nachwort wird nämlich verraten, dass das Buch „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ gesplittet werden musste, ein zweiter Teil, in dem Hildegunst von Mythenmetz dem Geheimnis des Briefes endlich auf den Grund geht, folgt. Warum das Buch geteilt wurde, ist zwar zumindest mir ein Rätsel, denn diesen ersten Teil hätte man problemlos um die Hälfte kürzen und das Buch als Ganzes veröffentlichen können, doch wenigstens bedeutet dies, dass das, was Moers in „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ bietet, noch lange nicht alles ist, was wir von Hildegunst von Mythenmetz hören werden.

_Fans werden_, wie schon gesagt, wohl deutlich mehr von Walter Moers erwartet haben, doch alles in allem ist „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ dennoch kein schlechtes oder auch nur durchschnittliches Werk. Der Autor hat sich jedenfalls erneut eine ganze Menge für seine Leser einfallen lassen, sodass sich die Lektüre in jedem Falle lohnt. Lesern, die mit Walter Moers bisher noch nicht in Berührung gekommen sind, sei jedoch empfohlen, sich eher einem anderen Werk des Autors zu widmen.

|Gebunden mit Schutzumschlag: 432 Seiten
ISBN 978-3813503937|
[www.randomhouse.de/knaus]http://www.randomhouse.de/knaus

_Katharina Beck_

_Walter Moers bei |Buchwurm.info|:_
[„Die Stadt der träumenden Bücher“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2486
[„Adolf: Der Bonker“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2668
[„Der Schrecksenmeister“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4678
[„Rumeo & Die Wunder im Dunkeln“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4731
[„Der Schrecksenmeister“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5078

Lode, Christoph – Phoenixfeuer (Pandaemonia 3)

_|Pandaemonia|:_

Buch 1: [„Der letzte Traumwanderer“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6879
Buch 2: [„Die Stadt der Seelen“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6994
Buch 3: _“Phoenixfeuer“_

_Jackon hat Liam_ verraten. Und das bereut er nun bitterlich. Als er erfährt, dass Lady Sarka nicht vorhat, ihr Versprechen, Liams Leben zu schonen, zu halten, beschließt Jackon, etwas zu unternehmen.

Vivanas Tante Livia liegt derweil im Sterben und beharrt deshalb darauf, ihrer Nichte ihr Wissen und ihre Erinnerungen zu übertragen. Vivana ist jedoch zunächst mit der Flut an Informationen überfordert.

_An der Charakterzeichnung_ ändert sich in diesem Band nicht mehr viel. Vivana wird durch Tante Livias Erinnerungen noch ein wenig erwachsener, die übrigen Charaktere entwickeln sich aber nicht mehr weiter, und die Neuzugänge bleiben nur Randfiguren. Selbst der böse Nigromant Mahoor Shembar hat kaum Ausstrahlung. Er ist lediglich ein Mittel, um den Phoenix zu befreien, und könnte genauso gut ein nackter Holzknüppel sein.

Bleibt die Handlung, und auch die hinterlässt ein recht durchwachsenes Bild. Viele Ideen fand ich gar nicht schlecht, darunter die Beschreibung der Floßstadt in Jaro D’ar sowie der Wüstenruine Ilnuur. Die stimmungsvolle Beschreibung von Örtlichkeiten liegt Christoph Lode weit mehr als die Schilderung von Handlungsabläufen oder Dialogen, wo es immer wieder kräftig holpert. So empfand ich die Szene, als Lucien und Jacko zu Vivana, Godfrey und Nedjo stoßen, um die übrigen Gefährten aus dem Gefängnis zu befreien, ziemlich gekünstelt. Vivanas Zorn war gut gemacht, von Lucien hätte ich aber wesentlich mehr Durchsetzungsvermögen erwartet.

Noch störender fand ich, dass so viele der Akteure in ihrer Meinung so rasch umkippten. Das gilt nicht nur für Godfrey, Nedjo und Lucien, die sich von Vivana einfach überfahren lassen, sondern zum Beispiel auch für den Phoenix, der Jackons Bitte einfach nachgibt, ohne auch nur über eine andere Lösung nachzudenken.

Auch über ein paar Ungereimtheiten bin ich gestolpert. So versucht die |Jaipin|, dem Beschuß durch Lady Sarkas |Phoenix| auszuweichen, anstatt ihm einfach davonzufliegen, wo sie doch das schnellste Luftschiff der Welt sein sollte. Schließlich war die |Phoenix| ein ziemlich großes Schiff. Kaum vorstellbar, dass sie, als sie von Lucien bemerkt wurde, schon auf Schussweite herangekommen war, immerhin ist Lucien ein Alb.

Ebenfalls fragwürdig kam mir die Sache mit Umbra vor. Natürlich musste sie auf irgendeinem Weg erfahren, was tatsächlich mit ihrer Familie geschehen war. Der Weg, den Christoph Lode gewählt hat, ergab für mich allerdings nicht viel Sinn. Mama Ogda hat dafür gesorgt, dass Umbra sich den Kopf darüber zerbricht, wie es tatsächlich zur Auslöschung ihrer Familie kam. Allerdings wunderte ich mich, wo dabei für Mama Ogda die erwähnte Rache sein soll.

Zu alldem kommt noch, dass es dem Autor einfach nicht gelingt, echte Spannung aufzubauen. Kurze Abschnitte wie der Abstecher zu den Bleichen Männern oder die versuchte Zwischenlandung der |Jaipin| auf dem Weg nach Jaro D’ar bringen zwar etwas Action in die Handlung, verpuffen aber zu schnell, um einen durchgehenden Spannungsbogen zu erzeugen. Nicht einmal das Eindringen der Dämonen nach Bradost hat sich auf die Spannung ausgewirkt, weil die Lücke in der Mauer zwischen Menschenwelt und Pandaemonium durch Straßensperren abgeriegelt wurde. Seltsamerweise scheinen auch die flugfähigen Dämonen nicht in der Lage, eine solche Straßensperre zu überwinden. Und die Dämonen, die immerhin auf die Idee kamen, menschliche Körper zu übernehmen, um auf diesem Weg an den Sperren vorbeizukommen, sind zu doof, zuerst in der Stadt unterzutauchen, sondern greifen gleich die Soldaten an, die sie durch die Sperre gelassen haben, womit sie sich natürlich sofort verraten.

Mein erster Gedanke war, dass Christoph Lode hier absichtlich vorsichtig war, weil es sich bei |Pandaemonia| um eine Jugendbuch-Trilogie handelt. Es findet sich aber weder auf seiner Homepage noch beim Verlag ein entsprechender Hinweis, deshalb gehe ich davon aus, dass der Zyklus nicht explizit für Jugendliche geschrieben wurde. Dann allerdings hat der Autor sämtliches Potenzial verschenkt, das er im zweiten Band aufgebaut hat, zumal die Episode mit Ruacs Bruchlandung und der anschließenden Entführung durch die Dämonen sich ebenso schnell und einfach in Wohlgefallen auflöst wie die oben bereits erwähnten Szenen, sodass einer der gelungensten Aspekte des gesamten Zyklus letztlich zur Randerscheinung degradiert wurde. Schade!

_Bleibt zu sagen,_ dass der dritte Teil nicht gehalten hat, was der Erste versprochen hat. Statt dessen ist er sogar hinter dem ersten Teil zurückgeblieben. Da ein durchgehender Spannungsbogen fehlt, wirkt die Handlung unzusammenhängend, die einzelnen kleinen Höhepunkte wie lose aneinandergereiht. Die Protatonisten stolpern einfach über ein Hindernis nach dem anderen. Diese sorgen auch dafür, dass kaum ein Gespräch in Ruhe zu Ende geführt werden kann, was sogar die Dialoge, die oft auch so schon hölzern und unnatürlich wirken, ziemlich abgehackt erscheinen lässt. Außerdem ist vieles zu vorhersehbar, so zum Beispiel das Überlaufen Umbras oder Ruacs Ankunft in Jaro D’ar. Über all diese Mängel können selbst die stimmungsvollen Beschreibungen exotischer Orte nicht mehr hinwegtrösten. Was nützen die besten Ideen, wenn die Geschichte darum herum nicht gänzlich durchdacht und dann unbeholfen erzählt ist? Auch ein Jugendbuch kann sich das nicht erlauben.

_Christoph Lode_ stammt aus dem Rheinland und ist seit Jahren freiberuflicher Schriftsteller. Nach den Historienromanen „Der Gesandte des Papstes“ und „Das Vermächtnis der Seherin“ ist die |Pandaemonia|-Trilogie sein erster Ausflug ins Fantasy-Genre. Außerdem erschien Mitte April ein weiterer Historienroman des Autors unter dem Titel „Die Bruderschaft des Schwertes“.

|Broschiert 467 Seiten
ISBN-13: 9783-442-47175-1|
[www.randomhouse.de/goldmann]http://www.randomhouse.de/goldmann
[www.christoph-lode.de]http://www.christoph-lode.de

Perplies, Bernd – In den Abgrund (Magierdämmerung 3)

_|Magierdämmerung|:_

Band 1: [„Für die Krone“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6640
Band 2: [„Gegen die Zeit“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6941
Band 3: _“In den Abgrund“_

_Die Erschaffung_ des magischen Siegels, mit dessen Hilfe die Wahre Quelle der Magie wieder geschlossen werden soll, hat einen hohen Preis gefordert. Umso entschlossener ist Jonathan, den Auftrag, den der alte Giles McKellen ihm und Kendra erteilt hat, erfolgreich auszuführen. Er ahnt nicht, dass in seiner unmittelbaren Umgebung ein Verräter lauert …

Derweil beschließt der Paiute-Seher Wovoka, der bei der Erschaffung des Siegels anwesend war, sich ebenfalls hinaus auf den Atlantik zubegeben. Eine Vision hat ihm gezeigt, dass Jonathan seine Hilfe brauchen wird. Auch die befreiten Gefangenen Wellingtons, die in London zurückgeblieben sind, haben beschlossen, endlich etwas zu unternehmen, anstatt sich nur zu verstecken. Auf einem neuartigen Turbinenboot machen sie sich auf in den Atlantik, im Gepäck ein „königliches“ Schreiben.

Holmes und Randolph haben es nicht ganz so leicht. Zwar hat die Besatzung der |Gladius Dei| die beiden samt der Geistkatze Watson aus dem Rettungsboot gefischt, allerdings beäugen sich beide Parteien mit unverhohlenem Mißtrauen, und die vorläufige Zusammenarbeit, die sie beschließen, steht auf äußerst wackligen Füßen.
Dabei wäre Zusammenhalt dringend nötig. Denn die Pläne, auf die Holmes vor seiner Flucht von der Nautilus einen Blick werfen konnte, sind nicht der einzige Trumpf, den Wellington im Ärmel hat …

_Durch die vielen_ Handlungsstränge entwickelt sich die Geschichte in diesem dritten Band eher langsam. Gleichzeitig sorgen Selbige allerdings auch für enorme Abwechslung. Während der Faden um Holmes und Randolph neben einer Luftschlacht und einer Magiespalte mit erstaunlich großer Eigeninitiative auch den von Holmes zu erwartenden verbalen Schlagabtausch bietet, ist Jonathans Part diesmal gleichzeitig Bühne für den Auftritt der Sagengestalt des fliegenden Holländers, gewürzt mit einer Prise Exotik in der Gestalt Meister Fus, der Jonathan und Kendra in Kampfkunst unterrichtet – magischer, nicht fernöstlicher. Für den british-way-of-life sorgen diesmal die Herren Cutler und Konsorten, die sich mit einer Urenkelin der Queen herumschlagen und nebenbei magisch mutierte Pflanzen und belebten Müll bekämpfen müssen.

Der Showdown, auf den all diese Gruppen zusteuern, ist dramatisch und spannend geraten. Das Blutvergießen hält sich angesichts von Bomben und Scharfschützen erstaunlich in Grenzen, was auch daran liegen mag, dass ein nicht unerheblicher Teil sich auf magischer Ebene abspielt. Trotzdem hat der Autor seinen Protagonisten auch diesmal nichts geschenkt.

Und natürlich konnte er es auch nicht lassen, ein paar Seitenhiebe anzubringen. So wird der Erfinder Tesla kurzerhand zum Magier erklärt, der weniger Elektrotechnik als magische Kanonen entworfen hat. Tatsächlich ist allein die Tatsache, dass die Amerikaner einen konventionell und magisch schwer bewaffneten Panzerkreuzer losgeschickt haben, bereits eine Anspielung, und im Zusammenhang mit dem Einsatz der Waffen wird der Autor noch deutlicher.

Tesla ist übrigens nicht die einzige historische Person, die Bernd Perplies in seine Geschichte eingebaut hat. Der Erfinder Parsons, der Hofastronom William Christie sowie der Paiute-Seher Wovoka haben ebenfalls gelebt. Allerdings ist keiner dieser Neuzugänge besonders detailliert oder intensiv beschrieben. Selbst Wovoka, der tatsächlich im Showdown eine tragende Rolle spielt, bleibt eher blass. Das gilt auch für seinen Weg zur Quelle, der zwar ein paar nette Kleinigkeiten enthielt wie die kurze Durchquerung der magischen Sphäre, im Großen und Ganzen aber völlig unerheblich für die eigentliche Handlung ist und außerdem so leicht und glatt verläuft, dass er keinerlei Höhepunkte bietet.

Dafür haben die beiden Italiener sehr zur interessanten Entwicklung der Ereignisse beigetragen. Der bisher so stille, unscheinbare Scarcatore trumpft mit der Zeit immer mehr auf, was der toughen Lionida überhaupt nicht gefällt. Am gelungensten fand ich jedoch Elizabeth. Die junge Frau, die bei der Erschaffung des magischen Siegels ermordet und in die Sphäre der Magie gestoßen wurde, verwandelt sich dort in eine rachsüchtige Furie, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Jonathan für seinen Verrat büßen zu lassen.

Das Ergebnis des Lyx-Gewinnspiels „Schaffe eine Nebenfigur für |Magierdämmerung 3|“ gefiel mir dagegen nicht so gut. Zwar war die Figur der Feodora mit ihrer für Wahnsinn gehaltenen magischen Begabung ganz nett angelegt, leider wurde letzten Endes nicht mehr daraus als eine sich emanzipierende kleine Adlige. Außerdem musste sie irgendwie in einen Plot integriert werden, der zu diesem Zeitpunkt wohl zum größten Teil bereits stand, also konnte sie auch keine wirklich tragende Rolle in der Geschichte übernehmen. Ihre einzige Aufgabe war es daher, gerade noch rechtzeitig am Schauplatz aufzukreuzen, um die Protagonisten in letzter Sekunde vor dem Ertrinken zu retten. Das Vorhaben, mit dem sie aufgebrochen ist, klingt allerdings ziemlich weit hergeholt, und es war wohl kaum anzunehmen, dass es irgendeine Wirkung auf Wellington gehabt hätte.

_Unterm Strich_ fand ich diesen dritten Band – trotz der weniger gelungenen Handlungsfäden um Wovoka und Feodora – abwechslungsreich und unterhaltsam. Er ist sauber aufgebaut und flüssig erzählt und sowohl die sympathischen Charaktere als auch die stets mit einem Augenzwinkern daherkommenden Anspielungen sorgen dafür, dass die Geschichte nicht zu einem pathetischen Kampf von Gut gegen Böse verkommt. Mit anderen Worten: Dieser dritte Band ist der würdige Abschluss eines gelungenen Zyklus.

_Bernd Perplies studierte_ Germanistik und Filmwissenschaften und arbeitet seither als Redakteur für filmportal.de sowie als Übersetzer. Bereits mit seiner |Tarean|-Trilogie hatte er großen Erfolg. Außerdem hat er sich inzwischen auch der Kinderbuchsparte zugewandt, zusammen mit zwei Co-Autoren hat er bereits zwei Bände der Serie |Drachengasse 13| veröffentlicht.

|Taschenbuch: 499 Seiten
ISBN-13: 978-3802582660|
[www.bernd-perplies.de]http://www.bernd-perplies.de
[www.egmont-lyx.de]http://www.egmont-lyx.de

_Bernd Perplies bei |Buchwurm.info|:_
[„Tarean – Sohn des Fluchbringers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5678 (Tarean Band 1)

Sánchez, Julián – Pforte des Lichts, Die

„Die Pforte des Lichts“ nennt sich das Debüt des spanischen Autors Julián Sánchez, der 1966 in Barcelona geboren wurde und seit 1993 in San Sebastian lebt. Erzählt wird darin die Geschichte des geschiedenen Autors Enrique Alonso, der nach dem Tod seines Ziehvaters Artur Aiguador, der in die abenteuerliche Jagd auf ein mittelalterliches Relikt, den Gottesstein, verstrickt wird.

_Aiguador ist_ renommierter Antiquar in Barcelona und entdeckt in einem Nachlass eine geheimnisvolle Handschrift, verfasst von einem christlichen Steinmetz namens Casadevall. Diesem wurde von den Juden, nachdem diese die pestkranke Tochter des Steinmetzes heilten, ein mysteriöser Stein anvertraut, der seinem Besitzer durch die Eingravierung des wahren Namen Gottes gewaltige Macht verleihen soll. Casadevall soll das Artefakt vor den Christen verstecken, um die Menschheit zu schützen. Kurz nach dem Erwerb der Schrift wird der alte Antiquar tot in seinem Geschäft aufgefunden. Enrique findet kurz darauf das rätselumwobene Dokument und lässt es, unterstützt von seiner Ex-Frau Bety und seiner neuen Geliebten Mariola, übersetzen, um dem Mörder Arturs auf die Schliche zu kommen. Doch mit jedem Detail, das das Dokument aus dem 15. Jahrhundert von seinem Verfasser und seiner Geschichte preisgibt, wächst auch Enriques Neugierde, sodass er sich schließlich Hals über Kopf selbst daran macht, den Stein aufzuspüren. Dabei ahnt er jedoch nicht, dass er sein eigenes sowie das Leben seiner Freunde und seiner Helfer beim Entschlüsseln des Geheimnisses der Schrift in Gefahr bringt. Als er den Ernst der Lage erkennt, ist es schon fast zu spät.

_Die Verwebung_ der mysteriösen Geschichte des Steinmetzen Casadevall aus dem mittelalterlichen Barcelona mit der Aufklärung eines aufsehenerregenden Mordfalles und einer aufregenden Liebesgeschichte in derselben Kulisse einige Jahrhunderte später in einem Roman klingt zunächst überaus spannend, abwechslungsreich und vor allem innovativ – und das ist es auch. Geschickt lässt Sánchez die einzelnen Handlungsstränge nebeneinander herlaufen und an genau den richtigen Stellen aufeinandertreffen, dass es bei der Lektüre von „Die Pforte des Lichts“ nie langweilig wird. Damit lenkt der Autor vor allem bestens davon ab, dass jede der Geschichten für sich genommen den Spannungsbogen kaum über die kompletten 500 Seiten tragen oder gar stetig steigern kann, stattdessen liegt der Fokus immer genau dort, wo sich gerade etwas tut. Beeindruckend ist dabei, dass Sánchez seinen Schreibstil stets der gerade beschriebenen Situation anpasst: Mit alter Sprache, elegantem Audruck und intelligent ausgeschmückt mit historischen Details wird die Handschrift zitiert, packend, schnörkellos und auf den Punkt schildert der Autor die Geschehnisse im modernen Barcelona, lediglich die Beschreibung der romantischen Szenen wirkt an manchen Stellen oberflächlich abgefertigt, sodass es Sánchez nicht gelingt, die passende Stimmung herüberzubringen. Daran scheitert er meiner Meinung nach auch an anderer Stelle, denn obwohl die schöne Stadt Barcelona mit ihren alten Bauwerken und Monumenten wohl der perfekte Schauplatz für eine Geschichte dieser Art ist, so versprüht der Roman leider kaum das Flair der Stadt oder die Mentalität der Bevölkerung, wie ich es mir vor der Lektüre erhofft hatte.

_Abschrecken sollen_ diese Details vom Kauf jedoch keinesfalls, denn mit „Die Pforte des Lichts“ veröffentlicht Julián Sánchez ein sehr gelungenes Debüt, das nur an kleineren Schwächen leidet. Über diese kann man, besonders in Anbetracht der abwechslungsreichen und packenden Handlung des Buches sowie der Vielzahl der aufgegriffenen Genres und der damit einhergehenden Vielzahl der beim Leser erregten Gefühle, jedoch problemlos hinwegsehen. Deshalb kann ich nur dazu raten, die vom Verlag bereitgestellte [Leseprobe]http://www.randomhouse.de/content/edition/excerpts/121725.pdf anzutesten und das Werk gegebenenfalls zu kaufen!

|Gebunden mit Schutzumschlag: 512 Seiten
Originaltitel: El Anticuario
Ins Deutsche übertragen von K. Schatzhauser
ISBN 978-3809025887|
[www.randomhouse.de/limes]http://www.randomhouse.de/limes/index.jsp

_Katharina Beck_

Schacht, Andrea – Jägermond – Im Reich der Katzenkönigin

_Bastet Merit,_ die Königin des Katzenreichs Trefélin, besucht unsere Welt, um von ihrer sterbenden Menschenfreundin Gesa Abschied zu nehmen. Doch bei dem Besuch kommt es zur Katastrophe. Bastet verliert ihr magisches Ankh und ist nicht nur in unserer Welt gefangen, sondern auch im Körper einer wehrlosen Hauskatze. Ihre einzige Chance ist der Ohrring, den sie einst Gesa schenkte und der über die gleichen Fähigkeiten verfügt wie das Ankh. Aber Gesa hat den Talisman ihrer Enkelin Feli hinterlassen – und es nicht mehr geschafft, die junge Frau auf ihr Erbe vorzubereiten.

Feli ahnt nicht, was auf sie zukommt. Bis drei ziemlich unerfahrene Kater in Menschengestalt auf der Suche nach ihrer Königin unvermittelt bei ihr auftauchen. Außerdem ist Finn, der Bruder von Felis bester Freundin, ebenfalls in die Sache verwickelt. Und obendrein ist er auch noch in sie verliebt! Als ob Feli nicht schon genug eigene Probleme hätte … (Verlagsinfo)

_Kritik_

Andrea Schacht hat mit „Jägermond – Im Reich der Katzenkönigin“ nicht nur einen mystischen Katzenroman geschrieben, sondern auch einen Roman um das Erwachsenwerden.

Klar verständlich erzählt Andrea Schacht uns Lesern die Geschichte, die sich in der realen Welt und in Trefélin abspielt. Dabei erzählt eine dritte Person von den Abenteuern die Feli, Finn und die Katzen zu bestehen haben. Der Stil der Autorin ist sehr ausdrucksstark und flüssig, manchmal sogar poetisch. Aber auch auf authentische Dialoge legt die Autorin Wert, und so stolpert der Leser nicht nur über Schimpfworte wie Rattenkacke und Mäusepisse. Diese umgangssprachlichen Dialoge passen allerdings grundsätzlich zu den jeweiligen Charakteren und wirken daher zwar manchmal schon störend aber gleichzeitig auch authentisch. Hier ist auch zu beachten, dass die Autorin durchaus zwischen den Geschlechtern und deren Alter unterscheidet, eine männliche jugendliche Figur drückt sich wesentlich handfester aus als ein weiblicher oder auch älterer Charakter.

Durch abgehackte Sätze unterstreicht die Autorin das Tempo der Geschichte, wenn die Darsteller beispielsweise kämpfen müssen oder gar fliehen. Diese Gedankenfetzen passen hervorragen zu den jeweiligen Situationen und unterstützen die aufkommende Spannung. Der Spannungsbogen verläuft keinesfalls linear, es kommt immer wieder zu Höhen und Tiefen. Dies passt zum Plot, schließlich will die Welt Trefélin erklärt werden und auch die verschiedenen Charaktere beziehen Stellung. Auffällig ist allerdings, dass die Figuren ihre Ziele recht einfach erreichen. Zwar bieten sich immer wieder neue Hindernisse, diese werden aber ohne große Probleme gemeistert.

Andrea Schacht schafft es, sich trotz kleinerer Nebenpassagen an den roten Faden ihres Plots zu halten. Zum Ende werden alle noch offenen Handlungsstränge aufgelöst und zusammengeführt. So entsteht ein stimmiges Gesamtbild.

Bildgewaltig beschreibt die Autorin die Wälder rund um den Dolmen, der einen geheimen Eingang in die mystische Welt Trefélin versteckt. Auch Trefélin, die Welt der Katzen wird durch die lebendigen Beschreibungen greifbar und das Abtauchen in diese mystische Welt fällt leicht.

Auch wichtige Themen schneidet die Autorin an. Nicht nur das Erwachsenwerden von Feli und Finn wird hier behandelt. Auch das Verhalten Menschen gegenüber den Tieren, beispielsweise die Qual von Tierversuchen werden deutlich gemacht. Dies teilweise brutal realistisch. Aber auch das Gute im Menschen gegenüber den Tieren wird angesprochen.

Liebevoll sind die in Wesen und Charakter unterschiedlichen Charaktere gezeichnet. Durch Aussehen und verschiedenen Charaktereigenschaften sind diese recht schnell unterscheidbar. Ob Katze oder Mensch, alle Darsteller tragen das ihre zum stimmigen Gesamtbild bei. Die Charaktere haben einen Hintergrund, der sie antreibt, und wirken so sehr glaubwürdig. Auch die Gegenspieler kann der Leser durchaus verstehen, diese sind nicht abgrundtief böse, sondern handeln aus ihren Erfahrungen.

Die gewählte Kombination aus Goldtönen und kräftigem Blau, lassen das Cover sehr mystisch aussehen. Dies passt hervorragend zum Plot und sieht nebenbei auch noch klasse aus. Zum Ende des Romans werden die verschiedenen Charaktere nochmals kurz vorgestellt. Angenehm war auch die Länge der Kapitel, nicht zu lang und mit einer Überschrift versehen, die auf die Ereignisse des folgenden Kapitels hinweist, kommen hier auch jüngere Leser schon gut zurecht.

_Autorin_

Andrea Schacht war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Mit „Die elfte Jungfrau“ kletterte Andrea Schacht erstmals auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, die sie seither mit schöner Regelmäßigkeit immer neu erobert. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in der Nähe von Bonn.

_Fazit_

Mit „Jägermond – Im Reich der Katzenkönigin“ hat Andrea Schacht einen wunderbaren Roman um die mystische Welt Trefélin und das Erwachsenwerden geschrieben. Eindrucksvolle und liebenswerte Charaktere, ein unterhaltsamer Plot, mystische Handlungsorte und ein feiner Humor laden zum Schmökern ein. Andrea Schacht schafft es, ihre Leser in eine magische Welt zu entführen und nicht nur zu unterhalten, sondern auch ein paar Dinge aufzuzeigen.

Ich muss gestehen, dass ich anfangs dem Roman sehr skeptisch gegenüberstand. Katzen als Protagonisten eines Fantasyromans? Ich konnte es mir nur schwer vorstellen und bin eines Besseren belehrt worden. Andrea Schacht hat mich mit ihren intelligenten Samtpfoten und dem unterhaltsamen Plot absolut überzeugen können. Hier passt wirklich alles zusammen.

|Broschiert: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3764530723|
[www.randomhouse.de/penhaligon]http://www.randomhouse.de/penhaligon/index.jsp

_Andrea Schacht_ bei |Buchwurm.info|

|Almut Bossart|
[„Der dunkele Spiegel“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=369
[„Das Werk der Teufelin“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1764
[„Die Sünde aber gebiert den Tod“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4197

|Alyss van Doorne|
[„Nehmt Herrin diesen Kranz“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6435
[„Der Sünde Lohn“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7232

Grimbert, Pierre – magische Zeichen, Das (Die Götter 2)

_|Die Götter:|_

Band 1: [„Ruf der Krieger“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7307
Band 2: _“Das magische Zeichen“_
Band 3: „Die Macht der Dunkelheit“ (12.12.2011)

Nachdem der französische Autor Pierre Grimbert im März dieses Jahr mit „Der Ruf der Krieger“ den ersten Teil seines neuen Zyklus „Die Götter“, der dritten Buchreihe, die er den Geheimnissen um die Insel Ji widmet, veröffentlichte, steht nun das zweite Werk „Das magische Zeichen“ in den Regalen.

Damián, Guederic, Lorilis, Josion, Maara, Najel und Souanne, die Kinder der Protagonisten der Vorgänger-Zyklen, sind noch immer nicht dahinter gekommen, aus welchem Grund ihre Eltern sie unter rätselhaften Bedingungen zusammenbrachten. Doch jetzt müssen sie um das Leben ihrer Mütter und Väter fürchten, die sich überraschend selbst zur Insel Ji aufmachten, um herauszufinden, ob die Dämonen auf die Welt zurückgekehrt sind und laut Aussage der Mutter Josions bei einem geheimnisumwobenen Bootsunglück ums Leben kamen. Deshalb wagen nun auch die sieben Nachkommen die abenteuerliche Reise zum Grab des gefährlichen Dämon Sombre auf der Insel Ji und machen dabei eine folgenschwere Entdeckung.

_Nachdem sich der Autor_ im ersten Teil der Reihe zunächst damit befasste, die Charaktere, vorzustellen und Hintergründe der Geschichte zu erklären, die Handlung selbst jedoch nur wenig vorantrieb, geht es in „Das magische Zeichen“ nun deutlich mehr zur Sache. Ausführliche Beschreibungen und Erläuterungen kann sich Grimbert im zweiten Band sparen, schließlich wurden die Leser im ersten Buch bereits detailliert informiert und können der Geschichte nun problemlos folgen. Auch deshalb gestaltet sich die Lektüre des Werks „Das magische Zeichen“ deutlich spannender und fesselnder als die des Vorgängers, zum weit größeren Anteil lässt sich dies jedoch damit begründen, dass der Autor erst jetzt richtig in die Handlung einsteigt und den Leser, gemeinsam mit den sieben Gefährten der Geschichte, von einem Abenteuer ins Nächste stolpern lässt. Der Spannungsbogen wird sachte aufgebaut, doch schon zu Beginn des Buches immer wieder kurz gestrafft, sodass es selten langweilig wird und man das Buch nur ungern aus der Hand legen möchte. Ist man jedoch erst einmal etwa in der Mitte des Buches angekommen, so scheint dies nahezu unmöglich, denn ab dann jagt ein Höhepunkt den Nächsten.

Kritisch anzumerken ist jedoch, dass man stets zumindest eine Ahnung hat, was als Nächstes passieren könnte und sich dies auch in vielen Fällen bestätigt, sodass wirkliche Überraschungsmomente bei der Lektüre von „Das magische Zeichen“ weitestgehend ausbleiben. Und besonders dieser Punkt wird Pierre Grimberts neuem Buch ein wenig zum Verhängnis, gehört gerade die Vorhersehbarkeit der Handlung doch zu den wichtigen Kriterien, die ein nur gutes von einem herausragenden Werk unterscheiden. Zu diesen zählt auch die Kreativität des Autors beim Erschaffen der Figuren, der Umgebung oder der Geschichte. Grimbert bedient sich in seiner Erzählung von Dämonen, Kriegern und Magie jedoch leider ausschließlich altbekannten Mustern und Ideen, sodass sich „Das magische Zeichen“ getrost als recht klischeehaftes und zumindest teilweise etwas uninspiriertes Fantasy-Buch bezeichnen lässt.

_Wer sich jedoch_ gerade an solch typischen Fantasy-Büchern erfreut, wird von Pierre Grimbert ein weiteres Mal gut bedient. Ähnlich wie die bisherigen Werke des Autors eignet sich „Das magische Zeichen“ also perfekt als leichte Lektüre für zwischendurch, die den Leser aufgrund der einfachen Sprache auch nicht zu sehr fordert.

|Taschenbuch: 336 Seiten
Originaltitel: Le deuil écarlate
Ins Deutsche übertragen von Sonja Finck und Andreas Jandl
ISBN 978-3453527690|
[www.randomhouse.de/heyne]http://www.randomhouse.de/heyne

_Katharina Beck_

Baccalario, Pierdomenico – Volk von Tarkaan, Das

_Kinder auf Abwegen, Monster aus der Anderwelt_

Statt der sehnsüchtig erwarteten Fantasyautorin Apollonia J. Brennan tauchen auf der lang geplanten Jubiläumsfeier der Pfadfinder plötzlich zwei riesige, bis an die Zähne bewaffnete Ungetüme auf, schnappen sich eine Handvoll Kinder und sind wieder verschwunden, ehe überhaupt jemand reagieren kann …

Wo kommen die beiden Ungeheuer her? Warum sehen sie so aus wie die Kolosse in dem Roman von Apollonia J. Brennan? Und wo steckt die Autorin überhaupt? Für den tapferen Antonello und seine Freunde steht fest, dass sie diese Fragen nur beantworten können, wenn sie sich an die Fersen der riesenhaften Kerle heften und die anderen retten – binnen 24 Stunden … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Pierdomenico Baccalario wurde 1974 in Piemont geboren. Schon früh begeisterte er sich fürs Lesen und durchstöberte die riesige Bibliothek seiner Eltern nach abenteuerlichen Geschichten. An der literarischen Schule schrieb er selbst Geschichten, erfand Rollenspiele und die dazu passenden Welten. Nach der Schule studierte er zunächst Jura, bevor er sich dem Journalismus und dem Schreiben zuwandte. Gleich für seinen ersten Fantasyroman „Die Straße des Kriegers“ wurde er ausgezeichnet. Seine Bücher werden weltweit in über 20 Sprachen übersetzt. Bekannt ist er auch unter dem Pseudonym Ulysses Moore.

_Handlung_

Der 13-jährige Antonello lebt in einem italienischen Bergdorf unweit der Autobahn, die nach Frankreich führt. Immerhin hat sein ansonsten abgeschieden gelegenes Dorf eine Autobahnzufahrt. Wie gerne würde er jedoch statt mit einem Auto zu Fuß in die Berge wandern, ausgerüstet mit Kompass und Pfadfindermesser, statt die öde Dorfschule zu besuchen.

Alle Pfadfinder des Dorfes sowie die Schulkinder haben sich heute in einem Zelt neben der Grundschule versammelt, um der Fantasyautorin Apollonia J. brennan zu lauschen – und möglichst viele Autogramme zu ergattern. Ihren fünfbändigen Zyklus über die Verborgene Stadt der Schneekolosse kennen die Kinder in- und auswendig, weshalb sie sich allesamt verkleidet haben. Doch die Dichterin kommt nicht, denn …

Heute haben die Schneekolosse Lut und Urtgarten keine Lust, mit dem Häuptling Manach über die Kinderlosigkeit ihres Stammes zu grübeln. Vielmehr steht der Sinn der streitbaren Kerle nach einer zünftigen Jagd in der schneeweißen Wildnis, die sich rings um die Verborgene Stadt unter dem Vulkan ausdehnt. Leider verirren sich die beiden Krieger auf dem Pfad der fünf Wege und stolpern über eine Frau, die halb erfroren in einer Schneewehe steckt. Sie ahnen es nicht, aber es handelt sich um die vermisste Apollonia J. Brennan. Ein Döschen gibt den beiden „Geistesriesen“ kategorische Anweisungen, wohin sie zu gehen haben. Da sie sich sowieso verirrt haben, weiß dieses magische Ding vielleicht den richtigen Weg.

So landen sie in einer Höhle, in der sie die bewusstlose Frau ablegen können. Doch das Navi sagt, sie müssten weitergehen. Und so landen sie schließlich an der Grundschule neben dem Zelt, wo die Kinder der Lesung harren. Die Lehrerin ist entzückt über die beiden „Schauspieler“, die so richtig authentisch aussehen, und schickt sie sofort zu den Kindern. Im Zelt erblicken Lut und Urtgarten erstmals in ihrem Leben das, was Chef Manach mit „Kindern“ gemeint hat. Sie hätten aber nicht erwartet, dass die Kinder sie sofort wiedererkennen würden …

Antonello wird von Signora Lolli, der Mutter seiner Freundin Leila, zur Lesung mitgenommen. Wegen einer Reifenpanne kommen sie zu spät. Als sie eintreffen, ist es aber im Zelt merkwürdig still. Alle 28 Kinder sind verschwunden! Antonello belauscht heimlich, wie der Bürgermeister diese peinliche Sache verschweigen will. Also muss er selbst etwas unternehmen.

In der Kneipe bespricht er sich mit seinem Bruder Michele, der Försterin Rebecca und dem „Meister“, einem Mordskerl von einem Klempner, der aber über 7000 Bücher gelesen haben soll. Als Beweis, dass er sie nicht beschwindelt, legt er ihnen die schwere Gürtelschnalle vor, die aus purem, schwerem Gold besteht.

Der „Meister“ verkündet, er glaube ihm. Denn schließlich sei heute der 2. Februar, von dem allgemein bekannt sei, dass sich an diesem Tag die Welten berühren – in einem Dimensionstor wie der Höhle. Aber was nun zu tun sei, wisse er auch nicht. Denn selbst wenn die Schneekolosse real sind, wie könnte man ihnen denn folgen?

Da fällt Antonello jemand ein, der absolut alles über das Volk von Tarkaan weiß, weil dieser jemand nämlich sämtliche fünf Bände in- und auswendig kennt: seine Freundin Leila. Allerdings liegt Signora Lollis Töchterlein mit Grippe fieberkrank darnieder. Sie kommt also als Führerin nicht in Frage. Aber wozu gibt es schließlich Apollonia J. Brennans Bücher? Nur Leila weiß, wie man den Entführern in ihre Welt folgen kann.

Nun muss Antonello, während er die Treppe zu ihrem Mädchenzimmer emporsteigt, ganz, ganz tapfer sein. Denn ihr Zimmer ist ein Albtraum aus Rosa, Pink und Plüsch.

Doch wie konnte Apollonia J. Brennan überhaupt in die Welt ihrer Schöpfung geraten? Wurde sie mit Magie dorthin gerufen? Die Antwort auf diese Frage könnte über das Schicksal beider Welten entscheiden.

_Mein Eindruck_

Die Search & Rescue-Mission Antonellos gestaltet sich natürlich wesentlich abwechslungsreicher, als er erwartet hat. Da gibt es schließlich noch einen Drachen unter dem Vulkan und jede Menge Schneekolosse in der Verborgenen Stadt. Aber ein cleverer Junge namens Giacomo hat sich dort bereits eine gute Stellung erobert – mit Hilfe seiner Kenntnisse über eben diese Schöpfung.

|Der Schamane auf Abwegen|

Giacomo hat den listigen Schamanen Singendes Herz darauf aufmerksam gemacht, dass jemand bereits die Zukunft von Tarkaan kennt – Miss Brennan nämlich. Und dass diese höchstwahrscheinlich im sechsten Band der Serie bereits festgelegt worden ist. Doch wo befindet sich dieser sechste Band bzw. dessen Manuskript? Das kann ja nur in Brennans Auto sein, und dieses befindet sich noch im Bergdorf. Also macht sich Singendes Herz, der aus gewissen Gründen nach der absoluten Herrschaft über Tarkaan strebt, auf den Weg in unsere Welt, begleitet von den Kolossen Urtgarten und Lut. Es kommt zu weiteren Verwicklungen …

Wie man sieht, bietet der routinierte und einfallsreiche Autor Baccalario hier eine komplexe und wendungsreiche Handlung, die jeden jungen Leser bestens unterhalten dürfte. Es gibt immer wieder witzige, mitunter aber auch platte Äußerungen der Kinder, die da plötzlich unter die Schneeriesen gefallen sind. Bei diesem Culture Clash machen sich die „Prinzessinnen“ und „der Samurai“ vor Todesangst fast ins Hemd, was man aber gut verstehen kann. Das fand ich etwas peinlich und klischeehaft.

|Realität vs. Fiktion|

Denn der Pfiff der ganzen Handlung ist ja der, dass die von den Büchern begeisterten Kinder auf einmal mit der REALITÄT der FIKTION konfrontiert werden. Und das ist natürlich, wie sie erfahren, etwas völlig anderes als nur die Textversion, die die VORSTELLUNG davon vermittelt. Baccalario ist ein schlauer Fuchs, indem er hier auf unterhaltsame – und für die meisten jungen Leseratten nicht durchschaubare – Weise die Leseerfahrung mit der Real-Erfahrung konfrontiert.

Dabei erweist sich, wer wahrhaft einen starken Charakter hat. Leider schneiden die meisten Mädchen bei dieser Konfrontation nicht besonders glorreich ab. Nur Raffaella, auf die es Giacomo abgesehen hat, vermag eine wichtige Rolle zu spielen: Sie enthüllt Chef Machan die Machenschaften seines Schamanen. Auf diese Weise ändert sie das Schicksal der Kolosse – und das der entführten Kinder.

Dass Apollonia J. Brennan in ihrer eigenen Schöpfung erwacht, hat natürlich ebenfalls Folgen. Allerdings bekommt sie genau dann einen Schreikrampf, als der Moment am ungünstigsten ist. Ein listiger Dieb, der eine Nebenrolle spielt, versetzt sie sofort wieder ins Land der Träume. Aus diesen Träumen erwacht sie erst wieder, nachdem sie ins Bergdorf, wohin sie ja ursprünglich wollte, zurückgebracht worden ist.

|Monster|

Monster aus der Anderwelt – die gibt es natürlich auch. Denn unsere schlimmsten Albträume werden ja auch zu Fiktionen verarbeitet. Solch ein Garn könnte ich mir durchaus auch von Stephen King vorstellen. Im vorliegenden Buch handelt es sich um einen Schneekraken, und um den zur Strecke zu bringen, braucht es wahre Helden. Wer hätte gedacht, dass in Marky, dem Klempner-Bücherwurm, so einer steckt?

|Der Sinn des Lesens|

Unter anderem behandelt das Buch auch die Frage nach dem Sinn des Lesens überhaupt. Macht Viel-Lesen eigentlich schlauer, insbesondere bei Fantasy? Nur wenn man, wie Giacomo, in der erlesenen Welt landet und alles darüber weiß. Dann erlangt man Macht darüber. Allerdings weist Giacomo, der aufstrebende Hilfsschamane, in Raffaellas Augen einen wesentlichen Fehler auf: Was Menschen und besonders Mädchen angeht, ist er ein völliger Trottel.

Aber eigentlich geht es nicht ums Lesen, sondern um das Erfahren und Erleben von Geschichten. Damit kann sich Antonello, der Bücherhasser, durchaus anfreunden. Und Marky ist genau der Richtige, um ihm Geschichten zu erzählen. Apollonia J. Brennan jedoch ist erstmal vom Geschichtenerzählen kuriert. Und wer wissen will, was aus dem fiesen Schamanen geworden ist, der sollte das Buch selbst lesen.

_Die Übersetzung _

Die Übersetzerin Ulrike Schimming erledigt ihren Job über weite Strecken hinweg einwandfrei, aber mir fielen ein paar merkwürdige Formulierungen auf.

Seite 41: „Der Hirsch wogte bedächtig das Geweih.“ Etwas stimmt daran nicht, aber was? Wenn etwas „wogt“, dann handelt es sich in der Regel um eine Welle. Also kann eigentlich nur „wiegen“ gemeint sein, und dieses Wort hat viele Bedeutungen, unter anderem „mit dem Kopf wiegen“, im Sinne von hin und her bewegen wie bei einer Schaukel (daher auch das Wort „Wiege“). Die Vergangenheitsform von „Wiegen“ ist „wog“.

S. 83: Statt „das ward ihr“, müsste es korrekt „das wart ihr“ heißen.

S. 94: „Statt „Dikussionen“ müsste es „Diskussionen“ heißen.

S. 137: „es sah nicht so auf, als ob“. Statt „auf“ sollte es „aus“ heißen.

Danach machte mir das Buch so viel Spaß, dass ich wahrscheinlich alle weiteren Fehler überlesen habe.

_Unterm Strich_

Dieses nette Abenteuerbuch mit doppeltem Boden lässt sich sicherlich in nur einem Tag lesen; ich brauchte mehrere dazu. Denn so richtig umwerfend ist es ja nicht; dazu ist die Story zu vielschichtig und mit drei verschiedenen Handlungssträngen erzählt. Aber es ist gerade die Vielschichtigkeit, die mich zu interessieren begann und die den Reiz des Buches ausmacht.

Kurz gesagt, konfrontiert das Aufeinanderprallen von Tarkaan und Italien beide Seiten mit einer Art Culture Clash. Dabei werden die jungen Leser des Fantasyzyklus von Fallenden Stern gezwungen, ihre romantischen Vorstellungen mit der wesentlich härteren Realität Tarkaans zu vergleichen. Die meisten von ihnen wollen nie wieder dorthin.

Aber einer will gar nicht mehr aus Tarkaan weg: Giacomo. Und daran ist nicht Raffaella schuld, sondern seine Gier nach Macht. In Tarkaan stellt er etwas dar, in Italien ist er ein Nobody. Das ist also einer der Gründe zu lesen: Man kann ein anderer sein, jemand, der besser, tapferer, schöner, mächtiger oder sonst was sein. Das ist Okay, solange es nicht für immer ist.

Denn es gibt Gesetze für das Aufeinanderprallen von Welten im Multiversum, und die dürfen nicht gebrochen werden, oder es hat böse Folgen. Heißt es zumindest. Deshalb muss Giacomo unbedingt wieder binnen 24 Stunden nach Hause, ebenso wie der Rest der Kinder und der Schneekolosse. Diese Gesetze gelten aber wohl nicht für Katzen. Diese spezielle Katze wandert, nachdem sie ihre Dienste zum Wohle der Magie geleistet hat, mit einem gewissen Dieb durch Tarkaan. Fortsetzung folgt?

Die Moral von der Geschicht‘: Lesen nützt, aber nicht weil man ein anderer sein kann, sondern um eine Geschichte zu erfahren, von der man etwas lernen kann. Und diese Lektion macht das eigene Leben reicher. Das lernt auch schließlich Antonello, der Bücherhasser.

|Gebunden, 352 Seiten
Originaltitel: Il popolo di Tarkaan, 2009
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
ISBN-13: 978-3815751374|

_Pierdomenico Barccalario bei |Buchwurm.info|:_
[„Century 1: Der Ring des Feuers“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6001
[„Century 1: Der Ring des Feuers“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6041

Ashwood, Sharon – Höllenherz (Dark Magic 4)

_|Dark Magic|:_

Band 1: [„Hexenlicht“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6763
Band 2: [„Vampirdämmerung“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6897
Band 3: [„Seelenkuss“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=7276
Band 4: _“Höllenherz“_

_Höllenhund Lor_ übernimmt die Sheriffdienste von Vampir Alessandro Caravelli, da dieser sich mit seiner Familie einen wohlverdienten Urlaub nimmt. Doch kaum ist Lor für die Sicherheit der paranormalen in Fairview zuständig, überschlagen sich die Ereignisse. Ein wahrhaft höllisches Feuer vernichtet die Klinik der Paranormalen und auch das Wahlkampfbüro des ersten paranormalen Kandidaten Michael de Winter geht in Flammen auf. Schnell wird klar, dass hier ungewöhnlich starke dämonische Kräfte wirken müssen.

Das soll aber nicht das einzige Problem sein, um das Hilfssheriff Lor sich kümmern muss. Talia, eine noch sehr junge Vampirin, die vor ihrem „Macher“ auf der Flucht ist, wird beschuldigt, ihre Cousine brutal ermordet zu haben. Talia beteuert ihre Unschuld und befürchtet, dass der grausame Anschlag ihr gegolten hat. Obwohl die Situation eigentlich nur einen Schluss zulässt, zweifelt Lor an Talias Schuld und nimmt sich ihrer an.

Werden Lor und Talia den Mörder von Michelle fassen und auch die anderen Vorkommnisse aufklären können?

_Kritik_

Auch das Finale „Höllenherz“ von Sharon Ashwoods „Dark Magic“-Reihe bietet den Lesern wieder unterhaltsame Lesestunden. Der gewohnt düstere Plot besticht neben seiner Handlung wieder einmal durch die interessanten Charaktere, prickelnde Leidenschaft und gut durchdachtem Humor.

Dem flüssigen und mitreißenden Erzählstil der Autorin kann wieder spielend gefolgt werden. Ein klarer Satzbau unterstützt dabei zusätzlich den Lesefluss. Der Stil passt zum unterhaltsamen Geschehen genauso gut wie zu den interessanten Figuren. Gleich zu Anfang wird der Leser mit einer spannenden wie düsteren Handlung konfrontiert und diese Spannung wird im Laufe des Geschehens weiter ausgebaut. Nach einem geradezu atemberaubenden und spannenden Showdown läuft die Geschichte langsam aus und alle Fragen werden letztendlich geklärt. Auch ihrem düsteren Plot bleibt die Autorin treu bis zum Ende. Selbst wenn das magische Gefängnis, die „Burg“, nur kurz behandelt wird, schafft es die Sharon Ashwood durch einen neuen Handlungsort unter den Straßen Fairviews, eine abwechslungsreiche und detailreiche Bühne zu schaffen. Ebenso fließt der ansprechende Humor der Autorin sowie eine gefühlsbetonte, wenn auch schwierige, Romanze in den unterhaltsamen Plot mit ein. Ein roter Faden leitet die Leser durch die Geschichte, es kommt zwar zu Rückblicken, um auch die Charaktere besser zu verstehen, ansonsten kommt es zu keinen Umbrüchen.

Ein unabhängiger Beobachter erzählt uns Lesern die spannende Geschichte. Diese dritte Person lässt die unterschiedlichen Protagonisten zu Wort kommen. Der Erzählstil wechselt zwischen den einzelnen Charakteren, sodass der Leser den Handlungen gut folgen kann und auch Dinge erfährt, die für andere Figuren der Geschichte nicht gleich klar sind.

Mit vielen Charaktereigenschaften stattet Sharon Ashwood ihre Darsteller aus. Facettenreich gezeichnet und lebendig und glaubwürdig konzipiert, lassen diese kaum Wünsche offen.

Talia wurde gegen ihren Willen zu einer Vampirin gewandelt, als Rache an ihrer Familie. Mit der Wandlung verstieß ihr Vater sie aus seiner Familie und sollte er sie sehen, würde er sie jagen. Die Vergangenheit Talias ist zudem ihr bestgehütetes Geheimnis, sollten die Paranormalen dieses Erfahren, wäre Talia wohl nirgends mehr sicher.

Höllenhund Lor trägt schwer an seiner Verantwortung. Nicht nur dass er die Sheriffdienste in Fairview übernommen hat, er ist auch der Rudelführer seines Stammes. Lor wird gedrängt, endlich eine Familie zu gründen, schließlich sagt die Legende, dass erst dann die Weibchen wieder trächtig werden können. Der Haken an der Sache, Lor fühlt sich zu keiner der Wölfinnen hingezogen und die Person, mit der er gerne zusammen wäre, gehört nicht seiner Rasse an.

Einige schon bekannte Figuren kommen als Nebenfiguren wieder zum Vorschein und auch ein grauenvoller Gegenspieler tritt wieder auf.

Das Cover ist sehr ansprechend gestaltet und passt zu seinen Vorgängern und zum Inhalt. Leider verzichtet der Verlag seit dem dritten Band auf den metallischen Effekt, was schade ist.

_Autorin_

Sharon Ashwood lebt in der kanadischen Provinz British Columbia und arbeitet seit ihrem Universitätsabschluss in englischer Literatur als freie Schriftstellerin und Journalistin. Schon als Kind war sie an Mythen und Märchen interessiert. Heute setzt die Autorin ihre Faszination für alles Seltsame, Unheimliche und Phantastische in erfolgreichen Romantic-Fantasy-Romanen um. Mehr Informationen im Internet unter: [www.sharonashwood.com]http://www.sharonashwood.com (Verlagsinfo)

_Fazit_

Mit „Höllenherz“ hat Sharon Ashwood wieder bewiesen, dass sie ihre Leser spannend zu unterhalten weiß. Leider nimmt mit „Höllenherz“ eine wunderbare Reihe ihr Ende. Die Abenteuer in Fairview und der „Burg“ überzeugten durch lebendige Figuren, authentische sowie mystische Schauplätze und einen mitreißender Handlungsablauf. Ich bin wirklich etwas traurig, dass mit Lor und Talia das Ganze beendet sein soll.

Besonders weiblichen Lesern der Genres Romantik- und Urban-Fantasy kann ich die „Dark Magic“-Reihe bedenkenlos ans Herz legen, unterhaltsame Lesestunden sind garantiert.

|Taschenbuch: 448 Seiten
ISBN-13: 978-3426508855
Originaltitel: Frostbite|
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